Nach vier Wochen war abends Esther vor der Schwelle von Edgars Tür, dort
hatte sie den ganzen Nachmittag gewartet. Auf das Fensterbrett des nächsten
Stockwerks gehockt, da sie in ihrem Zustand nicht lange stehen konnte.
Statt der Worte zeigte Esther, die sonst so knabenschlanke ihre wie Säulen
angeschwollenen Beine. Stumm spielte sie mit dem Geliebten von einst, griff
ihm in die Hosentasche, holte loses Geld heraus, ließ es klingeln, »ist das
alles?« machte einen Zug in seine Brusttasche, entfaltete die gefundenen
Banknoten wie Spielkarten zu einem Fächer in ihrer Hand, legte schließlich
ihre Ohrgehänge hinzu, Ringe, eine kleine Uhr. »Das ist unser Geld, ich
kehre zu meinem Mann nicht mehr zurück. Für ihn spiele ich umsonst Komödie.
Für mich, sagt er, die Wunde an der Schulter, wer könnte derartiges
glauben, wenn dein Bauch den Leuten zum Gelächter dient, wenn deine
Elefantenbeine jeden Strumpf zerreißen. Ich habe Liebe nie verlangt, sagt
er, bloß Aufrichtigkeit, du warst nicht schön, bist mittellos, Edgars
abgelegte Geliebte, ich liebte dich trotzdem, sagt er, aber das da, und er
faßt an meinen Leib, wessen Frucht? Mein Kind ist das nicht. Du bist um
zwanzig Jahre jünger als ich, dein Kind ist um dreißig Jahre jünger als du,
ihr werdet mich beerben. Würdet, sagt er. Mord könnte ich verstehen,
Diebstahl nicht, dein Kind bestiehlt mich und meine Nachkommen, an denen du
nicht hättest verzweifeln müssen. Dienstboten traten ein. Schweige jetzt,
sagte ich. Nein, sagt er, es mögen alle davon wissen, nur so entgeht man
dem Gespött, ich lege keinen Wert mehr darauf, dich als Hausfrau hier zu
sehen. Ich ging. Zu wem zurückkehren?
Nun sind wir eins, nicht mehr zwei, ich habe mich zugrunde gerichtet mit
dir und mein Kind. Hätte ich dir deinen Sündenlohn gegeben, dann hätten
alle drei Brot. Ist es vorbei? Was bist du, was hast du? Und vor allem
eins: läßt du »es« am Leben?«
Edgar ließ »es« leben. Er selbst kündigte, weil Esther es so riet, die
Stellung am Untersuchungslaboratorium, sein früherer Assistent hatte die
Erfindung jener Farbe nicht vollendet, es bestand noch die Möglichkeit für
ihn, die Sache zum Gelingen zu bringen. Esther verkaufte alles, was sie an
Schmuck hatte, man schaffte dafür eine chemische Wage, einen Arbeitstisch,
Platintiegel an, eine große Anzahl von Flaschen kam, da schon die
Ausdünstung von ganz unschuldigen Lösungen Edgars kranke Kehle reizte, in
den Raum zwischen den Fenstern. Esther diente ihm wie eine Magd, so
retteten sie durch die Sommermonate ein erbärmliches Dasein, die Arbeit
ging ohne Glück vor sich.
Eines Nachts erwachte Edgar, Blut auf die von Esther frisch gewaschenen
Kissen speiend. Esther, hochschwanger, flackernd im Kerzenlicht, riß ihm
den Kopf aus dem Bereich der Kissen, tauchte ein Handtuch in Wasser, hielt
es ihm unter den Mund. »Blut!« stammelte er.
»Nun, Blut! Mußt du die Kissen beschmutzen, wir müssen darauf liegen, wer
wird sie waschen?« Schluchzend: »Nun erst ist >es< verloren, wo es gebären,
für wen zuerst sorgen, wohin es legen? wenn er schon da liegt!« Sie faßte
das Handtuch und preßte es aus, blutige Flüssigkeit tröpfelte zur Erde, mit
ihren Tränen vereint; so verbrachte sie stöhnend die Nacht und ließ die
Hand nicht von Edgars Stirn.
Am nächsten Morgen ging sie zu dem Weib, das sie in funkelnder
Wachsschürze, glänzend wie ein Insekt, empfing, als wäre sie gestern eben
von dort fortgegangen. Der Arzt, höflich, gemein, alltäglich zugewandt dem
unerhörtesten Mord der Mutter an ihrer Mütterlichkeit, tat, was man von ihm
erwartete, wofür sie ihn mit dem letzten Gelde bezahlte. Das Kind wurde
vertilgt. Sie kehrte zu Edgar zurück, pflegte ihn, bis er sich wieder
erheben konnte, um in das Untersuchungslaboratorium zurückzukehren, wo man
ihn aus Mitleid wieder einstellte. Auch Esther verdiente ihr tägliches
Brot.
Edgar und Esther lebten miteinander viele Jahre, nachdem sie einander
geliebt hatten. Sie wehrten sich nicht gegen Kindersegen, als sich ihre
Einkünfte gehoben hatten, aber es kam nichts mehr.
Sie wohnten am äußersten Ende der Stadt, liebten sich nicht und haßten sich
nicht, der Spiegel in dem Glase Wasser zwischen ihnen bei den grauen
Mahlzeiten trübte sich nicht; rührt sich nie, sie lebten ihre alternde
Zeit, als wäre es Unsterblichkeit, sie erwarteten weder Gutes noch Böses.
Er, der Irrsinn und menschenleere Einsamkeit gefürchtet hatte, war
verflucht zu endlosem Alter, nie von Esther verlassen, sie, die Mutter ohne
Samen, verdorrt, ein Strauch am Gestein.