Vermißt habe ich vorzüglich die =Würzburger= Liederhandschrift, jetzt
zu Landshut, und die (verschollene?) =Kolmarer=, in welchen gleichfalls
Gedichte von Walther enthalten sind.
Gegenwärtiger Versuch ist eine Vorarbeit zu einer größeren Darstellung
in diesem Fache. Um so erwünschter wird mir seyn, was dazu beiträgt,
den Gegenstand desselben vollständiger aufzuklären.
Walther von der Vogelweide.
Erster Abschnitt.
Einleitung. Des Dichters Herkunft. Die Sänger
des Thurgaus. Friedrich von Oesterreich.
Des Dichters Jugend.
=Walther von der Vogelweide= ist einer von den Meistern deutschen
Gesangs, die einst, wie die Sage meldet, auf der Wartburg wettgesungen.
Ebenso ist er Einer der Zwölfe, von denen spät noch die Singschule
gefabelt, daß sie in den Tagen Otto's des Großen gleichzeitig und doch
Keiner vom Andern wissend, gleichsam durch göttliche Schickung, die
edle Singkunst erfunden und gestiftet haben.
Wenn Einige, die auf ähnliche Weise mit ihm genannt werden, im
Halbdunkel solcher Ueberlieferung zurückgeblieben sind und höchstens
durch Vermuthung mit noch vorhandenen Dichterwerken in Verbindung
gesetzt werden können, so ist dagegen kaum einer von den Dichtern
des Mittelalters so mit seinem eigensten Leben in unsre Zeit herüber
getreten, als eben dieser Walther von der Vogelweide.
Nicht als ob die Geschichte seinen Wandel auf Erden in ihre Jahrbücher
aufgenommen hätte oder als ob alte Urkunden von seinen Handlungen
Zeugniß gäben, wie dieß bei andern seiner Kunstgenossen der Fall ist:
seine zahlreichen Lieder sind es, die sein Andenken, und mehr als
dieß, ein klares Bild seines äußern und innern Lebens, auf uns gebracht
haben.
Er hat nicht seine Persönlichkeit in der alten Heldensage des
deutschen Volkes untergehen lassen, noch hat er seine Kunst den
Ritter- und Zaubermähren vom heiligen =Gral=, von der Tafelrunde
u. s. w. zugewendet, sondern er hat die Gegenwart ergriffen. Und hiebei
hat er wieder nicht blos den Mai und die Minne gesungen, vielmehr
ist er gerade der vielseitigste und umfassendste unsrer älteren
Liederdichter, er behandelt die verschiedensten Richtungen und Zustände
der menschlichen Seele, er betrachtet die Welt, er spiegelt in seinem
besondern Leben das öffentliche, er knüpft seine eigenen Schicksale,
wenn auch in sehr untergeordnetem Verhältniß, an die wichtigsten
Personen und Ereignisse seiner Zeit.
Diese Zeit war eine bedeutende, vielfach und stürmisch bewegte. Die
Verwirrung des Reichs nach dem Tode Heinrichs VI., der verderbliche
Streit der Gegenkönige Philipp und Otto, Friedrichs II. heranwachsende
Größe, dessen Kämpfe gegen die päbstliche Allmacht, der Kreuzzüge
wogendes Gedräng!
Unscheinbar allerdings ist das Auftreten unsres Dichters auf der Bühne
dieser Weltbegebenheiten. Schon darüber könnten wir verlegen seyn, wie
wir ihn zuerst in die Welt einführen, denn sein Ursprung ist bis jetzt
nicht mit Sicherheit erhoben.
Im obern Thurgau stand, nach =Stumpf's= Schweizerchronik, ein altes
Schloß: =Vogelweide=. Im benachbarten Sankt Gallen hat das patrizische
Geschlecht der =Vogelweider= geblüht. Mit diesem Geschlecht und jenem
Schlosse wird Walther von der Vogelweide in Beziehung gesetzt[1].
[ 1] =Stumpf=, der gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb,
erwähnt im 5. Buche seiner Chronik eines Sankt Gallischen
Bürgers, =Hans Vogelweider=, und fügt das Wappen dieser
Vogelweider bei. Hierauf folgt in der, vierzig Jahre nach
des Verfassers Tod erschienenen Ausgabe von 1606 (Bl. 373b)
nachstehender Beisatz, welcher in der ersten Ausgabe von 1548
(II Bl. 31b) noch nicht befindlich ist: »Sonst ist Vogelweide
ein alt Schloß geweßt im oberen Turgow gelegen; davon berümpte
Leut kommen, an der Herzogen in Schwaben Hof bekannt. Walther
v. d. Vogelweid war ein frommer biderber, nothaffter Ritter,
an Keysers Philippi Hof: wie sölchs bezeuget sein selbst
eigen Lied in einem uralten Buch (sicherlich die Maness.
Handschr.) under Keyser Heinrich und König Cunraden dem jungen
geschrieben: darinnen auch sein Wappen abgemalet, hat aber
nichts mit diesem geleichs.« Dieses ist ohne Zweifel die
Hauptstelle, nach welcher =Bodmer= und nachher viele Andre den
Ursprung des Dichters in das obere Thurgau setzen.
In keinem deutschen Lande finden wir auch die ritterlichen Sänger so
gedrängt beisammen, als in jenen nachbarlichen Gebirgsthälern, die
von der Thur, der Sitter, der Steinach durchrauscht werden, und dort,
wo der Rhein dem Bodensee zueilt. Der Truchseß von =Singenberg=, der
Schenk Kunrad von =Landegg=, =Göli=, Graf Kraft von =Toggenburg=,
Heinrich und Eberhard von =Sar=, Friedrich von =Husen=, Kunrad von
=Altstetten=, Walther von =Klingen=, Heinrich von =Frauenberg=, Wernher
von =Tüfen=, Heinrich von =Rugge=, der von =Wengen=, der =Hardegger=,
der =Taler=, Rudolf von =Ems= u. A. m., von denen allen noch Lieder
vorhanden sind, gehören theils mit Gewißheit, theils mit größerer oder
geringerer Wahrscheinlichkeit, jener Gegend an[2].
[ 2] Von =Singenberg=, =Landegg= und =Göli= wird weiterhin die Rede
seyn. =Kraft= von =Toggenburg= ist in der Geschichte dortiger
Gegend hinlänglich bekannt. Die von =Sar=, ein ausgestorbenes
Geschlecht im Rheinthal, nach welchem noch die Landschaft
genannt wird. Ueber die Geschlechter von =Husen= und von
=Thal= s. v. =Arx= (=Geschichte des Kantons St. Gallen, 2 Bde.
St. Gallen= 1810-11) I 493, 498. Unter den Dienstleuten des
Gotteshauses St. Gallen um 1300 zählt ein altes Verzeichniß:
die von =Altstetten=, von =Hardegg=, von =Husen=, auf. =Ebd.=
I 482. Der Minnesänger =Friedrich= von =Husen=, ein Kreuzfahrer,
bezeichnet sich selbst als =um den Rhein= einheimisch. =Man.=
I 92b 94a (Im Elsaß sucht ihn =Oberlin=, _De poet. Alsat. erot.
p. 10_). Ein =Walther= von =Klingen= kömmt um 1271 urkundlich
vor, =Arx= I 395 (nach =Docen=, =Mus.= I 144 schon 1251);
ein H. _(Heinricus) miles de_ Frouunberch 1257 =Ebd.= I 544;
ein _Cuno miles de_ Tüfin 1279 =Ebd.= I 506. Die =Ruggen=
erscheinen noch um die Mitte des 15. Jahrh. als St. Gallische
Junker =Ebd.= II 296. Der von =Wengen= richtet ein Lied an
die Thurgäuer =Man.= II 99a. -- Anziehend und anschaulich hat
v. =Laßberg= in der Zueignung des 1. Bands seines =Liedersaals=
(1820) an die Sänger dortiger Gegend erinnert.
Mitten in jenen sangreichen Gauen lag das Stift Sankt Gallen, von
dem der Anbau der Gegend und die Bildung ihrer Bewohner ausgegangen.
Die dortigen Klosterbrüder waren im 9. und 10. Jahrhundert gepriesene
Tonkünstler. Ihre geistlichen Lieder, wozu sie selbst die Singweise
setzten, giengen in den allgemeinen Kirchengesang über. Eben so frühe
wurde zu St. Gallen in deutscher Sprache gedichtet, und hinwieder
das deutsche Heldenlied (=Walther= und =Hiltegund=) in lateinische
Verse übertragen. Namentlich aber waren diese Mönche beschäftigt, die
Söhne des benachbarten Adels überhaupt sowohl, als insbesondre in der
Tonkunst, zu unterrichten[3]. Und eben in diesen Verhältnissen mochten
Keime liegen, welche nachher im ritterlichen Gesang zur Blüthe gekommen
sind.
[ 3] Alles Obige hat v. =Arx= in seinem äußerst lehrreichen
Geschichtwerke umständlich ausgeführt und belegt. Von dem
Mönche =Tutilo= (st. 912) sagt Ekkehard. _Jan. de casib.
monast. St. Galli Cap. III_: »_filios nobilium in loco ab
Abbate destinato fidibus edocuit._«
Der von =Singenberg= war des Abtes zu St. Gallen Truchseß, der von
=Landegg= dessen Schenk, =Göli= (jedoch nur muthmaßlich) dessen
Kämmerer, und also sehen wir diesen fürstlichen Abt von einem
singenden Hofstaat umgeben. Auch die andern adelichen Geschlechter, aus
denen zuvor eine Reihe von Minnesängern namhaft gemacht wurde, sind
größtentheils als Lehens- und Dienstleute des Klosters bekannt[4].
Selbst das meldet =Hugo= von =Trimberg= in seinem =Renner= (um 1300),
daß ein Abt von St. Gallen schöne =Taglieder= gesungen, d. h. Lieder,
in welchen der Wächter verstohlene Minne warnt, daß sie nicht vom
Tageslicht überrascht werde.
[ 4] Ueber die St. Gallischen Erbämter s. =Arx= I 320. =Konrad=,
Schenk von Landegg, kömmt von 1281 (oder schon 1271, I 528) bis
1304 in den Urkunden vor. =Ebd.= I 476. Die Kämmerer hießen:
=Giele= »_Rudolf Gielo noster Camerarius_.« =Ebd.= I 320. Vgl.
=Mus.= I 162. Der Dichter =Göli= (=Man.= II 57a) singt:
=Bei dem Rheine= grünen Werde und Auen.
Ueber die andern Geschlechter s. Anm. 2.
Unsern Dichter von da ausgehen zu lassen, wo der Gesang so heimisch
war, wo vielleicht der eigentliche Quell der schwäbischen Liederkunst
zu suchen ist, hat an sich etwas Gefälliges. Auch darf nicht unbeachtet
bleiben, daß jener St. Gallische Truchseß von Singenberg sich
besonders viel mit Walthern zu schaffen macht. Er rühmt denselben
als Sangesmeister, betrauert dessen Tod, ahmt seine Lieder nach, und
wir finden auf diese Weise im Thurgau wenigstens einen Widerhall von
Walthers Gesange.
Gleichwohl bleibt der Ursprung des Dichters in jener Gegend noch immer
zweifelhaft. Das vormalige Daseyn einer Burg =Vogelweide= scheint
lediglich auf der Angabe der vorgenannten Chronik zu beruhen, und die
Urkunden des Stiftes St. Gallen, welche nicht leicht einen Weiler,
einen Thurm der Umgegend unberührt lassen, enthalten, so viel man
bis jetzt weiß, keine Spur von dem fraglichen Stammschloß[5]. Das
ausgestorbene St. Gallische Geschlecht der =Vogelweider= kömmt erst
im 15. Jahrhundert unter denjenigen vor, welche als Gerichtsherrn den
Junkertitel führen konnten, und es mag seinen Namen eher von einer
Bedienung, als von einer Burg, entnommen haben[6]. Rühmliche Erwähnung
des Dichters aber und vertraute Bekanntschaft mit seinen Liedern findet
sich nicht blos beidem Truchseß von Singenberg, sondern auch bei andern
gleichzeitigen und spätern Sängern, welche nicht dem Thurgau angehören.
[ 5] Die oftangeführte Geschichte des Kantons St. Gallen giebt eine
umständliche geschichtliche Ortsbeschreibung dortiger Gegend,
auf die reichhaltigen, in hohes Alterthum hinaufreichenden
Urkundensammlungen des St. Gallischen Archivs gegründet.
Nirgends aber erwähnt sie einer Burg =Vogelweide=. Um
desto sichrer zu gehen, habe ich an Herrn v. =Arx= selbst
mich schriftlich gewendet und von ihm die Bestätigung
erhalten, daß ihm von einem Schlosse dieses Namens nie eine
Meldung aufgestoßen sey. Möglich wäre eine Verwechslung
mit =Vögelinsberg= oder =Vögeliseck=. In dem St. Gallischen
Jahrszeitenbuche (Goldast, _Script. Rer. Alem. Tom. I_), das
1272 geschrieben wurde, kömmt ein _Ruodolfus dispensator
de Voegillinsberc_ vor. =Notker= III., Vorsteher der St.
Gallischen Klosterschulen, gest. 1022, hatte bei Speicher, in
der Gegend, wo jetzt das weitausschauende =Vögeliseck= steht,
ein Gehege (_vivarium_), worin er Wild und seltene Vögel,
die er am meisten liebte, verwahren und füttern ließ. Es ist
vermuthet worden, daß hier die Heimath des Geschlechtes v. d.
=Vogelweide= zu suchen sey, welcher Name im Munde des Volks in
=Vögeliseck= umgewandelt worden seyn möchte. Man überzeugt sich
leicht, wie sehr es hiebei an einem sichern Halt gebreche.
[ 6] Ueber die St. Gallischen _Vogelweider_ s. =Arx= II 196; =Leu=,
=Allgem. Helvet. Lexicon= Thl. 18 S. 676. Sie kommen zuerst
1430 vor. Das Schreiben des Herrn v. =Arx= besagt darüber
Folgendes:
»Ich bezweifle es sehr, ob Walther Vogelweider von St.
Gallen her sey. Denn nie kömmt dieses Geschlecht in
ältern Zeiten, sondern erst im 15. Jahrh. da vor, wo von
allen Orten her Leute sich in St. Gallen ansiedelten,
oder wieder abzogen. Mir scheint =Vogelweider= eher
eine Bedienung ausgedrückt zu haben, und von dieser in
einen Geschlechtsnamen übergegangen zu seyn. Nämlich so
wie =Kuchimeister= einen Proviantmeister, und =Füller=
(_impletor_), =Spiser=, andre Verrichtungen anzeigten,
und nachhin zu (St. Gallischen) Familiengeschlechtern
wurden, so war =Vogelweider= ohne Zweifel ein Mann, der
sich mit dem Fangen, Füttern, Abrichten der Vögel eines
Großen abzugeben hatte, denn _Fogilweida_ hieß eben das,
was _Aviarium_, _Glossar sec. 10. in. ab Ekhart_, und ohne
solches Vogelbehältniß und einen Wärter desselben konnte
der Falkenjagd wegen und des Finkenfangs kein Fürst oder
Graf seyn. Es mußte darum aller Orte =Vogelweider= geben.«
Im Würtembergischen ist der Name =Vogelwaid= nicht selten.
Ein Meistergesang über die Stifter der Kunst nennt Walthern einen
Landherrn aus Böhmen[7]. Anderwärts wird er dem sächsischen
Adelsgeschlechte =von der Heide= beigezählt[8]. Beides ohne
ersichtlichen Grund. Neuerlich ist seine Geburtsstätte in Würzburg
gesucht worden, wo er begraben liegt und wo vormals ein Hof »=zu
der Vogelweide=« genannt war[9]. Und nach Allem bleibt noch die
Frage übrig: ob nicht der Name ein dichterisch angenommener oder
umgewandelter sey? wovon man auch sonst in jener Zeit Beispiele findet.
[ 7] Bei =Wagenseil=, =Von der Meistersänger holdsel. Kunst=, S.
506:
Der Fünft Herr Walter hieß,
War ein Landherr aus Böhmen =gewiß=[?]
Von der Vogelweid &c.
In einem andern Meisterliede (=Görres=, =Altt. Volks- und
Meisterlieder &c. Frankf.= 1817 S. 224) heißt er: Herr Walther
=von der Wid=, der Ziervogel. (Vgl. =Man.= II 2b)
[ 8] S. =König=, =Genealog. Adelshistorie &c.= Thl. II S. 543.
[ 9] =Oberthür=, =Die Minne- und Meistersänger aus Franken &c.
Würzb.= 1818 S. 30.
Die Sprache von Walthers Gedichten leitet auf keine nähere Spur seiner
Herkunft, da sie in der weit verbreiteten oberdeutschen Mundart verfaßt
sind, in welcher die meisten Dichter des 13. Jahrhunderts gesungen
haben.
Der Dichter selbst, dessen Ausspruch entscheiden würde, gedenkt nur
einmal des Landes, wo er geboren ist, aber ohne es zu benennen. Er hat,
als er in späteren Jahren dorthin zurückgekommen, Alles fremd gefunden,
was ihm einst kundig war, wie eine Hand der andern, das Feld angebaut,
den Wald verhauen und nur das Wasser noch fließend, wie es weiland
floß. (=Man.= I 141b f.) Auch sonst ist in seinen Liedern nirgends
eine Beziehung auf die Gegend des Thurgaus, ob er gleich von den Orten
seines Aufenthalts und von seinen Wanderungen vielfältig Rechenschaft
giebt. Die erste bestimmtere Ortsbezeichnung ist es, wenn er meldet:
Zu =Oesterreich= lernte ich singen und sagen.
(=Ebd.= I 132a)
Aus diesen Worten ist übrigens noch keineswegs zu schließen, daß
er auch in Oesterreich geboren sey, eher das Gegentheil; denn
sie bezeichnen gerade nur das Land seiner Bildung zur Kunst.
In Oesterreich, wo die Kunst des Gesanges unter den Fürsten aus
babenbergischem Stamme so schön gepflegt wurde, konnten die Lehrlinge
derselben gute Schule finden. Auch =Reinmar= von =Zweter=, der um die
Mitte des 13. Jahrhunderts dichtete, berichtet von sich:
Von Rheine, so bin ich geboren,
In Oesterreiche erwachsen.
(Man. II 146b)
Nach allen Anzeigen war Walther von adelicher Abkunft. Mit dem Titel:
=Herr=, dem Zeichen ritterbürtigen Standes, redet er selbst sich
an, und so wird er auch von Zeitgenossen benannt. Spätere nennen ihn
=Ritter=[10]. Daß er ein Reichslehen erhalten hat, werden wir nachher
sehen.
[10] So wird er genannt im Leben der h. Elisabeth (Mencken. _Script.
Rer. Germ. T. II_) und in dem Meisterliede bei =Görres= S.
224. In der Nachricht, welche die Würzb. Handschr. von seiner
Grabstätte giebt, heißt er _Miles_. Doch ist es zweifelhaft, ob
er die Ritterwürde selbst erlangt habe, indem er sich in einem
seiner Gedichte mit den Rittern in Gegensatz zu stellen scheint
(=Man.= I 142a:
»Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding &c.«)
Dem Bilde, welches sich in der =Weingartner= Handschrift vor seinen
Liedern befindet, ist weder Helm noch Schild beigegeben. Nur das
Schwerdt ist seitwärts angelehnt. In der =Manessischen= Handschrift
sind Helm und Schild hinzugekommen; das Wappenzeichen auf beiden ist
ein Falke oder andrer Jagdvogel im Käfig, also gänzlich verschieden von
dem bei =Stumpf= abgezeichneten Wappen der =Vogelweider=, welches drei
Sterne enthält.
Ansehnlich muß das adeliche Geschlecht des Dichters in keinem Falle
gewesen seyn. Er sagt einmal: »Wie nieder ich sey, so bin ich doch der
Werthen einer.« (=Man.= I 122b). Ueber seine Armuth klagt er öfters,
und eben sie mag ihn bewogen haben, aus der Kunst des Gesanges, die von
Andern aus freier Lust geübt ward, ein Gewerbe zu machen.
»=Zu Oesterreich lernte ich singen und sagen.=«
Mit diesen Worten des Dichters treten wir zuerst aus dem Gebiete
der Fabel und der Vermuthung auf einen festeren Boden. Doch müssen
wir häufig diesen wieder verlassen und uns darauf beschränken,
einzelne sichere Punkte zu bezeichnen, welchen wir dann dasjenige,
was den Stempel von Ort und Zeit weniger bestimmt an sich trägt, nach
Wahrscheinlichkeit und nach Verwandtschaft der Gegenstände anreihen. Wo
sich der Faden der Geschichte verliert, da giebt das innere Leben des
Dichters Stoff genug, die Lücke auszufüllen.
Es lassen sich zweierlei Zeiträume bestimmt unterscheiden, in welchen
der Dichter am Hof der Fürsten von Oesterreich aus babenbergischem
Stamme gelebt hat. Er befand sich dort unter =Friedrich=, von den
Spätern der =Katholische= genannt, der von 1193 bis 1198 am Herzogthume
war, und kam dorthin zurück unter =Leopold= VII., dem =Glorreichen=,
vor dem Jahre 1217.
Diese beiden Fürsten waren Söhne =Leopolds= VI., des =Tugendreichen=,
Herzogs von Oesterreich und Steier, der zu Anfang des Jahres 1193
gestorben war. =Friedrich=, der ältere Sohn, ließ sich 1195 mit dem
Kreuze zeichnen, reiste 1197 nach Palästina ab und starb 1198 auf der
Kreuzfahrt[11].
[11] _Chron. Claustro-Neoburg._ (_ap._ Pez, _Script. Rer. Austr. T.
I_) _ad ann. 1195, 97, 98_.
Mit ihm muß dem Dichter Vieles zu Grabe gegangen seyn. In einem geraume
Zeit nachher gedichteten Liede rechnet er den Anfang seines unsteten
und mühseligen Lebens eben von dem Tode Friedrichs an. Lebendig genug
schildert er in demselben Liede seine Trauer um den fürstlichen Gönner:
»Da Friedrich aus Oesterreich also warb, daß er an der Seele genas und
ihm der Leib erstarb, da drückt ich meine Kraniche (Schnabelschuhe)
tief in die Erde, da gieng ich schleichend, wie ein Pfau, das Haupt
hängt' ich nieder bis auf meine Kniee.«
Zwar fällt in Walthers Zeit noch ein andrer Friedrich von Oesterreich,
=Friedrich= der =Streitbare=, des Obigen Neffe, der 1230 seinem Vater,
Leopold VII., nachfolgte und 1246 in der Ungarnschlacht an der =Leitta=
umkam. Es sind aber hinreichende Gründe vorhanden, das angeführte
Gedicht nicht auf den Neffen, sondern auf den Oheim, zu beziehen. Das
Genesen an der Seele bei dem Ersterben des Leibes ist bezeichnend für
den Tod auf der Kreuzfahrt, welchen der Dichter auch sonst für einen
segenreichen erklärt. Und wenn wir auch annehmen wollten, daß Walther,
der, wie sich zeigen wird, schon 1198 in sehr männlichem Geiste
gedichtet, noch um 1246 gelebt und gesungen habe, so wird doch aus
dem natürlichen Zusammenhange, worin jenes Lied späterhin erscheint,
sich ergeben, daß solches in den ersteren Jahren der Regierung Kaiser
Friedrichs II., also gar lange vor dem Tode Friedrichs des Streitbaren,
entstanden sey.
Wenn uns gleich der Dichter, ausser dem Wenigen, was angeführt wurde,
von den Schicksalen seiner früheren Lebenszeit keine bestimmtere
Nachricht giebt, so ist uns doch, bevor wir ihm weiter folgen,
ein verweilender Blick in seine Jugend gestattet. Er zeigt uns den
Zeitraum, worein solche gefallen, im Widerscheine seiner späteren
Lieder.
»=Hievor war die Welt so schön!=« ruft er klagend aus. Inniglich thut
es ihm wehe, wenn er gedenkt, wie man weiland in der Welt gelebt. O
weh! daß er nicht vergessen kann, wie recht froh die Leute waren. Soll
das nimmermehr geschehen, so kränket ihn, daß er's je gesehen. Jetzt
trauern selbst die Jungen, die doch vor Freude sollten in den Lüften
schweben (I 129a 140b 114b).
Dieses unfrohe Wesen rügt er an mehreren Stellen. Es gilt ihm,
wie andern Dichtern der Zeit, für ein sittliches Gebrechen, so wie
umgekehrt die Freude für eine Tugend. »Niemand -- sagt er -- taugt
ohne Freude.« (I 110b) Und allerdings ist es nicht selten die sittliche
Beschaffenheit des Gemüths, hier des wohlgeordneten, dort des in sich
zerfallenen, woraus Frohsinn oder Mißmuth entspringen.
Ob Walther, ausser dem Unterricht in der Kunst des Gesanges, irgend
einer Art von gelehrter Bildung genossen, ist nicht ersichtlich.
Einige Hinweisungen auf Stellen der Schrift und zwei lateinische
Segenssprüche, die er scherzhaft anbringt, können nichts entscheiden.
Von den Helden, welche dazumal in romantischen Gedichten verherrlicht
wurden, kömmt bei ihm blos Alexander vor[12]. Richard Löwenherz und
Saladin, deren er erwähnt, waren durch nahe Ueberlieferung noch in
frischem Angedenken. Nirgends eine sichre Spur, ob er des Lesens und
Schreibens kundig war. Das Leben hat ihn erzogen, er hat gelernt, was
er mit Augen sah, das Treiben der Menschen, die Ereignisse der Zeit
waren seine Wissenschaft.
[12] Auf die deutsche Heldensage findet sich nirgends eine
Beziehung, man müßte es denn für eine Anspielung auf =Walther
und Hiltegund= ansehen, wenn auch er, der Sänger Walther, seine
Geliebte =Hiltegund= nennt. (I 136b)
Manches Lied, das über seine Lebensgeschichte vollständigeres Licht
verbreiten könnte, mag verloren gegangen seyn. In denjenigen, die auf
uns gekommen sind, erscheint er als ein Mann von gereiftem Alter,
und in mehreren zeigt er sich am Ziel seiner Tage. Seine Gedichte
tragen im Allgemeinen das Gepräge der Welterfahrenheit, des Ernstes,
der Betrachtung. Bis zur eigenen Qual fühlt er sich zum Nachdenken
hingezogen, und er spricht das bedeutsame Wort:
Liessen mich Gedanken frei,
So wüßte ich nicht um Ungemach.
(I 114a)
Er stellt sich uns in einem seiner Lieder dar, auf einem Steine
sitzend, Bein über Bein geschlagen, den Ellenbogen darauf gestützt,
Kinn und Wange in die Hand geschmiegt, und so über die Welt
nachdenkend. Damit bezeichnet er treffend das Wesen seiner Dichtung,
und sinnreich ist er in zwei Handschriften vor seinen Liedern in dieser
Stellung abgebildet.
Zweiter Abschnitt.
Philipp von Schwaben. Deutschlands Zwiespalt
und Zerfall. Walther als Vaterlandsdichter.
Das Jahr 1198, in welchem der Dichter seinen fürstlichen Gönner in
Oesterreich verlor, war auch ein Wendepunkt in der Geschichte der Zeit.
In diesem Jahre wich der Friede, der in den letztern Jahren Kaiser
Friedrichs I. und während der Regierung Heinrichs VI. in Deutschland
geherrscht hatte, den langwierigen und verderblichen Kämpfen der
Gegenkönige.
Heinrich VI. war im Herbst 1197 zu Messina gestorben, sein dreijähriger
Sohn Friedrich blieb, unter Vormundschaft des Pabstes, als König
in Sicilien. Die deutschen Fürsten hatten ihn noch bei Lebzeiten
seines Vaters als Nachfolger auf dem deutschen Throne anerkannt. Aber
Innocenz III., der kurz nach des Kaisers Hintritt, im kräftigsten
Alter, zum Oberhaupt der Kirche gewählt worden, wollte nicht wieder
die Vereinigung der deutschen Krone mit der sicilischen dulden. Er fand
diese Vereinigung gefährlich für die Kirche, und erklärte: da Friedrich
noch nicht getauft gewesen, als man ihn zum römischen König erwählt,
so brauche man sich hieran nicht zu kehren. Den Deutschen war nicht mit
einem Kinde geholfen. In den sechsten Monat war das Reich verwaist.
=Philipp= von =Schwaben=, des verstorbenen Heinrichs Bruder,
hatte anfangs versucht, seinem unmündigen Neffen die Thronfolge zu
erhalten, bald richtete er selbst sein Absehen auf die Krone. Auch
diesem Hohenstaufen arbeitete der Pabst entgegen. Mit Berthold von
Zähringen und Bernhard von Sachsen wurde von den Fürsten um das Reich
unterhandelt. Nachher ordneten der Erzbischof von Köln und andre,
mehrentheils geistliche Fürsten, von päbstlichem Einfluß geleitet,
eine Gesandtschaft an Otto von Braunschweig ab, um ihn zum Throne zu
berufen. Die Reichskleinode, auf deren Besitz man damals großen Werth
legte, waren in Philipps Händen.
Schon früher war ein falsches Gerücht von Kaiser Heinrichs Tode
das Zeichen zu allgemeiner Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung
gewesen. Jetzt, nach des Kaisers wirklichem Hintritt, erreichte die
Verwirrung den höchsten Grad. »Als ich aus Tuscien nach Deutschland
zurückgekommen -- schreibt Philipp an Innocenz III.[13] -- fand ich
das ganze Land in nicht geringerer Verwirrung, als irgend das Meer von
allen Winden zerwühlt werden könnte.«
[13] _Registr. Innocent. III. ep. 136 p. 147._
Die ersten Lieder unsres Dichters, denen wir den Zeitpunkt ihrer
Entstehung bestimmter nachweisen können, beziehen sich auf diese
Ereignisse. Ernstes Nachdenken über die Zerrüttung des Vaterlands,
Anklage des Pabstes, dessen Umtriebe den Zwiespalt herbeigeführt,
Aufruf an Philipp, der Verwirrung ein Ende zu machen.
Ich saß auf einem Steine,[14]
Da deckte ich Bein mit Beine,
Darauf setzte ich den Ellenbogen,
Ich hatte in meiner Hand geschmogen
Das Kinn und eine Wange;
Da dachte ich mir viel bange,
Wie man zur Welte sollte leben.
Keinen Rath konnte ich mir geben,
Wie man drei Ding' erwürbe,
Der keines nicht verdürbe:
Die zwei sind Ehre und fahrend Gut,
Der jedes dem andern Schaden thut,
Das dritte ist Gottes Hulde,
Der zweien Uebergulde;
Die wollte ich gerne in =einen= Schrein.
Ja leider! möchte das nicht seyn,
Daß Gut und weltlich' Ehre
Und Gottes Huld je mehre
Zusammen in =ein= Herze kommen.
Steige und Wege sind eingenommen,
Untreue ist in der Sasse,
Gewalt fährt auf der Strasse,
Friede und Recht sind beide wund,
Die =drei= haben Geleites nicht, die =zwei= werden
denn eh' gesund.
[14] Diese Strophe ist nachgeahmt von =Boppo= (=Man.= II 235):
Ich saß auf einer Grüne &c.
=geschmogen=, geschmiegt. =Uebergulde=, was mehr als jene gilt.
=In der Sasse=, seßhaft. =Die drei=, nemlich Gut (Reichthum),
weltliche Ehre und Gottes Huld, haben kein sicheres Geleit, um
zusammen zu kommen, bevor nicht =die zwei=, Friede und Recht,
wiedergenesen sind und die Strasse frei machen.
Ich sah mit meinen Augen
Der Menschen Thun und Taugen.
Da ich nun hörte, da ich sach,
Was Jedes that, was Jedes sprach:
Zu Rome hörte ich lügen
Und zweene Könige trügen.
Davon hub sich der meiste Streit,
Der eh' ward oder immer seit.
Da sich begannen zweien
Die Pfaffen und die Laien,
Das war eine Noth vor aller Noth,
Leib und Seele lag da todt.
Die Pfaffen stritten sehre,
Doch ward der Laien mehre;
Das Schwerdt legten sie da nieder
Und griffen zu der Stole wieder,
Sie bannten, die sie wollten,
Und nicht den sie sollten.
Da störte man manch Gotteshaus,
Da hörte ich ferne in einer Klaus
Viel starker Ungebäre;
Da meinte ein Klausenere,
Er klagete Gott sein bittres Leid:
»O weh! der Pabest ist zu jung, hilf, Herre, deiner
Christenheit!«
=seit=, seitdem, nachher. =zweien=, entzweien. =Pfaffen= und
=Laien=, geistliche und weltliche Fürsten, in der streitigen
Königswahl. =Ungebäre=, ungebärdige Wehklage. =Klausenere=,
der klagende Klausner, welcher mehrmals vorkömmt, bedeutet die
vormalige strenge Frömmigkeit im Gegensatze zu der nunmehrigen
Ausartung des geistlichen Standes.
Ich hörte die Wasser diessen
Und sah die Fische fließen,
Ich sah was in der Welte was,
Wald, Feld, Laub, Rohr und Gras.
Was kriechet oder flieget,
Oder Beine zur Erde bieget,
Das sah ich und sage euch das:
Der keines lebet ohne Haß;
Das Wild und das Gewürme,
Die streiten starke Stürme,
Also thun die Vögel unter ihn'n,
Nur daß sie haben einen Sinn
(Sie wären anders zu nichte):
Sie schaffen gut Gerichte,
Sie setzen Könige und Recht
Und schaffen Herren und Knecht.
O weh dir, deutsche Zunge,
Wie steht deine Ordenunge!
Daß nun die Mück' ihren König hat[15]
Und daß =deine= Ehre also zergat!
Bekehre dich, bekehre!
Die Kirchen sind zu hehre,
Die armen Könige drängen dich.
=Philippe=! setze den Waisen auf und heisse sie treten hinter
sich! (=Man.= I 102)
[15] Die Mücken haben König unter ihnen,
Die Bienen einen Weissel, dem sie folgen,
Kein' Creature lebet ohne Meisterschaft &c.
=Der Mysnere= (Bei =Müll.= DXCIII)
=diessen=, tosen, rauschen. =fliessen=, schwimmen. =was=, war.
=Was kriechet= &c. vgl. =Wernh. Mar.= S. 28, 52. =unter ihn'n=,
unter sich. =deutsche Zunge=, Land deutscher Sprache. =zergat=,
zergeht. =Die Kirchen=, die Geistlichkeit. =zu hehre=, zu
gewaltig. =die armen Könige=, die mittellosen Thronbewerber.
=den Waisen=, das Reichskleinod, den Edelstein der Kaiserkrone,
welchen Herzog Ernst aus dem hohlen Berge mitgenommen haben soll.
Noch im Frühjahr 1198 ward dem Dichter die Freude, Philippen gekrönt zu
sehen. Das hochschwebende Lied, worin er seinen Jubel ausspricht, läßt
kaum bezweifeln, daß er selbst der Krönung zu Mainz anwohnte.
Die Krone ist älter, denn der König Philippe sey;
Da möget ihr alle schauen wohl ein Wunder bei,
Wie sie ihme der Schmid so eben recht gemachet.
Sein kaiserliches Haupt geziemet ihr also wohl,
Daß sie zu Rechte niemand Gutes scheiden soll;
Jedwedes nicht des andern Tugend schwachet.
Sie lachen beide einander an
Das edel Gesteine und der junge süsse Mann;
Die Augenweide sehen die Fürsten gerne.
Wer nun das Reiches irre geh',
Der schaue, wem der Waise ob seinem Nacken steh'!
=Der= Stein ist aller Fürsten Leitesterne.
(I 127b)
=zu Rechte=, mit Recht. =Tugend=, Werth. =schwachet=, schwächet,
verringert.
Das angenehme Bild, das Walther von seinem Könige giebt, bestätigen
die Worte des Geschichtschreibers. Nach der Beschreibung der
=urspergischen= Jahrbücher war Philipp ein Mann von schöner und
edler Gesichtsbildung, blondem Haar, mittlerer Größe, zartem, fast
schwächlichem Körperbau[16].
[16] Chron. Abb. Ursperg: »_Erat autem Philippus animo lenis, mente
mitis, eloquio affabilis, erga homines benignus, largus satis
et discretus, debilis quidem corpore, sed satis virilis, in
quantum confidere poterat de viribus suorum, facie venusta
et decora, capillo flavo, statura mediocri, magis tenui quam
grossa._«
Der Dichter begnügt sich nicht, Philippen zum Throne berufen und auf
demselben begrüßt zu haben. Er giebt dem neuen Könige noch das Mittel
an, seine Herrschaft zu befestigen und auszubreiten. Dieses Mittel
findet er in der =Milde=, der dankbaren Freigebigkeit gegen Diejenigen,
die sich dem Könige versöhnt und verpflichtet haben, der rückhaltlosen
Ausspendung von Gaben und Ehre.
Philippe, König hehre!
Sie geben dir alle Heiles Wort
Und wollten Lieb nach Leide.
Nun hast du =Gut= und =Ehre=,
Das ist wohl zweier Könige Hort,
Die gieb der =Milde= beide!
Die Milde lohnet, wie die Saat,
Von der man wohl zurück empfaht,
Darnach man ausgeworfen hat;
Wirf von dir mildigliche!
Welch' König der Milde geben kann,
Sie giebt ihm, das er nie gewann,
Wie Alexander sich versann:
Der gab und gab, da gab sie ihm alle Reiche.
(I 113a)
=Das ist wohl= &c. (Lesart der =Pf. Hds.= 357) Reichthum und Ehre,
jedes für sich schon, ist der =Hort=, Schatz, eines Königs.
(Vgl. I 135b »=zwei Kaisers Ellen=«, d. h. Stärke, Kraft) =sich
versann=, inne ward.
Die Geschichte beweist, daß Philipp wirklich in diesem Sinne gehandelt.
Wie er überhaupt die gelinden Wege den gewaltsamen vorzog, so suchte
er besonders durch reiche Gaben an Geld und Ländereien Feinde zu
beseitigen und Anhänger zu gewinnen. Seinem gefährlichsten Mitbewerber
um die Krone, dem Herzog Berthold von Zährigen, hatte er für dessen
Rücktritt 11000 Mark bezahlt. Seine Freigebigkeit war so groß, daß
er damit nicht, wie Alexander, alle Reiche gewann, sondern selbst die
anererbten Lande nur noch dem Namen nach behielt.
»Als er -- so erzählen die urspergischen Jahrbücher -- kein Geld
hatte, um seinen Kriegsleuten Sold zu bezahlen, fieng er zuerst an,
die Ländereien zu veräußern, die sein Vater, Kaiser Friedrich, weit
umher in Deutschland erworben hatte, so daß er jedem Freiherrn oder
Dienstmann Dörfer oder angrenzende Kirchen versetzte. Und also geschah
es, daß ihm nichts übrig blieb, ausser dem leeren Namen des Landesherrn
und denjenigen Städten und Dörfern, worin Märkte gehalten werden, nebst
wenigen Schlössern des Landes.«
Dessen unerachtet vermochte er es nicht Allen zu Danke zu machen,
und selbst Walther wirft ihm in einem andern Liede vor, daß er sich
nicht so recht im Geben gefalle. Er erinnerte Philippen an den milden
Saladin, welcher gesagt: Königes Hände sollten durchlöchert seyn,
und an den König von Engelland (Richard Löwenherz), den man seiner
Mildigkeit wegen so theuer ausgelöst. (I 127b)[17]
[17] Richard war zu Ende des Jahres 1192, als er auf der Rückkehr
aus dem heiligen Lande durch das Gebiet Leopolds VI. von
Oesterreich, den er in Palästina beleidigt hatte, verkleidet
reisen wollte, erkannt und festgesetzt worden. Leopold überließ
seinen Gefangenen um 60000 Mark Silbers an Kaiser Heinrich, der
Richarden wegen dessen Verbindung mit Tankred von Sicilien übel
wollte. Nun wurde Richard vom Kaiser in harter Gefangenschaft
gehalten, und erst zu Anfang des Jahres 1194 gegen ein Lösegeld
von 100,000 Mark, das die Engländer mit großer Anstrengung
zusammen gebracht hatten, in Freiheit gesetzt.
Auch hatte Philipp mit all seiner Freigebigkeit nicht verhindern
können, daß gleich nach seiner Krönung Otto von Braunschweig als
Gegenkönig aufgestellt wurde, mit dem er bis an seinen Tod zu kämpfen
hatte. Wie einst in den Vätern, Friedrich dem Rothbart und Heinrich dem
Löwen, so standen jetzt in den Söhnen, Philipp und Otto, Gibelinen und
Welfen sich drohend gegenüber.
Wir haben zuvor gesehen, in welch heiterem Lichte unsrem Dichter seine
frühere Lebenszeit erscheint. Mit stets düsterern Farben malt er die
Gegenwart. Er klagt um die alte Ehre, um die alten getreuen Sitten.
Treue und Wahrheit sind viel gar bescholten. Leer stehen die Stühle,
wo Weisheit, Adel und Alter saßen ehe. Recht hinket, Zucht trauert und
Scham siechet. Die Sonne hat ihren Schein verkehret, Untreue ihren
Samen ausgestreut auf allen Wegen, der Vater findet Untreue bei dem
Kinde, der Bruder lügt dem Bruder, geistlicher Orden selber trüget,
der uns doch zum Himmel leiten sollte. Der Dichter erkennt hierin die
schreckbaren Zeichen des nahenden Weltgerichts (I 121a, 107b, 112a,
128a).
Mit tiefem Kummer hält er dem politischen und sittlichen Verfalle
seines Vaterlands dessen früheren Glanz entgegen: »O weh! was Ehren
sich fremdet von deutschen Landen! Witz und Mannheit, dazu Silber
und Gold!« (I 103b). »Ich sah hievor einmal den Tag, da unser Lob
war gemein allen Zungen, wo kein Land uns nahe lag, es begehrte Sühne
oder es war bezwungen. Reicher Gott! wie wir nach Ehren da rungen!« (I
106a).
Er rügt hiebei die Entartung und Zuchtlosigkeit des jüngeren
Geschlechts. Vormals riethen die Alten und thaten die Jungen. Jetzt
haben die Jungen die Alten verdrungen und spotten ihrer. Junge
Altherren sieht man und alte Jungherren. Und wenn gleich Walther einmal
behauptet: Niemand könne mit Gerten Kindeszucht behärten, wen man zu
Ehren bringen möge, dem sey ein Wort als ein Schlag; so tadelt er doch
anderswo die Väter, daß sie Salomons Lehre brechen, nach welcher den
Sohn versäume, wer den Besen spare (I 106, 126b, 129a).
Unrecht würde dem Dichter geschehen, wenn wir in seinem Lobe der
Vergangenheit und Tadel der Gegenwart die bloße Vorliebe für verlebte
Jugendzeit erblicken wollten. Die gleichzeitigen Geschichtschreiber
sind in vollkommener Uebereinstimmung mit seiner Schilderung des
Zustandes, in welchen Deutschland durch die doppelte Königswahl
versetzt wurde.
»Damals -- sagt der Abt von Ursperg -- fiengen die Uebel an, sich
auf der Erde zu vervielfältigen. Denn es entstand unter den Menschen
Feindschaft, Trug, Untreue, Verrath, womit sie sich gegenseitig
in Tod und Untergang hingeben, Raub, Plünderung, Verheerung,
Landesverwüstung, Brand, Aufruhr, Krieg. Jedermann ist jetzt meineidig
und in die vorbesagten Frevel verstrickt. Wie das Volk, so auch die
Priesterschaft. Die Verfolgung ist so groß, daß Niemand mit Sicherheit
von seinem Wohnort ausgehen kann, auch nur in den nächsten Ort.«
In dem allgemeinen Zwiespalt nahmen auch die Sänger verschiedene Wege.
Wenn Walther von der Vogelweide Philipps Krönung feierte, so geleitet
Wolfram von Eschenbach den Gegenkönig Otto zu seiner Weihe[18].
[18] =Oranse= S. 176b, vgl. =Titurel= Kap. 27 Str. 4096.
Zu den Anhängern Philipps gehörten der Herzog Bernhard von Sachsen,
früher selbst Bewerber um den Thron, und der Erzbischof von
Magdeburg[19]. Nach dem thüringischen Feldzug im Jahr 1204, der sich
mit der Unterwerfung des Landgrafen Hermann endigte, oder als im Jahr
1207 Philipp, mit Otto unterhandelnd, sich in jener Gegend befand[20],
mag es geschehen seyn, daß er die Weihnachten zu Magdeburg feierte.
Walther war bei dieser Feier anwesend, in einem farbenhellen Gemälde,
den altdeutschen auf Goldgrund ähnlich, zeigt er uns den Kirchgang des
Königs mit seiner Gemahlin, der griechischen Irene, und dem Gefolge der
Thüringer und Sachsen.
[19] »_De Saxonia quidem habuit (Philippus)_ Ducem Bernhardum,
_Marchionem Moesiæ et alios principes sæculares potentissimos,
insuper Archiepiscopos_ Magdeburgensem _et Bremensem et
suffraganeos eorumdem_.« Chron. Ursp.
[20] Diese Zeit vermuthet =Köpke= a. a. O. S. 16.
Es gieng ein's Tages, als unser Herre ward geborn
Von einer Magd, die er sich zur Mutter hat erkorn,
Zu Magdeburg der König Philippe schöne.
Da gieng ein's Kaisers Bruder und ein's Kaisers Kind
In =einer= Wat, wie auch der Namen zweene sind;
Er trug des Reiches Zepter und die Krone.
Er trat viel leise, ihm war nicht jach;
Ihm schlich eine hochgeborne Königinne nach,
Rose ohne Dorn, eine Taube sonder Gallen.
=Die= Zucht war nirgend anderswo,
Die Thüringer und die Sachsen dienten da also,
Daß es den Weisen mußte wohl gefallen.
(I 127b)
=Magd=, Jungfrau. =ein's Kaisers Bruder= &c., Philipp war Bruder
Kaiser Heinrichs VI. und Sohn Kaiser Friedrichs I. =Wat=, Gewand.
=Rose ohne Dorn=, =Taube sonder Galle=, Beinamen, die sonst
auch der heiligen Jungfrau gegeben werden. =Zucht=, Hofzucht,
Hofdienst. =den Weisen=, den Kennern.
Dem königlichen Paare, das uns hier im Glanze der Macht und des Glückes
erscheint, sind finstre Geschichten bereitet. Kurze Zeit nachher, 1208,
fällt Philipp durch Mörderhand, und Irene, die Rose ohne Dorn, verwelkt
am Kummer über seinen Tod.
Wir haben die schmerzliche Klage des Dichters über den Verfall
von Deutschland vernommen. Es hat uns daraus eine seiner schönsten
Eigenschaften angesprochen, die Vaterlandsliebe. Dieses edle Gefühl
ist die Seele eines bedeutenden Theils seiner Dichtungen. Ueberall
erregt es ihn zu der lebhaftesten Theilnahme an den öffentlichen
Angelegenheiten. Ihm gebührt unter den altdeutschen Sängern
vorzugsweise der Name des =vaterländischen=. Keiner hat, wie er, die
Eigenthümlichkeit seines Volkes erkannt und empfunden. Wie bitter wir
ihn vorhin klagen und tadeln hörten, mit stolzer Begeisterung singt
er anderswo den Preis des deutschen Landes, vor allen andern, deren er
viele durchwandert:
Ihr sollt sprechen: willekommen!
Der euch Mähre bringet, das bin ich.
Alles, das ihr habet vernommen,
Das ist gar ein Wind, nun fraget =mich=!
Ich will aber Miethe,
Wird mein Lohn halb gut,
Ich mag leichtlich sagen, das euch sanfte thut;
Seht, was man mir Ehren biete!
Ich will deutschen Frauen sagen
Solche Mähre, daß sie desto baß
Sollen aller Welt behagen;
Ohne große Miethe thu' ich das.
Was wollt' ich zu Lohne?
Sie sind mir zu hehr.
Drum bin ich gefüge und bitte sie keines mehr,
Als daß sie mich grüßen schöne.
Ich hab' Lande viel gesehen
Und der besten nahm ich gerne wahr.
Uebel müsse mir geschehen,
Konnt' ich je mein Herze bringen dar,
Daß ihm wohl gefallen
Wollte fremde Sitte!
Was denn hülfe mich, ob ich mit Unrecht stritte?
Deutsche Zucht geht doch vor allen.
Von der Elbe bis an den Rhein
Und herwider bis in Ungerland,
Da mögen wohl die besten seyn,
Die ich irgend in der Welt gekannt.
Kann ich recht schauen
Gut Geläß und (schönen) Leib
So mir Gott! so schwüre ich wohl, daß da die =Weib=
Besser sind, denn anderswo die =Frauen=.
Deutsche Mann sind wohlgezogen,
Gleich den Engeln sind die Weib gethan;
Wer sie schilt, der ist betrogen,
Anders könnt' ich nimmer sein verstahn.
Tugend und reine Minne,
Wer die suchen will,
Der soll kommen in unser Land, da ist Wonne viel;
Lange müsse ich leben darinne!
(I 119b)
=Mähre=, Nachricht, Botschaft. =ein Wind=, ein Nichts. =Miethe=,
Bezahlung, Botenlohn. =sanfte thut=, wohl thut. =Sie sind mir=
&c. vgl. =Nibel.= V. 2240. =dar=, dahin. =Kann ich rechte
schauen= &c. das Benehmen (=Gelässe=) und die Schönheit der
Frauen als Kenner zu beurtheilen, galt für eine schätzbare
Eigenschaft. Vgl. =Nibel.= V. 2385. =Ulr. v. Lichtenst. Frauend.=
S. 20. =Man.= II 24a, 36a. =die Weib=, die Weiber ebenso =Mann=,
Männer. =gethan=, beschaffen. =betrogen=, falsch berichtet.
Dritter Abschnitt.
Walthers Wanderleben. Der Hof zu Thüringen.
Die Hofsänger. Des Dichters Ansichten
von Fürsten und Fürstenräthen, von
Geburt, Freundschaft, Manneswerth. Blicke
in sein Inneres.
Die Sänger jener Zeit waren nothwendig wandernde. Mochten auch die
Herren, welche sich im Liede zur Kurzweile übten, auf ihren Burgen
daheim bleiben: Diejenigen, welche den Gesang zu ihrem Berufe gemacht,
mußten sich auf den Weg begeben. Um Unterhalt und Lohn zu finden,
mußten sie den Höfen und Festlichkeiten gesangliebender Fürsten
nachziehn. War doch der Hof des Kaisers selbst ein wandernder, bald
in dieser, bald in jener Stadt des Reiches sich niederlassend.
Krönungstage, Fürstenversammlungen, Hochzeitfeste, das waren die
Anlässe, bei welchen die Kunst- oder Prunkliebe der Großen sich am
freigebigsten äusserte. War dazumal das gewöhnliche und häusliche Leben
einfach, so waren dagegen festliche und öffentliche Zusammenkünfte
desto glanzvoller.
Auch vom äussern Lohne abgesehen, mußte der Dichter wandern, wenn er
mit den Angelegenheiten der Zeit bekannt werden, wenn er, bei noch
sehr unvollkommenen Mitteln der Verbreitung geistiger Erzeugnisse, sich
selbst Anerkennung, seinem Liede Wirksamkeit verschaffen wollte. Darum
war es den alten Meistern allerdings zu thun. =Reinbot= von =Dorn=, der
die Legende vom h. Georg in Gedicht gebracht hat, spricht die Hoffnung
aus (V. 56-63), daß sein Werk über alle deutschen Lande, von Tirol bis
nach Bremen und von Preßburg bis nach Metz, werde bekannt werden. Auf
der andern Seite wird im =Titurel= (Cap. 4, Str. 542) die Besorgniß
geäußert, daß der Schreiber das Rechte unrichtig machen möchte. Am
sichersten aber wurde die Fälschung vermieden, wenn der Dichter selbst
vortrug. Wollte er versichert seyn, daß seine Tonweise richtig gesungen
werde, wollte er seine eigene Fertigkeit im Gesange geltend machen, so
war ohnehin sein persönliches Erscheinen erforderlich.
So war denn auch Walthers Leben das eines fahrenden Sängers. Er reist
zu Pferde, vermuthlich die Geige mit sich führend[21]. Daß er seine
Lieder selbst vorgetragen, ist aus einigen derselben noch hörbar[22].
Zu Hof und an der Straße läßt er sie ertönen (I 136b). In einem
Morgengebet empfiehlt er sich unter Gottes Obhut, wohin des Landes
er heute reiten möge (I 129a). Er beruhigt seine Geliebte über seine
Abwesenheit:
Meiner Frauen darf nicht werden leid,
Daß ich reite und frage in fremde Land'
Nach den Weiben, die mit Würdigkeit
Leben (der ist viel manche mir bekannt)
Und die schöne sind dazu;
Doch ist ihrer keine,
Weder groß noch kleine,
Der Versagen mir jemals wehe thu'!
(I 118b)
[21] »Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen.«
(W. Hds. S. 170) Daß Walther sich der =Harfe= bedient, ist
aus der Stelle (I 112) vermuthet worden, wo er von der =alten
Lehre= spricht, daß man nicht in der Mühle =harpfen= solle.
Der Ausdruck ist aber, wie der Dichter selbst andeutet,
sprichwörtlich zu verstehen.
[22] In den Anreden: »Ja Herre!« (I 109b 124b) »Herren und Freund'!«
(I 136b)
Er hat der Lande viel gesehen, wie wir zuvor ihn singen hörten. Von der
Elbe bis an den Rhein und wider bis in Ungerland hat er sich umgesehen,
von der Seine bis an die Mur, von dem Po bis an die Drave hat er der
Menschen Weise erkannt (I 131b). Am Hofe von Oesterreich haben wir ihn
zuerst getroffen, am Hofe von Thüringen finden wir ihn jetzt wieder.
=Hermann=, Landgraf in =Thüringen= (von 1195 bis 1215), den sich
Philipp in dem vorerwähnten Feldzuge von 1204 unterworfen[23],
behauptet eine ausgezeichnete Stelle unter den fürstlichen Freunden
der Dichtkunst. Er setzte schon den Meister =Heinrich= von =Veldecke=
in den Stand, seine Aeneide, die ihm neun Jahre lang entwendet war, zu
Ende zu führen. (=Eneidt= V. 13268 ff.) Auf seinen Anlaß bearbeitete
=Wolfram= von =Eschenbach= den Wilhelm von Oranse (H. Georg V. 34 ff.)
und für ihn verdeutschte =Albrecht= von =Halberstadt= die Verwandlungen
Ovids[24]. Vornemlich aber ist er durch den Wettstreit der Sänger an
seinem Hofe zu Wartburg berühmt geworden.
[23] Das politische Gedicht: »Nu soll der Kaiser hehre« &c. (I
136a) ist auf diese Begebenheit bezogen worden. Es ist jedoch
zu bemerken, daß Philipp niemals =Kaiser= war, daß Walther
ihn sonst überall =König= nennt und beiderlei Titel sehr wohl
unterscheidet, z. B. in dem Liede:
Herre =Kaiser=! ihr seyd willekommen,
Des =Königes= Name ist euch benommen &c.
(I 103b)
Bei dem damaligen Wechsel der Parteiung kann jenem Gedichte
leicht ein späteres Ereigniß zu Grunde liegen.
[24] S. den Prolog Albrechts vor =Wickrams= Umarbeitung seiner
Verdeutschung. Frankf. 1581.
Auch in dem Leben und den Liedern unsres Dichters spielt er eine
bedeutende Rolle. Vor 1198 fanden wir diesen in Oesterreich. Alsdann
folgen seine Lieder auf Philipp von Schwaben und es ist nicht
anzunehmen, daß er sich an dem Hofe des Landgrafen werde aufgehalten
haben, so lange dieser Philipps Gegner war. Im Sommer des Jahres 1204
unterwarf sich der Landgraf. Es ist daher ganz nicht unwahrscheinlich,
daß Walthers Aufenthalt an dessen Hofe um das Jahr 1207 stattgefunden,
in welches der Krieg auf Wartburg, worin Walther auftritt, von den
thüringischen Chroniken gesetzt wird.
Dieser Wettstreit, den das vielbesprochene Gedicht in der Manessischen
Sammlung (II 1-16) in Wechselgesang, mit untermengter Erzählung,
darstellt, hat zunächst das Lob milder Fürsten zum Gegenstand. Heinrich
von Ofterdingen erhebt den Herzog von Oesterreich, ihm treten Wolfram
von Eschenbach und Andre entgegen, die den Landgrafen von Thüringen
verherrlichen. Walther von der Vogelweide zeigt sich anfangs ungehalten
auf Oesterreich und giebt dem König von Frankreich vor allen Fürsten
den Preis. Nachher bereut er, daß er sich von dem Oesterreicher
losgesagt, den er jetzt der =Sonne= vergleicht; allein über die Sonne
noch stellt er den =Tag=: Hermann von Thüringen. Von sich selbst
meldet er, wie er zu Paris gute Schule gefunden, zu Konstantinopel,
zu Baldach, zu Babylon Kunst und Weisheit erlernt habe. Hieraus ist
wenigsten ersichtlich, daß Walther dem Verfasser des Gedichts für
einen weitgereisten und in die Tiefen der Kunst eingeweihten Meister
gegolten habe. Das Gedicht, so wie es vorliegt, hat aber wohl nicht
den Wolfram von Eschenbach, dem man es zugeschrieben, sondern einen
spätern mainzischen Meister zum Verfasser, wenn gleich Ueberlieferung
und ältere Lieder zu Grunde liegen.
Wenden wir uns zu Walthers eigenen Aeusserungen über sein Verhältniß
zu dem Hofe von Thüringen, so ist dasjenige seiner Lieder zuerst
auszuheben, mit welchem er sich dem Landgrafen erst zu nähern scheint.
Er fordert Jeden auf, der an des edeln Landgrafen Rathe sey, Dienstmann
oder Freier, den jungen Fürsten um Eines zu mahnen und zwar so,
daß er, der Dicher, den Erfolg davon spüre. Drei Tugenden werden
an dem Landgrafen gerühmt: er sey milde, stet und wohlgezogen. Aber
eine vierte noch würde ihm wohl anstehen, die nemlich: daß er nicht
säumig sey (I 106a). Der Dichter mochte damit den Wunsch ausdrücken,
baldmöglich von dem Landgrafen beschenkt oder in dessen Dienst
aufgenommen zu werden.
In einem weitern Liede (I 133b) finden wir ihn dieses Wunsches gewährt.
Er freuet sich, des milden Landgrafen =Ingesinde= zu seyn. Es ist seine
Sitte, daß man ihn immer bei den Theuresten finde. Die andern Fürsten
alle sind anfangs milde, aber sie bleiben es nicht so stetiglich. Der
Landgraf war es ehe und ist es noch, darum kann er besser, denn sie,
der Milde pflegen. Das Lied schließt mit den schönen Worten:
Wer heuer schallet und ist hin zu Jahre böse, als eh',
Des Lob grünet und salbet, wie der Klee.
Der Thüringer Blume scheinet durch den Schnee,
Sommer und Winter blühet sein Lob, wie in den ersten
Jahren[25].
=schallet=, pochet, pranget. =hin zu Jahre=, über's Jahr. =als eh'=,
wie vorher.
[25] Im =Titurel=, wo des Landgrafen Hermann mehrmals rühmliche
Erwähnung geschieht, heißt es von ihm (Kap. 7):
Hermann von Thüringen Ehre
Pflag weiland, die muß immer Preises walten &c.
Wünschenswerth allerdings mag das Leben an des Landgrafen Hofe gewesen
seyn. Der Dichter giebt eine sehr anschauliche Schilderung von diesem
Hofhalt, woraus zu entnehmen ist, daß man dort wenig von der schlimmen
Zeit verspürte:
Wer in den Ohren siech, wer krank im Haupte sey,
Das ist mein Rath, der lasse den Hof zu Thüringen frei;
Kommt er dahin, fürwahr er wird erthöret.
Ich habe gedrungen, bis ich nicht mehr dringen mag;
Eine Schaar fährt aus, die andre ein, so Nacht als Tag,
Groß Wunder ist, daß Jemand da noch höret.
Der Landgrafe ist so gemuth,
Daß er mit stolzen Helden seine Habe verthut,
Der jeglicher viel wohl ein Kämpfe wäre.
Mir ist seine hohe Art wohl kund,
Und gälte ein Fuder gutes Weines tausend Pfund,
Da stünde doch nimmer Ritters Becher leere.
(W. =Hds.= S. 170)
=erthöret=, betäubt. =Kämpfe=, Kämpe, ein Solcher, der besonders
aufgestellt ist, eine Sache im Zweikampf auszufechten, also ein
auserwählter, vorzüglicher Streiter.
Manch unnützen Gesellen mußte die Gastfreiheit dieses Hofes anziehen.
=Eschenbach= rügt dieses in seinem =Parcifal= V. 8856 ff.[26], mit
Beziehung auf ein nicht mehr vorhandenes Lied unsres Dichters:
Von Thüringen Fürsten Hermann!
Etlich dein =In=gesinde ich maß,
Das =Aus=gesinde hiesse baß.
Dir wär' auch eines =Kaien= noth,
Seit wahre Milde dir gebot
So manigfalten Anehang,
Hier ein schmählich Gedrang
Und dort ein werthes Dringen.
Drum muß Herr =Walther= singen:
»=Guten Tag, Böse und Gut!=«
Wo man solchen Sang nun thut,
Des sind die Falschen geehret.
=Kaie= hatt's ihn nicht gelehret,
Noch Herr =Heinrich= von =Rispach= &c.
[26] Aus demselben Gedicht V. 19097 f. erhellt, daß damals Thüringen
auch für das Vaterland neuer Tanzmusik galt.
=Kaie= ist des Königs Artus strenger und mürrischer Seneschall,
der solchem Unwesen, nach =Eschenbachs= Ausdruck, schärfer
war, denn der Biene Stachel. =Gedrang=, Gedränge, Zudrang. =Die
Falschen=, die Schlechten. =Heinrich von Rispach=, vielleicht der
=tugendhafte Schreiber=, der im Wartburger Kriege auftritt und
dessen Gedichte =Man.= II 101 ff. aufbewahrt sind, der _Henricus
Notarius_, _H. Scriptor_, welcher in thüringischen Urkunden von
1208-1228 vorkömmt. =Mus.= I 173.
Ein wunderlicher Mann, mit Namen =Gerhard Atze=, scheint der freudigen
Gesellschaft am thüringischen Hofe zur Zielscheibe ihres Witzes gedient
zu haben. Ihm hat Walther zwei Gedichte gewidmet. Das eine (I 105a) ist
durch persönliche Anspielung räthselhaft. Das andre (I 113a) betrifft
einen scherzhaften Rechtsstreit. Der merkwürdige Fall ist dieser: Herr
Gerhard Atze hat dem Dichter zu Eisenach ein Pferd erschossen. Walther
klagt auf Entschädigung: das Pferd war wohl dreier Marke werth. Gerhard
Atze weicht aber damit aus, daß er behauptet: das getödtete Pferd sey
dem Rosse blutsverwandt, das einst ihm, dem Beklagten, den Finger zu
Schande gebissen. Dagegen erbietet sich Walther, mit beiden Händen zu
beschwören, daß die Pferde einander nicht befreundet waren, und er ruft
auf, wer ihm =staben=, d. h. den Eid abnehmen wolle?
Ein Kampfgenosse des Landgrafen Hermann in dessen Fehde mit König
Philipp war der Graf von =Katzenellenbogen=, Wilhelm II., zugenannt
der =Reiche=[27]. Derselbe mag es seyn, von dem unser Dichter singt.
Walther ist dem =Bogener= hold, ganz ohne Gabe und ohne Sold (I 127a).
Doch der Graf versteht, er beschenkt den Sänger mit einem Diamant.
Dafür preist ihn dieser als der schönsten Ritter einen. Nicht nach dem
Scheine lobt er die Schönheit; =milder= Mann ist schön und wohlgezogen,
man soll die innre Tugend nach aussen kehren, dann ist das äussre Lob
nach Ehren, wie des von =Katzenellenbogen=. (=Ebd.=)
[27] =Dilich=, Hessische Chronik 1606 Thl. I S. 33
So wird gewöhnlich der Fürst, dem der Dichter sich nähern will, zuerst
mit einem Liede ausgeforscht. Ist der Erfolg entsprechend, dann ertönt
auch das vollere Lob.
Von einer großen, zarter oder unzarter sich äussernden Begehrlichkeit
können die Hofsänger damaliger Zeit nicht freigesprochen werden.
Sie versäumen keinen Anlaß, sich zu milder Gabe zu empfehlen. Ihre
zahlreichen Lobgedichte sind überall darauf berechnet. Die =Milde= d.
h. die Freigebigkeit, ist ihnen der Fürsten erste Tugend[28]. Wo ihnen
nicht willfahrt wird, machen sie ihr Lied zur Waffe des Tadels und des
Spottes. Sie werfen dem unmilden Herrn einen Stein in den Garten und
eine Klette in den Bart[29].
[28] Das Gedicht vom Kriege auf Wartburg erhebt diese fürstliche
Tugend zum vorzüglichen Gegenstand des Wettgesangs. Der
=Tanhuser=, um die Mitte des 13. Jahrh., mustert in einem
besondern Gedichte (=Man.= II 64) die Fürsten seiner und der
nächst vorhergegangenen Zeit nach eben dieser Beziehung.
[29] Damit droht der =Mysner= (DXCVI). Mit dem Verfalle der
Kunst nimmt die Gemeinheit zu. Sie werden trotziger und
niederträchtiger zugleich. Dem Kargen, der sich selbst
bedürftig stellt, wünscht der =Unverzagte= (III), daß seine
Hand eines fremden Mannes Kleid auf seines Weibes Bette
finden möge. Der =Urenheimer= (CCVI) sagt gerade heraus:
»also man den Meister lohnet, also wischet er das Schwerdt.«
=Rumelant von Schwaben= (CCCLXXXI) verhehlt nicht, daß er
mit seinen Lobliedern gelogen habe. Doch hat ihm ein weiser
Prediger gesagt, daß hübsche Lüge nicht große Sünde sey. Der
=Unverzagte= (XIX) äussert noch: »Man soll gnädige Heilige fern
in fremden Landen suchen, so such' ich werthe Leute, die ihr
Gut mit Ehren zehren. Welcher Herr mir Gnade thut, der soll
mein Lob hinnehmen. Sie sind heilig, die mir geben um Gottes
und der Ehre willen. Die =lebenden= Heiligen müssen selig
seyn!«
Noch ziemlich gelinde scherzt der Unsrige über die unwirthliche
Aufnahme, die er in der bairischen Abtei =Tegernsee= gefunden. Es war
ihm viel von dieses Hauses Ehre gesagt worden. Deshalb ritt er einst,
um dahin zu kommen, mehr denn eine Meile abseits der Straße. Aber
vergeblich war seine Hoffnung auf einen guten Klostertrunk:
Ich nahm da Wasser,
Also nasser
Mußt' ich von des Mönches Tische scheiden.
(I 113a)
Geld, Auslösung der für Zehrung versetzten Pfänder, Pferde, Kleider,
waren der Lohn, der den Sängern von ihren Gönnern zu Theil wurde.
Walther sagt von einer schönen Frau, sie habe ein werthes Kleid
angezogen: ihren reinen Leib. Sie sey ein wohlgekleidet Weib. Getragene
Kleider hab' er nie genommen[30], dieses nähm' er für sein Leben gerne.
Der Kaiser würde dieser Frau Spielmann um so reiche Gabe (I 121b).
[30] So sagt auch der von =Buwenburg= (II 181a):
Wer getragener Kleider gehrt,
Der ist nicht Minnesanges werth.
Herrn =Geltar= dagegen (oder =Gedrut=, =Pf. Hds.= 357
Bl. 24b) ist es noth nach =alter Wat= (II 119b). Auch der
=Chanzler= zeigt sich lüstern nach =reicher Herren alter
Wat= (II 246b).
Wenn übrigens auch unser Dichter in diesem Werben um Gunst und Gabe
der Fürsten dem Gebrauche der Zeit und dem äussern Bedürfnisse gefolgt
ist, so muß doch auf der andern Seite anerkannt werden, nicht bloß daß
er jene Tugend der Milde auf wahrhaft dichterische Weise gepriesen,
sondern auch, daß er darüber das Höhere nicht aus den Augen gesetzt,
vielmehr mitten im Getrieb der Höfe sich einen freien Blick und einen
würdigen Sinn erhalten. Es erscheint angemessen, jetzt auch diese
edlere Seite herauszuheben.
Nicht die bloße Freigebigkeit ist es, darum er die Fürsten in Anspruch
nimmt, weit umfassender hat er den Kreis ihrer Pflichten erkannt:
Ihr Fürsten tugnet eure Sinne mit reiner Güte,
Seyd gegen Freunde sanfte, gegen Feinde traget Hochgemüthe,
Stärket Recht, und danket Gott der großen Ehren,
Daß mancher Mensch seinen Leib, sein Gut muß euch zu Dienste
kehren!
Seyd milde, friedebar, laßt euch in Würde schauen!
So loben euch die reinen süßen Frauen.
Scham, Treue, ehrebringende Zucht sollt ihr gerne tragen!
Minnet Gott und richtet, was die Armen klagen!
Glaubt nicht, was euch die Lügenere sagen,
Und folget gutem Rathe, so möget ihr im Himmelreiche bauen!
(I 132b)
=tugnet=, machet tüchtig, veredlet. =minnet=, liebet; =Minne= ist
Liebe in jeder Bedeutung. =bauen=, wohnen, dereinst Bürger des
Himmelreichs werden.
Noch in andern Liedern warnt er die Fürsten vor falschem Rathe. Er will
sie lehren, wie sie jeglichen Rath wohl mögen erkennen. Der guten Räthe
sind drei, drei böse stehen zur linken Hand dabei. =Frommen=, =Gottes
Huld= und =weltliche Ehre=, das sind die guten. Wohl ihm, der diese
lehret! den möchte ein Kaiser nehmen an seinen höchsten Rath. Die drei
bösen heißen: =Schade=, =Sünde= und =Schande= (I 105b).
Besonders wird Derjenige, wes Standes er sey, für einen Schalk erklärt,
der seinen Herren lehre, zu lügen oder das Angelobte nachher zu
versagen, und der so die Biedern schamlos mache:
Erlahmen müssen ihm die Beine, so er sich zu dem Rathe biege!
Sey aber er so hehr, daß er dazu sitze,
So wünsche ich, daß sein' ungetreue Zunge müsse erlahmen.
(I 130b)
Die Herren selbst, welche so durch glänzende Versprechungen täuschen,
vergleicht Walther den Gaucklern, die unter dem Hute jetzt einen wilden
Falken, jetzt einen stolzen Pfau, jetzt gar ein Meerwunder vorweisen,
am Ende aber ist es weiter nichts, als eine Krähe. Wär' ich dir
stark genug, ruft er solchem Gauckler zu, ich schlüge dir die falsche
Gauckelbüchse an dein Haupt (I 132b).
Der Umgang mit den Mächtigen hat das Urtheil des Dichters über die
wahren Vorzüge der Menschen keineswegs getrübt. Er sucht diese nicht in
der Geburt. Kräftig spricht er sich über den Ursprung aller Sterblichen
aus gleichem Lehm und über ihre Gleichheit vor dem höchsten Herren aus:
Wer ohne Furcht, o Herr Gott!
Will sprechen deine zehn Gebot',
Und brichet die, das ist nicht wahre Minne.
Dich heisset =Vater= Mancher viel,
Der mich zum =Bruder= doch nicht will;
Der spricht die starken Wort' aus schwachem Sinne.
Wir wachsen all' aus gleichem Dinge,
Speise frommet uns, sie wird ringe,
So sie durch den Mund hin fährt.
Wer kann den Herren von dem Knechte scheiden,
Der ihr Gebeine bloßes fünde,
(Hatt' er gleich der Lebenden Kunde,)
So Gewürme das Fleisch verzehrt?
=Ihm= dienen Christen, Juden und Heiden,
Der alle lebende Wunder nährt.
(I 128b)
Der Teufel, wenn er sichtbar daher käme, sagt Walther ein andermal,
wäre mir nicht so verwünscht, als des Bösen böser Sohn. Von der Geburt
kommt uns weder Frommen noch Ehre (I 129a).
Die erworbenen, selbstverdienten Freunde zieht er den angebornen, den
=Magen=, vor:
Mann, hochgemagt, an Freunden krank,
Das ist ein schwacher Habedank;
Baß hilfet Freundschaft ohne Sippe.
Laß Einen seyn geborn von Königes Rippe,
Er habe denn Freunde, was hilfet das?
=Magschaft= ist selbstgewachs'ne Ehre,
So muß man Freunde verdienen sehre.
=Mag'= hilfet =wohl=, =Freund= vieles =baß=.
(I 126b)
=hochgemagt=, der hohe Magen, Blutsverwandte, hat. =krank=,
schwach, arm. =Habedank=, Entgelt, Ersatz. =So=, den Gegensatz
bezeichnend. =verdienen=, durch Dienst, mühsam erwerben.
Den wahren Werth des Mannes begründen ihm drei Eigenschaften:
=Kühnheit=, =Milde=, besonders aber =Treue=. An Weibes Lobe, meint er,
stehet wohl, daß man sie =schön= heiße. Manne stehet es übel, es ist
zu weich und oft zum Hohne. =Kühn= und =mild= und daß er dazu =stete=
sey, so ist er viel gar gelobt. Ihr müsset =in= die Leute sehen, wollt
ihr sie erkennen; Niemand soll aussen nach der Farbe loben (I 134a).
Gewissen Freund, versuchtes Schwerdt, soll man zu Nöthen sehen (I
131b)[31].
[31] Die =Pf. Hds.= 357 Bl. 20 hat das Lied, welches mit diesem
Satze schließt, unter denen des Truchs. von St. Gallen.
»Getreuer Freund, versuchtes Schwerdt, die zweene sind in
Nöthen gut!« sagt auch =Bruder Werner= (LVIII). Die Rede
ist sprichwörtlich, wie jenes Lied selbst andeutet. Walther
läßt zuweilen ein Sprichwort (=ein alt gesprochen Wort=, wie
=Ulrich v. Winterstetten= sich ausdrückt, =Benecke's= Ergänz.
S. 220. Vgl. _Fragm. de bell. Carol. M. contr. Sarac. v.
1011._) einfließen, als: »In der Mühle harpfen.« (I 122) (Vgl.
=Freigedank=, V. 1559 f.) »Guter Mann ist guter Seiden werth.«
(I 115a) »Sind je doch Gedanken frei.« (I 121b) Vgl. =Dietmar=
von =Ast=: »Gedanken, die sind ledig frei.« (I 40a)
Ihm grauset, wenn ihn die Lächler anlachen, denen die Zunge honiget und
das Herz Galle hat. Freundes Lächeln soll seyn ohne Missethat, lauter
wie das Abendroth, das liebe Mähre kündet. Wes Mund mich trügen will,
der habe sein Lachen hin! Von dem nähme ich ein wahres =Nein= für zwei
gelogene =Ja= (I 131a).
Gott, der ein rechter Richter heißet in der Schrift, sollte das
geruhen, daß er die Getreuen von den Falschen schiede; hienieden
noch, denn jenseits werden sie wohl gesondert. Gerne sähe ich an ihrer
Etlichem ein Schandenmal, der sich dem Manne windet aus der Hand, recht
wie ein Aal. O weh! daß Gott nicht zorniglich an denen wundert! Wer
mit mir fährt von Hause, der fahr' auch mit mir heim! Des Mannes Muth
soll fest seyn, als ein Stein, an Treue grad und eben, wie der Stab am
Pfeile (=W. Hds.= S. 151).
So streng der Dichter hier und anderwärts gegen Alles eifert, was
er für schlecht erkannt hat, so scharf er auch zu spotten versteht,
so erscheint dennoch sein Innerstes ungemein weich und milde. In
sittlicher Beziehung zeichnet ihn das Zartgefühl, ja die Aengstlichkeit
aus, womit er vorzubeugen sucht, daß sein Straflied nicht mit dem
Schuldigen zugleich den Unschuldigen verletze (z. B. I 107b 6, 120b
3). Er ist den Bösen versöhnlich, wenn sie sich bessern wollen (I 115b
4). Er duldet manche Unfuge, obwohl er sich rächen könnte (I 121b 2).
Denen, die im Winter ihm Freude benommen, wünscht er doch, daß die
Sommerzeit ihnen wohl bekommen möge. Er kann nicht fluchen, als das
üble Wort: =unselig=! das wär' aber allzuviel (I 136b 3),
Seine gedrückte Lage, seine Abhängigkeit von der Gunst oder Ungunst
Andrer, hat ihn eingeschüchtert und er lebt sein wahrstes Leben nur in
der Einsamkeit und Heimlichkeit des Gemüths. Er hütet sich, daß nicht
die Leute sein verdrieße, mit den Frohen ist er froh und lacht ungerne,
wo man weinet (I 117a 1). Er ist unschädlich froh, daß man ihm wohl
zu leben gönne. Heimlich steht sein Herze hoch (I 114a 3). Er scheut
sich froh zu seyn, wenn es nicht Andre mit ihm sind, damit er nicht ihr
Fingerzeigen leide (I 140a 1 v. u.) So verhehlt er auch sein Leid und
stellt sich freudenreich (I 140b 2 v. u.); damit hat er oft sich selbst
betrogen und um der Welt willen manche Freude erlogen, dieß Lügen war
aber löblich (I 139b 2).
Seiner selbst mächtig zu seyn, gilt ihm für eine vorzügliche Tugend:
Wer schlägt den Löwen? wer schlägt den Riesen?
Wer überwindet jenen und diesen?
Das thut Jener, der sich selber zwinget.
(I 127a)
Vierter Abschnitt.
Otto IV. und Friedrich II. Walther empfängt
ein Reichslehen. Der Truchseß von Singenberg.
Nach dem Tode Philipps von Schwaben wurde Otto von Braunschweig
allgemein als König anerkannt. Um sich der Anhänger des
hohenstaufischen Hauses zu versichern, beschloß er, sich mit Philipps
verwaister Tochter Beatrix zu verloben. Auf der Fürstenversammlung
zu Würzburg, 1209, empfieng Beatrix, von den Herzogen Leopold von
Oesterreich und Ludwig von Baiern eingeführt, des Königs Kuß und
Ring. Das Hinderniß der Verwandtschaft hatte der Pabst, auf den
hohenstaufischen Friedrich in Sicilien argwöhnisch, gerne gehoben.
Doch blieb die Vermählung ausgesetzt. Otto trat den Römerzug an und
wurde im Weinmond 1209 von Innocenz III. als Kaiser gekrönt. Die
Ansprüche der päbstlichen und der kaiserlichen Gewalt, der =Platte=
und der =Krone=[32], waren sich aber zu sehr entgegengesetzt, als
daß jemals ein gutes Vernehmen in die Dauer bestanden hätte. Die von
Otto vorgenommene Herstellung der Reichsrechte in Italien war der
Anlaß, daß sein bisheriges Einverständniß mit Innocenz sich in heftige
Zwistigkeiten auflöste. Weil Otto befürchten mußte, daß der Pabst
ihm in dem jungen Friedrich von Sicilien einen Gegenkönig aufstellen
würde, brach er mit Heeresmacht in Apulien ein. Dagegen warf Innocenz
auf ihn den Bannstral und erweckte in Deutschland durch den Erzbischof
von Mainz eine Partei für den sicilischen Friedrich. Der König von
Böhmen, die Herzoge von Oesterreich und von Baiern, der Landgraf von
Thüringen und viele Andre erklärten den für den rechten König, dem man
einst Treue geschworen, als er noch in der Wiege lag. Es wurden Boten
abgeschickt, um Friedrichen nach Deutschland einzuladen.
[32] So bezeichnet =Reinmar d. Alte= (=Man.= I 80b) die geistliche
und die weltliche Macht.
Otto, der in Apulien große Fortschritte gemacht hatte, sah sich
jetzt genöthigt, nach Deutschland zurückzukehren. Er beschleunigte
seine Vermählung mit Beatrix, aber diese starb am vierten Tage nach
der Hochzeit, und nun verließen auch die schwäbischen und bairischen
Vasallen sein Heer.
Während er in Thüringen den Landgrafen, seinen vormaligen Anhänger,
bekriegte, im Sommer 1212, kam Friedrich, jetzt fünfzehn Jahre alt,
vom Segen des Pabstes begleitet, nach Ueberstehung großer Gefahren und
Mühseligkeiten, über das unwegsamste Alpgebirge zu Chur in Rhätien
an. Der dortige Bischof und der Abt von Sankt Gallen geleiteten ihn
nach Konstanz. Zu gleicher Zeit erschien am andern Ufer des Sees, zu
Ueberlingen, Otto mit seinem Heer. Aber von Vielen verlassen, konnte
dieser sich nicht mit seinem Gegner messen. Friedrich begab sich nach
Basel, unter dem Beistand des Grafen von Kiburg und Andrer, denen er
freigebig Lehen ertheilte. Von da zog er mit stets wachsendem Anhang
den Rhein hinab. Otto mußte nach Sachsen entweichen und Friedrich
empfieng auf dem Hoftage zu Mainz die Huldigung der Fürsten. Zu
Frankfurt traf der Landgraf Hermann von Thüringen zu ihm. Friedrich
ritt diesem Fürsten mit großem Gefolg entgegen, umarmte ihn, nannte ihn
seinen Vater und führte ihn auf das ehrenvollste in die Stadt.
Auf welchem Wege Walther von der Vogelweide dem neuen Könige nahe
gekommen seyn mag, wir treffen ihn jetzt, wie er in zwei Liedern
zwischen Friedrich und Otto Vergleichung anstellt.
In dem einen versichert er spottweise: Herr Otte werde ihn noch reich
machen. Ein Vater hat weiland seinem Sohne die Lehre gegeben: dem
bösesten Manne zu dienen, damit der beste ihm lohne. Walther ist der
Sohn, Otto ist der böseste Mann, denn so recht bösen Herrn hat der
Dichter nie gehabt, König Friedrich aber ist der beste, der nun lohnen
wird (I 130a). Es erhellt aus diesem Liede, daß Walther zuvor auch
Ottos Dienste nachgezogen.
Otto IV., stolz und kriegerisch, dabei allzu sehr von Geld entblößt,
war freilich nicht der Mann nach dem Sinne der begehrlichen
Sänger[33]. Auch finden wir ihn nirgends unter den Beförderern des
Gesanges aufgeführt. Friedrich II., dessen Vortheil es mit sich
brachte, gefällig und freigebig aufzutreten, mußte unsrem Dichter um
so mehr zusagen, als sich dieser vorher schon als einen Freund des
hohenstaufischen Hauses gezeigt hatte.
[33] Auf ihn und seine Sparsamkeit zielt vielleicht auch das weitere
Spottgedicht Walthers: »Der König, mein Herre &c.« (I 130a).
Noch anschaulicher, als in dem vorerwähnten Liede, mißt Walther in
dem nachstehenden die beiden Könige mit dem Maßstab der Milde gegen
einander ab und zeigt, wie der junge Friedrich seinem Gegner über
das Haupt gewachsen sey. Zum Verständniß dieses Gedichts muß bemerkt
werden, daß Otto durch hohen Wuchs ausgezeichnet war. Der Abt von
Ursperg führt sogar Ottos Stärke und hohe Gestalt als einen Grund an,
der die Fürsten bewogen habe, ihn zum Throne zu berufen[34].
[34] »-- _pro eo, quod superbus et stultus, sed fortis videbatur
viribus, et statura procerus_.« Chron. Ursp. Der Verfasser
dieser Chronik ist ein eifriger Anhänger der hohenstaufischen
Partei.
Ich wollte Herrn Otten Milde nach der =Länge= messen,
Da hatt' ich mich an der Maße ein Theil vergessen,
Wär' er so mild, als lange, er hätte der Tugend viel
besessen.
Viel schiere maß ich ab den Leib nach seiner =Ehre=,
Da ward er viel gar zu kurz, wie ein verschroten Werk,
Mildes Muthes minder viel, denn ein Gezwerg,
Und ist doch von den Jahren, daß er nicht wachset mehre.
Da ich dem Könige brachte das Maß, wie er aufschoß!
Sein junger Leib ward beides: stark und groß.
Nun seht, was er noch wachse erst jetzo über ihn wohl
riesengroß! (I 130a)
=schiere=, bald, schleunig. =verschroten=, verhauen. =Werk=, irgend
eine Kunstarbeit, eine Waffe &c.
Dießmal aber ist es dem Dichter nicht um bloße Hofgunst, nicht um
ein Geschenk an Geld oder Kleidern zu thun. Er ist des irren Lebens
müde, ein Heimwesen soll ihm die Huld des Königs begründen. Lange
genug ist er Gast gewesen, er sehnt sich darnach, Wirth zu heißen. Ein
Reichslehen, wie wir bald sehen werden, ist es, worauf er abzielt:
=Seyd willekommen, Herre Wirth=! dem Grusse muß ich
schweigen.
=Seyd willekommen, Herre Gast=! da muß ich sprechen oder
neigen.
=Wirth= und =heim= sind zween unschämeliche Namen.
=Gast= und =Herberge= muß man sich viel ofte schamen.
Noch müsse ich erleben, daß ich den Gast auch grüsse,
So daß er mir, dem Wirthe, danken müsse!
=Seyd heutnacht hie, seyd morgen dort=! was Gauckelfuhre
ist das!
=Ich bin heim oder ich will heim=, das tröstet baß.
=Gast= und =Schach= kommt selten ohne Haß:
Herre! büsset mir des Gastes, daß euch Gott des Schaches
büsse. (I 131b)
=Wirth=, Hausherr, Bewirther. =da muß ich sprechen= &c., auf
solchen Gruß muß ich antworten oder mich dankend verneigen.
=unschämeliche=, deren man sich nicht zu schämen hat. =schamen=,
schämen. =Gauckelfuhre=, Gauckelwesen, Gauckelei. =Schach=, das
Schachbieten. Das Gegenüberstehn der beiden Könige, Friedrich und
Otto, wird dem Schachspiele (worauf Walther auch sonst anspielt,
I 137a 138b) verglichen. Der Dichter wünscht dem Erstern, daß ihn
der Letztere nicht in Schach setze. =kommt selten ohne Haß=, wird
selten gerne gehört. =büsset mir= &c., erlöset mich &c.
Noch dringender spricht der Dichter sein Anliegen mit Folgendem aus:
Von Rome Vogt, von Pulle König! laßt euch erbarmen,
Daß man bei reicher Kunst mich lässet also armen![35]
Gerne wollte ich, möchte es seyn, bei eigenem Feuer
erwarmen.
Ahi! wie ich dann sänge von den Vögeleinen,
Von der Heide und von den Blumen, wie ich weiland sang!
Welch schönes Weib mir gäbe dann ihr =Habedank=,
Der ließe ich Lilien und Rosen aus dem Wänglein scheinen.
Nun reite ich früh und komme nicht heim; =Gast=, weh dir,
weh!
So mag der =Wirth= wohl singen von dem grünen Klee.
=Die= Noth bedenket, milder König, daß =eure= Noth
zergeh'! (I 131a)
[35] »Soll ich so bei reicher Kunst verarmen und
verderben!«
=Der Mysnere.= (DXCIV)
=Von Rome Vogt=, häufig vorkommende Benennung der römischen Kaiser
oder Könige. =Pulle=, Apulien, das jetzige Königreich Neapel.
=Heide=, Aue.
Die Lieder rühren des Königes Herz. Der Wunsch ist erfüllt. Hören wir
des Dichters Freude!
Ich hab' mein Lehen, all die Welt! ich hab' mein Lehen!
Nun fürchte ich nicht den Hornung an die Zehen
Und will alle böse Herren desto minder flehen.
Der edle König, der milde König, hat mich berathen,
Daß ich den Sommer möge Luft, den Winter Hitze han.
Nun dünke ich meinen Nachbarn vieles daß gethan
Sie sehen mich nicht mehr an in Unholds Weise, wie sie
weiland thaten.
Ich bin zu lange arm gewesen, ohne meinen Dank,
Ich war so voller Scheltens, daß mein Athem stank,
Den hat der König gemachet rein und dazu meinen Sang.
(I 150b)
=den Hornung &c.= die Winterkälte, das Erfrieren der Zehen. =baß
gethan=, Comparativ von =wohl-gethan=, wohlgemacht, schön. =ohne
meinen Dank=, wider meinen Willen. =Ich war so= &c. Der Dichter
drückt aus, wie anhaltendes Ungemach ihn menschenfeindlich
gemacht und sein Lied verbittert. Die frohere Stimmung wird jetzt
auch seinen Gesang freundlicher machen.
Noch ein andres Lied, dessen wir früher schon zu erwähnen hatten,
feiert den glücklichen Wechsel des Schicksals. Wir sehen hier den
Sänger mit der Geige, eine Tanzweise aufspielend:
Da Friedrich aus Oesterreiche also warb,
Daß er an der Seele genas und ihm der Leib erstarb,
Da führt' er meiner Kraniche Tritt in die Erde.
Da gieng ich schleichend wie ein Pfau, wohin ich gieng.
Das Haupt mir nieder bis auf meine Kniee hieng:
Nun richt' ich es auf nach vollem Werthe.
Ich bin wohl zu Feuer kommen,
Mich hat das Reich und auch die Kron' an sich genommen.
Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen!
Mir ist meiner Schwere Buß',
Erst will ich eben setzen meinen Fuß
Und wieder in ein Hochgemüthe steigen.
(W. =Hds.= S. 170)
=Da führt' er= &c. da macht' er, daß ich meine =Kraniche=,
Schnabelschuhe, nachdenklich in die Erde drückte. =nach vollem
Werthe=, mit vollem Rechte. =meiner Schwere Buß'=, meiner Noth
Erleichterung. =eben setzen=, das Gegentheil des vorigen =in die
Erde führen=.
Diese Liederreihe dürfen wir nicht verlassen, ohne ein Gedicht des
Sankt Gallischen Truchsessen von =Singenberg=[36] anzuführen, das einem
der vorstehenden nachgebildet ist und sich auf dasselbe bezieht. Wie
dort Walther den Vogt von Rom und König von Apulien anruft, so hier der
Truchseß den Vogt der Welt und König des Himmels. Der Truchseß stellt
dem mißlichen Loose Walthers sein eigenes behagliches und unabhängiges
Leben gegenüber und bittet Gott, ihm dieses zu erhalten:
[36] Ein Truchseß =Ulrich= von Singenberg erscheint in Sankt
Gallischen Urkunden von 1219 und 1228 v. =Arx= I 458, 459.
=Ulrich= hieß auch, nach Tschudy, der Letzte des Geschlechts,
der um 1267 starb. »_Obitus_ Rudolfi _Dapiferi militis de Eggon
inter Blidegge et Singinberc_« kömmt in dem 1272 geschriebenen
_Necrolog. Tuifburg._ (Goldast, _Script. Rer. Alam. T. I p.
100_) vor. -- In dem scherzhaften Gespräche zwischen Vater und
Sohn, welches sich unter den Liedern des Truchsessen von St.
Gallen (=Pf. Hds.= Nr. 357 Bl. 18b) findet, wird der Sohn:
=Rüdelin=! angeredet.
Der Welte Vogt, des Himmels König! ich lob' euch gerne,
Daß ihr mich habt erlassen, daß ich nicht lerne,
Wie Dieser und Der an fremder Statt zu meinem Gesange
scherne.
Mein Meister klaget so sehre =von der Vogelweide=,
Ihn zwinge dieß, ihn zwinge das, das mich noch nie bezwang;
Das machet, daß ich mich so kaume von dem Meinen scheide,
Mir geben denn hohe Herren und ein schönes Weib ihr Habedank.
So reite ich spät und komme doch heim; mir ist nicht zu weh,
Da singe ich von der Heide und von dem grünen Klee.
Das stetet ihr mir, milder Gott, daß es mir nicht zergeh'!
(W. =Hds.= S. 149)[37]
=an fremder Statt=, an fremdem Orte. =scherne=, blicke, drein
schaue, urtheile. =zwinge=, quäle. =so kaume= &c. nicht leicht
mein Heimwesen verlasse. =stetet=, erhaltet, festigt.
[37] In der =Maness.= Samml. I 154a ist die Reimstellung des Lieds
auf die Form des Gedichts von Walther zurückgeführt, welchem
jenes nachgebildet ist.
Fünfter Abschnitt.
Walthers Minnesang.
Walther hat den König versichert, wenn er seines Wunsches gewährt, wenn
ihm eine Heimath geschaffen würde, dann wollte er singen von Vögelein,
von der Heide, von Blumen und von schönen Frauen. Er bezeichnet damit
die Bestandtheile des Minnesangs und giebt uns Anlaß, nunmehr seine
eigentlichen Minnelieder zu betrachten.
Wir finden denn auch bei ihm jene bekannten Gattungen und Formen des
Minnelieds: spielende Wonne und sehnendes Leid in Sommer und Winter,
dienstliches Werben, Gespräch zwischen Ritter und Frau, Meldung des
Boten, Trennung der Liebenden, wenn der Tag durch die Wolken scheint,
Hülfruf an Frau Minne, Klage über die Merker, ein verhaßtes Geschlecht,
das die Freuden der Liebe belauert und stört.
Gerne jedoch würden wir selbst den Merker spielen, wenn wir hoffen
könnten, auch hier etwas Geschichtliches aus dem Leben des Dichters zu
erspähen. Aber er ist behutsam, er führt uns irre und verspottet uns.
Mancher fragt ihn: wer die Liebe sey, der er diene und bis daher
gedient? Wenn ihn dieses verdrießt, so spricht er: »ihrer sind drei,
denen ich diene, und nach der vierten habe ich Wunsch.« Doch weiß es
sie alleine wohl, der er vor ihnen allen dienen soll (I 110b).
Ein andermal fertigt er die Neugierigen so ab:
Sie fragen und fragen aber allzuviel
Von meiner Frauen, wer sie sey?
Das mühet mich so, daß ich sie ihnen nennen will,
So lassen sie mich doch darnach frei.
=Genade= und =Ungenade=, diese zweene Namen
Hat meine Fraue beide, die sind ungeleich:
Der eine ist arm, der andre reich.
Der mich des reichen irre, der müsse sich des armen schamen!
(I 122a)
=Genade=, Gnade, Liebesgunst, Erhörung. =ungeleich=, ungleich.
=irre=, hinderlich sey. =schamen=, zu schämen haben.
Dennoch scheinen die Merker auf eine Spur gekommen zu seyn. Man wirft
ihm vor: daß er seinen Sang so nieder wende. Er muß sich und die
Geliebte vertheidigen. Die, sagt er, traf die Minne nie, die nach dem
Gute und nach der Schöne minnen. Doch du bist schön und hast genug.
Was sie reden, ich bin dir hold und nähme dein gläsen Fingerlein[38]
(Fingerring) lieber als einer Königin Gold (I 117a).
[38] Ein =gläsen Fingerlein= bezeichnet auch im =Tristan= (v.
=Grootes= Ausg. V. 16883) eine Sache von sehr geringem Werth.
Auch ein Name wird genannt:
Meines Herzens tiefe Wunde,
Die muß immer offen stehn,
Sie werde denn heil von =Hiltegunde=.
(I 136b)
Von sich selbsten gesteht Walther, daß er nicht aller Männer schönster
sey; sein Haupt sey nicht allzu wohlgethan. Es nimmt ihn Wunder, was
ein Weib an ihm ersehen. Sie hat doch Augen, hat ihr Jemand von ihm
gelogen, so beschaue sie ihn baß. Wo sie wohnt, da wohnen wohl tausend
Männer, die viel schöner sind. Nur daß er auf =Fuge= (Sitte, auch
Kunst) sich ein weniges versteht. Will sie aber Fuge für die Schönheit
nehmen, so ist sie viel wohlgemuth (I 139a)
Im Allgemeinen hat er von der Minne allerdings einen hohen Begriff. Der
verlieret seine Tage, dem nie von rechter Liebe ward weder wohl noch
weh. Minne ist ein Hort aller Tugenden, ohne Minne wird nimmer ein Herz
recht froh. Ja! ohne Minne kann Niemand Gottes Huld erwerben (I 104a
127a).
Er ermahnt die Jugend, nach Herzeliebe zu werben (I 108a). Wer Würde
und Freude erwerben will, der diene um gutes Weibes Gruß (I 109b). Wer
gutes Weibes Minne hat, der schämt sich aller Missethat. Was hat die
Welt zu geben Lieberes, denn ein Weib? (I 108b). Den Fürsten hält er
als Lohn ihrer Tugenden vor, von den reinen, süßen Frauen gelobt zu
werden (I 133a). Er verwahrt sich gegen die Anschuldigung, als hätte
er in seinem Gange guter Frauen übel gedacht, und er ruft männiglich
zu Zeugen auf, ob deutschen Weiben Jemand je besser gesprochen? Daß er
die Guten von den Bösen scheide, das nur erzeuge den Haß (I 120b). Sein
begeistertes Lob deutscher Frauen, worauf er sich hier beziehen mag,
ist zuvor ausgehoben worden. Man soll alle Weiber ehren, aber doch die
besten baß, behauptet er anderswo (I 110b). Die Regeln der Weisheit und
Ehre, die er in einem seiner Lieder giebt, schließt er mit den Worten:
»willt du das Alles übergülden, so sprich wohl den Weiben!« (I 133b).
Von der Frau seines Herzens sagt er: sie entfremde ihm alle andre, nur
daß er um ihretwillen alle ehren müsse (I 124a). Der Gedanke an gute
Frauen ist ihm ein Trost in böser Zeit:
Wer verhohl'ne Sorge trage,
Der gedenke an gute Weib, er wird erlost,
Und gedenke an lichte Tage!
=Die= Gedanken waren stets mein bester Trost.
Gegen den finstern Tagen hab' ich Noth,
Nur daß ich mich richte nach der Heide,
Die sich schämt vor Leide,
So sie den Wald sieht grünen, so wird sie immer roth.
(I 114b)
=erlost=, erlöst. =gegen=, vor. =hab' ich Noth=, banget mir.
Gleichwohl ist es nicht die tiefere und anhaltende Leidenschaft, die
zärtliche Innigkeit, das Versinken in =einem= Gefühle, was Walthers
Minnelieder auszeichnet, zumal wenn sie in dieser Beziehung mit den
Liedern andrer vorzüglichen Minnesänger, z. B. =Reinmars= des =Alten=
oder =Heinrichs= von =Morunge=, verglichen werden. Es ist sogar nicht
zu läugnen, daß mehrere an einer gewissen Trockenheit leiden. Das
Selbstbewußtseyn, die Ueberlegung ist in manchen sehr vorherrschend.
Einige Male giebt er der Geliebten zu verstehen, wenn sie ihm nicht
hold seyn wolle, so werde er sich anderwärts zu helfen wissen. Sie möge
aber bedenken, daß nicht leicht Jemand besser, denn er, sie loben könne
(I 123b). Doch drückt er dieses noch zärtlich genug aus, wenn er sagt:
Ihr Leben hat meines Lebens Ehre, tödtet sie mich, so ist sie todt (I
124b). Er vermißt sich sogar, um die schönen Tage zu klagen, die er
an ihr versäumt habe. Noth und Ungemach um der Liebe willen zu leiden,
würde ihn nicht so sehr bekümmern, als verlorene Zeit (I 118a). Ja! er
sagt einmal: Minne habe von ihm in der Woche je nur den siebenten Tag
(I 120a).
Hiebei darf nun aber nicht übersehen werden, daß er den Minnesang
bis in ein sehr vorgerücktes Alter fortgesetzt. Auch in der Minne
vermißt er eine verschwundene bessere Zeit: Hiebevor, da man so recht
minnigliche warb, da waren meine Sprüche auch freudenreich; seit
daß die minnigliche Minne also verdarb, seit sang auch ich ein Theil
unminniglich (I 116b). Er klagt, daß Falschheit überhandgenommen. Seit
man falscher Minne mit so süßen Worten gehrt, kann ein Weib nicht
wissen, wer sie meine. Der die Weiber allererst betrog, der hat an
Männern und Weibern missefahren (I 104a). Aber auch die Frauen erkennt
der Dichter schuldig: daß die Männer so übel thun, das ist gar der
Weiber Schuld. Hievor stand der Frauen Muth auf Ehre, jetzt sieht man
wohl, daß man ihre Minne mit Unfuge erwerben soll (I 107b). Das thut
uns Männern den meisten Schaden, daß wir den Weibern gleich lieb sind,
wir seyen übel oder gut. Unterschieden sie uns, wie vormals, und ließen
auch sich unterscheiden, das frommte uns vieles mehr, Männern und
Weibern beiden (I 116b).
Walther bedauert ein schönes Weib, daß ihr die Schönheit nichts nütze,
seit man nicht mehr gewohnt sey, innern Werth bei Schönheit zu finden:
Ich will Einer helfen klagen,
Der doch Freude ziemte wohl,
Daß in also falschen Tagen
Schönheit Tugend verlieren soll.
Hiebevor wär' ein Land erfreuet über ein so schönes Weib:
Was soll =Der= nun schöner Leib?
(I 140a)
Aber nicht bloß in diesem Rückblick auf verlebte Zeiten zeigt sich uns
der Dichter als einen bejahrten Mann. Er giebt es noch näher. =Minne=,
sagt er, hat einen Brauch, damit sie Manchen beschwert, den sie nicht
beschweren sollte. Ihr sind vier und zwanzig Jahr viel lieber, denn
ihr vierzig sind, sie stellt sich viel übel, sieht sie irgend graues
Haar[39]. =Minne= war so ganz die Meine, daß ich wohl wußte all ihre
Geheimniß. Nun ist mir so geschehen: kommt ein Junger jetzo her, so
werde ich mit zwerchen Augen schielend angesehen. Armes Weib! wes mühet
sie sich? Weiß Gott! ob sie auch Thoren trüget, sie ist doch älter
viel, denn ich (I 120a).
[39] »Die Weiber hassen graues Haar« -- führt schon =Heinrich= von
=Veldecke= (=Man.= I 20a) als ein altes Sprichwort an.
Noch mehr! Walther versichert, wohl vierzig Jahre und drüber habe
er von Minne gesungen (I 122b). Darum auch kein Wunder, wenn manche
seiner Lieder nicht mehr die Frische jugendlichen Lebens athmen! Er
sagt sich am Ende feierlich von der Minne los; sein Minnesang möge nun
Andern dienen und ihre Huld werde dafür sein Theil. Er segnet sich, daß
er auf der Welt so Manche froh gemacht, Mann und Weib. Aber von der
vergänglichen Minne, die nichts weiter ist, als vom Fische der Grat,
wendet er sich jetzt zu der steten, ewigen (I 123a).
Wir müssen jedoch zurückkehren, um nun auch die Lichtseite seines
Minnesanges darzulegen. Wenn dieser Dichter nicht in derjenigen Gattung
von Minneliedern voransteht, deren Seele die innigste Empfindung ist,
so ergreift er dagegen auch hier durch die sinnliche Kraft seiner
Darstellung, durch die Anschaulichkeit und den Farbenglanz seiner
Lebensbilder; Vorzüge, die er uns schon anderwärts bewährt hat. Es
sind in dieser Beziehung einige etwas muthwillige Lieder nicht minder
auszuheben, als andre von würdiger hoher Art.
Zuerst eine Tanzweise, ein Reigen:
»Nehmet, Fraue, diesen Kranz!« --
Also sprach ich zu einer wohlgethanen Magd --
»So zieret ihr den Tanz
Mit den schönen Blumen, so ihr's auf euch tragt.
Hätt' ich viel edel Gesteine,
Das müßt' auf euer Haupt,
Ob ihr mir es glaubt.
Seht meine Treue, daß ich es meine!«
»Fraue! ihr seyd so wohlgethan,
Daß ich euch mein Schapel gerne geben will,
Das allerbeste, das ich kann.
Weißer und rother Blumen weiß ich viel;
Die stehn so ferne in jener Heide,
Da sie schön entsprangen
Und die kleinen Vögel sangen,
Da soll'n wir sie brechen Beide.«
Sie nahm, das ich ihr bot,
einem Kinde viel geleich, dem Ehr' geschieht.
Ihre Wangen wurden roth,
Wie die Rose, da man sie bei Lilien sieht;
Des mußten die lichten Augen sich schämen.
Da neigte sie mir viel schöne,
Das ward mir zu Lohne;
Wird mir noch mehr, das will ich schweigend nehmen.
(I 125a)
=seht meine Treue=, man denke sich hiebei die Bewegung des Schwörens
oder des Handschlags. =meine=, ernstlich meine. =Schapel=, Kranz,
Kopfschmuck. =geleich=, gleich.
Wie es mit dem Blumenbrechen[40] gemeint sey, verräth ein weiteres
Lied, an dem der hörbare Wohllaut der Singweise zu bewundern ist:
Unter der Linden, ~ an der Heide,
Da unser Zweier Bette was,
Da möget ihr noch finden, ~ schöne beide,
Gebrochen Blumen unde Gras,
Vor dem Walde, in einem Thal,
Tandaradai!
Schöne sang die Nachtigall.
Ich kam gegangen ~ zu der Aue,
Da war mein Friedel kommen eh'.
Da ward ich empfangen, ~ hehre Fraue!
Daß ich bin selig immermeh.
Er küßte mich wohl tausendstund,
Tandaradai!
Seht, wie roth mir ist der Mund!
Da hatt' er gemachet, ~ also reiche,
Von Blumen eine Bettestatt.
Des wird noch gelachet, ~ innigliche,
Kommt Jemand an denselben Pfad;
Bei den Rosen er wohl mag --
Tandaradai!
Merken, wo das Haupt mir lag.
Daß wir da lagen, ~ wüßt' es Jemand,
Das hüte Gott! so schämt' ich mich.
Wes wir da pflagen, ~ nimmer Niemand
Befinde das, denn er und ich
Und ein kleines Vögelein!
Tandaradai!
Das mag wohl getreue seyn.
(I 115b)
=was=, war. =schöne beide=, Beiwort des nachfolgenden: Blumen und
Gras. =Friedel=, Liebster. =hehre Fraue=! wohl nicht Anrede an
eine Vertraute, sondern Ausruf zu Marien. =immermeh=, immermehr,
immerfort. =tausendstund=, tausendmal. =getreue=, verschwiegen.
[40] Anderswo singt Walther:
Müßte ich noch erleben, daß ich die Rosen
Mit der Minniglichen sollte lesen,
So wollt' ich mich so mit ihr erkosen,
Daß wir immer Freunde müßten wesen.
(I 137b)
Ein andrer Dichter wendet sich so an ihn:
Hör' an, Walther, wie es mir staht,
Mein traut Geselle von der Vogelweide!
Hülfe suche ich und Rath,
Die Wohlgethane thut mir viel zu Leide.
Könnten wir ersingen beide,
Daß ich mit ihr müßte brechen Blumen an der lichten
Heide! (I 140a)
Vgl. =Reinmar=, I 81b; =Nithart=, II 81a; =Hadloub=, II 194b
195b. Schön sagt König =Wenzel= von Beheim, I 2b:
Ich brach der Rosen nicht und hatt' ihr doch Gewalt.
Wir lassen noch einige der kleineren Liebeslieder folgen:
Mich däuchte, daß mir nimmer
Lieber würde, denne mir zu Muthe was.
Die Blumen fielen immer
Von dem Baume bei uns nieder in das Gras.
Seht! da mußte ich vor Freuden lachen.
Da ich so innigliche
War im Traume reiche,
Da taget' es und mußt' ich wachen.
(I 137a)
* * * * *
Daß ich dich so selten grüsse,
Das ist ohn' alle arge Missethat.
Ich will wohl, daß zürnen müsse
Lieb mit Liebe, wo es von Freundes Herzen gaht.
Trauren und werden froh,
Sanfte zürnen, sehre sühnen:
Das ist der Minne Recht, die Herzeliebe will also.
(I 123b)
* * * * *
In einem zweifelichen Wahn
War ich gesessen und gedachte,
Ich wollte von ihrem Dienste gahn,
Nur daß ein Trost mich widerbrachte.
Trost mag es doch nicht heißen, es
Ist viel kaum ein Tröstelein,
So kleine, wenn ich euch das sage, ihr spottet
mein;
Doch freuet sich selten Jemand, der nicht wisse:
wes.
Mich hat ein Halm gemachet froh,
Er sagt: ich solle Gnade finden.
Ich maß dasselbe kleine Stroh,
Wie ich zuvor gesehn bei Kinden.
Höret und merket, ob sie's denne thu'?
Sie thut nicht, sie thut! sie thut nicht, sie thut!
sie thut nicht, sie thut!
Wie oft ich also maß, war stets das Ende gut.
Da gehört auch Glaube zu.
(I 142)
Einen höheren Schwung nimmt das nachfolgende Mailied:
So die Blumen aus dem Grase bringen,
Gleich als lachten sie gegen der spiel'nden Sonnen,
In einem Maien, an dem Morgen fruh,
Und die kleinen Vögelein wohl singen
In der besten Weise, die sie können:
Was Wonne kann sich da vergleichen zu?
Es ist wohl halb ein Himmelreiche,
Nun sprechet Alle, was sich dem vergleiche!
So sage ich, was mir ofte baß
In meinen Augen hat gethan und thäte auch noch,
ersähe ich das:
Wo eine edele Fraue, schöne, reine,
Wohl bekleid't und dazu wohl gebunden,
Um Kurzeweile zu viel Leuten geht,
Höfelichen, hochgemuth, nicht eine,
Um sich sehend ein wenig unterstunden,
Gleich wie die Sonne gegen den Sternen steht.
Der Maie bringe uns alle sein Wunder!
Was ist denn da so Wonnigliches unter,
Als ihr viel minniglicher Leib?
Wir lassen alle Blumen stehn und gaffen an das
werthe Weib.
Nun wohlauf! wollt ihr die Wahrheit schauen,
Gehn wir zu des Maien Hochgezeite!
Der ist mit aller seiner Wonne kommen.
Seht an: ihn! und seht an: schöne Frauen!
Welches hie das Andre überstreite?
Das bessre Spiel, ob ich das habe genommen?
Wer mich hie Eines wählen hieße,
Daß ich das Eine um das Andre ließe:
Ahi! wie schnell ich dann köre!
Herr Mai! ihr müßtet Märze seyn, eh' ich meine
Fraue da verlöre. (I 116a)
=wohl gebunden=, mit schönem Gebände, Kopfband. =zu viel Leuten=,
unter die Leute, zu einer festlichen Versammlung. =nicht
eine=, nicht allein, mit Begleitung. =unterstunden=, zuweilen.
=Hochgezeite=, Fest. =köre=, wählte.
Die Reihe der Minnelieder schließen wir mit zwei Gesätzen, welche, ganz
ihrem Inhalt gemäß, in einer von jenen volltönenden Weisen gedichtet
sind, womit sonst der Dichter die Könige zu begrüssen pflegt:
Durchsüsset und geblümet sind die reinen Frauen,
Es ward nie nichts so wonnigliches anzuschauen
In Lüften, auf Erden, noch in allen grünen Auen.
Lilien, Rosenblumen, wo die leuchten
Im Maienthaue durch das Gras, und kleiner Vögelein Sang,
Das ist gegen solcher wonnereicher Freude krank.
Wo man ein' schöne Fraue sieht, das kann trüben Muth
erfeuchten
Und löschet' alles Trauren an derselben Stund'.
So lieblich lachet in Liebe ihr süßer rother Mund,
Und Strale aus spiel'nden Augen schießen in Mannes
Herzensgrund. (I 130a)
=krank=, schwach. =erfeuchten=, erfrischen. =Strale=, Pfeile.
* * * * *
Viel süße Fraue, hochgelobt mit reiner Güte!
Dein keuscher Leib giebt schwellend Hochgemüthe.
Dein Mund ist röther, denn die lichte Rose in
Thaues Blüthe.
Gott hat gehöhet und gehehret reine Frauen,
Daß man ihn'n wohl soll sprechen und dienen zu
aller Zeit.
Der Welte Hort mit wonniglichen Freuden leit
An ihnen. Ihr Lob ist lauter und klar. Man soll sie
schauen;
Für Trauren und für Ungemüthe ist nichts so gut,
Als anzusehn ein' schöne Fraue, wohlgemuth,
Wenn sie aus Herzensgrund ihrem Freunde ein
lieblich Lachen thut.
(I 130b)
=wohl sprechen=, Gutes von ihnen sprechen. =leit=, liegt.
=Ungemüthe=, Unmuth.
Ein Ueberblick über diese Minnelieder giebt uns den Eindruck, daß
in denselben der Dichter nicht von seinem Gegenstande beherrscht
sey, sondern diesen mit Freiheit ausser sich stelle. Zumal in den
ausgehobenen Gedichten höheren Styls betrachtet er die Schönheit und
den Werth der Frauen, fast ohne eigenen Anspruch, als eine glänzende
Erscheinung, die er in das Ganze seiner Weltanschauung aufnimmt.
Sechster Abschnitt.
Der Hof zu Wien. Leopold VII. Der Kärnthner.
Der Patriarch. Ulrich von Lichtenstein.
In welcher Gegend das Leben gelegen, das Friedrich II. dem Dichter
ertheilte, darüber giebt dieser keinen Aufschluß. Auch die Zeit
der Belehnung ist ungewiß. Geraume Zeit nach Friedrichs Ankunft in
Deutschland läßt Walther sich wieder am Hofe von Oesterreich treffen.
Es mag seyn, daß er am Hofe Leopolds VII., der seinem Bruder Friedrich,
dem Gönner des Dichters, im Herzogthum nachgefolgt war, mehrmals und
zu sehr verschiedenen Zeiten sich aufhielt. In Ermanglung bestimmterer
Anzeigen müssen wir uns jedoch begnügen, die Gedichte, welche den Hof
zu Wien betreffen, um den einen Zeitpunkt zu sammeln, der mit einiger
Sicherheit angegeben werden kann. Diejenigen, welche sich auf den
benachbarten Hof von Kärnthen beziehen, stehen mit erstern in genauem
Zusammenhang.
Leopold VII. (der =Glorreiche=), Herzog von Oesterreich und Steier,
ist derjenige, den im Kriege auf Wartburg Heinrich von Ofterdingen vor
allen Fürsten preist. Er legt Leopolds Tugend auf die Wage und fordert
die andern Sänger auf, solche mit dreier Fürsten Milde aufzuwägen.
Der von Oesterreich wünsche sich vier Hände, damit, während er mit
zweien gegen die Feinde kämpfe, zwei andre den gehrenden Leuten Gabe
spenden können. Als er gegen den König von Ungarn den Schild an den Arm
genommen, habe er zugleich zu seinem Kämmerer gesprochen: Nun schaffe,
daß den Gehrenden ihre Pfänder gelöst werden! (=Man.= II 1a 4a)
Drei Sorgen hat unser Dichter sich genommen, dreierlei Dinge möcht'
er gewinnen. Das eine ist Gottes Huld, das andre seiner Frauen Minne,
das dritte, das sich mit Unrecht manchen Tag seiner erwehrt, ist der
wonnigliche Hof zu Wien. Er will nimmer rasten, bis er diesen verdient.
Dort sah man Leopolds Hand geben, ohne daß sie des erschrack (I 105b).
Näher rückt er mit folgendem Liede:
Mir ist versperrt des Heiles Thor,
Da steh' ich als ein Waise vor,
Mich hilfet nicht, was ich daran auch klopfe.
Wie möcht' ein Wunder größer seyn:
Es regnet beidenthalben mein,
Daß mir des alles nimmer wird ein Tropfe!
Des Fürsten Milde aus Oesterreich
Freuet, dem süssen Regen gleich,
Beide: Leute und auch das Land.
Er ist eine schöne wohlgezierte Heide,
Darab man Blumen brichet wunder.
Und bräche mir ein Blatt da herunter
Seine viel milde, reiche Hand,
So möchte ich loben die viel süsse Augenweide.
Hiemit sey er an mich gemahnt!
(I 128a)
=beidenthalben mein=, zu meinen beiden Seiten. =wunder=, wunderviel.
Es ist wahrscheinlich, daß Walther einmal von Kärnthen aus gegen Wien
angedrungen. In Kärnthen war Bernhard, aus dem Geschlechte der Grafen
von Lavantthal, von 1202 bis 1256 am Herzogthum[41]. In ihm finden wir
den =Kärnthner= unsres Dichters, den fürstlichen Freund des Gesanges,
auf welchen auch im =Titurel= angespielt wird[42]. Der Aufenthalt am
Hofe dieses Fürsten wurde Walthern, wie es scheint, durch Hofränke und
Kunstneid verleidet. Er hat des Kärnthners Gabe oft empfangen, aber
einmal geschah es, daß ihm die Kleider nicht gegeben wurden, die ihm
der Fürst bestimmt hatte. Daraus entstanden Mißverständnisse, deren
Erzählung der Dichter mit den Worten schließt:
Dieser Zorn ist ohn' alle Schulde, weiß Gott, unser beider.
(I 132a)
[41] Frölich, _Specimen Archontologiæ Carinthiæ, Vienn. etc. 1758 p. 4_.
[42] »Ob mir ein Fürst aus Kärnthen giebt die Miethe.«
=Titur.= Cap. 15
Freilich kann der =Titurel= in seiner jetzigen Gestalt nur
mit Vorsicht gebraucht werden.
Ein andermal beklagt er sich, daß man am Hofe seinen Sang
=verkehre=[43]. Er eifert gegen solche Schälke, zeigt sich zum weitern
Gefechte gerüstet, bittet jedoch den Fürsten, selbst die Sache zu
untersuchen:
Frage, was ich habe gesungen, und erfahr' uns,
wer's verkehre! (=Ebd.=)
[43] Ueber das =Verkehren= des Gesanges, d. h. das Mißdeuten,
Entstellen, wohl auch Parodiren desselben, hat auch der
=Hardegger= zu klagen:
Wer mir verkehret, das ich heure von dem Kaiser sang
&c. (=Man.= II 121b)