Vgl. v. =Singenberg= (I 156b 3)

Die Gegner scheinen aber gesiegt zu haben und hieher kann es bezogen

werden, wenn der Dichter sich jetzt an den Herzog von Oesterreich

wendet:

_In nomine domini!_ ich will beginnen, sprechet _Amen!_

das ist gut für Ungelücke und für des Teufels Samen.

Daß ich nun singen müsse in dieser Weise also,

Wer höfischen Sang und Freude störe, daß der werde unfroh!

Ich habe wohl und hofelich daher gesungen,

Mit der Höfischheit bin ich nun verdrungen,

Daß die Unhöfischen nun zu Hofe werther sind, denn ich.

Das mich ehren sollte, das unehret mich.

Herzog aus Oesterreiche, Fürste, nun sprich!

Du wendest es alleine, sonst verkehre ich meine Zungen.

(I 131b)

=verkehre ich= &c. d. h. singe auch ich unhofelich.

In einem ähnlichen Liede droht er, sich jetzt auch des =scharfen

Sanges= befleißen zu wollen:

Da ich stets mit Furchten bat, da will ich nun gebieten,

Ich sehe wohl, daß man Herrengut und Weibesgruß

Gewaltiglich und ungezogenlich erwerben muß.

Er beschwert sich weiter, wenn er seinen höfischen Sang singe,

so klagen sie es =Stollen=, vermuthlich einem von den unhöfischen

Verkehrern seines Gesangs. Der Schluß des Liedes geht wieder auf den

Herzog Leopold:

Zu Oesterreiche lernte ich singen und sagen,

Da will ich mich allererst beklagen.

Finde ich an Lüpold höfischen Trost, so ist mir

mein Muth entschwollen.

(I 131b f.)

Mehrere Lieder zeigen uns nun den Dichter wirklich an dem ersehnten

Hofe zu Wien. Einige derselben gestatten eine ungefähre Zeitbestimmung,

namentlich beziehen sich zwei davon auf den Kreuzzug des Herzogs.

Leopold VII. ließ sich schon 1208 mit mehreren Edeln des Landes zu

Neuenburg mit dem Kreuze zeichnen. Im Jahr 1213 begab er sich mit

großem Gefolge nach Spanien, um die Mauren zu bekriegen. Sodann im

Jahr 1217 fuhr er mit dem Könige von Ungarn und vielen Andern nach

dem heiligen Lande. Dort betrieb er die Belagerung von Damiata,

kehrte aber, bevor noch diese Stadt eingenommen war, im Jahr 1219 nach

Oesterreich zurück[44]. Walther feiert des Herzogs glückliche Heimkehr.

Ihr seyd wohl werth, sagt er, daß wir die Glocken gegen euch läuten,

dringen und schauen, als ob ein Wunder kommen sey; ihr kommet uns

sünden- und schandenfrei, drum sollen wir Männer euch loben und die

Frauen sollen euch kosen. Im Uebrigen geht das Lied darauf hinaus, daß

der ehrenvolle Empfang den Herzog für den Vorwurf entschädigen solle,

als hätte es seiner Ehre angestanden, noch länger über Meer zu bleiben

(I 135).

[44] _Chron. Claustro-Neoburg. ad ann. 1208-1219._

Nach der Rückkehr des Herzogs ist ein Lied gedichtet, worin die

Kargheit des österreichischen Adels gerügt wird. Als Leopold spart' auf

die Gottesfahrt, da sparten sie alle, als wagten sie nicht zu geben.

Das war billig, daß sie ihn an Milde nicht überhöhen wollten; man soll

immer nach dem Hofe leben. Die Helden aus Oesterreich hatten stets

gehofeten Muth. Sie =behielten= ihm zu Ehren, das war gut. Nun =gebet=

ihm zu Ehren, wie er nun thut, und lebet nach dem Hofe, so ist eure

Zucht unbescholten! (I 132b)

In einem andern Gedichte lehnt Walther es ab, den Herzog nach dem Walde

zu begleiten. Zu Felde folgt er ihm gern, zu Walde nicht. Zu Walde

will ihn der Herzog, Walther hat stets bei Leuten gelebt. Selig sey der

Wald und die Heide, da möge Leopold mit Freuden leben! Zieh' er dahin,

Walthern lass' er bei Leuten, so haben sie Wonne beide (I 132b).

Aeusserst wohl ergeht es dem Dichter um diese Zeit. Er benennt dreier

Fürsten Höfe, so lange er diese weiß, braucht er nicht um Herberge fern

zu streichen, sein Wein ist gelesen und seine Pfanne sauset. Die drei

Fürsten sind: der biderbe Patriarch; zuhand dabei Leopold, der Fürst

zu Steier und Oesterreich, dem Niemand lebender zu vergleichen; der

dritte: des vorigen Vetter, der wie der milde Welf gemuth ist, des Lob

nach dem Tode besteht (I 133b).

Den Herzog Leopold kennen wir. Sein Vetter ist wohl niemand anders,

als seines Vaters einziger Bruder, =Heinrich=, der bis in das Jahr

1223 lebte[45]. Der biderbe Patriarch aber ist uns der Patriarch von

Aquileja, =Berthold=, aus dem Geschlechte der Grafen von Andechs, der

von 1218 an diese geistliche Würde bekleidete und erst 1251 starb[46].

[45] _Chron. cit. ad ann. 1223._ Wer der =milde Welf= sey, mit

welchem Leopolds Vetter verglichen wird, getraue ich mir nicht

zu bestimmen. Auch der =Tanhuser= (=Man.= II 64a) gedenkt eines

=Welf von Schwaben= unter den verstorbenen Fürsten, welche

manchem Mann viel reicher Kleider gaben.

[46] Frölich I. _c. Tab. IV_

Ein Blick in das Leben eines andern Dichters kann diese Verhältnisse

erläutern. =Ulrich= von =Lichtenstein=, aus dem steirischen

Geschlechte, das jetzt gefürstet ist, einer der liederreichsten

Minnesänger, hat bekanntlich selbst sein ritterliches Leben in dem

Buche: =Frauendienst=[47] beschrieben. Dieses Buch, dem geschichtliche

Grundlage nicht abzusprechen ist, giebt die merkwürdigsten Aufschlüsse

über die Sitten damaliger Zeit, über Minnedienst und Minnesang,

besonders über das Leben und Treiben der Fürsten und des Adels in

Oesterreich, Steiermark, Kärnthen und Istrien. Eben diese Gegenden,

wo wir Walthern zuletzt getroffen, hat Ulrich von Lichtenstein, bald

als Königin Venus, bald als der aus dem Paradies zurückgekommene König

Artus verkleidet, auf Ritterfahrt durchzogen. Eben die Fürsten, an

deren Hofe Walther gesungen, hat auch Ulrich gekannt und mit einigen

derselben sich im Ritterspiele getummelt. Ulrich ist jünger, als

Walther, und keiner gedenkt ausdrücklich des andern, aber sie sind

Zeitgenossen und gerade in dem Zeitabschnitte, bei dem wir jetzt

verweilen, begegnen sich ihre Bahnen; auch möchte sich aus Ulrichs

Liedern nachweisen lassen, daß Walthers Gedichte auf ihn eingewirkt

haben.

[47] =Frauendienst= &c. Nach einer alten Hdschr. bearbeitet und

herausgegeben von =Ludwig Tieck=. Stuttg. u. Tüb. 1811. Ein

Abdruck der Urschrift dieses wichtigen Denkmals wird noch immer

vermißt.

Den Herzog Leopold, Walthers Beschützer, finden wir im Buche Ulrichs

von Lichtenstein[48], wenn dieser (Cap. II) erzählt:

»Darauf ward ich Ritter, zu =Wien=, bei einer Hochgezeit', die ich

seitdem nimmer so schön gesehen habe: da war großes Ungemach von

Gedränge. Der Fürst =Leupold= aus Oesterreich gab seine minnigliche

Tochter einem Fürsten von Sachsen zum Gemahl. Der edle Fürst gab

dritthalb hundert Knappen Schwerdt; den Grafen, Freien, Dienstmann,

wohl tausend Rittern, gab der edle Fürst Gold, Silber, Roß und Kleider.

Fünf tausend Ritter aßen da des werthen Fürsten Brod, da war viel

Buhurt (eine Art des Turniers) und Tanzes, und manches Ritterspiel: da

waren die reiche Herzogin und ihre minnigliche Tochter, und manche gute

Fraue.«

[48] Auch den vorerwähnten Vetter Leopolds würden wir in dem

Markgrafen Heinrich von Oesterreich erkennen, bei welchem

Ulrich von Lichtenstein Lehrling war und von dem er so viel

Schönes zu rühmen weiß. =Frauend.= Cap. I S. 3-4. Es ist aber

zweifelhaft, ob hier nicht =Isterreich= statt =Oesterreich=

zu lesen sey? denn späterhin tritt der Markgraf Heinrich von

Isterreich auf.

Das Hochzeitfest, welches Ulrich beschreibt, hatte nach den

Geschichtschreibern im Jahr 1222 statt[49]. Ein ähnliches Fest, wenn

nicht dasselbe, hat Walther vor Augen, wenn er so anstimmt:

Ob Jemand spreche, der nun lebe,

Daß er gesehn je größre Gebe,

Als wir zu Wien durch Ehre haben empfangen?

Man sah den jungen Fürsten geben,

Als wollt' er nicht mehr länger leben,

Da ward mit Gute Wunders viel begangen.

Man gab da nicht bei dreißig Pfunden,

Nein! Silber, gleich als wär's gefunden,

Gab man hin und reiche Wat.

Auch hieß der Fürste durch der Gehr'nden Hulde

Die Mallen von den Stellen leeren.

Roß', als ob es Lämmer wären,

Viel Mancher weggeführet hat.

Es galt da Niemand seiner alten Schulde.

Das war ein minniglicher Rath!

(I 129b)

[49] »_Solemnitas magna in Wienna fit Duce auctore Liupoldo, cujus

etiam filia Duci Saxonum nuptiali thalamo est copulata._«

_Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1222._

=Gebe=, Ausspendung. =Als wollt' er= &c. vgl. =Nibel.= V. 171.

=durch der Gehrn'den Hulde=, zum Besten der Gehrenden, der

Sänger und andrer begehrlichen Leute, die sich bei solchen

Festlichkeiten zudrängten. =Mallen=, Koffer. =Stellen=, Gerüste,

worauf die Mallen standen. =galt=, bezahlte; man pflegte bei

solchen Anlässen den Gehrenden die Pfänder auszulösen.

Im Verfolg seiner Geschichte (Cap. VI) meldet Ulrich von Lichtenstein

von einer Fürstensprache, die zu Freisach stattgefunden. Der Markgraf

Heinrich von Isterreich[50] wollte den Fürsten von Kärnthen angreifen.

Als aber Leopold von Oesterreich dieses vernahm, sprach er: »Das

gestatte ich nicht, sondern ich will es versühnen und in kurzem einen

Tag machen.« Diese Gelegenheit benützten Ulrich und sein Bruder, auf

einem Anger bei der Stadt Freisach Ritterspiele zu veranstalten, woran

die Fürsten selbst Theil nahmen und über welchen man mehrere Tage

lang nicht zum Hauptgeschäfte kam. Am Ende ward jedoch die Aussöhnung

vermittelt. Unter den weltlichen Fürsten, die für dieses Geschäft

versammelt waren, erscheinen Leopold von Oesterreich und Bernhard

von Kärnthenland, unter den geistlichen der Patriarch von Aquileja.

Wir sehen also hier drei von den Gönnern unsres Dichters zu Ernst und

Spiel vereinigt, der Verkehr zwischen ihren Höfen ist eröffnet, es sind

belebte Pfade, worauf der Sänger wandelt.

[50] Dieser Markgraf Heinrich, aus dem Hause Andechs, ein Bruder des

Patriarchen Berthold, war des Antheils an der Ermordung König

Philipps verdächtig und wurde deshalb 1209 seiner Würden, Lehen

und Einkünfte verlustig erklärt. Das Haus Andechs behauptete

aber seine Ansprüche auf die Markgrafschaft. Heinrich starb um

1228.

So melden auch die Geschichtbücher, daß noch im Jahr 1229 der Patriarch

von Aquileja, Leopold von Oesterreich und der Herzog von Isterreich

nach Italien hinunter ritten, um den Kaiser Friedrich mit dem Pabste

auszusöhnen. Leopold starb 1230 zu St. Germano in Campanien und nur

seine Gebeine kamen nach Oesterreich zurück[51].

[51] _Chron. Ursp. ad ann. 1229, Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1230._

Wie heimisch Walther von der Vogelweide in jenen östlichen Gegenden

war, giebt er deutlich zu erkennen. Wenn er sagt: von der Seine bis an

die Mur, vom Po bis an die Drave hab' er der Menschen Weise gemerket

(I 131b), so hat er offenbar seinen Standpunkt in der Steiermark, die

von Mur und Drave durchströmt wird. Dahin zieht er seine Linien von der

Seine aus, als der nordwestlichen, vom Po, als der südlichen Gränze

seiner Wanderungen. In einem andern Liede (I 105b 4) scheint er die

Fürsten von Oesterreich, im Gegensatze zu andern Herren, die auf einem

Hoftage zu Nürnberg waren, die =heimlichen= (heimischen) zu nennen.

Hinwider zeigt eine Stelle im =Frauendienst= S. 119, wie gangbar

Walthers Gesang eben in jenen Gegenden war. Als Ulrich von Lichtenstein

auf der Ritterfahrt, die er als Königin Venus unternommen, gen

Wien reitet, begegnet ihm einer seiner Knechte, der ihm erfreuliche

Botschaft von der Frau seines Herzens zu melden hat. Der Bote darf den

verkleideten Herrn nicht anreden, er reitet daher bloß hinter demselben

her und singt ein Lied, wodurch er kund giebt, daß er gute Botschaft

bringe. Dieses Lied ist die erste Strophe eines Gedichts von Walther,

welches oben geliefert worden:

Ihr sollt sprechen: willekommen!

Der euch Mähre bringet, das bin ich &c.

»Das Lied -- sagt Ulrich -- klang mir in mein Herze und that mir

inniglich wohl.«

Noch hören wir Walthern den Verfall des Hofes zu Wien beklagen. Die

Ursache dieses Wechsels aber giebt er nicht an. Ob solche in dem

1230 erfolgten Tode Leopolds und in dem kriegerischen Geiste seines

Nachfolgers, Friedrichs des Streitbaren, zu suchen sey, lassen wir

dahingestellt seyn. Daß Friedrich dem Gesange nicht abhold war, ergiebt

sich aus dem, was =Nithart=, =Tanhuser=, =Pfeffel= und =Bruder Werner=

von ihm sagen. Sang er doch selbst den Frauen den Reigen, und der

=Tanhuser= mit (=Man.= II 59b). Soviel meldet übrigens die Geschichte,

daß nach Leopolds Tode fast alle seine Dienstleute sich gegen seinen

Sohn Friedrich verschworen, diesen des väterlichen Erbes beraubten und

nachher beinahe ganz Oesterreich mit Raub und Brand verwüsteten[52].

[52] _Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1230._

Reinmar der Alte giebt ein Trauerlied auf den Tod =Leopolds=, der darin

der Herr aller Freuden genannt wird (I 68a), Walther hinwider betrauert

den Tod Reinmars (I 105a) und hätte hiernach, wenn in jenem Klageliede

wirklich Leopold von Oesterreich gemeint ist, allerdings noch in den

Tagen Friedrichs des Streitbaren gelebt.

Das Gedicht selbst, worin er den Wechsel der Dinge am Hofe zu Wien

schildert, ist folgendes:

Der Hof zu Wiene sprach zu mir:

»Walther! ich sollte lieben dir,

Nun leide ich dir, das müsse Gott erbarmen!

Meine Würde, die war weiland groß,

Da lebte nirgend mein Genoß,

Denn Artuses Hof. Nun weh mir armen!

Wo nun Ritter, wo nun Frauen,

Die man bei mir sollte schauen?

Seht! wie jämmerlich ich steh'.

Mein Dach ist faul, es tropfen meine Wände,

Mich minnet Niemand, leider!

Gold, Silber, Ross' und dazu Kleider,

Die gab ich und noch hatt' ich meh.

Nun hab' ich weder Schapel, noch Gebände,

Noch Frauen zu einem Tanze, o weh!

(I 129b)

=lieben=, =leiden=, lieb, leid seyn. =mein Genoß=, meines Gleichen.

=Gebände=, Kopfbänder.

Siebenter Abschnitt.

Walthers Kunst und Kunstgenossen. Nithart.

Der Meissner. Reinmar. Walthers Standpunkt

in der Geschichte der deutschen Dichtkunst.

Wie sehr Walther von der Vogelweide seiner Kunst wegen von den

Zeitgenossen geschätzt war, beweist nicht bloß die Gunst, der er sich

von den angesehensten Fürsten, zumal demjenigen, der, auch dem Geiste

nach, vor allen glänzte, von Kaiser Friedrich II., zu erfreuen hatte;

auch die gleichzeitigen Meister des Gesanges zollen ihm hohe Achtung.

Dem gepriesenen =Wolfram= von =Eschenbach= ist er wohl bekannt, wie

wir bereits aus einer Stelle des =Parcifal= ersehen haben, in welcher

ein jetzt verlorenes Lied von ihm angeführt ist. Im =Titurel=, woselbst

Walther als einer der =hohen Meister= genannt wird[53], und im =Wilhelm

von Orleans= des =Rudolf= von =Ems=[54] ist gleichfalls auf Aussprüche

von ihm Bezug genommen. Der Rolle, die er im Kriege auf Wartburg

spielt, haben wir erwähnt.

[53] Im 6. Cap. des =Titurel= wird der =Aventeure= d. h. der

romantischen Ueberlieferung, welche von dem seligen Leben der

Hüter des heiligen Grales Kunde giebt, entgegengehalten, daß

sie mit =hohen Meistern= in Widerspruch gerathe:

Ich mein', daß mein Herr Walther konnte sprechen:

Hulde Gottes und Gut und weltlich' Ehre

Mitsammt wär' Niemand habende.

Das Lied von Walther, worin die angezogene Stelle vorkömmt

(=Man.= I 102), ist zuvor, Abschn. II, ausgehoben worden.

[54] Nach v. d. =Hagen's= Anführung aus der Kasseler Handschrift

(=Mus.= I 2 S. 563):

Nun seyd ihr doch einander gram,

Frau Minne und auch die Kindheit,

Als uns Meister Walther seit

Von der Vogelweide,

Der sang, daß ihr beide

Wäret gar einander gram.

Walthers Worte sind diese:

Minne und Kindheit sind einander gram.

(I 112a)

Meister =Gottfried= von =Straßburg=, der selbst als ein feiner

Hauptschmidt güldene Gedichte wirkte[55], hat in der Stelle seines

=Tristan=, welche von den deutschen Dichtern handelt, auch den unsrigen

verherrlicht. Die Liederdichter vergleicht er mit Nachtigallen,

die ihre süße Sommerweise singen. Wer aber, fragt er, soll dieser

Nachtigallen Panier jetzt tragen, seit die von =Hagenau=[56] verstummt

ist? wer soll die lebende Schaar führen und weisen? Ihre Meisterin

kann es wohl, die =von der Vogelweide=. Hei! wie die über Heide mir

hoher Stimme schallet! was Wunders sie stellet! wie spähe (kunstvoll)

sie organieret! wie sie ihren Sang wandelieret! Die soll der andern

Leiterin seyn, die weiß wohl, wo man suchen soll der Minne Melodie.

(=Tristan=, v. =Groote's= Ausg. V. 4750 ff.)

[55] So spricht von ihm =Konrad= von =Würzburg= in seiner =goldenen

Schmiede=, V. 97 ff. (=Grimm=, =Altd. Wäld.= Bd. II S. 219)

[56] =Docen= (=Mus.= I 1 S. 167) vermuthet unter dieser Bezeichnung

nicht unwahrscheinlich =Reinmarn= den =Alten=; v. =Groote=

(Anm. zu V. 4778) glaubt, daß =Hartmann= von =Aue= darunter

verstanden sey, was mir, schon nach dem Zusammenhang der

Stelle, bedenklicher scheint.

Auch die Späteren erkennen Walthers Meisterschaft an. Insbesondere

rühmt noch ein Meistergesang des vierzehnten Jahrhunderts seine schönen

und reinen Töne[57].

[57] Diesen Meistergesang des =Lupolt Hornburg= hat Docen im =Mus.=

II 1 S. 18 ff. aus der Würzburger Handschrift geliefert.

Von einer Handschrift, welche mit den Singweisen seiner Lieder

ausgestattet war, sind nur noch traurige Ueberreste vorhanden[58].

Aber der innere Wohllaut seiner Gesänge, der sich in schönen und

manigfaltigen Formen ausdrückt, welchen man oft ihre Singweise

anzuhören meint, giebt den Lobpreisungen Gottfrieds von Straßburg und

dem Zeugnisse des Meisterliedes volle Glaubwürdigkeit.

[58] =Docen= a. a. O. S. 26

Das Gepräge der Meisterschaft erkennen wir an den Liedern unsres

Dichters vornemlich in dem Einklange von Inhalt und Form. Der

Gegenstand ist durch die Form harmonisch begrenzt und die Form ist

durch den Gegenstand vollständig ausgefüllt. Für das bloße Spiel mit

Formen ist Walther zu gedankenreich. Eben darum sind auch seine Formen

in der Manigfaltigkeit einfach.

Es ist eine ansehnliche Stufenleiter von Tönen, auf der er sich vom

einfachsten Volksliede bis zu jenen großartigen Königsweisen erhebt.

Nach Abzug Desjenigen, was sich der Unächtheit verdächtig macht, kann

man in seinen Gedichten noch immer etliche und achtzig verschiedene

Töne zählen. Er führt uns durch den hohen, den niedern und den mittlern

Sang (I 105b). Er singt, wie ein Andrer von ihm meldet, was er will,

des Kurzen und des Langen viel (I 113b). Aber stets geht der Inhalt

gleichen Schrittes mit der Form und schon der äussre Bau seiner

Gedichte läßt auf ihren Gegenstand schließen. Der fröhlichen Weise des

Volkslieds entspricht die Lebensfrische des Inhalts und die volleren,

gezogenen Töne sind in Uebereinstimmung mit der Würde der Person, an

die das Lied gerichtet ist, mit der Wichtigkeit des Gegenstandes, mit

der Fülle der Gedanken. Die Spiele der Reimkunst sind ihm zwar nicht

unbekannt, doch bedient er sich ihrer mäßig und versteht sie scherzhaft

anzuwenden[59]. Er hat zu gewissen Formen Vorlieben und kehrt häufig

zu ihnen zurück, aber auch hierin verfährt er nach richtigem Ermessen.

Die Betrachtung und die bildnerische Darstellung lieben Stetigkeit,

die Leidenschaft, die Empfindung den Wechsel der Formen. Wir haben

es bei seinen Minneliedern schön gefunden, wenn es das Erscheinen

einer herrlichen Frau in derselben Weise darstellt, worin er sonst

die Könige feiert. Jene Gesänge vom ersten Auftreten Friedrichs II.

bis wo der Dichter das Lehen empfängt, sind alle in gleicher oder

verwandter Form gedichtet, sie treten dadurch in näheren Zusammenhang

und bilden gewissermaßen ein episches Ganzes. Eben die Einfachheit

der Formen macht sie geeignet, vielfacherem Inhalte zu dienen. Selbst

die großartigsten, und gerade diese wiederholt Walther am oftesten,

sind nicht vielfach verschlungen, fast kunstlos folgt sich in drei

langhingezogenen Zeilen der dreimalige Reimschlag. Es ist der volle

Wellenzug eines anschwellenden Stromes.

[59] Z. B. in dem wunderlichen Winterliede (I 125), das durch alle

Selbstlauter reimt. Der Truchseß von =Singenberg= (I 157b) und

=Rudolf= der =Schreiber= (II 181b) haben es nachgeahmt. Reime

an Anfang und Schlusse der Zeilen finden sich in der Strophe:

»Ob ich mich selben rühmen soll &c.« (I 121b) und den drei

folgenden.

Walthers Gedichte bilden großentheils nur =eine= Strophe. Der Bau

eines solchen Gesätzes ist aber genugsam in sich gegliedert, um für

eine vollständige Darstellung auszureichen. Man darf Gesätze, die in

derselben Weise über denselben Gegenstand gedichtet sind, darum noch

keineswegs als Theile =eines= Gedichtes betrachten, Sie können sich auf

einander beziehen, eines kann aus dem andern entsprungen seyn, und doch

jedes dabei seine Selbstständigkeit behaupten, wie etwa bei einer Reihe

von Sonetten über den nemlichen Gegenstand. Unser Meister setzt seine

Gedichte nicht zusammen, er schafft sie von innen heraus. Eben diese

lebendige Entfaltung des Gedankens, des Bildes, sichert dem Gedichte

seine Selbstständigkeit und bedingt seine Begrenzung. Ist der Gedanke

dargelegt, das Bild hingestellt, so ist auch das Gedicht abgeschlossen.

Bedarf ja doch gerade der kräftigste Gedanke, das klarste Bild, zu

seiner vollständigen Erscheinung am wenigsten der Ausführlichkeit.

In einem Theile von Walthers Gedichten findet sich die Grundform,

keineswegs aber die überkünstliche Verwicklung des spätern

meistersängerischen Strophenbaues. Ebenso ist die prunkende

Gelehrsamkeit und der überladene Bilderschmuck der späteren Dichter ihm

fremd. Er ist mehr gestaltend, als bilderreich.

Wenn =Frauenlob= (st. 1317) in seinem Liederstreite mit =Regenbog= sich

selbst als den Meister Aller rühmt, die je gesungen und noch singen,

als einen Koch der Kunst und einen Vergolder des Sanges der alten

Meister, =Reinmars=, =Eschilbachs= und des =von der Vogelweide=, die

neben kunstreicher Straße den schmalen Steig gefahren seyen (=Man.=

II 214b f.), so wird uns dieses nicht abhalten, den unvergoldeten

Sang und den schmalen Naturpfad jener älteren Dichter vorzuziehen.

Wir werden auf =Regenbogs= Seite treten, der, als erklärter Kämpfe

der letzteren, behauptet: die Kunst Walthers und der Andern stehe

noch immer frisch belaubt und bewähre die Kraft ihrer Wurzeln (=Ebd.=

215b); übereinstimmend mit dem =Marner=, der ebenfalls Walthern von der

Vogelweide an die Spitze der hingegangenen Sangesmeister stellt, aus

deren Garten er, unwillkührlich, Blumen lesen müsse (II 173a).

Walther selbst ist sich seiner Meisterschaft bewußt. Er spricht von

seinem =werthen Sange= (I 118a) Er klagt, daß man ihn so arm lasse

bei =reicher Kunst= (I 131a). Er spricht es aus, daß die Frau, von der

er singe, durch seinen Sang geehrt werde; daß nicht leicht Jemand sie

besser loben könne; daß, wenn er seinen Sang lasse, Alle, die sie jetzt

loben, dann sie schelten werden; daß sie todt sey, wenn sie ihn tödte

(I 123b 124b). Ein schöner Stolz aber ist es, wenn er zugleich sich

dessen rühmt, daß sein Gesang tausend Herzen froh gemacht.

Rührend ist folgende Aeusserung:

Uns hat der Winter kalt und andre Noth

Viel gethan zu Leide.

Ich wähnte, daß ich nimmer Blumen roth

Sähe an grüner Heide.

Doch schadt' es guten Leuten, wäre ich todt,

Die nach Freuden ringen

Und die gerne tanzen und springen.

(I 138b)

Die Kunst ist Walthern eine hohe Sache. Darum entrüstet er sich denn

auch vielfältig gegen die Verderber und Entwürdiger derselben. Die

Fuge, die Höfischkeit, das höfische, hofeliche Singen stellt er dem

Unfuge, der Dörperheit[60], dem unhofelichen Singen, die Meister den

Schnarrenzern gegenüber. Die Worte: =höfisch=, =höflich=, hatten aber

dazumal einen andern und höheren Sinn, als wie sie heutzutage genommen

werden. Sie bedeuteten die edlere Bildung, die feinere Sitte, wie sie

an den Höfen gesangliebender Fürsten blühte.

[60] =Man.= I 117b. In der =Pf. Hds.= 357 Bl. 38b kömmt die Strophe:

»Uns will schiere wohl gelingen« &c. sammt den übrigen des

Mailieds unter den Liedern =Lütolts= von =Seven= vor.

Ungefüge Töne, so klagt er, haben das hofeliche Singen zu Hofe

verdrungen, seine Würde liegt darnieder, Frau Unfuge hat gesiegt.

Die das rechte Singen stören, deren ist jetzt ungleich mehr, denn die

es gerne hören. Wer will noch harfen bei der Mühle, wo der Stein so

rauschend umgeht und das Rad so manche Unweise hat? Die so freventlich

schallen, sie thun wie die Frösche in einem See, denen ihr Schreien so

wohl behagt, daß die Nachtigall davon verzagt, so sie gerne mehr sänge.

Wer doch die Unfuge von den =Burgen= stiesse! Bei den =Bauern= möchte

sie wohl seyn, von denen ist sie hergekommen (I 112).

Das Letztere deutet merklich darauf hin, was unter diesem ungefügen

Sange hauptsächlich zu verstehen sey. Es scheint damals in den

ritterlichen Gesang die Gattung von Liedern eingedrungen zu seyn,

welche man unter dem Namen der =Nitharte= begreift, Darstellungen aus

dem Dorfleben, Schwänke mit den Bauern, derb und rüstig, aber auch

manchmal sehr ungezogen und schmutzig. Den Eingang des Liedes macht

häufig eine Beschreibung des Frühlings. Mit dem Frühling rühren sich

Freude und Muthwill, und so folgt nun im Liede allerlei ländliche

Lustbarkeit, Tanz und Schlägerei.

Von der angegebenen Art sind nicht blos die meisten Lieder, welche

unter dem Namen des Herrn =Nithart= auf uns gekommen sind, auch

viele andre, ritterliche Sänger haben in derselben Weise gedichtet.

Der Schauplatz von Nitharts Darstellungen ist die Umgegend von

Wien. Einige seiner Lieder betreffen den Fürsten =Friedrich= in

=Osterland=, (Friedrich den Streitbaren,) von dessen milder Gabe

ihm ein silbervoller Schrein geworden (=Man.= II 72a). Der Bischof

=Eberhard=, an den er sich gleichfalls wendet (II 79a), ist ohne

Zweifel der Erzbischof von Salzburg dieses Namens, der von 1200 bis

1246 auf dem erzbischöflichen Stuhle saß[61]. Auch erzählt Nithart von

einem Zuge über Meer, den er mit Kaiser Friedrich gemacht und auf dem

ein heidnischer Pfeil ihn verwundet[62].

[61] _Chron. Salisb. ad ann. 1200, 1246._

[62] =Leipz. Literat. Zeitung= 1812 Nr. 162. -- v. d. =Hagen=,

Briefe in die Heimat &c. I. Bd. Bresl. 1818 S. 65.

Schon durch diese Anzeigen, denen sich weitere beifügen ließen,

wird Nithart der Zeit und dem Orte nach, wenn gleich als jüngerer

Zeitgenosse, unsrem Dichter nahe gerückt. Es sind aber auch Spuren

vorhanden, daß Nithart auf Walthers Gedichte in derjenigen Weise

angespielt, die wir Parodie nennen und die vielleicht unter dem früher

erwähnten =Verkehren= des Gesanges begriffen ist.

Die mehrfache Anspielung ist in nachstehendem Liede Nitharts, dessen

Name schon auf Schlimmes deutet, kaum zu verkennen:

Sie fragen: wer sie sey, die Säldenreiche,

Der ich so hofelichen habe gesungen?

Sie wohnt in deutschen Landen sicherliche,

Das sag' ich den Alten und den Jungen.

Sie ist in einem Kreise, der ich diene,

Von dem Po bis auf den Sand,

Von Elsasse bis Ungerland,

In =der= Enge ich sie fand,

Sie ist noch zwischen Paris und Wiene.

(II 73a)

=Säldenreiche=, Heilbringende, Wonnereiche. =Sand=, Meeresufer.

Man erinnere sich hiebei derjenigen Stellen, worin Walther von seiner

Länderkunde spricht, und seines zuvor (Abschnitt V) ausgehobenen

Gedichtes:

Sie fragen und fragen aber all zu viel

Von meiner Frauen, wer sie sey?

(I 122a)

Ergötzlich ist auch sonst der Spott, den jene derberen Dichter mit

dem Minnesang und dessen Ueberzartheit treiben. Ein solcher, =Gedrut=,

macht sich über den Minnesänger =Wachsmut= von =Künzingen= lustig: Herr

Wachsmut minne seine Fraue über tausend Meilen, dennoch sey sie ihm

gar zu nahe; es thäte ihm so sanft, wenn er sie auf einem hohen Thurme

schauen und von ihrer Hand ein Ringlein empfangen sollte, das küßt' er

tausendmal, läg' er aber bei der Wohlgethanen mit ihrem rothen Munde,

nimmer würd' er sie berühren (=Pf. Hds.= 357 Bl. 24b). Derselbe[63]

äussert: wär' es denen Ernst, die sich also um Minne härmen, in

Jahresfrist lägen sie todt; sie seyen zu feist bei der Noth, von der

sie klagen (=Ebd.=).

[63] Bei =Man.= II 119a ist das Lied Herrn =Geltar= zugeschrieben.

In Beziehung auf Walthern von der Vogelweide wird, außer dem schon eher

genannten =Stolle=, noch eines Herrn =Volknant= (in der =Pf. Hds.=

357 heißt er =Wicman=), als eines solchen gedacht, der den Meistern

ihre meisterlichen Sprüche treten (=Pf. Hds. irren=) wolle. Walther

und Volknant werden verglichen. Jener ist das Korn, dieser die Spreu;

singet Volknant =eins=, so singet Walther =drei=; sie gleichen sich

wie der Mond und ein gewisser runder Theil des menschlichen Körpers.

Herr Walther singet was er will, des Kurzen und des Langen viel, so

mehret er der Welt ihr Spiel; Volknant jagt wie ein falscher Leithund

nach Wahne (I 113). Das Lied, welches diese Vergleichungen anstellt,

in einer von Walthers Weisen gedichtet, ist gleich andern, welche nicht

ihm angehören, aber auf ihn Bezug haben, unter die seinigen gekommen.

Von dem Verfalle der Kunst, den schon unser Dichter beklagt, zeugen

auch, durch eigenes Beispiel, die Gedichte des =Tanhuser=, der, wie

Nithart, in Friedrichs des Streitbaren Dienste war; meist Tanzreihen,

zum Theil in Nitharts Geschmacke, mit allerlei Gelehrsamkeit

überladen und durch widerliche Sprachmengerei aus dem Französischen

verunstaltet[64]. Anklänge aus Walthers Liedern sind auch in diesen

Gedichten unverkennbar[65]. =Tanhuser= überlebte den Fürsten Friedrich

und beklagt dessen Tod mit der drolligen Aeusserung: wer nun Thoren

(Hofnarren), so gut halte, als Er gethan? (=Man.= II 69a)

[64] Z. B. Daß ich wäre ihr =dulz amis= &c.

Ein' =Ripiere= ich da gesach (sah),

Durch den =Fores= gieng ein Bach

Zuthal über ein' =Planüre=.

Ich schlich ihr nach, bis ich sie fand,

Die schöne =Creatüre=.

Bei dem =Fontane= saß die Klare, Süsse von

=Statüre=.

(II 61a)

[65] Z. B. Ich bin Gast und selten Wirth, das Leben ist unstete.

(II 67b)

Freundlich sind die Verhältnisse der Kunstgenossenschaft, in welchen

Walther mit dem =Missener=, Meißner, stand. Daß er unter dieser

Benennung einen der meißnischen Markgrafen verstehe, ist nicht bloß

aus dem Liede, worin er den Meißner zu den Fürsten zählt, welche die

Zurückkunft des Kaisers nach dessen Krönung treulich erwartet (I 103b),

sondern mehr noch aus dem äusserlich untergeordneten Verhältnisse

zu schließen, in welches Walther auch da, wo er von dem Meißner als

einem Dichter spricht, sich zu demselben stellt. Daß sodann unter den

Markgrafen von Meissen, welche in Walthers Zeit fallen, =Heinrich= der

=Erlauchte= gemeint sey, dafür stimmt theils das Zeugniß =Tanhusers=,

welcher, unter offenbarer Beziehung auf jenes Lied unsres Dichters,

=Heinrich= den =Missener= aufführt (II 64b f.)[66], theils der

Umstand, daß der Markgraf Heinrich von Meissen selbst unter den

Minnesängern erscheint. Er war von mütterlicher Seite Enkelsohn

Hermanns von Thüringen, befand sich in seiner frühesten Jugend am

Hofe von Oesterreich und vermählte sich 1234, sechszehn Jahre alt, mit

Constantia, der Schwester Friedrichs des Streitbaren. Die meißnische

Chronik meldet von seiner Prachtliebe und seinem ritterlichen

Hofhalt[67].

[66] Die Worte =Tanhusers=: »Der sein' Treue nie zerbrach &c.«

entsprechen augenscheinlich dem Schlusse von Walthers Lied:

»Von Gotte würde ein Engel eh' verleitet.« Auch die weitere

Zeile von =Tanhuser=: »Er sollte des Reiches Krone tragen &c.«

deutet auf die Stelle in einem andern Liede Walthers:

Möcht' ich ihn han gekrönet,

Die Krone wäre heute sein.

(I 136b)

Die letztern Worte bezeichnen abermals einen =fürstlichen=

Freund unsres Dichters. So singt =Tanhuser= von Friedrich von

Oesterreich:

In kurzen Zeiten das geschieht,

Daß man wohl eine Krone

Schöne auf seinem Haupte sieht.

(II 59)

=Köpke=, a. a. O. S. 13, bezieht die politische Strophe:

»Herr Kaiser, ihr seyd willekommen &c.« (I 103b) auf Otto

IV. und den Markgrafen =Dietrich=, Heinrichs Vater. Mit

der Stelle bei =Tanhuser= (II 64b), soferne man solcher

Beweiskraft beilegen will, läßt sich diese Annahme nicht

vereinigen. Der Beziehung auf =Friedrich= II. ist es zwar

nicht günstig, daß dieser erst vierzehn Jahre, nachdem er zu

Rom gekrönt worden, nach Deutschland zurückkam, und so kann

auch gegen die Beziehung auf =Heinrich= den =Erlauchten= die

bedeutende Altersverschiedenheit angeführt werden, welche

nothwendig zwischen ihm und Walthern stattgefunden; Heinrich

ist im Jahre 1218 geboren. Allein auch Otto IV. blieb nach

seiner Krönung zum römischen Kaiser noch dritthalb Jahre von

Deutschland abwesend und die Verschiedenheit des Alters ist

kein entscheidendes Hinderniß. Der junge Markgraf (jugendlich

ist er auch in der Maness. Handschrift vor seinen Liedern

dargestellt), mag von dem alten Meister gelernt haben. Die

Strophe: »Mir hat ein Lied von Franken &c.« (I 111a) beweist,

daß der Meißner Walthern mit Achtung behandelte, und in den

Liedern Heinrichs von Meissen (I 5, 6) könnten einige Spuren

von Walthers Einflusse bemerklich gemacht werden. Man sieht,

daß hier weitere Untersuchungen nicht überflüssig sind. Ein

Aufsatz über Heinrich den Erlauchten als Minnesänger und

Förderer deutschen Minnesangs, von K. =Förster=, ist neuerlich

in =Kinds Muse=, 1821 II 3 erschienen.

[67] =Albinus=, Meißnische Land- und Berg-Chronika. Dresd. 1589 S.

195

Walther hat den Meißner im Liede gelobt, er darf nun erwarten, daß

derselbe ihm =wandle=, =Wandels Recht biete=, d. h. das Lob erwidre.

Für alles Andre, was er sonst dem Meissner gedient, will er diesem den

Lohn erlassen, nur auf das Lob verzichtet er nicht. Wird ihm das nicht,

so will er auch seines zurücknehmen, zu Hof und an der Straße (I 136).

Der Künstlertrotz, womit er hier auf seinem Sängerrechte besteht, soll

wie es scheint, nur beweisen, wie hoch er eine Erwiderung von diesem

Fürsten anschlagen würde.

Besser zufrieden zeigt er sich, als ihm der Meißner aus Franken ein

Lied mitgebracht hat:

Mir hat ein Lied von Franken

Der stolze Meissener gebracht,

Das fährt von Ludewige.

Ich kann es ihm nicht danken

So wohl, als er mein hat gedacht,

Als daß ich tief ihm neige.

Könnt' ich, was Jemand Gutes kann,

Das theilte ich mit dem werthen Mann,

Der mir so hoher Ehren gann;

Gott müsse auch ihm die seinen immer mehren!

Zu fließe ihm alles Segens Fluß,

Nichts Wildes meide seinen Schuß,

Sein's Hundes Lauf, sein's Hornes Duß

Erhalle ihm und erschalle ihm wohl nach Ehren!

(I 111a)

=Ludewige=, es ist noch unerrathen, wer dieser Ludewig sey. =gann=,

gönnt. =Duß=, Getöse, Schall.

Daß Walther den Tod =Reinmars= im Liede betrauert, ist bereits erwähnt

worden. Reinmar der Alte, den Walther am Hofe zu Wien kennen gelernt

haben mochte, ist ein trefflicher Minnesänger, berühmt unter den

älteren Meistern. Seine zahlreichen Lieder sind einfach und innig, sie

athmen eine sanfte Schwermuth. Er hat, wie er einmal singt, die Minne

noch stets in bleicher Farbe gesehen (=Man.= I 66a). Auch äussert

er, es werde Mancher ihn nach seinem Tode klagen, der jetzt leicht

seiner entbehrte (I 71a). Unser Dichter scheint nicht in völlig gutem

Vernehmen mit ihm gestanden zu seyn, doch beklagt er, selbst schon am

Ziele seiner Jahre, den Tod desselben auf eine würdige Weise.

Zwei Gesätze Walthers sind dieser Klage gewidmet. In dem einen

versichert er: wenn Reinmar nichts gesungen hätte, als die eine Rede:

»So wohl dir, Weib, wie rein dein Name!« so hätt' er verdient, daß alle

Frauen stets für seine Seele bitten würden[68].

[68] Diese Strophe steht in der =Pf. Hds.= 357 Bl. 41b unmittelbar

vor der andern auf Reinmars Tod. Sie ist Walthers nicht

unwerth; nur ist der Text in jener Hds. verdorben. Das Lied

Reinmars, worauf sie sich bezieht, ist noch vorhanden (I 67a).

So finden sich auch unter Walthers Liedern zwei Gesätze (I

137), welche auf Strophen von Reinmar (I 64b Vgl. 68b 7) in der

gleichen Tonweise wettstreitend antworten.

Das andre lautet so:

Fürwahr, Reinmar, du reuest mich[69]

Vieles härter, denn ich dich,

Ob du lebtest und ich wär' erstorben.

Ich will's bei meinen Treuen sagen:

Dich selben wollt' ich wenig klagen,

Ich klage dein' edle Kunst, daß sie ist verdorben.

Du konntest all der Welte Freuden mehren,

So du's zu guten Dingen wolltest kehren.

Mich reuet dein wohlredender Mund und dein viel süßer

Sang,

Daß die verdorben sind bei meinen Zeiten.

Daß du nicht eine Weile mochtest beiten!

So leistet' ich dir Geselleschaft, mein Singen ist nicht

lang.

Deine Seele müsse wohl nun fahren, deine Zunge habe Dank!

(I 105a)

=reuest=, schmerzest. =du's=, du sie, die Kunst. =beiten=, warten.

=ist nicht lang=, währt nicht mehr lange.

[69] Vgl. =Robyn= (CLXIII):

Reinmar, mich reuet sehre

Dein Sinn und auch dein Tod &c.

Die Beziehungen, worin wir unsern Dichter zu den vorgenannten

Kunstgenossen gefunden, die achtungsvollen Aeusserungen, welche wir

von gleichzeitigen und späteren Meistern über ihn vernommen, führen auf

die Frage: welches die Stelle sey, die derselbe in der Geschichte der

deutschen Dichtkunst überhaupt einnehme?

Der innere Werth, die Menge und Manigfaltigkeit seiner Lieder, die

Länge und die poetische Wichtigkeit des Zeitraums, in welchem er

gesungen, müssen ihm schon auf den ersten Anblick eine bedeutende

Stelle sichern. Sein dichterisches Wirken umfaßt vollkommen die

glänzendste Zeit der altdeutschen Liederkunst. Er reicht hinauf

in die erste Blüthe des Minnesangs im letzten Viertel des zwölften

Jahrhunderts, er reicht hinunter in den Uebergang dieser Dichtungsweise

zur Betrachtung und zum Lehrhaften gegen die Mitte des dreizehnten; ja

er selbst erscheint als Derjenige, der zuerst das jugendlich spielende

Lied zu Männlichkeit gekräftigt. Aus der Blüthe der Phantasie und

der Empfindung reist ihm die Frucht des Gedankens, die Formen des

Minnelieds dehnt er aus, damit sie vermögend seyen, die Sache des

Vaterlandes, die Angelegenheiten des Reiches und der Kirche, zu fassen.

Wenn er gleich über den Zerfall des Minnesanges Klage führt, so hat

doch gewiß er selbst, nur in andrem Sinne, zerstörend auf denselben

gewirkt. Je mehr die Wichtigkeit des Stoffes sich geltend machte, um

so merklicher mußte das zartere Spiel der Poesie erliegen, und wenn

in Walthers Liedern noch der Ernst des Gedankens überall mit Poesie

getränkt und umkleidet ist, so tritt dagegen bei seinen Nachfolgern

immer mehr die Betrachtung in einseitiger Trockenheit und prosaischer

Blöße hervor.

Soll die Fortbildung der Dichtkunst nach den bedeutendsten Meistern

bezeichnet werden, so grenzt Walther in aufsteigender Reihe zunächst

an =Reinmar= den =Alten=, in absteigender an =Reinmar= von =Zweter=.

Der Erstere lebt noch ganz in den Empfindungen und dem Tönereichthum

des Minnesanges, der Letztere, fast nur noch in =einem= streng

gemessenen Tone dichtend, hat sich völlig der Betrachtung und der Lehre

zugewendet; und in demselben Verhältniß, in welchem Walther den Erstern

an Kraft und Reichthum der Gedanken übertrifft, zeichnet er sich vor

dem Letztern durch Farbenglanz und manigfaltige Anmuth der Behandlung

aus.

Wie häufig Walthers Lieder nachgeahmt wurden, kann schon die

flüchtigste Ansicht der alten Liedersammlungen ergeben[70]. Daß er von

der Singschule unter die zwölf Altmeister des Gesanges, die Stifter der

Kunst, gezählt wurde, ist gleich Eingangs berichtet worden.

[70] Beispiele sind, besonders in den Anmerkungen, manche ausgehoben

worden. Was als Gebrauch dichterischen Gemeinguts und was als

wirkliche Nachahmung anzusehen sey, darüber mögen freilich im

einzelnen Falle die Ansichten verschieden seyn.

=Meister= hieß zu Walthers Zeiten Jeder, der sich der Ausübung irgend

einer Kunst mit Auszeichnung widmete. =Meister= hiessen daher auch

unter den Dichtern vorzugsweise diejenigen, welche die Sangeskunst zu

ihrer eigentlichen Beschäftigung gemacht hatten. Diejenigen dagegen,

welche den Gesang weniger ausschließlich und fruchtbar treiben,

denen zugleich schon durch ihren Stand ein anderwärtiger Hauptberuf

angewiesen war, Fürsten und Ritter, wurden mit ihren fürstlichen oder

adelichen Namen bezeichnet, obgleich ihre Kunst dem Wesen nach dieselbe

war. Es ist hienach leicht zu erachten, daß Walther von Gleichzeitigen

und Späteren als =Meister= benannt wird. Wenn übrigens der Truchseß

von =Singenberg= ihn: »unsres Sanges Meister« nennt (=Pf. Hds.= 357 Bl.

20b) und wenn derselbe Dichter (=Man.= I 154a), sowie der =Marner= (I

173a) und ein Ungenannter in der =Pf. Hds.= 350: »mein Meister« von ihm

sprechen, so kann hieraus, nach der Sprache der Zeit, kein Verhältniß

des persönlichen Unterrichts gefolgert werden. Es heißt nicht mehr, als

wenn im =Titurel= (Cap. 6 Str. 632) gesagt wird: »mein Herr Walther.«

Am wenigsten aber darf aus dem Meisternamen überhaupt auf damaliges

Bestehen einer förmlichen Dichtergilde geschlossen werden.

Zwar liegt es in der Natur der Sache, daß eine so ausgebildete

Dichtkunst, wie die deutsche in der ersten Hälfte des dreizehnten

Jahrhunderts, eine Dichtkunst, die mit wirklichem Gesang und

begleitendem Saitenspiel innig verschwistert war, nicht wild wachsend

sich verbreitete, sondern durch Unterricht fortgepflanzt wurde.

Davon giebt unser Dichter klares Zeugniß, wenn er meldet, daß er

in Oesterreich singen und sagen gelernt habe. Zugleich weisen seine

Lieder nicht blos im Allgemeinen durch ihren wohl abgemessenen Bau,

sondern auch durch einzelne nähere Andeutungen, auf Kunstregel und

Kunstgebrauch, z. B. wenn er von dreierlei Art des Sanges spricht, wenn

er die Meister den Schnarrenzern gegenüberstellt, wenn er Wandels Recht

begehrt. Nirgends aber, weder bei ihm, noch bei den andern Dichtern

seiner Zeit, findet sich der Beweis, daß unter den =Sangesmeistern=

des dreizehnten Jahrunderts zunftmäßige Genossenschaften sich gebildet

hatten, wie sie unter den =Meistersängern= der späteren Jahrhunderte

bestanden.

Gleichwohl ist zwischen beiden unläugbar ein geschichtlicher

Zusammenhang[71]. Es sind verschiedene Stufen einer stetigen

Entwicklung und Ausbildung, Entartung und Erstarrung des deutschen

Gesanges. Die Regel wurde stets enger gezogen und der Geist entschwand.

In der Singschule der Handwerker war es der Form nach auf mühsame

Künstlichkeit, dem Inhalt nach auf nützliche Erbauung angelegt. Aber

auch in diesem Zustande vergaß die Kunst ihres Ursprungs nicht. Die

Meister dieser Singschulen erhielten, wie billig, das Gedächtniß ihrer

geschichtlichen Verbindung mit jenen alten Meistern. Walther wird

mit Eschenbach, Ofterdingen, Klinsor, Reinmar u. A. zu den Stiftern

der Kunst gezählt und einige nach ihm benannte Töne (der =lange=, der

=übergüldte=, der =Kreuzton= Walthers von der Vogelweide), laufen in

den Töneverzeichnissen der Schule fort. Das Kolmarer Meistergesangbuch

enthält Gedichte von ihm nebst Meisterliedern vom Ende des sechszehnten

Jahrhunderts.

[71] Diesen hat J. =Grimm= (Ueber den altdeutschen Meistergesang,

Gött. 1811) überzeugend nachgewiesen; ebenso die Identität

der Meister des dreizehnten Jahrhunderts mit sämmtlichen

Minnesängern, nicht minder, daß die Meistersängerschule den

Grundsatz der Dreitheiligkeit von den ältern Meistern ererbt.

Nur scheint es mir, besonders in Betrachtung der Gedichte

Walthers, daß die Abtheilung in Stollen und Abgesang bei den

Aelteren nicht in dem Maaße herrschend gewesen, als =Grimm=

annimmt.

Bis zu diesem Verhallen seiner Töne sind wir dem künstlerischen

Wirken des Dichter gefolgt. Wenn aber seine Wirksamkeit, sofern er sie

durch den =Inhalt= der Lieder ausübte, vollständiger gewürdigt werden

soll, so ist es nöthig, auf den Schauplatz der politischen Bewegungen

zurückzukehren.

Achter Abschnitt.

Friedrich II. und die Päbste. Erzbischof Engelbert

von Köln. Die Kreuzzüge. Walthers

Kreuzfahrt.

Zweierlei Angelegenheiten, unter sich in genauer Verbindung,

bewegten jetzt die Welt: Friedrichs II. Kampf mit den Päbsten und die

Wiedereroberung des heiligen Grabes.

Als zwischen Philipp und Otto die Königswahl streitig war, hatte

Innocenz III. sich nicht gescheut, den deutschen Fürsten zu erklären,

daß die Entscheidung dieses Wahlstreits, wie die Besetzung des

deutschen Thrones überhaupt, dem päbstlichen Stuhle zustehe, weil das

Reich durch die Päbste von den Griechen auf die Deutschen gebracht

sey und der neue König die Kaiserkrone vom Pabst allein erhalte. Der

ernstliche Widerspruch der Fürsten bewirkte die Zurücknahme dieses

übereilten Wortes, aber das Benehmen des römischen Hofs war gleichwohl

beständig von der Absicht geleitet, eine päbstliche Weltherrschaft

zu begründen, der das Kaiserthum als ein von ihr abhängiges Lehen

untergeordnet wäre.

Wenn das Banner der Freiheit nicht auf Friedrichs Seite weht, wo er

die aufstrebende Kraft der oberitalischen Freistaaten bekämpft oder

den weltlichen Arm zur Vertilgung der Ketzer herleiht, so gebührt ihm

dagegen die dankbare Anerkennung der Nachwelt in seinem rastlosen

Ringen gegen jene Anmaßungen der Priesterherrschaft. Das Mühselige

und Gefahrvolle seiner Laufbahn ist in einem Liede des gleichzeitigen

Dichters, =Bruder Werner=, durch ein schauerlich schönes Bild

bezeichnet, wenn Friedrich einem Manne verglichen wird, der im Walde

geht, während ein Wolf hinter ihm her schleicht, stets begierig, wenn

der Mann straucheln oder fallen würde, sich über ihn herzustürzen

(=Man.= II 165b).

Die Kreuzzüge, deren oberste Leitung in den Händen des Pabstes lag,

waren diesem ein bedeutendes Mittel zu Erreichung jener großen Zwecke.

Er war hier das Oberhaupt einer geistlich-weltlichen Vereinigung aller

christlichen Könige und Völker.

Seit der Eroberung Jerusalems durch Saladin im Jahr 1188 waren die

heiligen Orte unter der Gewalt der Unglaubigen. Die Kreuzpredigt

war unermüdlich, das Abendland zu erregen. Als Friedrich II. im Jahr

1215 zu Aachen gekrönt wurde, ließ er sich, den Anforderungen der Zeit

entsprechend, nebst vielen Bischöfen, Fürsten und Rittern, mit dem

Kreuze bezeichnen. Nach einem achtjährigen Aufenthalt in Deutschland

trat er im Jahr 1220 seinen Römerzug an. Seinen eilfjährigen Sohn

Heinrich, der bereits zum Nachfolger im Reich gekrönt war, ließ er

unter Vormundschaft zurück. In demselben Jahre ward er zu Rom von

Honorius III. als Kaiser gekrönt und bei diesem Anlasse von dem

Kardinal-Bischof Hugolin von Ostia, nachherigem Pabst Gregor IX.,

abermals mit dem Kreuze bezeichnet. Aber so wie bisher die deutschen

Angelegenheit, so schoben jetzt die sicilischen die Erfüllung

des Gelübdes hinaus. Je mehr, während Friedrichs Anwesenheit in

den sicilischen Erblanden, zwischen ihm und dem päbstlichen Hofe

Eifersucht und Mißhelligkeit sich erzeugte, um so wünschenswerther

war einerseits dem Pabste die Entfernung und auswärtige Beschäftigung

des gefährlichen Gegners, anderseits dem Kaiser die Begründung seiner

Macht auf heimischem Boden. Als im Jahr 1221 Damiata, kaum erobert,

durch die Uneinigkeit der Kreuzfahrer wieder verloren gieng, war

Friedrich den bittern Vorwürfen des Pabstes und der Bedrohung mit dem

Bann ausgesetzt. Zur großen Zufriedenheit des heiligen Vaters gereichte

hingegen Friedrichs zweite Vermählung mit Jolantha, der Erbin des

Königreichs Jerusalem. Unter Ermahnungen und Bedrohungen von der einen,

Entschuldigungen und Vertröstungen von der andern Seite verzog sich

die Abfahrt bis in das Jahr 1227. Jetzt waren die großen Zurüstungen

beendigt und die Schaaren der Kreuzfahrer auf der apulischen Küste

versammelt. Schon war eine große Zahl von Brindisi abgesegelt,

der Kaiser und der Landgraf von Thüringen hatten sich gleichfalls

eingeschifft, aber nach drei Tagen liefen diese wieder zu Otranto ein,

beide von ansteckender Krankheit ergriffen, woran der Landgraf einige

Tage nachher verschied. Auch die vorausgefahrene Flotte kehrte nun

zurück und die ganze Unternehmung zerschlug sich.

Gregor IX. hatte kurz zuvor den päbstlichen Stuhl bestiegen. Er war aus

einem von Friedrich beleidigten Geschlecht entsprossen, er hatte den

Kaiser bei der Krönung mit dem Kreuze bezeichnet und ihn zuletzt noch

dringend zum Kreuzzuge gemahnt. Jetzt verwarf er jede Entschuldigung,

erklärte Friedrichs Krankheit für Verstellung, schleuderte unerbittlich

auf ihn den Bannstral und verkündigte in Deutschland, so wie in allen

abendländischen Reichen, des Kaisers ungeheure Schuld und furchtbare

Bestrafung.

Friedrich erließ gleichfalls Briefe zu seiner Verantwortung. Er klagte

den Geitz und die Herrschsucht der Kirche an, die sich Kaiser, Könige

und Fürsten zinsbar zu machen strebe. Zugleich aber erneuerte er die

Anstalten zum Kreuzzuge und fuhr wirklich im folgenden Jahr, 1228, mit

dem Pabste unversöhnt, nach Palästina ab. Auch dorthin verfolgte ihn

Gregors Haß und war ihm in allen Unternehmungen hinderlich. Gleichwohl

bewirkte Friedrich die Zurückgabe Jerusalems und der heiligen Stätten,

und da kein Priester ihn weihen wollte, setzte er selbst im Tempel die

Krone von Jerusalem sich auf das Haupt[72].

[72] Das Vorstehende meist nach der trefflichen =Geschichte Kaiser

Friedrichs des Zweiten=. Züllichau und Freist. 1792

Unser Dichter ist eben so sehr ein erklärter Gegner der

Priesterherrschaft, als ein begeisterter Herold der Kreuzzüge. Er

eifert gegen die Eingriffe der Kirche in die Rechte der weltlichen

Gewalt, gegen die Habsucht und Verschwendung des römischen Hofes,

gegen den Ablaßhandel, gegen die willkührlichen Bannsprüche, gegen das

unerbauliche Leben der Geistlichkeit; zugleich aber ruft er wiederholt

den Kaiser zur Vornahme des Kreuzzuges auf. Es kann uns einen Begriff

geben, mit welchen Schwierigkeiten Friedrich II. zu kämpfen hatte, wenn

wir selbst seine aufgeklärteren Anhänger ihn zu einem Schritte drängen

sehen, zu dem er so ungerne sich entschloß.

Damit soll jedoch kein Widerspruch in der Gesinnung des Dichters

bezeichnet werden. Gerade der fromm begeisterte Sinn muß am meisten

Anstoß nehmen, wenn er das Heilige durch Mißbrauch zu fremdartigen

Zwecken entweiht sieht. Die Erscheinung des Heiligen ist zu

verschiedenen Zeiten eine verschiedene. Was der einen Zeit Andacht

und Begeisterung war, ist der andern Aberglaube und Schwärmerei.

Aber von dem Urtheil über Formen und Lehrsätze unabhängig ist die

Unterscheidung dessen, was aus reiner Quelle, aus der Inbrunst des

Herzens, aus der Sehnsucht nach dem Ewigen, aus der Ehrfurcht vor

dem Unendlichen entsprungen ist, von demjenigen, was, aus gänzlich

irdischen Triebfedern hervorgegangen, nur äußerlich mit dem Mantel

der Heiligkeit sich bekleidet. Wenn Jenes noch in später Folgezeit

empfängliche Gemüther, dichterisch wenigstens, anzusprechen vermag,

so muß Dieses schon in der Zeit, wo es, durch Umstände begünstigt,

seine größte Gewalt ausübt, den Zweifel an seiner inneren Gültigkeit

erwecken.

Wenn man sich dafür begeisterte, das Land, wo Gottes Sohn menschlich

gewandelt, wo er im Leben und im Tode Wunder gewirkt, der Entweihung

durch Unglaubige zu entreißen, so kann dieß auch eine Folgezeit

begreiflich finden, welche sich von demselben Eifer nicht zu

entflammen vermöchte. Wenn aber der heilige Vater nach Rücksichten der

Staatsklugheit heute segnete und morgen fluchte, wenn er Zwietracht im

Reich erweckte und nährte, wenn er Eidschwüre nach Gefallen löste, den

Ablaß zu einer Erwerbsquelle machte, wenn die Geistlichkeit, statt zu

singen und zu beten, sich in Fehden tummelte oder weltlicher Ueppigkeit

fröhnte, so mußte solches Aergerniß schon die glaubigen Zeitgenossen

entrüsten.

Man kann nicht behaupten, daß Walther für den Beruf der Geistlichkeit

keine Achtung hege. Er empfiehlt, zu glauben, was die Pfaffen Gutes

lesen (I 133b), er klagt, daß Frauen und Pfaffen, zwei so edel

Namen, mit den Schamlosen werben (I 115b). Aber eben die Entartung

der Geistlichkeit, das Heraustreten aus den Grenzen ihres Berufs,

die =pfafflichen Ritter= und =ritterlichen Pfaffen= (I 126b), die

Verdorbenheit der Kirche an Haupt und Gliedern, greift er mit dem

=scharfen Sange= an.

Jene Anmassungen der kirchlichen Gewalt sind ihm unerträglich. Er

verwünscht die Begründung der Priesterherrschaft mittelst der Schenkung

Konstantins des Großen, durch welche, nach der von den Päbsten

verbreiteten Meinung, die Stadt Rom sammt mehreren Ländereien Italiens

dem römischen Bischof übergeben und damit der Kirchenstaat gestiftet

worden.

König Konstantin, der gab so viel,

Als ich es euch bescheiden will,

Dem Stuhl zu Rome: Speer, Kreuze und Krone.

Zuhand der Engel laute schrie:

»O weh! o weh! zum dritten: weh!

Eh' stund die Christenheit mit Züchten schöne,

Der ist ein Gift nun gefallen,

Ihr Honig ist worden zu einer Gallen,

Das wird der Welt hernach viel leid.«

Alle Fürsten leben nun mit Ehren,

Nur der höchste ist geschwachet;

Das hat der Pfaffen Wahl gemachet.

Das sey dir, süsser Gott, geklagt:

Die Pfaffen wollen Laienrecht verkehren;

Der Engel hat uns wahr gesagt[73].

(I 129b)

=bescheiden=, berichten, erklären. =der höchste=, d. i. der Kaiser.

=geschwachet=, erniedrigt. =der Pfaffen Wahl=, vermuthlich die

Erwählung Gregors IX.

[73] Ohne Zweifel hat =Ottokar= von =Horneck= das obige Lied vor

Augen gehabt, (wie auch =Schacht=, in dem lebensvollen Buche:

=Aus und über Ottokar's von Horneck Reimkronik, Mainz=, 1821

S. 279 andeutet,) wenn er im Cap. 448 seiner Chronik (Pez,

_Script. Rer. Austr. T. III p. 446 sq._) ausruft:

Ei, Kaiser Konstantin!

War thät du dein Sinn,

Da du den Pfaffen geb

Den Gewalt und das Urleb,

Daß Städt, Burge und Land

Unterthanig ihr'r Hand

Und ihr'm Gewalt sollt wesen?

Geistlicher Zuchtebesen

Ist nu zu scharf worden.

Du solltest in dem Orden

Die Pfaffen haben lan,

Als sein St. Peter begann,

Das wär hoher Miethe werth.

Was wolltest du das Schwerdt

Den Pfaffen zu der Stol geben,

Die damit nichts können leben,

Noch zu Recht können walten?

Lassen und behalten,

Als man mit dem Schwerdt soll,

Das können sie nicht wohl.

Sie haben es vergramaziert

Und das Reich verirrt

Maniger Ehr'n und Gewalt,

Die ihm vor was bezahlt.

Konstantin, nu sieh an!

Hättest du zu Latran

Den Pabst den Psalter lassen lesen

Und den Kaiser gewaltig wesen,

Als er vor deinen Zeiten was &c.

Anderswo räth Walther den Pfaffen, die Armen zu bedenken, zu singen

und Jedem das Seine zu lassen. Dabei erinnert er sie der Gabe, die

auch sie einst von König Konstantin empfangen. Hätte dieser gewußt, daß

daraus künftig Uebel entstehen würde, so hätt' er der Noth des Reiches

vorgebeugt, aber damals waren sie noch frei von Uebermuth (I 103a).

Auch die Geschichte vom Zinsgroschen wird erzählt und wie Christus den

Pharisäern gerathen: daß sie den Kaiser liessen haben sein Kaisersrecht

und Gott, was Gottes wäre (I 103b).

Heftiger noch werden des Dichters Angriffe. Der neue Pabst wird mit

Sylvester II., vorher =Gerbert=, verglichen, der von 999 bis 1003 auf

dem päbstlichen Stuhle saß und wegen seiner naturwissenschaftlichen und

mechanischen Kenntnisse für einen Schwarzkünstler galt. Wenn dieser nur

sich selbst, durch die Zauberei, in's Verderben gebracht, so bringe der

jetzige Pabst mit sich die ganze Christenheit zu Falle:

Der Stuhl zu Rome steht nun erst besetzet rechte,

Alswie hievor mit einem Zauberer, hieß Gerbrechte.

Derselbe gab zu Falle nur sein eines Leben,

Nun hat =sich= dieser und alle Christenheit zu

Falle geben.

Alle Zungen soll'n zu Gotte schreien: wafen!

Und rufen ihme: wie lang er wolle schlafen?

Sie widerwirken seine Werk' und fälschen seine

Wort',

Sein Kämmerere stiehlt ihm seinen Himmelhort,

Sein Sühner mordet hie und raubet dort,

Sein Hirt' ist zu einem Wolfe ihm worden unter

seinen Schafen. (I 132a)

=sein eines Leben=, sein, des Einzelnen Leben. =wafen!= wehe!

=widerwirken=, vereiteln entgegenwirkend. =Himmelhort=,

himmlischer Schatz.

Auf päbstlichen Befehl wurde, noch unter Innocenz III., in den Kirchen

der Stock (_truncus_) aufgestellt, worein die frommen Gaben fielen, die

von Männern und Frauen zur Unterstützung des heiligen Landes bestimmt

wurden[74]. Zwei Gedichte Walthers handeln von diesem Stocke:

Ahi! wie christlich nun der Pabest unser lachet,

Wenn er seinen Wälschen sagt: »ich hab's also

gemachet.«

(Das er da =sagt=, er sollt' es nimmer han

=gedacht=.)

Er spricht: »ich hab' zween Alemann' unter =eine=

Krone bracht,

Daß sie das Reiche sollen stören und wasten.

All die Weile fülle ich die Kasten.

Ich hab' sie an meinen Stock gemännet, ihr Gut ist

alles mein,

Ihr deutsches Silber fährt in meinen wälschen

Schrein.

Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinket Wein,

Und laßt die Deutschen fasten!

(I 132a)[75]

=wasten=, verwüsten. =gemännet=, als Mannen, Vasallen, pflichtig

gemacht.

* * * * *

Saget an, Herr Stock! hat euch der Pabest her gesendet,

Daß ihr ihn reichet und uns Deutsche ärmet und schwendet?

Wenn ihm die volle Maaße kommt zu Lateran,

So thut er einen argen List, wie er eh' hat gethan,

Er sagt uns danne: wie das Reiche steh' verworren,

Bis ihn erfüllen wieder alle Pfarren.

Ich wähne, des Silbers wenig kommet zu Hülfe in Gottes Land.

Grossen Hort zertheilet selten Pfaffenhand.

Herr Stock! ihr seyd auf Schaden her gesandt,

Daß ihr aus deutschen Leuten suchet Thörinnen und Narren.

(Ebd.)

=reichet=, =ärmet=, reich, arm machet. =schwendet=, auszehret.

=List=, Kunstgriff. =bis ihn= &c., nemlich den Stock. =Gottes

Land=, das heilige Land. =zertheilet=, theilet aus. =suchet=,

aufsuchet.

[74] »_In illis autem Ecclesiis, in quibus convenit processio

generalis,_ truncus _statuatur concavus tribus clavibus

consignatus, una penes honestum presbyterum, alia apud laicum

devotum, tertia penes aliquem regularem fideliter conservandis,

in quo viri et mulieres eleemosynas ponant, in terræ sanctæ

subsidium convertendas, secundum dispositionem eorum, quibus

fuerit hæc sollicitudo commissa._« _Bulla Innocentii III. ad

Christianos pro reparanda terra sancta in Chron. Ursp. ad

ann. 1212._

[75] In der =Pf. Hds.= 357 Bl. 9a ist diese Strophe durch derbe

Variationen erweitert.

Vom Ablaßhandel hat Walther Ansichten, die man bei einem Dichter aus

der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts nicht gesucht haben

möchte:

Ihr Bischöf' und ihr edlen Pfaffen! ihr seyd verleitet

(viell. =verkehret=).

Seht! wie euch der Pabest mit des Teufels Stricken sehret.

Sagt ihr uns, daß er Sankte Peters Schlüssel habe,

So sagt, warum er dessen Lehre von den Büchern schabe?

Daß man Gottes Gabe je kaufe oder verkaufe,

Das ward uns verboten bei der Taufe.

Nun lehret's ihn sein schwarzes Buch, das ihm der Hölle Mohr

Gegeben hat, und aus ihm lesen sie nun vor.

Ihr Kardinäl'! ihr decket euren Chor,

Unser Frohnaltar steht unter einer übeln Traufe.

(I 133b)

=sehret=, versehret, beschädigt. =der Hölle Mohr=, der Teufel (Vgl.

I 181b).

Die Schlußzeilen des vorstehenden Gedichtes schildern die Bereicherung

Roms im Gegensatze zu dem Zerfall der deutschen Kirche. Auch der

gleichzeitige Geschichtschreiber, selbst ein Geistlicher, erhebt

laute Klage über die Habsucht des römischen Hofes und die dadurch

eingerissenen Mißbräuche.

»Kaum blieb noch -- sagen die urspergischen Jahrbücher -- irgend ein

Bisthum, oder eine kirchliche Würde, oder auch ein Pfarre übrig, die

nicht streitig gemacht und dann die Sache nach Rom gebracht wurde,

jedoch nicht mit leerer Hand. Freue dich, unsre Mutter Rom, daß die

reichen Schatzquellen auf der Erde sich öffnen, damit Ströme Geldes zu

dir hin sich ergießen im Ueberfluß! Frohlocke über die Ungerechtigkeit

der Menschensöhne, weil bei Vergütung so großer Uebel das Sündengeld

dir entrichtet wird! Ergötze dich deiner Gehülfin, der Zwietracht, daß

sie aus den Brunnen des höllischen Abgrundes hervorbrach, damit dir die

Gelder sich anhäufen! Du hast, wonach du immer gedürstet. Stimm' an ein

Jubellied, daß du durch die Bosheit der Menschen und nicht durch deine

Heiligkeit den Erdkreis überwunden hast! Zu dir zieht die Menschen

nicht ihre Andacht oder ihr reines Gewissen, sondern die Verübung

vielfacher Verbrechen und der Streithändel Entscheidung um Geld.«[76]

[76] In gleichem Sinne spricht auch der =Freigedank=, ein

Spruchdichter des 13ten Jahrhunderts:

Sünde Niemand mag vergeben,

Wann Gott einig, dar sollen wir streben.

(=Müll.= Ausg. V 3180 f.)

Alle Schatzes Flüsse gehn

Zu Rome (=nach Rom=) bis sie da bestehn (=bleiben=),

Und doch nimmer wird voll,

Das ist ein unsinnig Hohl.

So kommet alle Sünde dar,

Die nimmt man da den Leuten gar &c.

(V. 3185 ff.)

Das Netz kam zu Rome nie,

Damit Sankt Peter Fische fie (=fieng=),

Das Netz ist ihm verschmähet.

Römisch Netz fähet

Silber, Gold, Burge und Land;

Das war Sankt Petern unbekannt.

Sankt Peter war zu Recht ein Degen,

Den hieß Gott seiner Schafe pflegen,

Er hieß ihn nicht Schafe bescheeren,

Nun will man Scheerens nicht entbehren.

Unrecht ist zu Rome erhaben,

Recht und Gericht ist da abgeschaben.

(V. 3880 ff.)

=Reinmar= von =Zweter= singt:

Der Pabest hat viel reiche Kind (=Kinder=),

Die minnet er, wo sie gesessen in den Landen sind,

Mit ihnen theilt er seinen Segen, so theilen sie mit

ihm ihr Gold.

Dieselben Kind sind ihm so traut,

Daß er ungerne käme mit Schlägen auf ihrer eines

Haut.

Wollte Gott, es wären ihm die habelosen Kind halb

also hold (=lieb=)!

Eh' daß der arme Sohn sein Recht behärte,

So ist der reiche auf seiner Vorderfährte &c.

(=Pf. Hds.= 350)

_Cf. Odon. Ernest. L. I. p. 317._

Wie das schlimme Beispiel der Geistlichkeit auch die Laien irre machen

und verderben müsse, führt der Dichter weiter aus:

Welch Herze sich bei diesen Zeiten nicht verkehret,

Seit daß der Pabest selber dort den Ungelauben

mehret,

Dem wohnt ein sel'ger Geist und Gottes Minne bei.

Nun seht ihr, was der Pfaffen =Werk= und was ihr'

=Lehre= sey.

Ehdeß war ihre Lehre bei den Werken reine,

Nun sind sie aber anders so gemeine,

Daß wir sie unrecht =wirken= sehen, unrecht hören

=sagen=,

Die uns guter Lehre Vorbild sollten tragen;

Des mögen wir dumme Laien wohl verzagen.

Ich wähne wieder, mein guter Klausener klage sehr

und weine. (I 135b)

=gemeine=, allgemein. =des=, darüber.

* * * * *

Die Christenheit, sie lebte nie so gar nach Wahne,

Die sie da lehren sollten, die sind guter Sinne ohne.

Es wär' zuviel, und thät' ein dummer Laie das.

Sie sünden ohne Furcht, darum' ist ihnen Gott gehaß.

Sie weisen uns zum Himmel und fahren selbst zur Hölle.

Sie sprechen: wer ihr'n Worten folgen wölle,

Und nicht ihr'n Werken, der sey ohne allen Zweifel dort

genesen.

Die Pfaffen sollten keuscher, denn die Laien, wesen;

An welchen Büchern haben sie das erlesen,

Des sich so mancher fleisset, wo er ein schönes Weib

verfälle?

(W. =Hds.= S. 147)[77]

=dort genesen=, jenseits gerettet. =wesen=, seyn. =erlesen=,

gelesen, erlernt. =verfälle=, zu Fall bringe.

[77] Vgl. =Ottokar= v. =Horneck=, Cap. 821 (Pez, I c. p. 83):

Gott Herre, durch dein' Güt'

Die Christenheit baß behüt'

Und weis' uns auf bessre Spur,

Denn uns die Pfaffen gehn vor,

Die da Gewalt hie tragen!

Als uns die Buch sagen,

So sollten sie uns Lehr' geben

Mit Worten und mit gutem Leben,

Des sie leider thun nicht;

Wer ihre Werk' ansicht,

Die sind viel wahrleich

Ihren Worten ungeleich.

Es ist eine alte Ueberlieferung der Singschule, daß die zwölf Stifter

des Meistergesangs als Ketzer angeklagt worden seyen und darüber vor

dem Kaiser, dem päbstlichen Legaten und einer großen Versammlung von

Gelehrten sich haben verantworten müssen. Gedichte, wie die bisher

angeführten, konnten allerdings zu einer solchen Sage Anlaß geben.

Daß die freimüthigen Aeußerungen eines so berühmten Meisters, als

der unsrige war, nicht wirkungslos verhallten, ist schon zum voraus

anzunehmen. Es sind aber auch noch späthin bestimmte Spuren der

Nachwirkung vorhanden. =Ottokar= von =Horneck=, der steirische

Chronikschreiber am Anfang des vierzehnten Jahrhunderts, der manch

hellen Blick in seine Zeit wirft, verräth deutlich seine Vertrautheit

mit Walthers Aussprüchen über die Geistlichkeit und ihr Verhältniß zur

weltlichen Gewalt[78].

[78] S. Anm. 73 und 77. Es könnten aber noch weitere Nachweisungen

über Ottokars Bekanntschaft mit Walthers Gedichten beigebracht

werden. Die Ansichten des Erstern von Pabst und Klerus hat

=Schacht= a. a. O. Abschn. XI bes. S. 276, 278-84, dargelegt.

Bei der Abreise nach Italien im Jahr 1220 hatte Friedrich seinen jungen

Sohn Heinrich unter Vormundschaft zurückgelassen und die Verwaltung

des Reichs dem Erzbischof =Engelbert= von Köln, aus dem Geschlechte

der Grafen von Berg, übertragen. Im Wintermond 1225 wurde dieser

auf dem Rückwege von Soest nach Köln von seinem Anverwandten, dem

Grafen Friedrich von Isenburg, der als Kirchenvogt von Essen mit dem

Erzbischof in Streit gerathen war, überfallen und meuchelmörderisch

erschlagen. Die Klosterbrüder zu Berg, welche bei dem Leichnam wachten

und Psalmen sangen, behaupteten, zwischen dem Gesang Engelstimmen

gehört zu haben. Einem derselben erschien Engelbert als Märtyrer im

Traume. An seinem Grabe zu Köln geschahen viele Wunder und in der

Folge ward er unter die Heiligen versetzt. Der Mörder hatte sich nach

Rom begeben, wo er sich vom Pabste Honorius III. Busse auflegen ließ.

Nach seiner Zurückkunft aber wurde er aufgegriffen und ein Jahr nach

vollbrachter That zu Köln mit dem Rade hingerichtet[79].

[79] Godefrid. _Colon. Annal. (ap._ Freher. _Germ. rer. Script. T.

I) ad ann. 1225, 1226. Chron. Salisb. cit. ad ann. 1226._

Zwei Gedichte Walthers handeln von dem werthen Bischof von Köln.

In dem einen, noch bei Lebzeiten dieses Fürsten verfaßt und an ihn

gerichtet, werden dessen Verdienste um das Reich gerühmt, er wird

als Fürstenmeister aufgeführt, als Ehrentrost eines gepriesenen

Kaisers, besser denn je ein Kanzler es war, und zum Schlusse noch,

in Beziehung auf die Heiligen von Köln, als Kämmerer von drei Königen

und eilftausend Jungfrauen (I 106a). Das andre, ein Seitenstück zu dem

vorigen, ist nach der Ermordung des Erzbischofs, aber noch vor bekannt

gewordener Hinrichtung des Thäters, abgefaßt und lautet also:

Wes Leben ich lobe, des Tod, den will ich immer klagen.

So weh' ihm, der den werthen Fürsten habe erschlagen

Von Kölne! o weh', daß ihn die Erde mag noch tragen!

Ich kann ihm nach seiner Schulde keine Marter finden;

Ihm wäre allzu sanft ein eichner Strang um seinen Kragen,

Ich will ihn auch nicht brennen, noch zerglieden, noch

schinden,

Noch mit dem Rade zerbrechen, noch auch darauf binden:

Ich warte alles, ob die Hölle ihn lebend wolle schlinden.

(Ebd.)[80]

=zerglieden=, zerreissen, viertheilen. =alles=, gänzlich, jediglich.

=schlinden=, verschlingen.

[80] Es ist zu entscheiden, ob nicht beide Gedichte ironisch

gemeint seyen. In beiden scheint die Schlußzeile diese Wendung

zu nehmen. Diese ironische Weise ist überhaupt dem Dichter

nicht fremd. Sie findet sich namentlich in seinen Gedichten

auf Otto IV. Was ihn aber veranlaßt haben mochte, sie gegen

den Erzbischof, von dem sonst Gutes gemeldet wird, und selbst

auf dessen Ermordung anzuwenden, erhellt nicht. Der Abt von

Ursperg setzt diese Begebenheit in Verbindung mit damals neu

aufgekommenen, von einem Predigermönch aus Straßburg, Johannes,

verkündigten Lehrsätzen, die, an sich nicht verwerflich, in

der Anwendung durch Mißverstand verderblich geworden und zu

den abscheulichsten Frevelthaten Anlaß gegeben. Hievon findet

sich jedoch keine Meldung bei dem Mönche von Köln, der dem

Ereigniß näher stand und nach dessen Jahrbüchern dasselbe oben

erzählt wurde. Uebrigens scheint das Urtheil der Zeitgenossen

nicht einhellig gewesen zu seyn. Nach dem Berichte eines andern

Geschichtschreibers kam zu Nürnberg bei der Vermählung des

Königs Heinrich mit der Tochter Leopolds von Oesterreich die

Ermordung des Erzbischofs zur Klage und es erhob sich über

diesen Fall Widerspruch zwischen dem Erzbischof von Trier und

dem Grafen von Truhendingen. Man griff zu den Waffen und es

kamen in diesem Auflauf gegen sechszig Menschen um. _Excerpt.

ex Catal. Rom Pontif. et Imp. (ap._ Pez, _T. II) ad ann. 1225._

-- Sonst machen einige Schriftsteller den heiligen Engelbert

zum Stifter der Fehmgerichte. Zu wirksamerer Verfolgung der

Ketzer soll er diese Gerichte, nach dem Muster der damals

aufgekommenen und bestätigten heiligen Inquisition, gestiftet

haben. Der geschichtliche Beweis für diese Meinung wir aber

vermißt. =Berck=, Geschichte der Westphäl. Fehmgerichte. Brem.

1815 S. 251

Wir haben uns dem Zeitpunkte genähert, wo Friedrich der Anmuthungen

des Pabstes, den längst gelobten Kreuzzug wirklich vorzunehmen, sich

nicht länger erwehren konnte. Schon im Jahr 1223 hatte Honorius

den Glaubigen verkündigt, daß sie sich rüsten sollten, nach zwei

Jahren mit dem ruhmreichen Kaiser Friedrich über Meer zu fahren.

Wunderbare Naturerscheinungen hatten von jeher die Prediger des

Kreuzes unterstützt. Vorstellungen von dem nahenden Weltende, vom

tausendjährigen Reiche, dessen Hauptsitz Jerusalem seyn würde, erregten

die Geister. Auch unser Dichter hat die Vorboten des heranrückenden

Weltgerichtes erkannt, nicht bloß in den Zeichen des Himmels, weit

mehr noch in der Verderbniß der Menschen. Es ist höchste Zeit, daß die

Christenheit sich aufraffe, die allzu lang im Schlafe lag:

Nun wachet! uns geht zu der Tag,

Vor dem wohl Angst verspüren mag

Ein Jeglichs: Christen, Juden und auch Heiden.

Wir haben der Zeichen viel gesehen,

Daran wir seine Kunst wohl spähen,

Wie uns die Schrift mit Wahrheit kann bescheiden.

Die Sonne hat ihren Schein verkehret,

Untreu' ihren Samen ausgeleeret

Allenthalben an den Wegen.

Der Vater bei dem Kind Untreue findet,

Der Bruder seinem Bruder lüget,

Geistlicher Orden in Kutten trüget,

Der uns zum Himmel sollte stegen.

Gewalt geht aufrecht, gut Gerichte schwindet.

Wohlauf! hier ist zu viel gelegen.

(I 128a)[81]

=stegen=, den Weg weisen oder bahnen. =Wohlauf!= die =Pf. Hds.= 357

hat: =wol hin!= was die Beziehung auf den Kreuzzug noch näher

legt.

[81] =Köpke= a. a. O. glaubt, daß dieses Gedicht im Jahr 1234, also

geraume Zeit =nach= dem Kreuzzuge Friedrichs II., abgefaßt sey.

Er deutet nemlich die Untreue des Kindes gegen den Vater auf

die Empörung des römischen Königs Heinrich wider seinen Vater,

den Kaiser, und die Worte: »Der Bruder seinem Bruder lüget«

auf die Feindschaft zwischen Heinrich und seinem jüngern Bruder

Konrad. Diese besondre Beziehung ist mir nicht wahrscheinlich.

In dem Lied eines späteren Dichters (=Müll.= Samml. II Bd.

CCCCXLVIII) kömmt die ähnliche Stelle vor:

Menschenkind, denket daran! --

Es ist in der Welt wohl Schein, daß Endes Tag will

kommmen. --

Das Kind trauet nicht dem Vater sein

Noch Vater seinem Kinde nicht, das haben wir wohl

vernommen.

(Vgl. =Reinm.= v. =Zwet.= II 134a 4.) Das Ganze beruht auf

bekannten Stellen der Schrift, wie unser Dichter selbst zu

erkennen giebt.

Gewaltiger noch ertönt die mahnende Stimme in nachfolgendem Aufruf:

Es kommt ein Wind, das wisset sicherliche,

Davon wir Beides hören: singen und sagen.

Der soll mit Grimm erfahr'n alle Königreiche,

Das höre ich Waller und Pilgerime klagen.

Bäume, Thürme liegen vor ihm zerschlagen,

Starken Leuten wehet er die Häupter abe.

Nun sollen wir fliehen hin zu Gottes Grabe!

(I 103b)

=erfahr'n=, befahren, durchfahren.

Ein seltsames Lied ist es, worin der Dichter den Engeln das Lob

versagt, so lange sie nicht kräftiger gegen die Heidenschaft

mitankämpfen (I 126a).

Hinwider läßt er einen Boten Gottes auftreten, an dessen Vogt, den

Kaiser, gesendet, um Klage zu führen über die Heidenschaft, die im

Lande seines Sohnes schmählich hause. Der Kaiser hat die Erde, Gott das

Himmelreich. Jetzt soll der Kaiser dem Herrn Recht schaffen, Gott wird

es gegenseitig thun, da wo =er= Vogt ist, und klagte der Kaiser auch

über den Teufel in der Hölle (I 135b).

Ein andres Gesätz mahnt den Kaiser, Deutschlands innern Frieden zu

befestigen und die ganze Christenheit zu sühnen; das verherrliche

ihn und mühe die Heiden sehr. Er habe zwiefache Kaisersstärke: des

=Aares= Tugend, des =Leuen= Kraft; die seyen darum Heerzeichen an dem

Schilde[82]. Diese zween Heergesellen, wollten sie an die Heidenschaft,

was widerstände ihrer Mannheit und ihrer Milde? (=Ebd.=)

[82] Der =Adler= ist das Wappen des Reichs, der =Löwe= das

Hohenstaufische. Dieser ist den altdeutschen Dichtern

das Sinnbild des Muthes, der Kraft, jener der Milde, der

Freigebigkeit. So bei =Reinmar= von =Zweter=, I 140b 146b. Vgl.

=Eneidt=, V. 12416 f. Beide sind Herrscher im Thierreich. Dem

Könige der Vögel ist es vermuthlich als Freigebigkeit ausgelegt

worden, daß er, wie man beobachtet hat, zuweilen von seiner

Beute nur das Beste verzehrt und, was ihm nicht gut genug ist,

den geringern Vögeln überläßt.

Bei all diesem Eifer für die Sache des Kreuzes bleibt doch Walther

seinem kaiserlichen Wohlthäter treu ergeben, auch nachdem dieser wegen

der gescheiterten Unternehmung im Jahr 1227, von Gregor IX. mit dem

furchtbaren Bannstrale gezeichnet ist. Den Kirchenfluch, der auch die

Anhänger des Gebannten traf, weist der Dichter unerschrocken von sich

ab, indem er dem Pabst entgegenhält, was dieser bei der Krönung des

Kaisers den Völkern geboten:

Herr Pabest! ich mag wohl genesen,

Denn ich will euch gehorsam wesen;

Wir hörten euch der Christenheit gebieten,

Wie wir des Kaisers sollten pflegen,

Da ihr ihm gabet den Gottessegen:

Daß wir ihn Herren hiessen und vor ihm knieten.

Auch sollt ihr nicht vergessen,

Ihr sprachet: »wer dich segne, daß der gesegnet sey!

Wer dir fluche, der sey verfluchet

Mit Fluche vollgemessen!«

Durch Gott! bedenket euch dabei,

Ob ihr der Pfaffen Ehre irgend suchet?

(I 105a)

=genesen=, an meinem Seelenheil unbeschädigt bleiben. =wesen=, seyn.

=durch Gott!= um Gottes willen.

Von neuem läßt Walther den alten Klausner klagen: daß man die

Guten banne und den Uebeln singe (I 103a). Dem Kaiser aber räth er,

unbekümmert um des Pabstes Irrung, dennoch abzufahren[83].

[83] So kann die Strophe: »Bote, sage dem Kaiser &c.« (I 103a)

eingereiht werden. Auch das Gedicht: »Ihr Fürsten, die des

Königes &c.« (I 131a) betrifft die Kreuzfahrt. Dasselbe ist

muthmaßlich schon um 1220 verfaßt, wo Friedrich, noch nicht

als =Kaiser= gekrönt, aber längst mit dem Kreuze bezeichnet,

Deutschland verließ.

Die Willkühr, womit die Bannsprüche erlassen wurden, mußte allerdings

ihre Wirkung schwächen. =Reinmar= von =Zweter=, der gleichfalls

politische Gedichte auf Friedrich II. und Gregor IX. verfaßt hat,

unterscheidet den Bann, der mit Gott und nach Gott sey, von demjenigen,

worin fleischlicher Zorn stecke (II 143b) Der =Freigedank= behauptet,

der Bann habe keine Kraft, der durch Feindschaft geschehe (V. 4117

f.); auch ereifert sich dieser Dichter sehr über die Schwierigkeiten,

welche den Unternehmungen Friedrichs im heiligen Lande, besonders durch

den päbstlichen Bann, in den Weg gelegt worden, und daß man den Kaiser

selbst dann nicht vom Banne losgesprochen, nachdem er die heiligen

Stätten den Christen wieder zugänglich gemacht[84].

[84] Wo gefuhr eh' Kaiser über Meer

Im Bann und ohne Fürstenheer?

Und ist nun kommen in ein Land,

Da Gott noch Mann nie Treue fand.

(V. 4026 ff.)

Was mag ein Kaiser schaffen,

Seit Christen, Heiden und Pfaffen

Streiten g'nug wider ihn?

Da verdürbe Salomons Sinn.

(V. 4046 ff.)

Der Bann und manche Christen

Mit viel manchen Listen

Wollten sie es erwendet (=hintertrieben=) han.

Nun hat Gott sein Ehre gethan,

Daß Sünder sollen das Grab gesehen.

Das muß ihm ohn' ihren Dank geschehen.

Gott und der Kaiser haben erlost

Ein Grab, das ist aller Christen Trost.

Seit er das Beste hat gethan,

So soll man ihn ausser Banne lan.

Das wollen Römer leichte nicht;

Was ohn' ihren Urlaub Gut's beschicht,

Dem wollen sie keiner Stete jehen, (=keine Dauer

zugestehen=)

Nun ist das ohn' ihren Dank (=gegen ihren Willen=)

geschehen.

(V. 4068 ff.)

Wenn wir Walthers Liedern glauben dürfen, so hat er selbst eine

Heerfahrt nach dem heiligen Lande mitgemacht. Entsteht aber die

Frage: welchem der verschiedenen Kreuzzüge, die in seine Zeit fallen,

er gefolgt sey? so spricht die meiste Wahrscheinlichkeit für den

von Friedrich II. im Jahr 1228 unternommenen, von welchem zunächst

die Rede war. Daß er nicht im Gefolge Leopolds von Oesterreich in

Palästina gewesen, ergiebt sich aus dem Liede, womit er die Rückkehr

dieses Fürsten feiert. Auch ist die Kreuzfahrt darum in seine spätere

Lebenszeit zu setzen, weil er noch in einem Gedichte, das offenbar den

vorgerückten Jahren angehört, seine Sehnsucht nach der frommen Reise

ausspricht (I 142a).

Ein Kriegsgesang in schöner, volltönender Weise erhebt sich schon wie

aus den Reihen des Kreuzheeres, das begeistert nach dem wogenden Meere

hinzieht (I 125b). Aber wirklich auf heiligem Boden stehend zeigt sich

uns der Dichter in einem andern Liede. Jetzt erst ist sein Leben ihm

werth, seit sein sündig Auge das reine Land sieht und die Erde, der

man so viel Ehre zuerkennt. Es ist geschehn, was er stets gebeten, er

ist an die Stätte gekommen, wo Gott menschlich wandelte. Was er noch

von Ländern gesehen, schönen, hehren und reichen, die Ehre aller ist

dieses, wo der göttlichen Wunder so viele geschehen sind. In dieses

Land hat auch der Herr jenen angstvollen Tag gesprochen, wo der Waise

gerächet wird und die Wittwe klagen mag. Christen, Juden und Heiden

sagen, daß dieß ihr Erbe sey. Gott mög' es zu Recht entscheiden, alle

Welt streitet darum, aber recht ist, daß er =uns= gewähre! (I 104 f.)

Den Christen wurde damals gewährt und groß mag Walthers Freude gewesen

seyn, wenn ihm vergönnt war, seinen geliebten Kaiser Friedrich im

Tempel des heiligen Grabes mit der Krone von Jerusalem gekrönt zu

sehen.

Neunter Abschnitt.

Des Dichters Alter. Seine Religionsansichten.

Sein Tod.

Es ist eine Reihe von mehr als dreißig Jahren, durch die wir unsrem

Dichter seit den ersten Liedern, denen sich die Zeit ihrer Entstehung

nachweisen läßt, d. h. vom Jahr 1198 an, unter dem Fingerzeig der

Geschichte gefolgt sind, und schon jene Lieder tragen den Ausdruck

männlicher Reife. Wir haben ihn sagen gehört, daß er vierzig Jahre und

drüber von Minne gesungen. Sonach ist nicht zu zweifeln, daß er ein

ansehnliches Alter erreicht habe.

Wie wenig sein Leben durch äussere Glücksumstände begünstigt war,

darüber läßt er sich bald schmerzlich, bald launig vernehmen. Auf

letztere Weise in Folgendem:

Frau Sälde theilet rings um mich

Und kehret mir den Rücken zu,

Da kann sie nicht erbarmen sich;

Nun rathet, Freunde, was ich thu'!

Sie steht ungerne gegen mir,

Geh' ich hinfür, ich bin doch immer hinter ihr,

Sie geruhet nicht mich anzusehen;

Ich wollte, daß ihr Aug' an ihrem Nacken stünde,

So müßt' es ohn' ihren Dank geschehen.

(I 119a)

=Frau Sälde=, Frau Glück, die Segensgöttin. =gegen mir=, mir

zugewendet, =ohn' ihren Dank=, gegen ihren Willen.

In ähnlichem Tone hat er seinen letzten Willen aufgesetzt. Er will,

eh' er hinfährt, sein fahrend Gut und Eigen austheilen, damit Niemand

darum streite, dem er es nicht zugedacht. All sein Unglück bescheidet

er Jenen, die sich dem Haß und Neid ergeben; seinen Kummer den Lügnern;

seinen Unverstand denen, die mit Falschheit minnen; den Frauen: nach

Herzeliebe sehnendes Leid (I 115b).

Eben die Ungunst des Geschickes, womit er vielfältig zu kämpfen hatte,

konnte frühzeitig seinen Sinn auf das Höhere lenken. Die manigfachen

Erfahrungen einer langen Lebensbahn waren geeignet, ihm die Nichtigkeit

der irdischen Dinge aufzudecken. Mit dem vorrückenden Alter sehen

wir ihn auch immermehr in das Gebiet ernster und frommer Betrachtung

hingezogen. Wenn wir an einem Theile seiner Minnelieder die Wärme

der Empfindung vermißten, so finden wir die Heimath seiner tieferen

Begeisterung da, wo es von Sachen des Vaterlandes und der Religion sich

handelt. Sein Zeitgenosse Reinmar der Alte ist so sehr Minnesänger, daß

er auch noch als Pilgrim seiner Gedanken nicht Meister wird: den Gott,

dem er dienen soll, helfen sie ihm nicht so loben, wie er es bedürfte

(I 72a)[85]. Unser Dichter dagegen hat mit dem ungetheiltesten Eifer

die Sache des Kreuzes ergriffen.

[85] So gesteht auch =Friedrich= von =Husen=: sein Leib wolle

gerne fechten gegen die Heiden, aber seinem Herzen liege ein

Weib nahe (=Man.= I 93b); und der von =Johannsdorf= bittet

die Minne, ihn so lange frei zu lassen, bis er die reine

Gottesfahrt vollendet habe, dann soll sie ihm wieder willkommen

seyn (I 176b).

Jetzt, da er sich am Abend seines Lebens befindet, wird es angemessen

seyn, eben die religiöse Seite seiner Dichtungen völlig hervorzuheben.

Das Irdische schwindet ihm, so wie beim Sinken der Sonne die Thäler

sich in Schatten hüllen und bald nur noch die höchsten Gipfel

beleuchtet stehen.

Den Vorzug der wahren und daurenden Freuden von den eiteln und

flüchtigen bezeichnen nachstehende Lieder:

Ich bin Einer, der nie halben Tag

Mit ganzen Freuden hat vertrieben.

Was ich je daher der Freuden pflag,

Der bin ich hier entblöst geblieben.

Niemand kann hie Freude finden, sie zergeh',

Wie der lichten Blumen Schein.

Darum soll das Herze mein

Trachten nach falschen Freuden nimmermeh.

(I 114a)

=sie zergeh'=, sie zergehe denn.

* * * * *

O weh! wir müssigen Leute, wie sind wir versessen

Zwischen zwei Freuden nieder an die jämmerliche Statt!

Aller Arbeit hatten wir vergessen,

Da uns der kurze Sommer sein Gesind' zu werden bat.

Der brachte uns fahrende Blumen und Blatt,

Da trog uns der kurze Vogelsang.

Wohl ihm, der nur nach steten Freuden rang!

Weh gschehe der Weise, die wir mit den Grillen sangen!

Da wir uns sollten warnen gegen des kalten Winters Zeit.

Daß wir viel Dummen mit der Ameise nicht rangen,

Die nun viel würdiglich bei ihren Arebeiten leit!

Das war stets der Welte Streit:

Thoren schalten stets der Weisen Rath.

Man sieht wohl =dort=, wer =hie= gelogen hat.

(I 103b)

=versessen=, falsch gesessen. =zwei Freuden=, der irdischen und der

ewigen. =Da uns= &c. Als uns der flüchtige Sommer einlud, sein

Gefolge zu seyn. =fahrende Blumen=, vergängliche, unstete, gleich

den fahrenden Leuten (Vgl. =Man.= I 70a 7, I 170a 7); das Bild

entspricht dem obigen =Gesinde=. =Blatt=, Blätter. =gegen=, vor.

=leit=, liegt.

Wie der Dichter dem Minnesang absagt, den er so lange Zeit geübt, wie

er von der vergänglichen Minne sich zu der ewigen wendet, ist schon

oben gezeigt worden.

In einem Zweigespräche mit =Frau Welt= (I 111b) nimmt er von dieser

seiner bisherigen Pflegerin feierlich Abschied. Sie spricht ihm zu, bei

ihr zu bleiben; er soll gedenken, was sie ihm Ehren bot und wie sie ihm

seinen Willen ließ. Frau Welt! erwidert er, ich habe zu viel gesogen,

ich will entwohnen, es ist Zeit. Gott gebe dir, Frau, gute Nacht! Ich

will zur Herberge fahren.

Welt! ich habe deinen Lohn ersehen, -- sagt er in einem ähnlichen

Gedichte (I 122b) -- was du mir giebst, das nimmst du mir. Wir scheiden

alle nackt und bloß von dir. Ich hatte Leib und Seele tausendmal gewagt

um dich, nun bin ich alt und hast mit mir dein Spiel, und zürn' ich

des, so lachest du. Lach' uns noch eine Weile so! dein Jammertag wird

bald auch kommen.

Traum und Spiegelglas -- heißt es anderswo -- gelten bei der Stete dem

Winde gleich. Laub und Gras, das stets meine Freude war, dazu Blumen

manigfalt, die rothe Heide, der grüne Wald, der Vögelein Sang, der

Linde Süssigkeit, haben ein traurig Ende. Den thörichten Wunsch zur

Welt, ich sollt' ihn lassen, damit er nicht meiner Seele große Noth

bringe. Der Busse wäre hohe Zeit. Nun fürchte ich siecher Mann den

grimmen Tod, daß er kläglich über mich komme. Vor Furcht bleichen mir

die Wangen. Wie soll ein Mann, der nichts denn sündigen kann, hohen

Muth gewinnen? Seit ich an weltlichen Dingen Uebel und Gut zu erkennen

begann, griff ich, wie ein Thor, zur linken Hand recht in die Glut und

mehrte stets dem Teufel seinen Sieg. Ich war mit sehenden Augen blind

und aller guten Dinge ein Kind, wie ich auch meine Missethat der Welt

hehlte. Heiliger Christ! mache du mich rein, eh' meine Seele versinke

in das verlorne Thal! (I 141b)

Mit tiefschmerzlicher Empfindung ist die Nichtigkeit des Irdischen

besonders in dem großen Klaggesange dargelegt, den der Dichter

anstimmt, nachdem er in späteren Jahren in das Land seiner Geburt

zurückgekommen ist. Alles findet er umgewandelt, er wird an der

Wirklichkeit irre, ihm ist jetzt das Leben ein Traum. Lautes Wehe

erhebt er über die Verderbniß und den Unbestand der Welt. Er will sich

hinüber retten in das Heilige.

O weh! wohin verschwanden alle meine Jahr'?

Ist mein Leben mir geträumet oder ist es wahr?

Das ich stets wähnte, daß es wäre, war das icht?

Darnach hab' ich geschlafen und so weiß ich's nicht.

Nun bin ich erwachet, und ist mir unbekannt,

Was mir hievor war kundig, wie mein' andre Hand.

Leute und Land, dannen ich von Kinde bin geborn,

Die sind mir fremde worden, recht als ob es sey verlorn.

Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt,

Bereitet ist das Feld, verhauen ist der Wald,

Nur daß das Wasser fließet, wie es weiland floß.

Fürwahr! ich wähnte, mein Ungelücke würde groß.

Mich grüßet mancher träge, der eh' mich kannte wohl;

Die Welt ist allenthalben Ungenaden voll.

Wenn ich gedenke an manchen wonniglichen Tag,

Die mir entfallen sind, wie in das Meer ein Schlag:

Immermehr o weh!

O weh! wie jämmerlich die jungen Leute thunt,

Denen nun viel traurigliche ihr Gemüthe stund!

Die können nichts, denn sorgen; o weh! wie thun sie so?

Wo ich zur Welt hinkehre, da ist Niemand froh.

Tanzen, Singen, zergeht mit Sorgen gar.

Nie Christenmann noch sah so jämmerliche Jahr'.

Nun merket, wie den Frauen ihr Gebände staht!

Die stolzen Ritter tragen dörfliche Wat.

Uns sind unsanfte Briefe her von Rome kommen,

Uns ist erlaubet Trauren und Freude gar benommen.

Das mühet mich inniglichen sehr, wir lebten sonst viel wohl,

Daß ich nun, für mein Lachen, Weinen kiesen soll.

Die wilden Vögel betrübet unsre Klage,

Was Wunder ist, wenn ich davon verzage!

Was spreche ich dummer Mann durch meinen bösen Zorn?

Wer =dieser= Wonne folget, der hat =jene= dort verlorn

Immermehr, o weh!

O weh! wie uns mit süßen Dingen ist vergeben!

Ich sehe die bittre Galle mitten in dem Honige schweben.

Die Welt ist aussen schöne weiß, grüne und roth,

Und innen schwarzer Farbe finster, wie der Tod.

Wen sie nun verleitet habe, der schaue seinen Trost!

Er wird mit schwacher Buße großer Sünde erlost.

Daran gedenket, Ritter! es ist euer Ding.

Ihr traget die lichten Helme und manchen harten Ring,

Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwerdt.

Wollte Gott, ich wäre solches Sieges werth!

So wollte ich nothiger Mann verdienen reichen Sold,

Doch meine ich nicht die Huben, noch der Herren Gold:

Ich wollte selber Krone ewiglichen tragen,

Die möchte ein Söldener mit seinem Speer bejagen.

Möchte ich die liebe Reise fahren über See,

So wollte ich danne singen: wohl! und

nimmermehr: o weh!

(I 141b f.)

=icht=, irgend etwas. =kundig= &c. bekannt, geläufig, wie der einen

Hand die andre. =von Kinde=, von Kindheit auf. =Ungenaden=,

Ungunst, Mißgeschick. =Immermehr=, immerfort. =thunt=, thun.

=stund=, geworden, beschaffen ist. =zur Welt=, auf der Welt.

=unsanfte=, unerfreuliche; die Bannbriefe. =mühet=, betrübet,

quälet. =vergeben=, Gift gegeben. =schwacher=, geringer. =euer

Ding=, eure Sache. =Ring=, Panzerring. =Huben=, Grundstücke,

Lehengüter. =möchte=, könnte. =bejagen=, erjagen, erwerben.

Es kann mit Recht gefragt werden: was, nach der Verschmähung des

Irdischen, dem Dichter das Göttliche sey, das ihn entschädige und

erhebe?

Das zuletzt ausgehobene Gedicht benennt uns den Kampf unter der Fahne

des Kreuzes. Es ist bemerkenswerth, wie der Dichter, der sonst um das

Gold der Fürsten geworben, jetzt, dieses verschmähend, selbst eine

Krone, die himmlische, erwerben möchte. Das heilige Land ist ihm die

durch Gottes irdischen Wandel verklärte Erde; der Kampf um dieses

Land eine höhere Weihe, ein Uebertritt vom Dienste der Welt in den des

Himmels; der Tod in diesem Kampfe der geradeste Pfad nach dem Reiche

Gottes.

Große Verehrung widmet Walther der Königin der Engel, deren keuscher

Leib den umfieng, den Höhe, Breite, Tiefe, Länge nie umgreifen mochte

(I 133a).[86]

[86] So auch Meister =Friedrich= von =Sunnenburg=, CCCXCVIII: »Den

all die Welt an Breite, an Länge, nicht umgreifen möchte, den

umgriff die Reine alleine.« Vgl. =Rumelant=, CCCLXXV; =Boppo=,

II 233a 3.

Er theilt diese besondre Verehrung der heiligen Jungfrau mit den andern

Dichtern seiner Zeit. Sie hieng selbst mit dem Minnesange zusammen.

»Der Welt Hort -- sagt =Reinmar= von =Zweter= (II 143a) -- liegt gar

an reinen Weiben, ihr Lob, das soll man höhen und treiben; was Gott je

erschuf, das übergelten sie, es ward geboren sein selbes Leib von einer

Magd, das gab er ihnen zu Steuer.« Und es geht wohl aus dieser Ansicht

von der höheren Weihe der Frauen hervor, wenn derselbe Dichter meint:

»flüchtete sich ein Wolf zu Frauen, man sollte ihn um ihretwillen leben

lassen.« (II 152b)

Auch über den Kriegsheeren schwebte die heilige Jungfrau. In seinem

Kreuzgesange (I 125b) ruft Walther die Königin ob allen Frauen an[87].

»St. Marie, Mutter und Magd, unsre Noth sey dir geklagt!« sangen die

Heere, wenn sie in die Schlacht zogen (=Horneck=, Cap. 440 682 83).

[87] Der von =Johannsdorf= (I 174b) findet einen gewichtigen

Beweggrund für die Kreuzfahrt in der Schmähung der Heiden: daß

Gottes Mutter nicht eine Jungfrau sey.

Ein vorzüglicher Grund des Mariendienstes im Mittelalter lag in dem

Glauben, daß Gott keine Fürbitte seiner Mutter unerhört lasse. Walther

singt: »Nun loben wir die süße Magd, der ihr Sohn nimmer nichts

versagt! Sie ist des Mutter, der von Hölle uns löste. Das ist uns ein

Trost vor allem Troste, daß man da zu Himmel ihren Willen thut.« (I

126a). Aus andern Dichtern könnten ähnliche Stellen angeführt werden.

So wie aber der Sohn die Mutter erhört, so wird hinwider die Mutter bei

dem Namen des Sohnes gemahnt. »Hilf mir durch deines Kindes Ehre, daß

ich meine Sünde büsse!« ruft Walther zu ihr (I 133a)[88].

[88] Schön führt Meister =Stolle= (III) dieses aus: wer sie des

mahnet, daß sie Christum gebar, dem wird geholfen. Mehr noch

ist ihrer Gnaden, wenn sie daran gemahnt wird, wie ihr wehe

ward, als sie ihn an das Kreuz schlugen. Wer sie aber der

großen Freude mahnt, als ihr Sohn vom Tode aufstand, der machet

sich von seinen Sünden bloß.

Es war sonst schon Anlaß, seine Gedichte mit Gemälden zu vergleichen.

Wie zuvor den Kirchenzug des Königs oder den Ausgang einer herrlichen

Frau, so stellt er uns jetzt geistliche Bilder auf aus der Geschichte

Mariens und ihres göttlichen Sohnes. Besonders schön sind zwei

derselben, die Kreuzigung und der Tod Jesu, rührend durch die bloße

Darstellung, ohne allen Erguß der Empfindung:

Sünder! du sollt an die große Noth gedenken,

Die Gott um uns litt, und sollt dein Herz in Reue senken!

Sein Leib war mit scharfen Dornen gar versehret,

Und noch ward manigfalt sein' Marter an dem Kreuze gemehret.

Man schlug ihm dreie Nägel durch Hände und auch durch Füsse.

Jammerlichen weinte Maria, die Süsse,

Da sie ihrem Kinde das Blut aus beiden Seiten fließen sach.

Traurigliche Jesus von dem Kreuze sprach:

»Mutter! ist doch euer Ungemach

Mein zweiter Tod. Johann! du sollt der Lieben Schwere

büssen!«

(I 133a)

=sach=, sah. =Schwere büssen=, Kummer stillen.

* * * * *

Der Blinde sprach zu seinem Knechte: »Du sollt setzen

Den Speer an sein Herze! so will ich die Marter letzen.«

Der Speer gegen all der Welte Herren ward geneiget.

Maria vor dem Kreuze trauriglichen Klage erzeiget;

Sie verlor ihr' Farbe, ihr' Kraft, in bitterlichen Nöthen,

Da sie jämmerlich ihr liebes Kind sah tödten

Und Longinus den Speer ihm in sein' reine Seite stach.

Sie sank unmächtig nieder, daß sie nicht hörte und nicht

sprach.

In =dem= Jammer Christe sein Herz brach.

Das Kreuz begunnte sich mit seinem süßen Blute röthen.

(=Ebd.=)

=letzen=, endigen. =Longinus=, der h. Longinus ist, nach der

Legende, der Kriegsknecht, welcher die Seite Jesu mit dem Speer

öffnete. Von dem niederströmenden Blute soll ein Blinder geheilt

worden seyn.

Niemand wird sich wundern, den Dichter in den Vorstellungen seiner

Zeit befangen zu finden. Aber auch in freier Bewegung zeigt sich uns

derselbe.

Von eigener Aufrichtigkeit ist nachfolgende Beichte:

Viel hochgelobter Gott! wie selten ich dich preise!

Da ich von dir doch beides habe, Wort und Weise,

Wie wag' ich so zu freveln unter deinem Reise!

Ich thu' nicht rechte Werke, noch hab' ich wahre Minne

Zu meinem Nebenchristen, Herre, noch zu dir.

So hold noch ward ich ihrer keinem je, als mir.

Gott Vater und Gott Sohn, dein Geist berichte meine Sinne!

Wie sollt' ich den wohl minnen, der mir übel thut?

Mir muß der immer lieber seyn, der mir ist gut.

Vergieb mir andre meine Schuld! ich will noch haben =den=

Muth. (I 131a)

Von Walthers freimüthigen Aeußerungen gegen die Priesterherrschaft

ist umständlich gehandelt worden. Wenn er zum Kampfe für die Erlösung

des heiligen Grabes eifrig ermuntert, so ist er darum nicht eben

von blindem Hasse gegen nichtchristliche Mitmenschen beherrscht.

»Räche, Herr! -- betet er -- dich und deine Mutter an denen, die eures

Erblandes Feinde sind! Laß dir den Christen gleich wenig gelten, als

den Heiden! Du weißt wohl, daß nicht die Heiden allein dich irren, die

sind wider dich doch =öffentlich= unrein; zeige die in ihrer Unreine,

die es mit jenen =heimlich= gemein haben.« (I 103a)[89]. Als den Vater

aller Menschen erkennt er den Herrn, wenn er ausruft: »Ihm dienen

Christen, Juden und Heiden, der alle lebende Wunder nährt.« (I 128b) Um

Vieles duldsamer und freidenkender, als der =Freigedank= (V. 481-84),

den es gewaltig verdrießt, daß Gott Christen, Juden und Heiden gleiches

Wetter giebt.

[89] Diese Aeußerungen haben wohl dieselbe Beziehung wie die in der

Anm. 84 ausgehobenen des =Freigedank=.

Am reinsten aber und über allen Wahn der Zeit erhaben erscheint seine

Anbetung da, wo er vor Gott sich niederwirft, als dem Unbegreiflichen,

den zu erforschen alle Mühe bei Tag und bei Nacht verloren ist, den

keine Predigt und keine Glaubenssatzung erklärt:

Mächtiger Gott! du bist so lang und bist so breit.

Gedächten wir daran, daß wir unsre Arebeit

Nicht verlören! Dir sind beide ungemessen: Macht und

Ewigkeit.

Ich weiß an mir wohl, was ein Andrer auch drum trachtet,

Doch ist es, wie es stets war, unsern Sinnen unbereit.

Du bist zu groß, du bist zu klein; es ist ungeachtet.

Dummer Gauch, der daran betaget oder benachtet!

Will er wissen, was nie ward geprediget noch gepfachtet?

(I 102b)

=unbereit=, unzugänglich. =ungeachtet=, unermessen, ungeschätzt.

=daran betaget oder benachtet=, Tag oder Nacht darauf wendet,

damit hinbringt (Vgl. II 112a). =gepfachtet=, in Satzungen

gefaßt, von =Pfacht=, Satzung, Gesetz.

Unsre Blicke sind dem Dichter in das Gebiet des Unendlichen gefolgt

und hier mag er uns verschwinden. Es ist uns keine Nachricht von den

äußeren Umständen seiner letzten Zeit geblieben, gleich als sollten wir

ihn nicht mehr mit der Erde befaßt sehen, von der er sich losgesagt,

und von seinem Tode nichts erkennen, als das allmählige Hinüberschweben

des Geistes in das Reich der Geister.

Davon jedoch ist Kunde vorhanden, wo seine irdische Hülle bestattet

worden. In der Würzburger Liederhandschrift, aus der ersten Hälfte

des vierzehnten Jahrhunderts[90], findet sich die Nachricht, daß

Herr Walther von der Vogelweide zu =Würzburg= zu dem Neuenmünster

in dem Grasehofe begraben liege. In einer handschriftlichen Chronik

aber ist eine liebliche Sage mit Folgendem aufbewahrt: im Gange

des Neuenmünsters, gewöhnlich =Lorenzgarten= genannt, sey =Walther=

begraben unter einem Baume. Dieser habe in seinem Testament verordnet,

daß man auf seinem Grabsteine den Vögeln Waizenkörner und Trinken gebe;

und, wie noch jetzt zu sehen sey, hab' er in den Stein, unter dem er

begraben liege, vier Löcher machen lassen zum täglichen Füttern der

Vögel. Das Kapitel des Neuenmünsters aber habe dieses Vermächtniß für

die Vögel in Semmeln verwandelt, welche an Walthers Jahrestage den

Chorherrn gegeben werden sollten, und nicht mehr den Vögeln. Im Gange

des vorbesagten Gartens, gewöhnlich im =Kreuzgang=, sey von diesem

Walther noch Folgendes, in lateinischen Versen, in Stein gehauen, zu

lesen: »Der du bei Leben, o Walther, der =Vögel Weide= gewesen bist,

Blume der Wohlredenheit! Mund der Pallas! du starbest. Damit nun deine

Frömmigkeit den himmlischen Kranz erlangen möge, so spreche, wer Dieses

liest: sey Gott seiner Seele gnädig!«[91]

[90] Und zwar in der alten Vorrede zu dem Anm. 56 angeführten

Meisterliede des =Lupolt Hornburg=, =Mus.= II 1 S. 22

[91] =Oberthür= in der Schrift, welche Anm. 9 angeführt worden

ist, S. 30, giebt diese Stelle mit der Bemerkung, daß =Ignaz

Gropp= solche in einer geschriebenen Chronik gefunden habe. Die

Stelle, worüber die Recension des =Oberthür'schen= Buches in

den =Götting. Gel. Anz.= 1818 S. 2054-56 zu vergleichen, lautet

so: _In novi monasterii ambitu, vulgo_ Lorenzgarten, _sepultus

est_ Waltherus _sub arbore. Hic in vita sua constituit in

suo testamento, volucribus super lapide suo dari blanda_

(blada?) _et potum; et quod adhuc die hodierna cernitur,

fecit quatuor foramina fieri in lapide, sub quo sepultus

est, ad aves quotidie pascendas. Capitulum vero N. M. hoc

testamentum volucrum transtulit in semellas, dari canonicis in

suo anniversario, et non amplius volucribus. In ambitu præfati

horti, vulgo_ im Creuzgang, _de hoc Walthero adhuc ista carmina

saxo incisa leguntur:_

Pascua _qui_ volucrum _vivus Walthere fuisti,

Qui flos eloquii, qui Palladis os oblivisti,

Ergo quod aureolam probitas tua poscit habere,

Qui legit, hic dicat: Deus istius miserere_.

Nach einer neueren Mittheilung im =Morgenblatt= 1821 Nr. 19

sind diese vier gereimten Hexameter auch in die Würzburger

Handschrift, Bl. 212b, eingezeichnet. (Statt _oblivisti_

heißt es hier besser _obiisti_, statt _poscit_ steht

_possit_.) Voran stehen die Worte: _De milite Walthero

dicto von der Vogelweide, sepulto in ambitu novi monasterii

Herbip.; in suo epitaphio sculptum erat: etc._

Name und Wappen des Dichters mögen zu jener Sage Anlaß gegeben haben.

Der Truchseß von Sankt Gallen betrauert den Tod Walthers auf ähnliche

Weise, wie dieser den Tod Reinmars beklagt hat: Uns ist unsres Sanges

Meister, den man eh' =von der Vogelweide= nannte, auf die Fahrt, die

nach ihm uns Allen unerlassen bleibt. Was frommet nun, was er eh' der

Welt erkannte? Sein hoher Sinn ist worden krank. Nun wünschet ihm um

seines werthen, hofelichen Sanges willen, daß sein der süsse Vater nach

Gnaden pflege! (=Pf. Hds.= 357 Bl. 20b).

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| Berichtigungen |

| auf Seite steht im Original geändert in jetzt |

| 15 2. Absatz "Kreuzfahrt 11)" "Kreuzfahrt 11)." |

| 31 Erläuterung "Kaisers Bruder &c." "Kaisers Bruder &c.," |

| 33 Erläuterung "Benehmen=" "Benehmen " |

| " " "betro gen" "betro-gen" |

| 39 2. Absatz "fodert" "fordert" |

| 42 letzte Zeile "Dicht " "Dichter" |

| 45 2. Absatz "nnd" "und" |

| 63 2. Absatz "spricht er:« ihrer" "spricht er: »ihrer" |

| 71 in Fußn 40 "Wohtgethane" "Wohlgethane" |

| 111 1. Absatz "Maruer" "Marner" |

| 111 1. Absatz "meldet, das er" "meldet, daß er" |

| 112 2. Absatz "Zusammenhang 70)" "Zusammenhang 71)" |

| 115 1. Absatz "Anfoderungen" "Anforderungen" |

| 120 1. Absatz "rittcrlichen" "ritterlichen" |

| 126 in Fußn.76 "sollen wir strehen" "sollen wir streben" |

| 127 in Fußn.76 "Reimar von Zweter" "Reinmar von Zweter" |

| 134 2. Absatz "Ein seltsames ..." " " |

| 134 nach Gedicht " " "Ein seltsames ..." |

| 142 1. Absatz "Seit Zeitgenosse" "Sein Zeitgenosse" |

| 148 1. Absatz "143a) liegt gar" "(II 143a) -- liegt gar"|

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Walther von der Vogelweide: Ein altdeutscher Dichter · 第 4 / 5 题