VI.

Am nächsten Tage rief Edgar seine Geliebte an, es meldete sich die Wirtin,

sagte, alles gehe gut, nach zwei Tagen hieß es, die Dame sei bereits auf

dem Wege der Besserung, immer wurde Esther an den Apparat gerufen, sie kam

nie. Er schrieb ihr. Seine Vermögensverhältnisse hatten sich gebessert, er

konnte Esther eine unvergleichlich schönere Existenz verschaffen, sie

sollte in den Beruf nicht mehr zurück. Er war erschüttert, besänftigt durch

ihre Tat, daß »es« nicht mehr lebte, gab ihm ein neues Dasein, eine neue

Gewalt, da sein Wille sich durchgesetzt hatte, Esthers Liebe zu ihm die

Natur überwunden hatte. Aber sehr lange erfuhr er nichts von ihr, als daß

sie lebte, dann schrieb sie auf einer bunten Karte mit unleserlichem

Poststempel: »Bitte, mir jetzt nicht zu schreiben.« Drei Tage nachher las

er in der Zeitung, daß sie sich mit dem Bankier Anschütz, seinem Freund,

verlobt hatte, sechs Wochen nachher fand die Trauung statt ohne Fest, nur

in Gegenwart der Zeugen.

Edgar verreiste, seine Aktien waren inzwischen von 700 auf 825 gestiegen.

Kaum war er zurück, wurde er telephonisch angerufen, der Bankier meldete

sich: Edgar sprach seine Glückwünsche aus, aber nicht darum handelte es

sich, die Papiere wankten, sehr sicher war nichts, sollte man verkaufen?

Der Bankier antwortete nicht, die Verbindung wurde wie durch Zufall

unterbrochen. Edgar, der seine Ruhe und sein Kapital für eine Erfindung,

einen neuen Farbstoff, brauchte, rief nochmals an, Anschütz antwortete

etwas ungeduldig, er könne seinen Rat nicht mehr wie bisher »unter

Freunden« gehen, die Verantwortung sei zu groß. Schließlich riet er Edgar,

entweder augenblicklich, wenn auch mit Verlust loszuschlagen, oder zu

warten, er selbst scheide aus, Edgar fühlte erst beim letzten Wort am

Telephon, daß er einen Freund verloren hatte.

Nun lebte er, ganz wieder, wie in der Zeit vor Esther, in seine Arbeit

hineingezwungen in seinem Laboratorium. Er hatte mit der Unterstützung

eines jüngeren Kollegen eine Erfindung gemacht, ein nie dagewesenes Rot,

eine wundervolle Farbe, säureecht, unzerstörbar.

Nach Wochen meldete sich der Bankier wieder, er rief nachts an. Am Telephon

hörte man Summen, Musik, wie auf einen Gummifaden gespannt. Es sei

Gesellschaft bei ihm, sagte er, dennoch riefe er an. Die Papiere zeigten

Tendenz nach abwärts, sollte man abstoßen? Er entschuldigte sich mit keinem

Worte, das er den früheren Freund nicht zu sich einlade, ihm nur so im

Vorübergehen am Telephon seine Entschlüsse abzwinge. Verantwortung

übernehme er nicht, riete aber doch dazu zuzuwarten, die Deckung, für die

er seit zehn Jahren aus eigenem gebürgt, müsse freilich erhöht werden. Wie?

Vielleicht einen Vorschuß auf den Gehalt Edgars als Chemiker, denn auch die

Fabrik, in der Edgar arbeitete, gehörte der Bank Anschütz.

Drei Tage nachher war alles verloren, die Aktien standen so tief, daß Edgar

dem Bankier einen Betrag schuldete, der nie abzuzahlen war. Aber Esther,

zum erstenmal Esthers Stimme am Telephon, sagte, er solle sich keine Sorgen

machen, Edgars Stellung in der Fabrik, fast leitend, blieb. Edgars Stellung

in der Fabrik, fast leitend, war unhaltbar, denn sein Mitarbeiter, der um

acht Jahre jüngere Mitarbeiter, wurde Chefchemiker, stand über Edgar. Die

Erfindung, bei dem verpfändeten Gehalt die einzige Rettung, war beiden

Chemikern bekannt. Trat Edgar aus, blieb dem Jüngeren alles, mit ihm

zusammenzuarbeiten war trotz der Demütigung, die der alternde Edgar auf

sich nehmen wollte, unmöglich. Der Direktor der Fabrik war machtlos.

Anschütz war der Herr, Anschütz hatte es so verfügt. Aber die Erfindung,

das neue Rot, wurde von Anschütz dem Assistenten zuerkannt. Edgar hätte

doch nichts dabei getan, als die schmutzigen Probiergläser auszuwaschen,

und sich unaufhörlich die farbigen Hände mit Bimsstein zu reinigen. Das war

Lüge? Dann sollte doch Edgar persönlich zu Anschütz, und freundschaftlich

alles aufklären. Edgar ging. Anschütz war stets unerreichbar. Man ließ ihn

warten, niedersitzen in einem ungeheizten Zimmer, nebenan war Anschütz zu

hören, wie er lachte, mit Esther sich lange unterhielt, seine Schritte

schienen oft nahe der Tür, seine Hände drückten schon an der Klinke; Edgar

erhob sich, aber niemand kam, es wurde still. Edgar nahm sich zusammen, er

trat ein, fand Esther allein. Sie war sehr elegant, mit Schmuck behängt,

sehr verjüngt, ein junges Mädchen, ein glücklicher Mensch.

»Was willst du? Deine Stelle ist vergeben, nicht einem besseren, einem

anderen einfach. Warum hast du so lange gewartet? Die Stadt ist zu klein

für Edgar und Esther. Die Welt ist groß. Man wird dich entschädigen. Du

erhältst Nachricht. Kommen? Nein, man schreibt dir.«

Nach kurzer Zeit kam ein Angebot. Edgar reiste in den Ort, der frühere

Chemiker war an Lungenblutungen erkrankt, er lag in elendem Zustande in

einem verlotterten Hotelzimmer. Die Tätigkeit, unaufhörlich in feuchten

Salzsäuredämpfen, verätzte jede Lunge, auch sein Vorgänger sei erkrankt,

erzählte er und warnte.

Edgar kehrte zu Esther zurück. »So, das ist schade,« immer lächelnd, »wozu

es leugnen, ich will dich nicht hier.«

»Man wird mich nicht sehen.«

»Aber, Edgar, wozu die Demütigung, vor ihm, meinem Mann. Du!«

»Denke doch, du zwingst mich zum Selbstmord, erinnere dich . . .«

»Erinnern? Liebe ich dich nicht? Aber wir sprechen von Geschäften. Warum

hast du deine Papiere nicht behalten, du wärest Millionär. Wozu es leugnen,

es machte mir Spaß, und für ihn, meinen Mann, war es ein gutes Geschäft.

Mein Rat ist: Gehe ruhig in die Fabrik, die neue Farbe gelingt dir, dann

bist du dein eigener Herr. Das war doch stets dein Wunsch. Aber beeile

dich, auch die Stelle dort könnte besetzt sein.«

Edgar reiste hin, arbeitete den ganzen Winter dort, schlief in dem Bett des

erkrankten Vorgängers in dem verlotterten Hotel. Die Zeit war fürchterlich,

er hatte alle Mühe für die Fabrik, dazu reichte kaum der Tag, die Nacht

brauchte er für sein _Rot_.

In einer Märznacht schlief er bleiernen Schlaf, auf die Glasplatte des

Tisches gesunken. Er träumte, er schwämme durch das Meer, im Munde alle

salzige Bitternis des Meerwassers, und Esther, über den Bord eines Schiffes

gelehnt, schütte neue Bitternis in seinen Schlund. Er erwachte. Es war

Blut.

Er reiste zurück, zu dem einzigen Menschen, den er kannte, Esther: »Blut?

Einfache Lungenblutungen, Tuberkulose ist es nicht.«

»Du bist gut unterrichtet.«

»Ich denke viel an dich, weil ich dich liebe. Du bist grau geworden. Mußt

du das?«

Sie fuhr mit ihrer Hand in den Schlitz seines Hemdes, befühlte wie ein

Liebender Edgars Brust, sein hart pochendes Herz, seine Haut, die schwamm

in bitterer Feuchtigkeit.

»Ich will dir etwas sagen, aber nicht hier. Ich will dir etwas vorschlagen,

nur ein Geschäft, aber nicht hier, willst du?«

»Komm zu mir?«

»Kommen? Wohin?«

»Hast du vergessen, wo ich wohnte? Esther, hast du vergessen? . . .«

»Habe ich vergessen?« sagte sie und ein fürchterliches Lächeln ging um

ihren Mund.

Die Verdorrten · 第 13 / 16 题