10. Kairo, Hauptstadt von Aegypten.

Ehe wir die Beschreibung von Aegyptens Hauptstadt unternehmen, kehren

wir zur Vergangenheit zurück und besonders auch kümmern wir uns um die

Etymologie des Namens der Stadt selbst. Die modernen Völker haben alle

mehr oder weniger eine gleiche Benennung. Wir Deutsche schreiben Cairo

und Kairo und sprechen Kairo oder Kaïro; die Franzosen sagen und

schreiben. =Caire= oder =le grand Caire=; die Engländer

schreiben Cairo, ebenso die Italiener, welche aber Kaïro sprechen. Der

gemeine Mann Aegyptens weiß aber von "Kairo" nichts, denn selbst das

Wort "=el Kâhira=", die Unterjocherin[50], welche Veranlassung zur

Bildung des Wortes Kaïro gewesen, ist nur den Gebildeten bekannt. Das

Volk der Hauptstadt, sowie die Eingeborenen des Landes nennen die Stadt

Masr. Auch dieses Wort finden wir von den Europäern auf die

verschiedenste Art geschrieben: Masr, Misr, Messr, Masser, Messer und

noch einige andere Schreibarten.

In der nachfolgenden Erklärung dieses Namens folge ich durchaus der

Auseinandersetzung des gelehrten Orientalisten Wetzstein in Berlin, der

die Güte hatte, mir seine bezüglichen Forschungen hierüber mitzutheilen,

die um so werthvoller sind, weil sie zum Theil neue Gesichtspunkte

eröffnen und vollkommen originell sind.

Wetzstein sagt: Die Hauptstadt Aegyptens heißt bekanntlich im Lande

selbst Misr[51]. Da nun dieser Name ursprünglich der Name des ganzen

Landes ist, denn schon im alten Testamente hieß Aegypten Misraim, so hat

man hier eine Uebertragung des Landnamens auf die Landeshauptstadt zu

constatiren; =medinat Misr=, die Hauptstadt Aegyptens, ist also zur

Stadt Misr geworden. Für eine solche Uebertragung bietet die

geographische Nomenclatur der Araber viele Beispiele. Hier nur einige:

Syrien hieß bei den Arabern der Halbinsel schon in den ältesten Zeiten

Schâm, d.h. das Nordland, und sein Hauptmarkt, bis wohin die arabischen

Karavanen gingen, war in vormohammedanischer Zeit Bosrâ, die Hauptstadt

Haurân's; eine Reise nach Syrien war also in der Regel für die Araber

gleichbedeutend mit der Reise nach Bosrâ. Daher heißt bei ihnen in jener

Zeit Bosrâ immer Schâm im Sinne von "Markt" von Schâm (Syrien). Als nun

in den ersten Jahrhunderten des Islam Bosrâ verödete und die Karavanen

bis Damask gehen mußten, ging die Benennung Schâm naturgemäß auf die

Stadt über, so daß der Name Damaskus vollständig unterging[52] und

Schâm seitdem zugleich Syrien und Damask bedeutet. Nur blieb an den

Ruinen von Bosrâ noch der Name Alt-Schâm (türkisch: Eski-Schâm) haften.

Ein anderes Beispiel: Die Hauptstadt von Bahrein, d.h. von dem

nordöstlichen Küstenstriche der arabischen Halbinsel, war im Alterthum

der berühmte Handelsplatz Gerrha (arabisch H'gér), der Ausgangs- und

Zielpunkt der aus und nach Bahrein expedirten Karawanen. Auch dieses

Emporium verlor unter den Arabern seinen Eigennamen und nahm den des

Landes Bahrein an.

Dasselbe geschah mit der alten Hauptstadt Jemâma, dem heutigen

Wahabiten-Reiche, westlich von Bahrein. Sie hieß Hagr; aber die

arabischen Geographen erwähnen selten diesen Namen. Meistens nennen sie

die Stadt entweder Medinat-el-Jemâma oder geradezu Jemâma, wie das Land

selbst. Diesen Beispielen fügen wir noch die Stadt Ramla (bei Lydda)

bei, welche bis zum Beginn der Kreuzzüge von großem Umfange und

Hauptstadt der Provinz Felistin (damals Westpalästina) war; sie wird in

den arabischen Schriften jener Zeit geradezu Felistin im Sinne von

"Hauptstadt Palästina's" genannt. Liest man, Jemand habe in Felistin

übernachtet, oder von Felistin nach Jâhâ oder Jerusalem sei eine

Tagereise, so ist immer Ramla gemeint.

Diese Bezeichnungsweise ist oft verwirrend und kann das Verständniß

einer geographischen oder historischen Angabe erschweren. Entstanden

wird sie sein durch die Redeweise der Karawanen, insofern z.B. die aus

Arabien abgehende Kâfilat-Misr, Karawane von Misr, immer zugleich die

nach dessen Hauptstadt dirigirte war, und man darf annehmen, daß Misr

schon Jahrhunderte lang _vor dem Islam_ bei den Arabern jene doppelte

Bedeutung hatte.

Uebrigens wäre auch folgende Erklärung denkbar: Unter den Ptolemäern

entstand zwischen Heliopolis und Memphis ein Waffenplatz, der

wahrscheinlich das volkreiche Memphis im Zaume halten sollte und zur

Erinnerung an Alexander's Feldzug in Asien Babylon genannt wurde. Nach

und nach verödete Memphis, indem es einen kleinen Theil seiner

Bevölkerung und seines Baumaterials an dieses Babylon abgab, welches in

den ersten Jahrhunderten der christlichen Aera (abgesehen von

Alexandrien) der Hauptort Aegyptens geworden zu sein scheint. Denn als

des Chalifen Omar's Feldherr ='Amr-ibn-el-'À[s,]î= im Jahre 19 der

Higra Babylon erobert hatte, befand er sich thatsächlich im Besitze des

ganzen Landes und brauchte nur noch Alexandrien zu erobern. Dieses

Babylon hieß nun zum Unterschiede von der berühmten gleichnamigen Stadt

am Euphrat "das ägyptische Babylon", Bâbeliûn Misr, welche Bezeichnung

sich, da die Araber lange Ortsnamen hassen, in Misr verkürzte, so daß

Land und Landeshauptstadt gleichnamig wurden. Doch ist die =primo

loco= gegebene Erklärung dieser unbedingt vorzuziehen.

Die übrigen Namen der Hauptstadt Aegyptens anlangend, so hieß dieselbe

in den ersten Jahrhunderten des Islam el Fostât aus folgender

Veranlassung. Als der vorerwähnte ='Amr-ibn-el-'À[s,]î= Babylon

belagerte, stand sein Lager an der Nordseite der Stadt, und um sein

Zelt, welches el Fostât hieß, bildete sich nach und nach eine

Baracken-und Hüttenstadt, die sich erhielt und vergrößerte, da ein Theil

des Lagers auch nach Eroberung der Stadt stehen blieb. Diese nomadische

Niederlassung verwandelte sich nach und nach in eine Vorstadt Babylons,

die nach ihrem Mittelpunkte dem ehemaligen Feldherrn-Zelte, el Fostât

genannt und deren Name allmälig auf die ganze Stadt angewendet wurde, so

daß die alte Benennung Babylon außer Brauch kam. Doch findet man sie

noch bei den Geographen, welche sie bald Babeljûn, bald Hisn-el-Iûn

(Festung des Iûn) schreiben, indem die erste Silbe, welche man für das

arabische =Bab= Thor hielt, wegfiel.

Der Name el Fostât wurde seit der Occupation Aegyptens durch den

Fatimiten =el Moizz li-din-Allah= (369 d.H.) verdrängt. Als Ganhal,

sein Feldherr, mit dem westafrikanischen Heere vor die Hauptstadt

rückte, ging er mit der Bevölkerung den Vertrag ein, daß seine Soldaten

die Stadt selbst nicht betreten, sondern außerhalb derselben in Baracken

und Zelten untergebracht werden sollten. Dieses Lager, welches sich wie

350 Jahre früher dasjenige des ='Amr-ibn-el-'À[s,]î= allmälig in

eine militärische Colonie verwandelte und zugleich die Unterwürfigkeit

der Stadt gewährleistete, erhielt den Namen el Kâhira "die

Unterjocherin", der sich gerade wie früher el Fostât der ganzen Stadt

mittheilte.

Man unterscheidet bis auf den heutigen Tag die Stadttheile el Kâhira, el

Fostât und das ursprüngliche Misr. In amtlichen Acten, bei denen es auf

Genauigkeit der Ortsangaben ankommt, heißt die Stadt Kâhirat Misr "Kairo

in Aegypten", oder auch Misr el Kâhira, was der gewöhnliche Mann als die

"siegreiche Stadt Misr" deutet.

Indem wir so der Auseinandersetzung des gelehrten Orientalen folgten,

fügen wir noch hinzu, daß Wetzstein etymologisch das Wort Misr

simitischen Ursprungs erklärt und sich der Ansicht zuneigt, es bedeute

"die beiden eingeschlossenen Länder", nämlich Ober- und Unter-Aegypten.

Wetzstein meint nämlich: "gehöre diese Benennung ursprünglich einer

altägyptischen, d.h. einer Ruschitischen Sprache an, so ließe sich

nichts über ihre Bedeutung sagen, denn das Koptische sei ein zu

verkommenes Idiom und das Hieroglyphische mit seinen Schwestern eine zu

unbekannte Sprachform, als daß sie Aufschlüsse geben könnten."

Genug! Wenn auch nicht an derselben Stelle gelegen, wissen wir und

müssen das festhalten, daß die heutige Hauptstadt der Aegypter bei den

Alten Babylon (bei den lateinischen Schriftstellern Babylonia), bei den

ersten Arabern Fostât hieß und daß sie heute bei den Europäern mit den

verschiedenen Variationen Kairo, bei den Aegyptern selbst Masr genannt

wird. Die Namen Masr el-kahirah als Neustadt oder Masr el-attica als

Altstadt haben nur officiellen Sprachgebrauch erlangt.

Man hat behaupten wollen, die Vorgängerin Kairo's, die Stadt Memphis,

sei günstiger gelegen gewesen, als die jetzige Hauptstadt Aegyptens. Ich

wüßte nicht, worauf man dieses Urtheil stützen wollte. Der natürlich

vortheilhafteste Platz wäre wohl an der Spitze des Delta's selbst

gewesen, aber die Entwicklung der Stadt selbst zeugt, daß man keineswegs

eine ungünstige Position zur Anlage einer Stadt gewählt habe. Es ist

heute freilich leicht zu sagen, die und die Stadt hat eine äußerst

günstige geographische Lage. In unserer Zeit der Eisenbahnen, der

Kunststraßen, der Kanäle &c. überläßt man sich gar zu leicht der

Ansicht, die natürliche Lage der Stadt habe das Blühen und Gedeihen

derselben verursacht, wenn es doch nichts Anderes war als eben jene

modernen Kunstmittel.

Kairo liegt auf dem 30º 2' 4'' N.B. und auf dem 28º 58' 30'' O.L. von

Paris. Die Erhebung der Stadt über dem Meere beträgt durchschnittlich 13

Meter; obschon einzelne Stadtteile höher sind, so liegt die

Hassan-Moschee 30 Meter höher, als der Spiegel des Mittelmeeres.

Die mittlere Jahrestemperatur ist 23º C. Selten fällt im Winter der

Thermometer unter 10º und steigt nur während der Zeit der Chamsinwinde

auf über 40º. Während früher feuchter Niederschlag zu den Seltenheiten

gehörte, hat man die Beobachtung gemacht, daß jetzt mit jedem Jahre die

Regenfälle im Zunehmen begriffen sind; offenbar Folge der so sehr

vermehrten Baumpflanzungen in der Stadt selbst und in der nächsten

Umgebung derselben. Aber es liegen noch keine bestimmten Daten hierüber

vor und so heben wir eben nur die allgemeine Thatsache hervor.

Obschon man wegen der immerhin bedeutenden Hitze nicht sagen kann, daß

Kairo ein angenehmes Klima habe, so kann man doch auch keineswegs

behaupten, es sei eine ungesunde Stadt. Im Sommer pflegen wegen der

unerträglichen Hitze die dort wohnenden Europäer, auch der Hof, die

ersten Würdenträger und reiche Eingeborene die Stadt zu meiden. Im

Winter hingegen ist sie Aufenthaltsort zahlreicher Reisender und noch

zahlreicherer Kranker, welche dort Herstellung ihrer Gesundheit zu

finden hoffen. Namentlich für Schwindsüchtige wird die Luft Kairo's und,

wie es scheint, mit Recht, empfohlen. Die sogenannte ägyptische

Augenkrankheit eine Entzündung der Schleimhaut, der Conjunctiva des

Auges, sowohl des Augapfels, als auch der Augenlider, welche ansteckend

und in Aegypten endemisch ist, eine seit Hippokrates Zeit bekannte

Krankheit, wurde durch die französische Invasion unter Napoleon I. und

durch die Engländer nach Europa gebracht; indeß befällt sie

erwiesenermaßen Europäer weniger, als die Eingeborenen und Letztere

werden besonders davon afficirt, weil sie nicht durch größte

Reinlichkeit die fortwährenden schädlichen Einwirkungen des Staubes, von

dem die Luft stets geschwängert ist, unwirksam machen. Und zwar wirkt

der Staub, der unmittelbar in den Straßen aufgewirbelt wird und aus den

kleinsten Partikeln zersetzter organischer Stoffe besteht, ebenso

schädlich, als der kaum sichtbare Staub der Samum-Winde. Woran die

Europäer am meisten leiden, das sind Krankheiten der Leber und der Milz,

letztere zum Theil hervorgerufen durch tertiäre Wechselfieber, und sind

erstere radical nur zu heilen durch Ortsveränderung, durch Rückkehr nach

Europa. Die Pest kommt seit Jahren nicht mehr in Kairo vor und die

Cholera eben auch nicht häufiger, als in Europa.

Kairo ist eine unbefestigte Stadt, denn was die Kâsbah betrifft, welche

ursprünglich zur Verteidigung der Chalifenstadt diente, nebst hohen

Mauern, welche im Mittelalter die Stadt umfriedigten, so ist erstere

längst ihres Festungscharakters beraubt, letztere aber sind geschleift

und abgetragen worden, oder in Ruinen zerfallen. Jedoch zahlreiche

Mauern im Innern der Stadt, ehemals äußere Stadtmauern, zeugen von der

beständigen Umwandlung und Vergrößerung der Stadt, sowie die jetzige

äußere Mauer ebenfalls schon inmitten der Hauptstadt sich befindet.

Heute ist es kaum noch gestattet, von Masr el Kâhirah, von Masr el

Attika, von Bulak u.s.w. als unterschiedlichen Städten zu reden,

namentlich wird es ebenso falsch sein, zu sagen, Bulak sei als _Hafen_

Kairo's von dieser _Stadt_ zu unterscheiden, sowie man Unrecht hätte,

Moabit nicht zu Berlin zu rechnen. Heute liegt in der That Kairo am Nil:

Bulak ist ein Stadttheil der Hauptstadt geworden. Höchstens darf man

jetzt noch den Unterschied zwischen _dem_ Stadttheile machen, der seinen

_morgenländischen_ Charakter bewahrt hat und dem, der ganz _europäisch_

ist.

Der erste Stadttheil, der sich an die Citadelle lehnt, welche selbst auf

einem der äußersten Ausläufer des Mokattam-Gebirges gelegen ist, den man

unter dem Namen Chalifenstadt begreifen kann, ist ein großes Labyrinth

krummer und enger Straßen, oft durch Ueberbauten dunkel und so

unscheinbar, daß man meinen sollte, man befände sich in einer Gasse des

Hauptortes der Oase des Jupiter Ammon. Hier kennt man kein Pflaster,

hier giebt es Abends keine Beleuchtung, geschweige denn von Gas zu

reden; zahlreiche Sackgassen nötigen den nicht Eingeweihten, stets auf

seine Schritte zurückzukommen, vom Eintritt eines bestimmten Platzes an

bis zu einer bestimmten Grenze wird der Fremde, passirt er Nachts diesen

Stadttheil, von einer klaffenden Meute hungriger Hunde verfolgt, welche

wild und herrenlos, wie sie sind, doch unter sich eine genaue

Besitzeintheilung hergestellt haben der Art, daß immer ein Theil eines

Quartiers oder einer Straße von einer Meute besetzt gehalten wird, die

auf's Eifrigste über die Unverletzlichkeit ihres Territoriums wacht.

Wehe dem Fremden, der Nachts ohne Stock durch eine von diesen wilden

Bestien bewachte Straße geht, namentlich wenn er ein Ungläubiger und in

europäischer Tracht ist; aber noch mehr wehe, wenn einer ihres Gleichen,

ein fremder Hund, sich unter sie verirren sollte, er ist unrettbar

verloren, gelingt es ihm nicht, auf sein eignes Gebiet zurückzuflüchten.

Aber nicht immer haben wir enge und unscheinbare Gassen, in diesem

Ur-Kairo ist Alles Ueberraschung. Hier giebt es auch Moscheen von allen

Formen und allen Farben, einfache und prachtvolle, reich mit Arabesken

und Sculpturen geschmückte und solche, welche äußerlich nur eine nackte

Wand zeigen. Hier bemerkt man auch jene reich sculptirten Brunnen,

meistens fromme Stiftungen, welche bis vor Kurzem, wo das Trinkwasser in

Kairo so spärlich war, zu den größten Wohlthaten zählten, die ein

frommer Moslim seiner Vaterstadt vermachen konnte. Hier findet man auch

jene reizenden Muscharabiehen aus Holz geschnitzt, welche die Eifersucht

des gestrengen Haremgebieters erfand. Muscharabiehen sind Jalousien,

welche sich stark ausgebuchtet vor den Fenstern befinden. Sie sind auf's

Kunstvollste aus Holz geschnitzt, oft so fein und zierlich, daß es sich

von Weitem wie Filigran-Arbeit ausnimmt. Geheimnisvoll ragen sie im

Halbdunkel der Straßen aus den Häusern hervor; manchmal scheinen sie

sich bei den überhängenden Etagen der Häuser zu berühren. Dahinter

lauert die junge Frau des Hausherrn, verlangende Blicke wirft sie auf

das Leben zu ihren Füßen, sie hört es, sie sieht auch Alles, ohne selbst

bemerkt zu werden; glühend erröthet sie, wenn ein jugendlicher Frangi

vorübergeht, der ihr viel vorteilhafter dünkt, als jener alte,

weißbärtige Mann, dem sie gezwungen war, ihr Leben zu opfern. Da

erblickt sie gar in einer Carrosse dahersausend zwei hübsche

Christendamen, sie sind unverschleiert. Sie lächeln, sie freuen sich des

Lebens, während sie selbst, die Aermste, hinter ihrer Muscharabieh eine

Thräne im Auge zerdrückt und ihr freudenloses Leben beklagt! Aber was

ist das? Da biegt um die Ecke ein eleganter Phaëton, laut schreiend vor

ihm rufen die Läufer ihr ewiges "=Guarda, Guarda=" oder

=schemalak ia chodja, l'iminak=[53]. Darin sitzen im Wagen zwei

reizende Moslemata[54], kaum verschleiert die dünne Tüllspitze ihr

fröhlich lächelndes Gesicht; sie scheinen aber auch gar keine Lust zu

haben, ihr Antlitz verbergen zu wollen, im Gegentheil, man sieht, daß

sie nur scheinbar diesen Zwang mitmachen. Es sind Prinzessinnen, Töchter

oder Nichten des Chedive; ahnungsvoll zieht sich unsere Schöne aus

ihrer Muscharabieh zurück; ein dunkles Gefühl sagt ihr, daß auch für

ihres Gleichen bald die Stunde der Befreiung schlagen wird.

Hier finden wir auch jene großen Bazarstraßen, wo die Produkte der drei

Erdtheile sich einander begegnen und wo in immer geschäftiger Weise

während des ganzen Tages das regste Leben und Treiben herrscht und

Groß-und Kleinhandel getrieben wird. Von einigen dieser Bazars soll

später noch die Rede sein.

Der andere Stadttheil, ganz neu und vorzugsweise eine Schöpfung des

jetzigen Chedive, daher auch Ismaelia genannt, mit seinen seenartigen

Gärten, seinen breiten wohlgepflasterten und täglich besprengten

Straßen, seinen Palästen und Theatern, seinen Gascandelabern und

prachtvollen Läden ist vollkommen europäisch. Dies moderne Kairo,

welches heute schon von den Fluthen des Nils berührt wird, steht in

Nichts den schönsten Städten Europas nach. Was luxuriöse Ausstattung der

Gebäude und ihrer Fanden anbetrifft, so können sich die der ägyptischen

Hauptstadt ganz messen mit denen am Ring in Wien oder denen der

Boulevards von Paris.

Mit Recht sagt Levernay (=guide annuaire d'Égypte 1873 p. 254=):

Hier ist die Vereinigung des Orients mit dem Occident, hier ist das

Symbol der religiösen Freiheit; hier ist das Bündniß der Handelsfreiheit

(?)[55] und der Völkergemeinschaft; findet man nicht in dieser Stadt

zusammenlebend den flachshaarigen Scandinavier an der Seite des

wollhaarigen Furer, den fanatischen Magrebiner von der Küste des

atlantischen Oceans an der Seite des gelbhäutigen Indiers oder den

südlichen Araber mit kaffeebrauner Haut an der Seite des

halbeuropäischen Türken? Und dazwischen Tartaren, Perser, Turkomannen,

Kurden und Chinesen. Ja, hier sieht man Hand in Hand gehend den

gelehrtesten Professor aus der Hauptstadt der Denker mit dem von Steppe

zu Steppe vagabondirenden Nomaden, welcher, ohne Gesetze lebend, nur

seinem eigenen Willen folgt. Ja, es ist ein eigenthümliches Leben in

Kairo und glücklich Der, welcher Empfängnis hat für die Sitten fremder

Völker oder der gar die Gabe besitzt, dem Gedankengange der Eingeborenen

momentan folgen zu können. Hier an der ältesten Wiege menschlicher

Cultur reichen sich Tag für Tag Asiaten, Europäer und Afrikaner die

Hand, und wie schon zu verschiedenen Malen von hier aus die menschliche

Entwickelung zu ihren jeweiligen höchstem Triumphen gelangte, so scheint

auch jetzt ein neues Leben, ein neues gewaltiges Ringen zum

Vorwärtskommen erwacht zu sein.

Die Zahl der Bevölkerung von Kairo dürfte man auf circa 400,000 Seelen

für das Jahr 1875 beziffern. Genaue statistische Erhebungen sind in

mohammedanischen Städten zur Zeit noch nicht auszuführen. Denn selbst

wenn eine amtliche Zählung vorgenommen wird, so stößt diese immer auf

unüberwindliche Hindernisse wegen der Haremverhältnisse und der

weiblichen Sclaven.

Von diesen 400,000 Einwohnern dürften incl. 800 Perser etwa 20,000

Europäer sein. Aber man denke nicht, daß etwa die 380,000 verbleibenden

Menschen alle einer Nationalität angehören. Da sind die verschiedensten

schwarzen Stämme, da sind Syrier, ächte Araber, seit Jahrhunderten in

Aegypten lebende Araber, Inder, Chinesen, endlich Fellahin und Kopten

und eine große Anzahl von Türken. Alle diese stellt man, obschon sie es

keineswegs sind, als "Eingeborene" oder "Rechtgläubige" den fremden

Europäern gegenüber. Daß man die Perser ebenfalls als besondere

Nationalität trennt, verdanken sie dem Umstande, weil sie in Aegypten

besondere Consuln haben.

Man zählte im Jahre 1873 in Kairo 4200 Griechen, 7000 Italiener, 4000

Franzosen, 1600 Engländer, 1200 Oestreicher und Ungarn, 800 Deutsche,

500 Perser, 120 Spanier, 50 Russen, 25 Belgier, 9 Brasilianer, 5

Portugiesen, 2 Schweden und 1 Nordamerikaner. Was die letzte Zahl

anbetrifft, so scheint sie uns nicht richtig zu sein, da allein in der

chedivischen Armee an hundert nordamerikanische Officiere dienen, von

denen wir bei den eigenen Verhältnissen in Aegypten kaum glauben können,

daß sie ihre Nationalität aufgegeben haben. Wenn wir überhaupt zu diesen

Zahlen größere Zuversicht haben dürfen, weil sie eben auf amtliche

Ermittelung der bezüglichen Consulate fußen, so sind sie doch auch noch

fern davon, eine so absolute Sicherheit zu gewähren, wie wir gewohnt

sind, von unseren amtlichen, statistischen Erhebungen zu erwarten.

Kairo hat wenigstens 300 Moscheen, wenn man alle kleinen Kapellen und

Bethäuser mitrechnet, also ein Gotteshaus auf circa 1200 Individuen;

denn von den 400,000 Einwohnern sind, wenn wir die Kopten mitrechnen,

wenigstens 50,000 Christen. Diese letzteren haben 44 Kirchen, was

ohngefähr dasselbe Verhältniß ergiebt, und rechnet man in Kairo 7000

Juden und für dieselben 13 Synagogen, so erhält man das Resultat, daß

diese am günstigsten daran sind, denn es beziffert sich für sie die Zahl

der zu einem Tempel Gehörigen auf einige mehr als 500.

In der Hauptstadt des Chedive herrscht natürlich die vollste religiöse

Freiheit, aber erst seit einigen Jahren. Wie aber Alles, was maßlos ist,

zu Unzuträglichkeiten führt, so auch diese vollkommene religiöse

Freiheit. Es offenbart sich dies am meisten bei jenen großen

mohammedanischen Prozessionen, welche oft stundenlang den Verkehr auf

den Straßen hemmen. Die Zeiten sind allerdings längst vorüber, wo ein

Andersdenkender beim Zuschauen einer solchen mohammedanischen Prozession

sein Leben gefährdet sah, und da die Muselmanen ja überhaupt nicht die

Sitte des Hutabnehmens haben, so ist vom "Huteintreiben" oder

"Hutabschlagen", wie das in unseren toleranten und civilisirten Ländern

vorkommt, nie die Rede.

Unerwähnt darf man auch nicht lassen, daß dies die einzigen

Ausschreitungen sind, welche sich der Cult dem staatlichen Gemeinwesen

gegenüber erlaubt, denn nicht würde der unbestraft bleiben, wäre er ein

auch noch so hoher Geistlicher, der sich dem Staats-Gesetze widersetzen

wollte.

Ueberhaupt lebt man in keinem Lande der Welt so sicher als in Aegypten

und speciell in Kairo. Es ist wahr, daß auch hier manchmal große

Diebstähle verübt werden, und ich erinnere nur an den berühmten

Diamantendiebstahl Ende des Jahres 1874; aber er wurde in dem

europäischen Viertel und von Europäern vollzogen. Von Mordtaten,

Raubanfällen und größeren Verbrechen hört man fast nie.

Wenden wir uns zu einzelnen großen Bauten und Anlagen, so zieht vor

allen im alten Stadttheile die Citadelle unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Schon von Weitem, wenn man mit der Bahn sich nähert, sieht man die hohe

Kuppel und die eleganten schlanken Minarets der Moschee des Mohammed

Ali, welche die Citadelle als krönendes Werk überragt. Denn die

Citadelle ist keineswegs _eine_ Baute, sondern besteht aus verschiedenen

fortifikatorischen Gebäuden, aus Palästen, Kasernen und kleineren

Gebäuden. Aber der aus Alabaster errichtete Dom, unter dem die Gebeine

des großen Begründers der beutigen Dynastie ruhen, mit seinen imposanten

Formen, in seiner dominirenden Lage, ist doch das Gebäude, welches den

Fremden am meisten fesselt.

Hier auf der Citadelle ist auch der berühmte Brunnen in den Fels

hinabgehauen; er ist fast 100 Meter tief und so breit, daß man bis zur

Quelle mittelst Stufen hinabsteigen kann. Er heißt Josephs-Brunnen, hat

aber nichts mit dem biblischen Joseph gemein, sondern wurde von Joseph

ben Agub oder Saladin, dem ersten aglubitischen Sultan, erbaut, damit im

Falle einer Belagerung die Citadelle nicht des Wassers ermangele.

Mittelst zweier Schöpfräder (=Norias oder Sakias=) wird das Wasser

an die Oberfläche gehoben. Der Anblick von der Plattform der Citadelle

auf die große Stadt zu ihren Füßen, auf Bulak, Rodha und den gewaltigen

Nil, auf die Pyramiden und im Hintergrunde die mit dem Himmel

verschwimmende Sahara gehört zu dem Großartigsten, was man sich denken

kann; die kühnste Phantasie findet hier ihre Befriedigung. Und wenn man

das Glück hat, bei der Betrachtung dieses Bildes die über dem

Mokattam-Gebirge heraufsteigende Sonne als Frühbeleuchtung zu haben, so

spottet das Ganze jeder Beschreibung, und selbst der eingebildetste

Pedant, der nörgelndste Philister wird von der Großartigkeit dieses

Panoramas überwältigt werden.

Von den übrigen Moscheen nennen wir zuerst die des Amru, die älteste,

ungefähr um 640 errichtete, aber von ihrer ehemaligen Pracht ist wenig

mehr übrig. Bei allen mohammedanischen Gotteshäusern, wie auch bei ihren

Profanbauten kann man die Bemerkung machen, daß die Mohammedaner mit

großer Vorliebe Bauten unternehmen, aber nie daran denken, ihre Bauten

zu _erhalten_. Die Amru-Moschee ist ein Rechteck von 120 Meter zu 75

Meter. Der Säulenwald an der Ostseite des Hofes aus 21 Säulenreihen, in

jeder Reihe 6 Säulen, ist imposant.

Interessant für die Geschichte der Architektur ist die im Jahre 877 von

Ahmed ebn Tulun erbaute Moschee, 80 M. lang aus 76 M. Breite. Man findet

schon ogivische Bogen in Anwendung und außerdem die Wände mit Kusischen

Legenden geschmückt. Nach arabischen Inschriften soll der das Gebäude

umgebende Karnies aus zusammengestampftem Amber gemacht gewesen sein, um

den Eintretenden Wohlgerüche zuzuführen. Jetzt ist nichts mehr davon zu

bemerken und auch diese Moschee zeigt Verfall.

Die große und glänzende el Asar-Moschee ist insofern von Wichtigkeit,

als mit ihr die Hochschule verknüpft ist, die bedeutendste der ganzen

mohammedanischen Welt. Fast 10,000 Studenten folgen hier dem Unterrichte

von über 300 Professoren. Es wird aber fast nichts, als Religion gelehrt

und besonders sind es die vier rechtgläubigen Riten, die Hambaliten,

Schaffeïten, Hanesiten und Malekiten, welche hier ihre Vorlesungen

halten. Schaffeïten und Malekiten haben die meisten Zuhörer: erstere

über 4500, letztere 3700. Die Hanesiten, wozu sich alle Türken rechnen,

haben ca. 1000, die Hambaliten nur ca. 50 Studenten. Alle diese Schüler

haben freien Unterricht und freie Kost nebst Bekleidung, ebenso sind

auch die Professoren vom Staate besoldet. Außer Religion wird etwas

Poesie, Grammatik und Gesetzgebung, letztere natürlich auf Koran und

Sunnah basirt, getrieben. Mit dieser Moschee ist verbunden ein großes

Blinden-Hospital, eine Sauya für Pilger, deren Asylrecht heute aber im

Strome der Civilisation untergegangen ist.

Eine merkwürdige Universität, wo man weiter nichts treibt, als religiöse

Forschungen, über nichts Anderes nachdenkt, als über Dinge, die

außerhalb dem Bereiche des Wirklichen liegen und deren Resultate deshalb

für das Land, für die Menschheit von gar keinem Nutzen sind.

Die Moschee, welche am meisten die Bewunderung der Europäer auf sich

zieht, die Hassan-Moschee, hat mich immer ziemlich kalt gelassen. Zum

Theil kommt das wohl daher, daß ich nie Vorliebe für jenen _unmöglichen_

Stalactitenbau habe gewinnen können, zum Theil, daß einen die Quadern zu

sehr an die Bauten der alten Aegypter erinnern. Solche Vandalen, die

nicht die Energie besitzen, zu einem so großartigen Gebäude eigenes

Material zu nehmen, sondern andere Bauten _zerstören_, um sie zu den

ihrigen zu benutzen, soll man die wohl achten? Und sieht man nun gar,

wie die famosen Stalactiten-Nischen in der Hassan-Moschee nicht aus

Stucco oder Stein bestehen, sondern elende Holznachbildung sind, so

schwindet vollends alle Sympathie. Die Moschee wurde 1356 vom Sultan

Hassan erbaut. Das danebenstehende Minaret hat 80 Meter Höhe; fügt man

die Höhe des Bodens, auf dem die Moschee erbaut ist--30 Meter--hinzu, so

hat man die Höhe von Assuan.

Ich übergehe die übrigen Moscheen, welche alle, wie z.B. die von Kalaum

auch el Barkuk genannt, oder die von Sitti Seinab oder die der Hassanein

oder die von el Moged für diejenigen, welche sich für

ägyptisch-mohammedanische Architektur interessieren, sehenswerth sind,

deren Besuch man sich aber sonst ersparen kann.

In der Stadt selbst hat der Chedive merkwürdiger Weise keinen einzigen

Palast, der von Außen irgendwie Anspruch auf architektonische Schönheit

machen könnte.

Wie alle gouvernementalen Gebäude ist seine dermalige Wohnung ein

äußerst fensterreiches Gebäude, _ganz ohne Styl_. Inwendig lassen diese

chedivischen Paläste allerdings nichts zu wünschen übrig, weder an

Eleganz noch an Pracht, noch auch an Geschmack der Decoration oder an

zweckmäßiger Raumvertheilung.

Die neue Börse, die Bibliothek, die Wohnungen der ersten Beamten

zeichnen sich durch nichts Besonderes aus. Was die Bibliothek

anbetrifft, so besitzt dieselbe ca. 30,000 arabische Bände, fast nur

Handschriften, darunter viele äußerst kostbare. Da sieht man vor allen

anderen jene Bücher von außerordentlicher Größe, deren Buchstaben von

Gold mit so großer Regelmäßigkeit gemalt erscheinen, daß man meinen

sollte, sie seien gedruckt. Natürlich ist der Inhalt weiter nichts als

der Text des Koran.

Will man schöne Gebäude modernsten Styls, villenartig gebaut, von

reizenden Gärten umgeben sehen, so wandere man durch den neuen

Stadttheil. Hier liegt auch die schmucke deutsche protestantische

Kirche, hier hat der Minister der Justiz, jetzt Scherif Pascha, sein von

feenhaften Gärten umgebenes Palais.

Was die Theatergebäude betrifft, so läßt sich bezüglich der Bauten

selbst nichts sagen, als daß es provisorische Gebäude sind, bestimmt,

mit der Zeit anderen monumentalen Platz zu machen. Was aber innere

Ausstattung, Inscenirung, Personal und Leitung betrifft, so stehen

sowohl die chedivische italienische Oper, als auch das französische

Schauspiel unseren ersten und besten Bühnen würdig zur Seite. Hierüber

herrscht nur eine Stimme.

Den größten Zauber und Reiz besitzt Neu-Kairo heute in jenem

Esbekieh-Garten, mitten in der Stadt gelegen, den ich selbst noch bis

zum Jahre 1868 als einen großen pfützenreichen Platz von hohen Sykomoren

beschattet gekannt habe. Umfriedigt von Prachtbauten, ähnlich wie die

der Rue Rivoli zu Paris, ist der harten von einem hohen eisernen Gitter

umgeben. Zahlreiche Thore, deren Eingänge mit Selbstzählern versehen

sind, geben Einlaß. Bei dem sonderbaren Hange der Orientalen, stunden-,

ja tagelang faulenzend auf irgend einem einladenden Platze sich dem

=Dolce far niente= hinzugeben, war die Vorschrift, ein

unbedeutendes Entrée zu erheben, unerläßlich, denn nur durch eine solche

Maßregel konnte der prächtige Park rein gehalten werden von jenem

ungemein stark in Kairo vertretenen Contingent, das seine Sache auf

nichts gestellt hat und höchstens vom bequemsten Betteln lebt und

sicherlich mit angeborener Frechheit die schönsten und anziehendsten

Punkte des großen Gartens in Besitz genommen haben würde.

Es ist wunderbar, wenn man die Beschreibungen früherer Reisender

durchgeht und liest, was die Esbekieh _war_ und nun staunt, was sie

jetzt ist.

Die ganze Esbekieh-Anlage von achteckiger Form mit einem Umfange von 940

Meter nimmt ein Areal von ca. 82,500 Quadratmetern ein. Die Länge der

Wege beträgt 2 Kilometer 300 Meter. Das Flüßchen und die von ihm

gebildeten Teiche, Alles durch Kunst geschaffen, bedecken eine

Oberfläche von fast 5000 Quadratmeter. Die Teiche sind 2 Meter tief.

Außer den kostbarsten Gewächsen aller Länder und Zonen, welche trotz des

kurzen Zeitraumes ihres jetzigen Bestandes dort seit 20 Jahren gegrünt

zu haben scheinen, findet der Spaziergänger in diesem Garten Alles

vereint, was nur das Leben angenehm macht. Da sind reizende Buden, wo

Liqueure, Eis und Scherbets verkauft werden. Hier ist eine Bierhalle, wo

das beste Drehersche oder Münchener Bier in Eis dem durstigen

Nordländer Labung bietet, Kaffeehäuser mit reizenden Kiosken gut

eingerichtete Restaurationen, ein kleines Theater-Concert, ein

arabisches Kaffeehaus, Schaukeln, Carroussels, verschiedene andere

Kioske und Sammelplätze, endlich =last not least= eine Grotte[56]

aus Tuffsteinen, die ganz und gar auf's Treueste die Natur nachahmt und

aus der das Wasser in Cascaden hervorsprudelt, welches die See'n und den

Bach speist.

Diese Grotte ist von einem künstlich aufgebauten Pic überragt, aus

großen Tropfsteinblöcken und Steinen errichtet. Man gelangt hinauf

mittelst eines schattigen Weges oder auch auf äußeren und inneren

Pfaden, die man durch den künstlich geschaffenen Fels gearbeitet hat.

Ans der obersten Spitze hat man ein Belvedere angebracht, von wo aus man

nicht nur den ganzen Garten übersehen kann, sondern von dem aus auch das

ganze Panorama von Kairo zu den Füßen des entzückten Beschauers

liegt.--Die Eisenarbeiten sind alle in Paris gefertigt.

Der Esbekieh-Garten bedarf zur Speisung seiner Springbrunnen, zum

Besprengen der Wege, zum Unterhalten der Teiche eines täglichen

Wasserquantums von 800 Kubikmeter; die Erleuchtung bei Abend, welche

feenhaft ist, wird durch 106 Candelaber bewerkstelligt; alle diese

Candelaber haben Blumenform, 5 Zweige mit je 5 Tulpen, so daß im Ganzen

allabendlich 2500 Flammen brennen. Dazu spielt jeden Tag, sobald die

Sonne sich unter den Horizont senkt, ein ausgezeichnetes

Militärorchester europäische Symphonien und Stücke, auch wohl arabische

Weisen, welch' letztere ungemein an Wagner'sche Compositionen erinnern.

Leider ist der Esbekieh-Garten lange nicht so besucht, wie er es

verdiente, es ist eine für Kairo zu vornehme Anstalt; nicht etwa, weil

das niedrige Entrée von den Besuchern als unerschwinglich bezeichnet

würde; es sind auch die Genüsse innerhalb desselben dem Publicum zu

theuer. Dazu kommt, daß das vornehme europäische Publicum, an der Spitze

die Vertreter der europäischen Länder, blasirt, das vornehme

mohammedanische apathisch und unempfänglich für solche Genüsse sich

verhält, der gewöhnliche Mittelstand der Eingeborenen aber in diesem

Entrée gleich eine Steuer des Chedive wittert und der gemeine

europäische Mann lieber in den übrigen Vergnügungslocalen Kairo's seine

Unterhaltung sucht.

Diese sind keineswegs in geringer Anzahl vorhanden. Der Deutsche findet

in zahllosen Bierhäusern längs der Esbekieh nicht nur Drehersches,

sondern auch bairisches Bier und zwar wohlgekühlt in Eis; der Franzose

findet überall seine Café's; der Italiener findet in den Conditoreien

und auf der Straße seine Sorbetti und in zahlreichen Restaurants kann

der Engländer, von Engländern bedient, sein Beefsteak und sein Glas

"=half and half=" trinken. Nur der russische Traktir fehlt noch,

aber wie lange wird es dauern und irgend ein speculativer Kopf erbaut

ein solches mit einer mächtigen Orgel versehen an der Seite einer Fonda,

wo man =Polenta= und =Olla potrida= verkauft.

Denn wenn man Abends durch die auf's Glänzendste von Gas beleuchteten

Straßen geht und hört, wie einem allerorts Musik entgegenschallt, hier

des Italieners "=o che la morte honora=" oder "=madre in felice

corro a salvarti=" dort des Deutschen "Wacht am Rhein"; hier des

Franzosen "=partant pour la Syrie=" dort des Engländers "=god

save the queen=", wenn man sieht, daß alle diese Musikbanden aus

nationalen Kräften bestehen (Kaffee- und Weinhäuser mit deutschen und

deutsch-böhmischen Musikbanden, Sängern und Sängerinnen giebt es ein

Dutzend in Kairo), so sollte man nicht glauben, in der Stadt zu sein,

welche noch bis vor wenigen Jahren als das ächteste Bild einer

orientalischen Stadt hingestellt wurde.

Und geht man gar in die elegant eingerichteten Spielsalons, wo hier eine

Roulette, dort König Pharao den Gästen das Geld aus der Tasche lockt und

die meistens als Aushängeschild die elegantesten =Cafés chantants=

oder auch kleine Theater mit Ballerinen zeigen, so sollte man nicht

meinen, daß man nur einige Stunden weit von den Pyramiden des Cheops und

des Cephren sich befände.

Aber trotz dieses modernen Kairo ist noch ein gut Stück Alt-Kairo, d.h.

orientalischer Stadt übrig. Jedoch verschwindet es allmälig schneller

und schneller, und vielleicht schon nach einem Menschenalter wird jene

alte orientalische Stadt, jene Stadt mit den maurischen Hufeisenbauten,

mit den schlanken Minarets, mit den engen überdachten Gassen und ihren

noch engeren Kaufläden--sie wird verschwunden sein, und finden können

wir sie dann nur noch in den Büchern und Reiseberichten Derer, welche

sie zu der Zeit besuchten. Und um so spurloser wird das alte Kairo vom

Erdboden verschwinden, als die Wohnungen der Eingeborenen aus losem,

schlechtem Material errichtet und selbst die Moscheen und Paläste aus

Quadern erbaut sind, welche man von alten Monumentalbauten

zusammengeschleppt hat; sind doch jetzt schon _alle_ Moscheen und die

Mehrzahl der Paläste früherer Vicekönige halbe Ruinen.

Wenn man aber sieht, mit welcher Rücksichtslosigkeit mitten durch die

Quartiere der Eingeborenen eine gerade breite Straße gezogen wird, wie

man weder die Medressen (Schulen) noch die Moscheen schont, wie man

Untiefen auffüllt, Hügel abträgt, dann muß man staunen ob der Energie

des Chedive. Aber "Gott soll ihn ewig mit den ungläubigen Christenhunden

brennen lassen!" murmelt der fromme Mohammedaner, der aus seinem Heim

vertrieben wird, welches seine Vorfahren inne gehabt hatten und wo er

selbst schon seit Jahren wohnte. Aber er "murmelt" es nur, offen es

auszusprechen, wagt er nicht. Ja er preist sich glücklich, wenn die

chedivische Regierung ihm _umsonst_ ein Stück Land anweist in einem ganz

anderen Viertel der Stadt, mit der Erlaubnis, ein Haus zu bauen nach

europäischem Style.

So vollziehen sich die Expropriationen in Aegypten und speciell in

Kairo. Von Entschädigungen ist nirgends eine Rede. Sobald der Chedive

beschlossen hat, eine Straße durch den orientalischen Stadttheil zu

legen, wie er sich solche auf dem Plane der Stadt vorzeichnet, erhalten

die betreffenden Anwohner des Viertels Befehl, innerhalb einiger Tage

ihre Immobilien zu räumen. Von Entschädigung wird nicht gesprochen; nur

wenn europäische Unterthanen von einer solchen Maßregel betroffen

werden, dann bekommen sie vollen Ersatz für ihr genommenes

Grundeigentum.

Die Straße, welche früher als Glanzpunkt des europäischen Lebens galt,

die Muski, ist heute entthront; zwar findet man immer noch elegante

Läden, aber elegantere giebt es in der Ismaelia (der neue Stadttheil von

Kairo) und die Straße ist viel zu eng, als daß sie jemals ihren Rang

wieder einnehmen könnte, nämlich die "Unter den Linden" Kairo's zu sein.

Dazu kommt noch, daß man aus Utilitätsrücksichten geglaubt hat, davon

abstehen zu müssen, sie mit Pflasterung zu versehen. Aber die Muski ist

noch immer das Herz von Kairo, hier pulsirt das größte Leben, welches in

seinem Dahinfluthen Aehnliches zeigt mit den Wogen des Strand von

London. Hier ist auch die Vermittelungsstraße vom modernen europäischen

zum alten orientalischen Kairo.

Wandern wir rasch durch die verschiedenen orientalischen Quartiere,

durch die Bazars, ehe sie für immer verschwinden, um einer modernen

"=Avenue=" oder einem "=Boulevard=" Platz zu machen.

Da ist der Khan el Khalil im Gammeliah-Quartier; der Name rührt daher,

weil hier die Kamele (Gammel, Gemmel oder Djemel) ihre Waaren aufnehmen

und abladen. Hier sind alle orientalischen Artikel zu haben. An

endlosen, nicht sehr breiten überdachten Straßen hocken in engen

Verkaufsläden die Eigentümer. Die Läden sind meistens so eng, daß Alles

und Jedes im Bereiche des Hockenden ist. Hier finden wir alle Requisiten

des orientalischen Rauchers. Hier sieht man jene reichen Teppiche aus

Persien oder Damask, elegante orientalische Stoffe, Elfenbein und

Straußenfedern und im Allgemeinen alle Artikel aus dem Sudan und Asien;

reich eingelegte Waffen, Schmucksachen, unverarbeitete Edelsteine, Vasen

etc. Die Hauptmarkttage von Khan el Khalil sind Montags und Donnerstags.

Diese große Markthalle, wo fast ausschließlich eingeborene Kaufleute

ihre Buden haben, wo aber manches europäische Haus mit großen Summen

betheiligt ist, hat natürlich an allen Ecken und Enden feste und

"fliegende" Café's. Erstere sind solche, wo der Kauadji eine größere

oder kleinere Räumlichkeit besitzt, welche von seinen Gästen besucht

wird, in denen man mitunter auch Musik findet. Letztere bestehen auf der

Straße selbst einfach aus einem kleinen Kochapparat, wo Kaffee bereitet

wird, den der Cafétier seinen bestimmten Kunden zuträgt. Jeder

Budenbesitzer schlürft mehrere Male des Tages seinen Mokka, und da

größere Käufe, welche natürlich längere Zeit in Anspruch nehmen, nur mit

einer Tasse Kaffee in der Hand abgemacht werden, so haben solche

fliegende Cafetiers auch eine ganz gute Kundschaft.

Hier findet man vereinzelt auch jene Haschisch-Buden, d.h. Kaffeehäuser,

wo neben dem Tabaksrauchapparat, der in Narghileh, Tschibuck und

Cigaretten besteht, vorzugsweise Haschisch geraucht und gegessen wird.

Gehen wir weiter, so kommen wir zum Hamsani-Bazar, wo man hauptsächlich

Parfümerien, Papier, Porzellan, Krystallsachen, Kattunstoffe, Kramwaaren

und Arzneien kaufen kann. Erstere, die Parfümerien, sind bei den

Orientalen ein stark begehrter Gegenstand. Im Allgemeinen haben sie auch

Vorliebe für dieselben Wohlgerüche, wie wir Europäer, aber bei

einzelnen, welche bei uns die seine Gesellschaft schon zu "=mauvais

odeur=" rechnet und welcher sich bei uns nur der =demi monde=

bedient, nämlich Moschus und Patschuli--diese erklärt der Orientale als

den Inbegrif des Vollkommensten, was man dem Geruchsorgan bieten könne.

Auch in vergangenen Jahrhunderten war dies so, die Liebhaberei für

derartige Düfte ist nicht neu. Als Beweis führe ich Leo[57] an, der in

seiner Beschreibung "von der sehr großen und bewunderungswürdigen Stadt

Kairo" sagt: "Auf einer anderen Seite (er hatte soeben das auch zu

seiner Zeit so heißende Can el Halili beschrieben) der erwähnten Straße

ist eine Gegend für Diejenigen, die mit Räucherwerken, z.B. Zibeth,

Moschus, Ambra und Benzoin handeln; diese Wohlgerüche sind in solcher

Menge vorhanden, daß wenn Jemand 25 Pfund verlangt, man ihm wohl 100

Pfund zeigen kann."

Hieran reihen sich noch andere Bazars, der von Gurich, wo hauptsächlich

Seidenstoffe, Wollfabrikate und Tuche verkauft werden; ein eigener

Zuckerbazar fehlt auch nicht und auch ein Waffenbazar dicht bei der

berühmten Hassan-Moschee existirt noch immer. Man findet hier

europäische und ägyptische Waffen, das Material indeß, die Klingen,

Läufe und Schlösser kommen vom Abendlande, nur die Zusammensetzung und

die Ausbesserungen werden hier vorgenommen.

Der Waffenmarkt hat übrigens bedeutend abgenommen, seitdem das

Faustrecht in Aegypten aufgehört hat, an der Tagesordnung zu sein.

Jeder Eingeborene sucht allerdings auch heute noch seinen Stolz darin,

dermaleinst eine Flinte zu besitzen, um der Jagd, die ja in Aegypten

frei ist, fröhnen zu können; aber eine _Notwendigkeit_, eine Waffe zu

haben und zu tragen, wie das früher der Fall war, namentlich vor

Mohammed-Alis Zeiten, die liegt heute nicht mehr vor.

Wenn nun auch Kairo nicht die erste Handelsstadt des Pharaonenreiches

ist, das ist heute Alexandrien, so ist der Warenumsatz und geschäftliche

Verkehr doch immerhin ein bedeutender und durchaus der Einwohnerzahl

Kairos gemäß.

Der Haupthandel, namentlich der Engros-Handel, befindet sich in den

Händen der Griechen, nach ihnen kommen die Engländer, Italiener,

Franzosen und Deutschen; aber der größte Kaufmann, der, welcher allein

mehr Geschäfte macht, als alle Eingeborenen und Ausländer

zusammengenommen, das ist der Chedive. Noch größer, denn als Regent,

zeigt sich Ismael als Geschäftsmann.

Die kaufmännischen Geschäfte werden zwischen den Eingeborenen und

europäischen Handelsleuten mittelst Makler (arab. =samsar=,

italienisch =sensale=) abgemacht. Meist wird der Verkauf mittelst

Credit abgeschlossen, selten gleich baare Zahlung geleistet. Gewöhnlich

sind die Eingeborenen die pünktlichsten Zahler, obschon sie es auch an

der knauserigsten Feilscherei nicht fehlen lassen und um einen Para mehr

oder weniger Himmel und Hölle in Bewegung setzen möchten.

Unter den Ausfuhrartikeln, welche stets in Kairo lagern, nennen wir als

wichtig: Gummi, Elfenbein, Sennesblätter, Datteln, Weihrauch,

Perlmutter, sogenannter Mokkakaffee, der aber zum größten Theil aus den

Landstrichen südlich von Abessynien kommt, Straußenfedern, Felle, Opium,

Schildpatt, Tamarinden, Wachs, Knochen, Hörner, Lumpen.

In industrieller Beziehung steht die Fabrikation von halbseidenen

Stoffen oben an. Es giebt in Kairo augenblicklich 500 Webestühle, welche

jenen unter dem Namen Kutnieh oder Alagieh bekannten halbseidenen Stoff

fabriciren. Ferner ist die Zahl der Indigofärbereien nicht unbedeutend;

fast alle Kattunstoffe werden ungefärbt importirt, aber die Eingeborenen

tragen sie nur indigogefärbt.

Auch die Gerbereien werden =en gros= betrieben. Die Bewohner von

Kairo verstehen ebenso gut das Leder zu gerben und zuzubereiten, wie die

von Cordova, von Marokko oder Saffi, von welchen Städten die feinen

Leder ihre speciellen Namen als Corduan, Maroccain oder Saffian erhalten

haben. Auch Posamentirarbeiten, Mattenflechterei und Korbmacherei

erfreut sich in der Hauptstadt eines großen Aufschwunges.

Wollstoffe, grobe Leinwand, welche vorzüglich in Fayum gewebt wird,

haben in Kairo ihren hauptsächlichsten Umsatz für das ganze Land. In

Bulak giebt es eine Papierfabrik, eine Kanonengießerei und eine

bedeutende Schiffswerft. Bulak muß jetzt überhaupt schon als ein

integrirender Stadttheil Kairo's betrachtet werden, und da wollen wir

nicht unerwähnt lassen, daß das Sehenswertheste in diesem Stadttheile

das von Herrn _Mariette_ gegründete ägyptologische Museum ist.

Auch ein Irrenhaus, ein Bagno für weibliche Verbrecher, eine Kunst- und

Gewerbeschule, das Arsenal, eine arabische und persische Druckerei

befinden sich in Bulak.

Und =vis-à-vis= von Bulak ist die Perle des Nils, der Palast und

Garten von Gesirah. Wer je einmal die Wundermärchen von "Tausend und

Eine Nacht" gelesen hat, der glaubt, daß hier diese Zaubereien

Wirklichkeit geworden sind. Der Palast selbst erinnert an das

Meisterstück der Alhambra, den Löwenhof. Der Garten aber übertrifft an

Ueppigkeit der Pflanzen, an prachtvollen Anlagen, an seltenen exotischen

Gewächsen selbst noch den der Esbekieh inmitten der Hauptstadt.

Die Grasplätze, Stauden und Blumen, die Statuetten, Grotten,

Felspartien, Bäche, Brücken, Candelaber, Springbrunnen &c., alles dies

belebt von Thieren aller Art und Größe, machen diesen Garten zu einer

Zauberei eigner Art. Namentlich Abends und Nachts, wenn einer jener

officiellen chedivischen Bälle abgehalten wird, glaubt man beim Lichte

jener 1000 Gasflammen der Wirklichkeit entrückt zu sein.

In der Mitte des Gartens ist jener herrliche Salamlik, ein Sommerpalast

des Chedive, von einem Walde von Säulen getragen.

Eine Zierde dieses Wundergartens wird das Aquarium sein, welches von

eben jenem fähigen Baumeister errichtet wird, Herrn _Combay_, welcher

die prachtvolle Grotte im Esbekieh-Garten erbaut hat. Dasselbe erhält

eine Grundfläche von 4800 Quadratmetern und besteht aus zwei Etagen. Die

Idee ist ebenso großartig, wie kühn. Die prächtig nachgebildeten

Stalaktiten, welche vom Gewölbe herab sich in die Grotten senken, die

Korallen und Seegewächse, welche vom Boden aufsteigen, wirken wunderbar,

und hier auf der Grenze zweier Meere, des rothen und des

mittelländischen, inmitten eines der mächtigsten Ströme der Erde werden

wir bald ein Aquarium besitzen, wie kein zweites auf der Welt, welches

jedenfalls an Reichhaltigkeit lebender Bewohner von Salz- und Süßwasser

selbst die Aquarien von Brighton und Neapel aus dem Felde schlagen wird.

Wie Bulak heute nur ein Theil Kairo's ist, so ist Masr el Attikah

(Alt-Kairo, früher officiell so unterschieden als abgetrennte Stadt vom

eigentlichen Masr, während wir im Verlaufe dieser Abhandlung mit

Alt-Kairo das bezeichnen, was orientalisch ist, und Neu-Kairo das

nennen, was neu ist, also vorzüglich den Stadttheil Ismaelia) es

ebenfalls.

Geht man von der Esbekieh aus über den Abdin-Platz bei der Sitti Seinab

vorbei, so befindet man sich angesichts des protestantischen und

katholischen Kirchhofs und angesichts jenes Riesen-Aquaducts, den

Saladin herstellen ließ, um dadurch die Befestigungen der Citadelle zu

vervollständigen. Diese Wasserleitung ruht auf 289 Bogen und hat eine

Länge von etwas über 2 Quadrat-Meilen. Eine schattige Alle führt, sobald

man unter der Wasserleitung durch ist, nach Masr el Attikah.

Von den 8 christlichen Kirchen, welche hier sind, ist für den Fremden

die am interessantesten, in welcher das Häuschen sich befindet, worin

nach der Legende die heilige Familie geweilt haben soll; sie gehört den

nichtunirten Griechen.

Gegenüber liegt die Insel Rhoda, welche zwar nicht zur Stadt Kairo

gehört, aber wegen des hier befindlichen Nilmessers, Mekias von den

Eingeborenen[58] genannt, welcher sich ursprünglich in Memphis befand,

wird gewiß jeder Europäer, der als Reisender nach Aegypten kommt, zur

Insel hinüberfahren.

Aber auch auf dieser Insel giebt es prächtige Paläste und Gärten,

namentlich der Palast von Ibrahim Pascha ist eines Besuches werth. Auf

dem südlichsten Ende der Insel befindet sich eine Pulvermühle.

Masr el Attikah ist mit Bulak durch eine Reihe schöner Paläste, Villen

und Gärten verbunden. Das Palais von Soliman Pascha, unmittelbar am Nil

gelegen, der Khalig-Kanal, bei dem alljährlich die Festlichkeiten

stattfinden, welche bei der Nilüberschwemmung seit Tausenden von Jahren

gefeiert werden, eine große Salpeterfabrik, das große Hospital Gasr el

Ain, welches sowohl für Militär- als Civilpersonen eingerichtet ist,

endlich das große Schloß Gasr el Nil, ein Hospital und eine ungeheure

Kaserne, alle diese Bauten bereiten den Wanderer gewissermaßen auf eine

der kolossalsten Thaten des Chedive vor, welche derselbe im Verlaufe

seiner so wirksamen und ruhmgekrönten Regierung hat ausführen lassen.

Wir meinen die feste Nilbrücke, im Februar 1872 eingeweiht; sie hat eine

Länge von 406 Meter, hat auf dem rechten Nilufer eine Drehscheibe von 30

Meter Durchschnitt auf einem Thurme ruhend, der 50 Fuß tief in das

Nilbett eingesenkt ist. Die Brücke hat 2,300,000 Frcs. gekostet.

Ebenbürtig stellt sie sich den besten Brückenbauten der civilisirten

Staaten an die Seite.

Aber wir halten, am anderen Ufer des Nils angekommen, an, denn die

Beschreibung von Giseh, welches jetzt die Abfahrtsstation für

Ober-Aegypten mit der Bahn geworden ist, die Pyramiden, auf der anderen

Seite der versteinerten Welt Matarieh und Heliopolis, die Abassieh und

die heißen Bäder von Hamman Heluan gehören nicht in den Rahmen dieses

Bildes, der ja nur eine Uebersicht von Kairo, wie es jetzt ist,

entwerfen sollte.

Eigenthümlich genug, daß die Generalconsulate und politischen Agenturen

nicht in der Hauptstadt Aegyptens, sondern in Alexandrien sind. Dasselbe

sehen wir sich wiederholen am westlichsten Punkte von Afrika, in

Marokko, mit dem Unterschiede, daß im Innern von Marokko überhaupt noch

keine Vertreter christlicher Mächte zu finden sind, während Tanger von

den Staaten, die sich am meisten für das Land interessiren.

Generalconsulate und Viceconsulate, beide von _einer_ Macht, beherbergt.

Kairo hat blos Consulate.

Der Grund dieser Abnormität, dieser stiefmütterlichen Behandlung der

Hauptstadt schreibt sich aus den alten Zeiten her, wo der Christ sich

jede Art roher Behandlung gefallen lassen mußte. Wurde nun einmal ein

einfacher Consul geohrfeigt von einem Mameluk oder ägyptischen Pascha,

so konnte das eher verschmerzt werden; wurde aber ein Generalconsul mit

Füßen getreten, so mußte man schon Notiz davon nehmen[59]. Zudem konnte

ein Generalconsul eher in einer Hafenstadt geschützt werden, als im

Innern des Landes.

Da aber alle diese Ursachen längst aufgehört haben, so sollte auch jener

abnorme Zustand aufhören. Oder denkt man vielleicht, mit der

Souveränität von Aegypten müßten ohnedies neue diplomatische

Verbindungen eintreten und die Unabhängigkeit des Landes werde wohl

nicht lange mehr auf sich warten lassen? Das einzige Land Persien hat

sein Viceconsulat in Alexandrien, sein Generalconsulat aber in Kairo,

und auch dies bestätigt meine vorhin ausgesprochene Ursache.

Die verschiedenen christlichen Gemeinschaften in Kairo haben fast alle

ihre eigenen Kirchen, so die katholische der Väter des heiligen Grabes,

die unirten Griechen, die orthodoxen Griechen, die katholischen

Armenier, die nichtkatholischen Armenier, die unirten Syrier, die

katholischen Maroniten, die reformirten deutsch-französischen Christen,

die amerikanischen Protestanten, die katholischen Kopten und die

Jesuiten.

Auch die Juden theilen sich in Talmudisten und Thoraimisten, d.h.

solche, welche nur das Gesetz Moses anerkennen.

Das Schulwesen in Kairo hat einen ganz neuen Aufschwung genommen unter

der umsichtigen Leitung des Schweizers, Herrn Dohr. Sein Hauptstreben

ist dahin gerichtet, die weibliche mohammedanische Jugend der Bildung

theilhaftig werden zu lassen, derer sie bedarf, und wenn dies gelingt,

so ist damit ein Hauptfactor zur wirklichen Civilisation des ganzen

Volkes gegeben.

Hospitäler giebt es zwei, das schon genannte in Gasr el Nil, welches

jährlich an 5000 Kranke aufnimmt, und das europäische, dessen Kranke in

den Flügeln des großen Gasr el Ain untergebracht werden. Die Aufnahme

der Kranken ist hier nicht gratis, sondern der Patient zahlt je 12, 6

und 3 Frcs. für den Tag. Dies Hospital steht unter Aufsicht eines der

Consuln, welche zu diesem Zwecke einen der Ihrigen alljährlich hierzu

auserwählen.

Sollen wir schließlich noch ein Wort über die Absteigequartiere der

Europäer sagen, so beginnen wir mit dem sowohl äußerlich, wie innerlich

gleich großartig ausgestatteten New-Hôtel, an der Esbekieh gelegen; es

ist Eigenthum des Chedive und wird besonders von nach Indien reisenden

Engländern besucht.

Schaper's Hôtel, jetzt Herrn Zech, einem Schwaben, gehörig, ebenfalls am

Esbekieh-Platz gelegen, besonders von vornehmen Reisenden frequentirt;

Art und Weise durchaus englisch.

Nil-Hôtel am Ende einer von der Muskistraße ausgehenden Sackgasse,

besonders von Deutschen und Nordamerikanern besucht, mit reizendem

Garten und trefflicher deutscher Bedienung bei vorzüglicher

französischer Küche.

Andere Hôtels ersten Ranges, wie =Hôtel d'Orient=, =Hôtel des

Ambassadeurs=, =Hôtel Royal= sind gleichfalls zu empfehlen. Auch

gute Hôtels zweiten Ranges fehlen nicht, z.B. =Hôtel des Colonies, de

France, des Princes, du Commerce= u.a.

Mit allen Hotels sind europäische Bäder verknüpft; von den zahlreichen

maurischen Bädern ist das den Europäern am meisten zu empfehlende das

Bad Tombaly nahe dem Scharieh-Thore.

Das ist das Kairo im Jahre 1875; heute schon halb eine europäische

Stadt, wird diese Stätte uralter ägyptischer Cultur--denn Kairo ist doch

eigentlich weiter nichts, als ein verjüngtes Memphis--bald wieder ein

neues, ganz der neuesten Civilisation und Cultur sich anpassendes Kleid

angelegt haben und nach Abschüttelung des Staubes und der Asche wie ein

Phönix aus derselben emporsteigen.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 35 / 40 题