Er ging, das Haupt zur aschgrauen Erde gebeugt; der Himmel da oben war
nicht mehr für ihn da, er wollte nichts mehr sehen. Aber unauslöschlich
brannte in ihm die sanfte Flamme von Christus' Blick.
Und er haßte diesen Blick. O, hätte er ihn vergessen können, seine Brust
offenreißen, um die Glut da drinnen totzuwürgen! . . . Umsonst! Er ging
mit dieser unsagbaren Pein durch die leere Welt, und in seinem ganzen
Wesen war eine Lust, nicht mehr zu sein.
Ja, nicht mehr sein! Aber . . . sterben -- wie ist das Sterben doch
mühsam! Er konnte nicht mehr wollen; -- nicht denken, das war das
einzige, was er wollte. Und es war doch auch eine versteckte Angst in
ihm . . . er wollte nicht mehr denken.
Die Helle der Tage und das Dunkel der Nächte wechselten in ständigem
Wandel über ihm. Er ging, schlief einen unruhigen Schlaf von einigen
Stunden und ging dann weiter; die eine Hand hielt einen Knotenstock
umklammert, die andere wühlte in seiner Brust oder umkrampfte bisweilen
seine Stirn, als stäche ihn da eine Dornenkrone. Er mied zuerst die
Dörfer, aß Früchte oder Rüben, und ging nur immerzu, unbewußt, verloren.
So wanderte er bergauf und bergab, durch Sonne und Wind, über die
unermeßlichen Straßen der Welt. Er irrte wohl einmal tagelang auf Heiden
und in Wäldern umher, um dann ausgehungert wieder niederzusteigen in die
Täler, wo die Menschen wohnen. Und dort bettelte er, unwillig brummend
wie ein Bär, der unter der Peitsche tanzen muß. Mit seinem mageren
Gesicht, worin die starren Augen glommen, jagte er den Frauen Schrecken
in den Leib; sie gaben ihm ein Butterbrot und zogen schnell ihre Kinder
wieder ins Haus. Er dankte nicht und ging weiter und machte vor der
Wirtschaft halt, wo die Pächter im Schatten beim Kegeln saßen und ihre
Pfeife rauchten, die Hand am schäumenden Krug. Sie hatten Scheu vor
seinem langen, unbeweglichen Schatten und rückten vorsichtig zur Seite,
damit er sie nicht anrührte. Er sprach kein Wort, aber seine hagere
Gestalt prophezeite Krankheit, Hungersnot und vielleicht noch schlimmere
Plagen. Und in seinen Augen lag eine stumme Frage, die sie lieber nicht
sehen wollten. Vor Ahasverus fühlte man sich beunruhigt, ohne recht zu
wissen warum, -- wie beim Sinken der Abendschauer, wenn der Mensch über
das kurze Leben nachdenkt und das, was jenseits liegt.
Und er wanderte, wanderte. Bisweilen, als fürchtete er sich selbst,
fühlte er wieder den Drang, unter vielen Menschen zu sein, verloren in
einer Menge. So lief er einmal tagelang mit einem Heere mit, längs der
Wege. Die Kriegsknechte wurden wild von dem endlosen Latschen und
trieben allerlei Mutwillen auf dem platten Land, spielten die Herren,
stießen mit ihrer Pike die Bauern vor sich her, forderten Speck mit
Eiern, altes Bier und junge Mädchen. Zum Schluß, als sie in eine große
Stadt kamen, fingen sie an zu meutern und zu plündern. Sie rannten wie
wilde Raubtiere brüllend durch die dunklen Gassen, drangen in hellen
Haufen in die Läden der Juden ein und warfen dann die Leichen durch die
Fenster. Der Boden war rot und schwarz vom Blut, man focht bis in die
Kirche, und Ahasverus sah, wie flehende Frauen und Würmlein von Kindern
abgestochen wurden, als wäre es zum Spaß. Aber das Schrecklichste schien
ihm dabei, daß sein Herz nicht einmal bebte: Geschah das in einem fernen
Traum? Waren das Menschen, die da mordeten oder starben? -- Als eine
gewaltige Orgie über all dieses Sterben hinwegzulodern begann, flüchtete
er wieder weiter, denn mitten im Gewühl noch war er allein -- er war
immer mutterseelenallein.
Er stand außerhalb der Menschheit und blieb doch ein Mensch, nichts als
ein Mensch. Er stand außerhalb der Zeit der Menschen und fühlte doch
diese Zeit in sich nagen. Er sah überall den Tod und das Leben im
Streit, ohne Ende. Er sah Tempel in stinkende Beinhäuser verwandelt, wo
am hellen Tag Hyänen heulten; er sah, wo früher die Wüste lag, eine
Stadt ihre hohen Mauern und Türme erheben. Er sah neue Völker auftauchen
und andere versinken. Er war der gleichgültige und doch leidende Zeuge
des sinnlosen Daseins, das auf- und abgeht, stirbt und aufersteht, um
wieder zu sterben. Er ging von Land zu Land, unbefriedigt; was ihm auch
begegnete, es konnte sein Herz nicht füllen, er wollte weiter, weiter.
Und er wußte es wohl, im Tiefsten seines Bewußtseins, daß sein Sehnen
ewig war -- daß ewig die Flamme war, die seine Seele versengte.
Er sah in Ägypten die Sphinx: eine Art Krebs fraß an ihrem Gesicht, und
sie war schon halb im Sande versunken; sie schien müde vom Schauen in
das Nichts. »Deine Zeit ist aus,« dachte der Wanderer, »nun kommt die
meine.«
Er sah das Land, wo die Bäume mit den Wipfeln im Boden wachsen und mit
den Wurzeln in der Luft. Da laufen die Menschen auf dem Kopfe; sie
kriegen Hühneraugen auf dem Schädel und Verdrehtheiten in die Füße; und
sie essen mit dem Hintern, was mancher Gelehrte nicht glauben will. Aber
Ahasverus hatte schon lange gefunden, daß nichts wahr oder unwahr
genannt werden darf.
Er sah auch das Land, wo es eine löbliche Tat ist, seine Eltern
umzubringen, ehe sie zu zäh werden, und sie einzupökeln für den Winter.
Das schmeckt ganz lecker, sagen sie, wenn mans mal gewohnt ist.
Ahasverus tat nicht wie ein unerfahrener Tourist, der sich über alles
wundert, denn er hatte schon lange gefunden, daß nichts gut oder böse
genannt werden darf.
Er sah Völker, die den Frieden priesen, und andere, die von nichts
wissen wollten als von Krieg und Blut. So war jeder auf seine Weise
glücklich oder unbefriedigt und hielt alles übrige für Narrheit. Er sah
einen Stamm in Afrika, der sich von Waldpavianen regieren ließ. Er sah
Menschen, die Weihrauch anzündeten für bekleidete Puppen oder für einen
Haubenstock mit einem Hut darauf, und andere wieder, die ihren Dreck
anbeteten. Und alle waren überzeugt, daß sie allein die göttlichen
Gesetze beim richtigen Zipfel hatten.
Er sah das Land der Läusemenschen: die leben splitternackt in einem Tal,
das wie ein Kessel ist, und beten gar nichts an, sondern liegen den
lieben langen Tag auf dem Bauch, die Augen halb geschlossen, verloren in
einem trägen, gestaltlosen Traum. Mit den Nägeln kratzen sie sich ihre
Nahrung aus der Erde und kennen kein festlicheres Mahl, als Würmer und
Ungeziefer. Wenn es regnet, verkriechen sie sich in Höhlen. Ahasverus
sah von einem steilen Felsen aus gerade unter sich solch ein Faulwams
sitzen und spuckte darauf: das plumpe Ding kroch etwas weiter, wie eine
Kröte, und als Ahasverus noch einmal spuckte, rührte es sich nicht mehr.
Wenn es Abend wurde, suchten sie einander träge und setzten sich dicht
zusammen, und dann begann eines von ihnen ein ängstliches, langgezogenes
Geheul durch seine heisere Kehle zu jagen, worauf zwei oder drei andere
und dann eine ganze Herde da unten in der Dämmerung mitblökten, so
traurig und verlassen, daß Ahasverus es niemals wieder vergessen konnte.
Oben, auf dem Berg, war die Stadt der Weisen: die pfiffen auf alles
zeitliche Gut, und ihr Gesicht schien immer verklärt durch himmlische
Gedanken, wie ein stilles Licht, das rötlich durch eine Alabastervase
scheint. Sie waren sehr zart von Umgang und fürchteten das Sterben
nicht, aber man fühlte etwas wie ein stilles Heimweh in ihrem Lächeln.
Als Ahasverus dort nach einiger Zeit wieder vorbeikam, bemerkte er, daß
ein tüchtiges Stück von dem Berg der Weisen nach einer besonders
feuchten Jahreszeit allmählich ins Tal niedergesackt war, so daß Heilige
und Läusemenschen nun brüderlich vereint lagen, dreihundert Fuß unter
der Erde. Ahasverus zertrat noch einige Ameisenhaufen, aber lustig war
das eigentlich nicht, und voller Ekel zog er anderswohin.
So fand er, siebzehn Meilen oberhalb des Südwindes und dann rechtsum und
quer geradeaus, nahe bei dem Pfannkuchenberg, wo man die Wolken mit
einer Mausefalle fängt, das weitberühmte Schlaraffenland voller
Vergnügen und Wohlleben. Die Bäume sind dort von Zucker und hängen
voller Konfekt, die Häuser werden aus Pfefferkuchen gebaut und mit
Honigtörtchen und Eierfladen gedeckt. Da könnt ihr den lieben langen Tag
Reisbrei mit silbernen Löffeln essen, und überall säuseln Bächlein von
goldenem Schaumwein, süßem Met, Hippokras, Geusenlambik und Oudenaarder
Doppelbier. Wenn ihr des Ambrosias überdrüssig seid, streckt ihr die
Hand aus nach den gebratenen Küken, die zu eurer Verfügung herumlaufen,
oder ihr schneidet eine Scheibe Schinken von den zappeligen Ferkelchen,
die immer das Messer parat in der Hinterbacke tragen. Jede Stunde Schlaf
bringt einen Groschen ein; ihr braucht nur zu denken: »Herzchen, wonach
steht dein Begehr?« und das Appetitlichste, wovon ihr träumen könnt,
steht vor euch, und es ist alles ein Prassen und Ludern und
Schlampampen, was das Zeug hält.
»Ich spiele mit!« sagte Ahasverus, denn es schien so, als ob diese
strahlenden Vielfraße und Faulenzer sich durch keine überflüssige
Grübelei den Teufel auf den Hals lüden. Und das war mir ein schönes
Leben! und ein Schmausen! und ein Schleckern! und ein Vivatrufen! --
aber es machte ihn übel und krank, sein Magen war bald aus dem Gleis,
und da floß kein Wein, der _seinen_ Durst ganz hätte löschen können.
»Wir Schlaraffen«, sagte einer von ihnen, »haben Genuß vom Leben, weil
wir uns nicht um die Unsterblichkeit der Seele kümmern.« -- »Ob ihr
nicht beruhigter sein würdet,« fragte Ahasverus, »wenn die
Unsterblichkeit des Leibes euer Teil wäre?« Denn er merkte, wie der
Schrecken in ihren Bauch fuhr, wenn unangemeldet Freund Hein zwischen
all diese fetten Saufsäcke trat, um einem von ihnen sein Brotgäßlein
zuzudrücken; und wenn der Körper dann eiligst unter die Erde gestopft
wurde wie ein fauliger Schwamm, der von überreifen Säften geschwollen
ist, dann war das »Halleluja« bei den Würmern, aber das »Ach, der Arme!«
da oben . . .
Es würde zu weit führen, euch von A bis Z zu erzählen, was Ahasverus auf
seinen mannigfachen Reisen noch alles sah. Aber je mehr er sah, um so
tiefer wurde die fürchterlich öde Kluft in ihm. Denn _das_ war es nicht,
_das_ nicht, was er brauchte; die Dinge, die er sehn und greifen konnte,
hatten nichts zu tun mit dem, was er brauchte; Dinge und Menschen
standen da wie ein Spiel widerstreitender Kräfte, ein nutzloses Treiben
ohne Zusammenhang oder Sinn, mit dem stummen Tod dahinter; und im Grunde
konnte ihm das ganze Sammelsurium einer Schöpfung doch gleichgültig
sein, da er sich als etwas anderes fühlte: er allein war von seiner Art,
der auserwählte Verstoßene, und fand nirgend einen Reim auf die Stimme
da drinnen, die ihn weitertrieb.
Das Unglaublichste schien ihm, sobald es das Neusein verloren hatte,
gewohnt, und die jämmerliche Alltäglichkeit der ganzen weitgedehnten
wunderbaren Welt hielt ihn eingeschlossen, so wie früher die dumpfige
Enge seines Kellerchens in Jerusalem. Er fühlte, daß sein Schicksal in
ihm lebte, stärker als der Tod, und es war ihm, als ob er eine Ewigkeit
in sich trüge; aber er blieb doch unwiderruflich ein Mensch, mit seinem
peinvoll sich abquälenden Kopf, mit seinen blutenden Füßen, die er über
die Steine schleppte, mit seinen zwei ohnmächtigen Händen, die nichts
packen konnten als ein wenig Staub, der sterben mußte. Er war kein Gott
-- nicht einmal ein Teufel! -- und selbst eine Ewigkeit, durch die keine
andere Klarheit als das wechselnde trübe Licht der Erde hindurchschiene,
dünkte ihn ein Gefängnis, worin er sich im Kreise drehen würde mit
eintönigem Schritt. Er hatte so ein Vorgefühl, daß er alles erfahren
könnte, früher oder später, alles besitzen, was die Welt trägt. Früher
oder später würde er alles schmecken, was ein Mensch schmecken kann,
Freude, Leid, Liebe, Wollust, alle Genüsse, alle Erfahrungen der fünf
Sinne; früher oder später würde er alle Leben kennen und mitleben.
Seitdem er wußte, daß nichts das, was in ihm brannte, ersticken konnte,
war das Mögliche für ihn vertausendfacht, aber gerade darum wollte er
das Unmögliche. Er konnte vom einen Ende der Welt zum anderen laufen,
und _darum_ träumte er von dem, . . . was da drüben liegt, darum war ihm
nichts begehrenswert als das Unaussprechliche, das ihm verborgen und
verschlossen blieb. Was gab er um all diesen zerbröckelten Krimskrams
ohne Ziel und Sinn? Und wenn _eine_ herbe Frucht ihn nicht reizte, was
war ihm dann eine Million herber Früchte? Die Zeit und alle irdischen
Dinge waren sein, aber er verlangte doch, verlangte heftiger denn je
nach dem Einzigen, was er nicht sehen konnte.
Er wollte nicht wissen, daß er _darnach_ verlangte, er hätte alles,
alles vergessen mögen. Jenen Blick von Christus, der ihn sanft
versengte, den vor allem hätte er vergessen müssen. Das glückte ihm wohl
einmal, aber niemals, ach! für lange. Denn der Himmel ohne Anfang und
Ende mit seinem schweigenden Geflüster unerreichbarer klarer Sterne, --
und das hin und her, ewig hin und her wogende, dumpf donnernde Rauschen
des einsamen Meeres, -- oder bisweilen schon der schmetternde Gesang
einer Lerche, das feurig helle Schlagen einer Nachtigall in der
Dunkelheit, es rief alles in ihm wieder die Glut wach, die Flamme einer
Sehnsucht nach etwas, das er ahnte, das er nicht sagen konnte und das er
nötig hatte.
Aber er wollte nicht daran denken. Als er einmal finster ein Dorf
durchzog, wurde ihm ein Almosen gegeben von einer Frau, die das Gesicht
hatte von einer, die viel gelitten hat, und sie schien keine Angst vor
ihm zu haben; sie meinte, daß er auf einer Pilgerfahrt sei, und sagte
ruhig: »Im Namen Gottes, den Ihr so fern suchen geht . . .«
»Ich suche den Teufel!« fluchte Ahasverus.
Aber die Stimme säuselte in ihm fort: »Im Namen Gottes, den Ihr so fern
suchen geht . . .« Er hätte diese Stimme morden mögen, er hätte sich die
Augen ausreißen mögen, um diese Augen von Christus nicht mehr zu sehn,
er hätte sterben mögen, um dies Verlangen zu ertöten in dem Abgrund
seiner Seele.
»Ich suche den Tod«, dachte er, -- aber ganz aus der Tiefe kam ein
Zweifel, den er nicht bannen konnte: es war nicht wahr, er würde nicht
zerbrechen . . . Und warum beschlich ihn nun eine sonderbare Angst vor
dem Tode, -- als könnte er niemals _ganz_ sterben? . . .
»Was ich suche, ist einfach nicht da«, grinste er dann wieder und
verspottete sich selbst, aber er wanderte, er wanderte, ohne Rast.
So traf er einst auf seinen langen Wegen einen Pilgrim; unter dem
breiten, mit Muscheln besetzten Filzhut schlotterte der Reisemantel, auf
den ein Bettelsack und eine Kürbisflasche drückten. Es war eine knochige
Gestalt, die ohne zu hasten weiterschlurfte, und beim Gehen fiel der
Leib regelmäßig aufs eine und dann aufs andere Bein; der Kerl schien
nicht mehr von seinem Willen getrieben. Als die beiden Schatten nahe
beieinander wandelten, blickte er nicht auf. Er murmelte zwischen seinen
Zähnen: »Unser Vater, der Du bist im Himmel . . .«, und man hörte die
dicken Kugeln seines Rosenkranzes leise klappern.
»Warm!« sagte Ahasverus, der durstig war und nach der bauchigen Flasche
schielte.
Unter dem Rand des Hutes blickte das alte Gesicht auf, mit einem toten
Blick, der in einer großen Augenhöhle saß, und sagte:
». . . Geheiliget werde Dein Name . . .«
»Ein Schlückchen würde mir gut tun, Mann!«
». . . Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden . . .«
antwortete der Pilgrim.
Ahasverus griff nach der Kürbisflasche und tat einen langen Zug, aber
der Pilgrim murmelte immer nur und knabberte weiter an seinem Gebet,
ohne auf etwas zu achten. Ahasverus wurde es seltsam zumute; das schien
ihm wie ein Gespenst, beladen mit einem furchtbaren Geheimnis, und er
fragte mit unsicherer Stimme:
»Aber Mann . . . lebst du? . . .«
Doch der Pilgrim sah noch einmal auf, wie ein gutmütiger Tropf:
». . . Erlöse uns von dem Übel,« und mit tiefem Atemholen: »Amen.«
Darauf fiel sein Blick wieder auf die Erde, und er begann von vorne mit
einer anderen Kugel.
»Nicht viel Abwechselung in seinem Gespräch«, dachte Ahasverus, aber er
folgte ihm doch in einem Abstand, angezogen von diesem Trottel, der auch
nur immer wanderte, als hätte er kein Ziel, und seit Jahren vielleicht
sich ganz und gar blödsinnig gepaternostert hatte; und der wurde ihm wie
ein fernes Bild seiner selbst, aus dem der Tod, der unmögliche Tod ihm
höhnisch entgegengrinste.
O, könnte er nur, immer und immer dasselbe Gebet wiederholend, langsam
und verbissen und zuversichtlich seinen Geist in dem Nichts sich
verirren lassen! Der alte Knabe da ging mit einem Schritt »ich werde
schon hinkommen«, und als er am Mittag, immer noch vaterunsernd, seine
Beine ausstreckte unter einer schattigen Linde, fiel er bald in Schlaf,
wie ein unschuldiges Kindchen, und schnarchte ganz leise. Ahasverus
betrachtete das totenhafte Gesicht, auf dem Ruhe ohne Falten lag.
Neidisch zog er dann weiter, allein.
Aber kein Gebet brachte er über die Lippen, und er zählte seine
Schritte, hundert, und wieder hundert, bis tausend und zwei- und
dreitausend. Doch dabei waren seine Sinne mit etwas anderem beschäftigt,
-- mit dem, was an jenem Freitag geschehen war . . . -- er _konnte_
seine Gedanken nicht zur Ruhe bringen, er _konnte_ das Bild des
Gekreuzigten in sich nicht zermalmen, und wütend begann er dann zu
fluchen, immer den selben Fluch, der niederhämmerte im Takt mit dem
Schritt seiner Füße, bis dies Geramme seinen Geist betäuben würde.
Aber endlich mußte er wieder wild über sich selbst lachen. »Ich bin ein
Kind,« dachte er, »ein törichtes kleines Kind!«
Das Land verschwamm in den Abendnebeln, die sich mit dem langgezogenen
Rauch schwelender Kartoffelfeuer mischten. Es war überall so einsam, so
verlassen und voll Abendduft. »Wo werde ich nun landen?« dachte
Ahasverus erschöpft. Bald erkannte er die flachen Strohdächer eines
Dorfes, mit Ställen und Scheunen; als er zu dem Platze kam, der die
Kirche umgab, begann in den geschlossenen Häusern das freundliche Licht
zu brennen. Er betrat eine Herberge, wo Bauern bei ein paar Kerzen um
eine Tonne herum beim Kartenspiel saßen, und verlangte Bier und trank
schweigend, mürrisch, ein Glas nach dem andern. Es war nun nur ein
bewußtes Saufen noch, um seinen Geist abzustumpfen, um zu vergessen, um
für einige Stunden tot zu sein. Aber es dauerte sehr lange, bis er
betrunken wurde; dann kamen einige von den jämmerlichen Saufbrüdern
spöttisch grinsend heran, um mit ihm anzustoßen, und sie grölten immer
dasselbe schleppende Lied, indem sie ihre angeglühten Visagen einander
zuneigten. Da lag ein Kumpan an Ahasverus gelehnt und langweilte ihn
lallend und kläglich jammernd mit Geschichten von seiner Frau, die vor
zwanzig Jahren am Pips gestorben war. Ahasverus wollte mitbrüllen, sank
aber düster wieder in sich zusammen und trank . . . Am andern Tag
erwachte er auf einem Misthaufen. Er torkelte weiter, legte sich noch
etwas in einen Graben, um zu schnarchen, schob dann wieder in eine
Wirtschaft hinein und trank. Sein Kopf schmerzte ihn, er sah alles durch
einen Nebel. Frech schmiß er seine Groschen auf den Tisch, goß hinunter,
daß seine Eingeweide davon brannten, zerbrach Gläser und wurde
hinausgeprügelt. Und so zog er von neuem schwankend die Straße entlang,
von Spelunke zu Spelunke, oder zwischendurch schnarchend, mit dem
Gesicht auf der Erde.
Bis er, nüchtern geworden, wieder das Licht sah, wieder das Leben in
sich fühlte und voller Ekel erkannte, daß sein Trotz nur eine Kinderei
war, -- daß es etwas gab, das er nicht vergessen hatte, etwas, das er
niemals vergessen würde. Und in ihm lebte das heimliche Feuer,
unauslöschlich.
»Wie sollte jemand sterben können,« dachte er, »der so stürmisch nach
dem Tode sich _sehnt_?«
Es war wieder einmal gegen Abend, und er war so müde. Was nützte es
noch, die Arme auszustrecken? -- und nach wem, nach was sollte er rufen?
. . . Er setzte sich gebrochen auf einen Stein, am Rande eines großen,
finsteren Waldes, während die Dämmerung grau aus der Ebene stieg; das
säuselnde Schweigen der Erde sprach zu dem Schweigen des Himmels, nur in
der Ferne schlug eine Glocke an; einmal trottete auch ein Hirte vorbei,
der seine folgsamen Schafe zum Stalle trieb, und ihr Getrappel im Staub
glich dem sanften Geräusch des Sommerregens. Es war so sonderbar, was in
Ahasverus vorging, und dies schien wohl ein anderer Abend zu sein als
gewöhnlich. Wie lange war er nun gelaufen? Er wußte es nicht; vielleicht
waren die Jahre wie Stunden für ihn gewesen, gleichsam als wäre er in
einem Traum gewandelt, der seinen Willen überzogen hatte, aber vor
seinem klarer werdenden Heimweh nun langsam fortdämmerte. Sein Herz war
zerstückt, aber auch seine lähmende Gleichgültigkeit war wie gebrochen,
und aus der Leere seines Geistes richtete sich trauernd etwas auf, das
er doch nicht töten konnte und das sein Bewußtsein war. O diese Glut
wieder, diese lodernde Glut da drinnen! . . . Das Gefühl, daß das Leben
in ihm doch fortwuchs und aus all dem Schutt unerbittlich aufschoß, und
dazu die allzu süße Inbrunst dieses Abends, das alles machte seine Pein
noch bohrender, als sie jemals gewesen war. Und er dachte:
»Ach! warum habe ich den Gekreuzigten angesehen? Gerade an jenem Mittag,
bevor ich ihn ansah, hätte ich so leicht sterben können!«
Er wußte wohl, daß das nun nicht mehr möglich war, daß der gemeine Tod
der Menschen den Hunger seiner schwellenden, seiner wollenden Seele,
ach! fortan nicht mehr stillen konnte. Er träumte von einem
übermenschlichen Vergehn, das zugleich die Welt selbst vernichten würde,
einem Tod, der wie ein Fluch sein würde auf . . . auf jenes _andere_,
Namenlose, wonach er begehrte, das er nicht erlangen konnte und das er
haßte, das er nicht kennen wollte, -- einem Tod, der sein würde wie ein
Speien auf das Geheimnis, das ihn leiden machte. Er hätte mit beiden
Händen den Himmel auf sein Haupt und auf alles mögen einstürzen lassen
. . . Nein, es war zu albern! Er wollte nicht wissen, daß es einen
Himmel gab, er klebte doch für immer an dieser harten Scholle . . . Und
er fiel verzweifelt auf die Kniee, mit seinen Krallen in die Erde
greifend; er wollte diese Erde sein, er wollte der Urstoff selber sein,
er hätte sich in Millionen und Millionen Stücken verteilen lassen mögen,
um in allen Dingen zu leben, -- und seine Seele nicht mehr zu fühlen! --
um der Saft der Bäume zu sein, das Blut des warmen Tieres, das Wasser
der Ströme, der Fels und die Luft, das ewige Gären der Erde.
Die stille Flut der Nacht hatte sich über das ganze Land gebreitet, aber
die Tiefen des Himmels blieben wie eine spiegelklare See. Und Ahasverus,
erdrückt von der Verdammnis dieser Unendlichkeit, flüchtete in den Wald,
-- in das grüne Dunkel.
Der Wald war voller Flüsterstimmen und seltsamem Gezitter; tastend ging
Ahasverus hindurch. Die größten Bäume standen da wie Riesen, bemoost und
so viel Jahrhunderte alt, daß sie das überflüssige Sprechen verlernt
hatten. Über den durchsichtigen Laubgewölben ahnte man überall andere
Laubgewölbe, als wären da zwei, drei Wälder übereinander, und ringsum,
zwischen den Ästen von blasserem Grün, die leise zitterten wie mit
vielen fast regungslosen Flügeln, verirrte sich der Blick durch ein
geheimnisvolles Spiel von Schatten bis in schwarze Höhlen von wirrem
Gewächs.
Von dort quoll nun überall die volle Nacht heraus, während alle Dinge
ihren Atem anhielten, um keinen Laut zu wecken. Nur ganz ganz hoch
rauschten Blätter, die der Mond vielleicht beschien; bisweilen piepte
ein Vogel, der halb im Schlaf etwas erzählte. Das Dunkel tat Ahasverus
wohl, und auch, daß alles wieder einem Traume glich.
Vorsichtig schritt er weiter; der Boden senkte sich immer mehr zu
tieferen Mulden, wo die Luft schwül war von wilden, feuchten, brütenden
Gerüchen, und die Stille voller Unrast, als wäre sie _ein_ großer
Seufzer, der herauswollte und nicht konnte. Viele kaum hörbare Laute
bullerten und knisterten in der dunklen Wärme, -- Tiere lebten da und
waren gewiß bei der Paarung. Einige sprangen weg neben ihm, und das
Gestrüpp knackte unter ihrem Lauf. Dann begann auf einmal ein Hirsch vor
Brunst zu schreien, irgendwo in der Einsamkeit einer Tiefe. Ahasverus
lauschte gespannt: -- nichts mehr, nur das Klopfen seines Blutes fast
bis in die Kehle hinein, -- wieder das klägliche Rufen, -- andere
Hirsche antworteten im Dunkel, -- dann ein Galopp, der in der Ferne
immer undeutlicher wurde, -- dann nichts mehr . . .
Aber rieselnd sank da unten ein Gewimmel von Mondschein herab auf das
silberne Zittern eines Sees, und am Rande, in der niederstäubenden
Bläue, gewahrte Ahasverus eine nackte Frau, die halb ausgestreckt ihr
Gesicht in dem flachen Wasser spiegelte, und sie sang ein schleppendes
Lied, ein Dideldumdei, bei dem man sich nichts denken konnte.
Ahasverus schlich näher, um es zu verstehn. Der Gesang brach ab, die
Frau sah sich flüchtig um, aber sie schien Ahasverus nicht zu bemerken.
Sie wiegte sich langsam hin und her; spielend wie ein Kind erhob sie die
Hände, gefüllt mit Wasser, das ins Licht niederrieselte wie perlende
Blasen, -- es war, als wollte sie die dem Monde weihen, -- und dabei
hielt sie ihr Köpfchen hintenübergebeugt und schwatzte allerhand Unsinn
in der Vogelsprache. Und dann kein Laut mehr, nur noch das Glimmern des
Mondlichts auf dem dunklen Wasser.
Die Stille lastete auf Ahasverus, und er rief gezwungen lachend nach dem
artigen Ding, ohne selbst zu wissen warum. Sie blickte von der Seite mit
schrägem Kopf auf, wie ein scheuer Vogel, der fortfliegen will.
Ahasverus kroch vorsichtig durch die Sträucher hinzu und blieb in einem
kleinen Abstand auf der Lauer. Nach einer Weile schien das Meerweibchen
ihn wieder vergessen zu haben, das Zittern eines Pfeilkrautes oder einer
Wasserlilie hatte sie zerstreut, und sie träumte nun, lauschend in die
Nacht und den Mondenschein, die junge Brust vorgestreckt, die leise
atmete. Das Licht, das ihre reinen Glieder umzitterte, ohne Strahlen,
war ein unbeschreiblicher Flaum, ein Tau, ein dunstiges Etwas, -- wie
eine gedämpfte Musik, die heimlich durch eine andere hindurchspielt, --
zwei Gesäusel von Musik, die einander suchen und doch nicht zu berühren
wagen.
Ahasverus erhob mit einem Ruck den Kopf, seine Augen triumphierten: »Ich
hab sie!« und er sprang hinzu. Aber fft -- war sie unterm Wasser und weg
. . . Von viel weiterher hörte er ihr helles Gelächter, daß der ganze
Wald davon erklang.
Und Ahasverus stand da mit leeren Händen. Die Nacht wurde unendlich groß
von peinvoller Stille.
»Uh! . . . Uh!« rief endlich die Lockstimme, mit einem schelmischen
Trällern.
Ahasverus rührte sich nicht, obgleich die Lust in seinem Leibe brannte;
mürrisch in sich selbst verschlossen, tat er, als hätte er niemals von
Meerweibchen gehört; nur sein Blick lebte in seinem düsteren Gesicht,
denn er sah die göttliche Weichheit dieses schneeweißen Wunders langsam
auf sich zuschwimmen, nachlässig und faul sich räkelnd; um ihre Hände
und den gewellten Rücken glitt bisweilen ein Phosphorglanz; sie blickte
zu Ahasverus hin wie ein schmollendes Kind, das doch lächeln möchte.
Als sie dicht vor ihm wiegelte, erschien sie wieder anders: ihr Fleisch
hatte die Farbe sonnenvergoldeter weißer Trauben, ihr schwarzes Haar
stand wie ein Helm und fiel nieder in wilden Ringeln, ihre Augen waren
harte Steine voll dunklem Wechselglanz; und diese Augen riefen ihn,
riefen ihn, aber Ahasverus rührte sich nicht.
Da sang sie für ihn dieses Lied:
»Du hast mich gesucht und hast mich gefunden, es konnte ja nicht anders
sein. Und willst du es auch nicht wissen, -- mich hast du begehrt, mich
begehrst du.
Denn ich bin das Göttliche, das man besitzen _kann_.
Ich bin der Baum des Lebens. _Meine_ Früchte schmecken nicht nach Gut
oder Böse, sie haben den Schmack des Göttlichen.«
Sie schwieg einen Augenblick, und ihre Gedanken schienen zu anderen
Zaubersprüchen abzuschweifen:
»Ich brauche dich, um ganz glücklich zu sein.
Ich schlummere da unten in kühlen Kammern, wo die Stunden keine Stunden
mehr sind. Da wachsen allerlei seltsame Muscheln, und Smaragden so schön
wie der Abendhimmel. Ich spiele da in Büschen träge lebender Pflanzen,
die schwanken in der sanften Strömung.
Aber ich denke dort an dich, ich kann dort nicht schlafen, ich brauche
dich, die Ewigkeit ist nichts ohne dich.
Komm, -- ich weiß mehr, ich will dir mehr zeigen, wovon du nicht träumen
kannst:
Ich kenne den Weg zu weiten, weiten Meeren, die ohne Ende sind. Da laß
ich mich schaukeln von plätschernden Wellen und schreie vor Lust, wenn
ich emporgeschwenkt den flüchtigen Schaum fangen kann in meinen Händen.
Die Wellen und ich, wir verstehen einander so gut! Sie nehmen die
Gestalt an meines leichten Körpers, und ich, ich bin vielfältig wie sie.
Meine Augen schon, sieh in meine Augen! das ganze Meer ist darin. O, du
weißt nicht, wie schön es ist, das erste Zittern des Morgenrots in den
Tiefen der See!
Du weißt nicht, wie schön es ist, sich zu mischen mit dem durchsichtigen
Wasser, das wie der Himmel ist und sich greifen läßt und dich greift,
das bleiche Wasser, das fließende, lebende Wasser.
Ich streck meine Arme aus, ich fühle das Wunder meines Lebens, mein Blut
singt das gleiche wie das singende Wasser.
Im Wasser halte ich den Wind fest und die Sonne, ich trinke das Licht,
ich nehme alle Dinge in mich auf, ich bin wie eine einzige Blume, worin
die Sonne und alle Dinge leben.
Meine Hände, meine Brust voll jauchzender Begierden, meine Lippen, meine
Augen, sie sind nur ein Schrei noch, ein Seufzer, ein Gesang des Wassers
und aller Dinge, sie sind der Gesang des brandenden Lebens, das immer
neu geboren wird.
Aber dich allein hab ich nicht, dich allein hab ich nötig, denn alles,
was in mir ist, verlangt nach dir, meine heimlichste Schönheit drängt zu
dir . . .
Alles will ich sein für dich, das Leben alles dessen, was lebt; die
Klarheit des Lichtes ist in meinem ewigen Fleisch, all die besonnten
Dinge des Tages und die Schatten des köstlichen Abends, und auch die
Nacht, die niemand messen kann, in der die Zeit stille steht.
Laß unsre Begierden ineinanderschmelzen, -- wir werden unsre Seelen
nicht mehr fühlen.
Die Welt wird in uns vergehn, wir werden das göttliche Meer sein und das
göttliche Licht.«
Sie hatte sich bis vor ihn hingewunden, mit der gelassenen
Geschmeidigkeit eines prächtigen Tieres, sie hielt seine Lenden
umklammert und hob ihr Gesicht zu seinem Gesicht; er hatte mit beiden
Händen ihren Kopf ergriffen, ihre Nüstern zitterten, ihre Augen
berührten ihn, und er hörte aus ihren feuchten Lippen dies Geflüster,
das ihm mächtiger schien als der Donner:
»Ich bin zugleich Rausch und Tod.«
Ahasverus beugte sich wild über ihre Augen, zu ihrem Mund; ein
gewaltiger Schrei war in ihm eingeschlossen, der durch seine Kehle
herausbrach; er stürzte sich auf sie wie auf eine Beute, und ineinander
verschlungen kämpften sie den grausamen Kampf in dumpfer Wollust.
Er sah sie nicht mehr, den Kopf getaucht in die Nacht ihres Haares,
gepreßt in ihre Arme; er fühlte nur die keuchende Brust und die
lebendige Herrlichkeit dieses Leibes ihn umschwellen, wie wenn ein
gewaltiger Seufzer durch das Meer fährt, -- vergebens suchte er diesen
sich windenden Leib ganz festzuhalten in _einem_ Griff. Und sie rief:
»Zerbrich mich, umfaß mich, schlürf mich ein in dich . . .«
Und er: »Ich drücke dich an mich, ich drücke dich in mein Fleisch, aber
ich hab dich nicht, ich hab dich nicht in mir . . .«
»Fühlst du mein Leben? fühlst du mein Blut? Verzehr mich, verzehr mich,
ich will in dir vergehn . . .
-- Ich will in dir vergehn . . .
-- Wir sind wie zwei Flammen, die einander verschlingen . . .
-- Ich kann nicht . . . ich kann nicht . . .
-- Ich will sterben durch dich . . . O, wir sterben zusammen . . .
-- Mein Mund zerquetscht deinen Mund wie eine Frucht, aber ich fühl
deine Seele nicht . . .
-- Fühlst du ganz das Leben, das brennt in meinen Brüsten, meinem Mund,
in allem, was ich bin? . . . Mehr! mehr! Ich hab dich noch nicht . . .
-- Meine Adern springen, mein ganzes Leben zerspringt in dir . . . O
sanfter, bittrer Tod! . . .
-- Fühlst du den Tod steigen, wie ein Wasser? Fühlst du dich verfließen
und vergehn, aufgeschlürft von der Wollust? . . .
-- Schweig, schweig still, laß mich los . . . O bitterer Tod, der kein
Tod ist! . . . Meine Seele brennt fort in mir . . .
-- Ich laß dich nicht los, ich will deine Seele . . .
-- Meine Seele brennt fort in mir . . . Verzehr mich, oder ich erwürge
dich! . . .
-- Mehr! mehr! jedes Stück meines Leibes soll ein neues Fest des
Wahnsinns werden!«
Es war, als ob er sie ersticken wollte an seiner Brust, doch ihr Blick
forderte ihn noch heraus, in dem Dunkel, und er fühlte, wie sie ihn zur
Tiefe zog.
»Ich bin noch, was ich war . . . Der Schaum von Genuß und Schmerz ist
wie Salz in meinem Mund . . .
-- Nimm mich, werde eine Flamme in mir, nimm mich . . . ich will dich
lehren, was mehr ist denn alle Lüste . . .
-- Ohnmächtige Raserei! . . . Dein Abgrund ist nicht größer als mein
Abgrund . . .
-- Ah, du kannst nur beißen, Bestie! . . .
-- Beiß nur, beiß! . . . Du kannst meine Seele nicht austrinken, elende
Harpyie! . . .
-- Hinunter, hinunter! . . . wo alles Licht vergessen ist . . .
-- Dein Tod ist Lüge . . . Meine Flamme wird deinen Tod verzehren
. . .
-- Ich schlepp dich mit, ich muß dich haben . . . Sieh mich an . . .
entschlüpf mir nicht! . . .
-- Ich will dein verblühtes Fleisch zermalmen in deinem Kot . . . Dein
Tod ist Lüge . . . deine Augen sind Lüge, deine einfältigen Fleischaugen
. . . O, die Deinen, Christus! Christus! . . .«
Ein unmenschlicher Schrei gellte durch den Wald, das Meerweib rang noch
einen Augenblick seine blutenden Hände, während es sich wie toll in den
Arm biß, und sank zurück in die Nacht.
Ahasverus lag allein, keuchend, in der dunklen Totenstille voll von
Gerüchen verwesender Teiche. Sein Herz lastete schwer in ihm, wie eine
zu reife Frucht: es blieb ihm nichts als Ekel übrig und Haß. Warum lebte
er noch? Warum hatte er jenen Namen ausgestoßen? Warum konnte er den
nicht ausspeien für immer? --
Und langsam kam nun, mit sanftem Windessäuseln in den Kronen und
erwachendem Vogelgezwitscher, die feuchte Graue des Morgens, und dann
der Morgen selbst, grausig in seiner Stille, ein Licht, das ohne Hast,
aber unabwendbar wuchs, die Weite des Raumes einnahm und durch das
dichteste Laub etwas von seiner Klarheit niedersickern ließ. Und mit
diesem Licht wuchs in Ahasverus die Angst.
Tiefer noch, tiefer in den Wald hinein! In die grüne Nacht . . .
Aber er wußte es nun wohl, daß das, dem er entfloh, in ihm selbst war;
wie er seine Brust auch aufreißen mochte, es lebte da, wie das
fürchterlich stille Licht von zwei Augen . . .
Und eine folternde Frage war aus seiner gebrochenen Seele aufgestiegen:
»Wenn es _nichts anderes_ gibt, warum dann dein Rasen?«
Verzweifelt suchte er nicht mehr zu denken, aber die Frage war da, und
er mußte wohl hassen, er konnte nicht mehr anders, mit einem Haß, der
schon das Zeichen des Todes trug. Und er blieb den ganzen Tag irgendwo
in einer Höhle verborgen, niedergekauert wie ein Tier, das Angst hat.
Sein Kopf schmerzte ihn, seine Kehle war trocken, das Fieber brannte in
ihm; in seinem Munde fühlte er noch etwas wie einen faden Geschmack von
Blut, der ihn an das Meerweib erinnerte.
Er jagte ihr Bild fort, er wollte alles, alles vergessen; aber andere
Visionen stiegen herauf, bisweilen verschwommen und dann zugleich wieder
furchtbar deutlich.
Er sah die Stadt in Feuer und Flammen, wo die Landsknechte beim Morden
waren; er sah die Augen eines steinalten Mannes, der nicht mehr schreien
konnte und das Messer in die Kehle kriegte; er sah eine Frau auf den
Knieen, ihr Kind an der Brust, fast in ihren eingekrampften Leib
gedrückt; sie rief: »Gott, o Gott!« dem Wüstling zu, der auf sie
eindrang, und das unschuldige Lamm in ihren Armen wurde auf eine Pike
gesteckt, das Blut spritzte bis zu Ahasverus' Gesicht . . .
Ja, diese Mutter rief nach . . . _etwas anderem_ . . . Denken wohl die
Ameisen, die man tottritt, auch manchmal daran? Dies Kind hatte doch
nichts verbrochen, sie marterten es ohne Grund, und es litt sinnlos. So
war es überall: blinder Blutdurst, sinnloses Leid! Ahasverus' Gedanken
kreisten darum, mit einer heimlichen, tückisch lauernden Zufriedenheit:
es war etwas darin, das ihm wohltat. Grausam sein ohne Zweck, war das
nicht das Göttliche? Und erstickte das nicht in Blut, was die Ameisen
von Menschen Gott nennen?
Es war, als ob er das zuckende Fleisch des Kindleins mit seinen bebenden
Fingern berührte. Ein teuflisches Lachen wollte aus ihm heraus, aber er
konnte nicht einmal mehr lachen. Und als er aus seiner Höhle gekrochen
war, stand er in der Nacht glotzend da, auf Händen und Füßen, und fühlte
den Wahnsinn in sich steigen und dachte: »So ist es gut!«
Im Walde war nur noch hier und da ein trübes grünes Licht, wie tief
unter dem Wasser, und es schienen träge Gestalten sich darin zu bewegen.
Ahasverus hörte Stimmen auf sich zukommen, Stimmen ohne menschlichen
Klang, die er aber bisweilen zu verstehen glaubte, wenn sie auch
verworren waren und flüchtig. So begann die Nacht seltsam zu leben, mit
dem matten Flügelschlag der Eulen und allerlei Lauten von Tieren, die im
wilden Gestrüpp einander suchten. Was sie riefen, war ihm zuweilen
verständlich, aber er vergaß es sogleich wieder: es war etwas wie
Schreie aus ihrem Fleisch, durch andere, ebenso zusammenhanglose Schreie
rasch wieder fortgeweht. Das ganze Volk des Waldes begann um ihn herum
zu erwachen. Wölfe liefen vorbei auf weichen Pfoten, und er fühlte ihren
feuchten Atem; eine Schlange zog langsam ihre kalten Ringe über seine
Hand; das Gesträuch knackte unter dem schweren Leib eines Ebers, der,
mühsam aus den Nüstern blasend, sich an einem Baume rieb, und Ahasverus
roch den warmen Geruch seines Schweißes und dachte: »So ist es gut!« Er
spürte zugleich wieder jenen Blutgeschmack in seinem Mund und dachte:
»So ist es gut!« Und als der ganze Wald zu rumoren anfing und er ringsum
Gestampf und Gebrüll vernahm von Brunst und schmerzendem Genuß, begann
er mit zu heulen, ohne zu wissen warum, wie ein Raubtier, das zuviel
unerträgliches Leben in sich hat und es voll Schmerzen ausströmen will.
Nun war es, als ob alles, was laufen, fliegen oder kriechen konnte, um
ihn herum krabbelte und wimmelte. Haufen kleiner Tiere schwärmten wie
Bienen, wanden sich wie Würmer, besprangen einander in Paarungswut und
bissen einander. Die mageren wurden verschlungen von den fetten, die
fetten gestochen von den flinken. Viele waren da wie fliegende
Pünktchen, die alles töteten, was sie berührten. Die Liebe sogar war ein
Kampf. Ineinanderverschlungen kämpften Einhörner, Schlangen, Greife,
riesengroße Spinnen und phantastische Ungeheuer, mächtig gewappnet für
die Begattung und den Mord, mit Ruten wie rote Dolche und Greifarmen zu
beiden Seiten des Mauls, die mit Zähnen besetzt waren wie Sägen. Alle
wurden nun trunken von stummer Begierde und Zerstörungswut, einige
zerfleischten sich selbst, mit triefenden Kinnbacken, und das Blut der
Geburten vermengte sich mit dem Blute des Todes. Der Schrei jener Mutter
und ihres unschuldigen Kindes in der brennenden Stadt schrie nun aus
allem. Die Bäume selbst sah Ahasverus leiden, die Knospen sprangen auf
mit einem schmerzlichen Seufzer, die Früchte barsten ächzend und
streuten ihren Samen ins Weite, der Saft rann wie eine verzehrende Glut
unter der Rinde, und überall war das Leben nichts als ein
schmerzenvolles Feuer, das neues Wachstum hier entstehen ließ und es
dort wieder versengte: verbrennen, um von neuem zu wachsen, wachsen, um
von neuem zu verbrennen, -- Leben und Tod waren _ein_ Brand, der auch in
Ahasverus' Adern kochte. Aber er konnte nicht mehr aufstehn, er konnte
nicht mehr heulen, er ließ sich mit dem Gesicht auf den Boden fallen,
ihm war, als ob er in der Erde festwüchse, um sich niemals, niemals
wieder zu rühren, und das Leiden dieser Erde fühlte, all dies Leiden
ohne Sinn, während unaufhörlich über ihn hin der Lauf der sich paarenden
und kämpfenden Tiere ging und der Schrei des brennenden Waldes, der
schrie: »Ewig! ewig! ewig! ewig! . . .«
Und das Schrecklichste waren ihm, über der Hölle, die Augen Christi, die
um ihn weinten.