»Was habe ich dir getan? Edgar?«
»Was noch? Du weißt alles. Mein Vermögen . . .«
»Mein Kind . . .«
»Meine Stellung, meine Zukunft, die Erfindung . . .«
»Mein Kind . . .«
Er riß Furchen in sein verstörtes Gesicht, er grub mit seinen von der
Färberarbeit farbig gebeizten Fingern Gruben zwischen Stirn und Mund:
»Meine Gesundheit, mein Leben, mein Mund voll Blut?« Sie schwieg. »Bist das
alles nicht du?«
»Es ist heute zum letztenmal, der Abschiedstag. Wobei soll ich schwören?«
Auch am nächsten Tage brachte sie nur Zärtlichkeiten, Geld aber nicht. Er
ergriff die im Zimmer lüstern Umhertaumelnde an den Fußknöcheln, stürzte
sie von untenher krachend auf den Erdboden. »Hast du kein Erbarmen, was bin
ich dir?«
»_Liebling_« flötete Esther.
»Noch bin ich nicht wehrlos. Für mich habe ich nichts mehr zu hoffen,
endlich sehe ich das Muß, aber du sollst nicht reine Freude haben.« Er fuhr
mit beiden Händen unter ihr Beinkleid, mit den Händen es ausweitend,
zerfetzte er es zischend, mit den Nägeln riß er Stücke heraus und ballte
sie in einen Knäuel in seiner Faust. Sie hielt ihm ihr weißes Gesicht
entgegen, voll Hohn: »Wie willst du mir drohen?«
»Ein Wort an deinen Mann . . .«
»Und wenn er es weiß? Wenn er mich herschickt zu dir? Aber gleich. Es ist
genug. Ich bin zu versöhnen. Ich bin es nicht, es ist meine Natur. Meine
Natur will Befriedigung, ein Kind, lebendigen Samen. Was ist Esther als
Geliebte? Du hast mich gehaßt, in dem, was aus mir kommen sollte. Was bin
ich als Gattin?« Sie breitete die zerrissenen Stücke Spitze auf ihren
Fingern aus und blies mit lauem Atem hindurch. »Als Mutter werde ich
leben.«
Nach einer Woche kam sie, aber sie verdunkelte das Zimmer nicht, warf sich
ihm nicht hin.
»Es wächst in mir.«
»Und . . .«
»Hast du es nur des Geldes wegen getan? Ist das noch Edgar? Einerlei,
morgen bringe ich dir das Geld. Um vier Uhr erwarte mich.«
Edgar verbrachte die Nacht schlaflos aus Haß.
Um vier Uhr übergab sie ihm einen Scheck, um viertel fünf erschien
Anschütz, von Edgar durch ein anonymes Telegramm bestellt. »Bin ich
zugrunde gegangen,« sagte er zu Esther, während der Mann an der Tür pochte,
»dann wenigstens nicht allein.«
»Warte ab«, sagte Esther, sie trat Anschütz mit Unbefangenheit entgegen.
»Mein Jugendfreund«, sagte sie, wie sie vor Jahren zu dem dienenden Weib
gesagt hatte. »Mein Bruder.« Anschütz ging scheinbar beruhigt mit Esther
fort, Edgar wurde seiner Infamie nicht froh, das Geld wurde ihm nicht
ausgezahlt, Esther hatte es gesperrt.
Edgar konnte ohne Geld die verhaßte Stadt nicht verlassen. Er bekam nach
langem Suchen eine Stelle als Hilfschemiker in einer Anstalt, wo man Kot,
Urin, Auswurf chemisch untersuchte, aber auch zu dieser Arbeit ließ man ihn
nur widerwillig zu, da ältere Kräfte wie er als schwer behandelbar galten.
Und dann, was konnte ein Mensch leisten, der es in Edgars Alter zu keiner
Position gebracht hatte und sich in den Zeitungen anbot?
In der Mitte des Sommers traf Edgar Esther. »Du bist immer noch hier?
Konntest nicht fort. Ich bin unschuldig. Anschütz hatte Verdacht, es durfte
kein größerer Betrag auf geheimnisvolle Art ausgegeben werden, du
verstehst.«
»Aber du hast doch den Scheck schon vorher gesperrt.«
»War es nicht gut für mich? Ich kannte dich.«
»Willst du mich jetzt gehen lassen?«
»Hast du keine Zeit für mich? Ich könnte dir manches erzählen, komm mit mir
ins Freie, in den Wald, wo wir damals waren, erinnerst du dich?«
Während der Fahrt: »Wie lebst du? Du siehst nicht gut aus, bist du denn
wirklich krank? Deine Erfindung? Dein tägliches Brot?«
»Ich untersuche, was die Menschen auswerfen, sie bringen Kot in kleinen
Töpfen von Liebigs Fleischextrakt, eitrigen Speichel in Wassergläsern, die
mit einem Taschentuch oben zugebunden sind, und anderes --, aber genug,
auch so kann man leben.«
Sie stiegen an der gleichen Station aus, wie an dem späten Abend im April,
nach dem Gewitter, sie suchten die Gegend des stürmenden Laufes, die
Waldblöße, den Winkel, wo sie sich endlich, einer hinstürzend über den
andern in verzweifelter Umarmung berauscht hatten, aber sie fanden die
Gegend nicht mehr.
»Wie sollten wir den Eingang zur Hölle finden, da wir doch mitten in ihr
leben? Ich habe >es< noch nicht, bin noch nicht gerettet, Anschütz hat
Verdacht, er berührt mich seit dem Abend bei dir nicht mehr, er lauert mir
auf, spioniert mir nach, sieh her«, sie streifte den Ärmel ihrer
spitzenumflossenen Bluse von der Schulter, eine leicht verharschte Wunde
wies sich. »Verstehst du das? Diese Wunde gibt alle vier Wochen Blut.
Dieses Blut soll Anschütz täuschen, mein Kind vor ihm schützen,
inzwischen,« sie rauschte auf der Erde zusammen und schwere Wolken starken
Parfüms erhoben sich zu Edgar, »inzwischen locke ich ihn Nacht für Nacht,
mit was man Menschen seiner Art lockt, bis es gelingt. >Es< wird leben, ich
lebe in zweifacher Welt, wachend hier, schlafend dort, ich fühle, wie es in
mir aufgeht, ich habe etwas, das du nie gekannt hast, auch in meiner ersten
Nacht nie, ich höre immer, wie es lebt in mir.
Sie standen zwischen harzstrotzenden jungen Bäumen, in wehenden Wänden ohne
Dach, in hoch flirrendem Mittag.
Alles an ihr starrte wie heißes Erz ihm entgegen, ihre gewaltige Brust mit
blauschwarzem Hof in der Mitte, glühte. »Bist das nicht du, Edgar, jetzt
erst du?« Adern in verknäuelten Strängen zogen von allen Seiten dieser
Brust zu, vor seinen Augen sah Edgar diese Brust sich wie Wolken senken,
die Brustwarzen sich abwärts, herzwärts neigen, einem Kinde entgegen, das
geahnt war in diesem Augenblick aufzusteigen aus dem geschwellten Leibe zu
der glühenden Quelle dieser mütterlichen Brust.
»Ich werde dich nicht vergessen, bald muß es sich entscheiden, wird das
Kind gerettet, ich schwöre es dir, dann bist du es auch!« So kehrten sie in
die Stadt zurück.