5. Höflichkeitsformen und Umgangsgebräuche bei den Marokkanern.

"Es ssalamu alikum" ist die allgemeine Begrüßung der Gläubigen, der

Araber, und folglich aller Marokkaner, die der allein seligmachenden

Kirche Mohammeds anhängen. "Alikum ssalam" ist die Antwort. Beiderseits

muß der Gruß immer mit sichtbarem Ernste, mit einer gewissen

Feierlichkeit ausgesprochen werden; ein freundlich lächelndes Gesicht

würde man für ganz unpassend halten.

Wie die mohammedanische Religion am Ende weiter nichts will, als die

ganze Menschheit unter _einen_ religiösen Hut bringen, und dies dadurch

zu erreichen hofft, daß sie jeden anderen glauben als absolut falsch

verwirft, so hat dieselbe auf alle Völker, die den Islam bekennen, einen

merkwürdig nivellirenden Einfluß ausgeübt. Und wie hauptsächlich Gewicht

auf das _wörtliche Glaubensbekenntniß_ gelegt wird und eine

fortschreitende _Entwickelung_ in der Religion auf's Strengste verpönt

ist, so sehen wir, daß alle den Islam bekennenden Völker dahin gekommen

sind, wohin der Buchstabenglaube führt: zur offenen Heuchelei,

Scheinheiligkeit und zu einer entsetzlichen Verdummung und Verthierung

des Volkes.

Durch Alles, was die mohammedanischen Völker thun und reden, zieht sich

immer ein heuchlerischer, muckerhafter und pharisäischer Hauch, auch in

Höflichkeiten. Der durch den Gebrauch Mohammed's geheiligte Gruß: "Der

Gruß (Gottes) sei mit Euch" wird daher auch nie an Ungläubige

verschwendet. Ein ächter Mohammedaner würde glauben, ewig verdammt zu

werden, wenn er hierin nicht einen strengen Unterschied machte. Tritt er

in eine Versammlung, wo Juden und Christen zugegen sind, so unterläßt er

nie zu sagen: "=Ssalam-ala-hali=," Gruß meinen Leuten, oder will er

den Unterschied noch mehr hervortreten lassen, so sagt er:

"=Ssalam-ala-hal-es-ssalam=," Gruß den Leuten des Grußes, d.h. den

Mohammedanern, da selbstverständlich den ungläubigen Hunden kein Gruß

zukommt. Oder auch man sagt. "Gruß Denen, welche die Religion befolgen,"

womit selbstverständlich die allein seligmachende Religion des Islam

gemeint ist, alle anderen Religionen, die christliche, die jüdische &c.,

führen den Menschen direct vom Diesseits in die Hölle.

Will ein Marokkaner recht höflich gegen einen Christen oder Juden sein,

d.h. ihn beim Begegnen zuerst anreden, so sagt er wohl:

"=Allah-iaunek=," Gott helfe dir, oder auch: Gott gebe dir zu

essen. Nie aber würde er einen Glaubensgenossen so anreden, denn Alles,

auch die Höflichkeitsbezeigungen, sind streng vorgeschriebene

Redensarten und Handlungen.

Und es ist eigenthümlich: während äußerlich eine gewisse Gleichheit der

Menschen zu existiren scheint,--denn der ärmste Mann im Lande ist nicht

sicher, eines Tages zum ersten Minister oder gar zum Sultan, zum Chalif

(des gnädigen Herrn Mohammed) gemacht zu werden,--herrscht dennoch ein

strenger Unterschied in den Förmlichkeiten und Gebräuchen des Umgangs

zwischen Hohen und Niedern, zwischen Armen und Reichen, zwischen

Schriftgelehrten und Laien, zwischen Schürfa[6] und anderen gewöhnlichen

Sterblichen. Ist es nicht ähnlich so in der päpstlichen Kirche? Der

Sultan von Marokko betrachtet sich als den rechtmäßigen Nachfolger

Mohammeds, als seinen Verweser auf Erden. Seiner Idee nach gehört von

Rechtswegen die ganze Erde ihm: "Jeder kann Sultan oder Beherrscher der

Gläubigen werden, vornehmlich aber die vom Blute Mohammeds"[7]. Der

Papst andererseits betrachtet sich als rechtmäßigen Nachfolger Petri

(oder als Stellvertreter Jesu Christi, d.h. eigentlich Gottes), seiner

Meinung nach gehört von Rechtswegen die Herrschaft über die ganze Erde

ihm, jeder kann Papst werden, der den Laienstand mit dem schwarzen

Gewande vertauscht; wie der Sultan von Marokko, behauptet er, nicht

fehlen zu können. Wo ist da der Unterschied vor dem _unparteiischen_

Menschen? Aber eben so groß, wie er in der päpstlichen Kirche zwischen

dem mit dreifach goldener Krone bedeckten Papste und dem einfachsten

Priester der Kirche oder gar dem Bettler ist, so groß ist auch der

Abstand zwischen dem von seinen tausend Weibern umgebenen Sultan und dem

ärmsten Faki des mohammedanischen Reiches.

Wie es bei uns verschiedene Anreden giebt, so auch bei den Marokkanern.

Der Sultan hat den Titel _Sidina_, unser "gnädiger Herr"; der Scherif,

d.h. ein Nachkomme Mohammeds, den Titel _Sidi_ oder _Mulei_, d.h. mein

Herr; eine Scheriffrau den Titel _Lella_; einen andern Menschen redet

man mit _Si_, _Herr_, an, welches Si dem Namen vorgesetzt wird, _aber

nur, wenn er lesen und schreiben kann_. Andere ganz gewöhnliche Menschen

nennt man einfach bei Namen, sowohl Männer und Frauen, wie Kinder. Will

man solche rufen, so kann man ohne zu verstoßen, falls der Mann

unbekannt ist, sagen: =ia radjel=, o Mann; =ia marra=, o Frau;

=ia uld=, o Sohn; =ia bent= oder =ia bekra=, o Tochter, o

Jungfrau.

Man muß sich wohl hüten, in Marokko den Titel _Sidi_, mein Herr,

gewöhnlichen Menschen zu geben, nur die Juden müssen alle Gläubigen so

anreden. Auch die Minister, Agha, Kaid, Mufti, Kadi, Imam u.s.w. haben,

falls sie nicht Schürfa sind, kein Recht auf den Titel Sidi.

Beim _Begrüßen_ sagt man bis Mittag: Dein Tag sei gut; von Mittag bis

Abend: Dein Abend sei gut. Zu jeder Stunde kann man sagen: Sei

willkommen.

Wenn auch vollkommen Unbekannte beim ersten Anreden sich duzen, so ist

das Duzen doch nicht ausschließlich im Gebrauch. Es würde unschicklich

sein, den Sultan anders anzureden, als in der zweiten Person Pluralis,

ebenso lieben es auch vornehme Personen, namentlich Religionsmänner,

sich in der zweiten Person Pluralis anreden zu lassen. Auch Kinder

pflegen ihre Eltern mit "Ihr" anzureden. Der gebräuchlichste Gruß,

=es ssalamu alikum=, ist ebenfalls in der zweiten Person Pluralis.

Da eine Begrüßung zwischen Leuten, die sich seit Langem nicht gesehen,

immer unendlich lange dauert, manchmal eine halbe Stunde, so hat man die

verschiedensten Redensarten, um sich nach dem wechselseitigen Befinden

zu erkundigen., "Wie ist dein Zustand?" "Wie ist deine Zeit?" "Wie bist

du?" "Wie ist dein Wie?" "Wie bist du gemacht?" u.s.w. Alle diese

Redensarten werden mit monotoner Stimme wiederholt und man hat wohl

Acht, dieselben mit häufigen "Gott sei gelobt", "o gnädiger Herr

Mohammed" zu untermischen. Je öfterer man Letzteres thut, desto besser

und frommer glaubt man zu sein und für desto heiliger wird man gehalten.

Es würde ein großes Verbrechen sein, bei den Leuten arabischen Blutes

sich nach dem Befinden der Frau des Anderen zu erkundigen. Und wenn sie

am Rande des Grabes stände, dürfte man das nicht direct thun. Selbst der

Vater, der Bruder würde es nicht für decent halten, seinen

Schwiegersohn, seinen Schwager ohne Umschweife nach der Gesundheit

seiner Tochter, seiner Schwester zu fragen.

Da aber der Marokkaner ebenso gut den Trieb der Neugier besitzt, wie

wir, so braucht er dann allerlei Umwege, um sich nach dem Befinden einer

Frau zu erkundigen: "Wie befinden sich Adams Kinder?" d.h. alle

Menschen, die Frauen also auch; oder: "Wie geht es dem Zelte?" d.h. mit

Allem was darin ist; oder: "Wie geht es der Familie?"--"Wie befinden

sich deine Leute?" u.s.w.

Der _Kuß_ ist allgemein verbreitet. Dennoch kennt man nicht den Kuß der

Liebe: den auf den Mund. Man begegnet einander, ergreift die Rechte,

ohne sie zu drücken, und küßt sodann seinen _eigenen_ Zeigefinger. Will

man über die Begegnung recht seine Freude ausdrücken, so wird diese

Procedur sechs- bis achtmal wiederholt. Ein Untergebener küßt einem

Vornehmen den Saum seines Kleides oder ist dieser zu Pferde, das Knie,

die Füße; ist der zu Begrüßende ein großer Heiliger, so kann man auch

dessen Pferd oder irgend einen beliebigen ihm gehörigen Gegenstand

küssen.

Weiß der Vornehme oder der Heilige, daß der Begrüßer Geld hat oder Geld

schenken will, so giebt er wohl seine Hand zum Küssen, legt dieselbe

segnend auf den Kopf oder wehrt die demüthige Geberde des Begrüßers mit

Worten ab. Ist ein Untergebener zu Pferde, so steigt er schon von Weitem

ab, um einen höher Stehenden zu begrüßen. Zwei Gleiche küssen sich wohl

die Wangen, und will ein Vornehmer oder ein Heiliger Jemand besonders

auszeichnen, so küßt er diesem die Stirn. Kommt ein Vornehmer, so

erheben sich alle Anwesenden und verbeugen sich mit vor der Brust

gekreuzten Armen. Vor dem Sultan, vor dem Großscherif kann man sich auch

auf die Erde werfen, wie beim Gebet, und die Stirn auf den Boden

drücken: "=Allah-itohl-amreck=!" Gott verlängere die Existenz

deiner Seele, ruft man.

Der Marokkaner verläßt eine Versammlung ohne Gruß; nur wenn er auf

längere Zeit verreisen wollte, würde er es für nöthig halten, sich

förmlich und durch Worte zu verabschieden. Ist aber ein sehr vornehmer

Mann, ein Heiliger in der Versammlung, so geht man zu ihm, küßt seine

Knie, seine Hand oder den Saum seines Kleides und verabschiedet sich

dann, ohne ein Wort zu sagen.

Schon an anderen Orten ist darauf hingewiesen worden, wie die

marokkanische Geistlichkeit, wenn von einer solchen die Rede sein kann,

ebensoviel auf äußere Ehrenbezeigungen hält, wie die der europäischen

Christenheit. Wenn es auch dort nicht Sitte ist, daß sie sich kenntlich

macht von den Laien durch besondere Tracht (schwarzer Anzug, weiße

Cravate), so liebt es doch Jeder, der sich vorzugsweise dem Studium der

Religion hingiebt, daß man ihn zuerst grüßt, daß er den Ehrenplatz

erhält und daß man auf ihn die meiste Rücksicht nehme. In einem so durch

die Religion fanatisirten Lande ist es daher jedem Reisenden dringend

anzurathen, sich mit dieser Klasse von Menschen gut zu stellen, und da

die mohammedanische Geistlichkeit ebenso wie die christliche besondere

Vorliebe für Geld hat, weil dieses als die erste Bedingung zur

Herrschaft erscheint, so ist es wohl gerathen, den frommen Leuten davon

soviel wie möglich zukommen zu lassen. Wie richtig handelte z.B. Ali Bey

in dieser Beziehung bei seinen Reisen durch Marokko.

Alle Höflichkeitsbezeigungen in Marokko müssen in fromme Redensarten

gekleidet sein. =Allah-iatik-ssaha, Allah-iaunik=, Gott gebe dir

Kraft, Gott helfe dir, ruft man einem Arbeitenden zu, und wenn einer

niest, so rufe ihm ein =Nedjak-Allah=, Gott rette dich, zu; der

Niesende dankt mit "=R'hamek-Allah=", Gott sei dir gnädig.

Eine Sitte oder vielmehr Unsitte existirt, die man in Europa auf's

Höchste anstößig finden würde: das laute Aufstoßen während des Essens

und gleich hernach. Der Aufstoßende ruft dann selbstgefällig

"=Stafhr-Allah=", Gott verzeih' es, oder "=Hamd-Allah=". Gott

sei gelobt. Er betrachtet das als Zeichen, daß der Appetit jetzt

gestillt sei, und ebenso fassen die Mitessenden es auf, die ihn

vielleicht heimlicherweise um dies seh- und hörbare Zeichen seines

gesunden Magens beneiden. Jedes Essen, jeder Trunk wird begonnen, wie

überhaupt Alles was man unternimmt, mit =Bsm-Allah=, im Namen

Gottes. Und es würde vollkommen gegen alle Sitte sein, _aufrecht

stehend_ zu essen oder zu trinken. Dem Trinkenden wird ein:

"=Ssaha=", Gesundheit, zugerufen.

Es würde nicht nur ein Verstoß gegen den guten Anstand sein, wollte man

mit der linken Hand essen, sondern auch den Religionsvorschriften

entgegen sein. Die linke Hand, welche zu gewissen Ablutionen benutzt

wird, gilt für unrein, nur der _Teufel_, der sich aus religiösen

Vorschriften nichts macht, bedient sich seiner Linken. Man darf sich bei

dem _Essen_ nie des _Messers_ bedienen, namentlich das Brod darf _nicht

geschnitten_, sondern muß _gebrochen_ werden. Vor und nach dem Essen muß

man sich die Hände und nach dem Essen die Hände und den Mund ausspülen,

aber sorgfältig darauf achten, daß das zum Mundausspülen benutzte

_Wasser nur aus der hohlen Hand_, nicht aus einem Gefäße genommen wird.

Zum Reinigen des Mundes bedient der wohlerzogene Mann sich nur des

Daumens und Zeigefingers seiner Rechten. Man soll nicht zu schnell

essen, und Derjenige, der einen Vornehmen oder höher im Range Stehenden

bei sich empfängt, darf sich nicht mit an die Schüssel setzen, sondern

muß durch Aufwarten seine Sorgfalt für den Besuch bekunden. Der

Besuchende selbst würde sehr gegen die Lebensart verstoßen, wollte er

sich um seine Bagage oder um seine Diener bekümmern. Daß diese in Obhut

genommen, daß die Dienerschaft mit Speise und Trank versehen, daß die

Thiere abgefüttert werden, darf ihn nicht kümmern, es ist das Sache des

Wirthes. Präsentirt man dir eine Tasse Thee oder Kaffee, so trinke sie

nicht rasch aus, sondern nimm das Getränk _schlürfend_ zu dir; wenn du

beim Speisen bist, so unterlasse es nie, die Hinzukommenden zum Mitessen

einzuladen, und diese, falls sie gleiches Ranges sind, erzeigen sich als

wohlerzogene Leute, wenn sie wenigstens einen _Bissen_ mitessen, selbst

wenn sie satt sind. Sind sie aber niederer Herkunft, so dürfen sie das

Anerbieten nicht annehmen; sind sie hungrig, so erfordert es der

Anstand, sich zu setzen und zu _warten_, bis man ihnen die Ueberreste

reicht.

Gewisse Gebräuche, als von den unseren abweichend, sind noch besonders

hervorzuheben:

Man darf keinen brennenden Spahn mit dem Hauche auslöschen, sondern nur

durch Hin- und Herfahren durch die Luft. Wenn man Feuer verlangt zu

einer Pfeife oder um Etwas anzuzünden, so sage man nicht: "gieb mir

Feuer," "=attininar=", denn "=nar=" bedeutet auch das

höllische Feuer, sondern man sagt: "=attini-l'afiah=". Das Wort

"=l'afia=" bedeutet Leben, Gesundheit und Feuer, oder

"=attini-djemra=", gieb mir eine Kohle.

Höchst unanständig würde es sein, _aufrechtstehend_ ein Bedürfniß zu

verrichten, man muß das in hockender Stellung thun und hernach die

Ablution nicht verabsäumen, oder wo Wasser fehlt, die Ablution durch

Sand vollziehen.

Man vermeide, mit Schuhen ein Zimmer oder gar eine Moschee zu betreten;

an der Schwelle der Thür müssen sie zurückgelassen werden. Sobald man

Jemand auf der Straße anreden will und hat ihm etwas Ausführliches zu

sagen, dann bleibe man nicht stehen, sondern hocke nieder, _denn im

Stehen lange zu sprechen ist unanständig_.

Einen Bittenden muß man nie durch eine _abschlägige_ Antwort beleidigen;

"=in-schah-Allah=," so Gott will, sagt man, oder ist der Bittende

zudringlich: "=Rbi-atik=", Gott wird _dir_ geben; ein guter

Mohammedaner darf keinen Zweifel an der Großmuth Gottes hegen.

Begeht man eine Ungeschicklichkeit, zerbricht oder wirft man aus

Versehen Etwas um, _so verflucht man zuerst den Teufel_, denn der ist

die Ursache alles Uebels; erst dann sagt man: "=smah-li=", verzeih

mir, "=ma-fi-schi-bass=", ist kein Uebel dabei, erwiedert der

Besitzer _laut, innerlich_ aber den Urheber und Teufel zum Teufel

wünschend. Sehr bequem für alle Unfälle sind auch die Redensarten:

"=Mektub-Allah=," es war bei Gott geschrieben, oder

"=Hakum-Allah=," es war von Gott befohlen, oder wenn man einen

lästigen Frager durch eine gerade Antwort nicht befriedigen will:

"=Baid-alia, cha-bar-and-Allah=", das ist weit von mir, Gott weiß

es, oder "=Arbi-iarf=," Gott weiß es.

Hat man sonst nichts zu thun, stockt eine Unterhaltung, so ruft man

einfach: =Allah= oder =Rbi=, d.h. Gott, _Meister_, oder

=Allah-akbar=, Gott ist der Größte, oder man bezeugt, daß Gott ein

einiger und Mohammed sein Gesandter ist, oder endlich, _man verflucht

die Christen_. Grund und Anlaß zu diesen Reden brauchen nicht vorhanden

zu sein, es gehört aber zum _guten Ton_, sie so oft wie möglich

auszustoßen.

Für eine empfangene Wohlthat muß immer gedankt werden, wäre sie auch

noch so gering: =Allah-ikter-cheirek=, Gott vermehre dein Gut, oder

=Allah-iberk-fik=, Gott segne dich.

Auf das Versprechen eines Marokkaners ist nichts zu geben, wenn er auch

von Höflichkeit überfließen würde und die heiligsten Eide, wie "beim

Haupte des Propheten, bei Gott dem Allmächtigen" &c. geschworen hatte.

Es erheischt dann aber auch die gute Sitte, daß man dergleichen Schwüre

nicht genau nimmt, nicht daran erinnert.

Ist man zum Besuche, so muß man sich ja hüten, die Gegenstände oder den

Besitz des Wirthes zu loben, es könnte das den Verdacht erwecken, als

wolle man Etwas geschenkt haben. Thut man es ja, so füge man immer

hinzu: =Mabruk=. Lobt man z.B. ein Pferd: =mabruk el aud=, das

Pferd möge dir glücklich sein, oder lobt man ein Kind: =Allah itohl

amru=, Gott verlängere seine Existenz. Lobt man einen Abwesenden, so

ist es höflich, wenn man seine Eigenschaften vergleicht mit denen

Desjenigen, zu dem man spricht: "ich traf letzthin mit Mohammed Ben Omar

zusammen, der ebenso viel Geist, ebensoviel Ueberlegung besitzt, _wie du

selbst_." Ueberhaupt ist es Norm, Jedem die größten Schmeicheleien

geradezu ins Gesicht zu sagen: "Bei Gott, wie geistreich du bist,

Niemand ist, wenn es Gott gefällt, so großmüthig, wie du; ich habe, Gott

stehe mir bei, noch keinen so guten Reiter gesehen, wie du einer bist"

u.s.w. Der Geschmeichelte antwortet mit "=Kulschi-and-Allah=",

Alles steht bei Gott, oder mit sonst einer frommen Redensart.

Bei gewissen Ereignissen im menschlichen Leben haben die Marokkaner ihre

unveränderlichen Höflichkeitsphrasen. Bei einer Verheirathung: "Gebe

Gott, daß sie dein Zelt fülle" (mit Kindern). Wenn ein männlicher

Sprößling geboren wird: "Das Kind möge dir Glück bringen." Zu einem

Erkrankten: "Sorge nicht, Gott hat die Zahl deiner Krankheitstage

gezählt;" zu Einem, der im Gefecht verwundet wurde: "Du bist glücklich,

Gott hat dich gezeichnet, um dich nicht (beim jüngsten Gericht oder beim

Eintritt ins Paradies) zu vergessen." Will man Jemand über den Verlust

eines Angehörigen trösten: "Seit dem Tage, wo er empfangen wurde, stand

sein Tod im Buche Gottes", oder: "es war bei Gott geschrieben."

Ueber den Verlust der Frau tröstet man noch besonders mit: "Halt deinen

Schmerz an, Gott wird diesen Verlust ersetzen."

Alle diese Redensarten sind _unveränderlich_, wie bei uns "guten Tag",

"wie gehts" &c. Die Marokkaner haben aber auch noch andere Mittel, um

sich unbemerkt oder durch Zeichensprache ihre Gedanken mitzutheilen. Zum

Beispiel in einer Versammlung wäre es vielleicht wünschenswerth, irgend

Jemand über die Gesinnung oder Absicht dieses oder jenes aufzuklären. Er

blinzelt ihm mit dem Auge zu, reibt die beiden Zeigefinger an einander,

d.h. wir sind oder ihr seid Freunde und verstehen uns oder ihr seid

Gesinnungsgenossen. Ein _kreuzweises Sägen der beiden Zeigefinger_

würde Feindschaft andeuten. Dergleichen conventionelle Zeichen haben die

Marokkaner sehr viele, wodurch sie reden können, ohne damit in eine

allgemeine Unterhaltung eingreifen zu müssen. Und es wird keineswegs als

ein Act der Unhöflichkeit betrachtet, sich solcher Zeichen zu bedienen.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 21 / 40 题