Ahasverus und der Nazarener

Zu der Zeit, da unser Herr und Heiland noch unter den Menschen predigte,

lebte in einem armseligen Keller zu Jerusalem ein Schuhflicker, mit

Namen Ahasverus. Er war im selben Jahre geboren wie Christus und war ein

strammer, hochgewachsener Kerl von einem Juden, mit knochigem Gesicht

und ein paar hellen, kecken Augen, in denen eine Flamme stak.

Er liebte es, mit beiden Füßen fest auf der Erde zu stehn, und was nicht

gerade war, das nannte er krumm, ob er gleich wenig vom Reden hielt:

jeder geht doch seinen eigenen Gang, dachte er, und der Tod ist aller

Welt gegeben.

Dieser Ahasverus fühlte sich nicht glücklich.

In ihm war etwas, das ihm keine Ruhe ließ, da drinnen brannte etwas,

womit er nirgend hin wußte; er war wie einer, der sich in seinem Bette

hin und her wälzt und keinen Schlaf finden kann.

Vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er gebückt in seinem Keller,

schnitt sein Leder, zog den Pechdraht, flickte Absätze, hämmerte auf

Hacken und Sohle und schuftete, daß es bis zu den Nachbarn hin rauchte,

aber niemals hörte er das süße Zischen von Butter in der Pfanne. Tagaus,

tagein: es war immer so gewesen und würde immer so bleiben: er konnte

nicht mehr heraus, das Leben hatte ihn beim Wickel und stieß ihn

vorwärts.

Wohin? Dem Ende zu.

Warum? Darum.

Er sah die Kinder zur Welt kommen, jämmerliche, wehrlose Würmlein, er

sah die Menschen sterben, jung und alt, alles ohne Zweck. Er sah, wie

die Kleinen von den Großen aufgefressen wurden; er sah die

ausgehungerten Schlucker aus seiner Gasse zu Hunden werden, die sich um

einen Knochen rissen; er sah unschuldige kleine Geschöpfe leiden wie

Märtyrer. Und er hätte über all dies ungereimte Zeug lachen mögen, denn

er konnte nicht einmal weinen, er würgte alles in sich hinein, und es

lastete ein Stein auf seinem Herzen.

Oft saß er lange grübelnd auf seinem niedrigen Schusterschemel, und

seine Gedanken liefen im Kreise herum, wie ein Pudel, der nach seinem

Schwanze schnappt. Er stand auf, setzte sich wieder hin und blickte

umher in seinem dumpfigen Keller, als röche es da nach dem Grabe. Und

bisweilen stieg dann ein wilder Drang in ihm auf, verbissen klopfte er

auf den alten Stiefel, der zwischen seinen Knieen eingeklemmt war,

klopfte wie der Neck auf eine Seele, und in ihm rief eine dumpfe,

drohende Stimme: Es muß ein Ende haben, es muß ein Ende haben! Und sein

scharfes Auge flackerte. Aber das Morgen glich dem Heute und das

Übermorgen dem Gestern, und Ahasverus, das braucht nicht gesagt zu

werden, lebte nur so weiter, nach der Menschen alter Gewohnheit. Und die

Tage gingen hin, einer nach dem andern, als ob es niemals einen

Ahasverus gegeben hätte.

Tastete sich ein Kunde, gebückt, sein Trepplein hinunter, so wartete er,

bis der zu sprechen anfing, und gab ihm wortkarg Bescheid. Wenn ich nur

endlich seine Hacken sähe, um allein zu bleiben, dachte er; -- allein

mit der düsteren Glut, die in ihm loderte. Was konnten die armen Teufel

ihm erzählen, es sei denn von ihrem elenden Leben, demselben Leben, wie

das seine war! Mit Kindern hätte er wohl einmal spaßen mögen, aber die

fürchteten sich vor seinem Lachen und kamen nicht gern in diese

unheimliche Höhle.

Wenn seine Einsamkeit ihm allzu öde wurde, dann lief er ziellos die

schmutzigen Gassen entlang mit ihrem Armeleutegeruch, durchs Gedränge

der sich herumbalgenden Rotznasen, der Gemüseweiber, die neben ihren

Karren humpelten, der Juden, die überall, vor den Kellern, auf den

Türstufen, in Löchern unter den Freitreppen, beim Schachern und

Krakeelen waren. Aber er betrachtete mit Groll den elenden Kuddelmuddel

und fühlte sich darin noch einsamer denn je.

Manchmal war es ihm, als ob er nur _ein_ Ding zu finden brauchte, nur

ein Wort, um glücklich zu sein, -- doch kein Mensch in der Welt wußte

ihm dies Wort zu sagen. Er hätte seine Arme ausstrecken mögen, um das

volle Leben einmal tüchtig anzupacken, aber er fühlte wohl, daß, was er

auch tun mochte, die schreckliche Leere seines Herzens nicht füllen

konnte, daß niemals Happen und Brocken seinen Hunger befriedigen würden,

daß er immer weiter streben würde, frei, freier als die Lerche, als die

Winde, als der Tod, und daß alles Wünschen darum nutzlos war, alles

nutzlos.

Und so saß er gefangen in seiner Verdammnis, wie in einem Keller ohne

Tür oder Luftschacht.

Und doch, hatte das Leben auch keinen Reiz für ihn, kam er sich auch oft

gänzlich ausgelaufen vor, es steckte im Tiefsten seines Herzens, so

tief, daß er selbst es nicht sah, etwas, woran kein Teufel rühren

konnte. »Sie werden mich nicht kriegen«, sprach er bei sich selbst und

lachte höhnisch und biß die Zähne zusammen und hielt sich steif. Denn

das will ich euch nur sagen: er war ein Mann vom Kopf bis zu den Füßen,

kein Seelchen von Zucker und Honig, kein Faselhans oder Flausenmacher,

sondern ein knorriger Kerl aus _einem_ Stück mit ein paar sehnigen

Arbeitshänden, einem klaren Kopf und einem Brustkasten, den man anpacken

konnte.

Nun war es, müßt ihr wissen, damals eine harte Zeit, und das Volk hatte

viel zu leiden: das Korn, aufgehäuft auf den Böden der Reichen, kostete

ein schweres Stück Geld, und alles Fett auf der Suppe wurde abgeschöpft

durch Auflagen und Fronden, durch große und kleine Zehnten, die kein

Ende nahmen. Daß gemurrt wurde, könnt ihr euch denken: man steckte die

Köpfe zusammen und räsonierte hier und dort, an Ecken und Kanten. Wenn

die Walker und die Weber am Sonntag getrunken hatten, gab es Radau in

ihrem Bezirk, und dann bebten die Patrizier und die Blutsauger des

Volkes in ihren verriegelten Häusern. Ahasverus verzog die Mundwinkel

und zuckte die Achseln, denn es war ihm bisweilen, als ob er die ganze

Menschheit für ein Butterbrot hätte verkaufen können. Doch sah er mit

heimlichem Vergnügen, daß bei Volkszählung und Steuererhebung immer mehr

geknurrt wurde. »Vielleicht werden sie doch noch einmal Menschen

werden!« dachte er. Aber wenn dann die geharnischten Hellebardiere zu

Pferd mit ihren roh lachenden Gesichtern auf dem Markt erschienen, war

niemand, der noch zu mucksen wagte.

Der Kram könnte vielleicht doch einen besseren Dreh bekommen, dünkte

ihn, als er zum erstenmal Jesus den Nazarener sah.

Er hatte schon seit einiger Zeit davon gehört, wie dieser Fremdling zum

Ärger aller Priester und Wucherer die Kleinen um sich scharte und sie

mitriß mit seinem inwendig brennenden Wort; und alle glaubten ihm, wenn

er prophezeite, daß sie glücklich sein würden und daß einst die Güte auf

Erden herrschen würde.

»Faxen!« hatte Ahasverus konstatiert und war sogleich wieder in seine

Höhle gekrochen.

Aber ein andermal hatte er vernommen, wie der Nazarener die Tische der

Wechsler im Tempel umgestürzt und all ihre durcheinanderkollernden

Geldscheiben über das klingende Pflaster geschüttet hatte, wo sie

darnach grapschten, gebückt unter seiner geflochtenen Geißel; und wie er

sie mit Sack und Pack zum Tempel hinausgefenstert hatte, mitsamt den

Taubenzüchtern, die dort Tauben für die Opfer verkauften. An diesem Tag

hatte Ahasverus geschwiegen.

Und etwas später hatte er ihn selbst gesehen. Es war gegen Abend,

außerhalb der Stadtmauern, wo zwischen ärmlichen Gärtchen und Plätzen

voll Aschengrus, Schutt und Topfscherben die Seiler arbeiten und die

Ziegelbrenner. Ein ganzer Schweif war ihm aus Galiläa gefolgt, Tölpel,

die wegen ihres bäurischen Aussehens in den Straßen von Jerusalem von

den Gassenjungen verhöhnt wurden, rote, wetterharte Fischer, hungrige

Lümmel mit dämlichen Augen und bärtige Weinbauern mit harten Köpfen: sie

standen um ihren Meister herum und nickten »ja« zu allem, was er sagte.

Die Seiler hatten ihre Bahn verlassen und die Ziegelbrenner ihren Ofen;

die Arbeiter, die aus der Stadt heimkehrten, ihr Gerät auf der Schulter,

blieben stehn und guckten, und da waren auch Galiläer aus Jerusalem,

allerhand Tagediebe, verlauste Krüppel und ein paar Freudenmädchen,

inmitten zahlreicher Kinderbrut.

Die Hände in den Taschen und mit den Ellbogen stoßend, schob Ahasverus

durch dies Gedränge, immer noch mißtrauisch: »Wir wollen uns diesen Kerl

nun mal ansehn . . .«

Er sah ihn, -- er sah die erhaben-ernste Erscheinung mit dem schmalen

Gesicht, dem etwas bitteren Zug um den Mund und den Augen voll Liebe.

Und plötzlich schwieg alles in ihm, er lauschte gespannt, und die Stimme

drang in sein Herz; es war, als hätte eine mächtige Hand sich auf ihn

gelegt.

Ja, da stand ein Mann! und sein Wort kam auf Ahasverus zu wie eine

einfache, nackte Wahrheit. Ja aber, ja aber, wir wollen mal sehn . . .

Und Ahasverus sträubte sich dagegen, denn viel begriff er nicht, wie er

wohl gewünscht hätte, aber _eines_ wurde ihm doch sogleich klar: daß der

ganze Kram von unten nach oben gekehrt werden sollte; von dem großen

Tempel, der sich da hinten wie ein Ungeheuer von Weiß und Gold in den

Himmel hineinwölbte, würde kein Stein auf dem andern gelassen werden

. . . »Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die

Erde; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.«

Und Jesu Blick fiel starr auf Ahasverus, der ihn schweigend ansah und

plötzlich, er wußte nicht warum, ein tolles Jauchzen spürte in der

verstopften Kehle.

Später schämte er sich dessen, und es schien ihm fast, als ob der

Nazarener ihn verzauberte. Denn als er vor ihm stand, wurde er gleichsam

ein anderes Wesen, er fühlte, daß er ein Mensch war, und daß es noch

andere Menschen gab gleich ihm selbst, und daß das Leben einen Sinn

hatte und alle Dinge vielleicht so einfach waren. Aber was hoffte er

denn eigentlich? Er wußte es nicht. Und zu Hause nagte und knabberte er

noch mehr an all seinem Zweifel, und er haßte dann diesen Jesus, der die

stumme Glut da drinnen in seiner Brust aufgeschürt hatte, denn nun

konnte seine Seele nicht mehr schlafen.

Wußte der Galiläer selbst wohl, was er wollte? Warum schwatzte er von

Vergebung und Liebe, wenn er die Macht brechen wollte? Und wie würde er

es anfangen, den Hungrigen und Beladenen den ersten Platz an der Tafel

zu geben? Wie würde er nun die Menschen ändern? Lag sein Neues Reich in

den Wolken, oder wollte er König von Jerusalem werden, und würde dann

alle Tage Sonntag und alle Sonntag Kirmes sein? Er sagte wohl: Eure Rede

sei ja, ja, nein, nein! Aber warum dann all diese Gleichnisse und diese

Bildersprache, woraus kein Mensch klug wurde? Er war am Ende doch nur

ein Träumer! . . . Und warum saß er stundenlang im Tempel, zu tifteln

über das Gesetz und die Propheten mit den heuchlerischen Pharisäern,

»diesen übertünchten Gräbern«, er hatte es selbst erkannt, »die

auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine

und alles Unflats«? Seine Apostel, einfältige Tröpfe, die überallhin

mitliefen, vermochten selbst nicht viel davon aufzuschnappen. Warum

entschloß er sich nicht einmal, mit einigen handfesten Genossen die

Fäuste aus dem Ärmel zu recken? Aber wenn die Köpfe warm wurden und da

etwas zu rumoren anfing, dann wandelte er in aller Gemütsruhe nach

Bethanien zu den Schwestern des Lazarus! Nein, auch das gefiel Ahasverus

nicht: es war immer zu viel Weibervolk um ihn herum.

O, könnte er doch einmal all diese verrückten Mädchen und diese

Lumpenkerle, diese Schwätzer und Tagediebe von dem Manne wegjagen und

irgendwo allein mit ihm sitzen, am Abend, und seine Hand in die eigene

nehmen und in seine seltsamen, stillen Augen blicken und ihn fragen, was

er tun sollte! Denn er konnte sie nicht vergessen, diese sanfte Stimme,

die durch begehrende Lippen aus der Tiefe klang, dies entschlossene

Gesicht, diesen Blick, der an jenem Tag auf ihn gefallen war und worin

er gelesen hatte, ja, deutlich gelesen, daß auch in Jesus etwas brannte,

wie in ihm selbst, etwas, womit er nirgendhin wußte . . .

Aber sein ganzes Wesen umgab solch ein Hauch inbrünstiger Trauer, wenn

er seinen Blick schweifen ließ über sein hoffendes Volk und weiter zu

den hohen Zinnen von Jerusalem, daß Ahasverus nicht wagte, ihn

anzureden.

Er blieb in einer kleinen Entfernung schweigend stehen, und oft, wenn er

lange nach ihm hinsah, hatte er das Vorgefühl eines großen Glückes,

wobei es ihn immer wieder quälte, daß dieses Glück so gar nicht zu

greifen war. Aber das wußte er doch: daß da ein Mann war so wie er

selbst, ein Mann, der ihn verstehen würde, der ihn retten konnte; und

wenn der endlich einmal, wie er versprochen, das Schwert über die fahle

Verderbtheit der Welt zückte, ja, dann würde er, Ahasverus, wild in den

Kampf fliegen, so dicht wie möglich an seiner Seite, und fechten, daß es

krachen sollte, unverdrossen und heiter und triumphierend bis in den

Tod, -- bis in den nutzlosen Tod, denn wofür gekämpft würde, er wußte es

nicht zu sagen: der Himmel würde immer der Himmel sein, so hoch über

unserm Haupt, und die Erde an ihrer Stelle bleiben, mit Waschlappen von

Menschen darauf, -- aber um endlich doch aus seinem Kellerloch und

seinem dumpfigen Leben in die Höhe zu springen und sich einen Weg zu

hauen nach etwas anderem, was es auch sein mochte, nach dem Ungereimten,

dem Sinnlos-Tollen, und doch _einen_ Augenblick über dem zerstörten

Leben tanzen zu dürfen in einem gewaltigen Rausch von Verzweiflung,

wobei die Welt bersten und vergehn mochte . . .

Doch Jesus predigte nur immerfort und zankte sich weiter mit den

Priestern; und da Ahasverus seit einiger Zeit mehr hinter ihm

hergelaufen war, als sich um seine Arbeit gekümmert, und sich tüchtig in

Schulden gestürzt hatte, so erschien in seinem Keller, am Donnerstag vor

Ostern, ein dicker, untersetzter, buntbeturbanter und stolzgefiederter

Wicht von einem Gerichtsdiener, der ihm verkündete: daß man in der

nächsten Woche sein armseliges Gerümpel verkaufen und ihm nicht einmal

einen Nagel lassen würde, um sich damit zu kratzen.

Ahasverus hatte nicht übel Lust, diesen ganzen Hanswurst mal mit dem

Gehirn gegen die Wand zu klatschen. Aber etwas war zerbrochen in ihm: er

rührte sich nicht und schwieg und schwieg und blickte um sich wie ein

Tier, das den Tod sieht. Er fühlte die Faust wieder, die ihn beim Nacken

gepackt hielt, er saß gefangen in seinem Verhängnis, er konnte nicht

mehr heraus. Er lag da, weggespült, willenlos, halb zusammengesunken, in

einem schmierigen Winkel. Läg er doch nur sechs Fuß tief unter der Erde!

Wenn man kaputt ist, so ists aus, dachte er; die Menschen sind ebenso

schwach gegen das Böse wie gegen das Gute, sie sind weder die Hölle noch

den Himmel wert. Aber das Nichts, das Nichts, -- das schien ihm noch

fürchterlicher als selbst der Höllenbrand . . .

Die Glut fraß wieder in ihm und wußte nicht, wo sie herausschlagen

sollte; er fühlte, wie eine tödliche Lähmung ihn beschlich, und eine

wilde Raserei schäumte in seinem zerschlagenen Kopf, -- umsonst!

umsonst! Stunden entglitten, eine nach der andern, und er saß noch da,

als schon das Dunkel alles umhüllt hatte. Ihn fror, seine Zähne

klapperten. O kämpfen! kämpfen! Wogegen, das war ihm einerlei . . . Er

konnte doch so nicht dahinfahren, er hätte auf einmal untergehn mögen in

einer alles zermalmenden Tat, aber er vermochte nicht mehr zu denken,

die ganze Welt schien ihm leer, so grausig still . . . Er legte sich

endlich auf seinen Strohsack, und die Stunden gingen wieder über ihn

hin, alles verflüchtigte sich, versank . . .

Wie war Jesus hereingekommen? Ahasverus lachte, ein albernes, klangloses

Lachen, als er in dem bleichen Antlitz die Augen fiebrig glänzen sah. Es

war wie an jenem Tag, am Stadttor. »Ich hab noch ein Messer,« sagte

Ahasverus, »das sollen sie mir nicht wegnehmen . . .« Sie liefen auf die

Straße, eingezwängt in ein hastiges Gedränge von Kerlen mit Keulen und

Beilen und von Schmiedehämmern, die mächtige Schultern trugen. Von

überallher, aus allen Gäßchen, kam Menschen- und Pferdegetrappel, ein

jeder hatte die unausgesprochene Botschaft verstanden. Ahasverus lief,

um vorne zu sein, und da stand er mit Jesus oben am Tempel, gegen die

goldene Kuppel, so nahe bei der matt-schimmernden Milchstraße, daß er

die roten Sternbüschel fast hätte pflücken können wie Früchte. Über

Jerusalem blinkte, hoch am Himmel, ein Komet, unbeweglich in der

wimmelnden Nacht, wie ein blutiges Schwert. Ah! ah! da begannen die

Häuser der Wucherer in der Ferne zu brennen mit lustigem Knistern, und

die Flammen flackerten und tanzten so toll in die schweflige Luft hinein

. . . Aber sieh da, unten, im Dunkel, war ein surrendes Meer von

bleichen Gesichtern, das sich über den ganzen Großen Markt heranwälzte

gegen die Treppen und Portale. Wütend rammten die Sturmböcke; nun wird

der ganze Kram einstürzen, dachte Ahasverus, denn das Marmorpflaster

bebte unter seinen Füßen. Aber das schien ihm auch ganz natürlich; er

war seiner Sache sicher: er würde mit wilder Freude in die Tiefe donnern

oder sich vielleicht an die Sterne festklammern . . . Nun war das Volk

hereingebraust wie durch Schleusen, er hörte das Kreischen

vergewaltigter Frauen und ein langgedehntes, rasendes Gebrüll, dann und

wann vermischt mit Trommelgewirbel und dem sinnlosen Schrillen einer

Flöte, das da war wie das silberne Stimmlein eines Kindes auf einem

Schlachtfeld. All dieser Lärm machte Ahasverus trunken, und es tat ihm

wohl, den warmen Raubtiergeruch dieses stiebenden Gedränges

einzuschnauben. Auf einmal stieg der todesbange, bloße Kopf des

Gerichtsdieners über die Zinne empor; er wollte hinauf, denn von unten

schrieen Tausende von Mündern Mord und Brand zu ihm hin, und seine

Klauen in die Rinne gekrampft, flehte er um Gnade. Doch Ahasverus

drückte mit seinen beiden Tatzen auf diesen verschimmelten Käsekopf und

sah dann das Männlein mit lustigem Schwung in die schwindelnde Tiefe

hinunterzappeln. Das machte ihn plötzlich ganz närrisch vor Vergnügen,

es war, als ob er nun die Welt hätte zerknacken können wie ein

Streichholz; mit einem blöden Lachen lief er die Wendeltreppe hinab,

über seinem Kopf schlugen die Glocken, und er drehte, drehte sich

unaufhörlich im Dunkel, weiter gehetzt durch den schrecklichen Gedanken,

daß er so in alle Ewigkeit die Wendeltreppe hinunterlaufen müßte, ohne

je einen Ausweg zu finden aus diesem Abgrund; aber er hörte noch

deutlich die Glocken dröhnen und den Lärm da draußen, und er befand sich

wieder auf dem Platz, gestoßen und getragen von einem wilden

Menschenstrom. Der Schall schien wie ein Sturm aus den Steinen

herauszuschlagen, er fühlte, wie seine Füße weich wurden von der

Lauigkeit des Blutes, -- er wollte sich loswühlen, er wollte rufen, aber

dieses Blut stieg in ihm auf, es röchelte in seiner Kehle, er

verschmachtete und rief, rief . . .

. . . und wurde mit einem Ruck wach auf seinem Strohsack, vom Fieber

geschüttelt, und seine weit geöffneten Augen starrten in die wimmelnde

Finsternis; sein Herz pochte . . . Aber er hörte immer noch den Lärm und

das Glockengedröhn . . . Es war kein Traum . . . Er war nun doch wach,

er erkannte das Geläut von mehreren Türmen, -- nein, war es möglich?

Aber von ganz fernher kam das dumpfe Getöse von vielem Volk, und mehr in

der Nähe rasselte eine Trommel; wer schlug denn da Alarm zu dieser

nächtlichen Stunde? Schritte eilten durch schlafende Straßen, er

lauschte gespannt . . . Ja, das Volk war los, die Puppen waren am

Tanzen, und die Glocken, die Glocken, sie sprangen über der Stadt hin

und her! Dieser verteufelte Nazarener, er hatte es nun doch gewagt! »Ich

habe noch ein Messer!« lachte Ahasverus; ja, es war ein gutes

freundliches Messerchen; »er wird schon sehn . . . er wird zufrieden

sein . . .« Und eine wunderbare Seligkeit stieg in ihm auf, mit solcher

Gewalt, daß Sterben oder Leben ihm nun einerlei war, wenn er nur in

wildem Triumph seiner Verzweiflung die Zügel schießen lassen konnte.

Er war schon draußen, sein Messer in der Faust. Die Frühlingsnacht war

pechschwarz, als zöge ein Unwetter herauf. Ahasverus schauderte vor

Kälte, und sein Kopf glühte. Das Geläute und Getöse hielt an, -- wo war

es? Er schwankte einen Augenblick, -- er wußte nicht, wohin. Etwas von

dem Traum wirkte fort in ihm, und er wollte zum Tempel, aber von einer

anderen Seite stieg nun ein gewaltiges, wirres, vielstimmiges Geschrei

auf und wuchs zu einer Wolke von Lärm.

»Am Bethlehemer Tor!« dachte Ahasverus und fing an zu laufen. Hier und

da wurde ein Fenster aufgestoßen: »Was ist los? -- Ist der Feind im

Land?« Ängstliche Schlafmützen fragten es einander und riefen hinter

Ahasverus her. Und er hielt immer nur sein Messer hoch wie ein

Verrückter: »Jungens! . . . der Nazarener . . . es geht los . . .«

Nein, beim Bethlehemer Tor war es nicht, der Koloß des runden

Wachtturmes machte die Nacht dort noch dunkler. Die Glocken dröhnten

unaufhörlich . . . »Das Lagerhaus steht in Brand!« sagten die Männer im

Vorübereilen. Und Ahasverus hinterher. »Kein Stein auf dem andern!«

jauchzte es in ihm. Aber links glaubte er nun wieder das Getöse zu hören

wie ein Meer, und er trabte durch krumme Gäßchen und verlief sich und

geriet plötzlich ins Gewühl auf dem Platz vor dem Haus des

Hohenpriesters Kaiphas. Der phantastische Schein von Fackeln, die vor

der Tür zusammengeschart waren, tanzte über den Köpfen. Es wurde

geschrieen und gelacht und geheult; halbbetrunkene Strolche drängten

sich, um nur vorwärtszukommen, Schulter an Schulter, und brüllten ein

aufrührerisches Lied. Ahasverus stieß und brüllte mit, aber sie konnten

nicht weiter. »Haben sie ihn gefaßt?« fragte er. -- »_Ob_ sie's haben!«

. . . grinste jemand neben ihm, und Ahasverus blickte verwundert auf,

denn er erkannte einen schmierigen Halsabschneider aus seiner

Nachbarschaft, und dann starrte er mit ausgerecktem Hals zu den

erleuchteten Fenstern, ob sie des Kaiphas höchsteigene Person nicht

hinunterkegeln würden. Aber in dem selben Augenblick geschah etwas, das

den Atem in seiner Brust stocken ließ: das Toben versank und verebbte in

erwartungsvolle Spannung, es wogte ein großes Geschaukel von Fackeln und

Volk, hocherhobene Posaunen bliesen eine wildschmetternde Fanfare, und

da erschien auf der hohen Vortreppe, zwischen Landsknechten mit Piken,

der Mann, Jesus der Nazarener, ganz bleich und still, mit gebundenen

Händen.

Vor ihm her schritt der kleine Fettsack von Kaiphas, und Ahasverus sah,

wie über seinem Wabbelkinn auf dem würdevollen Kupfergesicht mit den

stechenden Schweinsäuglein die Befriedigung leuchtete. Und dahinter das

aufgeregte Gebaren dichtgedrängter Priester und Pharisäer, die höhnten

und pfiffen. Jesus blieb einen Augenblick stehen, aufrecht wie eine

Bildsäule, aber sie stießen ihn die Treppe hinunter, und plötzlich war

der ganze Platz wieder ein tosender Strudel.

»Laßt ihn los!« riefen hier und da Stimmen. »Tötet ihn! Tötet ihn!«

bellten andere. »Er hat doch nichts Böses getan! . . .« Wiederum Stoßen

und Drängen; an der Ecke entstand eine Schlägerei. »Es lebe der König

von Jerusalem! Uh! Uh! -- Tötet ihn! -- Laßt ihn los! . . .«

»Der Teufel soll ihn holen!« schnaubte dicht neben Ahasverus ein

Kerlchen mit gelbem Gesicht, »die Geschäfte gehen schon ohne all diese

Aufrührer schlecht genug . . .«

»Aber sie werden ihn morden . . .«, sagte ein junger Mensch mit bebenden

Lippen.

Ahasverus packte ihn beim Arm wie mit einer Kneifzange:

»Wie haben sie ihn gefaßt?«

Und der junge Mensch erzählte: »Auf dem Ölberg . . . Judas hat ihn

verkauft . . . Sie wollen ihn morden! o Gott! sie wollen . . .«

»Judas! ein Apostel! Und die anderen? Haben sie sich nicht gewehrt?«

»Was hätten sie machen sollen? Petrus hat einem einen Hieb übers Ohr

gegeben . . .«

»Und Jesus, hatte er keine Waffe?«

»Es scheint nicht, das Schaf; er hat freiwillig seine Hände

ausgestreckt, daß sie ihn binden sollten . . .«

Verflucht! Es war Ahasverus, als ob seine Beine unter ihm wegsänken. Und

er lachte ein verzweifeltes Lachen voll ohnmächtiger Raserei:

»Diese Memme! Er hatte einen Traum, einen Traum, und kein Schwert, um

ihn wahr zu machen! . . .«

Er hielt immer noch sein Messer umklammert und stand unbeweglich, mit

dem Rücken gegen ein Haus: er sah dahinten die Fackeln und die Lanzen

weiterziehen, von Gewühl umdrängt, und das Gewühl trieb langsam mit

ihnen fort.

Nahe beim Hause des Kaiphas waren noch einige Wächter um ein Feuer

geschart, faul ausgestreckt oder an ihre Partisanen gelehnt; auch ein

paar Mädchen und Müßiggänger lungerten dort noch herum, und in dem

Feuerschein konnte Ahasverus das Gesicht des Petrus unterscheiden, des

einzigen Apostels, der für Jesus auf dem Ölberge den Kampf gewagt hatte.

»Von dem werde ich alles erfahren«, dachte er, und die alte Hoffnung

spitzte in ihm wieder ein wenig die Ohren: »Vielleicht ist noch etwas zu

machen . . .«

Als Ahasverus zum Feuer kam, sagte eines der Mädchen zu Petrus: »Du

gehörst auch zu der Bande, tu nur nicht so, als ob du nicht bis dreie

zählen könntest, ich hab dich mit dem Nazarener gesehn.«

Und Petrus, mit einem unschuldigen Maul, als fiele er aus den Wolken:

»Ich? Was redest du für dummes Zeug? Ich? . . .«

»Ihr hört ja an seiner Sprache, daß er aus Galiläa ist«, sagte ein

anderes Mädchen. Und ein Landsknecht trat näher an ihn heran und sah ihm

forschend ins Gesicht: »Jüngelchen, halt mal eben . . . hast du nicht

dem Malchus das Ohr abgeschlagen? . . .«

Petrus wurde plötzlich frech und rief mit einem unsteten Blick, der

zugleich guckte und auswich: »Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!

Ihr seid besoffen! . . .«

Aber Ahasverus packte ihn bei der Kehle und fuhr ihn mit fürchterlicher

Bestimmtheit an: »Du bist Petrus, der Fischer aus Galiläa, und Jesus war

dein Freund, du Feigling!«

»Ich habe Jesus niemals gesehn! . . .« schrie Petrus, der blau und grün

wurde.

Just in diesem Augenblick krähte ein Hahn mit erhobener, gewaltiger

Raspelstimme ein heiseres, langgezogenes, endloses Kikiriki, das ganz

aus der Tiefe hervorzuröcheln schien wie im Todeskampf und grausig abriß

in einer Art teuflischem Lachen. So brach auch ein Lachen der

Verzweiflung aus Ahasverus Gurgel hervor, denn: umsonst! dachte er

wieder, umsonst! . . . Und Petrus, plötzlich frei, wankte rückwärts

hinaus, als hätte der Blitz gerade vor ihm einen Abgrund in die Erde

geschlagen. Niemand wagte die Hand nach Ahasverus auszustrecken.

Er ließ sein Messer fallen und irrte weiter.

Eine stille Klarheit hatte den Himmel gebleicht, und der Nacht entwuchs

geräuschlos langsam ein bleigrauer Morgen. Auf den Steinen begannen

schon die Wagen zu rasseln, die die Bäuerlein zum Freitagsmarkt fuhren.

Ahasverus betrachtete das alles nun, als ob es ihn nichts mehr anginge;

die Lust, weiter zu leben, war in ihm gebrochen.

Die Bauern gingen mit krummen Rücken in Kellerwirtschaften, um eine

Kumme warmen Kaffee zu schlürfen, und Ahasverus hörte, wie sie geladen

waren auf diesen Aufrührer, diesen verfluchten Radaumacher; es war seine

Schuld, daß der Kram wieder mal aus Rand und Band war, just an einem

Markttag.

Nach und nach kam die ganze Stadt auf die Beine, die Läden wurden

geöffnet, man trug die Fensterluken hinein, und verschlafene Gesichter

besprachen die große Neuigkeit.

»Wenn sie ihn kreuzigen, daß sie es dann nur schnell heute noch

abmachen,« hörte Ahasverus sagen, »sonst ist das Osterfest zum Teufel!«

»Und die Geschäfte gehn ohnehin schlecht genug!«

»Die Wirte werden nicht zu klagen haben . . .«

»Sie sollten all diese Besserwisser einsperren . . . mit ihrem Gequatsch

. . . damit sie die Menschen bei ihren Angelegenheiten nicht stören

. . . damit sie die Menschen in Ruhe lassen . . .«

»Diese fremden Ratten . . .«

»Sie wissen nicht mehr, was sie sich ausdenken sollen, heutzutage

. . .«

Und dem Wirt der Ausspannung »Zur fröhlichen Einkehr«, der über der

Fensterbrüstung lag, erzählte der Barbier von der Ecke, wie Petrus --

»es ist schrecklich!« -- dem Judas den Kopf glatt abgehauen hatte.

Wie lange Ahasverus so umherschweifte, er hätte es nicht sagen können,

-- bis er endlich mit dem Haufen wieder mittreibend zum Gerichtshaus

zog, vor dem eine große Menge versammelt war. Auf einem Altan stand der

Landpfleger Pontius Pilatus, der eine Ansprache hielt, mit seinem

behäbig-groben, alltäglichen Gesicht, das nur ein wenig verdrießlicher

aussah, weil sie ihn aus seiner feisten Ruhe aufgestört hatten.

Man sah deutlich, daß er sich die Sache am liebsten vom Leibe halten

wollte; die Glaubenslehre der Juden war ihm gleichgültig, und die

krähenden Priester hingen ihm zum Halse heraus. Er schwatzte mit knappen

Gebärden etwas von seiner Liebe zum Volk, und daß in erster Linie

Ordnung herrschen müßte im Interesse der ökonomischen Entwicklung der

Stadt, daß die Bürger von Jerusalem einander nun endlich einmal

verstehen müßten und aufhören mit ihrem ewigen Gehäkel um Bagatellen.

Bei diesem Wort begannen die Pharisäer schon wieder sich die Augen aus

dem Kopf zu blöken, und das Publikum rumorte nur immer mehr. Kaiphas,

der neben Pilatus über dem Geländer des Altans hing, schrie wütend und

aufhetzend zu seinen Trabanten hinunter. Und Pontius Pilatus, ein wenig

aus dem Konzept gebracht, ließ ihn nun seinerseits reden, um das

Gebrodel zu stillen. Kaiphas, den knallroten Kopf stolz über dem Bauch,

predigte erst mit salbungsvoller Stimme, legte dann mehr Nachdruck auf

seine Worte, als er auf diesen Aufrührer zu sprechen kam, der sich für

den König der Juden hielt, und auf die nötige Ehrerbietung vor dem

jüdischen sowohl wie vor dem römischen Gesetz, und er schloß seine Rede

mit einem gewaltigen Gedonner prasselnder Sätze. Ja, heilig durfte man

die Ordnung nennen; aber dieser Fremdling, der gerade war der

Störenfried, der weg mußte. »Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!« wurde gerufen.

»Ach, was kann er denn viel Böses anrichten?« sagte Pilatus

achselzuckend. »Er ist nur ein Träumer, ein Intellektueller!«

Die Schriftgelehrten, die Küster des Tempels, die Reichen, die Wechsler,

die Leute an der Spritze, alle, die Jesus bei ihren Geschäftchen gestört

hatte, alle, die einen Augenblick gezittert hatten, sie waren überall

eifrig am Werk, tobten, daß es staubte, ließen Bier herumreichen und

versprachen goldne Berge, wenn Jesus gekreuzigt würde. Und vor dem Sturm

zog sich Pontius Pilatus ins Haus zurück, gereizt mit Kaiphas sich

kibbelnd, der ihm mit aufgeregter Geschwätzigkeit folgte.

Rings um Ahasverus sagte nun ein jeder sein Sprüchlein:

»Er predigte doch gegen die Lehre . . .«

»Wenn er mehr ist wie wir, warum hat er sich dann greifen lassen und

kein Wunder getan?«

»Ein Gaukler . . .«

»Er hat einen Blinden an einem Sonntag geheilt. Rechtschaffene Leute

arbeiten nicht am Sonntag . . .«

»Warum blieb er nicht kusch? Warum kümmerte er sich um anderer Leute

Angelegenheiten?«

»Er wollte den Tempel abbrechen . . .«

»Und was für ein Gesindel hatte er um sich herum, Landstreicher und

Huren! . . . Dieses Magdalenchen!« . . . Und voller Geilheit erzählten

sie zweideutige Geschichten von diesem Magdalenchen.

»Er entriß die Kinder ihrer Familie . . .«

»Er säte Haß unter die Menschen . . .«

»Ein Glück, daß ich dabei war! Petrus ging schon ans Hauen und Stechen:

er hat einen Kerl in zwei Teile gespalten bis an den Nabel . . . Aber

ich habe ihm zum Donnerwetter nochmal eine neingehauen, daß ihm

schwummerig wurde . . .«

»Die Apostel hatten selbst genug davon: ihr seht es ja, es ist einer von

seinen besten Freunden, der ihm das Spiel verdorben hat.«

»Ha! ha!« fluchte Ahasverus bei sich, »sieh da, das auserwählte Volk des

Neuen Reiches!« Die letzten Anhänger Jesu hatten sich auf die Strümpfe

gemacht oder standen da, verblüfft und verbaast, und sperrten das Maul

auf.

Aber plötzlich erschütterte Lachen, gewaltiges Prusten und Lachen, die

dichtgedrängte Menge. Denn Jesus war auf dem Altan erschienen, vorwärts

gestoßen, -- und er glich mehr einer Vogelscheuche als einem König: sie

hatten ihm zum Zeichen seiner Macht einen zerlumpten Purpurmantel

umgehangen, in dem seine Füße strauchelten, und sein Haupt trug eine

Krone aus Dornen geflochten, und als Zepter hielt er in seinen

gebundenen Händen ein Rohr. Wahrhaftig, ein famoser Ulk! Ahasverus

lachte und tobte mit, denn es war ihm, als ob er selbst da oben stünde,

es war ihm, als ob er sich selbst verspottete, als ob die Dornen aus

seinem eigenen Haupte den roten Schweiß tropfen ließen.

Soldatenvolk umgrinste den schäbigen Herrscher. Ein Lümmel zupfte ihn am

Haar und fragte: »Du, der alles weiß, sag, wer hat das getan?« Aber

Jesus schwieg.

Und ein anderer gab ihm hinterrücks einen Backenstreich und fragte:

»Weissage: wer hat dich geschlagen?« Ahasverus fühlte die Ohrfeige auf

seiner eigenen Backe brennen und lachte wild mit dem Volke mit. Jesus

schwieg.

Und nun wurde nach seinem Antlitz gespieen: »Weissage! Weissage!« Es

schien Ahasverus, als ob er auf seine eigene Seele spiee, und er schrie

mit. Ein fürchterliches Gedränge stieß nach vorn, jedermann wollte dabei

sein, wollte mitspielen. Frauen und Kinder gellten mitten hinein ins

Geheul dieser ungebärdigen, tausendköpfigen Bestie, die sich gegen die

Mauer des Gerichtshauses quetschte.

Pilatus, der sich den ganzen Mummenschanz ausgedacht hatte, in der

Meinung, daß das Publikum ihn nach solch einem Schauspiel in Frieden

lassen würde, trat nun vor, und um zu zeigen, wie unschädlich der arme

Schächer doch eigentlich wäre, spöttelte er gutmütig, indem er mit

seiner geöffneten molligen Hand auf ihn wies:

»Ist das nun der König der Juden?«

»Hu! hu!« raste das Volk zu dem schweigenden Manne mit der Dornenkrone

und dem Rohr, und »Hu!« raste Ahasverus, »hu! der König des Neuen

Reiches, der König, der einen Traum hatte und kein Schwert, um eine

Wirklichkeit, eine Wirklichkeit daraus zu machen!«

Aber die Hohenpriester fürchteten, daß die Beute ihren Krallen

entschlüpfen könnte: »Pilatus höhnt die Juden!« riefen sie von allen

Seiten, »der Kaiser in Rom ist unser König! . . . Er lästert den Kaiser!

. . .« Und Pilatus war schon wieder aus der Fassung, betäubt durch das

Gebrüll, aufgehetzt durch Kaiphas.

»Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!« ging es hier und da hartnäckiger los.

Pilatus wurde ärgerlich. »Wir müssen kurzen Prozeß machen«, dachte er.

Und da er nicht wußte, was tun, nahm er seine Zuflucht zum Nazarener

selber: der verhielt sich auch allzu stumm und wollte kein Wort zu

seiner Rechtfertigung sprechen: er mußte -- zum Teufel! -- doch mal

deutlich auseinandersetzen, was er sich eigentlich dachte, dann würde

das Urteil vielleicht milder ausfallen; und barsch werdend, platzte

Pilatus heraus: »Komm, sei nun endlich mal vernünftig, sei nicht so

romantisch, nimm die Dinge, wie sie sind . . . Ich habe dich in meiner

Macht, ich kann mit dir machen, was ich will, rede . . .«

»Du vermagst nichts über mich!« sagte Christus, den Blick in sich

gekehrt; »ich _bin_ die Wahrheit.«

»Wahrheit . . . Wahrheit . . . was ist Wahrheit?« murmelte Pilatus und

betrachtete mit aufrichtigem Mitleid diesen armen Schwärmer, der so

jämmerlich seine Sache verdarb. Aber er hatte schon einen anderen Ausweg

gefunden, um sich die Geschichte mit einem Schlage vom Halse zu

schaffen:

»Werte Mitbürger, es ist ein uralter Brauch, eine ehrwürdige

Überlieferung . . . eine Überlieferung, sage ich, der wir also treu

anhängen müssen, daß der Statthalter zum Osterfest einen Gefangenen

losläßt; -- wollen wir diesen denn nicht laufen lassen?«

»Nein, nicht Jesus, -- Barrabas!« rief eine Stimme. Und »Barrabas!

Barrabas!« war der Schrei, der nun von überallher emporstieg.

»Barrabas!« schrie auch Ahasverus.

Dieser Barrabas, müßt ihr wissen, war in Jerusalem wohl bekannt und dem

Volke teuer, als ein unverbesserlicher Windhund, Lüderjan,

Nachtschwärmer, Pflastertreter, Saufaus, Würfelspieler, Hurenbock,

Prasser, Zotenreißer und Hans in allen Gassen.

»Wenn du uns die Wahl läßt,« sagte Kaiphas, »dann gibst du zu, daß Jesus

schuldig ist!«

Pilatus verlor auf einmal alle Geduld: »Ich hab genug davon,« schloß er

wütend, »ich sitze hier schon den ganzen Morgen und rede mir die Zunge

aus dem Hals, kreuzigt ihn, wenn ihr ihn nun doch mal kreuzigen wollt,

aber dann gleich, damit es ein Ende hat! Und der erste, der sich dann

noch muckst, fliegt an . . .«

Es war, als ob eine fürchterliche Welle das ganze wimmelnde Gedränge

oben hinauf zum Richthaus tragen wollte mit wildem Gejauchze. Jesus

wurde im Tumult fortgeschleppt, und Pontius Pilatus machte sich mit

rundem Rücken aus dem Staube.

Für Ahasverus verlief alles nun, als ob es ganz fern von ihm geschähe,

als ob er jenseits der Menschheit irrte, jenseits des Lebens. Was sie zu

kreuzigen sich anschickten, es war etwas von dem letzten Traum, der ihn

aufrechterhalten hatte; aber auch diese Kreuzigung und alles, es geschah

in einem Traum. Alle Dinge trugen das Antlitz des Todes.

O, er mußte da heraus, er wollte zurück in die Wirklichkeit, er wollte

noch einmal von ganz nahe Jesus anschauen, um deutlich zu fühlen, daß

dies alles kein Hirngespinst war, zu fühlen, ob es wahr sei, daß er,

Ahasverus, nun ganz allein, ganz allein auf dieser Welt blieb, um all

ihre Jämmerlichkeit, all ihre Leere zu schleppen.

Das Fieber brannte in ihm, er war heiser vom Schreien, er mußte heraus

aus diesem höllischen Gewühl. Er ging bis an das Stadttor, durch das der

Zug zum Kreuzberg hinauf ziehen mußte. In dem Tor war eine kleine

Wirtschaft. Ahasverus gab seine letzten Pfennige für ein Glas Bier und

blieb draußen auf einer Bank sitzen: dort konnte er alles gut sehen.

Ein Blinder und ein Lahmer, die früher vor dem Tor zu betteln pflegten

und die Christus geheilt hatte, machten laut ihre Späße mit der Wirtin.

»Ihr solltet euch schämen!« sagte diese.

Der eine antwortete: »Was können wir dabei machen? -- Hat er mir meine

Augen wiedergegeben, so tat ers doch, damit ich sie brauchen sollte!«

Und er sah die Wirtin lauernd mit geilem Blick an.

Und der andere: »Unsere Schuld ist es nicht! -- Hat er meinen Händen

wieder Gefühl gegeben, so tat ers doch, daß ich was davon haben sollte

. . .!« Und sein Arm umfaßte die Wirtin, die aus vollem Halse mit

schuddernder Brust lachte.

Vor der Wirtschaft schlenderten Jerusalemer, ganze Familien, die vor

Ungeduld gähnten. Niemand arbeitete an diesem Tage, es war etwas wie

eine seltsame Kirmesstimmung in der Luft, wenn das Wetter auch tot und

trübe blieb. An dem Stadttor näselte ein Spielmann seine Lieder,

angegafft vom Volke, und ein Haufen Rotznasen lief hinter einem roten

Lappen, der an eine Stange gebunden war, singend vorbei mit Rumpelkasten

und Kesselpauke. Aus allen Fenstern steckten Neugierige ihre Köpfe

heraus, und auch auf den Dächern saßen die Menschen dicht gedrängt.

Das Mittagbrot hatten sie schon hinunter, und viele begannen stumpf zu

werden vom langen Warten, als endlich Radau und Fanfarengeschmetter in

der Ferne hörbar wurde. -- »Da sind sie! Da sind sie!« Und bald erschien

die klägliche Prozession an der Biegung der Hochstraße, von wo sie sich

langsam zum Stadttor bewegte.

Hinter einem Haufen Straßenjungen und Pflastertreter, die, von Hunden

angebellt, dahinliefen oder Arm in Arm in Reihen pfeifend weiterhopsten,

kamen zuerst Soldaten mit Helm und wehendem Federbusch, auf

bunt-geschabrackten Pferden; die trugen Schilder und Standarten. Und

dann etwas Musik und Fußvolk mit Spießen, Landsknechte in schweren

Kollern, Hellebardiere, Bogenschützen, Hilfstruppen aus Libyen und

Äthiopien, Mohren und Schornsteinfeger, kurzum, der Teufel und seine

Großmutter, alles, was sie auf die Beine bringen konnten. Und

umschlossen von all dieser rohen Macht schritten höchst befriedigt die

Hohenpriester mit Kaiphas, die Schriftgelehrten, die Ältesten des Volks,

die Küster und Stuhlsetzer des Tempels, der Statthalter und sein Rat,

die Zunftmeister der reichen Tuchgilde, der Bund der Geldwechsler, die

Gesellschaft zur Förderung des Fremdenverkehrs, der Verein der

Hausbesitzer und Grundeigentümer, all die Mucker, Betbrüder und

Schwarzen von Jerusalem, all die konzessionierten Betrüger und

Halsabschneider, all die Schacherer, all die Geldhunde, all die Blut-

und Hirnsauger, all die Schinder und Auffresser des gemeinen Mannes. Und

wieder Soldaten und Soldaten, unaufhörlich . . . Wer konnte dagegen noch

an? Wer sollte sich da noch mucksen? -- Aber o! der elende, gebrochene

König, der dahinter unter dem großen Kreuz sich fortschleppte! . . .

Die meisten Zuschauer schwiegen nun, die Kehle zugeschnürt, mit einer

düsteren Vorahnung im Herzen, oder guckten mit ihren Kuhaugen und

dachten: »Er hat es verdient!« oder »Was können wir daran ändern?« oder

»Er hat uns betrogen, er hat uns das Glück versprochen«, und diese waren

ärgerlich, weil kein Wunder geschah. Aber sie wagten einander nicht mehr

anzublicken. Es gab auch solche, die einsahen, daß sie übel getan

hatten, und darum ärgerlich wurden: sie riefen Schimpfworte und warfen

Dreck nach dem Mann. Die Frauen bedauerten ihn mit leisen Worten des

Mitleids und schluchzten. »Er muß doch etwas verbrochen haben . . .«

sagte nahe bei Ahasverus eine, die einen Säugling auf dem Arm trug.

Und Ahasverus sah den Mann mit dem Kreuz heranstraucheln. In seiner

Seele saß der Tod. Er hätte alles vergessen mögen, nicht mehr diese

feigen Lumpenhunde sehen, nicht mehr dies ohnmächtige Weibergejammer

hören. Er dachte: »Da ist der Wortgaukler, der seinen Traum nicht tragen

konnte, der Verräter, der meinen Traum gemordet hat. Und nun bleibe ich

allein, -- ich -- allein . . .« Er wälzte es wieder in sich herum,

gleichgültig gegen seinen eigenen Schmerz; Gleichgültigkeit umschloß ihn

überall, als hätte er niemals wieder seine Arme ausstrecken können. Ja,

es hätte so schön werden können! Aber alles war unnütz, das Leben war

unnütz . . . Und weil er allein, er allein das wußte, sprach etwas in

ihm: »Ich werde nicht zerbrechen.«

Aber als der Galiläer das Stadttor erreicht hatte, geschah etwas

Wunderbares.

Ahasverus stand kerzengerade mit hohen, breiten Schultern da, seinen

harten Blick auf Jesus gerichtet. Jesus fiel auf die Kniee unter der

schweren Last des Holzes und sah Ahasverus an mit etwas wie einem

flehenden Schrei in seinen Augen. Sein Gesicht war bleich,

schweißbedeckt, voll Staub und Blut. Er hatte Ahasverus erkannt, und

schweigend schien er zu sagen: »Du, der du mein Bruder bist, hilf

. . .«

»Warum?« dachte der Zweifler, und noch einmal »warum?« mit einem

höhnischen Lachen über sich selbst und über alles. Und in der schaurigen

Öde seines Herzens stand es tief eingegraben: »Ich werde dem nutzlosen

Traume treu bleiben. Ich werde nicht weinen. Ich werde nicht

zerbrechen.«

Seine Lippen blieben geschlossen, sein Blick blieb hoch und hart. Aber

auf einmal sah er nichts mehr als die Augen Christi, Schweiß und Blut

verdämmerten, er sah nichts mehr als die stillen, durchdringenden Augen,

die reinigend das Antlitz erhellten. Ja, das war sein Bruder; ja, er sah

es nun wohl: dieser hatte auch etwas, das dunkel in ihm glühte, etwas,

womit er nirgendhin wußte, eine ewige Unrast; er sah es da wie in einem

Abgrund, aber über dieser Tiefe zitterte ein unergründliches Licht, wie

ein Lächeln, ein Segen . . . Ahasverus fühlte, wie die sanfte Flamme

dieser Augen sein Herz versengte.

Und seitdem er das gesehen hatte, brannte es in ihm fort, mitleidslos,

unauslöschlich, und er mußte Christus folgen, seinem Bruder. Und die

ganze schreckliche Passion mußte er mit leiden: sein Fleisch war es, das

durchbohrt und an das Kreuz genagelt, sein Mund, der voll Essig und

Galle gestopft, seine Seite, die durchstochen wurde. Als Jesu Mutter in

Ohnmacht sank, zerriß auch ihm das Herz, aber nicht einen Sohn nur

beweinte er. Und als das Volk, von Furcht und Reue ergriffen,

wegflüchtete unter dem trüben, leeren Himmel, ehe Er da oben Seinen

letzten Seufzer tat, und nur noch einige Soldaten dablieben, die um

seinen Mantel würfelten, und eine Wolke seine Stirn umflorte und Er

rief: »O Vater, warum hast Du mich verlassen?« -- da suchte Ahasverus'

Blick Seinen geliebten Blick, und sie vergingen zusammen in demselben

Meer von Verzweiflung, über dem dann das triumphierende, das

unbegreifliche Lächeln Christi wieder glänzte.

Und als alles vollbracht war, eilte Ahasverus fort, wohin, wußte er

nicht: er wußte nur, daß er niemals wieder ruhen würde und wandern und

wandern würde, ohne Ende -- ohne Ende.

Der Ewige Jude · 第 4 / 7 题