"Es ssalamu alikum" ist die allgemeine Begrüßung der Gläubigen, der
Araber, und folglich aller Marokkaner, die der allein seligmachenden
Kirche Mohammeds anhängen. "Alikum ssalam" ist die Antwort. Beiderseits
muß der Gruß immer mit sichtbarem Ernste, mit einer gewissen
Feierlichkeit ausgesprochen werden; ein freundlich lächelndes Gesicht
würde man für ganz unpassend halten.
Wie die mohammedanische Religion am Ende weiter nichts will, als die
ganze Menschheit unter _einen_ religiösen Hut bringen, und dies dadurch
zu erreichen hofft, daß sie jeden anderen glauben als absolut falsch
verwirft, so hat dieselbe auf alle Völker, die den Islam bekennen, einen
merkwürdig nivellirenden Einfluß ausgeübt. Und wie hauptsächlich Gewicht
auf das _wörtliche Glaubensbekenntniß_ gelegt wird und eine
fortschreitende _Entwickelung_ in der Religion auf's Strengste verpönt
ist, so sehen wir, daß alle den Islam bekennenden Völker dahin gekommen
sind, wohin der Buchstabenglaube führt: zur offenen Heuchelei,
Scheinheiligkeit und zu einer entsetzlichen Verdummung und Verthierung
des Volkes.
Durch Alles, was die mohammedanischen Völker thun und reden, zieht sich
immer ein heuchlerischer, muckerhafter und pharisäischer Hauch, auch in
Höflichkeiten. Der durch den Gebrauch Mohammed's geheiligte Gruß: "Der
Gruß (Gottes) sei mit Euch" wird daher auch nie an Ungläubige
verschwendet. Ein ächter Mohammedaner würde glauben, ewig verdammt zu
werden, wenn er hierin nicht einen strengen Unterschied machte. Tritt er
in eine Versammlung, wo Juden und Christen zugegen sind, so unterläßt er
nie zu sagen: "=Ssalam-ala-hali=," Gruß meinen Leuten, oder will er
den Unterschied noch mehr hervortreten lassen, so sagt er:
"=Ssalam-ala-hal-es-ssalam=," Gruß den Leuten des Grußes, d.h. den
Mohammedanern, da selbstverständlich den ungläubigen Hunden kein Gruß
zukommt. Oder auch man sagt. "Gruß Denen, welche die Religion befolgen,"
womit selbstverständlich die allein seligmachende Religion des Islam
gemeint ist, alle anderen Religionen, die christliche, die jüdische &c.,
führen den Menschen direct vom Diesseits in die Hölle.
Will ein Marokkaner recht höflich gegen einen Christen oder Juden sein,
d.h. ihn beim Begegnen zuerst anreden, so sagt er wohl:
"=Allah-iaunek=," Gott helfe dir, oder auch: Gott gebe dir zu
essen. Nie aber würde er einen Glaubensgenossen so anreden, denn Alles,
auch die Höflichkeitsbezeigungen, sind streng vorgeschriebene
Redensarten und Handlungen.
Und es ist eigenthümlich: während äußerlich eine gewisse Gleichheit der
Menschen zu existiren scheint,--denn der ärmste Mann im Lande ist nicht
sicher, eines Tages zum ersten Minister oder gar zum Sultan, zum Chalif
(des gnädigen Herrn Mohammed) gemacht zu werden,--herrscht dennoch ein
strenger Unterschied in den Förmlichkeiten und Gebräuchen des Umgangs
zwischen Hohen und Niedern, zwischen Armen und Reichen, zwischen
Schriftgelehrten und Laien, zwischen Schürfa[6] und anderen gewöhnlichen
Sterblichen. Ist es nicht ähnlich so in der päpstlichen Kirche? Der
Sultan von Marokko betrachtet sich als den rechtmäßigen Nachfolger
Mohammeds, als seinen Verweser auf Erden. Seiner Idee nach gehört von
Rechtswegen die ganze Erde ihm: "Jeder kann Sultan oder Beherrscher der
Gläubigen werden, vornehmlich aber die vom Blute Mohammeds"[7]. Der
Papst andererseits betrachtet sich als rechtmäßigen Nachfolger Petri
(oder als Stellvertreter Jesu Christi, d.h. eigentlich Gottes), seiner
Meinung nach gehört von Rechtswegen die Herrschaft über die ganze Erde
ihm, jeder kann Papst werden, der den Laienstand mit dem schwarzen
Gewande vertauscht; wie der Sultan von Marokko, behauptet er, nicht
fehlen zu können. Wo ist da der Unterschied vor dem _unparteiischen_
Menschen? Aber eben so groß, wie er in der päpstlichen Kirche zwischen
dem mit dreifach goldener Krone bedeckten Papste und dem einfachsten
Priester der Kirche oder gar dem Bettler ist, so groß ist auch der
Abstand zwischen dem von seinen tausend Weibern umgebenen Sultan und dem
ärmsten Faki des mohammedanischen Reiches.
Wie es bei uns verschiedene Anreden giebt, so auch bei den Marokkanern.
Der Sultan hat den Titel _Sidina_, unser "gnädiger Herr"; der Scherif,
d.h. ein Nachkomme Mohammeds, den Titel _Sidi_ oder _Mulei_, d.h. mein
Herr; eine Scheriffrau den Titel _Lella_; einen andern Menschen redet
man mit _Si_, _Herr_, an, welches Si dem Namen vorgesetzt wird, _aber
nur, wenn er lesen und schreiben kann_. Andere ganz gewöhnliche Menschen
nennt man einfach bei Namen, sowohl Männer und Frauen, wie Kinder. Will
man solche rufen, so kann man ohne zu verstoßen, falls der Mann
unbekannt ist, sagen: =ia radjel=, o Mann; =ia marra=, o Frau;
=ia uld=, o Sohn; =ia bent= oder =ia bekra=, o Tochter, o
Jungfrau.
Man muß sich wohl hüten, in Marokko den Titel _Sidi_, mein Herr,
gewöhnlichen Menschen zu geben, nur die Juden müssen alle Gläubigen so
anreden. Auch die Minister, Agha, Kaid, Mufti, Kadi, Imam u.s.w. haben,
falls sie nicht Schürfa sind, kein Recht auf den Titel Sidi.
Beim _Begrüßen_ sagt man bis Mittag: Dein Tag sei gut; von Mittag bis
Abend: Dein Abend sei gut. Zu jeder Stunde kann man sagen: Sei
willkommen.
Wenn auch vollkommen Unbekannte beim ersten Anreden sich duzen, so ist
das Duzen doch nicht ausschließlich im Gebrauch. Es würde unschicklich
sein, den Sultan anders anzureden, als in der zweiten Person Pluralis,
ebenso lieben es auch vornehme Personen, namentlich Religionsmänner,
sich in der zweiten Person Pluralis anreden zu lassen. Auch Kinder
pflegen ihre Eltern mit "Ihr" anzureden. Der gebräuchlichste Gruß,
=es ssalamu alikum=, ist ebenfalls in der zweiten Person Pluralis.
Da eine Begrüßung zwischen Leuten, die sich seit Langem nicht gesehen,
immer unendlich lange dauert, manchmal eine halbe Stunde, so hat man die
verschiedensten Redensarten, um sich nach dem wechselseitigen Befinden
zu erkundigen., "Wie ist dein Zustand?" "Wie ist deine Zeit?" "Wie bist
du?" "Wie ist dein Wie?" "Wie bist du gemacht?" u.s.w. Alle diese
Redensarten werden mit monotoner Stimme wiederholt und man hat wohl
Acht, dieselben mit häufigen "Gott sei gelobt", "o gnädiger Herr
Mohammed" zu untermischen. Je öfterer man Letzteres thut, desto besser
und frommer glaubt man zu sein und für desto heiliger wird man gehalten.
Es würde ein großes Verbrechen sein, bei den Leuten arabischen Blutes
sich nach dem Befinden der Frau des Anderen zu erkundigen. Und wenn sie
am Rande des Grabes stände, dürfte man das nicht direct thun. Selbst der
Vater, der Bruder würde es nicht für decent halten, seinen
Schwiegersohn, seinen Schwager ohne Umschweife nach der Gesundheit
seiner Tochter, seiner Schwester zu fragen.
Da aber der Marokkaner ebenso gut den Trieb der Neugier besitzt, wie
wir, so braucht er dann allerlei Umwege, um sich nach dem Befinden einer
Frau zu erkundigen: "Wie befinden sich Adams Kinder?" d.h. alle
Menschen, die Frauen also auch; oder: "Wie geht es dem Zelte?" d.h. mit
Allem was darin ist; oder: "Wie geht es der Familie?"--"Wie befinden
sich deine Leute?" u.s.w.
Der _Kuß_ ist allgemein verbreitet. Dennoch kennt man nicht den Kuß der
Liebe: den auf den Mund. Man begegnet einander, ergreift die Rechte,
ohne sie zu drücken, und küßt sodann seinen _eigenen_ Zeigefinger. Will
man über die Begegnung recht seine Freude ausdrücken, so wird diese
Procedur sechs- bis achtmal wiederholt. Ein Untergebener küßt einem
Vornehmen den Saum seines Kleides oder ist dieser zu Pferde, das Knie,
die Füße; ist der zu Begrüßende ein großer Heiliger, so kann man auch
dessen Pferd oder irgend einen beliebigen ihm gehörigen Gegenstand
küssen.
Weiß der Vornehme oder der Heilige, daß der Begrüßer Geld hat oder Geld
schenken will, so giebt er wohl seine Hand zum Küssen, legt dieselbe
segnend auf den Kopf oder wehrt die demüthige Geberde des Begrüßers mit
Worten ab. Ist ein Untergebener zu Pferde, so steigt er schon von Weitem
ab, um einen höher Stehenden zu begrüßen. Zwei Gleiche küssen sich wohl
die Wangen, und will ein Vornehmer oder ein Heiliger Jemand besonders
auszeichnen, so küßt er diesem die Stirn. Kommt ein Vornehmer, so
erheben sich alle Anwesenden und verbeugen sich mit vor der Brust
gekreuzten Armen. Vor dem Sultan, vor dem Großscherif kann man sich auch
auf die Erde werfen, wie beim Gebet, und die Stirn auf den Boden
drücken: "=Allah-itohl-amreck=!" Gott verlängere die Existenz
deiner Seele, ruft man.
Der Marokkaner verläßt eine Versammlung ohne Gruß; nur wenn er auf
längere Zeit verreisen wollte, würde er es für nöthig halten, sich
förmlich und durch Worte zu verabschieden. Ist aber ein sehr vornehmer
Mann, ein Heiliger in der Versammlung, so geht man zu ihm, küßt seine
Knie, seine Hand oder den Saum seines Kleides und verabschiedet sich
dann, ohne ein Wort zu sagen.
Schon an anderen Orten ist darauf hingewiesen worden, wie die
marokkanische Geistlichkeit, wenn von einer solchen die Rede sein kann,
ebensoviel auf äußere Ehrenbezeigungen hält, wie die der europäischen
Christenheit. Wenn es auch dort nicht Sitte ist, daß sie sich kenntlich
macht von den Laien durch besondere Tracht (schwarzer Anzug, weiße
Cravate), so liebt es doch Jeder, der sich vorzugsweise dem Studium der
Religion hingiebt, daß man ihn zuerst grüßt, daß er den Ehrenplatz
erhält und daß man auf ihn die meiste Rücksicht nehme. In einem so durch
die Religion fanatisirten Lande ist es daher jedem Reisenden dringend
anzurathen, sich mit dieser Klasse von Menschen gut zu stellen, und da
die mohammedanische Geistlichkeit ebenso wie die christliche besondere
Vorliebe für Geld hat, weil dieses als die erste Bedingung zur
Herrschaft erscheint, so ist es wohl gerathen, den frommen Leuten davon
soviel wie möglich zukommen zu lassen. Wie richtig handelte z.B. Ali Bey
in dieser Beziehung bei seinen Reisen durch Marokko.
Alle Höflichkeitsbezeigungen in Marokko müssen in fromme Redensarten
gekleidet sein. =Allah-iatik-ssaha, Allah-iaunik=, Gott gebe dir
Kraft, Gott helfe dir, ruft man einem Arbeitenden zu, und wenn einer
niest, so rufe ihm ein =Nedjak-Allah=, Gott rette dich, zu; der
Niesende dankt mit "=R'hamek-Allah=", Gott sei dir gnädig.
Eine Sitte oder vielmehr Unsitte existirt, die man in Europa auf's
Höchste anstößig finden würde: das laute Aufstoßen während des Essens
und gleich hernach. Der Aufstoßende ruft dann selbstgefällig
"=Stafhr-Allah=", Gott verzeih' es, oder "=Hamd-Allah=". Gott
sei gelobt. Er betrachtet das als Zeichen, daß der Appetit jetzt
gestillt sei, und ebenso fassen die Mitessenden es auf, die ihn
vielleicht heimlicherweise um dies seh- und hörbare Zeichen seines
gesunden Magens beneiden. Jedes Essen, jeder Trunk wird begonnen, wie
überhaupt Alles was man unternimmt, mit =Bsm-Allah=, im Namen
Gottes. Und es würde vollkommen gegen alle Sitte sein, _aufrecht
stehend_ zu essen oder zu trinken. Dem Trinkenden wird ein:
"=Ssaha=", Gesundheit, zugerufen.
Es würde nicht nur ein Verstoß gegen den guten Anstand sein, wollte man
mit der linken Hand essen, sondern auch den Religionsvorschriften
entgegen sein. Die linke Hand, welche zu gewissen Ablutionen benutzt
wird, gilt für unrein, nur der _Teufel_, der sich aus religiösen
Vorschriften nichts macht, bedient sich seiner Linken. Man darf sich bei
dem _Essen_ nie des _Messers_ bedienen, namentlich das Brod darf _nicht
geschnitten_, sondern muß _gebrochen_ werden. Vor und nach dem Essen muß
man sich die Hände und nach dem Essen die Hände und den Mund ausspülen,
aber sorgfältig darauf achten, daß das zum Mundausspülen benutzte
_Wasser nur aus der hohlen Hand_, nicht aus einem Gefäße genommen wird.
Zum Reinigen des Mundes bedient der wohlerzogene Mann sich nur des
Daumens und Zeigefingers seiner Rechten. Man soll nicht zu schnell
essen, und Derjenige, der einen Vornehmen oder höher im Range Stehenden
bei sich empfängt, darf sich nicht mit an die Schüssel setzen, sondern
muß durch Aufwarten seine Sorgfalt für den Besuch bekunden. Der
Besuchende selbst würde sehr gegen die Lebensart verstoßen, wollte er
sich um seine Bagage oder um seine Diener bekümmern. Daß diese in Obhut
genommen, daß die Dienerschaft mit Speise und Trank versehen, daß die
Thiere abgefüttert werden, darf ihn nicht kümmern, es ist das Sache des
Wirthes. Präsentirt man dir eine Tasse Thee oder Kaffee, so trinke sie
nicht rasch aus, sondern nimm das Getränk _schlürfend_ zu dir; wenn du
beim Speisen bist, so unterlasse es nie, die Hinzukommenden zum Mitessen
einzuladen, und diese, falls sie gleiches Ranges sind, erzeigen sich als
wohlerzogene Leute, wenn sie wenigstens einen _Bissen_ mitessen, selbst
wenn sie satt sind. Sind sie aber niederer Herkunft, so dürfen sie das
Anerbieten nicht annehmen; sind sie hungrig, so erfordert es der
Anstand, sich zu setzen und zu _warten_, bis man ihnen die Ueberreste
reicht.
Gewisse Gebräuche, als von den unseren abweichend, sind noch besonders
hervorzuheben:
Man darf keinen brennenden Spahn mit dem Hauche auslöschen, sondern nur
durch Hin- und Herfahren durch die Luft. Wenn man Feuer verlangt zu
einer Pfeife oder um Etwas anzuzünden, so sage man nicht: "gieb mir
Feuer," "=attininar=", denn "=nar=" bedeutet auch das
höllische Feuer, sondern man sagt: "=attini-l'afiah=". Das Wort
"=l'afia=" bedeutet Leben, Gesundheit und Feuer, oder
"=attini-djemra=", gieb mir eine Kohle.
Höchst unanständig würde es sein, _aufrechtstehend_ ein Bedürfniß zu
verrichten, man muß das in hockender Stellung thun und hernach die
Ablution nicht verabsäumen, oder wo Wasser fehlt, die Ablution durch
Sand vollziehen.
Man vermeide, mit Schuhen ein Zimmer oder gar eine Moschee zu betreten;
an der Schwelle der Thür müssen sie zurückgelassen werden. Sobald man
Jemand auf der Straße anreden will und hat ihm etwas Ausführliches zu
sagen, dann bleibe man nicht stehen, sondern hocke nieder, _denn im
Stehen lange zu sprechen ist unanständig_.
Einen Bittenden muß man nie durch eine _abschlägige_ Antwort beleidigen;
"=in-schah-Allah=," so Gott will, sagt man, oder ist der Bittende
zudringlich: "=Rbi-atik=", Gott wird _dir_ geben; ein guter
Mohammedaner darf keinen Zweifel an der Großmuth Gottes hegen.
Begeht man eine Ungeschicklichkeit, zerbricht oder wirft man aus
Versehen Etwas um, _so verflucht man zuerst den Teufel_, denn der ist
die Ursache alles Uebels; erst dann sagt man: "=smah-li=", verzeih
mir, "=ma-fi-schi-bass=", ist kein Uebel dabei, erwiedert der
Besitzer _laut, innerlich_ aber den Urheber und Teufel zum Teufel
wünschend. Sehr bequem für alle Unfälle sind auch die Redensarten:
"=Mektub-Allah=," es war bei Gott geschrieben, oder
"=Hakum-Allah=," es war von Gott befohlen, oder wenn man einen
lästigen Frager durch eine gerade Antwort nicht befriedigen will:
"=Baid-alia, cha-bar-and-Allah=", das ist weit von mir, Gott weiß
es, oder "=Arbi-iarf=," Gott weiß es.
Hat man sonst nichts zu thun, stockt eine Unterhaltung, so ruft man
einfach: =Allah= oder =Rbi=, d.h. Gott, _Meister_, oder
=Allah-akbar=, Gott ist der Größte, oder man bezeugt, daß Gott ein
einiger und Mohammed sein Gesandter ist, oder endlich, _man verflucht
die Christen_. Grund und Anlaß zu diesen Reden brauchen nicht vorhanden
zu sein, es gehört aber zum _guten Ton_, sie so oft wie möglich
auszustoßen.
Für eine empfangene Wohlthat muß immer gedankt werden, wäre sie auch
noch so gering: =Allah-ikter-cheirek=, Gott vermehre dein Gut, oder
=Allah-iberk-fik=, Gott segne dich.
Auf das Versprechen eines Marokkaners ist nichts zu geben, wenn er auch
von Höflichkeit überfließen würde und die heiligsten Eide, wie "beim
Haupte des Propheten, bei Gott dem Allmächtigen" &c. geschworen hatte.
Es erheischt dann aber auch die gute Sitte, daß man dergleichen Schwüre
nicht genau nimmt, nicht daran erinnert.
Ist man zum Besuche, so muß man sich ja hüten, die Gegenstände oder den
Besitz des Wirthes zu loben, es könnte das den Verdacht erwecken, als
wolle man Etwas geschenkt haben. Thut man es ja, so füge man immer
hinzu: =Mabruk=. Lobt man z.B. ein Pferd: =mabruk el aud=, das
Pferd möge dir glücklich sein, oder lobt man ein Kind: =Allah itohl
amru=, Gott verlängere seine Existenz. Lobt man einen Abwesenden, so
ist es höflich, wenn man seine Eigenschaften vergleicht mit denen
Desjenigen, zu dem man spricht: "ich traf letzthin mit Mohammed Ben Omar
zusammen, der ebenso viel Geist, ebensoviel Ueberlegung besitzt, _wie du
selbst_." Ueberhaupt ist es Norm, Jedem die größten Schmeicheleien
geradezu ins Gesicht zu sagen: "Bei Gott, wie geistreich du bist,
Niemand ist, wenn es Gott gefällt, so großmüthig, wie du; ich habe, Gott
stehe mir bei, noch keinen so guten Reiter gesehen, wie du einer bist"
u.s.w. Der Geschmeichelte antwortet mit "=Kulschi-and-Allah=",
Alles steht bei Gott, oder mit sonst einer frommen Redensart.
Bei gewissen Ereignissen im menschlichen Leben haben die Marokkaner ihre
unveränderlichen Höflichkeitsphrasen. Bei einer Verheirathung: "Gebe
Gott, daß sie dein Zelt fülle" (mit Kindern). Wenn ein männlicher
Sprößling geboren wird: "Das Kind möge dir Glück bringen." Zu einem
Erkrankten: "Sorge nicht, Gott hat die Zahl deiner Krankheitstage
gezählt;" zu Einem, der im Gefecht verwundet wurde: "Du bist glücklich,
Gott hat dich gezeichnet, um dich nicht (beim jüngsten Gericht oder beim
Eintritt ins Paradies) zu vergessen." Will man Jemand über den Verlust
eines Angehörigen trösten: "Seit dem Tage, wo er empfangen wurde, stand
sein Tod im Buche Gottes", oder: "es war bei Gott geschrieben."
Ueber den Verlust der Frau tröstet man noch besonders mit: "Halt deinen
Schmerz an, Gott wird diesen Verlust ersetzen."
Alle diese Redensarten sind _unveränderlich_, wie bei uns "guten Tag",
"wie gehts" &c. Die Marokkaner haben aber auch noch andere Mittel, um
sich unbemerkt oder durch Zeichensprache ihre Gedanken mitzutheilen. Zum
Beispiel in einer Versammlung wäre es vielleicht wünschenswerth, irgend
Jemand über die Gesinnung oder Absicht dieses oder jenes aufzuklären. Er
blinzelt ihm mit dem Auge zu, reibt die beiden Zeigefinger an einander,
d.h. wir sind oder ihr seid Freunde und verstehen uns oder ihr seid
Gesinnungsgenossen. Ein _kreuzweises Sägen der beiden Zeigefinger_
würde Feindschaft andeuten. Dergleichen conventionelle Zeichen haben die
Marokkaner sehr viele, wodurch sie reden können, ohne damit in eine
allgemeine Unterhaltung eingreifen zu müssen. Und es wird keineswegs als
ein Act der Unhöflichkeit betrachtet, sich solcher Zeichen zu bedienen.