XXIX.

Warum trägt jede Lebensblüte für mich nur Früchte des Entsagens? Ich stand

an der Pforte eines unnenbaren Glückes, und Julie wird krank, so krank, daß

sie meiner sorgenden Pflege nicht entbehren kann; und an ihrem Krankenbett

martern mich getäuschte Hoffnung und Sorge für ihr Leben. Wie schön ist

das bürgerliche Verhältniß auf solche Stunden berechnet, wo der Mensch

des Menschen bedarf, auf Stunden des Seelen- und Körperleidens, das nichts

lindert, als Liebe.

Wenn sie so meine Hand drückt, und ihn und mich beklagt, daß wir getrennt

sind, ich nun bei ihr verweile: so kann ich nicht begreifen, wie es möglich

wäre, sie zu verlassen, und empfinde nicht, welches Opfer ich ihr bringe,

wegen der Freude, ihr nützlich zu seyn, ihren Zustand zu erleichtern. Doch

wenn die Einsamkeit auf Augenblicke mich umgiebt; sein Bild vor die

stille Seele tritt: er allein, nach aller Anstrengung, nach allen Kämpfen,

gefesselt von seinem Stand, voll vergeblicher Sehnsucht nach mir; wenn ich

seine Klagen lese: dann breite ich die Arme hinaus in den leeren Horizont,

dann fühle ich, wie glücklich ich seyn könnte, und meiner Seele grauset vor

dem Gefühl der Einsamkeit.

Heloise : ein kleiner Roman · 第 30 / 48 题