XXVIII.

Ich muß mich beschäftigen, um den freudigen Aufruhr in meiner Seele zu

stillen, der mich in süßer banger Unruhe umher treibt. Ich habe viele

kleine Arbeiten vorgenommen: sie sind ihm bestimmt. Es ist mir, als wäre

ich ihm so näher, und bei der leichten Beschäftigung, die meinen Geist

nicht fodert, laße ich mich sanft hintreiben von dem Strome meiner Gedanken

und Gefühle. Und alle wollen zu ihm! Dann springe ich auf, mein Auge

durchforscht auf der Karte die Gegenden, wo er waltet, ich folge dem

Lauf der Ströme, ich lese von der Lage, von den Sitten, den Freuden, den

Eigenthümlichkeiten der Orte, wo er verweilt hat. Ich sehe ihn in jeder

Lage, worin sein Beruf ihn versetzt.

Gestern ging ich, nur von einem Bedienten begleitet, zu Fuß hinaus vor die

Stadt; das enge Zimmer hatte nicht Raum für meine Glückseligkeit. Ich ging

nach einer Mühle, wo ich gern bin, seitdem er fort ist. Die Müllerfamilie

lebt so glücklich, so einträchtig, und heiter; der kleine Hausstand athmet

einen Geist der Behäglichkeit und Reinheit, der meinem Herzen wohlthut;

denn die Liebe stimmt das Herz empfänglicher für den Eindruck jedes

guten Glückes; und bei allem Kontrast dieses stillen Lebens, und seines

thatenvollen, ist doch von seiner Art in diesem Glück. Alle dort süß

vertrauerten Stunden traten vor mein Gemüth, als ich über den hartgefrornen

Anger dahinschritt. Mit reger, langentbehrter Hoffnung eilte ich rasch

vorwärts, und je weiter ich kam, je mehr verschwand meine Freude. Die

Todtenstille umher, die kein Laut des Lebens unterbrach, das Knistern des

Eises, das hie und dort sich von dem Ufer des Flusses löste, der wie ein

emaillenes Band in der matten Beleuchtung der Sonne ruhete; die fernen

Dörfer und Berge, wie farbige Nebelgebilde, auf den hellen Grund gehaucht;

der Mühlbach, der erstarrt sich nicht mehr rauschend mit funkelnden Wellen

über die Räder stürzte, und durch sein Erlenbett dahin riß; die Blätter der

Erlen, die sonst im glänzenden Grün, angehaucht von der Flut über mir in

lieblichem Schauer der Kühlung zitterten, und nun farblos und modernd den

Boden bedeckten: die Bilder des Todes wurden mächtiger, als das lebendige

Gefühl der Freude in meiner Brust. Es muß auf diese Wiedervereinigung doch

eine neue Trennung folgen, vielleicht gefahrvoller, schmerzlicher, länger;

und die Stunden, die mich dem Glücke näher bringen, nähern mich auch

dem Trübsal. Ach, es ist das Gespenst unsrer Unvollkommenheit, und der

Vergänglichkeit alles Menschlichen, das uns zurück in Furcht reißt, wenn

eine Freude uns lichtbeschwingt in den Himmel der Liebe zu seligen Geistern

trägt. O! daß ich bei dir wäre! alle diese Widersprüche würden sich in

ein stilles unendliches Gefühl von Glück lösen. Jetzt kann ich eine bange

Ahnung nicht unterdrücken.

Heloise : ein kleiner Roman · 第 29 / 48 题