12. Bei den Zeltbewohnern in Marokko, eine ethnographische Schilderung.

_Geburt, Beschneidung, Hochzeit und Begräbniß._

Wie geschäftig die Frauen seit dem Morgen schon die Esel

zusammentreiben! Unter Lachen und Schreien haben die Knaben und

Jünglinge dabei geholfen, die Langohren vor einem großen Zelte (es

gehört dem Kaid Abu Ssalam) zusammenzuhalten.

Heute wird eine große Festlichkeit vor sich gehen; man erwartet

stündlich die Entbindung der zweiten Frau des Kaids, der Lella Mariam,

einer jungen, reizenden Frau von vornehmstem Zelte. Kaid Abu Ssalam, der

selbst nicht aus dem Geschlechte Mohammed's ist, sonst aber auch aus

einem großen Zelte[66] stammt, hat durch seinen Reichthum es möglich

gemacht, eine Scherifa zur Frau zu bekommen, d.h. eine Dame vom Stamme

des Propheten. Um so mehr ist das zu bewundern, als Abu Ssalam schon

eine Frau besitzt und Lella Mariam nicht nur jung und schön, ihr Alter

betrug 15 Jahre, sondern auch reich ist. Aber welch' stattlicher Mann

ist auch Kaid Abu Ssalam und wie geachtet und unabhängig im ganzen

Lande! Selbst der Sultan liebt ihn.

Vom Stamme der Beni-Amer hatte er vor etwa 30 Jahren, als die

Ungläubigen das Gebiet von Tlemßen besetzten, die dortige Gegend

verlassen und nach einer dreijährigen Wanderung, immer nach Westen

ziehend und oft genug mit der langen Flinte sich einen Weg bahnend, hat

er den eigentlichen Westen erreicht, den Rharb el djoani, das gelobte

Land der Gläubigen. Der Sultan ertheilte gern die Erlaubnis zum Bleiben,

und nachdem die üblichen Abgaben geregelt waren, erhielt Abu Ssalam, es

war das schon zu Lebzeiten des Sultans Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Hischam,

die Erlaubniß, seinen Stamm an die Ufer des Ued Ssebu zu führen.

Abu Ssalam herrschte über drei Duar (Zeltdörfer), von denen das größere

sich aus circa 30 Zelten zusammensetzte und dem er selbst vorstand; die

beiden kleineren, aus je 20 und 24 Zelten aufgeschlagen, waren von

seinen jüngeren Brüdern beherrscht. Bei dem Jüngsten lebte außerdem noch

ihr gemeinschaftlicher Vater, der Hadj Omar-ben-Edris, der aber schon

lange die Kaidschaft an seinen ältesten Sohn abgetreten hatte.

Die drei Duar, so ziemlich in einer Linie gelegen, machten Front nach

Westen und lehnten sich an einen Bergrücken; hier bestand derselbe aus

herrlichen Wiesen, während nach dem Gipfel zu immergrüne Bäume, aus

Korkeichen, Lentisken und Juniperen bestehend, den Berg bedeckten. Etwa

eine Viertelstunde unterhalb der drei Zeltdörfer schlängelte sich der

Ued Ssebu vorbei und ganz in der Ferne erglänzte der blaue Ocean. Der

Raum zwischen den Dörfern und dem Flusse war durchweg beackert, aber

unmittelbar neben den Zeltdörfern befanden sich auch kleine

Gemüsegärtchen, eingezäunt von großen Dorngebüschen des stacheligen

Lotusstrauches, das, obschon todt, dennoch hinlänglichen Schutz gewährte

gegen weidende Thiere.

Von dem großen Zelte Abu Ssalam's also zogen sie ab, eine ganze Karawane

lachender Frauen und Mädchen, einige zwanzig Esel mit leeren ledernen

Schläuchen beladen vor sich hertreibend. Wohl manche mochte hoffen,

heute bei der Festlichkeit das Herz eines Jünglings zu fesseln; die

jungen Mädchen erzählten sich, wie viele Armbänder sie anlegen würden.

Da sagte eine Andere, sie würde ihr Haar frisch machen lassen[67], und

unter Jubeln und Lachen war der Ssebu erreicht.

Das Füllen der Schläuche aus einem mächtigen Strome ist leichte Arbeit.

Die jungen Mädchen gingen bis an die Knie in den Strom, ließen das

Wasser hineinlaufen und nachdem sodann noch Einige die Zeit benutzten,

ein Bad zu nehmen, wurden die Schläuche, je zwei, einem Esel aufgeladen

und zurück ging es zum Duar.

Unter der Zeit war die Geburt vor sich gegangen und Abu Ssalam's größter

Wunsch war erfüllt, seine junge Frau hatte ihm einen kräftigen Knaben

geschenkt. Zu Ehren seines Vaters erhielt derselbe noch _am selben Tage_

den Namen Omar. Es ist Sitte, daß das Namengeben noch am Tage der Geburt

geschieht. Wie war nun die Geburt vor sich gegangen? Wir können nur nach

Hörensagen berichten, denn nie, und wenn auch die Frau dadurch vom Tode

hätte gerettet werden können, darf ein Mann, ein Arzt oder Geburtshelfer

bei einem solchen Acte zugegen sein.

Es scheint, daß bei Lella Mariam die Geburt leicht von Statten ging;

Abends vorher waren Hülfsweiber gekommen, und als am anderen Morgen die

Frauen vom Wasserholen zurückkamen, ertönte durch die Duar der Ruf:

"=El Hamd ul Lahi mabruck uldo=", "Gott sei gelobt, der Sohn sei

ihm zum Segen". Und vor dem Zelte, aus einem Arbater Teppiche, saß Abu

Ssalam und empfing die Glückwünsche der männlichen Bevölkerung der drei

Zeltdörfer. Auch manche alte Frau, ja manches junge Mädchen kam herbei,

beugte rasch ein Knie und küßte Abu Ssalam's Hand den Gruß flüsternd:

"=Rbi ithol amru=", Gott verlängere seine Existenz. Und er konnte

recht stolz sein, unser Abu Ssalam; sein heißer Wunsch, einen

Nachfolger, einen Sohn zu haben, war erfüllt. Zwar sein Stamm konnte so

leicht nicht aussterben; den Stammbaum direct bis zum Chalifen Omar

zurückführend, waren die Beni-Amer jetzt einer der mächtigsten Stämme

unter den Arabern, ihre Duar zogen sich durch ganz Nordafrika. Seine

eignen Leute näherer Verwandtschaft, die er nach dem Rharb (Marokko)

geführt hatte, zählten über 100 Leute männlichen Geschlechts. Genau

hatte Abu Ssalam sie nie gezählt, denn ein rechter Gläubiger zählt die

Seinigen nicht. Aber er selbst hatte von seiner zuerst angeheirateten

Frau Minana nur zwei Töchter, und Minana mit ihren 21 Jahren schien ihm

wenig Hoffnung zu machen, ihm noch einen Sohn zu geben. Daher hatte er

denn auch vor etwa neun Monaten die liebliche Lella Mariam geheirathet.

Jede Vorkehrung war aber auch diesmal getroffen worden, damit Abu Ssalam

einen Sohn bekäme. Er selbst war nicht nur vor mehreren Monaten nach

Uesan gepilgert, um die Intervention Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's

anzurufen, er hatte sogar das feste Versprechen Sidi's[68] erlangt, daß

der Allerhöchste ihm einen Sohn schenken würde, und der Großscherif

hatte freundlich dafür ein Pferd als Geschenk anzunehmen geruht; ja, um

ganz sicher zu gehen, war er nach Fes zum Grabmal Mulei Edris gepilgert

und hatte den Tholba (Schriftgelehrten) der Djemma (Gotteshaus) des

Mulei Edris fünfzig Duros geopfert; mußte da Allah ihm nicht einen Sohn

schenken?

"Gott segne den Großscherif!" rief Abu Ssalam, "Gott gewähre Mulei Edris

alle Freuden des Paradieses," fügte er hinzu, "denn sie waren es, die

mir den Knaben schenkten." Und da kam auch schon Lella Mariam aus dem

kleinen Zelte, welches neben dem Zelte ihres Mannes war, nicht in

Festgewändern, aber doch in einen neuen Haik gehüllt. Sie hatte vor sich

das Knäblein und niederknieend legte sie den neuen Familienstammhalter

vor ihren Gatten hin. Sie selbst in aufgelöstem Haare[69], da sie genau

nach den Vorschriften des Gesandten Gottes lebte, hielt sich knieend

abseits, da ihr Mann sie doch nicht, weil sie unrein war, berühren

durfte. Nachdem die junge Mutter und das Knäblein den Segen vom Manne

und Vater erhalten und der daneben sitzende Fakih (Doctor der Theologie)

der Zeltdörfer das Fötah (erstes Capitel des Koran) gebetet hatte, ging

sie ins Zelt zurück; schon am anderen Morgen machte sich die junge Frau

an ihre gewöhnlichen Beschäftigungen, denn ein Wochenbett abhalten, wie

bei uns die Frauen in Europa es zu thun gewohnt sind, kennt man in

Marokko nicht.

Am selben Abend aber war großes Festessen vor dem Zelte Abu Ssalam's. Er

hatte viele Hammel und Ziegen schlachten lassen zu Ehren des Tages und

die Frauen des Duars hatten den ganzen Tag Kuskussu bereiten müssen, der

in größeren hölzernen Schüsseln für die Gäste hingesetzt wurde.

Was mich anbetrifft, so wollte ich gern Näheres über den Geburtsact

erfahren. Auf mein Befragen erzählte man mir, es sei Sitte, wenn eine

Frau in Nöthen sei, so lasse man zuerst einen Fakih kommen, der durch

Weihrauch und fromme Sprüche den Teufel zu bannen versuche, denn der

Teufel ist auch in Marokko die Ursache allen Uebels. Hilft das nicht, so

bekommt die Frau Koransprüche, die auf eine hölzerne Tafel geschrieben

werden, zu trinken, indem die Sprüche von der Tafel abgewaschen werden;

hilft auch das Verfahren noch nicht, so werden Koransprüche auf Papier

geschrieben, zerstampft und mit Wasser gemischt der Leidenden

eingegeben. Aber manchmal hat der Satan das Weib derart in Besitz

genommen, daß er selbst durch das heilige Buch nicht ausgetrieben wird.

Dann werden allerlei Amulete angewandt, z.B. die in ein Ledersäckchen

eingenähten Haare eines großen Heiligen, die man der Kreißenden auf die

Brust legt, oder Wasser vom Brunnen Semsem, welches man ihr zu trinken

giebt, oder Staub aus dem Tempel von Mekka[70], welchen man auf ihr

Ruhebett legt. In einigen Fällen läßt sodann der Teufel seine Beute los

und der Vorgang erfolgt für die Mutter auf glückliche Weise. Es kommen

jedoch genug Fälle vor, wo der Iblis (Teufel) derart sich des Weibes

bemächtigt, daß er keinem Mittel weichen will; die Hülfsweiber nehmen

dann selbst den Kampf mit ihm auf. Unter Beschwörungen und fortwährend

rufend: =Rham-ek-Lab=! (Gott erbarme sich Deiner!) wird die Frau

ergriffen, ein starkes Band um den Rücken und unter die Achsel

durchgeschlungen und so in die Luft gezogen. Dadurch wollen sie die

Wehen beschleunigen, und zeigt sich möglicherweise ein Theil des Kindes,

entweder der Kopf oder die Füße, so versuchen sie, diese Theile zu

ergreifen und durch starkes Reißen und Ziehen das Kind zu Tage zu

befördern. Nur selten gelingt das, meist wird das Kind zerrissen und

fast immer ist der Tod der Mutter Folge dieses barbarischen Verfahrens:

Gott verfluche den Teufel!

Der kleine Omar wuchs kräftig heran; wie sollte er auch nicht! Zwei

Jahre hatte ihn seine Mutter Lella Mariam selbst gesäugt und nur wenig

war er während dieser Zeit Tags vom Rücken seiner Mutter gekommen und

Nachts aus dem Schooße derselben. Denn die Frauen pflegen ihre Kinder so

aufzuziehen, daß sie mit Ausnahme der Augenblicke, wo dem Kleinen die

Brust gereicht wird, Tags über in einer Falte des Haiks (großes

Umschlagetuch) auf dem Rücken der Mutter in _reitender_ Stellung sich

befinden. Es hat das zur Folge, daß die meisten Marokkaner sowohl

männlichen wie weiblichen Geschlechtes Säbelbeine haben. Nachts aber

ruht das Kindchen vor seiner Mutter, die während der zwei Jahre

beständig allein lebt, obschon es ihrem Manne nach Ablauf von drei

Perioden gestattet ist, sie wieder zu besuchen und mit ihr Umgang zu

pflegen. Nachdem die zwei Jahre vorbei waren und Omar statt der süßen

Muttermilch jetzt saure Buttermilch und Abends Kuskussu zu essen bekam,

wurde ihm auch zum ersten Male das Kopfhaar geschoren; aber sein Vater

Abu Ssalam gab wohl Acht, daß am Scheitel des Kopfes eine Locke, Gotaya,

sowie an der rechten Seite des Kopfes außerdem ein Streifen von Haaren

in der Form eines Halbmondes stehen blieb, denn die Kinder der Beni-Amer

hatten seit undenklichen Zeiten einen solchen Schmuck getragen. Am

selben Tage gab er seinem Zelte[71] einen Hammel zum Besten, sonstige

Festlichkeiten fanden nicht statt.

Dafür wurde aber die Beschneidung Omar's in seinem achten Jahre desto

festlicher begangen. Omar war jetzt ein kräftiger Bursche geworden;

fortwährend in der freien Natur hatte er tagelang die Schafe und Ziegen

seines Vaters mit hüten helfen und gewöhnlich auch das Pferd mit zur

Schwemme reiten müssen; er verstand es schon, die eignen Kamele oder die

der etwa ankommenden Fremden mit niederknien zu machen und der

Thaleb[72] der Zeltdörfer hatte ihn das erste Capitel des Koran gelehrt.

Der feierliche Augenblick war gekommen, wodurch der kleine Omar jetzt in

die Gemeinschaft der Muselmanen aufgenommen werden sollte. Um den Glanz

des Festes noch mehr zu erhöhen, hatte Abu Ssalam es übernommen,

sämmtliche gleichalterige Knaben der drei Zeltdörfer der Beni-Amer, und

es waren deren noch sieben, auf seine Kosten beschneiden zu lassen. Ja,

ohne den Neid und die Mißgunst seines eignen Fakih's (Doctor der

Theologie) und der Tholba[73] der Duars zu erregen, weil sie auch ihre

Gebühren bekamen, hatte er einen in hohem Ansehen stehenden

Schriftgelehrten aus Fes kommen lassen. Die Gebühr für die Beschneidung,

3 Metkal, erlegte er im Voraus. Wie reich aber mußte Abu Ssalam sein,

daß er so große Summen zahlen konnte, denn zahlte er doch, wie schon

gesagt, seinen eignen Schriftgelehrten die nämliche Summe. Und wenn man

bedenkt, daß man in Marokko für die Beschneidung sonst nichts zu

bezahlen braucht, der bemittelte Mann höchstens eine Maß Korn oder ein

Huhn oder einige Eier dem Schriftgelehrten für seine Bemühung giebt, so

kann man ermessen, wie freudig die Eltern ihre Söhne herbeibrachten. Das

Glück, vom heiligen Sidi Mussa aus Fes beschnitten zu werden, war zu

groß. Abu Ssalam aber hatte es von jeher als eine Regel der Klugheit

betrachtet, mit den heiligen Leuten, mit der Geistlichkeit, auf gutem

Fuße zu leben und er hatte längst eingesehen, daß man mit der

Geistlichkeit nur dann auf gutem Fuße lebt, _wenn man sie tüchtig

zahlt_. Aber dafür war er auch des Paradieses sicher; der Segen, den sie

ihm ertheilten, war _länger_ als der für die übrigen Gläubigen, und

durch die vielen Wohlthaten, die er den Fakih's und Tholba erwiesen

hatte und noch immer erwies, war Abu Ssalam selbst in den Ruf großer

Frömmigkeit gekommen.

Die acht Knaben wurden vor das Djemmazelt[74] in einer Reihe

aufgestellt, und nachdem vom Fakih Sidi Mussa ein langes Gebet war

gesprochen worden, ging er auf Omar zu, der von seinem Vater gehalten

und ermahnt wurde, standhaft zu sein, ergriff sodann das Präputium und

trennte es mit einem raschen Schnitte von der übrigen Haut; das noch

übrig gebliebene Frenulum wurde mit einem zweiten Schnitte getrennt und

sodann kam ein anderer Thaleb und streuete pulverisirten Schöb (Alaun)

auf die blutenden Ränder. Standhaft hatte der Knabe Omar ausgehalten,

seine Zähne zusammenbeißend murmelte er fortwährend: "Gott ist der

größte, es giebt nur einen Gott." Sein Vater trug ihn, Omar war fast

ohnmächtig geworden, nun gleich ins väterliche Haus zurück, während ein

Sclave ein ganz neues Hemd und eine neue weißwollene Djilaba[75] vor ihm

hertrug, Festgeschenke seines Vaters, welche aber erst angelegt werden

durften, wenn der Kranke vollkommen genesen war. Die Beschneidung der

übrigen Knaben erfolgte auf dieselbe Weise, nur daß einige von ihnen ein

entsetzliches Geschrei ausstießen, und merkwürdiger Weise war einer

unter ihnen ohne Präputium, oder doch nur mit einer Andeutung davon.

Natürlich wurde er gleich für heilig erklärt, denn wie selten trifft es

sich, daß ein Mensch beschnitten zur Welt kommt. Die Geschichte (d.h.

nach der Auffassung der Marokkaner) nennt nur Mulei Edris, Sidna

Mohammed, Sidna Brahim, Sidna Daud und Sidna Mussa als von Gott

beschnittene Leute, d.h. ohne Präputium zur Welt gekommen. Der so

ausgezeichnete Knabe, Namens Hamd-Allahi, hat denn auch später eine

wichtige Rolle gespielt; er war von Gott beschnitten, er war ein

Heiliger vor Gott und wer weiß, ob er nicht einst berufen ist, alle

Menschen zum Islam zurückzuführen, damit alle Menschen des Paradieses

teilhaftig werden, das Gott ihnen durch seinen Liebling Mohammed

verheißen hat.

Aber wie segensreich sollte überhaupt diese Beschneidung für die acht

Knaben werden, wie überhaupt für den ganzen Stamm der Beni-Amer! Die

Beschneidung nämlich war vollzogen worden mit einem Mus min Hedjr[76]

(Steinmesser). Seit undenklichen Zeiten vererbte sich ein Steinmesser

vom Vater auf den Sohn in diesem Stamme der Beni-Amer, und einer

schriftlichen Tradition zu Folge soll die Beschneiduug Sidni Omar's, des

Stammvaters der Beni-Amer und zweiten Chalifen, mit diesem selben Messer

vorgenommen worden sein. Wie ein Heiligthum wurde dasselbe in der

Familie bewahrt, und selbst als es bei der Eroberung der Provinz Tlemsen

durch die Ungläubigen, bei der Plünderung des Duars durch die

Christenhunde, verloren gegangen war, kam es durch ein Wunder wieder in

den Besitz des Kaids Abu Ssalam. Der Chalif Sidni Omar hatte es ihm

selbst eines Nachts zurückgebracht, er fand es unter seinem Kopfkissen.

Alle umliegenden Stämme beneideten die Beni-Amer um einen so köstlichen

Schatz. Die meisten Marokkaner lassen sich mit gewöhnlichen Rasirmessern

beschneiden, d.h. diese haben den Namen Rasirmesser, sind aber weiter

nichts, als die elendesten Klingen dieser Art.

Omar verbrachte nun die nächsten Jahre damit, den Koran zu lernen, d.h.

schriftlich und auswendig; denn heute gilt es in Marokko für einen Mann,

der einst Kaid seines Stammes sein will, für unerläßlich, _selbst_ lesen

und schreiben zu können. Nicht, als ob er jemals diese Wissenschaften

praktisch verwerthen würde, aber es gehört zum guten Ton, und wie auch

in Marokko in dieser Beziehung die Mode anfängt, unerbittlich zu sein,

so mußte sich Omar den langweiligen Unterrichtsstunden im Koranlesen und

Buchstabenmalen unterwerfen. Sein Vater war glücklicher gewesen; zu

seiner Zeit erheischte man noch nicht von den jungen Leuten, Lesen und

Schreiben zu lernen. Omar machte dann in Gemeinsamkeit mit seinem Vater

mehrere Reisen in Marokko, denn Kaid Abu Ssalam hatte den Entschluß

gefaßt, die Pilgerfahrt nach Mekka erst dann zu machen, wenn sein Sohn

eine Frau habe: dann solle die ganze Familie das Haus Gottes besuchen.

Aber er lernte doch Fes kennen, er sah in Mikenes den Sultan, er

unternahm eine Siara (Pilgerreise) nach der heiligen Stadt Uesan, er kam

nach Tanger, um dort die Feuerschiffe der ungläubigen Hunde zu

bewundern, und hatte das achtzehnte Jahr erreicht, um daran denken zu

können, eine Frau zu nehmen.

Bei den freien Zeltbewohnern Marokko's ist es keineswegs Sitte, daß die

Frauen sich verschleiern, wie in den Städten; Jünglinge und Jungfrauen

haben daher auch Gelegenheit, sich zu sehen, kennen zu lernen und zu

lieben. Auf dem Lande werden daher auch häufig genug Heirathen aus

wahrer Neigung geschlossen. Omar hatte seit längerer Zeit Gelegenheit

gehabt, die Reize und Vorzüge eines jungen Mädchens kennen zu lernen,

welches nur einige Stunden von seinem Duar entfernt lebte. Es war das

Aischa bent Abu Thaleb vom Stamme der Uled Hassan. Die beiden Väter

waren seit Langem durch Freundschaft verbunden; der Duar der Uled Hassan

lag auf dem Wege vom Ssebu nach Fes. Wenn nun Abu Ssalam nach der

Hauptstadt reiste, was häufig genug vorkam, so nächtigte er nicht im

allgemeinen Dar diaf (Fremdenzelt) der Uled Hassan, sondern ging zum

Zeltendes Abu Thaleb selbst, und umgekehrt machte es dieser so, wenn

sein Weg ihn in die Nähe des Ued Ssebu führte.

Omar war dann mehrere Male in Begleitung seines Vaters gewesen und seit

vier Jahren war ihm die wunderbare Schönheit Aischa's aufgefallen;

Aischa selbst mochte, als er sie zum ersten Male sah, 10 Jahre alt sein,

jetzt hatte sie 14. Kein Mädchen hatte seiner Meinung nach so feurige

Gazellenaugen, keine hatte einen kleineren Granatmund und längeres

schwarzes Haar, keine hatte so volle Formen und kleinere Hände und Füße.

In seinen Augen verstand kein anderes Mädchen so gut die Ziegen zu

melken wie Aischa, oder mit gleich lieblicher Anmuth einen Teller Brod

anzubieten oder eine Schale mit Milch zu credenzen. Aber was war Alles

dies gegen den Zauber ihrer Stimme? Zwar hatte Omar selbst nur einmal

mit ihr gesprochen, als er ermüdet das Zelt ihres Vaters erreichte und

um einen Trunk Wasser bat. Da schoß Aischa wie ein Reh davon, und aus

dem Schlauche eine Tasse füllend, überreichte sie dieselbe mit den

Worten: "=Bism Allah=!" (im Namen Gottes). Das war Alles, was

Aischa direct zu ihm gesprochen hatte. Aber von dem Augenblicke sagte

Omar zu sich: "Du kannst nur Aischa zum Weibe nehmen und keine andere."

Er glaubte nun auch zu wissen, daß Aischa gern seine Frau werden würde,

er schien bei ihr eine gewisse Sympathie für sich bemerkt zu haben, und

ohne daß man mit Worten seine Gedanken auszutauschen braucht, merken

die jungen Leute in Marokko ebenso leicht wie bei uns, was Liebe ist.

Omar war im Frühling, nur von Gefährten und Sclaven begleitet, von Fes

zurückgekommen, er hatte wieder bei Abu Thaleb die Nacht zugebracht, er

hatte die großen Augen Aischa's wiedergesehen, er hatte sie plaudern

hören mit ihren Gespielinnen und von dem Augenblicke war sein Entschluß

gefaßt. Als er am anderen Abend den eignen elterlichen Duar erreichte,

rief er seine Mutter bei Seite; er gestand ihr seine Liebe zu Aischa und

bat sie, mit dem Vater deshalb zu sprechen.

Obschon seine Mutter, Lella Mariam, eigentlich ein anderes junges

Mädchen für ihren Sohn im Auge hatte, er sollte eine weitläufige

Verwandte, die ebenfalls Scherifa (aus dem Stamme des Propheten) war,

heirathen, so lag ihr das Glück ihres einzigen Sohnes doch viel zu sehr

am Herzen, als daß sie hätte Schwierigkeiten erheben wollen. Zudem wußte

sie wohl, daß, obwohl sie großen Einfluß auf ihren Mann hatte, die

Entscheidung einer so wichtigen Angelegenheit von ihm abhing. Sie

beeilte sich daher, ihrem Manne Mittheilung davon zu machen, und

wunderte sich, daß derselbe ihres Sohnes Liebe ziemlich gleichgültig,

fast kalt aufnahm.

Kaid Abu Ssalam war ein praktischer Mann, auch er hatte längst eine

Schwiegertochter im Auge; das war aber keineswegs Aischa, die Tochter

seines armen Freundes, sondern Sasia, die Tochter eines reichen Kaids

der Uled Sidi Schich, deren Zelte in der Nähe von Udjda standen. Seit

Jahren hatten die Väter dieses Project genährt. Die Uled Sidi Schich

waren ebenfalls aus der Provinz Tlemsen vertrieben, aber sie waren nur

über die Grenze gegangen. Safia mußte um diese Zeit etwa 13 Jahre alt

sein und noch vor Kurzem hatte ihr Vater an Abu Ssalam geschrieben, nach

Udjda zu kommen und seinen Sohn mitzubringen und dieser hatte es

versprochen.--Jetzt sollte aus dieser Heirath, die Abu Ssalam fast schon

als abgemacht fand, nichts werden, er sollte sein Wort brechen.--Aber

Omar, der einzige Sohn, kam selbst, er beschwor den Vater, ihm Aischa zu

verschaffen, er würde sterben, wenn Aischa nicht sein Weib würde, und

dann flehte die Mutter, Lella Mariam, zu Gunsten des Sohnes; wie konnte

da der Vater, der Gatte widerstehen?

Vor allen Dingen schickte er daher Leute ab an den Kaid der Uled Sidi

Schichs, um ihm anzuzeigen, er könne und wolle sein Versprechen nicht

halten, sein Sohn Omar habe sich eine andere Frau genommen. Sodann ging

man gleich an die Brautwerbung, um jetzt die Hochzeit so rasch wie

möglich zum Abschluß zu bringen.

Unter dem Vorwande, nach Fes reisen zu wollen, brach Abu Ssalam, von

seiner Frau Mariam begleitet, auf und erreichte Nachmittags den Duar der

Uled Hassen, um bei seinem Freunde Abu Thaleb abzusteigen. Die

Begleitung der Lella Mariam erregte natürlich das größte Aufsehen und im

ganzen Zeltdorfe flüsterten die Frauen und jungen Mädchen über dieses

Ereigniß und prophezeiheten eine baldige Hochzeit. Abu Thaleb, der, wie

schon gesagt, nicht begütert war, besaß nur ein Zelt, aber durch eine

Scheidewand von wollenen Stoffen war eine Abtheilung für seine Frau

hergestellt und in diese begab sich sogleich Lella Mariam zur Mutter

Aischa's.

Sie fing damit an, von gleichgültigen Sachen zu sprechen und kam dann

allmälig auf die Vorzüge ihres Sohnes; sie pries dessen Kraft und

Schönheit, sie deutete an, daß er dereinst Kaid seiner Stämme werden

würde, sie betonte, daß er von väterlicher Seite das Blut des Chalifen

Omar, von mütterlicher das des Propheten habe und meinte schließlich,

daß jedes Mädchen glücklich sein müsse, das er sich als Frau auserwählen

würde. Sodann fügte sie noch hinzu, daß Aischa ein hübsches und

tugendhaftes Mädchen sei, die wohl für Omar passen möchte. Aischa, wohl

ahnend was kommen würde, war gleich im Anfange dem Zelte entschlüpft und

hatte sich draußen etwas zu thun gemacht. Die Mutter Aischa's hingegen

hatte nicht genug Lob für ihre Tochter, keine sei so schlau wie sie,

keine verstehe so dauerhafte Haiks (Umschlagetücher) zu weben wie sie,

keine verstehe die Kügelchen zum Kuskussu so fein zu reiben wie sie und

ihre Keuschheit und Sittsamkeit sei über alles Lob erhaben; aber

schließlich meinte auch sie, daß Aischa wohl für Omar passen würde.

Als nach dem Abendessen, welches die beiden Männer gemeinsam eingenommen

hatten, ein jeder sich mit seiner Frau allein befand,--Aischa selbst war

für die Nacht zu einer Freundin gegangen,--erfuhren sie von ihren Frauen

den Gedankenaustausch und Abu Ssalam beschloß nun, am anderen Morgen von

Aischa's Vater ihre Hand für seinen Sohn zu verlangen. Ob Aischa

einwilligen würde, daran dachte er wenig, zumal er nach seines Sohnes

Worten vermuthen durfte, daß eine gegenseitige Neigung vorhanden sei.

Da Kaid Abu Ssalam entschlossen, seinem Sohne (er hatte ja nur den

einzigen) schon bei Lebzeiten einen Theil seiner Heerden abzutreten, so

war er bald mit Aischa's Vater, dem Abu Thaleb, einig, er bezahlte ihm

200 Duoros, also einen bedeutend höheren Preis[77], als sonst üblich

ist. Es wurde außerdem festgesetzt, daß Aischa drei neue silberne

Spangen (um das Gewand festzustecken), zwei silberne Armbänder, zwei

silberne Fußringe, im Ganzen im Gewichte von fünf Pfund Silber, bekäme,

daß sie zwei Sack Korn, eine neue große kupferne Gidra[78], einen

Teppich von Arbat, im Werthe von 20 Duoros, ein neues Hemd, einen neuen

Haik, ein neues seidenes Kopftuch und eine neue seidene Schürze als

Aussteuer bekäme, daß endlich das Maulthier, auf dem sie hergeleitet

würde, Eigenthum ihres Mannes bliebe. Es war also genau so viel der

Braut an Gegenständen mitzugeben, als der Schwiegervater dem Abu Thaleb

an Geld gezahlt hatte; einer alten Sitte gemäß hatte überdies Aischa

noch für ihren Zukünftigen das Hemd selbst zu nähen, welches er am

Hochzeitstage zu tragen hatte, auch eine rothe Mütze mußte sie ihm

mitbringen, wofür der Bräutigam am Festtage der Braut einen silbernen

Ring und eine Halsschnur von Bernstein überreichte.

Nachdem die beiden Väter dieses unter sich abgemacht hatten, begaben

sie sich zum Kadhi der Uled Hassan, wo alle diese Bestimmungen zu Papier

gebracht und von Beiden unterzeichnet wurden; auch wurde der Tag der

Heimführung der Braut, der Hochzeitstag, bestimmt und Alles dies durch

ein gemeinsames Fötah (Segen, d.h. das erste Capitel des Koran wird

gesprochen) besiegelt.

Abu Ssalam mit seiner Ehehälfte zog sodann eiligst nach Hause, denn da

die Hochzeit schon nach acht Tagen stattfinden sollte, mußten jetzt

rasch die Vorbereitungen zur Festlichkeit gemacht werden. Es mußten die

Einladungen ergehen an nahe wohnende Freunde, Geschenke für die

Geistlichkeit mußten gemacht werden, damit diese den Segen Gottes auf

das neue Ehepaar herabflehe, Lämmer und Ziegen mußten ausgesucht werden

zum Schlachten, und Tag für Tag waren die Frauen der drei Duar

beschäftigt, Kuskussukügelchen[79] zu rollen, denn Hunderte von Personen

waren am Hochzeitstage zu bewirthen.

So nahete der Tag. Einige Tage vorher saß Aischa schon mit umwickelten

Händen und Füßen; denn während sonst die+ Frauen es für genügend halten,

während einer Nacht, um eine rothe Färbung hervorzubringen, ihre

Gliedmaßen in zerstampftes Hennahkraut einzuwickeln, hatte Aischa's

Mutter, um eine recht rothe Farbe hervorzurufen, es für nothwendig

gehalten, dies während mehrerer Tage hindurch zu thun. Ihre Augenlider

wurden mit Kohöl geschwärzt, ebenso die Brauen, und auf ihre Stirn

hatte ihre Mutter ihr ein reizendes Blümchen gezeichnet, während auf die

Außenfläche der rothen Hand verschiedene schwarze Zickzacklinien gemalt

wurden. Ihre Freundinnen und Gespielinnen waren alsdann behülflich, sie

anzukleiden, nachdem Aischa im nahen Flusse ein Bad mit ihnen genommen

hatte. Aber weniger prunkvoll, wie dies die Städterinnen zu thun

pflegen, war das bald geschehen: ein seidenes Tuch um den Kopf

geschlungen, nur mit Mühe das lange hervorquellende Haar zurückhaltend,

welches sorgfältig gekämmt, geölt und geflochten war, ein neues Hemd,

ein neuer weißer Haik, der über den Kopf und um den ganzen Leib

geschlungen wurde, eine seidene Schürze von Fes, das war nebst rothen

Pantöffelchen an den Füßen der ganze Anzug; denn Hosen, Westen, Kaftane

und dergleichen Kleider, wie sie die Städterinnen in Fes, Mikenes oder

einer anderen Stadt tragen, kennen die Töchter eines Zeltes nicht.

Sodann wurde Aischa mit Rosenwasser übersprengt, mit Bochor und Djaui

(Sandelholz und Weihrauch) durchräuchert und in die Kubba auf's

Maulthier gesetzt.

Unter Thränen hatte sie Abschied von ihrer Mutter und von ihren

Freundinnen genommen, denn die Sitte erheischte, daß diese daheim

blieben; nur die männliche Bevölkerung der Uled Hassan und zu beiden

Seiten des Maulthieres zwei ehrwürdige Greise, ihr Vater und ihr Oheim

väterlicher Seits, begleiteten sie. Früh aufgebrochen, waren sie schon

Mittags Angesichts der drei Duar der Beni-Amer, und sobald der Zug

sichtbar war, kamen sämmtliche Leute der Beni-Amer und viele Fremde der

Umgegend, die Pferde hatten, auf sie losgesprengt und bewillkommneten

die Braut durch Flintenschüsse. Der Bräutigam war aber nicht dabei.

Im Duar des Bräutigams selbst angekommen, wurde sie sogleich nach dem

Zelte ihrer Schwiegermutter geführt, und jetzt, unter lauter ihr fremden

Frauen, zeigte sie sich zum ersten Male ihren neuen weiblichen

Verwandten; denn wenn die Frauen des Zeltes auch nicht verschleiert

sind, so war Aischa doch in der Kubba, d.h. in einer Art Käfig, der auf

dem Maulthiere ruhte, hergekommen und war somit allen Blicken entzogen.

Die Frauen verbringen jetzt die Zeit mit Essen und Trinken. Unterdeß

haben sich aber auch die Männer versammelt, sie ziehen vor das Zelt des

Bräutigams, der, in neue Gewänder gehüllt, heraustritt. Sein Kopf ist

vollkommen mit einem Turban umwickelt, nur ein schmaler Spalt für die

Augen ist gelassen. Man heißt ihn ein Pferd besteigen und sodann reiten

Alle aus dem Duar heraus, um ein Lab, d.h. ein Wettrennen mit Schießen,

abzuhalten. Der Bräutigam allein nimmt nicht Theil. Er hält gegenüber

dem Zelte, wo man weiß, daß die Braut mit den übrigen alten und jungen

Frauen sich aufhält, und nimmt so gewissermaßen Angesichts seiner Braut

eine Parade ab. Weder kann er sie sehen, noch sie ihn, denn das Zelt ist

bis auf einige Schlitze dicht zusammengezogen und sein Kopf ist

verhüllt. Endlich ergreift, nachdem Alle schon mehrere Male das Pulver

haben sprechen lassen, Omar ebenfalls eine Flinte, er schwingt sie um

seinen Kopf, er saust davon, macht Kehrt, um im rasendsten Ritte auf's

Zelt seiner Braut loszugehen, und angekommen, drückt er seine Flinte ab,

schwenkt seitwärts, nachdem er noch die Flinte hoch in die Luft

geschleudert und geschickt wieder aufgefangen hat.

Es wird Abend und der Bräutigam wird nach seinem Zelte zurückgeführt.

Nun beginnen allgemeine Schmausereien; aber die Frauen, immer in ihrer

Mitte noch die Braut Aischa behaltend, setzen den Kampf gegen die

Kuskussuschüsseln allein fort, frischen Muth dazu dann und wann durch

eine Tasse stark mit Münze aromatisirten Thee's schlürfend. Die meisten

Männer und Jünglinge essen im Freien, denn die Zelte bieten weder Raum

noch Helligkeit, nur der Bräutigam bleibt allein. Es scheint sich ein

wahrer Wettstreit unter den Gästen im Essen zu entwickeln; aber wenn man

weiß, wie ausnahmsweise und selten in Marokko den Leuten die Gelegenheit

geboten wird, Fleisch zu essen, so kann man sich vorstellen, wie es dann

bei einem Mahle hergeht, wo Fleisch in Hülle und Fülle vorhanden ist und

man seine Höflichkeit und Freude am besten dadurch kund zu geben meint,

wenn man so viel ißt, als man überhaupt nur essen kann.

Die Dunkelheit ist nun völlig hereingebrochen. Da sieht man plötzlich

aus dem Zelte der Frauen einen Zug herauskommen, voran die Braut, sie

allein verschleiert; ihr zur Seite gehen andere junge Mädchen, in der

einen Hand eine Papierlaterne tragend, in der anderen ein mit

Rosenwasser geschwängertes Tuch, womit sie der Braut wohlriechende Luft

zuwehen; andere Frauen, und zwar zunächst die Schwiegermutter Lella

Mariam, folgen, alle haben Laternen. Sie gehen auf das Zelt Omars zu,

der fortwährend allein geblieben war, und da von der anderen Seite auch

die Männer herbeigekommen waren, so ruft Abu Thaleb: "Omar ben Abu

Ssalam, bist Du im Zelte, so erscheine und bezeuge im Namen des einigen

Gottes, daß Du meine Tochter Aischa als Deine Frau aufnehmen und

ernähren willst." Omar erschien und bezeugte es im Namen Gottes. Sodann

ruft sein Vater: "Ich bezeuge im Namen des Höchsten, daß ich an Abu

Thaleb 200 Duro gezahlt habe; hast Du sie bekommen, o Freund?"--"Mit

Hülfe Gottes habe ich das Geld empfangen und laß Deinen Sohn morgen

zeugen, ob die Morgengabe Aischa's richtig ist."--Darauf wurde das Fötah

gebetet und die Mutter Omars, die Braut ihm zuschiebend, schlug das Zelt

über Beide herab, und Omar und Aischa lagen einander in den Armen.

Draußen wurden aber die Schwelgereien im Essen fortgesetzt. Kaid Abu

Ssalam hatte Sänger und Lautenspieler kommen lassen, Tänzerinnen hatten

sich eingestellt, kurz, es fehlte nichts einer, einem so reichen und

mächtigen Kaid würdigen Hochzeitsfeier. Aber stürmischer Jubel brach

los, als einige Zeit nachher Lella Mariam, die Mutter Omar's, die vor

dem Zelte Platz genommen hatte, aufstand und ein Hemd, das der gewesenen

Braut Aischa, durch die Luft schwenkte. Das Hemd enthielt Blutstropfen,

Omar konnte also den sichtbaren Beweis der Jungfräulichkeit seiner Braut

liefern und dieser mußte Allen, die an der Hochzeitsfeier Theil nahmen,

gezeigt werden. Kann dieser nicht beigebracht werden, so ist überhaupt

die Heirath, _wenn der Gatte will_, als nicht geschehen zu betrachten.

Drei Tage dauerten diese Schmausereien, während welcher Zeit aber das

junge Paar meistens allein blieb, um ganz das Glück der ersten Liebe zu

genießen; vielleicht hätte auch Kaid Abu Ssalam die Festlichkeit noch

länger ausgedehnt, da bei sehr reichen Familien acht Tage lang festirt

wird, wenn nicht ein Ereigniß eingetreten wäre, das den Lustbarkeiten

ein jähes Ende setzte.

Wohl durch zu viele Arbeit, die der alte Omar, Vater Abu Thalebs, seinem

Magen aufgebürdet hatte, vielleicht auch durch Uebermaß des sonst

ungewohnten Fleischgenusses, erkrankte er und schon nach einigen Stunden

hatte er aufgehört zu leben.

Sobald man den Tod des alten Omar als sicher constatirt hatte, wurden

alle alten Weiber vor sein Zelt beordert, um das Klagen und Weinen zu

besorgen, während die Männer den noch warmen Leichnam wuschen,

räucherten und in ein neues Stück Kattun einwickelten. Dies dauerte

einige Stunden, sodann wurde eine Tragbahre geholt und der Verstorbene

hinaufgelegt, denn bei den Zeltbewohnern herrscht die Sitte, den Todten

in einen Sarg oder eine Truhe zu legen, nicht. Vier Männer bemächtigten

sich der Bahre und sodann ging es fort in so schnellem Schritte, als

man, ohne zu laufen, nur gehen konnte. Beständig wurde nach einförmiger

Melodie gesungen: =Lah illaha Il Allaha=, und wenn dies etwa

hundert Mal wiederholt worden war, bildete der Satz: =Mohammed ressul

ul Lah= den Schluß, um aber gleich wieder von vorn anzufangen. Alle

zwanzig Schritte lösten sich die Leute im Tragen ab, damit Jeder der

Ehre, den Todten zur letzten Stätte zu tragen, theilhaftig werden könne.

Nach dem Gottesacker der Beni-Amer, der ziemlich entfernt vom Duar

gelegen war, waren aber schon vorher einige Leute geschickt worden, um

die Gruft zu bereiten, und als der Trauerzug ankam, war Alles in

Ordnung.

Ein letztes Fötah wurde gebetet und die Sure: "Sag', Gott ist der

Einzige und Ewige. Gott zeugt nicht und ist nicht gezeugt und kein

Geschöpf gleicht ihm," wurde von allen Anwesenden gelesen[80] und darauf

unter dem Ausrufe: "=Bism Allah=!" (im Namen Gottes) der Leichnam

in die Gruft gelegt. Ein Jeder der Anwesenden warf eine Hand voll Sand

auf den Körper und hierauf wurde durch Hacken die Grube schnell mit Erde

gefüllt. Damit nicht etwa Hyänen das Grab eröffnen könnten, wurden

sodann zum Schlusse schwere Steine über das Ganze gelegt. Zurück wurde

der Weg eben so rasch und ebenfalls unter dem Gesange: "=Lah illaha Il

Allaha=" gemacht. Acht Tage lang mußten außerdem Trauerweiber, die

zum Theil bezahlt waren, klagen und weinen, die Männer aber gingen ihren

gewöhnlichen Beschäftigungen nach, pflegten sich aber auch Abends beim

Trauerzelte einzufinden, weniger um der Vorzüge und Tugenden zu

gedenken, die der verstorbene Omar ben Edris gehabt haben sollte, als um

an der Mahlzeit Theil zu nehmen, die sein Sohn während der achttägigen

Klagezeit allen Mittrauernden spenden mußte. Die Trauer durch besondere

Kleider, z.B. schwarze Gewänder, auszudrücken, ist aber bei den

Zeltbewohnern so wenig Sitte, wie bei den mohammedanischen Städtern.

Daß der Kaid der Uled Sidi Schich die Kränkung nicht ruhig hinnahm, weil

man seine Tochter verschmäht hatte, versteht sich von selbst. Und so

erschien er denn eines Tages mit zwanzig Reitern nach gefahrvollen

Märschen; es gelang ihm auch, eine Nachts außengebliebene Heerde

fortzutreiben. Doch die schnell aufgebotenen Beni-Amer, im Verein mit

einigen Uled Hassan, ereilten die Räuber, ein kurzes Gefecht entspann

sich, einige Kugeln wurden gewechselt. Die Uled Sidi Schich zogen

natürlich den Kürzeren, im Triumphe wurde die geraubte Heerde

zurückgebracht und seit der Zeit lebt Omar zufrieden und ruhig am Ued

Ssebu, lebt wie sein Vater und seine Vorfahren gelebt hatten und wie

seine Söhne und Nachkommen unwandelbar nach denselben Sitten und

Gebräuchen weiter leben werden.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 39 / 40 题