Aber das große Tier, satt und im Halbschlummer des Verdauens begriffen,
regte sich nicht, ob auch der verlockende Bissen gerade vor seiner Nase
auf- und abhüpfte. Die Samoaner berührten sogar mit dem Fleische das
sonst so gefräßige Maul, -- umsonst, der Koloß blinzelte nicht einmal.
Einer der Fischer klatschte in die Hände und auf dieses Signal hin
geschah etwas, das unsere Freunde im ersten Augenblick erschreckte. Wie
von einem einzigen Gedanken erfüllt, sprangen alle zugleich in das
Wasser, junge Bursche, Frauen mit Säuglingen auf den Armen, selbst
Kinder in einem so jugendlichen Alter, daß sie kaum fähig schienen, auf
festem Boden allein zu gehen und zu stehen, -- jede Stimme schrie,
sämtliche Hände klatschten, sämtliche Füße stampften und strampelten,
das Wasser wurde aufgewühlt, Steine hineingeschleudert und alles
Mögliche gethan, um es in immer größere Bewegung zu bringen. Die am
weitesten vorgedrungenen Frauen schwammen bereits in der tieferen Flut;
oft mit einem Arme rudernd, ballten sie die andere Hand zur Faust und
von allen Lippen zugleich brach ein Strom solcher Laute, die sich dem
Zuhörer, ob er der Sprache mächtig sei oder nicht, doch sogleich als
Schimpfreden kennzeichnen. Die Frauen schrieen, schlugen mit der flachen
Hand auf das Wasser, sprangen und hüpften, kurz, sie vollführten,
während sich die Männer in den Booten ganz unthätig verhielten, einen
wahren Höllenlärm.
Unsre Freunde lachten. »Das ist die Herausforderung für den Hai,« meinte
Holm. »Ob er den Kampf annimmt?«
Es schien nicht so. Nachdem der Spektakel etwa eine Viertelstunde lang
angedauert hatte, veränderten die Fischer ihre Taktik. Jetzt mußten sich
Frauen und Kinder auf das feste Land zurückziehen, wogegen einer der
Männer, ein besonders kühnblickender, hochgewachsener Häuptling, im
Boote stehend die Jacke abwarf und mit flach zusammengelegten Händen
kopfüber in die Tiefe hinabschoß.
»Der will den Hai mit bloßen Fäusten angreifen!« rief Franz.
»Er streichelt ihm die Schnauze. Sehen Sie, Herr Gottfried, dort verläßt
noch ein zweiter den Kahn.«
»Und der hat vorher eine Schlinge geknotet!«
»Die er im gegebenen Augenblick um den Schwanz des Fisches legt!«
»Mein Gott, wie ist es möglich!«
Beide Taucher waren jetzt unsichtbar, die Handlung bewegte sich unter
dem Spiegel des wieder ruhig gewordenen Wassers, ängstliche Spannung
hatte alle Gemüter erfaßt, -- was würde folgen?
Da erschien mit jähem Schwung der Häuptling wieder an der Oberfläche;
etwas weiter hin rauschte das Wasser, als hebe ein Erdbeben die blauen
beweglichen Fluten mit zwingender Gewalt hoch empor; auch der zweite
Samoaner sprang in sein Boot, aber beide muskulöse Arme hielten dabei
die Schlinge, er zog etwas Schweres nach sich, er arbeitete aus allen
Kräften -- --
»Der Hai! Der Hai!«
Zehn andere Fahrzeuge ruderten hinzu, ärger und ärger wurde unter dem
Wasser das verzweifelte Ringen, zwanzig, fünfzig nackte Arme zogen und
zogen, Frauen und Kinder jubelten laut, langsam näherten sich die
Fahrzeuge dem Strande und als die tollkühnen Männer heraussprangen, da
konnten sie den wehrlosen, überwältigten Gegner im Verein mit allem, was
Hände hatte, an den armdicken Seilen aus Kokosfasern aufs Trockene
ziehen.
Ein stattlicher Kerl mit wahrhaft furchtbaren Zähnen und weitgeöffnetem,
schauderhaften Rachen, wohl der aufgewendeten Mühe wert. Aber jetzt
wurde er auch gespalten, zerschnitten und zerhackt, daß bald die Küste
einem blutbedeckten Schlachtfelde glich, Frauen und Männer schleppten
eifrig ihre Beute in Körben und Töpfen davon, während das beste am
ganzen Tier, das sogenannte »Beefsteak« gleich an Ort und Stelle
gebraten und mit den Früchten des Urubaumes als Festmahl verzehrt wurde.
Die Samoaner, gastfrei wie vielleicht kein anderes Volk, liebenswürdig
und zuvorkommend, boten den Weißen sowohl die besten Bissen als auch die
besten Plätze und so speisten denn unsre jungen Freunde zum erstenmale
die zwischen zwei heißen Steinen gebackenen, in Scheiben zerschnittenen
Früchte des Urubaumes, welche dem besten Weißbrot an Wohlgeschmack
nichts nachgeben.
Überall fanden sich indessen bei den Eingebornen sowohl Messer, Gabeln
und Löffel, als auch saubere Blechteller, sie waren keine Wilden mehr,
diese hübschen, hellfarbigen Ozeanier, freilich noch Naturkinder im
verwegensten Sinne des Wortes, aber doch gesittet und anständig. Auf den
Häuptling, der in das Wasser gesprungen war, um einen Haifisch am Kopf
zu packen, deutete der Begleiter der Reisenden ganz besonders. »Es ist
einer unsrer tüchtigsten Aufseher, beliebt bei seinen Landsleuten und
bei uns. Wir schicken gerade diesen Mann hinüber nach den
Kingsmillinseln, wenn es gilt, Arbeiter zu werben. Furchtlos wie ein
Löwe, geht er dort in die Wälder und hält förmliche Predigten, natürlich
spricht er auf seine Weise auch deutsch, d. h. ohne unser R, von welchem
die polynesische Mundart nichts weiß.«
»Johannes!« rief er gleichzeitig dem herkulischen Manne zu: »Sag einmal:
Preußen!«
Der Samoaner lächelte: »Polusia!« antwortete er.
Unter den Kindern entstand ein Flüstern. Sie waren jedenfalls in der
Kultur schon weit genug vorgeschritten, um den Begriff eines Trinkgeldes
zu kennen, denn verschiedene der Kecksten drängten sich vor und
erzählten, daß sie auch was könnten, Lesen, Beten, Schreiben und
allerlei nützliche Dinge. »Ich weiß, wie dein Häuptling heißt«, sagte
ein zierliches, kleines Mädchen von acht Jahren: »Kaisa o Simiani!«
Franz amüsierte sich köstlich. »Simiani?« wiederholte er zweifelnd.
»^Germany!^« erläuterte der Buchhalter. »Komm einmal her, kleines Ding,
zeige, daß du lesen kannst!«
Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und hielt es dem Kinde vor das
Gesicht. Ganz wie ein deutsches Schulmädchen von gleichem Alter las die
kleine Samoanerin den Satz, welchen ihr seine Finger bezeichneten. Daß
dabei Kleidchen und Haar noch um die Wette trieften, kam weiter nicht in
Betracht; Wasser und Luft und Wind, alles ist auf jenen glücklichen
Inseln warm und schmeichelnd, -- man genießt ohne Furcht vor der
Zukunft, man ist gesund und daher froh.
Alles Geld aus den Taschen der Reisenden wanderte in die Hände der
Kinder, welche den Fremden treuherzig das Geleite gaben. Franz war sehr
still geworden, unterwegs winkte er seinem Bruder. »Du, Hans, mir kam
vorhin ein Gedanke, über den ich mit dem Vetter doch noch sprechen
möchte! -- Wenn Deutschland auch in die Wälder von Ceylon seine Boten
senden würde, wenn _wir_, ja, Hans, _wir_, mit dem Häuptling Tippoo eine
Handelsverbindung anknüpfen könnten, die das Licht der Zivilisation zu
den baumbewohnenden Singhalesen trüge und allgemach ihrem
Schlangenkultus, ihren heiligen Feigenbäumen und den Skorpionen im Dache
gründlich den Garaus machen müßte, -- wie schön wäre das!«
»Und die Veddas ohne Kleider und Wohnungen, die armen vertierten Veddas
könnten dann die Stelle der Kingsmillinsulaner einnehmen, könnten auch
allmählich aus bloßen, lebenden Wesen wirkliche Menschen werden.«
»Nicht wahr? -- Du, Hans, es ist doch schön, ein großer Kaufmann zu
sein, ein Apostel der Kultur und Gesittung. Was hat unser Vater hier
alles erschaffen! und für alle, alle Zeit, jedem Wechsel gegenüber!«
Sie drückten sich stumm die Hände und als später am Abend die
ausgesuchte Gesellschaft von Apia sich in den großen Räumen der
Gottfriedschen Faktorei gastlich zusammenfand, da konnten diese beiden,
aus Hamburg als Knaben fortgegangenen jungen Leute die Honneurs ihres
Hauses mit stolzer Freude machen. Daß das deutsche Element auf den
Samoainseln so entschieden vorherrscht, daß deutsche Biederkeit und
Treue aus den wilden, von Krankheit und beständigen Bruderkriegen
zerrissnen Völkerschaften zufriedene, arbeitende Menschen erschuf, --
ihr Vater hatte das alles ins Leben gerufen.
Franzosen, Engländer und Amerikaner fanden sich in den Sälen vereint,
aber weitaus die meisten Gäste waren Deutsche, denen auch die Insel ihre
Schulen, ihren Arzt und eine segensreich wirkende Krankenkasse
verdankte. Der erste Toast galt wie immer dem erlauchten Kaiserlichen
Hause, der zweite dem Vaterlande, dem teuren, geliebten.
Als die Sterne hell vom Himmel strahlten, entwickelte sich draußen unter
den Fenstern im Mondschein ein reges Durcheinander. Die Arbeiter der
Gottfriedschen Faktoreien, unter Führung des Häuptlings, den der
Buchhalter Johannes nannte, vollführten zum Vergnügen der Fremden einen
ihrer Nationaltänze, wie sie trotz Arbeit und Gesittung bei den
harmlosen Naturkindern immer noch sehr beliebt sind. Es mochten etwa
sechs Anführer beisammen sein, jeder begleitet von zwei Narren, die dort
als unerläßliches Gefolge des vornehmen Häuptlings gelten. Diese beiden
jungen Männer trugen Anzüge von allen erdenklichen Farben, bald mit
Federn, bald mit Stroh, Fasern und Zahnreihen geschmückt, in den Händen
hielten sie Stöcke, die Gesichter waren unter schauderhaften, grob
angestrichenen Masken versteckt, sie gebärdeten sich absichtlich wie
Tollhäusler. Was irgend einer der Tänzer unternahm, das suchten sie zu
vereiteln; was er ausführte, das ahmten sie in possenhafter Weise nach,
am meisten die Musik, welche lediglich aus einem ohrenzerreißenden
Trommeln bestand. Ein zwei Meter langer Block war ausgehöhlt, darauf
wurde sonder Takt oder auch nur Übereinstimmung der Musiker mit derben
Stöcken geschlagen, erst langsam, während sich die Tänzer langsam
drehten, dann toller und immer toller, bis die ganze Menge raste, daß
der Schweiß von allen Stirnen troff.
Nach diesem Tanze kam das Kriegsspiel, bei dem unsere Reisenden eine
Waffe kennen lernten, die ihnen vorher unter keiner wilden Völkerschaft
begegnet war, Handschuhe nämlich, grobe, plumpe Fausthandschuhe aus
Kokosfasern mit einer inwendig befestigten Doppelreihe von
Haifischzähnen.
Die beiden scheinbar feindlichen Parteien stellten sich einander
gegenüber, während auch hier die seltsame Trommel mit Einzelschlägen das
ganze Spiel begleitete und nun that jeder Mann ohne Verabredung das, was
ihm als das Beleidigendste, als die ärgste Herausforderung erschien, zum
Teil Dinge, wie wir sie nur bei kleinen Kindern zu bemerken gewohnt
sind. Natürlich schrieen und kreischten alle ohne Ausnahme, dann aber
warfen sich einige zu Boden, um wie die Katzen oder Füchse aus dem
Hinterhalt den Feind zu beschleichen, andre streckten die Zungen hervor,
ballten die Fäuste, schüttelten die schweren, geschnitzten Keulen oder
schlugen geradeswegs Purzelbäume, während sich ihre Häuptlinge nur durch
Worte herausforderten, ohne der Würde des höheren Standes das Geringste
zu vergeben.
Nach Schluß dieser lärmenden Feierlichkeit folgte ein Schmaus, der
indessen auf keine Weise in ein Trinkgelage ausartete.
»Und in Wirklichkeit kommt solcher Kampf, solche Herausforderung niemals
vor?« fragte Franz.
»Auf den Samoainseln wenigstens nicht. Es gibt hier in den fernen
Gebirgsthälern allerdings noch einige hundert Eingeborne, die weder
arbeiten noch zum Christentum bekehrt sind, aber diese bilden eine so
kleine, in sich uneinige Gruppe, daß sie keinen Einfluß mehr besitzen.
Europäische Waffen und europäisches Hausgerät findet sich auch bei
ihnen.«
»Aber sie haben noch ihre eignen Gesetze und betreiben nach wie vor
Götzendienst.«
»Dann wollen wir sie jedenfalls aufsuchen!«
Das war ohnehin beschlossene Sache und nach etwa vierzehn Tagen
vollkommensten Ausruhens machte sich die kleine Karawane wieder auf den
Weg, um auch die letzte Entdeckungsfahrt dieser Reise würdig zu beenden.
Meilenweit ins Innere hinein erstreckten sich freilich zunächst die
Arbeitshöfe der Faktoreien, in denen Kokoskerne zerschnitten, getrocknet
und dann als Kopra auf Wagen geladen und zum Ufer befördert wurden, um
erst in Deutschland ihrer Verwandlung zu Palmöl, Schmiere und jenem
wertvollen Viehfutter aus den Überresten entgegenzugehen. Tausend und
abertausend Nüsse lagen in den weiten Räumen aufgestapelt, die
eingebornen Arbeiter sangen und lachten, Scharen von Frauen sammelten
die kostbaren Fasern und banden dieselbe in feste Packen, oder flochten
gleich an Ort und Stelle Matten, Treppenläufer, Fußdecken, Körbe und
Taue, die für den Handel nach Europa bestimmt waren, während selbst
Kinder und Greise noch Gelegenheit fanden, sich in irgend einer Weise
nützlich zu machen und immerhin einige Pfennige zu verdienen, die dann
angeschrieben und bei dem Austausch der Arbeitslöhne gegen die
Erzeugnisse deutscher Industrie verrechnet wurden.
Aus diesem heiteren, fast ganz unter dem blauen Himmelszelt sich
entwickelnden Fabriktreiben führte der Weg in die eigentlichen Wälder,
wo sich Plantage an Plantage aus dem Gewirre der tausendfältig
wildwachsenden Farne, Orchideen und Bananen erhob. Immer eine junge
Kokospalme und eine Baumwollenstaude standen friedlich bei einander,
damit, wie der eingeborne Führer erklärte, die letztere so lange Ertrag
gebe, bis erstere Frucht trägt, was erst nach sechs Jahren geschieht;
dann stirbt die Baumwolle ab. Unabsehbar dehnten sich in jedem Alter der
Anpflanzung die jungen Stämme, es folgten aber neben dieser Hauptsache
auch Felder mit Kaffee, Vanille und sogar Thee, bis zuletzt die
ursprüngliche Wildnis wieder aus jedem Fußbreit der Umgebung hervorsah.
Zwanzig Meter hoch über dem Boden trugen die Luftwurzeln der Bananen den
schlanken Stamm mit seinen Riesenbündeln grüner und gelber
Schotenfrüchte, die äußerlich unseren großen Bohnen nicht so ganz
unähnlich erschienen, Melonen und Ananas wuchsen überall, Blumen sahen
hervor aus jeder Spalte, zwischen allen Blättern, von allen Ästen; in
den Bäumen gurrten die großen, prachtvollen Tauben, namentlich weiße mit
violettem Kopf und roter Brust, ebenso kleinere Singvögel aller Arten
und hier und dort sogar ein Papagei. -- Das schönste der ganzen
Landschaft aber blieben unstreitig die vielen, teils bedeutenden, teils
zierlichen Wasserfälle, welche von den Felsen herab auf das verwitterte
vulkanische Gestein stürzten, hier donnernd und brausend, dort in
sanftem Plätschern, überall wie flüssiges, im Sonnenschein
diamantengeschmücktes Silber glänzend und schillernd. Hier in diesem
Teil der Insel lebten die wenigen Hunderte noch unzivilisierter
Eingeborner, ein freundlicher, gastfreier und ehrlicher Menschenschlag,
dem jedoch die Arbeit noch gleichbedeutend schien mit einem Schimpf.
Einzeln lagen die kleinen Dörfer im Schoß der Urwälder, sicher vor
feindlichem Überfall durch die Achtung gebietende Nähe der Deutschen,
reich selbst inmitten äußerer Armut, durch die Fülle der Gaben, welche
gerade hier der Himmel in beständig fließenden Strömen seinen
Erdenkindern geschenkt hat. Um die friedlichen, von allen Seiten offenen
Hütten standen uralte Brotfruchtbäume, deren dreie einen Menschen
während des ganzen Jahres zu ernähren vermögen, Kokosnüsse hingen auch
hier von den Zweigen, der Papiermaulbeerbaum bot in seiner Rinde die
Tapa, das faltige, luftige Gewand des Südseeinsulaners, die
Riesenblätter der Palmen das Dach seines Hauses, der Bambus Stäbe,
Geräte und tausend Kleinigkeiten des täglichen Bedarfes.
Hier lagen die Männer im Schatten und spielten das beliebte Lupespiel,
indes die Frauen zwischen heißen Steinen kochten und backten, oder
feine, dem schönsten Baumwollengewebe gleichende Matten verfertigten;
der Grasgürtel an ganz nackten Gestalten kam wieder zum Vorschein und
schließlich auch ein Tempel mit den beiden gekreuzten Bambusstäben über
dem Eingang »_Tabu_« d. i. »heilig« -- wer den Ort betritt, dessen Leben
ist verwirkt.
Die Reisenden machten Halt. Ein andres Dorf war vor Einbruch der Nacht
nicht mehr zu erreichen, also mußten die Hängematten hier aufgeschlagen
werden, während sich die Eingebornen beobachtend und zurückhaltend in
ihren Hütten hielten oder unbekümmert um das was vorging, dem Lupespiel
nachhingen.
Früchte, Federn und besonders Muscheln gaben dabei den Einsatz. Die
Häuptlinge lagen bequem im Gras, auf den linken Ellbogen gestützt, indes
sich die Rechte wieder und wieder blitzschnell dem Gegner
entgegenstreckte, einige Finger geschlossen, andre emporgehalten,
ziemlich wie bei unserem deutschen Kinderspiel: »Vogel flieg auf!« --
Verfehlt es der andere, eine gleiche Anzahl von Fingern ebenso schnell
vorzustrecken, dann hat er den Strich verloren. Zehn Striche entscheiden
das Spiel.
»Merkwürdig, daß man wenige oder gar keine Kinder sieht!« meinte Franz.
Holm schüttelte den Kopf. »Das ist sehr einfach, mein Bester, sie
bringen die, welche ihnen lästig werden, um. Nur die christliche Mission
hat, wohin sie kam, diesem Unwesen steuern können, sonst herrscht es
noch auf sämtlichen Südseeinseln.«
»Was kommt da?« rief plötzlich der Malagasche. »Ein Zauber!«
»Rua! -- Rua!«
»Sieh hin, Herr, sieh hin!«
Auch die Spieler und die arbeitenden Frauen waren aufmerksam geworden,
aber keines schien erschrocken oder erstaunt, vielmehr sammelten sich
alle vor den Thüren und sahen gespannten Blickes einem Zuge entgegen,
der die Dorfstraße heraufkam. Sechs Männer trugen den siebenten auf
wahrhaft barbarische Weise des Weges; sie hatten ihn mit Bastschnüren an
Händen und Füßen gebunden, einen dornigen, überall von langen Stacheln
umwucherten Stamm hindurchgeschoben und nun das unglückliche Opfer wie
ein Schlachttier aufgeladen. Der Kopf des noch jungen Mannes hing wie
leblos herab, auf seinen Lippen stand Schaum, die Augen waren
unnatürlich weit geöffnet und sahen mit völlig irrem Ausdruck gerade vor
sich hin, während Hände und Füße heftig bluteten.
Aus allen Hütten stürzten die Eingebornen und folgten höhnend und
schimpfend dem Zuge, immer stärker und stärker schwoll der Strom, dem
ein Priester mit langem Stabe und einer riesenhaften Perücke unter
allerlei Grimassen voranschritt, von rechts und links stürzten Weiber
mit geballten Fäusten herbei, aber ohne doch das Opfer zu berühren, sie
drohten und lärmten nur wie Tollhäusler.
Der alte Doktor ging schnellen Schrittes, von Entrüstung getrieben, den
Ankommenden entgegen. »Was habt ihr da, Leute?« rief er voll heiligen
Zornes, »augenblicklich laßt den unglücklichen Menschen los!«
Die übrigen waren ihm eben so rasch gefolgt, sie stimmten jetzt sämtlich
ein in die gestellte Forderung, ja, Franz und der Malagasche legten
unverweilt Hand ans Werk, um die Faserschnüre zu durchschneiden und den
Ohnmächtigen in Freiheit zu setzen. Er fiel schwer, wie leblos zu Boden.
»Was hattet ihr mit diesem Manne?« fragte Holms ruhige Stimme.
»Er ist ein Dieb, wir bestrafen ihn nach unseren Gesetzen. Wenn du in
einem unserer Häuser etwas stehlen solltest, dann geschieht dir das
Gleiche, Fremder.«
Die Worte waren in drohendem Tone hervorgestoßen, ein allgemeines
Murmeln zeigte die Entrüstung des Volkes; der Priester schien heimlich
die Nächststehenden aufzuhetzen.
Da legte sich der Führer ins Mittel, eben jener Johannes, der in den
Werkräumen als Aufseher fungierte. »Wißt ihr auch, Leute, vor wem ihr
hier im Augenblick steht?« fragte er.
Das Gerücht hatte seinen Weg über die Insel schon gefunden, man sah es.
Die Leute knirschten, aber sie wagten keinen Widerspruch, selbst der
vorlaute Sprecher verstummte und ließ es geschehen, daß die Weißen den
bewußtlosen Mann wieder ins Leben zurückführten. Johannes reichte ihm
die Hand. »Allolo,« sagte er, »du hättest gestohlen? Kann das wahr
sein?«
Der Unglückliche weinte. »Ja, ich habe es gethan, Johannes, -- und auch
nicht, wie man die Sache nehmen will. Du weißt dem Häuptling Bela gehört
die Hütte, in der ich wohne, der Yams und Taro, den mein Weib pflanzt,
die alten Urubäume. Meine Familie ist leibeigen, ich kann nie selbst
Besitzer werden. Aber Bela trinkt den Branntwein der Weißen, er hat alle
seine Ländereien verkauft, er ist arm, Johannes, und ich muß ihn
ernähren. Er hatte verboten, von den Früchten zu nehmen, aber ich ließ
mein Weib und die Kinder essen, -- als keine Melonen mehr zu finden
waren, haben sie Yams gegraben, dafür werde ich so unmenschlich
bestraft.«
»Nach den alten Gesetzen der Samoaner!« rief giftig der Zauberer.
Johannes übersetzte Wort für Wort, ohne etwas hinzuzufügen oder etwas
wegzulassen. Als der blutende, zerschundene Mann schwieg, sagte er: »Und
du willst trotzdem hier bleiben, Allolo, du willst den Yams und die
anderen Früchte bauen, damit deine Kinder hungern, während der
verworfene Säufer beansprucht, was dein ist?«
Der Wilde war aufgesprungen, er ballte die Faust. »Kann ich denn auch
fort?« keuchte er.
»Gewiß!« riefen alle wie aus einem Munde. »Gewiß kannst du fort. Nie und
nirgends ist nach dem Willen Gottes der eine Mensch das Eigentum des
andern. Überlasse den elenden Bela seinem Schicksal und gehe mit uns,
Allolo, dann bist du ein freier glücklicher Mann, dem der Hunger nie
mehr nahe tritt.«
Der Zauberer schlich sich leise an den Gemarterten heran. »Du kennst
doch die Zeichen, welche das weiße Volk malt und durch die alle einander
verstehen? Willst du ihren schlimmen Künsten geopfert werden? Allolo,
besinne dich! Sie nehmen dir deine Kinder weg!«
»Und schicken sie in die Schule!« rief Johannes. »Meine beiden Buben
haben schon ganze Stapel von Schreibebüchern verbraucht und werden
täglich klüger dabei. Sie können dir auf der Weltkarte die Insel Upolu
ganz genau zeigen, du Schelm, sie lesen alles vom Blatt.«
Allolos Augen blitzten. »Deine Knaben, Johannes? deine Knaben? Und das
ist gewiß?«
»Das ist so gewiß, wie ich hier vor euch stehe!«
»Ach -- und ihr würdet uns alle mit nach Apia nehmen, du? O ja, ja, ich
will auch arbeiten, auch ein Christ und ein freier Mann werden.«
Der Zauberer sah, daß sein Spiel verloren war, er schlich sich heimlich
grollend davon und die sechs andern Henkersknechte folgten ihm
schweigend, während aus den Reihen der Umstehenden niemand wagte, sich
zu ihren Gunsten hineinzumischen. Unsere Freunde bemühten sich, den
geängstigten Mann aufzurichten und ihm Mut einzuflößen, ja Franz war so
empört, daß er jetzt auch laut den Gedanken an eine Handelsverbindung
mit dem Häuptling Tippoo zur Sprache brachte. »Ich möchte mir ebenso
viele Segenswünsche erwerben, ebenso Großes erschaffen, wie mein Vater!«
rief er mit glühenden Wangen.
Holm lachte lustig. »Das nenne ich glänzende Erfolge!« rief er. »Man
schickt dich in die Weite, weil dir das Kontor zu dumpfig, das Rechnen
zu langweilig ist, aber siehe da! just den Plan einer neuen großartigen
Unternehmung bringst du mit nach Hause. Wahrhaftig, das soll allen
Ernstes überlegt werden. Vielleicht sind es Feigen oder Zimt, mit denen
sich im Innern von Ceylon bei den Baumbewohnern etwas anrichten ließe,
jedenfalls aber freut mich dein Gedanke, von dem wir dem braven Tippoo
möglichst rasch Mitteilung machen wollen.«
Während dieses zwischen den beiden jungen Leuten geführten Gespräches
hatten sich Johannes und Allolo über die nächsten Vorgänge mit einander
verständigt; die Zelte sollten nicht hier, sondern neben der Hütte des
letzteren aufgeschlagen werden, was wohl im Interesse beider Teile
gleich sehr geboten schien. Der Weg war kurz, schon vor Einbruch der
Nacht lag das bescheidene Heim des armen Sklaven vor den Blicken der
Reisenden, sie sahen sein Weib und seine Kinder, die vor Entzücken
jubelten, als ihnen der Vater, wenn auch arg zerschunden, doch lebend
und gesund entgegentrat. Nach Herzenslust durften jetzt in der
schützenden Nähe der Weißen die armen verkümmerten Geschöpfe ihre
eigenen Feldfrüchte pflücken und essen, ja, jeder einzelne der kleinen
Schar schenkte ihnen, was sich eben im Augenblick entbehren ließ, Geld,
Messer, Tücher und bunte Kleinigkeiten, die wie immer zu diesem Zweck in
die Wildnis mitgenommen worden waren. Am lebhaftesten zeigte sich der
Malagasche, er hätte wohl gern das Herz aus der Brust weggegeben und
noch vor dem Einschlafen suchte er Gelegenheit, mit seinem jugendlichen
Vertrauten unter vier Augen zu sprechen. »Franz, mein Bruder, mein
Freund, wie lieb habe ich dich! Solche, gerade solche Verhältnisse waren
es, aus denen du mich herauszogst! O die armen Sklaven, die Bethörten,
den Weißen widerstreben sie und von ihren Landsleuten lassen sie sich
langsam morden.«
Franz drückte ihm die Hand. Er war an diesem Abend stumm, aber
glücklich. Wie viele arme Seelen hatte das kaufmännische Talent seines
Vaters aus unerträglichen Verhältnissen emporgehoben zur Freiheit und zu
dem Glücke des Lebens! --
Die Nacht verging ungestört, oder doch ohne Schaden, da Holm das
Herannahen eines blutgierigen Vampirs früh genug bemerkte, um die wenig
nachbarlichen Absichten desselben mittels einer Gewehrkugel zu
durchkreuzen. Neue prächtige Beute für das Museum daheim in Hamburg,
ebenso die Schätze, welche sich im Innern der Bambushütte fanden, ein
vollkommen hieb- und stichfester Panzer aus Kokosfasern, die Handschuhe
mit Haifischzähnen, um den Gegner wie an einem Angelhaken zu fangen und
ihm das Rückgrat zu brechen, ferner den Hausgötzen, einen kleinen
plumpen wohlgenährten Holzkerl von ganz brauner Farbe, und mehrere
hübsche Körbchen. Allolo schenkte alles freiwillig den Weißen, unter
deren Schutz dann die ganze kleine Familie so lange reiste, bis sie, mit
einem Brief des Führers versehen, unbehelligt die Faktoreien erreichen
konnte, während unsere Freunde die Pferde unter Bedeckung im Thale
zurückließen und dafür zu Fuß das Gebirge erkletterten. Ihr nächstes
Ziel war der Krater Lanuto; siebenhundert Meter über dem Erdboden
belegen!
Das gleichmäßige, terassenförmige Abfallen der Felsen erleichterte
freilich diese Mühe; überall wuchsen Bäume, überall sprudelte reichlich
klares Wasser und fand der Fuß in Moos und Flechten einen festen Halt,
der Kopf Schatten unter rauschendem Gezweig. Da oben lag hinter dreißig
Meter hohem Klippenkranze ein stiller, kreisrunder See, dessen Bild von
erhabener Schönheit sich der Erinnerung unverwischlich einprägte. Auch
den Krater Tafna bestieg die kleine Gesellschaft und dann führte sie
Johannes zu dem bedeutendsten Punkte der Insel, einem unterirdischen
Gange, der meilenweit durch das Gebirge dahinlief und endlich am Ufer
des Ozeans ausmündete. Stellenweise fanden sich Zugänge, so daß unsere
Freunde nur etwa eine halbe Stunde durch den gewölbten, von weißen und
gelben Inkrustationen bedeckten Tunnel dahinzugehen brauchten, um dann
am Endpunkte desselben ein ebenso schönes als großartiges Schauspiel zu
genießen. Vor ihren Füßen brandete gegen das Korallenriff die ewig
bewegliche See und dehnte sich links der Hafen mit seiner stattlichen
Reihe von Schiffen aus aller Herren Länder, während rechts der
Wasserfall donnernd und gewaltig aus schwindelnder Höhe herabfiel und
gerade über den Köpfen der Schauenden die Stadt selbst am sanft
aufsteigenden Berggelände sich erhob. Holm sammelte Stücke des
verschiedenen Gesteines, brach auch etliche verirrte Muscheln von der
äußeren Kante los und arretierte ungeheure Frösche und Spinnen, die hier
in großer Anzahl hausten, dann kehrten alle durch den kalten, hallenden,
fast schauerlichen Gang zurück zum Walde, wo sich Pferde und Gepäck
glücklich wieder vorfanden. Noch vor Abend war Apia erreicht.
Neue Feste, neue Gesellschaften nahmen hier in angenehmem Wechsel mit
den Arbeiten unter Holms Leitung die nächsten Wochen ein, dann wurde
alle diese Gastfreundschaft erwidert durch ein glänzendes Diner an Bord
der »Hammonia«. Aus so vielen Aufmerksamkeiten konnten die beiden jungen
Leute ersehen, welch hohe Achtung der Name ihres Vaters sich unter der
dortigen Bevölkerung erworben. Franz war geheilt von seinen knabenhaften
Plänen und Ideen, er hatte hier inmitten der Schöpfungen kaufmännischen
Talentes und der regen, energischen bürgerlichen Thätigkeit vollauf
erkannt, zu welch segensreichem Wirken gerade der Handel berufen ist,
wie er in seiner höheren Entwickelung zur Basis wird, auf der Kultur und
Sitte ihre festen, weltumschlingenden, welterziehenden Bauwerke
aufführen.
Franz hatte aber auch aus eigner Erfahrung gelernt, daß vorwiegend die
gemäßigte Zone berufen ist, alle Blüten der Kultur und höchsten
Vollendung zu erzielen. Nur wo der Mensch ein Heim, ein Vaterland
besitzt, das in Klima und Produkten der industriellen Thätigkeit, dem
Ackerbau und der Gesundheit als Förderungsmittel dient, da kann er über
das einfach _Unerläßliche_, über die tierischen Bedürfnisse hinaus, an
mehr und Höheres denken, da kann er schmücken und aufbauen, während in
_heißen_ und _kalten_ Ländern alle Sorgfalt der bloßen Erhaltung im
Kampfe mit verheerenden Naturkräften zugewendet bleiben muß und
einerseits die üppige Fülle des Südens in seinen Bewohnern jenen
sittlichen Ernst des schaffenden, arbeitsstarken Nordens niemals
aufkommen läßt, anderseits die erstarrende Kälte der Polarzone notwendig
jeden freieren Trieb lähmt. -- --
Das Schiff nahm Palmöl und Kopra ein; während dessen erhielt der
Malagasche, wohl vorbereitet durch seinen würdigen Erzieher, Doktor
Bolten, als Rudolf Harms die christliche Taufe, bei welcher Gelegenheit
ihm im Namen der Firma Gottfried ein ansehnliches Geldgeschenk und ein
Brief des Chefs überreicht wurden, in welch letzterem Herr Gottfried den
jungen Mann aufforderte, als Lehrling bei ihm einzutreten und in seinem
Geschäft zu bleiben, nach freier Wahl auf dem Kontor in Hamburg oder in
Apia.
Holm und Herr Frank versahen Patenstelle, viele hübsche Geschenke wurden
dem ehemaligen Sklaven gespendet und allerseits geraten, lieber vorerst
hier in Apia zu bleiben. Rudolf -- wie wir ihn nun nennen müssen --
hatte das auch heimlich längst schon erkannt und sprach es zuletzt offen
aus. »Ein halber Wilder bin ich ja doch noch,« sagte er lächelnd, »also
laßt mich einstweilen bleiben, wo -- außer mir auch andere Wilde leben.«
Holm und die übrigen gaben ihm im Herzen recht, als aber endlich der Tag
des Abschieds herankam, da that doch die Trennung sehr weh. Franz konnte
nicht glauben, daß ihm »Rua« fortan fehlen solle, er konnte ihn nicht
lassen, als seine Hand zum letztenmale in der des Freundes lag. Immer
wieder umarmten sich die beiden, immer wieder erneuten sie das Gelübde
jenes Abends, als einer das Blut des anderen getrunken, jenen Schwur,
der sie unzertrennlich als Brüder verband. Sie sollten nun beide von
Weltumseglern zu fleißigen Lehrlingen werden, der eine in Apia, der
andere in Hamburg; aber dennoch wollten sie sich dereinst wiedersehen,
dennoch mußte ihre Zukunft eine gemeinsame bleiben, das gelobten sie
sich fest.
Und als der letzte Händedruck gewechselt, als das Schiff zur Heimfahrt
die Schraube in Bewegung setzte, da wiederholten die Herzen, was früher
die Lippen ausgesprochen. »Auf Wiedersehn! Auf Wiedersehn!« -- --
Sechzehntes Kapitel.
Die Südsee und der Indische Ozean waren durchlaufen, das Schiff befand
sich im Roten Meer, wo widriger Wind und schwere Stürme die Reise zu
einer äußerst anstrengenden und gefahrvollen machten. Das einzig Neue
dieser Fahrt bestand in langen Zügen einer mikroskopischen Alge, die
stundenweit treibend das Wasser mit tiefem, gesättigten Purpurrot
färbte, und der das Meer seinen Namen verdankt, -- später erst bei dem
Eintritt in den Meerbusen von Suez gewann die Tour wieder für alle
Teilnehmer lebhafteres Interesse.
Als sie beim Eintritt in diesen zipfelartigen Ausläufer des Roten Meeres
an der gebirgigen Küste Arabiens entlang fuhren, da war es, wo der
Doktor seine jungen Gefährten auf die heilige Bedeutung des Ortes
hinwies.
»Seht ihr den Berg da im Nebel?« fragte er, auf die vom blauen Duft
verhüllte, imposante Masse in der Ferne hindeutend. »Das ist der Sinai,
von dessen Gipfel der Menschheit erstes Gesetz verkündet wurde. Es ist
heiliger, klassischer Boden, den wir berühren, -- zum erstenmale seit
unsrer Abreise von Hamburg.«
Mittlerweile hatte der Dampfer Suez erreicht, den Anfangspunkt des
berühmten Kanals.
Eine fünfzehn Meilen breite Landenge, das Rote und das Mittelländische
Meer trennend, hatte sich hier unter Menschenhand in eine Wasserstraße
verwandelt und nur gegen eine hohe Abgabe -- 10 Frank die Tonne und
ebensoviel der Kopf -- war die Durchfahrt gestattet.
Zwischen bebauten Ufern wie auf einem stillen Strom des Binnenlandes
glitt der Dampfer dahin. Der Kanal besaß nur sieben Meter Tiefe und
achtundfünfzig bis hundert Meter Breite und war durch Zementdämme
eingefaßt, während mehrere Seen, die er passierte, immer von schmalen
Bodenschwellen unterbrochen, von Zeit zu Zeit eine höchst interessante
Abwechselung darboten. An Ismailia, der Wunderstadt des Khediven von
Ägypten vorbei, durch brakige Seen verfolgte der Dampfer langsam und
vorsichtig seine Bahn, bis er endlich bei Port Said den engen Kanal
verließ.
Vor den Blicken aller dehnte sich das Mittelmeer, -- sie waren jetzt
wieder in Europa, konnten die Tage zählen, bis das Schiff seine letzte
Bahn durchmessen; kein Wunder also, daß namentlich an dieser
hochinteressanten Stelle, an der Schwelle zweier Welten, ihre Stimmung
eine ernste, gesammelte war. Drei lange Jahre des Genießens, des reichen
Ertrages lagen hinter ihnen, aber auch drei Jahre der schwersten
Anstrengungen und des Entbehrens; aus den spielenden, ahnungslosen
Knaben waren denkende Menschen geworden; das Leben hatte ihnen seinen
Ernst, seine Anforderungen aus nächster Nähe gezeigt; sie hatten zwei
Genossen der Reise, zwei junge Leute, die fröhlich mit ihnen das
Wanderlos geteilt, im fernen tropischen Süden dem Grabe überliefern
müssen und hatten erst vor zwei Tagen den altehrwürdigen Punkt
gestreift, von welchem aus dereinst das Licht der Kultur und Religion
hellstrahlend aufging über alle Welt und alle Zeit, -- der tiefe
Eindruck wurde erst verwischt, als das weite Meer wieder unabsehbar den
Dampfer umgab und andere Schiffe vielfach vorüberglitten, Grüßen aus der
Heimat gleich, Boten, die vom Wiedersehn kündeten, von entzückendem,
seligen Ausruhn nach langer, sturmvoller Fahrt.
Am zweiten Tage sahen die Reisenden ein Schiff, das bei stillem,
sonnigen Juliwetter zwei Boote aussetzte und selbst back lag, d. h.
Segel nach beiden Seiten gestellt hatte, so daß es die Luftströmung,
anstatt zu treiben, auf seiner Stelle festhalten mußte. Jedenfalls
arbeiteten hier Taucher; der Kapitän begrüßte daher in seemännischer
Weise mittels der Flagge seinen Kollegen und ließ den Dampfer seitlängs
von dem stillliegenden Segelschiff beidrehen. Hier war vor einigen
Wochen ein französisches Dampfschiff durch Explosion zu Grunde gegangen,
weshalb jetzt Taucherversuche gemacht werden sollten, um womöglich den
Eisenrumpf aus dem Wasser zu heben, wenigstens aber doch das Wertvollste
der verunglückten Ladung zu bergen.
Die beiderseitige Bekanntschaft war bald gemacht; auch die »Hammonia«
setzte ihr großes Boot aus, und sämtliche junge Leute fuhren bis zu der
Stelle, wo auf dem sehr seichten Grunde einzelne Teile des Wracks
deutlich erkennbar dalagen. Es sollte zuerst festgestellt werden, ob
sich das gesunkene Schiff in heilem oder geborstenem Zustand befinde,
daher wurden zwei Taucher zu beiden Seiten desselben langsam
herabgelassen, ganz in wasserdichte Stoffe gekleidet mit dem Helm, der
nach dem System Rouquonvil den selbstthätigen Apparat zur Luftbereitung
und Luftzuführung in sich schloß, die Nase verklemmt, was ihnen ein
teuflisches Aussehen gab, und im Mund das Rohr der einfachen aber
vortrefflichen Vorrichtung. Die Leute konnten bei gänzlich freiem
Gebrauch ihrer Glieder fast eine volle Stunde unter Wasser bleiben, sie
begannen daher das Wrack zu erklettern, als plötzlich ein halb
komischer, halb ernster Zwischenfall den weiteren Verfolg der Arbeit
hinderte und auf der Oberfläche des Wassers die im Boot Sitzenden mit
lebhaftestem Interesse erfüllte.
Dem einen Taucher hatten sich zwei riesige Schwertfische genähert, von
wenigstens fünf Meter Länge mit sägenartig gezahnten Ausläufern des
Oberkiefers, anderthalb Meter langen, furchtbaren schneidenden Schnäbeln
oder Schwertern, die aber auch, vorn spitz wie ein Degen, als Stoßwaffe
dienen konnten. Die walzenförmigen, glatten, nur mit einer einzigen
Rückenflosse versehenen Körper schossen pfeilschnell heran und
versuchten beide irrtümlich zuerst den Eisenleib des Wrackes zu
durchbohren, richteten dann aber ihre ganze Aufmerksamkeit gegen den
unvorsichtigerweise ihrem Treiben zusehenden Taucher und warfen diesen
so schnell zu Boden, daß oben in freier Luft die Leitungsröhren von dem
heftigen Anprall erzitterten.
Und nun entstand ein belustigender Kampf. Die Fische schwammen in
höchster Wut hin und her über dem Körper ihres besiegten Gegners, ohne
ihm jedoch mit Erfolg beikommen zu können. Stießen die furchtbaren
Schwerter gegen den Helm, so prallten sie ab, kehrte sich jedoch ihre
Wucht gegen den in Kautschuk steckenden Mann, so wich dieser dem ohnehin
unsicheren Stoße mit leichter Mühe aus, wodurch der Zorn der gewaltigen
Tiere nur immer lebhafter erregt wurde. Da ihr Gegner unter ihnen lag,
anstatt wie gewöhnlich über ihnen zu schweben, so konnte die gewohnte
Taktik des Unterlaufens nicht befolgt werden, weshalb beide Ungeheuer
ratlos tobend, daß die Boote schaukelten, durch das Wasser hin und her
jagten, jedesmal aber, wenn von oben an der Maschinerie gewunden wurde,
um den Bedrohten heraufzuziehen, den Fluchtversuch desselben durch
erneute Stöße sogleich verhinderten. Die Lage des Mannes wurde ernst und
immer ernster! Wenn sich unter allen diesen ruckartigen Bewegungen der
Helm löste, so war er unrettbar verloren.
Die Aufmerksamkeit unserer Freunde, ihr lebhaftes Interesse verdoppelten
sich von Augenblick zu Augenblick. Sie sahen, wie der Taucher langsam am
Boden gegen das Wrack hin fortkroch und begriffen sofort, was er wollte,
-- sich durch schnelles Erklettern desselben den Unholden entziehen.
Diese schwammen fortwährend über ihm her, peitschten das Wasser mit
ihren Schwänzen und stießen blindlings nach allen Richtungen, meistens
ellenhoch über den Bedrohten dahin.
Franz erhob sich plötzlich vom Sitz. »Eine wollene Decke und ein Tau,
Steuermann!« rief er mit lauter Stimme. »Schnell! schnell!«
Der Alte hatte schon den gleichen Gedanken gehabt; er konnte daher die
Bitte seines jungen Freundes um so schleuniger erfüllen, und nun ließen
Holm und die beiden Brüder langsam das große, mit einem Gewicht
beschwerte Bündel in die Tiefe hinab, um dadurch das Interesse der
Fische von ihrem bedrohten Opfer abzulenken. Der Taucher sah alles;
seine Handbewegungen schienen um Eile zu bitten; er schob und drehte an
dem Helm, als drohe dieser, sich zu lösen.
Aller Pulse klopften in fieberhafter Spannung. Wenn nicht bald Hilfe
kam, so war der geängstigte Matrose seinen Peinigern verfallen.
Die Fische sahen das Bündel und stutzten, dann warfen sie sich mit
vereinter Kraft auf diesen neuen Gegner, der vor ihren Augen hüpfend
erhalten wurde, und suchten den weichenden, tanzenden mit furchtbaren
Stößen zu durchbohren. Gottlob! die List gelang. Der Taucher hatte sich
in das Innere des Wrackes gerettet und gab das Zeichen, ihn
heraufzuziehen. Schon schwebte sein Körper wenige Fuß tief unter der
Oberfläche, da entdeckten ihn die beiden Ungeheuer und konnten nun von
unten her ihre toddrohenden Waffen zur Anwendung bringen. Der Kautschuk
riß, Blut überströmte die Glieder des Tauchers, und nur einem kräftigen
Schlag mit dem Ruder aus Holms Hand verdankte er es, nicht bei
lebendigem Leibe gespießt zu werden. Als er im Boot anlangte, hatte sich
sein Helm zum Teil gelöst, so daß Wasser eingedrungen war, er blutete
fürchterlich und mußte bewußtlos unter Deck geschafft werden. Auch der
andere wurde heraufgezogen, um nicht dem gleichen Schicksal zu
verfallen.
[Illustration: Der Taucher und die Schwertfische.
»Die Fische sahen das Bündel und stutzten, dann warfen sie sich mit
vereinter Kraft auf diesen neuen Gegner ...«]
Jetzt konnten unsere Freunde mit erleichtertem Herzen die Jagd wieder
aufnehmen. Im Wasser schwammen, nachdem auch das Bündel entfernt worden,
die großen Fische in toller Eile um einander herum, als wolle einer den
andern für die Flucht der Beute verantwortlich machen. Zuerst stießen
sie sich wie zufällig, spielend, dann aber immer heftiger, bis endlich
die beiderseitigen Waffen zum vollständigen Gebrauch kamen und sich die
Kämpfenden in einander so verflochten und festrannten, daß sie
schlagend, drehend und tobend nur eine große, unlösliche Masse bildeten.
»Die haben wir!« jubelte Holm, »die haben wir! schnell, Papa Witt, geben
Sie uns einen Mann mit einer Harpune.«
Auch das geschah. Ein Matrose warf vom Schiff aus mit großer
Geschicklichkeit den mörderischen Haken einem der Schwertfische in den
Körper, und dann wurden Anstalten getroffen, um die an die Oberfläche
gezogenen auf das Schiff zu bringen, wobei man natürlich den Booten
sorgfältig aus dem Wege ging. Beide Tiere lebten noch; sie schlugen mit
den Schwänzen und glotzten halb wütend, halb dumm die Menschen an,
während von dem französischen Schiff aus, jetzt wo die gefährlichen
Feinde besiegt waren, neue Taucher ihre unterbrochene Arbeit wieder
aufnahmen. Man verabschiedete sich, des unverhofften Fanges froh; dem
unverletzten Schwertfisch wurde behufs Ausstopfung das dicke Fell
abgezogen und beide Schnäbel als wertvolle Beiträge für das Museum
gereinigt und verwahrt. Noch lange besprachen die jungen Leute diesen
glücklich verlaufenen Zwischenfall, und dabei geschah es, daß Franz
zufällig sagte: »Unser letztes Abenteuer!«
Hans warf ein: »Für diesmal vielleicht, aber wie lange wirst du es zu
Hause aushalten, nächstes Jahr strebst du vielleicht nach Amerika.«
Aber Franz schüttelte den Kopf. »Nun nicht wieder. Was mein Vater jetzt
ist, der Ernährer und Versorger von Tausenden, das will ich dereinst
auch werden, -- wir beide, nicht wahr, Hans?«