Einer der wichtigsten Gebirgsstöcke im bekannten Centralafrika ist das
Gora-Gebirge, denn hier ist die Wasserscheide zwischen dem Tschad-See
einerseits und dem mächtigen Niger andererseits. Zudem entspringt hier
der Gongolafluß, einer der bedeutendsten Nebenflüsse des Bénue, sowie
eine Menge kleinere Flüsse, die direct in den Bénue (dieser ist der
bedeutendste Nebenfluß des Niger, und vielleicht ebenso bedeutend als
dieser) sich werfen.
Das Gora-Gebirge erreicht eine absolute Höhe von mehr als 7000 Fuß und
besteht seiner Hauptmasse nach aus Granit, doch sind an den unteren
Abhängen auch alle anderen Gesteinsarten vertreten. Das Gebirge scheint
sehr mineralisch zu sein, die Bewohner haben Antimon-, Zinn- und
Eisenminen; über das Vorkommen von Gold ist den Eingebornen indeß nichts
bekannt, noch weniger läßt sich sagen, ob Silber vorhanden sei, welches
überhaupt in Centralafrika noch nicht gefunden worden ist. Der Boden
besteht fast durchweg aus einem festen röthlichen Lehm und Thon, doch
sieht man mitunter auch ausgedehnte Strecken mit schwarzem Humus
bedeckt. Die hervorragendsten Berggipfel sind der Saranda, westlich von
Bautschi (Jacoba) gelegen, der Goa- und der Gora-Knotenpunkt, von dem
das ganze ausgedehnte Gebirge seinen Namen hat, und von dem die Wasser
hauptsächlich entspringen, welche dem Niger, Bénue und dem Tschad
zueilen.
Was Naturschönheiten anbelangt, so wird es kaum ein Gebirge geben,
welches hierin die Goraberge übertrifft. Ueberall bewaldete Höhen, oft
steil emporragende Felsen, rieselnde Bäche, spritzende Wasserfälle,
herrliche Steilschluchten. Hie und da wieder ein Stück Ackerland um
kleine Ortschaften herumliegend, üppige Gärten mit Bananen, Gundabäumen,
Erdnüssen und einigen Gemüsen--dies das Gesammtbild, wie sich das
Gora-Gebirge dem Wanderer zeigt. Ja, wenn nicht die eigenthümlichen
konischen Dächer der Hütten, welche jene Negerdörfer zusammensetzen,
wenn nicht bei näherer Betrachtung die einzelnen Bäume der dichten
Wälder, wenn nicht hie und da die schwarze Gestalt eines mit Bogen und
Pfeil bewaffneten Eingeborenen einen daran erinnerten, daß man sich
zwischen dem 9. und 11. Grade N. Br. befände, so würde man eher glauben,
in einer üppigen europäischen Gebirgslandschaft zu sein, als in einer
afrikanischen Tropengegend.
Bis auf den Kamm des Gebirges hat man es meist mit denselben Bäumen zu
thun, wie sie in Bornu vorkommen, aber darunter befinden sich manche
fruchttragende, die in den Tschadebenen nicht vorkommen. Auf der
westlichen Seite treten hingegen die Baumarten in den Vordergrund, wie
sie das Nilthal vorzugsweise aufweist, und namentlich sind es
ausgedehnte Wälder des Butterbaumes, _Bassia Parki_, die nun
vorherrschen. In den niederen Theilen zeigen sich Bananen und der
herrliche Gunda-Baum überall wild. Indigo, zum Theil wild, Baumwolle und
Tabak gezüchtet, kommen allerwärts vor. Der Wald liefert die
Yams-Wurzeln, die auch gebaut werden, ebenso pflanzen die Eingeborenen
in ihrem Garten Ingwer, verschiedene Zwiebeln, Erdnüsse und Kohlsorten.
In einer so üppigen Gegend ist natürlich die Thierwelt sehr reich
vertreten: die niedere sowohl wie die geflügelte zeigt dem Europäer auf
Schritt und Tritt Neues. Reißende Thiere, namentlich Panther und
Leoparden, sind in den Schluchten der Berge nichts Seltenes, doch sind
sie keineswegs so häufig, daß dadurch irgendwie die Sicherheit der
Reisenden gefährdet würde.
Sehr zahlreich sind allerdings die Hyänen und Büffel vertreten; Giraffen
kommen hier im Gebirge nirgends vor; Elephanten, Nashörner und
Flußpferde treten erst am Bénue und Niger auf; ebenso fehlt hier der
Gorilla-Affe, nur Paviane und Hundsaffen sind in erstaunlicher Menge
vertreten. Wie überall, wo das Land von Ameisen beherrscht wird, ist
auch der Ameisenbär anzutreffen, und jene ungeheueren Thonpyramiden,
welche man über das ganze Land zerstreut sieht, sind oft von der Kralle
des Ameisenbärs angebohrt. Diese Pyramiden, von denen auch schon durch
Photographie fixirte Ansichten existiren, verleihen der Landschaft einen
eigenthümlichen Reiz. Man beobachtet welche von einer Höhe von über 20
Fuß.
Die Bewohner des Gora-Gebirges sind echte Neger und gehörten ehedem zum
großen Reiche der Haussa-Neger. Bei der Invasion der Pullo wurden sie
unterjocht, und jetzt bildet das Gora-Gebirge einen Theil des
Kaiserreichs Sokoto. Zum Theil gehört es zu den Königreichen Bautschi
und Kano, zum Theil zu denen von Saria und Keffi-abd-es-Senga, welche
alle dem Kaiser von Sokoto unterthan sind.
Mit Ausnahme der Städtebewohner gehen alle Eingeborenen vollkommen nackt
und sind Heiden. Die Frauen tragen Ringe und Spangen um Arme und
Fußknöchel, jedoch durchbohren sie die Ohrlappen nicht wie die
europäischen Frauen, ihr Haar tragen sie ohne Schmuck und kurz
abgeschnitten, während die Männer es nach Art der Bornu-Frauen helmartig
zu einem Wulst zusammenwachsen lassen. Um den Leib tragen die Frauen
einen Ledergurt der vorn und hinten mit Blättern behangen wird, um damit
die Blößen zu bedecken; die Männer tragen ein Schurzfell, oft kunstvoll
gestickt und mit vielen kleinen Muscheln geschmückt. Die Männer sind
immer bewaffnet: ein Bogen, ein Köcher mit vergifteten Pfeilen und oft
ein gerades, in Hagen oder Solingen verfertigtes Schwert macht ihre
Rüstung aus.
Ihre Religion ist Fetischdienst, obschon die über sie herrschenden Pullo
den Islam angenommen haben. Aber obgleich sie Heiden sind, stehen sie
keineswegs auf einer ganz niederen Stufe der Cultur; ihre Hütten sind so
regelmäßig und gut angelegt, daß man ihnen gewissermaßen Sinn für
Architektur und Geschmack nachsagen muß; der Boden ist eine Art Mosaik,
welcher von den Frauen eingegossen und festgeklopft wird. Ihre
Hauseinrichtungen, was Töpfe, Holzschnitzereien und andere Gegenstände
anbetrifft, sind kunstvoll und mit Eleganz gearbeitet, ihre Werkzeuge
verfertigen sie selbst aus Eisen. Um im Winter auf den höher gelegenen
Bergtheilen sich besser gegen die Kälte schützen zu können, haben sie
in ihren Hütten eigene thönerne Feuerbetten angebracht. Dieselben
bestehen aus thönernen Bänken, die inwendig hohl sind; hierin wird Feuer
gemacht und so gewähren sie dem darauf liegenden, der die schroffe Hitze
durch Felle und Matten dämpft, eine angenehme Wärme.
Einer der Hauptstämme ist der der Bolo-Neger, aber je mehr man nach dem
Süden kommt, desto verschiedener werden die Bewohner, was Sprache
anbetrifft, und fast täglich hat man einen anderen Stamm vor sich. Schon
der Umstand, daß sie mich als ersten Weißen unbehelligt ihr Gebirge
durchziehen ließen, spricht zu ihren Gunsten. Allerdings machte auf sie
das Erscheinen eines Weißen den größten Eindruck, und sie bekundeten das
dadurch, daß häufig Männer und Frauen herbeikamen, um mich zu befühlen,
ob ich auch wirklich aus Fleisch und Blut sei, oder daß die ganze Jugend
eines Ortes hinter uns drein zog und "=Thoraua, Thoraua=" (Weißer,
Weißer) rief; aber nirgends war irgend von einem feindseligen Worte,
geschweige einer beleidigenden Handlung gegen mich die Rede. Im
Gegentheil, oft gab man mir zu verstehen, ich möchte doch bald nach
ihren Gegenden zurückkommen.