Bei den meisten Völkern finden sich also Kennzeichen der Probenacht. Und
wenn sie mit gewissen ähnlichen Gebräuchen anderer Nationen verglichen
werden, so kömmt man zur Erkenntnis einer allgemeinen Ursitte der
Menschheit. Auch die Wahrnehmung, dass vile Gebräuche unter den Menschen,
die man verschiden zu sein glaubt, oder die wenigstens moralische
Unschiklichkeiten an sich zu haben scheinen, aus einer und ebenderselben
Quelle herrühren, wird dadurch ungemein beleuchtet und ins Klare gebracht.
Sie sind meist in der physischen Beschaffenheit unsers Körpers gegründet,
und bestehen daher mit der natürlichen Unschuld unsrer Gattung sehr gut.
Fast alle rohen Völker auf dem Erdboden sind bei ihrer Verheiratung auf
die Zeichen der bewahrten Jungfrauschaft aufmerksam, und verlangen diselbe
bei ihren Bräuten ohne Nachsicht.(89) Andere Nationen scheinen über disen
Punkt etwas gleichgültiger zu sein,(90) und verschidene Völkerschaften in
Asien erlauben ihren unverheirateten Töchtern, sich der öffentlichen
Wollust in dem Tempel preis zu geben.(91) Unter den Afrikanischen Stämmen
werden vorzüglich die Mädchen zu Gattinnen ausgesucht, die ihre Reizungen
vile Jahre auf Wucher gesezt, und schon im ledigen Stande Kinder gebohren
haben.(92) An andern Orten wird die Schöne dem Fremden bei seiner Ankunft
zum Beischlafe angeboten, und macht er von diser vorteilhaften Anerbitung
Gebrauch, so strebt hernach ieder Bidermann nach der Ehre, ihr Gemahl zu
werden.(93) Ueber die Brautnacht selbst hat es bei den südlichen und
nördlichen Völkern ganz entgegenstehende Gewohnheiten. Bei ienen wird sie
den Fremden oder geringern Personen, und nicht selten neben der Bezahlung
überlassen und für ein entehrendes Werk gehalten;(94) dahingegen sie bei
disen nur ein Vorrecht des Herrschers, des Adels, oder, besonders in
Indien, der Pristerschaft ist.(95) Ebendaher verehrt man in Egypten und
andern Asiatischen Ländern die plözliche geile Ueberraschungen, die von
den Mönchen auf der Strasse geschehen, als andächtige Handlungen.(96) Man
findet die Brautnacht noch in andere Gebräuche gehüllt, die uns
zweifelhaft lassen, welchen moralischen Begrif man damit verband. Von der
Art ist z. B. iener, wo die Braut vorher von allen Hochzeitgästen oder
Verwandten, und am Ende erst vom Bräutigam beschlaffen wird.(97)
Dem Anscheine nach sollte alles dises die Richtigkeit unsrer Beobachtung
von der Allgemeinheit der ehlichen Tüchtigkeitsprobe bei den neuen Gatten
bezweifeln. Der erste Einwurf von der Sitte, die Kennzeichen der bewahrten
Keuschheit bei der Verheiratung zu fordern, ist auch wirklich sehr
wichtig, indem nicht geläugnet werden kan, dass dises bei allen rohen und
Urvölkern gebräuchlich gewesen und zu vermuten ist, dass bei einer
Probzeit die Jungfrauschaft verloren gehen muss, folglich bei der erst
lange darauf folgenden Vermählung nicht mehr bewisen werden kan.
Nichtsdestoweniger wird man bei der nähern Untersuchung diser Sitte
finden, dass sie in den ältesten Zeiten neben der Probzeit in Uebung
gewesen ist, und in der Folge mit iener einerlei Endzwek gehabt hat. Weil
die Absicht der Ehestandsprobe nur dahin gieng, die wechselseitige
Zeugungstauglichkeit zu erforschen, so war sie schon erreicht, wenn der
Bräutigam die Beweise der iungfräulichen Keuschheit erhalten hatte. Es
konnte der Fall, dass die Ehe nicht zu Stand käme, und folgbar das
Frauenzimmer mit einem andern neue Proben machen müsste, aus dem Grunde
nicht entstehen, weil derienige, der ihr einmal die Jungferschaft geraubt
hatte, sie notwendig zur Ehe behalten musste. Es ist auch zu glauben, dass
verschidene Völker bei mehrerer Polizirung die Probenacht wegen ihres
leichten Misbrauchs abgeschaft, und allein die Auffindung der
iungfräulichen Kennzeichen beibehalten haben, als wodurch ebenderselbe
Endzwek erreicht wurde. Denn wo unstreitige Beweise der geraubten
Jungferschaft vorhanden sind, da müssen gewiss die wechselseitige
Zeugungsfähigkeiten ausser Zweifel sein. Ebensowenig als dise Hauptsitte
der Probenacht widerspricht, sowenig geschiht es von den andern. Vile
Philosophen haben es bemerkt, dass bei den meisten Gewohnheiten, die oben
erzehlt wurden, die Versicherung der weiblichen Fruchtbarkeit die
Hauptabsicht gewesen. Sie kommen daher auch so weit mit der Probzeit
überein, als sie die Früchte des Ehestands befördern helfen, und sind nur
darinn verschiden, dass sie etwas einseitig und bei einer zufälligen
Untauglichkeit der Mannsperson ienen Hauptzwek der Begattung dennoch
verfehlen. Die Sitte, dass der Genuss der Brautnacht fremden Personen
überlassen wird, scheint von einer gewissen Schlaffheit der männlichen
Körper herzurühren, und da wäre ungefehr wider ebenderselbe Endzwek, wie
bei der Probenacht, vorhanden. Denn was disen Männern selbst an
zureichender Leibesstärke und Mannheit abgeht,(98) das wissen sie durch
andere tauglichere Subiekte zu ersezen, und ihre Ehe, die ohne dises
Hilfsmittel ganz unfruchtbar bleiben müsste, ihrem Zweke näher zu bringen.
Man darf desto weniger zweifeln, dass sich der Fall in heissen Ländern
häufig zuträgt, als man selbst in verschidenen grossen Städten Europens
dergleichen sichere Erfahrungen gemacht hat. Zu was für verzweifelte
Mittel zuweilen die Amerikanerinnen bei der Kaltblütigkeit ihrer Männer
die Zuflucht nehmen, das sehe man in der Note.(99)
Jene Gewohnheiten, wo sich die Mädchen in öffentlichen Tempeln der
gemeinen Wollust überlifern, oder wo die Hochzeitgäste die ersten Früchte
ihrer Annehmlichkeiten pflüken, oder wo nur dieienigen unter ihnen sich
die gröste Hofnung zum Heiraten machen dürfen, die schon im ledigen Stand
vile Kinder gebohren, oder sonst ihre Keuschheit am meisten verwahrloset
hatten, scheinen blos auf der Seite des weiblichen Geschlechts alle
Zeugungshindernisse und Anstände hinwegzuräumen; dahingegen die Gebräuche,
wo die Bräute mit der grösten Gefahr und mit viler Mühe geraubt
werden,(100) und andere Ceremonien vorgehen, die eine solche
Gewalttätigkeit anzeigen, oder wo der neue Ehemann die ersten Nächte mit
seiner Gattin sehr heimlich, und mit viler Ungemächlichkeit zubringen
muss, zu der Gattung zu gehören, welche die Erprobung der männlichen
Leibesstärke zum Grunde ihrer Einführung hat. Alle dise hochzeitlichen
Ceremonien haben also Verwandtschaft mit der Probnacht, und man erkennt,
wie allgemein ehemals auf die Bevölkerung gearbeitet worden ist. Der Herr
von Paw(101) hat hierüber schöne Beobachtungen angestellt, und sie passen
auf unsern Gegenstand vollkommen.
Home(102) deutet den symbolischen Raub der Bräute auf den Sklavenstand,
worein nach seiner Meinung die Gattinnen unter allen rohen Völkern geraten
sollen. Die erste Quelle diser Sklaverei siht er in dem Ehkaufsgepränge;
hirdurch erwerbe sich nemlich der Gemahl das Eigentum seiner Libsten, und
sei deswegen berechtiget, sie als seine Magd zu behandeln. Wie sehr
verkennt er hir nicht den wahren Ursprung des Ehekaufs! Bei allen Barbaren
sind die Weiber, so wie die Minderjährigen, unter der _Münde_(103) des
Mannstamms; das ist, ihm ligt die Sorge ihrer Verteidigung und Bewahrung
für allen Unfällen ob; dagegen bleibt er auch nach ihrem Tode in dem
Besize ihres Vermögens. Durch die Heirat kömmt die Frau unter die
Mundbürde ihres Gemahls, oder des Geschlechts, zu welchem er gehört. Der
Vater, oder die Familie, von der sie ausgeht, verliren also den Vorteil,
den ihnen einmal ihre Vererbung eingebracht hätte. Sie lassen sich daher
zur Entschädigung beim Verlöbnis eine gewisse Summe ausbezahlen oder
Geschenke reichen, und das ist der sogenannte Ehekauf. Man siht seine
Beschaffenheit in unsern barbarischen Gesezbüchern ganz deutlich. Ich kan
aber, um nicht zu sehr abzuschweifen, und um eine Sache, die in einem
andern Werke vorkömmt, nicht zweimal abzuhandeln, iezo nur die
Longobardischen(104) anführen, und berufe mich wegen dem Weitern auf einen
Schriftsteller,(105) der bereits das alte Mundium, (wie es in der
Urkundensprache heist) aus Angelsächsischen Gesezen dargestellt hat. Unter
andern Gründen führt Home(106) auch die Wahrnehmung für sich an, dass bei
allen rohen Völkern die Weiber die Haus‐ und Feldgeschäfte verrichteten.
Allein, wie wenig ward hir widerum den Ursachen der Dinge nachgespürt!
Zeigte nicht schon Kraft,(107) dass dises von dem Wahne der Wilden
herrühre, als wenn in dem weiblichen Geschlechte eine gewisse allgemeine
Befruchtungskraft läge, wodurch alles, was sie berührten, einen
gedeihungsvollen Wachsthum erhielte? Unter allen rohen Völkern ziht der
rüstige Mann in den Krieg, oder geht auf den Strassenraub aus; indes das
fleissige Weib, der entkräftete Greiss und der schwächere Knabe zusammen
den Landbau und Wirtschaft besorgen. Sind dise deswegen Sklaven des
Erstern? — O wenn werden wir einmal aufhören, den eiteln Tand des
Ausländers zu begaffen, und darüber die bessere Waare unsrer eigenen
Landsleute zu vergessen! Wahr ist’s, unter etwas kultivirtern Nationen im
Morgenlande geht die Ablösung der Münde zuweilen in einen Kaufhandel über,
und an sehr vilen Orten werden die Weiber in einem Zustande angetroffen,
der von der wirklichen Sklaverei eben nicht sehr verschiden ist. Wenn man
aber dise Gegenden geographisch untersucht, so zeigt sich’s, dass sie
unter lauter heissen Himmelsregionen ligen.(108) In solchen Erdstrichen
steigt nicht selten der weibliche Trib zur Begattung bis zu einer Art von
geiler Wut.(109) Die Männer, die dort zumal von schwächerer Gattung sind,
verliren alle Achtung gegen sie, und haben keine Ursache, sich um
dasienige erst durch Gefälligkeiten und mit emsiger Geschäftigkeit zu
bewerben, was ihnen mit frecher Stirne freiwillig angeboten wird.(110) Wie
entgegengesezt sind aber nicht die Sitten in den gemässigtern und rauheren
Gegenden des Erdbodens. Da macht die kältere Luft die Weiber frostig und
spröde. Sie sind unempfindlich gegen alle Tribe, die bei ihnen die Männer
erregen wollen, und diss vermehrt gerade die Begirlichkeit der Leztern;
deren Hize, während dem die scheinbare Tugend sie mit Hochachtung erfüllt,
beständig angefacht wird, die Neigung diser stolzen Geschöpfe einmal zu
überwinden. Daher das Ansehen des Nordischen Frauenzimmers, sein Stolz und
seine Gewalt in allen öffentlichen Angelegenheiten.(111) Auf der andern
Seite aber auch die sittliche Verfeinerung des männlichen Geschlechts,
seine schlaue Bigsamkeit und Galanterie. Die verschidene Behandlungsart
der Weiber hängt ganz von dem Einflusse des Klima ab. Der Ehekauf hingegen
ist in Norden, wie in Süden, im Gebrauche und verursacht nimals eine
Herabwürdigung. Wenn _Home_ mehr aus Reisebeschreibungen gesammelt, mehr
dem Stande des Menschen nach den verschidenen Graden seiner Kultur
nachgeforscht, mehr die Gattungen untereinander verglichen, und die
Quellen ihrer Verschidenheit aufgespürt, endlich das Allgemeine von dem
Zufälligen iederzeit sorgsam genug abgesondert hätte, so würde sein VI.
Versuch des I. Buchs gewiss besser geraten sein, und eine ganz andere
Gestalt bekommen haben, als wir ihn wirklich besizen. Der Behauptung, dass
die bessere Behandlung des weiblichen Geschlechts erst aus der
Sittenverbesserung entstanden sei, will ich die gerade entgegenstehende
Bemerkung _Kraftens_(112) an die Seite stellen, und denn auf das
hinweisen, was der verständigere _Millar_(113) gesammelt und der P.
_Lafitau_(114) auseinandergesezt hat.