Sie tragen ihn mühsam ins Dorf. -- -- --

Vor dem Tor seines Vaterhauses wird Juro auf die Erde niedergelegt. Er

schlägt die Augen auf.

»Was -- was ist? Wo? -- Wer?«

Plötzlich verzerrt er sein Gesicht.

»Die alte Krone!«

Und er sinkt in die Ohnmacht zurück.

Der alte Kito wird über den Gartenzaun gehoben und dringt ins Haus. Er

klopft an die Tür des Scholta.

»Kommt herunter, Herr -- vors Tor -- es ist ein Unglück geschehen ...«

Mehr bringt er nicht heraus.

Vor dem Tor findet der alte Hanzo seinen Sohn. Er starrt ihn an und

fragt dann mit eisiger Stimme:

»Hat er nach der Krone gegraben?«

»Ja.«

Der Alte lehnt sich an das Tor.

»Und ...?«

»Und er hat sie gefunden!«

Die drei Männer beugen vor dem Kral das Haupt.

»Er hat sie gefunden!« wiederholt der Kral langsam. Trotz seiner

schweren Herzensnot tritt ein sieghaftes Leuchten in seine Augen, die

sich zu stummem Dank gen Himmel richten.

»Er hat sie gefunden! Die alte Krone ist da! Gott sei gelobt in

Ewigkeit! Amen!«

Eine lange feierliche Stille. Dann sagt Kito:

»Herr, Euer Sohn ...«

Hanzo streckt die Hand aus gegen Juro.

»Dieser ist nicht mein Sohn. Er ist ein Verbrecher. Ob er tot ist oder

noch lebt, schafft ihn aus dem Dorf!«

»Wohin sollen wir mit ihm?«

»Wohin ihr wollt! Zu den Deutschen, die ihn verführt haben, oder

irgendwohin; mir ist es gleich!«

»Er ist schwerkrank. Wir müssen einen Wagen haben für den weiten Weg.«

Hanzo besann sich eine kleine Weile; dann sagte er:

»Den Wagen könnt ihr haben. Er steht schon hier am Tor.«

Da faßte ihn Kito am Arm.

»Herr, nicht auf den alten Bretterwagen, nicht den Sünderwagen, auf dem

die Gehängten auf den Kirchhof gefahren werden!«

»Es ist der rechte Wagen für diesen da! Einen anderen gebe ich für ihn

nicht. Spannt ein Pferd an, legt eine Schütte Stroh auf den Wagen und

schafft ihn fort!«

Weinend schob Kito mit den anderen den alten Bretterwagen auf den

Weg hinaus; behutsam und sacht holte er das Stroh und ein Pferd. Mit

finsterem, starrem Angesicht sah Hanzo noch zu, wie Juro auf das Stroh

gebettet wurde; dann schloß er das Tor, indes der alte Kito draußen von

dannen fuhr.

Oh, das war eine traurige Fahrt! Die Nacht so öde, der Weg so lang.

Und so dahinfahren in Schande und Herzeleid mit einem, den man lieb

hat! In seinem langen Leben hatte der alte Kito keine Stunde gehabt,

die so bitter gewesen wäre wie diese. Und er zergrübelte seinen alten

Kopf, wie er's nun anstellen sollte. Es war noch finster. Was würden

die Leute auf der deutschen Herrschaft sagen, wenn er mit einem

solchen Fuhrwerk daherkäme? Wie sollte er, der Knecht, sich vor die

Augen eines gnädigen Herrn trauen und ihm sagen: »Auf dem Stroh meines

Bretterwagens liegt Ihr Herr Schwiegersohn!«

Wie hatte es nur der alte Hanzo tun können! Was für einen wilden Zorn

mußte er in seinem Herzen haben, daß er dem Sohn diese Schande antat!

O Gott, was sollte er nur tun, der alte Kito? Vielleicht war der, den

er so langsam dahinfuhr, schon gestorben.

Da hielt Kito an, da wandte er sich um nach dem Wagen, kniete bei Juro

nieder und tastete mit seinen stumpfen Fingerspitzen nach Juros Herzen.

Es dauerte lange, ehe er einen schwachen Herzschlag fühlte.

Dann fuhr er weiter in müdem, schleppendem Tempo. Und als er an den

Seitenweg kam, der nach dem Witholdschen Schlosse führte, fuhr er

daran vorbei. Er hatte zu viel Angst, mit einem solchen Auftrage dem

deutschen Herrn vor die Augen zu treten.

Weiter ging es den Sandweg entlang. Was war das für eine Nacht! So

gab es wirklich die alte Krone der Wenden! So war Hanzo wirklich ein

König! Und seinen ältesten Sohn hatte der Schlag getroffen, als er

sich an der Krone vergriff. Heilig war sie! Mochte Gott allen vergeben

und alle schützen vor der Gewalt des Nachtjägers! Der Morgen kam. Ein

kalter Morgen. Vielleicht begegneten Kito Leute vom Schloß, denen er

Juro übergeben könnte. Da -- da sprang auch wirklich jemand über den

Graben ...

»Heda -- heda!« schrie der alte Kito.

Ein Mann kam näher. Es war Heinrich von Withold. Er trug eine Büchse

über der Schulter.

»Was ist los? -- Was schreien Sie?«

»O Gott -- gerade der gnädige junge Herr!«

»Nun, was ist da weiter? Wohin wollt Ihr?«

»Ich soll -- ich will -- Gott schütze mich!«

»Aber Mann, was macht Ihr für Gerede?«

»Sehen Sie, sehen Sie einmal in meinen Wagen!«

»Juro!«

Die Büchse fiel auf den Weg.

»Ja -- was -- was ist denn? Ist er verunglückt? Wo bringt Ihr ihn denn

her? Was ist geschehen? Juro! Juro!«

Heinrich kletterte auf den Wagen, griff nach der Stirn Juros, fühlte

nach seinem Puls.

»Der Schlag hat ihn getroffen«, sagte Kito.

»Nein, er scheint nur ohnmächtig zu sein -- Gott sei Dank, nur

ohnmächtig ...! Spannen Sie das Pferd aus, damit es nicht anrückt! Dann

helfen Sie mir! So! -- Den Kopf tief betten -- er ist ja leichenblaß --

und nun die Arme und die Beine reiben -- tüchtig!«

Heinrich flößte dem Kranken Kognak aus seiner Feldflasche ein und rieb

ihm die Herzgrube.

Dabei fragte er Kito:

»Wo habt Ihr ihn gefunden?«

Stammelnd, unter vielen Tränen, sagte der Alte:

»Er hat -- hat -- die alte Krone ausgegraben, und da hat ihn der Schlag

getroffen.«

»Die alte Krone? Seid Ihr irre?«

»Ich war selbst dabei. Ich hatte am Kronenhügel Wache.«

»Und er hat wirklich eine alte Krone gefunden?«

»Ja, in einem alten grauen Topf.«

»Das ist nicht möglich!«

»Ich habe es gesehen, Herr! Ich hab' die Krone ja selbst wieder in den

Topf getan und sie wieder eingegraben.«

»Kräftiger reiben! Kräftiger! -- Und er fiel also ohnmächtig um? --

Die Nerven! Er war schon so aufgeregt vorher. Er hat nächtelang nicht

geschlafen! -- Ja, Mann, wie kommt Ihr denn zu dem Wagen?«

Kito gab jammernd Auskunft.

»Was -- auf einen Mist- -- auf einen Schand- und Schinderwagen -- der

eigene Vater?! -- -- -- Bande! Bande! Bande!«

Juro schlug die Augen auf. Da lachte Heinrich gezwungen.

»Na also, alter Junge! Du machst schöne Geschichten! Aber es ist nichts

dabei, wird bald vorüber sein! Da trink mal!«

»Wo bin ich? Was ist?«

»Davon reden wir später. Jetzt trink mal!«

Juros Auge wanderte umher; seine Stirn runzelte sich zu angestrengtem

Nachdenken, und dann sagte er erschauernd:

»Die Krone! Die Krone!«

»Laß das jetzt, Juro! Ich weiß alles. Laß das jetzt! Spannen Sie ein,

Mann! Dann den Weg rechts hinab!«

»Es ist schrecklich, Heinrich! Sie ist da! Es ist alles -- alles wahr!

Sie ist da!«

»Sei jetzt ruhig! Wir wollen nach Hause.«

»Ich schäme mich -- ich hab' ein Heiligtum geschändet -- ich bin

schlecht!«

Sie fuhren einen Weg hinab. Kurz vor dem Schloß half Heinrich dem

Kranken vom Wagen. Juro stützte sich auf die beiden Männer und trat

durch eine Hintertür ins Schloß.

Es waren etwa zwei Wochen vergangen. Da ließ sich Heinrich von Withold

beim alten Scholta Hanzo anmelden. Er wartete im Kretscham auf Antwort.

Es dauerte zwei Stunden ehe die Nachricht eintraf, daß der Scholta

Heinrich erwartete. Die beiden Männer begrüßten sich stumm. Der Scholta

wies auf einen Stuhl.

»Ich danke,« lehnte Heinrich ab; »ich habe nicht viel zu sagen.

Allerdings, was ich zu sagen habe, ist wichtig. Mein Freund und

Schwager Juro hat, gehetzt durch die aufgestachelte öffentliche

Meinung und in der Überzeugung, daß eine alte Krone der Wenden nicht

existiere, nach ihr gegraben und zu seiner schweren Überraschung eine

Krone gefunden. Da ist er dem Schreck, einem plötzlichen Nervenanfall,

erlegen -- er ist ohnmächtig geworden.«

»Gott hat ihn geschlagen!« sagte Hanzo ernst.

Heinrich beachtete den Zwischenruf nicht, sondern fuhr fort:

»Als ich Juro auf Ihrem Düngerwagen liegend fand, hatte ich zuerst vor,

die ganze Sache der Behörde anzuzeigen.«

»Das konnten Sie! Von uns aus ist nichts Unrechtes geschehen.«

»Ich weiß nicht,« entgegnete Heinrich kalt, »wieweit sich die beiden

Würden eines preußischen Schulzen und heimlichen Wendenkönigs

miteinander vertragen, jedenfalls habe ich die Anzeige unterlassen,

weil ich mich zu solchen Dingen nicht eigne. Aber ich habe etwas

anderes getan: ich habe mir die Krone auch einmal angesehen! Hier ist

sie!«

Er zog unter dem weiten Kragen seines Mantels ein Paket hervor und

legte es auf den Tisch.

»Was -- was -- was sagen Sie? -- Was ist das?«

Heinrich löste die Umhüllung, eine alte Krone, ein schmaler silberner

Stirnreif wurde sichtbar.

»Da! -- Das hat Juro gefunden!«

Der alte Hanzo streckte entsetzt die Hände aus gegen den Tisch.

»Das -- das -- die Krone! -- Sie haben es gewagt -- Sie ...«

»Regen Sie sich nicht auf,« sagte Heinrich ruhig; »die Krone ist

gefälscht!«

Der alte Wende sank auf einen Stuhl; die Zähne schlugen ihm aufeinander.

»Ist das -- ist das -- die Krone aus dem Hügel?«

»Ja, und sie ist nicht die alte Kralskrone, sie ist gefälscht!«

»Sie haben sie ausgegraben?«

»Ja -- unter der Zeugenschaft von zwei gebildeten Männern.«

Da stürzte der alte Hanzo mit geballten Fäusten auf Heinrich los,

schlug auf ihn ein, rang mit ihm und mußte doch von dem Angegriffenen

halb gehalten werden, damit er nicht niederfiel. Schließlich sank er

völlig gebrochen, kraftlos und erschöpft auf seinen Stuhl.

Da öffnete sich die Tür, und Samo trat ein.

»Was geht hier vor?«

»Ich habe dem Scholta die Krone gebracht, die mein Freund Juro neulich

gefunden hat.«

Samo wurde bleich.

»Wie kommen Sie zu der Krone?«

»Ich habe sie ausgegraben mit noch zwei gebildeten Männern; ich habe

sofort erkannt, daß es sich um eine wertlose Imitation handelt, und

habe mir meine Ansicht durch ein Sachverständigenurteil in Berlin

bestätigen lassen. Hier ist eine beglaubigte Abschrift!«

»Sie sind ein Lump!« schrie Samo heiser.

»Es ist mir eine Ehre, von Ihnen beschimpft zu werden,« erwiderte

Heinrich mit eisiger Kälte; »denn ich bringe Sie mit dem schmählichen

Betrug, der hier vollführt wurde, in Verbindung.«

»Herr! Sie werden mir mit der Waffe Genugtuung geben. Diese Schmach

kann nur Ihr Tod sühnen!«

»Ich schlage mich nicht mit Verbrechern!« sagte Heinrich verächtlich.

Da fiel Samo über ihn her, Heinrich aber schleuderte ihn beiseite und

verließ rasch das Haus.

»Vater!«

Samo beugte sich über den Alten, dessen Kopf auf der Tischplatte ruhte.

Hanzo hob das Haupt. Er sah seinem Sohne starr ins Gesicht und sprach:

»Samo, hast du's gehört? Hast du es auch gehört, was der Mensch

Schreckliches sagte, oder ist alles ein Spuk, oder bin ich irrsinnig

geworden durch all die schwere Zeit?«

»Ich habe es gehört, und da ist die Krone!«

»Die Krone!«

Furchtsam starrte der Alte wieder auf den silbernen Reif.

»Er sagt -- er sagt -- sie ist falsch!«

»Er ist ein deutscher Hund!« schrie Samo zornig; »einer, dem nichts

heilig ist, einer, der auf unseren Grund und Boden eindrang und die

Krone stahl.«

»Ist das -- ist das wirklich die Krone aus dem Hügel?«

»Frage Kito -- er hat sie gesehen.«

Kito wurde gerufen. Als er auf dem Tisch die Krone sah, wollte er an

der Tür umkehren. Gespenster, nichts als Gespenster in seinen alten

Tagen! Aber er mußte in die Stube, mußte an die Krone herantreten.

»Es ist die Krone aus dem Hügel«, sagte er bebend. »Ich kenne sie genau

wieder.«

Da traten alle drei Männer von dem Tische zurück.

»Da liegt ein Papier,« sagte Hanzo endlich scheu, »auf dem soll stehen,

die Krone ist gefälscht.«

»Willst du es lesen, Vater?« fragte Samo und hielt ihm das Blatt Papier

hin, das Heinrich dagelassen hatte. »Lies es!«

»Nicht hier, nicht bei der Krone!« wehrte der Vater ab.

»Weißt du, was auf solchen Papieren von Deutschen schon alles gestanden

hat?« fragte Samo. »Daß es keinen Gott gibt, daß es kein Vaterland

gibt, daß es kein Eigentum gibt, daß es kein Recht der Slawen gibt,

ja daß es überhaupt keine Welt gibt, daß alles Einbildung, Täuschung

ist. Alle solche Dinge haben auf deutschen Urkunden von sogenannten

deutschen Sachverständigen schon gestanden. Auf diesem Papier da

wird zur Abwechslung stehen, es gibt keinen Kral der Wenden, und der

tausendjährige Beweis, die Krone, ist falsch. Es gibt nur eine deutsche

Herrschaft, eine deutsche Krone! Können wir von unseren Feinden ein

anderes Urteil erwarten? Kann ein Urteil, das unsere Widersacher bei

ihresgleichen bestellt und bezahlt haben, anders ausfallen?«

»Nein!« sagte Hanzo, »du hast recht!«

Er zerriß das Papier in viele kleine Teile.

»Die Krone ist genug beleidigt«, sagte er. »Gehet jetzt hinaus. Laßt

mich allein!«

Und der Kral blieb bei der Krone mit einer großen königlichen Andacht

im Herzen.

* * * * *

Am Nachmittag desselben Tages wurde der Kronenhügel noch einmal

aufgegraben, und zwar in Gegenwart Hanzos, Samos und dreier Zeugen aus

dem Dorfe. Die Männer überzeugten sich, daß der Hügel nunmehr leer

sei, und Hanzo gab den Befehl, daß er der Erde gleich gemacht werde.

»Tausend Jahre lang hat er unsere heilige Krone beherbergt,« sagte er

ergriffen; »nun ist seine Ruhe gestört und entheiligt worden, nun soll

er nicht mehr sein!«

Dann ging er mit den Zeugen nach seinem Hause, zeigte ihnen die Krone

und sagte:

»Das ist die Krone der Wenden! Ihr Silber ist vom Himmel gefallen, ein

gottgesandter Mann hat sie geformt. Der Urkral hat sie getragen. Aus

ihrem tausendjährigen Hause ist sie vertrieben worden. Sie soll zurück

in die mütterliche Erde. Denn nicht ist die Jungfrau mit der silbernen

Schaufel gekommen und hat sie ans Licht geholt, Frevlerhände haben es

getan. Ich werde die Krone wieder begraben an einem anderen Ort. Den

soll aber niemand wissen als mein Sohn Samo und ich, als immer der Kral

und sein ältester Sohn. Was ihr gehört und gesehen habt, dürft ihr den

Wenden erzählen, aber keinem Deutschen.«

Die Männer gelobten das und gingen in größter Erregung von

dannen. -- -- --

Als Hanzo mit Samo allein war, sprach er:

»Unter der Kirchhoflinde, dort, wo die Mutter liegt, werden wir eine

Grube graben, dahin werden wir die Krone legen. Sie wird dann über

Mutters Kopf sein und bald auch über meinem.«

Samo wandte sich ab.

Er stand am Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Sein Atem ging

rasch. Endlich wandte er sich um.

»Wähle einen anderen Ort, Vater! Der Kirchhof ist die Stätte der Toten.

Unsere Krone aber ist lebendig, und unsere Hoffnung knüpft sich daran,

die Hoffnung, daß wir Slawen noch einmal loskommen von diesem elenden

Lande der Deutschen. Deshalb muß die Krone lebendig bleiben, Vater.

Ganz lebendig vor aller Augen und in aller Herzen! Daran, an diesem

Glauben, hängt unsere Zukunft. Wähle einen anderen Ort!«

Der Vater blieb bei seinem Vorsatz.

»Die in der Kirchhofserde liegen,« sagte er, »sind nur tot für eine

Zeit, dann wird sie unser Herr Christus auferwecken. Und auch unsere

Krone wird eines Tages auferstehen. Du wirst sie mit mir dort begraben,

wo ich dir gesagt habe. Sie ist dort sicher; denn sie hat dort Wächter,

an die sich nicht leicht jemand wagt.«

»Ich werde dir gehorchen!« sagte Samo.

Auf dem Bahnhof zu Prag stand Hanka. Sie sah sich verängstigt um. Ihre

Stirn war weiß, aber auf ihren Wangen brannten große rote Flecken.

Da stellte sie plötzlich das Paket hin, das sie getragen, und begann

heftig zu zittern.

»Da -- da -- ist er -- Samo!«

Samo kam auf sie zu und küßte sie scheu auf den Mund.

»Samo! Samo!«

»Pst -- still! Nur keinen Namen nennen! Hier lauern überall

Polizeihunde. Komm weiter!«

Er zog Hanka aus dem Bahnhof hinaus und nahm einen geschlossenen Wagen.

Im Wagen fiel sie ihm um den Hals und weinte leidenschaftlich.

»O Samo -- Samo! Endlich seh' ich dich wieder!«

Er sagte etwas, was sie nicht verstand.

»Ist es dir nicht lieb, Samo, daß ich dir nachgekommen bin?«

»Warum soll es mir nicht lieb sein? Aber ich fürchte, dir wird es nicht

lieb sein, daß du es getan hast, wenn du erst siehst, wie ich lebe!«

Er sprach mit abgewandtem Gesicht.

»Ich gehöre zu dir; ich bin dein Weib. Oh, warum hast du uns so lange

nicht geschrieben? Fast zwei Jahre! Was haben wir ausgestanden um dich!«

»Ich konnte nicht! Ich mußte glauben, daß ihr mich verfluchtet!«

»Das haben wir nie getan. Von Anfang an nicht! Du warst nie schlecht!«

Samo sah finster zur Seite. Eine Weile schwiegen sie. Nur Hanka weinte

leise vor sich hin.

»Also, er ist nicht tot?« begann Samo wieder. Seine Stimme war düster.

»Nein, er war kaum zwei Monate lang krank.«

Samo schüttelte den Kopf.

»Merkwürdig! Ich weiß doch als Arzt, wo das Herz sitzt. Und ich hab'

aufs Herz gezielt. Das Messer muß abgeglitten sein.«

»Sprich nicht davon, Samo, sprich nicht davon!« rief Hanka erschauernd.

»Ja, ich spreche +nur+ davon! Ich hab' in den ganzen zwei Jahren

eigentlich nichts anderes mit mir selbst verhandelt als immer das eine.

Ich glaubte, er sei längst vermodert.«

»Samo, sprich nicht so Schreckliches!«

»Hätte er sich mit mir duelliert,« fuhr Samo fort, »wäre es anders

gekommen. Vielleicht hätte er dann eine Kugel in diesen heißen,

unglücklichen Schädel geschossen, und es wär' gut gewesen.«

»Samo!«

»Aber er verachtete mich! Er behandelte mich wie einen Hund. Er

schickte meinen Zeugen heim. Er beleidigte mich aufs neue, als ich ihn

persönlich stellte. Da bekam er das Messer in die Brust. Ich konnte

nicht anders. Meine Hand tat es von selbst.«

»Er hat dich schwer beleidigt, Samo, wir wissen es; er hat sich auch

frech an unserer alten Krone vergriffen; er hat die meiste Schuld

gehabt!«

»Sie haben einen Steckbrief hinter mir erlassen?«

»Ja, der alte Withold hat's nicht gewollt -- um Juros willen -- wegen

des Namens --, aber der Staatsanwalt ist gekommen, und es hat sich

nichts ändern lassen. -- Juro hat damals seine Verlobung aufgelöst --«

»So?«

Samo schwieg eine Weile.

»Weil sein Name geschändet war -- weil ich den Bruder seiner Braut --

nun ja, ich kann mir's denken!«

»Das Mädchen, die Elisabeth, ist aber dem Juro nachgegangen nach

Breslau. Sie hat ihn nicht losgelassen. Jetzt sind sie schon

verheiratet.«

»Na also! Ist Hochzeit zu Haus gewesen, und man hat nichts davon

gewußt!« lachte Samo gezwungen. »Wo wohnt denn das junge Paar? Beim

Vater zu Haus auf der Scholtisei?«

»Nein, unser Vater und Juro sind noch in Feindschaft. Der Vater

verzeiht es Juro nicht, daß er sich an der Krone vergriffen hat, wie er

dir alles verzeiht, weil du doch die Krone verteidigt hast.«

Samo sah zum Wagenfenster hinaus.

»Die verfluchte Krone!« sagte er leise und ingrimmig.

»Was -- was sagst du, Samo?« fragte Hanka erschrocken.

»Ja, Weib, ahnst du denn, was ich ausgestanden habe? Kannst du nur ein

wenig einsehen, was das heißt, zwei ganze Jahre mit einem Ermordeten

zu ringen, was das heißt, verbannt, geächtet, verfolgt zu sein, ein

Mordbube zu sein, dem jeder Straßenpassant gefährlich und verdächtig

erscheint, was das heißt, wenn einem so das ganze Leben und alle

Hoffnung zusammenbricht?«

»Der junge Withold ist nicht tot«, sagte Hanka.

»Aber ich habe es geglaubt; ich habe darum nicht an euch geschrieben,

hab' mich verkrochen in die elendesten Spelunken Prags unter falschem

Namen, als Vagabund zu den Vagabunden, bis ich es nicht mehr aushielt,

bis ich euch doch eine Nachricht gab.«

»Jetzt wird es besser werden, Samo, lieber Samo!«

»+Besser+ -- vielleicht! Es kann aber nicht mehr +gut+ werden. Der

Schatten freilich wird mich jetzt in Ruhe lassen; aber die Heimat ist

verloren, die Ehre ist verloren, das Leben ist zerbrochen.«

Er preßte die Fäuste vor die Augen. Sie schlang den Arm um seinen Hals.

»Samo, ich hab' dich lieb!«

Er nickte versonnen und sah mit verlorenem Blick vor sich hin.

»Das ist das Sonderbare! Als es mir gut ging, hattest du mich nicht

lieb, da liebtest du den Juro.«

Sie wurde rot.

»Und jetzt bist du mir nachgekommen ins Elend. In ein viel schlimmeres

Elend, Hanka, als du meinst. Du wirst es nicht aushalten.«

»Ich werde alles aushalten, Samo! Ich hab' dich lieb!«

Er schob sie sacht beiseite.

* * * * *

Es war ein elendes Quartier, das Samo in einer Vorstadt Prags bewohnte,

die Parterrestube eines schmutzigen Hauses. Ein Bett stand in dem

sonnenlosen Raum, ein wackeliges Sofa, ein Tisch und ein paar Stühle.

An der Wand waren einige Kleiderhaken, auf einem Stuhl stand ein

halbzerbrochenes Waschbecken.

»Also, da wohne ich!« sagte Samo. »Das ist die Residenz des zukünftigen

Krals der Wenden.«

Er lachte höhnisch und bitter. Hanka flog ein Schauer durch Leib und

Seele. Sie, deren ganzes Sinnen von Jugend an auf Ordnung, Reinlichkeit

und behaglichen Wohlstand gerichtet war, erschrak vor dieser

liederlichen Höhle.

»Hier wohnst du?« fragte sie tonlos. »Die ganzen Jahre?«

»Seit einem halben Jahr. Meine frühere Wohnung war noch schlimmer;

zeitweise hatte ich überhaupt keine Wohnung.«

Da brach sie in Tränen aus.

»Es wird jetzt besser, Samo; ich bringe dir Geld mit von deinem Vater

-- sechstausend Taler!«

Samos Augen blitzten auf.

»Geld? -- Sechstausend Taler? -- Ah, mein Mutterteil! Das ist nicht

schlecht!«

Er lächelte vergnügt.

»Geld habe ich schon lange nicht mehr gehabt. Aber sag' das niemandem,

Hanka, das darf niemand wissen! Das würde gleich Verdacht erregen. Ich

bin hier der verbummelte und verarmte Journalist Wenzel Halek. Das

darfst du nie vergessen. Ich heiße Wenzel Halek.«

Sie setzte sich müde und traurig auf einen Stuhl.

»Ja, ja, Hanka, so weit kann es kommen. Selbst den Namen muß man sich

schließlich erschachern oder stehlen. Ich habe einem verbummelten Kerl

seine Papiere abgekauft. Um fünfzig Kreuzer! Die fünfzig Kreuzer hat er

noch vertrunken, und am anderen Tage ist er am Delirium in einem Spital

gestorben, ohne noch einmal zur Besinnung zu kommen.«

»O Gott, o barmherziger Gott!«

»Ja, Hanka, ich will dir von vornherein sagen, in was für eine Welt du

kommst. Ich sagte dir schon, du wirst es nicht ertragen. Ich -- ich

habe mich schon daran gewöhnt. Ich passe schon hierher!«

»Samo!«

»Ich heiße Wenzel! Vergiß das nicht! Samo ist tot -- der neue Wenzel

Halek ist ein Lump -- er sauft ebenso wie der alte Wenzel Halek.«

»Samo, Samo, was -- was redest du --«

»Ich will dich nicht belügen. Ich bin ein Süffling geworden. Es gab

Zeiten, wo ich durchschnittlich in der Woche siebenmal betrunken war.

Das wird so, wenn man mit -- mit Schatten kämpft und wenn man alles,

was einem lieb war, verloren hat.«

Er stieß es rauh, brutal, unbarmherzig heraus. Hanka sank mit dem Kopf

auf den Tisch.

Da öffnete sich die Tür, ohne daß angeklopft worden war. Eine dicke,

alte Tschechin trat ein. Sie besah sich mit frecher Neugier Hanka.

»Also -- das ist die Frau Halek? Das ist das neue Frauchen? Ein

schmuckes Frauchen! -- Nu, Herzchen, wie gefällt es Ihnen hier? Ja,

mein Fräulein, das Zimmer ist nicht groß, aber es ist gemütlich!«

»Mach, daß du hinauskommst, alte Schwarte«, tobte Samo.

»Oho, das ist meine Stube! Und Sie sind noch zehn Gulden schuldig.«

»Kriegst du morgen! Und nun hinaus, ~murguta Myrlawa!~«[56]

Er schob die Alte zur Tür hinaus.

»Wer -- wer ist diese Frau?« fragte Hanka betroffen.

»Meine Wirtin.«

»Was will sie? Sie nannte mich Fräulein. Hast du ihr nicht gesagt, daß

ich deine Frau bin?«

»Ich hab' es ihr gesagt. Aber solches Volk glaubt das nicht. Hier läuft

alles durcheinander.«

Sie nahm ihn ängstlich an der Hand.

»Nicht wahr, Samo, wir werden eine ordentliche Stube nehmen und ein

ordentliches Leben führen?«

Er machte sich achselzuckend los von ihr.

»Das geht nicht so auf einmal. Das fällt doch auf.«

»Du kannst doch sagen, ich -- ich habe dir das Erbteil mitgebracht --«

»Vorsichtig müssen wir sein. Ich werde sehen, was sich wird machen

lassen.«

Ein und ein halbes Jahr waren seitdem wieder vergangen. In eine

»ordentliche Stube« waren Samo und Hanka gezogen, hoch in den oberen

Stock eines sauberen Hauses. Aber ein »ordentliches Leben« führten sie

nicht.

Samo war liederlich geworden.

Er hielt es nicht aus in der engen Klause, wo das stille Weib saß und

mit heimwehkranken Augen zum Fenster hinausstarrte, hinauf zu den

Wolken, die am Himmel wanderten. Er wußte, daß ihre Sehnsucht immer mit

auf die Reise ging, hinstrebte nach der wendischen Heimat, die für ihn

und sie auf immer verloren war.

Und er hatte keine geordnete Beschäftigung. Am Anfang hatte er manchmal

Bücher aus einer Bibliothek besorgt und etwas studiert. Aber was

nutzte ihm das Studieren? Er interessierte sich in der Hauptsache für

medizinische Schriften, und was in aller Welt sollte ihm noch die

medizinische Wissenschaft nutzen? Wenzel Halek war nicht approbiert,

Wenzel Halek hatte nur das Äußere mit Samo ziemlich ähnlich gehabt;

geistig war er ein verlumpter Kerl gewesen, der sich keinerlei

Qualifikationen erworben hatte. Das elende Leben Haleks, das im

Delirium geendet war, mußte Samo nun fortsetzen.

»Hat der erste Wenzel Halek gesoffen, kann auch der zweite Wenzel Halek

saufen«, sagte er oft zynisch und brutal.

Hanka vermochte nichts über ihn. Sie war ihm geistig nicht gewachsen;

er unterhielt sich auf die Dauer nicht gern mit ihr, zumal sie nicht

viel anderes zu reden wußte als von ihrer wendischen Heimat. Einmal

hatten ihre Eltern auf Besuch kommen wollen; sie hatte es auf Samos

Wunsch verhindern müssen.

So war Hanka in schwerster Verlassenheit.

Samo lief viel in die Wirtshäuser. Und er verkehrte in untergeordneten,

schlechten Vorstadtlokalen. »Damit es nicht auffalle, daß er plötzlich

mehr Geld habe«, gab er als Grund an. In Wirklichkeit hatte er -- seit

er aus der besseren Gesellschaft ausgestoßen war -- einen Haß auf

alles, was sicher, ordentlich, anständig erschien; er degradierte sich

in tollem Grimm über sein Schicksal, ja in Haß gegen sich selbst mehr

und mehr. Schließlich gewöhnte er sich an die wilde Gesellschaft.

Pöbel saß in den niederen Gaststuben. »Flamender« werden diese

Vagabunden des Lebens in Prag genannt: Diebe, Zuhälter, entlassene

Sträflinge, Bettler, Trunkenbolde, Dirnen und dazwischen die große

Schar der Entgleisten aus guten Familien: verbummelte Literaten

und Studenten, Musiker, fortgelaufene Schüler, herabgekommene

Komödianten, bankerotte Kaufleute. Der Massenhaftigkeit dieser

Existenzen war es zuzuschreiben, daß in demselben Jahre in Prag, das

damals zweihunderttausend Einwohner zählte, über zwanzigtausend Leute

verhaftet wurden, also immer der zehnte Mensch. Und da wurde noch

geklagt, die Polizei sei zu nachlässig! --

Der Tabaksqualm war heut ärger denn je. Die schmierige Wirtin, der

fettquabbelnde Wirt liefen her und hin, Fusel tragend und schlechten

Wein. Zweimal war schon eine Prügelei gewesen, einmal war die Polizei

einem Taschendieb nachgegangen, der sich hierher flüchtete, hatte ihn

weggeholt und bei dieser Gelegenheit noch einen andern Kerl und ein

Frauenzimmer mitgenommen.

Jetzt war verhältnismäßig Ruhe. Ein paar Individuen unterhielten sich

in der »Hantyrka«, der Gaunersprache, und manch ein Ohr lauschte hin,

um etwas von dieser Kunst zu profitieren.

Am Tisch bei Samo saßen noch zwei Männer, beide in schäbigen,

abgetragenen Kleidern. Ihre Gesichter waren zerdunsen, von

vielen schlimmen Leidenschaften entstellt. Aber jene Linien im

Menschenantlitz, die aus den besten Jahren des Lebens stammen und deren

tiefe Schönheit durch nichts von der Stirn wegzuwischen ist, waren auch

noch in den Gesichtern jener Männer.

Draußen läutete eine tiefe Glocke. Da sagte der eine:

»Das ist die Veitsglocke! Ich erkenne sie am Klang. Sie hat mich oft

genug zur Kirche gerufen.«

»Du bist Katholik?«

»Ich meine schon. Ich habe in jener Kirche ungezählte Male das Hochamt

gesungen.«

»Ach, du warst Priester?«

Der andere zuckte die Schultern.

»Prosit!« sagte er und trank seine ganze Flasche leer.

»Siehst du, Pfäfflein,« sagte der zweite, »ich hab' mich mein

ganzes Leben lang mit den Schwarzen nicht vertragen. Als ich noch

Bezirksrichter war, habe ich ihnen zu schaffen gemacht. Jetzt ist's

anders. Da sitze ich gemütlich hier mit dir. Laß mich einmal aus deiner

Flasche trinken, Brüderlein! Pfui, leer -- na also, die Kirche hat

immer noch einen guten Magen.«

Er lachte unflätig.

»Ja,« fuhr er fort, »da sitzt man hier mit sechs Kreuzern in der

Tasche. Wo sind nun die Mündelgelder, die ich geschluckt haben soll?

Der Teufel hol' die ganze Gesellschaft!«

»Ein Cikán! Ein Cikán!«

Ein Zigeuner trat in die Stube und verlangte Schnaps. Er hatte ein

schwarzes Weibsbild mit, das alsbald die Karten aufschlug oder aus

der Hand weissagte. Sie erhielt nur einige Kreuzer für ihre Kunst;

aber alles lauschte gespannt und gläubig ihren Worten. Sie mischte

ihre Vorhersagungen aus buntem Glück und schwarzem Unheil, prophezeite

goldene Reichtümer oder auch den Tod am Galgen. Da gab es Gelächter und

Zähneknirschen. Auch der frühere Geistliche hielt ihr seine Hand hin.

Sie sah ihn einige Augenblicke forschend an. Dann sprach sie:

»Du bist der Luzifer, der vom Himmel in die Hölle gefallen ist. Und du

wirst dort liegen bleiben!«

»Hallo, sie weiß alles! Der Luzifer! Das ist nicht schlecht! Er ist ein

Pater gewesen! Aber das ist doch lange keine Hölle hier, Zigeunerweib?!

Oder doch eine lustige Hölle! Laßt uns trinken!«

Auch an Samo trat die Zigeunerin heran. Er dachte an die alte Wičaz zu

Haus, die ihm einmal geweissagt hatte, und hielt seine Hand hin. Die

Zigeunerin betrachtete erst sein Gesicht, dann seine Hand und sagte:

»Es sind zwei Blutflecken in deinem Leben. Einer ist von einem Fremden,

der andere ist von deinem eigenen Blut. Es ist ein anderer schuld, daß

du hier bist. Du wirst dich an ihm rächen.«

Samo nickte düster.

»Du scheinst deine Sache besser zu verstehen als die alte Wičaz. Was

faselte sie von den zwei Adlern? Nun wird wohl nicht der eine im

Lóbjofluß ertrinken, sondern der andere in der Moldau.«

Er warf der Zigeunerin einen Gulden hin.

Da setzte sie sich auf sein Knie, küßte ihn auf die Wange und flüsterte

ihm dann ins Ohr:

»Mach dir nichts aus dem, was ich dir gesagt habe. Aber wenn du einen

Feind hast, räche dich!«

In der Nähe der Tür saß ein Slowak. Er war aus dem fernen ungarischen

Karpathenwald vor Jahr und Tag ausgewandert und hatte Weib und Kind

daheim gelassen. Mit Mausefallen hatte er gehandelt, sich durch

Drahtbinden seine Kreuzer sauer verdient. Er hatte fast allen Verdienst

erspart, nur von übriggebliebenem Essen anderer gelebt und war nun, da

er sechzig Gulden im Beutel hatte, ein wohlhabender Mann, der in seine

arme Heimat zurückkehren und sich dort ein Häuschen kaufen wollte.

Nun war er müde an der Tür eingeschlafen. Er saß auf bloßer Erde;

die anderen ließen ihn nicht bei sich sitzen, denn er trug sein

fettgetränktes Hemd schon ein ganzes Jahr. Aber als die Zigeunerin

herumging, stand einer der Gäste auf, trat an den Slowaken heran und

rüttelte ihn.

»He, Slowak, wach auf, laß dir eine Grafschaft prophezeien.«

Einige lachten. Der müde Slowak brummte etwas und schlief weiter.

Da kam ein »Kastelmann« in die Stube, ein Händler mit Kämmen, Knöpfen,

Spiegeln, Tabakspfeifen und anderem Kleinkram. Er machte geringe

Geschäfte. Während er noch schacherte, erwachte der Slowak und fing

plötzlich laut an zu schreien.

Sein Geldbeutel mit den sechzig Gulden, an denen er fast zwei Jahre

fern der Heimat gespart hatte, war verschwunden. Der arme Mann schrie,

jammerte, warf sich auf die Erde, schlug verzweiflungsvoll mit Armen

und Beinen.

»Der Cikán! Der Cikán!« schrie einer.

Der Zigeuner und die Zigeunerin waren verschwunden.

»Nein, nicht der Cikán!« rief Samo, »sondern dieser da, der vorhin den

Slowaken gerüttelt hat. Heraus mit dem Geld!«

Der Angegriffene tobte und fluchte und ging auf Samo los. Samo aber

rief in das Lokal hinein:

»Wir sind alle arme Leute! Wir müssen auf uns halten. Hier darf keinem

was passieren. Da könnte sich keiner mehr hertrauen.«

Nun hatte er die meisten für sich. Dem Dieb wurde der Beutel, den er

in der Tat hatte, entrissen, und der Slowak kam zu seinem Gelde.

Er fiel vor Samo auf die Knie und küßte ihm die Hand.

»O danke, Pán, o danke, Pán!« -- -- --

Von der Tür aus sah ein hochgewachsener junger Mann der Szene zu. Als

Samo aufschaute, erkannte er seinen früheren Freund Bohuslaw, den

Neffen des alten Krok.

Er machte sich rasch von dem Slowaken, der immer noch seine Hand hielt,

los, bezahlte seine Zeche und trat mit Bohuslaw auf die Straße.

»Das war wieder einmal echt königlich«, sagte Bohuslaw draußen.

»Was willst du hier?« fragte Samo unwirsch.

»Ich habe dich überall gesucht! Seit langer, langer Zeit haben wir

nichts mehr von dir gehört; wir glaubten schon, du seist gar nicht mehr

in Prag.«

»Ich habe bei euch nichts zu suchen! Ihr seid ja anständige Leute!«

Er lachte höhnisch. Sie gingen ein Stückchen die Straße entlang. Da

setzte sich Samo auf eine niedere Gartenmauer.

»Weiter gehe ich nicht mit dir!« sagte er.

Bohuslaw setzte sich neben ihn.

»Sollten wir nicht lieber in ein besseres Lokal --«

»Ich gehöre in kein besseres Lokal. Dort in die Spelunke gehöre ich! Da

brauche ich mich wenigstens vor den andern nicht zu schämen.«

»Du brauchst dich überhaupt nicht zu schämen, Samo!« sagte Bohuslaw

traurig.

»Nicht?! Verzeih, daß ich lache. Aber du bist zu gütig! Ich brauche

mich nicht zu schämen? Das ist gut! Nein, nein, Pán Bohuslaw, das steht

doch anders! Aber es wird noch mancherlei dazukommen! Vorhin hat mir

eine Zigeunerin geweissagt. Unsinn. Oder vielleicht nicht Unsinn -- ich

weiß es nicht! Das eine, was sie sagte, stimmte: Ein Fremder ist schuld

an meinem Unglück, und an dem soll ich mich rächen! Und dieser Fremde

ist dein elender, verfluchter Onkel Krok.«

»Samo!«

»Ist dies nicht die Wahrheit?! Ich war ein ehrlicher Kerl; ich wollte

meine slawische Überzeugung mit ehrlichen Waffen durchkämpfen; da ist

dieser verrückte Altertumskrämer in mein Leben getreten und hat mich

auch verrückt gemacht! Mit seinem Kerzengeflimmer und Altarklimbim

hat er mich so sentimental, so duselig, so toll gemacht, daß ich

schließlich auf seine hirnverbrannten Ideen eingegangen bin.«

»Samo, darf ich etwas zur Verteidigung des alten Krok sagen?«

Samo antwortete nicht. Da fuhr Bohuslaw fort:

»Erinnere dich, Samo, wie die Sache eurer Lausitzer Sorben stand,

als du meinen Onkel kennen lerntest. Du selbst gabst ihre Sache fast

verloren. Und den Hauptschlag gegen das Slawentum an der Sprewja

fürchtetest du von deinem Bruder Juro, der gedroht hatte, den

Kronenhügel aufzugraben und so den einfachen Leuten da oben den Beweis

zu erbringen, daß es eine wendische Krone nicht gäbe. Da hat dir der

alte Krok gesagt: Symbole sind für das Volk alles. Sieht das Volk, daß

das Symbol fehlt, dann vergeht ihm der Glaube, dann ist die slawische

Sache der Lausitz verloren, dann wird die Lausitz deutsch!«

»Was wärmst du den alten Kohl auf?«

»Um Krok zu verteidigen. Er hat es ehrlich gemeint.«

»Ehrlich! Indem er mich zu dem ungeheuren Betrug verleitete.«

»Er hielt es nicht für Betrug. Die wendische Krone ist in Wahrheit da,

die ideelle Krone, das war und ist seine Überzeugung. Die Kralswürde

ist echt. Und der Glaube daran darf nicht an der äußerlichen Tatsache

scheitern, daß die substanzielle Krone fehlt oder wenigstens dort

fehlt, wo man sie vermutete.«

»Ja, und also haben wir uns eine Krone machen lassen und sie im

Kronenhügel eingegraben. Eine kluge und herrliche Tat fürwahr! Oder

vielleicht auch eine romantische Schufterei.«

»Krok hat doch alles anders geraten, als du es ausgeführt hast. Er hat

dir doch geraten, nachdem die Krone eingegraben war, dafür zu sorgen,

daß du selbst sie vor vielen Zeugen ausgraben und nach einem würdigeren

Platz bringen solltest, etwa nach eurer Heimatkirche. Dann war der

Glaube befestigt, dann konnte auch nichts passieren, dann konnte ja

nichts entdeckt werden.«

Samo sprang von der Mauer herab.

»Siehst du, Bohuslaw, und das brachte ich nicht fertig. So einen Quark,

so einen betrügerischen Schmarren, den hier in Prag ein Pfuscher

gemacht, nach dem Altar unserer Heimatkirche bringen, das vermochte

ich nicht. Ich ließ es darauf ankommen. Grub Juro den Hügel nicht

auf -- nun gut -- dann war alles nicht nötig. Grub er ihn auf, dann

war ihm die Überraschung zu gönnen, und der Beweis für unsere Leute

war gebracht. Aber das Ding, das mir dein Onkel gegeben hat, war ein

elendes Pfuschwerk, dessen Unechtheit ein simpler deutscher Student

erkannte.«

»Die Kopie der Krone wurde getreu nach der alten Krone Przemisls

gemacht; mein Onkel hat die Arbeit selbst Tag und Nacht überwacht.«

»Ja, weil er um seinen Schatz fürchtete. Warum gab er nicht seine

echte, alte Krone, wenn ihm so viel daran lag, den slawischen Gedanken

an der Sprewja zu befestigen? Weil er ein selbstsüchtiger Geizhals ist!

So wurde ein Stümperwerk geschaffen, das mich ins Verderben brachte.«

»Krok hat gewollt -- ich sage es noch einmal --, du selbst solltest den

Wenden die Notwendigkeit klarmachen, die Krone auszugraben und nach

einem sicheren Ort zu bringen, da sie durch Juro bedroht sei. Hättest

du das getan, wär alles gut.«

»Und -- ich sag' es auch noch einmal -- ich konnte es nicht! Ich

brachte es nicht fertig, den Quark ans Licht zu ziehen und in unsere

Kirche zu bringen. Oh, und dann hat mich doch -- doch der Vater

gezwungen, das falsche Ding auf dem Kirchhof zu begraben über dem

Kopf meiner Mutter. Und das, Mensch, das ist es, was mich wie ein

Fluch verfolgt, das war es, was mir schon am nächsten Tag den Sinn so

verwirrte, daß ich den Feind niederstach, der die Fälschung entdeckt

hatte. Das ist es, was mir noch jetzt keine Ruhe läßt. Ich sehe in den

Nächten nichts anderes als den Totenkopf meiner Mutter mit der falschen

Krone. Ich sage dir, ein schlechter Spaß ist das, ein sehr schlechter

Spaß ist das! Und wenn ich noch verrückt werde, werde ich darüber

verrückt!«

Bohuslaw seufzte schwer auf.

»Und deswegen,« fuhr Samo ingrimmig fort, »deswegen bin ich hier, bin

ich ein Säufer, ein Verfolgter. Aber ich werde das tun, wozu mir die

Zigeunerin riet, ich werde mich an dem alten Krok rächen, der mich

vom geraden Pfade ehrlichen Kampfes abbrachte und mit allerlei blödem

romantischem Geschwätz auf diesen elenden Irrweg lockte. Leb wohl, ich

gehe nach dem Wirtshaus zurück.«

»Samo!«

Er ließ sich nicht halten; er ging wieder nach der Kaschemme.

Drei Tage später war Hanka wieder allein. Samo war schon am frühen

Morgen fortgegangen. Es war wieder eine schreckliche Nacht gewesen.

Erst spät war er nach Hause gekommen, mehr betrunken als sonst. Und er

hatte wieder soviel laut geredet im Schlaf. Das Schrecklichste war,

wenn er schrie:

»Mutter, nimm die Krone vom Kopf, nimm die Krone vom Kopf! Mutter, sie

drückt dich! Mutter, ich kann es nicht leiden, daß du die Krone auf dem

Kopf hast!«

Dann sprang er oft aus dem Bett, dann zitterte er und streckte die

Hände entsetzt von sich, dann schluchzte und weinte er, bis er erwachte

und erschöpft ins Bett zurücksank. Was er nur mit der Krone hatte! Er

sprach niemals ein gutes Wort von ihr; sein Gesicht wurde finster, wenn

die Krone nur erwähnt wurde.

Und doch, war er nicht ein Märtyrer der alten Krone? Hatte er sie nicht

verteidigt gegen Frevlerhände, mußte er nicht Schmach und Verachtung

für sie erdulden, war es nicht die Krone, um derentwillen er Heimat und

Ehre verlor?

Um dieses Martyriums willen liebte Hanka ihren Mann, hatte sie für

seine Verirrungen nichts als liebendes Bedauern.

Nun saß sie wieder einmal allein. Sie nähte an kleiner Wäsche für das

Kind, das sie erwartete. Sie freute sich auf dieses Kind. Vielleicht

würde Samo erlauben, daß ihre Eltern zur Taufe kämen. Das würde doch

ein Lichtblick sein in ihr so dunkles, einsames Leben; vielleicht würde

Samo gar ordentlicher werden, mehr zu Haus bleiben, wenn erst das

Kindchen da war. Dann würde Hanka zufrieden sein.

Da klopfte es an die Tür, und es stürzte ein alter Mann in höchster

Aufregung ins Zimmer.

»Sind Sie -- sind Sie Frau Halek?«

»Ja, -- was wollen Sie?«

»Sind Sie die Frau Samos?«

»Mein Mann heißt Wenzel Halek.«

»Ja, gut, gut; aber ich weiß, wer er ist, woher er stammt. Wo ist Ihr

Mann?«

»Das weiß ich nicht! Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

»Wo ist Ihr Mann?« schrie der Alte.

»Ich weiß es nicht!«

»Sie wissen es bestimmt! Sie wissen auch, wo die Krone ist! Wo ist

meine Krone? Meine kostbare Krone?«

Der Alte brüllte es. Hanka sah ihn erschrocken und verängstigt an. Sie

glaubte, einen Irrsinnigen vor sich zu haben. Verzweiflungsvoll fuhr

sich der Mann mit beiden Händen über den kahlen Kopf.

»Wenn Sie es nicht sagen, dann hole ich die Polizei! Dann lasse ich

alle einsperren -- alle!«

»Was wollen Sie eigentlich von meinem Mann?«

»Die Krone hat er mir gestohlen. Aus dem Altar heraus hat er sie mir

gestohlen. Hat sich eingeschlichen, weil er meine Wirtschafterin kennt!«

»Was für eine Krone? Was redet Ihr immer von einer Krone?«

»Die Krone Przemisls. Die echte Krone! Das Heiligtum! Die Krone, nach

der Ihre wendische Krone gemacht worden ist.«

Noch immer sah ihn Hanka fassungslos an.

»Die wendische Krone gemacht worden ist --?« wiederholte sie

verständnislos.

»Nun ja, ich hab' doch meine echte böhmische Krone hergeliehen, daß

sich Samo eine Krone machen lassen konnte --«

»Eine Krone machen lassen konnte -- --? Wozu braucht Samo jetzt eine

Krone?«

»Jetzt?! Frau, verstellen Sie sich nicht! Wer redet von ›Jetzt?‹ Damals

-- als er die Krone für den wendischen Königshügel brauchte, -- als er

sich die Krone machen ließ --«

»Für -- für unseren -- unseren Hügel?!«

Hanka fragte es mit entsetzt starrenden Augen. Ein grausiges Licht ging

ihr auf.

»Nun, natürlich für Ihren Hügel -- Sie verstellen sich doch bloß -- Sie

müssen doch das wissen als seine Frau. Und das ist der Dank, daß er

mir --«

Er hielt inne. Die Frau vor ihm war ohnmächtig zusammengesunken.

»Was ist das? Was ist mit ihr? -- Aah -- Sie erschrak vor der Polizei!

O hätt' ich doch -- hätt' ich doch -- meine Krone --«

Er begann die ganze Stube zu durchsuchen, öffnete den Schrank, riß die

Schübe auf, wühlte alles durcheinander. Darüber kam Samo nach Haus.

»Was geht hier vor? -- Was macht der alte Halunke? -- Stiehlt er? --

Ahnt' ich es doch!«

Er schloß die Tür hinter sich ab.

»Meine Krone will ich -- meine Krone will ich -- wo hast du sie -- du

-- du ...« brüllte der Alte. Samo schob ihn beiseite.

»Hanka -- was ist mit Hanka? Hat sie der Lump erschlagen?«

»Sie ist von selbst umgefallen. Ich habe ihr nichts getan.«

»Hast du es ihr gesagt, daß wir unsere Krone nach deiner ...«

Der Alte nickte. »Ich glaubte, sie wüßte es! Und es ist alles egal --

alles egal -- meine Krone will ich.«

»Oh, du -- du -- du Lump -- auch das noch -- auch das noch!«

Samo schüttelte den alten Mann, daß ihm der Atem ausging. Dann raffte

er Hanka auf und legte sie aufs Bett. Dabei erwachte sie. Sie schaute

entsetzt auf Samo:

»Ist es wahr, was jener Mann dort ...«

»Ja,« stieß Samo heiser heraus, »es ist wahr! Nun sollst du's schon

wissen!«

Da schloß Hanka die Augen und rührte sich nicht mehr.

»Meine Krone will ich, meine heilige Krone will ich!« heulte wieder der

Alte.

Samo stieß ihn auf einen Stuhl.

»Deine heilige Krone habe ich verkauft!«

Der Alte schrie auf.

»Ich habe sie an einen Matrosen verkauft, der hier zu Besuch war und

jetzt über alle Berge ist.«

»Das kann nicht wahr sein, das kann nicht wahr sein,« heulte Krok; »das

gibt Gott nicht zu!«

»Laß Gott aus dem Spiel, alter Lump! Deine Krone wird in irgendeinem

Hafenort verschachert oder eingeschmolzen werden. Fünf Gulden habe ich

dafür bekommen. Da hast du das Geld!«

Er warf es dem Alten vor die Füße. Der schnappte nach Luft, brachte

aber kein Wort mehr heraus.

»Siehst du, alter Krok, das ist meine Rache! Eine viel zu winzige

Rache. Ich habe dir einen alten Silberscherben genommen, der tot und

leblos war; du hast mir die lebendige Krone meines Volkes vom Haupte

gerissen, du hast aus dem künftigen Wendenkral einen versoffenen

Vagabunden gemacht. Wenn ich sage, wir sind quitt, bin ich großmütig.

Ich zerstörte dir eine Marotte, du zerstörtest mir das Leben.«

Nun schlug der alte Krok einen andern Ton an:

Mit gefalteten Händen stand er vor Samo:

»Erbarme dich, Samo, erbarme dich! Sei großmütig, wirklich großmütig!

Gib mir die Krone wieder!«

»Gib du mir meine Krone wieder, wenn du kannst!«

»Sieh es ein, Samo, ich habe es gut mit dir gemeint. Denke an die

schöne, feierliche Nacht, da du zuerst bei mir warst.«

»Ich verfluche diese Nacht; sie war der Anfang zu meinem Verderben.«

»Es mußte doch so sein, wenn das Slawentum bei euch gerettet werden

sollte -- sieh es doch ein!«

»Nein, es mußte nicht so sein!«

»Ich habe es dir anders geraten ...«

»Ich weiß, was du mir geraten hast. Selbst sollte ich die Krone

ausgraben oder von dieser Frau dort, die damals noch ein Mädchen war,

mit einer versilberten Schaufel ausgraben lassen und die Krone nach

meiner Heimatkirche übertragen. -- Ich konnte es nicht; ich brachte

diese elende Komödie nicht fertig ...«

»Völker sind oft durch Komödien geleitet worden, Samo, tausendmal sind

Völker durch ein Spiel, das ihre Phantasie ergötzte, zum Glück und

zur Größe geführt worden. Wer das nicht wagt, was kleine Leute Betrug

nennen, kann nicht der Führer eines Volkes sein; denn die Völker wollen

und müssen von Zeit zu Zeit betrogen werden. Es gibt keinen Staat der

Welt, wo so etwas nicht bewußt geschehen wäre.«

»Das ist deine Sophistik!«

»Du hast ihr zugestimmt. Und dann ist das Ganze an deiner Schwäche

gescheitert.«

»An meiner Ehrlichkeit!«

»Nenne es, wie du willst! Aber wenn du ehrlich bist, gib mir die Krone

wieder, die du aus meiner Kapelle geholt hast. Ich bitte dich um Himmel

und Erde willen, gib mir die Krone!«

Hanka sprang vom Bett auf. Finster schaute sie auf Samo.

»Gib ihm die Krone zurück! Sei wenigstens kein Dieb!« sagte sie hart.

»O gute Frau! O brave Frau Hanka!«

Samo lachte laut und lange. Er wandte sich an Hanka:

»Nun hast du mich also ganz erkannt, Hanka! Ein Prachtkerl, nicht wahr?

Und das, was ich bin, bin ich durch diesen Mann. Schau ihn an, den

kahlen Affen! Er hat kein anderes Ideal als alten Kram, in dem er sich

wohlfühlt. Ich wußte, daß ich ihn nicht ärger treffen konnte, als daß

ich ihm seine alte Krone nahm; deshalb nahm ich sie ihm, und deshalb

bleibt sie ihm genommen.«

»Samo, erbarme dich ...«

Der Alte fiel vor ihm auf die Knie.

Da nahm Samo seinen Hut und stürmte davon. Der Alte lief ihm wimmernd

und händeringend nach.

Der trübe Tag verging, eine sternenlose Nacht folgte ihm. Und als auch

sie vorüber war und das fahle Morgenlicht durch die Straßen schlich

wie ein zu früh gewecktes, müdes Kind, das auf Arbeit ausgehen muß, da

verließ Samo das Wirtshaus, in dem er so lange gewesen war, und irrte

erst ziellos durch die Gassen und kam schließlich, von innerem Drang

geleitet, an das Haus des alten Krok.

Was er dort wollte, wußte er nicht; er wollte sich wohl mit dem alten

Manne weiter streiten. Es tat ihm wohl, mit ihm Händel zu haben. So

klopfte er an die Tür.

Nur wenige Minuten, und die alte Haushälterin kam und erschrak so vor

Samo, daß sie sich auf die Treppe setzen mußte. Samo schloß die Tür

von innen und ließ die Alte sitzen, nachdem er ihr unter einer rauhen

Drohung verboten hatte, Lärm zu schlagen. Das Weiblein duckte sich

zitternd und heulend zusammen.

Oben im Eckzimmer war Licht, auch der Nebenraum war erleuchtet. Aber

Krok war nicht zu sehen. Da ging Samo nach der Kapelle.

Sie war hell erleuchtet. Ungezählte Kerzen flammten.

Der beraubte Tabernakel des Altars stand offen.

Und auf den Stufen des Altars lag lang dahingestreckt der alte Krok und

war tot.

Regungslos stand Samo, starrte mit stumpfem Sinnen in das

Kerzengeflimmer und dann wieder auf den toten Greis. Lange stand er

so. Dann aber war es, als würden die Heiligen und Helden an den Wänden

lebendig.

Wenzeslaus schwenkte seine Fahne, der große König Karl stieg aus dem

Bilde, Wallenstein zückte den Degen, Przemisl, der König, dessen Krone

geraubt worden war, sprang auf von seinem Pflug.

Da lief Samo davon, die Treppe hinab, hinaus auf die Straße.

Die kühle Morgenluft ernüchterte ihn. Er ging zwei oder drei Straßen

weiter, dann setzte er sich müde auf die Stufen, die zu einer

Kirchenpforte emporführten.

Krok war tot. Weil er die Krone verloren hatte! Weil das alte Heiligtum

nun ein wüster Matrose irgendwo versetzte und das Geld, das er dafür

bekam, verliederte.

Ei, alter Krok, dir ist es schlecht ergangen!

Aber ich habe auch keine Krone. Ich bin auch tot.

Tröste dich! Siehe, der dort auf der Straße dahertorkelt, der war

früher ein Priester. Siehst du, wie er stehen bleibt? Siehst du, wie

er ein paar Sekunden lang her auf die Kirche sieht? Da hat er früher

Hochamt gehalten, und an seinem Altar brannten viele Lichter.

Er hat auch eine Krone verloren.

Viel, viel Menschen verlieren eine kostbare, alte Krone, sinken von

einem Thron in den Pfuhl.

Tröste dich also, alter, toter Krok! Ich will jetzt nicht mehr bös auf

dich sein. Davon hast du schon etwas; denn ich bin doch ein Königssohn.

Weißt du noch, wie du mich vergöttert hast? Wie du mir die Hand

küßtest? Es ist dumm genug, daß alles so kommen mußte!

Als es heller wurde, ging Samo nach Hause.

Nun kam noch ein ernstes Wort mit dem Weibe. Am Ende war der auch

Unrecht geschehen. Aber Unrecht muß geschehen, Hanka, muß! Hast halt

auch Unglück gehabt. Glaubtest, einen künftigen König zu heiraten, und

bekamst einen Lumpen ...

Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald · 第 29 / 38 题