4. Das Gora-Gebirge in Central-Afrika.

Einer der wichtigsten Gebirgsstöcke im bekannten Centralafrika ist das

Gora-Gebirge, denn hier ist die Wasserscheide zwischen dem Tschad-See

einerseits und dem mächtigen Niger andererseits. Zudem entspringt hier

der Gongolafluß, einer der bedeutendsten Nebenflüsse des Bénue, sowie

eine Menge kleinere Flüsse, die direct in den Bénue (dieser ist der

bedeutendste Nebenfluß des Niger, und vielleicht ebenso bedeutend als

dieser) sich werfen.

Das Gora-Gebirge erreicht eine absolute Höhe von mehr als 7000 Fuß und

besteht seiner Hauptmasse nach aus Granit, doch sind an den unteren

Abhängen auch alle anderen Gesteinsarten vertreten. Das Gebirge scheint

sehr mineralisch zu sein, die Bewohner haben Antimon-, Zinn- und

Eisenminen; über das Vorkommen von Gold ist den Eingebornen indeß nichts

bekannt, noch weniger läßt sich sagen, ob Silber vorhanden sei, welches

überhaupt in Centralafrika noch nicht gefunden worden ist. Der Boden

besteht fast durchweg aus einem festen röthlichen Lehm und Thon, doch

sieht man mitunter auch ausgedehnte Strecken mit schwarzem Humus

bedeckt. Die hervorragendsten Berggipfel sind der Saranda, westlich von

Bautschi (Jacoba) gelegen, der Goa- und der Gora-Knotenpunkt, von dem

das ganze ausgedehnte Gebirge seinen Namen hat, und von dem die Wasser

hauptsächlich entspringen, welche dem Niger, Bénue und dem Tschad

zueilen.

Was Naturschönheiten anbelangt, so wird es kaum ein Gebirge geben,

welches hierin die Goraberge übertrifft. Ueberall bewaldete Höhen, oft

steil emporragende Felsen, rieselnde Bäche, spritzende Wasserfälle,

herrliche Steilschluchten. Hie und da wieder ein Stück Ackerland um

kleine Ortschaften herumliegend, üppige Gärten mit Bananen, Gundabäumen,

Erdnüssen und einigen Gemüsen--dies das Gesammtbild, wie sich das

Gora-Gebirge dem Wanderer zeigt. Ja, wenn nicht die eigenthümlichen

konischen Dächer der Hütten, welche jene Negerdörfer zusammensetzen,

wenn nicht bei näherer Betrachtung die einzelnen Bäume der dichten

Wälder, wenn nicht hie und da die schwarze Gestalt eines mit Bogen und

Pfeil bewaffneten Eingeborenen einen daran erinnerten, daß man sich

zwischen dem 9. und 11. Grade N. Br. befände, so würde man eher glauben,

in einer üppigen europäischen Gebirgslandschaft zu sein, als in einer

afrikanischen Tropengegend.

Bis auf den Kamm des Gebirges hat man es meist mit denselben Bäumen zu

thun, wie sie in Bornu vorkommen, aber darunter befinden sich manche

fruchttragende, die in den Tschadebenen nicht vorkommen. Auf der

westlichen Seite treten hingegen die Baumarten in den Vordergrund, wie

sie das Nilthal vorzugsweise aufweist, und namentlich sind es

ausgedehnte Wälder des Butterbaumes, _Bassia Parki_, die nun

vorherrschen. In den niederen Theilen zeigen sich Bananen und der

herrliche Gunda-Baum überall wild. Indigo, zum Theil wild, Baumwolle und

Tabak gezüchtet, kommen allerwärts vor. Der Wald liefert die

Yams-Wurzeln, die auch gebaut werden, ebenso pflanzen die Eingeborenen

in ihrem Garten Ingwer, verschiedene Zwiebeln, Erdnüsse und Kohlsorten.

In einer so üppigen Gegend ist natürlich die Thierwelt sehr reich

vertreten: die niedere sowohl wie die geflügelte zeigt dem Europäer auf

Schritt und Tritt Neues. Reißende Thiere, namentlich Panther und

Leoparden, sind in den Schluchten der Berge nichts Seltenes, doch sind

sie keineswegs so häufig, daß dadurch irgendwie die Sicherheit der

Reisenden gefährdet würde.

Sehr zahlreich sind allerdings die Hyänen und Büffel vertreten; Giraffen

kommen hier im Gebirge nirgends vor; Elephanten, Nashörner und

Flußpferde treten erst am Bénue und Niger auf; ebenso fehlt hier der

Gorilla-Affe, nur Paviane und Hundsaffen sind in erstaunlicher Menge

vertreten. Wie überall, wo das Land von Ameisen beherrscht wird, ist

auch der Ameisenbär anzutreffen, und jene ungeheueren Thonpyramiden,

welche man über das ganze Land zerstreut sieht, sind oft von der Kralle

des Ameisenbärs angebohrt. Diese Pyramiden, von denen auch schon durch

Photographie fixirte Ansichten existiren, verleihen der Landschaft einen

eigenthümlichen Reiz. Man beobachtet welche von einer Höhe von über 20

Fuß.

Die Bewohner des Gora-Gebirges sind echte Neger und gehörten ehedem zum

großen Reiche der Haussa-Neger. Bei der Invasion der Pullo wurden sie

unterjocht, und jetzt bildet das Gora-Gebirge einen Theil des

Kaiserreichs Sokoto. Zum Theil gehört es zu den Königreichen Bautschi

und Kano, zum Theil zu denen von Saria und Keffi-abd-es-Senga, welche

alle dem Kaiser von Sokoto unterthan sind.

Mit Ausnahme der Städtebewohner gehen alle Eingeborenen vollkommen nackt

und sind Heiden. Die Frauen tragen Ringe und Spangen um Arme und

Fußknöchel, jedoch durchbohren sie die Ohrlappen nicht wie die

europäischen Frauen, ihr Haar tragen sie ohne Schmuck und kurz

abgeschnitten, während die Männer es nach Art der Bornu-Frauen helmartig

zu einem Wulst zusammenwachsen lassen. Um den Leib tragen die Frauen

einen Ledergurt der vorn und hinten mit Blättern behangen wird, um damit

die Blößen zu bedecken; die Männer tragen ein Schurzfell, oft kunstvoll

gestickt und mit vielen kleinen Muscheln geschmückt. Die Männer sind

immer bewaffnet: ein Bogen, ein Köcher mit vergifteten Pfeilen und oft

ein gerades, in Hagen oder Solingen verfertigtes Schwert macht ihre

Rüstung aus.

Ihre Religion ist Fetischdienst, obschon die über sie herrschenden Pullo

den Islam angenommen haben. Aber obgleich sie Heiden sind, stehen sie

keineswegs auf einer ganz niederen Stufe der Cultur; ihre Hütten sind so

regelmäßig und gut angelegt, daß man ihnen gewissermaßen Sinn für

Architektur und Geschmack nachsagen muß; der Boden ist eine Art Mosaik,

welcher von den Frauen eingegossen und festgeklopft wird. Ihre

Hauseinrichtungen, was Töpfe, Holzschnitzereien und andere Gegenstände

anbetrifft, sind kunstvoll und mit Eleganz gearbeitet, ihre Werkzeuge

verfertigen sie selbst aus Eisen. Um im Winter auf den höher gelegenen

Bergtheilen sich besser gegen die Kälte schützen zu können, haben sie

in ihren Hütten eigene thönerne Feuerbetten angebracht. Dieselben

bestehen aus thönernen Bänken, die inwendig hohl sind; hierin wird Feuer

gemacht und so gewähren sie dem darauf liegenden, der die schroffe Hitze

durch Felle und Matten dämpft, eine angenehme Wärme.

Einer der Hauptstämme ist der der Bolo-Neger, aber je mehr man nach dem

Süden kommt, desto verschiedener werden die Bewohner, was Sprache

anbetrifft, und fast täglich hat man einen anderen Stamm vor sich. Schon

der Umstand, daß sie mich als ersten Weißen unbehelligt ihr Gebirge

durchziehen ließen, spricht zu ihren Gunsten. Allerdings machte auf sie

das Erscheinen eines Weißen den größten Eindruck, und sie bekundeten das

dadurch, daß häufig Männer und Frauen herbeikamen, um mich zu befühlen,

ob ich auch wirklich aus Fleisch und Blut sei, oder daß die ganze Jugend

eines Ortes hinter uns drein zog und "=Thoraua, Thoraua=" (Weißer,

Weißer) rief; aber nirgends war irgend von einem feindseligen Worte,

geschweige einer beleidigenden Handlung gegen mich die Rede. Im

Gegentheil, oft gab man mir zu verstehen, ich möchte doch bald nach

ihren Gegenden zurückkommen.

Beiträge zur Entdeckung und Erforschung Africa's. Berichte aus den Jahren 1870-1875 · 第 20 / 40 题