11. Meine Heimkehr aus der Libyschen Wüste.

Schon einen halben Tag vorher, als wir noch inmitten der ödesten

Steinwüste waren, bemerkten wir die Nähe des lebenspendenden Nilthales.

Es war gegen 2 Uhr Nachmittags, und in verschiedenen Gruppen zu Fuß

gehend waren wir den langsamen Kamelen vorausgeeilt; wir unterhielten

uns gerade über die Möglichkeit, noch am selben Abende oder früh am

Morgen an's Nilthal zu kommen, als lautes Gejodel hinter uns ausbrach.

Es waren unsere Diener, die nun heranstürmten und uns auf eine hohe

Dampfsäule aufmerksam machten, die gerade vor uns im Osten majestätisch

gen Himmel aufwirbelte. Sie konnte nur aus einem jener

Fabrikschornsteine herrühren, welche man jetzt in Aegypten, vom Delta an

bis nach Assuom hinauf, als Zeugen einer höheren Kultur antrifft.

Mit erneuertem Eifer eilten wir voran und eine Stunde vor

Sonnenuntergang hatten wir den Rand der Sahara, das felsige Steil-Ufer

des Nil, erreicht. Ja, auf einem erhöhten Vorsprunge konnten wir, in

weiter Entfernung allerdings, den Nil selbst und seinen grünen Rahmen,

die schlanken Palmen, erkennen. Sobald die Kamele herangekommen waren,

wurde dann noch mit Vorsicht der Abstieg ausgeführt, wollten wir doch

vor allen Dingen noch am selben Abende der traurigen Hammada (steinigen

Hochebene) entfliehen und der Wüste für immer Lebewohl sagen.

Aber wenn wir auch die Genugthuung hatten, am Fuße des felsigen Ufers

unsere Zelte aufschlagen zu können, so war es doch zu spät geworden, um

das eigentliche Nilthal, das, welches unter der unmittelbaren Einwirkung

des belebenden Wassers steht, erreichen zu können. Die Schwierigkeiten,

die beladenen Kamele durch die enge, abschüssige Felsspalte

hinabzutreiben, waren so groß, daß es schon dunkelte, als wir unten am

Ausgange der majestätischen Schlucht ankamen. Aber ein prachtvoller

Lagerplatz war es. Da standen unsere Zelte am Fuße der jäh abfallenden

Kalkwände, vor uns öffneten sie sich, der Ausgang winkte uns Leben

entgegen, hinter uns thürmten sie sich himmelhoch auf, eine riesige

Mauer als Scheidewand der ewig todten Sahara vom fruchtbarsten Thale der

Welt. Und nun ging der Mond auf und ergoß sein Licht über unser

malerisches Lager; die Feuer prasselten, behaglich hatten sich die müden

Kamele in den weichen Sand gestreckt und zermalmten langsam ihr

wohlverdientes Futter; die deutschen Diener provocirten jubelnd durch

Revolver und Gewehrschüsse das vielfache Echo, während wir Anderen uns

vor unsere Zelte gesetzt hatten und die Freuden der Nilreise erwogen,

welche wir sicher schon am andern Tage antreten zu können hofften.

Das war unser letztes Lager, unsere letzte Wüstennacht, die gewiß Jedem

von uns unvergeßlich sein wird.

Früher als sonst waren wir am anderen Morgen bereit. Schnell wurden die

Zelte gerollt, die Kamele beladen und vorwärts ging es. Aber so schnell

war dennoch Esneh, wo wir uns einzuschiffen hoffen konnten, nicht

erreicht. Wir waren allerdings im Nilthale, aber noch weit von Esneh,

dessen Palmen noch nicht einmal zu sehen waren. Ein regelrechter

Tagemarsch mußte noch zurückgelegt werden und zwar kein angenehmer, denn

das Thermometer zeigte im Schatten über 30 Grad. Indeß zogen wir immer

längs der fruchtbaren Nilfelder nach Süden und rechts das hohe Ufer bot

in seiner wechselvollen Form Unterhaltung genug, um die Zeit rasch

schwinden zu machen.

Nachmittags erreichten wir denn auch die ersten menschlichen Bauten,

zwar nur Ruinen, aber interessanter Art. Es waren die Reste eines

ehemaligen bedeutenden koptischen Klosters, welches auch heute noch für

die ägyptischen Christen ein berühmter Wallfahrtsort ist. Hierher kam in

der Mitte des vierten Jahrhunderts der Pater Pachomius, ein Held der

koptischen Kirche. Die Kirche des Klosters, eine Rotunde, ist noch gut

erhalten, ja einige Zellen, mit Matten belegt, geben Zeugniß, daß

manchmal Tage lang noch Gottesdienst hier verrichtet wird. Einige in

Stein gehauene griechische Inschriften deuten auf das hohe Alter des

merkwürdigen Klosters hin. Am interessantesten sind aber die hübschen

Mausoleen in der Nähe des Klosters; hier ruhen die Gebeine der

christlichen Märtyrer, welche im Jahre 303 n. Chr. auf Befehl vom Kaiser

Diocletian hingerichtet wurden. Reizende Grabkapellen, deren hübsche

architektonische Formen sich nur vergleichen lassen mit der berühmten

Nekropolis in Chargeh und die um so bemerkenswerter sind, weil sie zu

den wenigen Bauüberresten gehören, welche aus _ungebrannten_ Thonziegeln

errichtet sind.

Jetzt tauchten auch die Gärten von Esneh auf und bald darauf erblickte

man die größeren Gebäude und die schlanken Minarets der Moscheen. Unser

Factotum, Mohammed Daud, hatte ich vorausgeschickt, um uns beim Mudir

anzumelden, und eine halbe Stunde vor der Stadt kam uns auf einem

prächtigen weißen Berberhengste der Unter-Mudir entgegen, um uns

willkommen zu heißen. Zittel und ich waren vorausgegangen und betraten

bald darauf das hübsche Lustschloß des Chedive, unmittelbar am Nil

gelegen.

Sobald wir im Schlosse, welches der Chedive ganz zu unserer Verfügung

gestellt hatte, eingerichtet waren, namentlich Jeder von uns sein Zimmer

in Besitz genommen hatte, stellten sich die Honoratioren der Stadt ein

und im großen Saale wurde Empfang gehalten. Wir aber forschten vor

Allem, ob in Esneh ein Trunk Bier zu haben sei, und siehe da, die Stadt

erwies sich in dieser Beziehung sehr civilisirt, denn bald darauf

standen vermiedene Flaschen Ale auf dem Tische. Seltsames Verlangen,

welches wohl nur der Deutsche, vielleicht auch der Engländer

besitzt--ich glaube, in Esneh ist während der kurzen Zeit unseres

Aufenthalts so viel Bier wie nie vorher verkauft worden.

Das Schloß des Vicekönigs war reizend gelegen, obschon es sich sonst

keineswegs durch architektonische Schönheit auszeichnete. Von Mohammed

Ali erbaut, der fast jeden Winter einige Monate in Esneh zuzubringen

pflegte, zeigt es im Allgemeinen dieselbe Anordnung der viceköniglichen

Palais aus jener Periode, d.h. länglich viereckig ist das innere

Parterre durch ein großes Kreuz getheilt. Sonderbare Vorliebe, welche

die Aegypter für's Kreuz besitzen, denn sogar die berühmte

Mulei-Hassan-Moschee in Kairo zeigt ja, wie ich früher schon erwähnte,

in der Grundform ein Kreuz. In der Bel-Etage war ein großer Saal mit

verschiedenen Zimmern daneben; letztere hatten wir unter uns vertheilt;

der Salon, nach türkischer Sitte nur mit einem Divan, der sich rund um

die Wände zog, möblirt, diente als gemeinsames Speisezimmer und als

Empfangszimmer. Die Teppiche waren überaus schön und auch die

Möbelstoffe, Gardinen etc. waren einst schön gewesen, aber vom Zahne der

Zeit etwas angegriffen.

Ich schlief in der ersten Nacht im Bette Mohammed Ali's, aber in den

folgenden Nächten zog ich mein Feldbett doch vor. In den Wandschränken

der Zimmer fand sich überdies der reichste Vorrath von Leinenzeug,

seidenen und wollenen Decken, Kissen etc., vielleicht seit zwanzig

Jahren unberührt liegend, denn der jetzige Chedive und seine beiden

Vorgänger haben nie in diesem Palaste genächtigt.

Ringsum ist ein reizender Garten, da wetteifern Palmen mit Oliven,

Feigen mit Agaven, Granaten mit Orangen in ewig grüner Pracht, wer am

ersten seine duftenden Blüthen offenbaren soll. Und vor dem Palais

selbst ist, ehe man zu den Fluthen des Nils kommt, ein zweiter schöner

Platz, stets schattig, denn herrliche Lebek-Akazien überwölben ihn.

Unsere Freude, den Nil erreicht zu haben, wieder in civilisirter

Umgebung sein zu können, wurde aber etwas getrübt, weil kein Dampfer, um

uns zu holen, gekommen war. Leider war der Brief, den ich von der

Jupiter-Ammons-Oase aus an unseren Generalconsul in Alexandrien

geschickt hatte, acht Tage später angekommen, durch die unverzeihliche

Nachlässigkeit des arabischen Boten, welcher geglaubt hatte. "Acht Tage

früher oder acht Tage später, was macht das aus?" So fanden wir nur ein

Telegramm vor, welches besagte, es sei Befehl gegeben, uns von Assuan

her eine Dahabieh zu besorgen, da Dampfer des niedrigen Wasserstandes

wegen nicht mehr fahren könnten. Letzteres war nun allerdings eine

Unwahrheit, aber jedenfalls war die Zeit zu kurz geworden, um jetzt noch

einen Dampfer von Kairo zu erwarten.

Wir mußten uns also mit Geduld in unser Schicksal ergeben und Jeder

nutzte die Zeit aus, so gut es ging. Zittel durchforschte noch einmal

die interessanten Schichten des Nilufers, Jordan operirte mit dem

Theodolit, Ascherson suchte mit seinem Diener Korb Pflanzen und Herr

Remelé photographirte im Tempel; nur ich selbst hatte meine Thätigkeit

geschlossen, denn mit der Erreichung des Nils hatte die Reise ihr Ende

erreicht. Aber ganz unthätig war ich auch nicht, lag mir doch ob, unsere

ganze Expedition noch stromabwärts bis zum Mittelmeere zu führen, und da

gab es noch Mancherlei zu besorgen und anzuordnen.

Esneh mit circa 7000 Einwohnern ist günstiger gelegen, als Siut,

insofern als es unmittelbar am Nil liegt, aber dennoch ist letztere

Stadt bedeutend wichtiger für Handel und Wandel. Der jetzige Name Esneh

ist der alte, ursprünglich ägyptische, wie Quatremère und Champollion

aus koptischen Urkunden nachgewiesen haben. Letzterer bringt das Wort

mit =Sna= was auf koptisch Garten bedeutet, in Verbindung. Der

griechische Name Latopolis kommt, wie Strabo (Bd. XVII, S. 817) sagt,

von der Verehrung des Fisches Latos her, dem hier mit Minerva göttliche

Ehre erwiesen wurde. Dies bezeugt der prächtige Tempel, dessen Vorhalle,

unter Mohammed Ali's Regierung bloßgelegt, zu den wohlerhaltensten

Denkmälern gehört, welche Aegypten besitzt.

Im Ganzen genommen liegt Esneh äußerst malerisch auf circa 25-30 Fuß

hohem Nilufer. Der Palast des Chedive, die große Cavallerie-Caserne,

welche jetzt allerdings leer steht und welcher der Verfall droht, das

Mudirats-Gebäude, die Wohnung des Schich el Bled, alle am Nil gelegen,

dann die große Zahl der imposanten und bunt bekalkten Taubenschläge

verleihen der Stadt ein größeres Aussehen, als sie in Wirklichkeit hat.

Ich habe früher schon dieser colossalen Taubenschläge erwähnt; ein

einziger solcher Thurm, viel luxuriöser gebaut, als die danebenstehende

menschliche Wohnung, beherbergt oft 500 und mehr Tauben. Hauptzweck der

Taubenzucht ist die Erzielung von Guano, und Leute in Esneh gaben mir

die Versicherung, daß der Jahresbetrag eines großen Taubenschlags oft

für 40 bis 50 Ducaten Guano betrage. Man sieht also, daß nicht allein

die Gewässer des Nils es sind, welche die fruchtbaren Fluren erzeugen,

sondern daß auch noch durch Dünger nachgeholfen werden muß.

Und da ich doch einmal bei den Tauben verweile, möchte ich hier die

interessante, schon von Darwin mitgeteilte Thatsache hervorheben, daß

die Tauben, um zu trinken, direct in den Nil fliegen; natürlich gehen

sie in so seichtes Wasser, daß sie Grund finden. Aber wie lange wird es

dauern und Gewohnheit, Notwendigkeit und Zuchtwahl werden

zusammenwirken, es werden sich Schwimmhäutchen an den Füßen bilden und

nach 10,000 Jahren oder mehr hat Aegypten vielleicht schwimmende Tauben.

Eine Eigenthümlichkeit hat Esneh noch, welche sich vielleicht in den

anderen ägyptischen Städten auch findet, aber nicht so hervortritt,

nämlich ein ganzes Viertel, wo nur Hetären wohnen. In der Nähe sind

türkische Kaffeehäuser und von da konnten wir die interessantesten

Beobachtungen anstellen. Da sah man eine ganze ethnographische

Musterkarte weiblicher Geschöpfe: hier eine blendend weiße

Deltabewohnerin, vielleicht mit tscherkessischem Blute in ihren Adern,

dort eine pechschwarze Dame aus Fur, hier eine rothe Dongolanerin, dort

eine Fellahin aus dem Nilthal mit goldgelber Haut und großen schwarzen

Augen, hier eine Jüdin, dort eine Christin, hier eine Mohammedanerin,

dort eine Schwarze, welche vielleicht noch Heidin war, kurz, fast alle

Racen, jedes Alter und jede Religion war vertreten.

Wir luden diese zuvorkommenden Wesen ein, uns im Palais einen Besuch zu

machen, aber da erfuhren wir, daß sie aus der Grenze ihres Stadtviertels

ohne besondere Erlaubniß des Gouverneurs nicht herausgehen durften.

Unser Photograph, Herr Remelé, wollte nämlich ein Gesammtbild dieser

ethnographisch interessanten Frauen herstellen. Die Erlaubniß war indeß

schnell erwirkt. Unter Führung des Unter-Mudir und verschiedener

Polizisten erschienen sie Nachmittags, gewiß 30 an der Zahl, im Garten

des chedivischen Palais. Alle waren im höchsten Putze und die Aermste

hatte mindestens 40-50 Goldstücke zu einer Kette vereint um den Hals.

Große goldene und silberne Armbänder, Fußspangen, bunte Kleider,

goldgestickte Schuhe, Alles hatten sie angethan, um möglichst

vorteilhaft zu erscheinen. Natürlich mußte die Sitzung bezahlt werden,

aber es gelang Herrn Remelé doch, zwei höchst gelungene Aufnahmen zu

machen.

Sonst hat die Stadt nichts von Interesse; der Marktplatz, die Buden, die

Straßen sind eng und klein, aber es ist Alles zu haben. Mehrere von

Griechen gehaltene Schenken sind mit leiblichen Bedürfnissen aller Art

wohl versehen.

Doch noch einmal kehren wir zurück zu dem Tempel, der gleich hinter dem

Marktplatze gelegen ist und sicher zu den staunenswertesten Denkmälern

Aegyptens gehört. Dabei kam mir der Gedanke, wie angenehm es für uns

gewesen war, diese alten ägyptischen Bauten immer in aufsteigender Weise

kennen gelernt zu haben. Nachdem wir zuerst auf unserer Hinreise die

ziemlich kunstlos gearbeiteten Hypogeen (Katakomben) von Beni Hassan,

die Grüfte von Siut, gesehen, waren wir zum kleinen Tempel in Dachel,

dann aber zum viel prächtigeren großen von Chargeh gekommen und nun

hatten wir hier ein Werk vor uns, das uns die Pracht und die

Herrlichkeit der ägyptischen Baukunst auf's Vollkommenste

vergegenwärtigte. Leider ist der größte Theil des Tempels noch unter

Schutt, nur der Porticus ist zugänglich. Aber seine gewaltigen

Dimensionen deuten genugsam auf die bedeutenden Bauten hin, welche uns

augenblicklich der neidische Boden zusammengefallener Hütten und Häuser

verbirgt.

24 Säulen, über 33 Fuß hoch, in vier Reihen stehend, mit einer

Peripherie von 16 Fuß jede Säule, lassen in diesem Vortempel nur ahnen,

welche großartige Verhältnisse dahinter liegen. Die französische

Expedition schätzt die Grundfläche des ganzen Tempels auf 5000

Quadratmeter, und Alles ist mit Hieroglyphen und bildlichen

Darstellungen bedeckt. "Könnte ein Steinmetz auch ein Zehntel

Quadratmeter in _einem_ Tage mit solchen Hieroglyphen bedecken, so wären

doch 50,000 Tage zur Beendigung der ganzen Decoration nöthig[60]."

Man sieht überall den Widderkopf des Jupiter Ammon; auch über der Thür,

welche ins Innere des Tempels führt und die vermauert ist, sieht man ein

widderköpfiges Bild. Die Säulen, deren Architrav, die Decke des Tempels

sind alle wohl erhalten und die _erhaben_ gearbeiteten Hieroglyphen im

Innern des Porticus sind von einer Genauigkeit der Arbeit, als ob sie

erst gestern aus der Hand des Künstlers hervorgegangen wären. Warum sind

in dem Innern der Tempel die Hieroglyphen erhaben, an der äußeren Seite

aber meist vertieft gearbeitet? Das sind Fragen, die Einem einfallen;

vielleicht hat ein Brugsch oder Lepsius, oder gar schon Champollion

darauf geantwortet. Ich weiß es nicht, ich verweise daher den, der sich

mit diesen Gegenständen eingehend beschäftigen will, auf die dahin

einschlägige Literatur. Interesse hat eine solche Baute gewiß für

Jedermann; auch der Gleichgültigste muß bewundern und selbst der

blasirteste Mensch muß verstummen unter dem mächtigen Eindrucke dieses

Menschenwerks. Schade, daß die Dunkelheit nicht erlaubt, die

Deckengemälde genauer zu betrachten, wo namentlich ein Thierkreis, durch

die Sauberkeit seiner Arbeit ausgezeichnet, von großem Interesse sein

soll. Ich habe ihn nicht gesehen; die Dunkelheit wird hervorgebracht

durch Schutt, der, fast so hoch wie der Tempel selbst, davor liegt; man

muß mittelst einer Treppe hinabsteigen.

Fünf Tage waren wir in Esneh, von Assuan kam immer noch kein Schiff. Am

vierten Tage aber hatten wir schon einen Entschluß gefaßt. Vertraut mit

den Versprechungen, welche ägyptische Beamte zu machen, aber nicht zu

halten pflegen, hatten wir eingesehen, daß auf eine Dahabieh nicht zu

rechnen sei. "Kairo ist weit und der Chedive thront hoch", denken auch

die ägyptischen Mudire in Oberägypten. Möglich, daß keine Dahabieh in

Assuan zu haben war, möglich, daß man dahin noch gar nicht um eine

solche telegraphirt hatte; genug, es kam keine.

Aber in Esneh selbst fanden sich zwei allerdings kleine, aber doch

taugliche Schiffe, und mit Hülfe des Mudir wurden sie gemiethet. Der

Mudir verstand etwas Englisch und war einer der besten ägyptischen

Provinzialbeamten, den ich noch gesehen hatte: Wie fein und

"=gentlemanlike=" war sein Benehmen gegen das des Siuter Mudir, der

ein ehemaliger Sclave von Abbas Pascha war! Der Mudir von Esneh hatte

aber auch früher an der Spitze der Asisieh-Dampfer-Compagnie gestanden,

er war noch früher See-Capitain gewesen und hatte als solcher die Welt

kennen gelernt.

Auch die anderen Honoratioren der Stadt waren ordentliche Leute. Da war

der Unter-Mudir, ein sehr gefälliger Mann; da war der Medicinalrath, der

etwas Französisch redete, sich auch eine ägyptische Zeitung, die in

französischer Sprache erschien, hielt, sie nur nie las. Er war so

liebenswürdig, sie mir täglich zu schicken, aber ich gestehe, nachdem

ich einige Mal dies Blatt, "=l'Egypte=" genannt, durchgesehen

hatte, stand ich ebenfalls davon ab, es zu lesen. Kann man sich einen

langweiligeren Inhalt denken: einige amtliche Bekanntmachungen, Auszüge

aus den Verhandlungen irgend welcher obscurer französischer

Gesellschaften, irgend ein französischer Sensationsroman und einige

Annoncen. Selbst telegraphische Berichte waren nicht einmal vorhanden

und politische Nachrichten, Leitartikel oder sonstige Raisonnements

fehlten gänzlich. Glückliche ägyptische Beamte, die mit einem solchen

officiellen Blatte abgespeist werden, "=l'Egypte=" ist das Organ

der Regierung.

Da war dann noch der Mufti, der Kadhi, der Schich el Midjelis[61], der

Ukil[62] des Palais des Vicekönigs und einige andere Notablen, die uns

alle Abende einen Besuch machten; aber einen kurzen, das muß ich zu

ihrer Ehre nachrühmen; die langen Sitzungen, wie sie uns von der Behörde

in Dachel täglich aufoctroyirt wurden, hatten wir hier nicht mehr zu

erdulden.

Bezaubernd in gewisser Weise waren auch die Tage in Esneh, so recht

für's =Dolce far niente= angethan. Wenn des Morgens in die offenen

Fenster hinein die sich mischenden Düfte des Jasmin und Orangenbaumes

zogen, wenn die Schwalben ihr jubelndes Zwitschern erschallen ließen und

wir selbst, Zittel und ich, uns auf die Terrasse begaben, um in aller

Ruhe Kaffee zu schlürfen, zu schreiben oder zu lesen,--oder aber, wenn

Abends die Sonne sich hinter die Nilufer gesenkt hatte und nun die

gegenüberliegenden weißlichen Kalkberge in den herrlichsten Farben

geschmückt prangten, der Himmel und der Nil selbst von ganz anderen

Tinten übergossen erschien, als man es je anderswo schauen mag--so

ließen alle diese Bilder Eindrücke zurück, welche nur Der zu würdigen

weiß, der selbst Aehnliches erlebt und gesehen hat.

Mittags hatten wir die Dahabiehen gemiethet, Nachmittags um 5 Uhr

konnten wir schon abfahren. Aber die Dahabiehen sind keineswegs alle von

gleicher Beschaffenheit. Man hat sehr große und schöne, so wie die

europäischen Nilreisenden sich dieselben in Kairo zu einer Reise auf dem

Nil miethen; man hat kleinere für eingeborene Reisende und solche, die

gleichsam für den Waarentransport eingerichtet sind.

Uns standen zwei kleinere zu Gebote, die mit vielen Nachtheilen den

Vortheil verbanden, daß sie schneller fortzubewegen und besonders, daß

sie bedeutend billiger waren, als die großen Dahabiehen. Wir verteilten

uns also in die zwei Schiffchen und zwar so, daß Zittel, Ascherson und

ich mit zwei europäischen Dienern das eine, Herr Remelé und Jordan mit

drei ebenfalls europäischen Dienern das andere Schiff einnahmen.

Räumlich waren letztere besser daran, als wir, denn bei gleich großen

Cajüten waren sie zu Zweien, wir aber zu Dreien. Jedes Schiff hatte

nämlich an seinem hinteren Theile zwei kleine Cabinen; in unserem

bezogen Zittel und ich die eine, Ascherson die andere; letztere diente

zugleich als Speisesaal und als Ort, wo unsere Kisten standen; beide

Cajüten waren durch einen nicht näher zu bezeichnenden Ort getrennt,

dessen unangenehme Einschaltung wir aber dadurch unschädlich machten,

daß wir uns Allen den Zutritt verboten.

Oben auf den beiden Cajüten wurde gesteuert, dort schliefen der Rais,

unsere beiden europäischen Diener und der Schich unserer eingeborenen

Leute. Die Mitte des Schiffes hatte Raum für den Mastbaum, für drei

improvisirte Bänke, welche die sechs Ruderer inne hatten, und unter Deck

war unsere Bagage; ganz am Vordertheile des Schiffes befand sich eine

Art von Küche. Das war die Einrichtung des Schiffes. An Möbeln hatten

wir Feldtische und Stühle von einem Dampfschiffe des Chedive, welches

vor Kurzem bei den Ssilsilla-Bergen oberhalb Esneh gescheitert war.

Unsere eignen Feldstühle waren durch die Reise ganz unbrauchbar

geworden.

An Proviant hatten wir drei Schafe, mehrere Puter, Eier, Mehl, Butter,

Reis, Linsen, Brod, Kaffee, Wein und Bier; in dieser Beziehung waren wir

also wohl versorgt, und um ja zu vermeiden, daß an Bord des anderen

Schiffes nicht Unzufriedenheit ausbräche, theilte ich die Lebensmittel

und Getränke stets so, daß jedes Schiff die Hälfte bekam, trotzdem wir

zu drei Herren, das andere Fahrzeug aber nur mit zweien besetzt war.

Langsam entschwand Esneh unseren Blicken. Es war der erste Abend, den

wir wieder auf dem Nil verlebten, ein herrlicher in jeder Art, und nun

konnten wir auch schon mit ziemlicher Gewißheit vorher berechnen, wann

wir in Kairo, wann wir in Alexandria und wann wir in Neapel sein würden,

besonders Zittel und ich, die wir gemeinsam zurückreisen wollten, wir

gaben uns oft diesem frohen Gedanken hin. Da saßen wir nun oben auf der

Cabine, ein Glas Bier vor uns, schauten auf die in prächtigen Farben

schimmernden Berge, auf die ruhigen Fluthen des Nil, auf die Barken, die

leise darüber hinglitten, auf die friedlichen Ufer, wo hier ein Schäfer

seine Heerde heimtrieb, dort Büffel, die das steile Gehänge

hinanklommen, hier Männer mit Sicheln bewaffnet, Heubündel einheimsend,

hier die jungen Fellahmädchen, die Kühe zum Melken herantreibend,--ein

Bild der Ruhe und des Friedens. Und diese Leute sollen so bedrückt sein,

daß sie kaum mehr das Geld erschwingen können? So fragte ich mich beim

Anblick dieses Bildes. Es leuchtete doch nur Zufriedenheit und Frohsinn

aus aller Leute Gesicht. Hier wurde laut gelacht, dort wurde gesungen.

Wie stimmt das mit den Klagen über unerschwingliche Steuern?

Ach, es ist leider nur zu wahr, in Aegypten giebt es wohl gar keine

Gegenstände mehr, die unbesteuert sind und die Steuern sind wirklich für

das Volk fast unerschwinglich. Die Zufriedenheit und der frohe Sinn, die

ewige Heiterkeit der armen Fellahin erklärt sich nur daraus, daß sie es

nie besser gewohnt waren. Seit mehr als 4000 Jahren immer im

Sclavenjoch, ist es einer Generation am Ende einerlei, ob sie mehr

bezahlen muß, als die andern früher bezahlten. Auch die Väter haben

keine Reichthümer gesammelt und haben, trotzdem sie vielleicht weniger

steuerten, auch nichts hinterlassen.

Was war das? Da tönte von der anderen Barke mit einem Male "Ein lustiger

Musikante marschirte einst am Nil" &c. herüber und hernach noch andere

Lieder. Das Singen ist ansteckend; wir antworteten und so etablirten

sich Wechselgesänge oder auch, wenn die beiden Barken ganz nahe waren,

sangen wir zusammen. Zittel mit seiner wirklich schönen Stimme mußte die

Palme zuerkannt werden,--doch nein, ich übertraf ihn. Denn wenn ich mit

der Kraft meines ganzen Körpers und mit unbeschreiblichem Ausdruck mein

Schnadahüpfln sang, dann folgte immer ein allgemeines "bis, bis, noch

ein Mal!" Ja, wie von einem Niemann oder Betz, wie von einer Lucca oder

Patti (ich vereinige den Zauber und den Schmelz der verschiedensten

Stimmen, einerlei, ob aus männlichen oder weiblichen Kehlen) wurde stets

mein Lied drei oder vier Mal zu hören verlangt.

Die Nächte auf dem Schiffe waren nicht allzu angenehm. Daß Ungeziefer

der verschiedensten Art einheimisch war, sollten wir bald genug

erfahren, aber in unserem Fahrzeuge waren außerdem noch Wasserratten,

die auf lästige Art oft unseren ohnedies nicht festen Schlaf störten.

Ja, eines Nachts sprang eine freche Ratte durch das kleine Fenster

gerade auf mein Gesicht und als ich erschreckt in die Höhe fuhr, mit

einem Satze auf Zittels Kopf, der dicht an meiner Seite schlief. Als sie

auch hier keinen angenehmen Empfang fand, verschwand sie in unserem

Brodkorbe, den sie sich als Lieblingsaufenthalt ausersehen hatte.

Das war die erste Nacht, aber man gewöhnte sich an derartige

Unannehmlichkeiten, und die mächtig wirkende Sonnengluth bei Tage suchte

man durch leichtere Kleidung zu dämpfen, oder es wurde an seichten

Stellen ein Bad genommen, das freilich nur eine momentane Abkühlung

bewirkte.

Wir näherten uns Theben, wo reich die Wohnungen sind an Besitzthum:

"Hundert hat sie der Thor', und es ziehen zweihundert aus jedem,

Rüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren."

So singt Homer, aber ach!--nur Ruinen deuten heute noch auf die einstige

Größe der Stadt, nach der im grauesten Alterthume, wie Herodot uns sagt,

ganz Aegypten genannt wurde.

Pocht nur, ihr modernen Städte und Staaten, auf eure Unvergänglichkeit,

du prahlerisches Rom mit deinen paar Tausend Jahren nennst dich die

"ewige Stadt". Blicke auf Theben zurück, dem nicht einmal der Name

geblieben ist. Ja, es ist traurig, die heutigen Bewohner des Ortes

kennen den Namen Theben nicht. Angesichts der colossalen Ruinen,

Angesichts eines Tempels, in welchem der Dom von St. Peter fünfmal

stehen kann, ahnen sie nicht einmal die Bedeutung und die Macht, die

früher diese Stätte hatte.

Man hätte es sich selbst nie verzeihen können, bei Theben

vorbeizufahren, ohne wenigstens die hauptsächlichsten Denkmäler gesehen

zu haben. "Auf Luxor zu halten!" riefen wir, und siehe da: auf einem

stattlichen Hause unmittelbar am Nil flatterte eine große deutsche Fahne

empor. Auf dem deutschen Consulate hatte man zwei mit deutschen Flaggen

versehene Dahabiehen bemerkt, und da man ohnedies von unserer Ankunft

unterrichtet war, wollte uns der Consul dadurch eine Aufmerksamkeit

beweisen. Des Consuls Salutschüsse wurden von unseren Schiffen sogleich

erwidert und bald darauf legten wir dicht bei seinem Hause vor Anker und

begaben uns hinauf. Ein liebenswürdiger Mann, dieser Vertreter

Deutschlands, dem nur Eins fehlt, nämlich Gehalt, was doch immerhin

nothwendig wäre bei der öfteren Repräsentation und der Gastfreundschaft,

welche dieser freundliche Kopte allen Deutschen erweist. Es wäre dies um

so wünschenswerther, als die Vertreter der übrigen Mächte in Theben,

z.B. die von England, Frankreich und Oesterreich, auch Gehalt beziehen.

Allerdings sind dort keine Deutschen zu beschützen oder sonst irgendwie

deutsche Interessen wahrzunehmen, aber wenn man schon einmal die

Nothwendigkeit eines deutschen Consuls für einen Ort anerkannt hat, dann

soll man ihn auch honoriren.

Es macht einen angenehmen Eindruck, im Hause des Consuls einen

europäisch eingerichteten Salon zu finden, an den Wänden: unseren

Kaiser, den Kronprinzen, die Schlachten mit den Franzosen und

verschiedene Photographien von Deutschen, die Luxor, so heißt dieser

Theil von Theben, wo die Consulate sich befinden, besucht haben.

Hier befindet sich auch das berühmte Fremdenbuch, worin Engländer und

Franzosen unsern Lepsius so begeiferten, indem sie unkluger Weise ihm

die Zerstörung der Ruinen schuld gaben. Kindischere Bemerkungen über die

Trümmerfelder von Theben sind wohl nie geschrieben worden. Sie bedachten

wohl nicht, daß Theben schon zur Zeit Strabo's zerstört war. Strabo

(Bd. XVII, S. 816) sagt ausdrücklich: "Es ist mit Tempeln, die

größtenteils von Chambyses zerstört worden sind, erfüllet und wird

gegenwärtig als kleiner Flecken bewohnt &c." Also schon vor ca. 1900

Jahren war Theben, so wie es heute ist, aber vor ca. 3500 Jahren war es

in seiner Glanzperiode, an Rom dachte man damals noch nicht. Dies

Fremdenbuch wurde von Dümichen, als er unseren Kronprinzen auf seiner

ägyptischen Reise begleitete, an Lepsius geschickt, der es zurücksandte

mit der einfachen Bemerkung, er habe Kenntniß davon genommen. Auf dem

Consulate sind übrigens zwei Fremdenbücher, ein allgemeines und ein nur

für Deutsche bestimmtes. Das allgemeine Album rührt noch aus der Zeit

her, wo der Consul verschiedene andere Nationen gleichzeitig mit

vertrat.

Das Verbrechen von Lepsius bestand in Wirklichkeit darin, daß er viele

der Tempel von Schutt reinigen ließ und zu der Zeit die Erlaubniß

erhielt, gefundene Kunstgegenstände nach Berlin bringen zu dürfen; aber

zerbrochen hat Lepsius nichts. Eine solche Barbarei z.B., wie das

Ausbrechen des Thierkreises aus dem Tempel zu Dendera ist, ist nie von

Deutschen begangen worden. Derselbe ist jetzt im Louvre.

Nach einem kurzen Besuche auf dem Consulate, wo der übliche Kaffee,

Scherbet und Araki geschlürft und ein Tschibuk geraucht wurde, gingen

wir sodann, den Tempel von Luxor zu sehen und ritten darauf nach dem

Heiligthum von Karnak, dem größten Gebäude der Erde, welches jemals

einer Gottheit geweiht war. Da eine Beschreibung dieser Bauten mit ihren

Obelisken, Pylonen und Sphinxen nicht in meiner Absicht liegt, so fahre

ich gleich fort im Berichten unserer Erlebnisse.

Wir waren Abends am Bord unseres Schiffes, schwelgend in der Erinnerung

an jene staunenswerten Kunstwerke längst vergangener Generationen, nicht

vergangener Völker, denn die heutigen Nilthalbewohner sind doch am Ende

nur die Abkömmlinge jener Titanen, welche diese Riesenwerke aufbauten,

deren Kraft und Schönheit wir jetzt täglich zu bewundern Gelegenheit

hatten.

Und der folgende Tag sollte fast einen noch größeren Genuß gewähren: wir

setzten hinüber auf die andere Seite des Nils, auf die linke, um die

Königsgräber, die Memnon-Colosse, das Rameseum mit seinen herrlichen

Bildwerken &c. in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Tag ging damit hin

und dennoch sahen wir keineswegs alle Denkmäler, sondern nur die

bemerkenswerthesten. Dankend muß ich erwähnen, daß uns vom Consulate ein

sehr intelligenter Führer mitgegeben war, ein geborener Schlauberger,

der dadurch die Backschische der Deutschen reichlicher zu fließen machen

hoffte, daß er bei jeder Gelegenheit, und wenn diese auch von einem

Steingemäuer (in Ermangelung eines Zaunes) gebrochen werden mußte, auf

die Franzosen schimpfte, wie er andererseits muthmaßlich nicht

verfehlte, auf die Deutschen zu schimpfen, wenn er Franzosen zu führen

hatte.

Abends vereinigte uns ein solennes Souper auf dem Consulate. Man muß

aber ein solches Essen mitgemacht haben, um über die Zahl der Gänge und

Gerichte einen Begriff zu erhalten. Einigermaßen wird man sich eine Idee

machen können, wenn ich sage, daß drei unserer complicirtesten Diners

zusammengesetzt etwa ein koptisches bilden würden. Um uns besonders zu

ehren und uns ganz in die koptische Sitte einzuführen, hatte der Consul

es auf einer messingenen Riesenschüssel auftragen lassen, und während er

selbst die Honneurs machte, ohne am Essen Theil zu nehmen, bat er uns,

mit den Fingern zuzugreifen. Sein Sohn aber, ein liebenswürdiger junger

Mann, der gut Englisch und etwas Deutsch sprach, nahm Theil an unserem

Mahle. Als ich aber sah, daß einige von unserer Gesellschaft über das

adamitische Essen ungeduldig zu werden anfingen (der Gang nach den

Königsgrüften war ganz danach gewesen, den Appetit mehr als gewöhnlich

zu reizen), bat ich den Consul, Messer und Gabeln bringen zu lassen, und

nun ging es rascher von Statten. Aber fast hätte man sich diese wieder

weggewünscht, denn es folgten so viele Gerichte, so viele Speisen, daß

es kaum möglich war, von allen auch nur zu kosten. Rothwein, Champagner,

dann und wann ein Gläschen Araki, um den Magen zu schnellerer

Bewältigung der Speisen zu reizen, bildeten das Getränk und am Schlusse

selbstverständlich eine Tasse Mokka mit dem Tschibuk.

Es war schon dunkel, als wir dankend vom Consul Abschied nahmen, uns an

Bord begaben und noch am selbigen Abend abfuhren. Da erleuchteten, als

wir dem Consulate gegenüber waren, bengalische Flammen sein Haus und

gluthübergossen zeigte sich daneben der Tempel von Luxor mit seinem

hohen Obelisk, dessen Bruder jetzt auf dem Concordienplatze in Paris

steht. Flinten- und Revolverschüsse tönten dazwischen als Gruß für uns

in die Heimath. Aber diesmal konnten wir den liebenswürdigen Consul

überbieten, denn wir hatten noch viel Magnesiumdraht übrig behalten: wie

durch Zauber erhellten wir die ganze Gegend mit sonnengleichem Lichte,

noch einmal sahen wir den Karnaktempel, Medinet Abu, die Memnonssäulen,

das Rameseum und alle die Herrlichkeiten der alten hundertthorigen Stadt

und dann war lautlose Stille und tiefschwarze Nacht hüllte uns ein,

selbst die Ruderer sangen nicht, sondern trieben durch leise

Ruderschläge die Schiffe gen Norden.

Nachts kamen die Schiffe meistens auseinander; das, worauf Jordan war,

hatte, weil es kleiner war, zwei Ruderer weniger; der Rais (Capitain)

schlief gern, das Fahrwasser schien er nicht zu kennen, so daß es häufig

aufrannte, aber des Morgens kamen wir doch immer wieder zusammen.

Unser Botaniker Abu Haschisch erwarb sich, wie überall in den Oasen, so

auch bei unseren Matrosen, schnell die Sympathie derselben; sie hatten

ein Gedicht auf ihn gemacht und unterließen nicht, ihn mehrere Male

täglich zu besingen. Da war in ihrer Poesie von einem Garten, von

Granatblüthen, von Pflanzen, von einem Quell die Rede, und namentlich

wurde in gebundenen Worten sein Hemd besungen, welches diese Ehre durch

einen ungeheuren Tintenklecks erworben hatte. Am Tage war nämlich die

Hitze so groß, daß wir Alle, wie schon erwähnt, in einem möglichst

leichten Costüm auftraten.

Hatten wir in Theben das großartigste der ägyptischen Baukunst

betrachten können, so bot uns Dendera Gelegenheit, den Triumph der

griechischen und ägyptischen Architektur zu bewundern; denn der

Denderatempel, vollkommen von Schutt befreit und in allen Theilen

erhalten, ist das Vollendetste, was von den neueren ägyptischen

Bauwerken noch erhalten ist.

Sodann fuhren wir ohne weiteren Aufenthalt (nur in Girgeh wurde eine

Stunde angehalten, um Proviant einzunehmen) nach Siut, von wo aus unsere

Expedition abgegangen war. Obgleich wir in früher Morgenstunde, um 6

Uhr, landeten, war Herr Khaiat, des deutschen Consuls Sohn, schon in

Homra, dem Hasenplatze von Sint. In der Erwartung, daß wir kommen

würden, hatte er die ganze Nacht dort zugebracht. Hier hatten wir einen

längeren Anfenthalt, Jordan hatte noch eine astronomische Messung zu

machen, sodann waren noch sämmtliche Kisten, unsere Sammlungen

enthaltend, an Bord zu nehmen. Während der Zeit ließ es sich das

Consulat nicht nehmen, ein Frühstück zu arrangiren. Dem Consul und

seinem Sohne, welche von der koptischen zur reformirt-koptischen Kirche

übergetreten sind, pflichten wir den größten Dank. Während der ganzen

Expedition haben Beide mit unermüdlicher Sorgfalt mit uns Verbindung

gehalten, unsere Post besorgt, uns Lebensmittel und Alles, was sonst

nöthig war, nachgeschickt. Ohne sie wäre der Verlauf der ganzen

Expedition keineswegs so zusammenhängend und ohne Störung von Statten

gegangen.

Durch ihre Vermittlung gelang es uns auch, die Erlaubniß zu bekommen,

uns einem Dampfer eines Pascha's anhängen zu dürfen, zwar nur bis

Monfalut, aber wir gewannen dadurch doch bedeutend an Zeit. Und dann

erreichten wir bald mit günstigem Chamsin-Winde[63] Rhoda, die

südlichste Eisenbahnstation. Abends dort angekommen, gelang es uns noch

am selben Tage, alle unsere Bagage auszuladen und in einem Gepäckwagen

der Eisenbahn zu verpacken. Der Chedive hatte uns bereitwilligst freie

Fahrt bis Kairo bewilligt. Die Nacht, welche wir in zwei Zimmern des

Stationsgebäudes zubrachten, gehörte allerdings nicht zu den

angenehmsten: Schnaken und tausend Insecten plagten uns derart, daß an

Schlaf nicht zu denken war.

Anderen Tages fühlte man sich fast wie in Europa; die Eisenbahn hat

etwas eigenthümlich Heimisches; da, wo das Dampfroß schnaubt, glaubt man

schon mit einem Fuße wieder in der Heimath zu sein, und in der That, von

Rhoda aus steht man ja mit jedem größeren Orte Europas, ja der ganzen

Welt in ununterbrochener Dampffahrt-Verbindung. Vorsorglich hatte ich

Herrn Friedmann, dem Besitzer des Nil-Hôtel, telegraphirt, uns Wagen an

der Station Giseh bei Kairo bereit zu halten; wir fanden solche auch und

im Trapp ging's dann nach der Chalifenstadt hinein, durch die schöne

neue Allee von Lebeckbäumen, die, wie durch Zauber entstanden, von Kairo

bis zu den Pyramiden führt, über die neue Brücke und dann direct ins

Nilhôtel, den sichersten Hafen für Reisende, welche, wie wir, so lange

den civilisirten Genüssen fern gestanden hatten.

Und wie sahen wir aus! Als wir das Hôtel betraten, riefen mir zwei

Amerikanerinnen "=shocking, shocking=" entgegen und flohen in den

Gartenpavillon. Vor einem Spiegel sah ich denn auch, daß ich keineswegs

ein gesellschaftsmäßiges Aussehen hatte; Schweiß, Staub und Hitze von

der Eisenbahnfahrt hatten mein Gesicht, das ohnehin verbrannt war, zu

einem Mohrenantlitz gestempelt, in allen möglichen dunkeln Farben

schillernd. Ein Bad brachte jedoch Alles in Ordnung und Abends bei der

=Table d'hôte= fand unsere ganze Reisegesellschaft einen

freundlichen Empfang.

Ueber meinen Aufenthalt in Kairo habe ich diesmal nicht viel zu sagen.

Natürlich wurden wir vom Chedive wieder in Audienz empfangen, auch war

abermals eine Sitzung des Institut =Égyptien= und Gesellschaften

bei unseren Freunden--uns aber zog es, je näher wir Europa kamen, desto

mächtiger der Heimath entgegen.

Zittel's und mein ursprünglicher Plan, unsere resp. Frauen nach Cairo

kommen zu lassen, mußte aufgegeben werden. Die Hitze und der Staub waren

nun schon so unerträglich, daß die Damen von einer solchen Reise keine

Annehmlichkeit und keinen Genuß gehabt hätten, aber dafür gaben wir uns

in Neapel Rendezvous. Und nachdem alles Geschäftliche abgewickelt war,

ging es in Alexandria an Bord. Zittel und ich hatten uns für das

französische Boot entschieden, aber es war so übervoll, daß wir keine

Cabine bekommen konnten, sondern uns blos mit einem Platze erster Classe

ohne Bett begnügen mußten. Das war freilich schlimm, denn es standen uns

noch immerhin vier Nächte bevor. Zittel eroberte sich indeß eines der

zwei Sophas und ich begnügte mich mit einem Seitentische oberhalb seines

Lagers. Eine eigenthümliche Gesellschaft war am Bord dieses Dampfers,

ein Abbild des heutigen Franzosenthums. Mit Ausnahme von einigen

Amerikanern und uns bestand die ganze Passagiergesellschaft aus

Schauspielern, Pfaffen und Pfäffinnen--Kirche und Theater.

Da war ein Kapuzinermönch, da waren Augustiner, Dominikaner und einige

Weltgeistliche, im Ganzen, mit einem protestantischen Reverend, vierzehn

heilige Leute; da waren Schwestern vom heiligen Herzen Jesu und andere

auffallend gekleidete Nonnen; den ganzen Tag hatten sie ein kleines

Brevier in der Hand und den unvermeidlichen Rosenkranz, welchen

Buddhisten, Mohammedaner und Katholiken in brüderlicher Liebe

gleichmäßig als Gebetzähler adoptirt haben.

Nicht so langweilig wie diese augenverdrehende Gesellschaft war das

lustige Theatervölkchen, ja eines Abends hatten wir sogar den Genuß, von

einer der Damen, mit Begleitung des am Bord befindlichen Pianos, hübsche

Lieder vorgetragen zu hören. Nirgends ist man auf dem Mittelmeere besser

aufgehoben, als an Bord der französischen Messagerie nationale[64]. Die

Officiere wie der Capitain sind meist gebildete, liebenswürdige Leute

und, bei der weltverbreiteten Bedeutung dieser französischen Dampfer,

sind sie frei von jener krankhaften Neigung, in jedem Deutschen einen

Feind zu sehen. Die Cabinen sind vortrefflich und jede nur zu zwei

Betten eingerichtet. Die Küche vorzüglich, ebenso die Getränke.

Wir hatten die Annehmlichkeit, an einem kleinen Tische allein zu

speisen, nur zwei Yankees, die Erbauer der Pacific-Bahn, ein

ägyptisch-arabischer Kaufmann, ein Jude und der katholische Patriarch

von Jerusalem waren unsere Genossen. Man kann sich denken, daß da die

Unterhaltung eine äußerst mannigfaltige war, wenngleich die

Verschiedenartigkeit der Sprachen bisweilen wohl etwas hindernd

erschien.

Die Fahrt durch die unvergleichlich schöne Meerenge von Messina, die

Einfahrt in den Busen von Neapel werden für Jeden von uns gewiß

unvergeßlich sei. Da ankerten wir nun im Angesichte der stolzen Königin

des Mittelmeeres, ungeduldig des Zeichens gewärtig, das Schiff verlassen

zu dürfen. Eifrig suchten wir unter den hundert kleinen Booten, die den

Dampfer umkreisten, ob nicht in einem unsere Frauen sein könnten. Aber

vergebens, keine blonde Dame war unter ihnen. Hier war ein Boot mit

hübschen schwarzen Damen, auf Verwandte wartend, dort waren Hôteldiener,

um Fremde zu angeln; hier hatte ein Policinello in schaukelnder Jolle

sein Theater aufgestellt, hier trillerte ein Leierkasten, dort kam ein

Schiff mit Mönchen, ja es drängte sich sogar eine ganze Musikbande

heran; aber so sehr wir auch suchten, unsere Frauen waren nicht

erschienen.

Endlich erlaubte man uns, an's Land zu gehen. Die italienische Douane

war höflich und nachsichtig, und in schneller Fahrt eilten wir zum

=Hôtel de Russie=, =vis-à-vis= von St. Lucia unmittelbar am

Golf gelegen. Aber eine neue Enttäuschung erwartete uns: "Zwei Damen

logiren hier nicht," sagte uns der Portier.--Aber eine genauere

Nachforschung Zittel's brachte uns die Gewißheit, daß am Abend vorher

unsere Frauen angekommen, doch momentan spazieren gefahren seien. Man

kann sich unsere Ungeduld denken, die indeß eine nicht zu lange Probe

zu bestehen hatte; denn kaum hatten wir Jeder unser Zimmer bezogen, als

mächtig große Camelien-Bouquets hineingeworfen wurden und gleich mit

ihnen die Frauen hereinstürmten. Ein Wiedersehen nach fünfmonatlicher

Trennung kann Jeder, der verheirathet ist, sich ausmalen, zumal wenn so

weite Räume, so beschwerlich zu durchziehende Gegenden von der Heimath

einen entfernten.

Ich verweile nicht bei Neapel, wo an einigen angenehm verlebten Tagen

die Reize dieser bevorzugten Stadt uns den freundlichsten Empfang auf

europäischem Boden bereiteten. Die Chiaja, das neue zoologische Institut

unter der Direction des Deutschen Dorn[65], eines hervorragenden

Gelehrten, Sorrent, Capri und Abends unter den Fischerhallen von St.

Lucia bilden unverwischliche Glanzpunkte Neapels. In Pompeji war ich mit

Baron v. Keudell, einer alten Bekanntschaft von mir, zusammengetroffen;

Se. Excellenz lud mich freundlich ein, ihn in Rom zu besuchen. Der

Einladung folgend, traf es sich aber so unglücklich, daß wir an dem

Abende, wo meine Frau und ich den Vorzug haben sollten, bei ihm

zuzubringen, nicht zu Hause waren, da wir die Einladung zu spät erhalten

hatten; am anderen Morgen vor der Abreise hatte ich indeß Gelegenheit,

die prachtvolle Wohnung der deutschen Gesandtschaft auf dem Capitol zu

bewundern. Herr v. Keudell zeigte mir selbst die Räumlichkeiten, den

Garten und die köstliche Aussicht.

"_Nach Deutschland_" drängte es immer lebhafter in mir, und nur in

Mailand, der Stadt des Marmor-Doms, hatten wir dann noch einen

eintägigen Aufenthalt. Im Hôtel Reichmann fanden wir eine ganz

freundliche Aufnahme, und wenn dies Hotel eine kleine Weile seinen

Nimbus einbüßen konnte, so ist derselbe seit Kurzem wieder hergestellt.

Herr Reichmann =jun.= verwaltet jetzt auf's Ausgezeichnetste dies

von den Deutschen am liebsten besuchte Hôtel.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 37 / 40 题