Die Regenzeit war jedenfalls vorüber, der Himmel lachte wieder so klar

und blau, die Sonne schien so warm, die Luft wehte so lind und labend

wie je. Einen schöneren Tag konnte man sich zu einer Wasserfahrt kaum

denken, und da zugleich ein Geschäft damit verbunden werden sollte,

säumten wir nicht die günstige Zeit zu benutzen. Die deutsche Brauerei

auf der Mission Dolores, unter der Firma „Witzleben, Brothers und

Walter,“ wollte nämlich eine Quantität Fässer aufkaufen, die in einer

Bucht, Namens Corte Madeira, in der Bai von San Francisco lagern

sollten, und um diese vorher in Augenschein zu nehmen, schifften wir,

Herr A. von Witzleben und ich, am Sonnabend Morgens den neunten März,

uns ein.

Der Wind wehte zu schwach um ein Segel mit Vortheil führen zu können,

wir griffen deßhalb zu den Rudern, und da wir die Strömung der Ebbe für

uns hatten, schossen wir rasch vorwärts, durchschnitten den äußeren

Theil des Hafens von San Francisco, zwischen den letzten dort vor Anker

liegenden Schiffen und der Insel Yerba Buena hindurch, und hielten auf

die Insel Los Angelos zu, noch unschlüssig, ob wir sie zur Linken oder

zur Rechten lassen sollten, da wir wohl ungefähr wußten nach welcher

Richtung hin Corte Madeira lag, den Platz selber aber weiter auch nicht

im entferntesten kannten.

Wir hatten ein nicht eben großes Ruderboot, eine sogenannte Captains

Yawl, und machten ziemlich guten Fortgang, riefen dicht vor Los Angelos

ein anderes Boot, des gesuchten Ortes wegen, an und hielten nun,

den Eingang der San Francisco Bai, das sogenannte „goldene Thor“ zu

Backbord lassend, auf die erste Spitze von Los Angelos zu. Die Ebbe,

die uns bis jetzt günstig gewesen, kam uns von hier aus nämlich gerade

entgegen, indem wir nun in den nördlichen, nach dem Sacramento und

Joaquin hinaufführenden Theil der Bai einliefen.

An Los Angelos beschlossen wir zu landen und zu frühstücken; am

sandigen Strome schlug jedoch die Dünung zu schwer gegen unser Boot

an, und wir liefen deßhalb in eine kleine mehr geschützte Felsenbucht

ein. Eigenthümlich war hier eine Höhle, die sich das Widerschlagen

der Wellen bei steigender Fluth ausgehauen hatte. Sie bildete gerade

mit dem über sie herabhängenden Felsen die eine Spitze der Insel, und

lag nur jetzt, bei fallender Ebbe, trocken. Mit einiger Schwierigkeit

kletterten wir über die bröcklichen schlüpfrigen Steine hindurch und

fingen dort eine Partie Seekrabben oder Seespinnen, die sich hier auf

den warmen Steinen sonnten und bei dem Geräusch von Fußtritten immer

rasch und seitwärts in ihre Felsspalten zurückglitten.

Auf der Insel wuchs üppiges Gras, und eine frische Quelle sprudelte den

Rasen hinunter und rieselte über den Sand des Ufers hin in die Bai. Die

Insel Los Angelos ist die größte der Bai von San Francisco, mit etwa

fünf Meilen im Umfang, und war in letzter Zeit an einen gewissen Tomson

für eine verhältnißmäßig sehr geringe Summe verkauft, sonst aber fast

noch gar nicht weiter benutzt, als daß an den entgegengesetzten Enden

zwei Hütten darauf standen. Vieh habe ich nicht auf der Insel gesehen,

ebenso wenig Fenzen oder andere Zeichen der Cultur, sie wird aber in

späterer Zeit schon ihrer vortrefflichen Lage wegen gewiß ein nicht

unbedeutender Platz in der schönen Bai werden.

Nach einigen Stunden, die wir zwischen den Felsen und auf den blumigen

Wiesen zugebracht, ruderten wir in der jetzt stiller gehenden Ebbe am

Ufer hinauf bis zu dem nächsten Vorsprung, und hielten von dort aus

quer durch die Strömung und Nord zu West nach dem gegenüberliegenden

Festland hin.

Wir wollten im Anfang nicht dort landen, ein halb Dutzend Seehunde

aber, die am Ufer spielten, und deren glänzende Felle in der Sonne hell

herüberblitzten, änderten unsern Entschluß. Wir liefen in eine kleine

weiter oben liegende Bucht ein, und ich schlich mich von da zurück

einen der faulen Bursche zum Schuß zu bekommen. Die Thiere waren aber

entweder schlauer als ich gedacht, oder ihre Spielzeit mußte gerade

vorüber sein; denn wie ich den Felsen erreicht hatte, den ich mir

gemerkt, und der sich in ungefähr hundert Schritt von ihrem früheren

Spielplatz befand, war dieser leer und ich sah die glattköpfigen

Amphibien eine kurze Strecke vom Ufer herumschwimmen, manchmal mit

den schwarzen erstaunten Gesichtern urplötzlich auftauchen und dann

blitzesschnell wieder in der Tiefe verschwinden. Allerdings schoß ich

von hier aus einen von ihnen, in der Hoffnung daß er vielleicht, wenn

schwer verwundet, zum nahen Ufer kommen sollte, er sank aber unter und

die übrigen entfernten sich rasch aus dem Bereich der Kugel.

Am Strand fanden wir ein zerschelltes Canoe, aus Cederholz leicht

und scharf geschnitzt, das jedenfalls aus einer der Südseeinseln

hierhergeschafft sein mußte; auch mehrere Stücke Planken, von welchen

letzteren wir einige in unser Boot nahmen. Mein Gefährte fing ein Paar

ganz eigenthümliche Seespinnen, die in den, die Felsen überwuchernden

Seegewächsen saßen.

Der Abend rückte indeß allmählich heran, und es war Zeit daß wir

aufbrachen, wenn wir heute noch einen ordentlichen Schlafplatz

erreichen wollten. Eine lange Strecke ruderten wir jetzt, immer noch

gegen die Strömung, aber dicht am Lande hin, aufwärts, und hielten nur

manchmal, um theils eigenthümliche Pflanzen näher zu betrachten und

Blumen zu pflücken, oder an den niederrieselnden Quellen zu trinken, da

wir in der That ganz vergessen hatten einen Wasservorrath für unsere

Seefahrt mitzunehmen.

Gerade mit einbrechender Nacht erreichten wir die Mündung einer Bai,

und beschlossen in diese einzulaufen. In weiter Entfernung erkannten

wir auch ein Licht und hielten darauf zu, es war aber schon zu dunkel,

weiter etwas zu erkennen, und da das Licht ebenfalls bald darauf wieder

verschwand, beobachteten wir nur die ungefähre Richtung nach dem Umriß

der Berge und glitten, von keiner Gegenströmung mehr zurückgehalten,

ziemlich rasch vorwärts. Manchmal kam es uns wohl noch so vor, als ob

wir das Licht wieder blitzen sähen, es verschwand aber eben so rasch

wieder, und unsere einzige Hoffnung blieb jetzt nur noch auf zwei

dunkle Punkte geheftet, die wir deutlich auf dem hellern Wasserspiegel

erkennen konnten und für dort angehangene oder vor Anker liegende

Boote hielten. Jedenfalls mußten diese die Nähe menschlicher Wohnungen

bekunden. Das einzige was uns etwas beunruhigte, war das immer seichter

werdende Wasser; schon fühlten wir, daß unser Kiel auf dem weichen

dünnen Schlamm hinglitt, und die Boote waren noch eine ziemliche

Strecke entfernt. Das Rudern schien uns zuletzt gar nicht mehr von der

Stelle zu bringen, wir nahmen deßhalb die Ruder aus den Dollen, und

stießen das Boot langsam dem Orte zu, wo wir die Fahrzeuge vermutheten

und wo dann auch wahrscheinlich tieferes Wasser war.

Nach wohl halbstündiger Anstrengung in der wirklich stockfinstern Nacht

erreichten wir endlich, das eigene Boot aber dabei fortwährend in dem

jetzt immer zäher werdenden Schlamm weiter stoßend, die vermeintlichen

Kähne und fanden -- zwei Muschelbänke, die aus dem hier kaum acht

Zoll tiefen Wasser vorragten. Mit einem Landungsplatz war es nichts,

so viel sahen wir bald, und wollten wir nicht hier in dem Schlamm

übernachten, so mußten wir machen daß wir wieder zurückkamen. Nach

ziemlicher Anstrengung gelang uns das auch endlich, und wir erreichten,

jeden Gedanken an ein Nachtlager unter Dach und Fach aufgebend, das

rechte Ufer der Bai, wo wir unser Boot so weit wir konnten auf den Sand

zogen, nach frischem Wasser umschauten, aber leider keines in der Nähe

fanden, und uns dann, müde und durstig im Boote selbst in unsere Decken

wickelten.

Die Nacht war schön und wir schliefen vortrefflich, nur peinigte

uns, wenn wir aufwachten, der Durst. Den konnten wir aber gleich mit

anbrechendem Tage löschen, denn wie es heller wurde fanden wir nicht

weit davon eine kleine Quelle, nahmen ein sehr frugales Frühstück, aus

etwas Brod und Schinken und einem Cognac bestehend, ein, und machten

uns jetzt fertig die Gegend, in der wir uns eigentlich befanden, zu

recognosciren. Wilde Enten kamen indessen so nahe an unser Boot heran,

daß wir zwei davon schießen konnten, wir holten sie aus dem Wasser,

befestigten dann das Tau gut am Ufer, und stiegen nun die ziemlich

steile Landspitze hinan, die hier, den oberen Theil der kleineren Bai

bildend, in die größere -- oder wie man recht gut sagen könnte -- in

+See+ hinauslief.

Die Aussicht von hieraus war reizend; über dem Hügel hinüber fanden

wir wieder eine andere Bai, die noch tiefer in das Land einschnitt als

die, in welcher wir die Nacht campirt, und ziemlich weit oben, am Fuß

der Hügel, die noch von der See durch eine breite Strecke morastigen

Landes getrennt wurden, lag eine dicht gedrängte Häusergruppe mit

rothen Dächern, neben der, in geringer Entfernung, ein einzelnes,

ziemlich stattlich aussehendes Gebäude stand, das jedoch ganz in der

Art der spanischen Ranchos errichtet war. Einzelne der den Hintergrund

bildenden Hügel waren mit Bäumen bewachsen.

Viel pittoresker lag dagegen die andere, eben verlassene Bai da. Ein

hoher spitzer Berg bildete den Hauptpunkt des Hintergrundes, düstere

Rothholz- und Kieferwaldungen zogen sich an ihm hinauf, und bedeckten

mit ihren spitzen, schlanken Wipfeln die benachbarten niedrigen

Hügel. Wie ein Spiegel lag davor die ruhige Bai, auf der Hunderte

von Wildenten hin und wieder strichen, und wellenförmiges Hügelland

umschmückte, mit lebendigem Grün bekleidet, die stille Bai.

Ein kurzer Kriegsrath ward jetzt auf dem Gipfel des Berges gehalten.

-- Die vor uns liegende Häusergruppe wurde einstimmig für die, von der

Mission Dolores etwa 20 Meilen entfernte Mission San Raphael erklärt,

und die Frage blieb nur noch: ob Corte Madeira wirklich in der eben

verlassenen oder der noch über San Raphael hinaus befindlichen Bucht

liege. Am wahrscheinlichsten schien uns das erste, doch konnten wir auf

dieser Seite nicht ein einziges Haus erkennen, und da wir die Mission

San Raphael doch zu besuchen wünschten, beschlossen wir zu unserem Kahn

zurückzukehren und zuerst nach der Mission hinüber zu rudern.

Schon seit einiger Zeit hatten wir indessen einen der kleinen

Prairiewölfe, die es hier überall in bedeutender Menge gibt, bellen

und heulen hören, ihn jedoch weiter entfernt geglaubt; als ich aber

jetzt den Hügel wieder herunterkam, nach unserem Boot zu gehen, sah

ich einen der kleinen Burschen, wie er in etwa 150 Schritt von dem

angebundenen Boote, diesem zugewendet stand, und aus Leibeskräften über

den für ihn jedenfalls fremdartigen Gegenstand zu räsonniren schien. Er

lief dabei, sich aber stets in gleicher Entfernung vom Ufer haltend,

bald auf den nächsten kleinen Hügel hinauf, bald wieder hinunter und

bezeugte jedenfalls eine ungewöhnliche Neugierde. Von Witzleben war

indeß an der andern Seite des Hügels herumgekommen, und wir hatten ihn

so gewissermaßen eingeklemmt auf der engen Landzunge. Wenn er nicht das

Wasser annahm, mußte er einen von uns zum Schuß kommen; ich schnitt

ihm, rasch nach Rechts hinunter, den Weg ab, und hierher wandte er sich

auch, um zunächst wieder in die Büsche zu kommen. Das Terrain war ihm

jedoch zu ungünstig, die Bai schnitt hier gerade nach mir zu ein, und

als er, das Sumpfland zu umgehen, den Hügel schräg hinaufsprang, kam

er mir auf etwa siebenzig Schritt zum Schuß. Beim Knall schon brach er

zusammen, raffte sich dann rasch wieder auf und rannte, den rechten

Vorderlauf schleifend, davon, stürzte auch noch mehreremale, und war

augenscheinlich schwer getroffen, kleine Dickichte standen aber nicht

weit davon entfernt, eines von diesen erreichte er und blieb dort, da

wir uns nicht die Mühe nahmen, weiter nachzusehen, liegen.

Wir schifften uns jetzt wieder ein, umgingen das kleine Vorgebirge und

ruderten nun die ziemlich lange Strecke bis zur Mündung des San Raphael

Rivers (unter +River+ ist hier nämlich nur der von Ebbe und Fluth

abhängige, sonst aber allerdings flußartige Einlauf des Sumpflandes

verstanden). Es war Sonntag, und von fern schon tönten uns die

Glocken der Mission entgegen, die wir aber erst gegen ungefähr 12 Uhr

erreichten. Eine Masse von großen Schnepfen und Enten waren im und am

Fluß, wir konnten aber keine bekommen.

Die Mission San Raphael ist noch kleiner und unbedeutender als die von

Dolores, wenigstens sind da lange nicht so viel Gebäude, und Kirche

und Missionshaus sahen wo möglich noch elender und verfallener aus als

die Doloreskirche. Das einzeln stehende Gebäude, das wir schon vom

Berge aus bemerkt, stach desto mehr dagegen ab, denn es war jedenfalls

das beste, wohnlichste und solideste Haus, was ich bis dahin noch in

ganz Californien gesehen hatte. Es wird von einem Mr. Murphy, einem

alten Ansiedler an der Bai, bewohnt, der hier ebenfalls eine Farm

und bedeutende Strecken Landes besitzt; er hält auch, durch einen

californischen Steward, eine Art Gasthaus, in dem Fremde wenigstens

Nahrungsmittel und Obdach bekommen können, und wir benutzten dies,

unsere etwas ausgehungerten Mägen wieder zu restauriren.

Der alte Murphy ist ein geborner Irländer, zwanzig Jahr schon in

Californien und eine wahre Riesengestalt, so hoch und derb und kräftig

gebaut. Er wollte eben sein Land ausverkaufen und sich nach der weiter

obenliegenden San Pedro Spitze, wo er eine Stadt anzulegen gedenkt,

zurückziehen.

Wir hörten hier daß die Bai, in der wir die Nacht campirt, allerdings

die von Corte Madeira und bei Land nur etwa drei Meilen von da entfernt

sei, verzehrten also zuerst unser Mittagessen, hingen dann die Büchsen

über die Schulter, und stiegen langsam den Bergrücken hinauf, der die

Thäler Corte Madeira und San Raphael von einander trennt. Der Hügel

war ziemlich steil, doch entschädigte uns dafür die Aussicht vom

Gipfel desselben, und wir konnten von hier aus deutlich die kleine

Häusergruppe Corte Madeira’s sehen, die uns am vorigen Abend durch

Hügel und Büsche verdeckt gewesen. Allerdings hatten wir die Büchsen

mit, ich erwartete aber hier kaum Wild zu finden, und war nicht wenig

erstaunt, als v. Witzleben plötzlich den Hügel hinabzeigte und „ein

Hirsch“ rief. Und in der That war es ein junger „Bock,“ der hier mit

der Rikke gestanden und jetzt, bei unserem Näherkommen in langen Sätzen

den Hügel hinunter floh. Ich suchte ihm zuvor zu kommen, doch umsonst.

Das Wild ist hier durch das viele Jagen der neu eingetroffenen

Amerikaner zu scheu gemacht, und aus den besiedelten Stellen in die

stilleren Thäler zurückgescheucht; die wenigen aber, die noch ihren

alten Weidegründen treu geblieben, sind sich der Gefahr, in der sie

fortwährend schweben, nur zu gut bewußt, und fortwährend bei dem

geringsten Geräusch, bei der geringsten fremden Witterung, auf der

Flucht.

Ohne weiter etwas Merkwürdigem zu begegnen, stiegen wir in das Thal

hinunter, einen andern kleineren Bergrücken wieder hinauf und hatten

nun auf der andern Seite des Thales „Corte Madeira“ (Holzschneide

oder Sägemühle) dicht vor uns. Der Ort lag in seiner bescheidenen

Zurückgezogenheit, von den dunklen Bäumen hoch überragt, und aus dem

Grün der Gebüsche gar traulich vorschauend, freundlich genug da; eine

ziemlich bedeutende Fläche cultivirten Landes (die sogenannte „Farm

des Capitän Coover,“) gab dem Ort zu gleicher Zeit einen Anstrich von

Civilisation und die Aussicht auf die grünen Flächen und Hügelhänge,

auf denen zahlreiche Heerden weideten, und zwischen dem Laub der Büsche

hindurch nach der Bai hinüber, über die von der andern Seite her ein

einzelnes Segel glitt, schmückte ihn dabei mit einem ganz eigenen

freundlichen Zauber.

Vor allen Dingen galt es jedoch jetzt dem nachzukommen, wegen dem wir

hierher gefahren, und zwar nach hundert achtzehngallönigen Fässern zu

fragen, die hier in dem Hause eines gewissen Mr. Cordua lagern und von

uns besichtigt werden sollten.

Das Resultat was wir hier erhielten, war ein sehr mittelmäßiges -- die

Ersten, die wir deshalb befrugen, schienen uns nicht recht Rede stehen

zu wollen. Ein Mr. Cordua hatte allerdings dort gewohnt, und zwar in

einem Häuschen, etwas weiter nach der Bai zu, seit zwei Jahren aber

schon Corte Madeira verlassen, und Fässer -- lägen auch nicht mehr

in dem alten Haus -- ein halbes Dutzend vielleicht ausgenommen. Mr.

Rendall oder Randell, der jetzige Pächter von Capitain Coopers Farm,

sollte uns die nächste Auskunft geben. Zu diesem gingen wir also --

er wohnte in demselben Hause, bestätigte uns aber nur als Thatsache,

was wir bis dahin blos oberflächlich gehört. Mr. Cordua sollte Corte

Madeira seit zwei Jahren verlassen und sich um seine zurückgebliebenen

Fässer gar nicht weiter bekümmert haben. Seit der Zeit waren aber große

Veränderungen in ganz Californien, und auch in diesem etwas abgelegenen

Theile desselben vorgefallen, unter anderem besonders aber eine Masse

fremder Einwanderer gelandet. Von diesen besuchten manche auch die Bai

von Corte Madeira, und Einzelne hielten sich des Jagens wegen länger

dort auf. Was konnte ihnen da bequemer kommen als das dicht an der Bai

befindliche alte unbewohnte Gebäude des Mr. Cordua. Die darin lagernden

Fässer kamen ihnen ebenso erwünscht; ein Theil davon wurde zu Stühlen,

ein anderer zu nach und nach absterbenden Tischbeinen verwandt, und der

übrige Rest als trockenes Holz zu Brennmaterial. So ein Faß war bald

zusammengeschlagen, und die um das Haus herumliegenden eisernen Reife

sollten die Wahrheit des Gesagten bestätigen.

Zu zweifeln brauchten wir an dem uns eben Mitgetheilten nicht --

darin, daß keine Fässer mehr da sein sollten, stimmten alle überein;

die Verwendung derselben mochten wir aber nicht allein den „fremden

Jägern“ zuschreiben, denn gerade in des guten Mannes Hause, der uns

all diesen Aufschluß gab, sahen wir nahe an ein Dutzend der nämlichen

Fässer, zu sehr verschiedenen Zwecken verwendet, stehen, und konnten

jetzt wohl denken, daß die ganze Nachbarschaft aus einem solchen, für

jeden Hausstand bequemen Waarenvorrath den größtmöglichsten Nutzen

gezogen hatte. Mr. Rendall meinte dabei die Fässer seien ihm übrigens

gar nicht übergeben gewesen, und er habe also auch nicht für fremdes

Gut stehen können: übrigens brauchten wir gar nicht nach dem Hause

hinunterzugehen, denn es sei alles so wie er uns gesagt habe.

Herr Rendall war Alcalde von Corte Madeira und San Raphael; wir wollten

uns aber doch lieber selber überzeugen, und wanderten deshalb, da die

Sonne noch hoch genug stand, an dem kleinen Fluß, der sich in die Bai

ergießt, hinunter, kamen an der neu eingerichteten Dampfsägemühle

vorbei, die dem ganzen schönen Thal seinen sicherlich unpoetischen

Namen gegeben, und erreichten bald darauf das bezeichnete Haus, wo wir

die Aussagen des Alcalden allerdings bestätigt fanden.

Der Ort sah wild genug aus: eiserne Faßreifen lagen in ziemlichen

Quantitäten auf den Dächern und dem Boden herum, und im Inneren des

Hauses war alles oberst zu unterst gekehrt. Zwei lebensmüde Tische, die

noch unschlüssig schienen nach welcher Seite hin sie zuerst umbrechen

wollten, die Ueberreste eines wirklichen Stuhles, einzelne Fässer, die

theils zum Sitzen, theils zu Speiseschränken benutzt worden, die Hälfte

eines alten blauen Rocks mit einem einzigen messingenen Knopf, eine

total durchgesessene Hose, einige paar Sockenschäfte, und ein isolirter

Stiefel, der auf einem Bein in der Ecke stand, füllten den inneren

Raum des einen Gemachs, während ein frischgemaltes tüchtiges Seeboot,

mit den Rudern darüber auf den Querbalken gestützt und wohlverwahrt,

den anderen einnahm. Bewohnt war das Haus auf keinen Fall, die Asche

im Kamin bewies aber, daß dann und wann dort gerade von der Nacht

überraschte Jäger oder Bootsleute, welche die Bai hereingekommen waren,

übernachtet hatten.

Gute oder wenigstens noch brauchbare Fässer -- denn von Wind und Wetter

mitgenommen sahen sie alle aus -- standen in und vor dem Gebäude, nur

noch 19 Stück statt der versprochenen hundert, und derenthalben war

es allerdings nicht der Mühe werth, den weiten Weg mit dem Boote von

Mission Dolores herzukommen, unser Weg war also umsonst gewesen, und

wir konnten uns, so schnell es uns gefiel, wieder auf den Rückweg

machen.

Für diesen Abend war das freilich etwas zu spät, langsam schlenderten

wir deßhalb wieder über die Berge nach San Raphael, sahen noch

unterwegs einen Hirsch und mehrere Hasen -- ohne jedoch im Stande zu

sein in dem dichten Gebüsch etwas zu erlegen, und legten uns, nach

bei Murphy eingenommenem Abendessen ruhig in unser Boot, um schon in

der Nacht mit steigender Fluth von dem Schlamm, auf dem uns die Ebbe

zurückgelassen, loszukommen. Um 10 Uhr Abends bekamen wir aber nur

halbe Fluth, kamen nicht los, und mußten nun die nächste, gegen 11 Uhr

am anderen Morgen abwarten.

Der Morgen und die Fluth kamen, mit ihm aber auch ein ungewöhnlich

starker Südwester, der mit der steigenden Sonne ebenfalls zu wachsen

schien. Zwischen den Hügeln spürten wir ihn aber nicht so stark,

brieten vor allen Dingen zum Frühstück unsere Enten und ruderten dann

langsam den ziemlich breiten Einfluß hinunter. Enten und Schnepfen

gab es in Masse, sie waren aber entsetzlich scheu und nur im über uns

Wegfliegen waren wir im Stande zwei der großen Sumpfschnepfen (wie ein

junges Huhn groß) zu schießen.

Die See brauste indessen; über das flache Land hin konnten wir schon

von weitem den weißen Schaum der aufthürmenden Wogen erkennen, und

gegen das Ufer spritzte die Brandung in jähen Schlagwellen empor. Die

Ebbe hatten wir dabei allerdings zu unserem Gunsten, der stürmische

Südwest war uns aber total entgegen und hob den Vortheil also mehr als

auf. +Gegen+ Wind und Wellen mußten wir an, und gegen Wind und

Wellen legten wir uns aus Leibeskräften in die Ruder, so daß sich das

elastische Holz bei jedem Schlage bog und den widerspenstigen Kahn

immer gegen neu heranstürzende Wassermassen antrieb. Nicht möglich

war es dabei dicht unter Land zu halten, da der weite flache Sumpf,

der sich nach dem Lande hin wohl über zwei Meilen ausbreitete, das

Boot zwang gerade in See zu halten, den zähen Schlamm seiner Ufer zu

vermeiden. Nur langsamen Fortgang machten wir auf diese Art; dabei

wurde, je weiter wir hinauskamen, das Wasser desto stürmischer, das

Wogenheer drohender und gefährlicher, und der ein paarmal über Bord

schlagende Kamm einzelner Wellen machte uns auch darauf aufmerksam daß

wir füllen und dann, nur zu zweien, keine Hand würden entbehren können

das eingenommene Wasser wieder auszuschöpfen. So langsam rückten wir zu

gleicher Zeit vor, daß noch Stunden vergehen mußten, ehe wir im Stande

gewesen wären das andere Ufer zu erreichen. Füllten wir, so war in

dem weichen Schlamm nicht einmal Rettung möglich -- und hätten unsere

ununterbrochen in Anspruch genommenen Kräfte auch so lang ausgehalten?

Ein paar rasch gewechselte Worte, denn zu langen Berathschlagungen

blieb keine Zeit, waren genügend unser weiteres Verhalten zu bestimmen

-- der Bug des Fahrzeugs flog, von einer Woge gerade gehoben, rasch

herum, und +vor+ Wind und Wellen suchten wir jetzt, mit wirklich

äußerster Anstrengung, den vor kaum einer halben Stunde verlassenen

und gegen die Wogen wenigstens geschützten Hafen zu erreichen. Aber

selbst zurück zeigte sich die Fahrt schwieriger als wir gedacht; ohne

Steuerruder lag das Gewicht der Wellen zu sehr auf der Außenseite, als

daß wir ihm immer hätten so schnell als nothwendig begegnen können,

und während wir zwar rasch vorwärts glitten, trieb das Boot auch zu

gleicher Zeit dem schlammigen Ufer näher. Berührte nur der Kiel den

Grund, daß die Wogen beim Anprallen den geringsten Widerstand fanden,

so schlugen sie über uns hin, und unsere Lage wäre dann allerdings

eine fatale gewesen; der zähe Schlamm hätte uns selbst am Schwimmen

verhindert. So weit sollte es aber nicht kommen, dicht am Schlammufer

hin glitt unser wackeres Fahrzeug, die äußerste Spitze des gefährlichen

Ufers war erreicht, und im nächsten Augenblick befanden wir uns in

ruhigem sicherem Wasser.

Californische Skizzen · 第 12 / 18 段