Laß es über mich dahin gehn -- Da --

(Sie reißt ihre Kinder zu Boden und wirft sich mit ihnen ihm in den

Weg.)

Hier lieg’ ich

Mit meinen Kindern -- Laß die armen Waisen

Von deines Pferdes Huf zertreten werden!

Es ist das Aergste nicht, was du gethan --

=Rudolph.=

Weib, seyd ihr rasend?

=Armgart= (heftiger fortfahrend).

Tratest du doch längst

Das Land des Kaisers unter deine Füße!

-- O, ich bin nur ein Weib. Wär’ ich ein Mann,

Ich wüßte wohl was Besseres, als hier

Im Staub zu liegen --

(Man hört die vorige Musik wieder auf der Höhe des Wegs, aber

gedämpft.)

=Geßler.=

Wo sind meine Knechte?

Man reiße sie von hinnen oder ich

Vergesse mich und thue, was mich reuet.

=Rudolph.=

Die Knechte können nicht hindurch, o Herr!

Der Hohlweg ist gesperrt durch eine Hochzeit.

=Geßler.=

Ein allzu milder Herrscher bin ich noch

Gegen dies Volk -- die Zungen sind noch frei,

Es ist noch nicht ganz, wie es soll, gebändigt --

Doch es soll anders werden, ich gelob’ es;

Ich will ihn brechen, diesen starren Sinn,

Den kecken Geist der Freiheit will ich beugen,

Ein neu Gesetz will ich in diesen Landen

Verkündigen -- Ich will --

(Ein Pfeil durchbohrt ihn; er fährt mit der Hand ans Herz und will

sinken. Mit matter Stimme.)

Gott sey mir gnädig!

=Rudolph.=

Herr Landvogt -- Gott! Was ist das? Woher kam das?

=Armgart= (auffahrend).

Mord! Mord! Er taumelt, sinkt! Er ist getroffen!

=Rudolph= (springt vom Pferde).

Welch gräßliches Ereigniß -- Gott -- Herr Ritter --

Ruft die Erbarmung Gottes an! Ihr seyd

Ein Mann des Todes!

=Geßler.=

Das ist Tells Geschoß.

(Ist vom Pferde herab dem Rudolph Harras in den Arm gegleitet und

wird auf der Bank niedergelassen.)

=Tell=

(erscheint oben auf der Höhe des Felsen).

Du kennst den Schützen, suche keinen andern!

Frei sind die Hütten, sicher ist die Unschuld

Vor dir, du wirst dem Lande nicht mehr schaden.

(Verschwindet von der Höhe. Volk stürzt herein.)

=Stüssi= (voran).

Was gibt es hier? Was hat sich zugetragen?

=Armgart.=

Der Landvogt ist von einem Pfeil durchschossen.

=Volk= (im Hereinstürzen).

Wer ist erschossen?

(Indem die Vordersten von dem Brautzug auf die Scene kommen, sind

die Hintersten noch auf der Höhe, und die Musik geht fort.)

=Rudolph der Harras.=

Er verblutet sich.

Fort, schaffet Hülfe! Setzt dem Mörder nach!

-- Verlorner Mann, so muß es mit dir enden;

Doch meine Warnung wolltest du nicht hören!

=Stüssi.=

Bei Gott, da liegt er bleich und ohne Leben!

=Viele Stimmen.=

Wer hat die That gethan?

=Rudolph der Harras.=

Rast dieses Volk,

Daß es dem Mord Musik macht? Laßt sie schweigen!

(Musik bricht plötzlich ab, es kommt noch mehr Volk nach.)

Herr Landvogt, redet, wenn ihr könnt -- Habt ihr

Mir nichts mehr zu vertrauen?

(Geßler gibt Zeichen mit der Hand, die er mit Heftigkeit

wiederholt, da sie nicht gleich verstanden werden.)

Wo soll ich hin?

-- Nach Küßnacht? Ich versteh’ euch nicht -- O, werdet

Nicht ungeduldig -- Laßt das Irdische!

Denkt jetzt, euch mit dem Himmel zu versöhnen.

(Die ganze Hochzeitgesellschaft umsteht den Sterbenden mit einem

fühllosen Grausen.)

=Stüssi.=

Sieh, wie er bleich wird -- Jetzt, jetzt tritt der Tod

Ihm an das Herz -- die Augen sind gebrochen.

=Armgart= (hebt ein Kind empor).

Seht, Kinder, wie ein Wütherich verscheidet!

=Rudolph der Harras.=

Wahnsinnige Weiber, habt ihr kein Gefühl,

Daß ihr den Blick an diesem Schreckniß weidet?

-- Helft -- leget Hand an -- Steht mir Niemand bei,

Den Schmerzenspfeil ihm aus der Brust zu ziehn?

=Weiber= (treten zurück).

Wir ihn berühren, welchen Gott geschlagen?

=Rudolph der Harras.=

Fluch treff’ euch und Verdammniß!

(Zieht das Schwert.)

=Stüssi= (fällt ihm in den Arm).

Wagt es, Herr!

Eu’r Walten hat ein Ende. Der Tyrann

Des Landes ist gefallen. Wir erdulden

Keine Gewalt mehr. Wir sind freie Menschen.

=Alle= (tumultuarisch).

Das Land ist frei!

=Rudolph der Harras.=

Ist es dahin gekommen? --

Endet die Furcht so schnell und der Gehorsam?

(Zu den Waffenknechten, die hereindringen.)

Ihr seht die grausenvolle That des Mords,

Die hier geschehen -- Hülfe ist umsonst --

Vergeblich ist’s dem Mörder nachzusetzen.

Uns drängen andre Sorgen -- Auf, nach Küßnacht,

Daß wir dem Kaiser seine Veste retten!

Denn aufgelöst in diesem Augenblick

Sind aller Ordnung, aller Pflichten Bande,

Und keines Mannes Treu ist zu vertrauen.

Indem er mit den Waffenknechten abgeht, erscheinen =sechs

barmherzige Brüder=.

=Armgart.=

Platz! Platz! Da kommen die barmherz’gen Brüder.

=Stüssi.=

Das Opfer liegt -- die Raben steigen nieder.

=Barmherzige Brüder=

(schließen einen Halbkreis um den Todten und singen im tiefen Ton).

Rasch tritt der Tod den Menschen an;

Es ist ihm keine Frist gegeben;

Es stürzt ihn mitten in der Bahn,

Es reißt ihn fort vom vollen Leben.

Bereitet oder nicht, zu gehen,

Er muß vor seinen Richter stehen!

(Indem die letzten Zeilen wiederholt werden, fällt der Vorhang.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.

+Oeffentlicher Platz bei Altorf.+

Im Hintergrunde rechts die Veste Zwing Uri mit dem noch stehenden

Baugerüste, wie in der dritten Scene des ersten Aufzugs;

links eine Aussicht in viele Berge hinein, auf welchen allen

Signalfeuer brennen. Es ist eben Tagesanbruch, Glocken ertönen aus

verschiedenen Fernen.

=Ruodi=, =Kuoni=, =Werni=, =Meister Steinmetz=

und viele andere =Landleute=, auch =Weiber= und

=Kinder=.

=Ruodi.=

Seht ihr die Feu’rsignale auf den Bergen?

=Steinmetz.=

Hört ihr die Glocken drüben überm Wald?

=Ruodi.=

Die Feinde sind verjagt.

=Steinmetz.=

Die Burgen sind erobert.

=Ruodi.=

Und wir im Lande Uri dulden noch

Auf unserm Boden das Tyrannenschloß?

Sind wir die Letzten, die sich frei erklären?

=Steinmetz.=

Das Joch soll stehen, das uns zwingen wollte?

Auf, reißt es nieder!

=Alle.=

Nieder! nieder! nieder!

=Ruodi.=

Wo ist der Stier von Uri?

=Stier von Uri.=

Hier. Was soll ich?

=Ruodi.=

Steigt auf die Hochwacht, blast in euer Horn,

Daß es weitschmetternd in die Berge schalle,

Und, jedes Echo in den Felsenklüften

Aufweckend, schnell die Männer des Gebirgs

Zusammenrufe!

Stier von Uri geht ab. =Walther Fürst= kommt.

=Walther Fürst.=

Haltet, Freunde! Haltet!

Noch fehlt uns Kunde, was in Unterwalden

Und Schwytz geschehen. Laßt uns Boten erst

Erwarten.

=Ruodi.=

Was erwarten? Der Tyrann

Ist todt; der Tag der Freiheit ist erschienen.

=Steinmetz.=

Ist’s nicht genug an diesen flammenden Boten,

Die rings herum auf allen Bergen leuchten?

=Ruodi.=

Kommt Alle, kommt, legt Hand an, Männer und Weiber.

Brecht das Gerüste! Sprengt die Bogen! Reißt

Die Mauern ein! Kein Stein bleib’ auf dem andern.

=Steinmetz.=

Gesellen, kommt! Wir haben’s aufgebaut,

Wir wissen’s zu zerstören.

=Alle.=

Kommt, reißt nieder!

(Sie stürzen sich von allen Seiten auf den Bau.)

=Walther Fürst.=

Es ist im Lauf. Ich kann sie nicht mehr halten.

=Melchthal= und =Baumgarten= kommen.

=Melchthal.=

Was? steht die Burg noch, und Schloß Sarnen liegt

In Asche, und der Roßberg ist gebrochen?

=Walther Fürst.=

Seyd ihr es, Melchthal? Bringt ihr uns die Freiheit?

Sagt, sind die Lande alle rein vom Feind?

=Melchthal= (umarmt ihn).

Rein ist der Boden. Freut euch, alter Vater!

In diesem Augenblicke, da wir reden,

Ist kein Tyrann mehr in der Schweizer Land.

=Walther Fürst.=

O, sprecht, wie wurdet ihr der Burgen mächtig?

=Melchthal.=

Der Rudenz war es, der das Sarner Schloß

Mit mannlich kühner Wagethat gewann.

Den Roßberg hatt’ ich Nachts zuvor erstiegen.

-- Doch höret, was geschah. Als wir das Schloß

Vom Feind geleert, nun freudig angezündet,

Die Flamme prasselnd schon zum Himmel schlug,

Da stürzt der Diethelm, Geßlers Bub, hervor

Und ruft, daß die Bruneckerin verbrenne.

=Walther Fürst.=

Gerechter Gott!

(Man hört die Balken des Gerüstes stürzen.)

=Melchthal.=

Sie war es selbst, war heimlich

Hier eingeschlossen auf des Vogts Geheiß.

Rasend erhob sich Rudenz -- denn wir hörten

Die Balken schon, die festen Pfosten stürzen

Und aus dem Rauch hervor den Jammerruf

Der Unglückseligen.

=Walther Fürst.=

Sie ist gerettet?

=Melchthal.=

Da galt Geschwindseyn und Entschlossenheit!

-- Wär’ er +nur+ unser Edelmann gewesen,

Wir hätten unser Leben wohl geliebt;

Doch er war unser Eidgenoß, und Bertha

Ehrte das Volk -- So setzten wir getrost

Das Leben dran und stürzten in das Feuer.

=Walther Fürst.=

Sie ist gerettet?

=Melchthal.=

Sie ist’s. Rudenz und ich,

Wir trugen sie selbander aus den Flammen,

Und hinter uns fiel krachend das Gebälk.

-- Und jetzt, als sie gerettet sich erkannte,

Die Augen aufschlug zu dem Himmelslicht,

Jetzt stürzte mir der Freiherr an das Herz,

Und schweigend ward ein Bündniß jetzt beschworen,

Das fest gehärtet in des Feuers Glut

Bestehen wird in allen Schicksalsproben --

=Walther Fürst.=

Wo ist der Landenberg?

=Melchthal.=

Ueber den Brünig.

Nicht lag’s an mir, daß er das Licht der Augen

Davontrug, der den Vater mir geblendet.

Nach jagt’ ich ihm, erreicht’ ihn auf der Flucht

Und riß ihn zu den Füßen meines Vaters.

Geschwungen über ihn war schon das Schwert;

Von der Barmherzigkeit des blinden Greises

Erhielt er flehend das Geschenk des Lebens.

+Urphede+ schwur er, nie zurück zu kehren;

Er wird sie halten; unsern Arm hat er

Gefühlt.

=Walther Fürst.=

Wohl euch, daß ihr den reinen Sieg

Mit Blute nicht geschändet!

=Kinder=

(eilen mit Trümmern des Gerüstes über die Scene).

Freiheit! Freiheit!

(Das Horn von Uri wird mit Macht geblasen.)

=Walther Fürst.=

Seht, welch ein Fest! Des Tages werden sich

Die Kinder spät als Greise noch erinnern.

(Mädchen bringen den Hut auf einer Stange getragen; die ganze Scene

füllt sich mit Volk an.)

=Ruodi.=

Hier ist der Hut, dem wir uns beugen mußten.

=Baumgarten.=

Gebt uns Bescheid, was damit werden soll.

=Walther Fürst.=

Gott! Unter diesem Hute stand mein Enkel.

=Mehrere Stimmen.=

Zerstört das Denkmal der Tyrannenmacht!

Ins Feuer mit ihm!

=Walther Fürst.=

Nein, laßt ihn aufbewahren!

Der Tyrannei mußt’ er zum Werkzeug dienen;

Er soll der Freiheit ewig Zeichen seyn!

(Die Landleute, Männer, Weiber und Kinder stehen und sitzen auf den

Balken des zerbrochenen Gerüstes malerisch gruppirt in einem großen

Halbkreis umher.)

=Melchthal.=

So stehen wir nun fröhlich auf den Trümmern

Der Tyrannei, und herrlich ist’s erfüllt,

Was wir im Rütli schwuren, Eidgenossen!

=Walther Fürst.=

Das Werk ist angefangen, nicht vollendet.

Jetzt ist uns Muth und feste Eintracht noth;

Denn, seyd gewiß, nicht säumen wird der König,

Den Tod zu rächen seines Vogts, und den

Vertriebnen mit Gewalt zurück zu führen.

=Melchthal.=

Er zieh’ heran mit seiner Heeresmacht!

Ist aus dem Innern doch der Feind verjagt;

Dem Feind von Außen wollen wir begegnen.

=Ruodi.=

Nur wen’ge Pässe öffnen ihm das Land,

Die wollen wir mit unsern Leibern decken.

=Baumgarten.=

Wir sind vereinigt durch ein ewig Band,

Und seine Heere sollen uns nicht schrecken.

=Rösselmann= und =Stauffacher= kommen.

=Rösselmann= (im Eintreten).

Das sind des Himmels furchtbare Gerichte.

=Landleute.=

Was gibt’s?

=Rösselmann.=

In welchen Zeiten leben wir!

=Walther Fürst.=

Sagt an, was ist es? Ha, seyd ihr’s, Herr Werner?

Was bringt ihr uns?

=Landleute.=

Was gibt’s?

=Rösselmann.=

Hört und erstaunt!

=Stauffacher.=

Wilhelm Tell(#77182) · 第 15 / 18 题