=Werni.=
Es geht ums Leben. Sey barmherzig, Fährmann!
=Kuoni.=
’s ist ein Hausvater und hat Weib und Kinder!
(Wiederholte Donnerschläge.)
=Ruodi.=
Was? Ich hab’ auch ein Leben zu verlieren,
Hab Weib und Kind daheim, wie er -- Seht hin,
Wie’s brandet, wie es wogt und Wirbel zieht
Und alle Wasser aufrührt in der Tiefe.
-- Ich wollte gern den Biedermann erretten;
Doch es ist rein unmöglich, ihr seht selbst.
=Baumgarten= (noch auf den Knien).
So muß ich fallen in des Feindes Hand,
Das nahe Rettungsufer im Gesichte!
-- Dort liegt’s! Ich kann’s erreichen mit den Augen,
Hinüberdringen kann der Stimme Schall,
Da ist der Kahn, der mich hinübertrüge,
Und muß hier liegen, hülflos und verzagen!
=Kuoni.=
Seht, wer da kommt!
=Werni.=
Es ist der Tell aus Bürglen.
=Tell= mit der Armbrust.
=Tell.=
Wer ist der Mann, der hier um Hülfe fleht?
=Kuoni.=
’s ist ein Alzeller Mann; er hat sein’ Ehr
Vertheidigt und den Wolfenschieß erschlagen,
Des Königs Burgvogt, der auf Roßberg saß --
Des Landvogts Reiter sind ihm auf den Fersen.
Er fleht den Schiffer um die Ueberfahrt;
Der fürcht’t sich vor dem Sturm und will nicht fahren.
=Ruodi.=
Das ist der Tell, der führt das Ruder auch,
Der soll mir’s zeugen, ob die Fahrt zu wagen.
(Heftige Donnerschläge, der See rauscht auf.)
Ich soll mich in den Höllenrachen stürzen?
Das thäte Keiner, der bei Sinnen ist.
=Tell.=
Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt.
Vertrau auf Gott und rette den Bedrängten.
=Ruodi.=
Vom sichern Port läßt sich’s gemächlich rathen.
Da ist der Kahn, und dort der See! Versucht’s!
=Tell.=
Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen.
Versuch es, Fährmann!
=Hirten= und =Jäger=.
Rett ihn! Rett ihn! Rett ihn!
=Ruodi.=
Und wär’s mein Bruder und mein leiblich Kind,
Es kann nicht seyn; ’s ist heute Simons und Judä,
Da rast der See und will sein Opfer haben.
=Tell.=
Mit eitler Rede wird hier nichts geschafft;
Die Stunde dringt, dem Mann muß Hülfe werden!
Sprich, Fährmann, willst du fahren?
=Ruodi.=
Nein, nicht ich!
=Tell.=
In Gottes Namen denn! Gib her den Kahn!
Ich will’s mit meiner schwachen Kraft versuchen.
=Kuoni.=
Ha, wackrer Tell!
=Werni.=
Das gleicht dem Waidgesellen!
=Baumgarten.=
Mein Retter seyd ihr und mein Engel, Tell!
=Tell.=
Wohl aus des Vogts Gewalt errett’ ich euch!
Aus Sturmes Nöthen muß ein Andrer helfen.
Doch besser ist’s, ihr fallt in Gottes Hand
Als in der Menschen!
(Zu dem Hirten.)
Landsmann, tröstet ihr
Mein Weib, wenn mir was Menschliches begegnet.
Ich hab’ gethan, was ich nicht lassen konnte.
(Er springt in den Kahn.)
=Kuoni= (zum Fischer).
Ihr seyd ein Meister Steuermann. Was sich
Der Tell getraut, das konntet +ihr+ nicht wagen?
=Ruodi.=
Wohl bess’re Männer thun’s dem Tell nicht nach,
Es gibt nicht Zwei, wie der ist, im Gebirge.
=Werni= (ist auf den Fels gestiegen).
Er stößt schon ab. Gott helf dir, braver Schwimmer!
Sieh, wie das Schifflein auf den Wellen schwankt!
=Kuoni= (am Ufer).
Die Flut geht drüber weg -- Ich seh’s nicht mehr.
Doch, halt, da ist es wieder! Kräftiglich
Arbeitet sich der Wackre durch die Brandung.
=Seppi.=
Des Landvogts Reiter kommen angesprengt.
=Kuoni.=
Weiß Gott, sie sind’s! Das war Hülf’ in der Noth.
=Ein Trupp landenbergischer Reiter.=
=Erster Reiter.=
Den Mörder gebt heraus, den ihr verborgen!
=Zweiter.=
+Des+ Wegs kam er: umsonst verhehlt ihr ihn.
=Kuoni= und =Ruodi=.
Wen meint ihr, Reiter?
=Erster Reiter= (entdeckt den Nachen).
Ha, was seh’ ich! Teufel!
=Werni= (oben).
Ist’s der im Nachen, den ihr sucht? -- Reit zu!
Wenn ihr frisch beilegt, holt ihr ihn noch ein.
=Zweiter.=
Verwünscht! Er ist entwischt.
=Erster= (zum Hirten und Fischer).
Ihr habt ihm fortgeholfen.
Ihr sollt uns büßen -- Fallt in ihre Heerde!
Die Hütte reißet ein, brennt und schlagt nieder!
(Eilen fort.)
=Seppi= (stürzt nach).
O meine Lämmer!
=Kuoni= (folgt).
Weh mir, meine Heerde!
=Werni.=
Die Wüthriche!
=Ruodi= (ringt die Hände).
Gerechtigkeit des Himmels!
Wann wird der Retter kommen diesem Lande?
(Folgt ihnen.)
Zweite Scene.
+Zu Steinen in Schwytz, eine Linde vor des Stauffachers Hause an
der Landstraße, nächst der Brücke.+
=Werner Stauffacher=, =Pfeifer von Luzern= kommen im
Gespräche.
=Pfeifer.=
Ja, ja, Herr Stauffacher, wie ich euch sagte.
Schwört nicht zu Oestreich, wenn ihr’s könnt vermeiden.
Haltet fest am Reich und wacker, wie bisher.
Gott schirme euch bei eurer alten Freiheit!
(Drückt ihm herzlich die Hand und will gehen.)
=Stauffacher.=
Bleibt doch, bis meine Wirthin kommt -- Ihr seyd
Mein Gast zu Schwytz, ich in Luzern der eure.
=Pfeifer.=
Viel Dank! Muß heute Gersau noch erreichen.
-- Was ihr auch Schweres mögt zu leiden haben
Von eurer Vögte Geiz und Uebermuth,
Tragt’s in Geduld! Es kann sich ändern, schnell,
Ein andrer Kaiser kann ans Reich gelangen.
+Seyd+ ihr erst Oesterreichs, seyd ihr’s auf immer.
Er geht ab. Stauffacher setzt sich kummervoll auf eine Bank unter
der Linde. So findet ihn =Gertrud=, seine Frau, die sich neben
ihn stellt und ihn eine Zeit lang schweigend betrachtet.
=Gertrud.=
So ernst, mein Freund? Ich kenne dich nicht mehr.
Schon viele Tage seh’ ich’s schweigend an,
Wie finstrer Trübsinn deine Stirne furcht.
Auf deinem Herzen drückt ein still Gebresten.
Vertrau’ es mir: ich bin dein treues Weib,
Und meine Hälfte fordr’ ich deines Grams.
(Stauffacher reicht ihr die Hand und schweigt.)
Was kann dein Herz beklemmen, sag’ es mir.
Gesegnet ist dein Fleiß, dein Glücksstand blüht,
Voll sind die Scheunen, und der Rinder Schaaren,
Der glatten Pferde wohlgenährte Zucht
Ist von den Bergen glücklich heimgebracht
Zur Winterung in den bequemen Ställen.
-- Da steht dein Haus, reich, wie ein Edelsitz;
Von schönem Stammholz ist es neu gezimmert
Und nach dem Richtmaß ordentlich gefügt;
Von vielen Fenstern glänzt es wohnlich, hell;
Mit bunten Wappenschildern ist’s bemalt
Und weisen Sprüchen, die der Wandersmann
Verweilend liest und ihren Sinn bewundert.
=Stauffacher.=
Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt,
Doch, ach -- es wankt der Grund, auf dem wir bauten.
=Gertrud.=
Mein Werner, sage, wie verstehst du das?
=Stauffacher.=
Vor dieser Linde saß ich jüngst, wie heut,
Das schön Vollbrachte freudig überdenkend,
Da kam daher von Küßnacht, seiner Burg,
Der Vogt mit seinen Reisigen geritten.
Vor diesem Hause hielt er wundernd an;
Doch ich erhob mich schnell, und unterwürfig,
Wie sich’s gebührt, trat ich dem Herrn entgegen,
Der uns des Kaisers richterliche Macht
Vorstellt im Lande. Wessen ist das Haus?
Fragt’ er bösmeinend, denn er wußt’ es wohl.
Doch schnell besonnen ich entgegn’ ihm so:
Dies Haus, Herr Vogt, ist meines Herrn des Kaisers
Und eures und mein Lehen -- Da versetzt er:
„Ich bin Regent im Land an Kaisers Statt
Und will nicht, daß der Bauer Häuser baue
Auf seine eigne Hand, und also frei
Hinleb’, als ob er Herr wär’ in dem Lande:
Ich werd’ mich unterstehn, euch das zu wehren.“
Dies sagend, ritt er trutziglich von dannen;
Ich aber blieb mit kummervoller Seele,
Das Wort bedenkend, das der Böse sprach.
=Gertrud.=
Mein lieber Herr und Ehewirth! Magst du
Ein redlich Wort von deinem Weib vernehmen?
Des edeln Ibergs Tochter rühm’ ich mich.
Des vielerfahrnen Manns. Wir Schwestern saßen,
Die Wolle spinnend, in den langen Nächten,
Wenn bei dem Vater sich des Volkes Häupter
Versammelten, die Pergamente lasen
Der alten Kaiser, und des Landes Wohl
Bedachten in vernünftigem Gespräch.
Aufmerkend hört’ ich da manch kluges Wort,
Was der Verständ’ge denkt, der Gute wünscht,
Und still im Herzen hab’ ich mir’s bewahrt.
So höre denn und acht’ auf meine Rede!
Denn, was dich preßte, sieh, das wußt’ ich längst.
-- Dir grollt der Landvogt, möchte gern dir schaden,
Denn du bist ihm ein Hinderniß, daß sich
Der Schwytzer nicht dem neuen Fürstenhaus
Will unterwerfen, sondern treu und fest
Beim Reich beharren, wie die würdigen
Altvordern es gehalten und gethan. --
Ist’s nicht so, Werner? Sag’ es, wenn ich lüge!
=Stauffacher.=
So ist’s, das ist des Geßlers Groll auf mich.
=Gertrud.=
Er ist dir neidisch, weil du glücklich wohnst,
Ein freier Mann auf deinem eignen Erb,
-- Denn er hat keins. Vom Kaiser selbst und Reich
Trägst du dies Haus zu Lehn; du darfst es zeigen,
So gut der Reichsfürst seine Länder zeigt;
Denn über dir erkennst du keinen Herrn,
Als nur den Höchsten in der Christenheit --
Er ist ein jüngrer Sohn nur seines Hauses;
Nichts nennt er sein als seinen Rittermantel;
Drum sieht er jedes Biedermannes Glück
Mit scheelen Augen gift’ger Mißgunst an.
+Dir+ hat er längst den Untergang geschworen --
Noch stehst du unversehrt -- Willst du erwarten,
Bis er die böse Lust an dir gebüßt?
Der kluge Mann baut vor.
=Stauffacher.=
Was ist zu thun?
=Gertrud= (tritt näher).
So höre meinen Rath! Du weißt, wie hier
Zu Schwytz sich alle Redlichen beklagen
Ob dieses Landvogts Geiz und Wütherei.
So zweifle nicht, daß sie dort drüben auch
In Unterwalden und im Urner Land
Des Dranges müd’ sind und des harten Jochs --
Denn, wie der Geßler hier, so schafft es frech
Der Landenberger drüben überm See --
Es kommt kein Fischerkahn zu uns herüber,
Der nicht ein neues Unheil und Gewalt-
Beginnen von den Vögten uns verkündet.
Drum thät es gut, daß euer Etliche,
Die’s redlich meinen, still zu Rathe gingen,
Wie man des Drucks sich möcht’ entledigen:
So acht’ ich wohl, Gott würd’ euch nicht verlassen
Und der gerechten Sache gnädig seyn --
Hast du in Uri keinen Gastfreund, sprich,
Dem du dein Herz magst redlich offenbaren?
=Stauffacher.=
Der wackern Männer kenn’ ich viele dort
Und angesehen große Herrenleute,
Die mir geheim sind und gar wohl vertraut.
(Er steht auf.)
Frau, welchen Sturm gefährlicher Gedanken
Weckst du mir in der stillen Brust! Mein Innerstes
Kehrst du ans Licht des Tages mir entgegen,
Und, was ich mir zu denken still verbot,
Du sprichst’s mit leichter Zunge kecklich aus.
-- Hast du auch wohl bedacht, was du mir räthst?
Die wilde Zwietracht und den Klang der Waffen
Rufst du in dieses friedgewohnte Thal --
Wir wagten es, ein schwaches Volk der Hirten,
In Kampf zu gehen mit dem Herrn der Welt?
Der gute Schein nur ist’s, worauf sie warten,
Um loszulassen auf dies arme Land
Die wilden Horden ihrer Kriegesmacht,
Darin zu schalten mit des Siegers Rechten,
Und unterm Schein gerechter Züchtigung
Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen.
=Gertrud.=
Ihr seyd +auch+ Männer, wisset eure Axt
Zu führen, und dem Muthigen hilft Gott!
=Stauffacher.=
O Weib! ein furchtbar wüthend Schreckniß ist
Der Krieg; die Heerde schlägt er und den Hirten.
=Gertrud.=
Ertragen muß man, was der Himmel sendet;
Unbilliges erträgt kein edles Herz.
=Stauffacher.=
Dies Haus erfreut dich, das wir neu erbauten.
Der Krieg, der ungeheure, brennt es nieder.
=Gertrud.=
Wüßt’ ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt,
Den Brand wärf’ ich hinein mit eigner Hand.
=Stauffacher.=
Du glaubst an Menschlichkeit! Es schont der Krieg
Auch nicht das zarte Kindlein in der Wiege.
=Gertrud.=
Die Unschuld hat im Himmel einen Freund!
-- Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich!
=Stauffacher.=
Wir Männer können tapfer fechtend sterben:
Welch Schicksal aber wird das eure seyn?
=Gertrud.=
Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen:
Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei.
=Stauffacher= (stürzt in ihre Arme).
Wer solch ein Herz an seinen Busen drückt,
Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten,
Und keines Königs Heermacht fürchtet er --
Nach Uri fahr’ ich stehndes Fußes gleich.
Dort lebt ein Gastfreund mir, Herr Walther Fürst,
Der über diese Zeiten denkt, wie ich.
Auch find’ ich dort den edeln Bannerherrn
Von Attinghaus -- obgleich von hohem Stamm,
Liebt er das Volk und ehrt die alten Sitten.
Mit ihnen Beiden pfleg’ ich Raths, wie man
Der Landesfeinde muthig sich erwehrt --
Leb wohl -- und, weil ich fern bin, führe du
Mit klugem Sinn das Regiment des Hauses --
Dem Pilger, der zum Gotteshause wallt,
Dem frommen Mönch, der für sein Kloster sammelt,
Gib reichlich und entlaß ihn wohlgepflegt.
Stauffachers Haus verbirgt sich nicht. Zu äußerst
Am offnen Heerweg steht’s, ein wirthlich Dach
Für alle Wandrer, die des Weges fahren.
Indem sie nach dem Hintergrunde abgehen, tritt =Wilhelm Tell=
mit Baumgarten vorn auf die Scene.
=Tell= (zu Baumgarten).
Ihr habt jetzt meiner weiter nicht vonnöthen.
Zu jenem Hause gehet ein, dort wohnt
Der Stauffacher, ein Vater der Bedrängten.
-- Doch sieh, da ist er selber. -- Folgt mir, kommt!
(Gehen auf ihn zu; die Scene verwandelt sich.)
Dritte Scene.
+Oeffentlicher Platz bei Altorf.+
Auf einer Anhöhe im Hintergrunde sieht man eine Veste bauen, welche
schon so weit gediehen, daß sich die Form des Ganzen darstellt.
Die hintere Seite ist fertig, an der vordern wird eben gebaut,
das Gerüste steht noch, an welchem die Werkleute auf und nieder
steigen; auf dem höchsten Dach hängt der Schieferdecker -- Alles
ist in Bewegung und Arbeit.
=Frohnvogt.= =Meister Steinmetz.= =Gesellen= und
=Handlanger=.
=Frohnvogt=
(mit dem Stabe, treibt die Arbeiter).
Nicht lang gefeiert, frisch! Die Mauersteine
Herbei! den Kalk, den Mörtel zugefahren,
Wenn der Herr Landvogt kommt, daß er das Werk
Gewachsen sieht! -- Das schlendert wie die Schnecken!
(Zu zwei Handlangern, welche tragen.)
Heißt das geladen? Gleich das Doppelte!
Wie die Tagdiebe ihre Pflicht bestehlen!
=Erster Gesell.=
Das ist doch hart, daß wir die Steine selbst
Zu unserm Twing und Kerker sollen fahren!
=Frohnvogt.=
Was murret ihr? Das ist ein schlechtes Volk,
Zu nichts anstellig als das Vieh zu melken
Und faul herum zu schlendern auf den Bergen.
=Alter Mann= (ruht aus).
Ich kann nicht mehr.
=Frohnvogt= (schüttelt ihn).
Frisch, Alter, an die Arbeit!
=Erster Gesell.=
Habt ihr denn gar kein Eingeweid, daß ihr
Den Greis, der kaum sich selber schleppen kann,
Zum harten Frohndienst treibt?
=Meister Steinmetz= und =Gesellen=.
’s ist himmelschreiend!
=Frohnvogt.=
Sorgt ihr für euch; ich thu’, was meines Amts.
=Zweiter Gesell.=
Frohnvogt, wie wird die Feste denn sich nennen,
Die wir da baun?
=Frohnvogt.=
+Zwing Uri+ soll sie heißen;
Denn unter dieses Joch wird man euch beugen.
=Gesellen.=
Zwing Uri!
=Frohnvogt.=
Nun, was gibt’s dabei zu lachen?
=Zweiter Gesell.=
Mit diesem Häuslein wollt ihr Uri zwingen?
=Erster Gesell.=
Laß sehn, wie viel man solcher Maulwurfshaufen
Muß über ’nander setzen, bis ein Berg
Draus wird, wie der geringste nur in Uri!
(Frohnvogt geht nach dem Hintergrund.)
=Meister Steinmetz.=
Den Hammer werf’ ich in den tiefsten See,
Der mir gedient bei diesem Fluchgebäude!
=Tell= und =Stauffacher= kommen.
=Stauffacher.=
O, hätt’ ich nie gelebt, um das zu schauen!
=Tell.=
Hier ist nicht gut seyn. Laßt uns weiter gehn.
=Stauffacher.=
Bin ich zu Uri, in der Freiheit Land?
=Meister Steinmetz.=
O Herr, wenn ihr die Keller erst gesehn
Unter den Thürmen! Ja, wer +die+ bewohnt,
Der wird den Hahn nicht fürder krähen hören.
=Stauffacher.=
O Gott!
=Steinmetz.=
Seht diese Flanken, diese Strebepfeiler,
Die stehn, wie für die Ewigkeit gebaut!
=Tell.=
Was Hände bauten, können Hände stürzen,
(Nach den Bergen zeigend.)
Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet.
Man hört eine Trommel, es kommen Leute, die einen Hut auf einer
Stange tragen, ein =Ausrufer= folgt ihnen, Weiber und Kinder
dringen tumultuarisch nach.
=Erster Gesell.=
Was will die Trommel? Gebet Acht!
=Meister Steinmetz.=
Was für
Ein Faßnachtsaufzug, und was soll der Hut?
=Ausrufer.=
In des Kaisers Namen! Höret!
=Gesellen.=
Still doch! Höret!
=Ausrufer.=
Ihr sehet diesen Hut, Männer von Uri!
Aufrichten wird man ihn auf hoher Säule,
Mitten in Altorf, an dem höchsten Ort,
Und dieses ist des Landvogts Will’ und Meinung:
Dem Hut soll gleiche Ehre, wie ihm selbst, geschehn.
Man soll ihn mit gebognem Knie und mit
Entblößtem Haupt verehren -- Daran will
Der König die Gehorsamen erkennen.
Verfallen ist mit seinem Leib und Gut
Dem Könige, wer das Gebot verachtet.
(Das Volk lacht laut auf, die Trommel wird gerührt, sie gehen
vorüber.)
=Erster Gesell.=
Welch neues Unerhörtes hat der Vogt
Sich ausgesonnen! Wir ’nen Hut verehren!
Sagt! Hat man je vernommen von dergleichen?
=Meister Steinmetz.=
Wir unsre Kniee beugen einem Hut?
Treibt er sein Spiel mit ernsthaft würd’gen Leuten?
=Erster Gesell.=
Wär’s noch die kaiserliche Kron’! So ist’s
Der Hut von Oesterreich; ich sah ihn hangen
Ueber dem Thron, wo man die Lehen gibt!
=Meister Steinmetz.=
Der Hut von Oesterreich! Gebt Acht, es ist
Ein Fallstrick, uns an Oestreich zu verrathen!
=Gesellen.=
Kein Ehrenmann wird sich der Schmach bequemen!
=Meister Steinmetz.=
Kommt, laßt uns mit den Andern Abred nehmen.
(Sie gehen nach der Tiefe.)
=Tell= (zum Stauffacher).
Ihr wisset nun Bescheid. Lebt wohl, Herr Werner!
=Stauffacher.=
Wo wollt ihr hin? O eilt nicht so von dannen.
=Tell.=
Mein Haus entbehrt des Vaters. Lebet wohl.
=Stauffacher.=
Mir ist das Herz so voll, mit euch zu reden.
=Tell.=
Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht.
=Stauffacher.=
Doch könnten Worte uns zu Thaten führen.
=Tell.=
Die einz’ge That ist jetzt Geduld und Schweigen.
=Stauffacher.=
Soll man ertragen, was unleidlich ist?
=Tell.=
Die schnellen Herrscher sind’s, die kurz regieren.
-- Wenn sich der Föhn erhebt aus seinen Schlünden,
Löscht man die Feuer aus, die Schiffe suchen
Eilends den Hafen, und der mächt’ge Geist
Geht ohne Schaden spurlos über die Erde.
Ein Jeder lebe still bei sich daheim;
Dem Friedlichen gewährt man gern den Frieden.
=Stauffacher.=
Meint ihr?
=Tell.=
Die Schlange sticht nicht ungereizt.
Sie werden endlich doch von selbst ermüden,
Wenn sie die Lande ruhig bleiben sehn.
=Stauffacher.=
Wir könnten viel, wenn wir zusammen ständen.
=Tell.=
Beim Schiffbruch hilft der Einzelne sich leichter.
=Stauffacher.=
So kalt verlaßt ihr die gemeine Sache?
=Tell.=
Ein Jeder zählt nur sicher auf sich selbst.
=Stauffacher.=
Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.
=Tell.=
Der Starke ist am mächtigsten +allein+.
=Stauffacher.=
So kann das Vaterland auf euch nicht zählen,
Wenn es verzweiflungsvoll zur Nothwehr greift?
=Tell= (gibt ihm die Hand).
Der Tell holt ein verlornes Lamm vom Abgrund
Und sollte seinen Freunden sich entziehen?
Doch, +was+ ihr thut, laßt mich aus eurem +Rath+!
Ich kann nicht lange prüfen oder wählen;
Bedürft ihr meiner zu bestimmter +That+,
Dann ruft den Tell, es soll an mir nicht fehlen.
(Gehen ab zu verschiedenen Seiten. Ein plötzlicher Auflauf entsteht
um das Gerüste.)
=Meister Steinmetz= (eilt hin).
Was gibt’s?
=Erster Gesell= (kommt vor, rufend).
Der Schieferdecker ist vom Dach gestürzt.
=Bertha= stürzt herein. =Gefolge.=
=Bertha.=
Ist er zerschmettert? Rennet, rettet, helft --
Wenn Hülfe möglich ist, rettet, hier ist Gold --
(Wirft ihr Geschmeide unter das Volk.)
=Meister.=
Mit euerm Gold -- Alles ist euch feil
Um Gold: wenn ihr den Vater von den Kindern
Gerissen und den Mann von seinem Weibe,
Und Jammer habt gebracht über die Welt,
Denkt ihr’s mit Golde zu vergüten -- Geht!
Wir waren frohe Menschen, eh’ ihr kamt;
Mit euch ist die Verzweiflung eingezogen.
=Bertha= (zu dem Frohnvogt, der zurückkommt).
Lebt er?
(Frohnvogt gibt ein Zeichen des Gegentheils.)
O unglücksel’ges Schloß, mit Flüchen
Erbaut, und Flüche werden dich bewohnen!
(Geht ab.)
Vierte Scene.
+Walther Fürsts Wohnung.+
=Walther Fürst= und =Arnold vom Melchthal= treten
zugleich ein von verschiedenen Seiten.
=Melchthal.=