Im letzten Winkel des Reichs -- dort, wo aus dem bayrischen Algäu die
niedrigen Pässe nach Vorarlberg führen, liegt lautlose Dämmerung.
Gewaltige Schneemassen bedecken das Hochthal und mitten drin liegt in
einer erstarrten Welt, von Schnee halb begraben, ein warmes Nest, das
einsame Gehöft Rohrmoos.
Über der weitausgedehnten Felsenmasse, die das Hochthal östlich
begrenzt, schimmert der erste Tagesschein, der verkündet, daß hier
über die Herrgottswände, die wie ein leichter, grauer Schatten aus dem
Dämmerlicht sich abheben, die Sonne, wenn ihre Stunde gekommen ist,
schauen wird. Erde und Himmel weiß, die ganze Atmosphäre wie aus zarten
Eiskristallen gewoben.
Die unabsehbaren Schneemassen, die festgewurzelte Kälte, die eisige
Dämmerung, all' diese kalten lebensfeindlichen Mächte umgeben das warme
Nest mit solch unheimlicher Gewalt, als gelte es, diesen Unterschlupf
von allerlei pulsierendem Leben aufzusaugen, jeden Tropfen, der sich
dort birgt, zu erstarren. Alles aber, was sich auf dem dämmerigen Hof
regt, atmet einen Überfluß von Wärme und Leben.
Aus den eisüberzogenen Stallfenstern fällt der rotgelbe Schein der
Laternen, bei deren Licht schon seit Stunden in den Ställen und draußen
auf dem zertretenen, strohuntermischten Schnee hantiert wird.
Wird eine Thür geöffnet, so quillt warmer Dampf in die Kälte hinaus und
mit ihm die Brummchöre des Viehs.
Auf der Miststatt dampft es. Die Pfosten, welche das Erzeugnis des
ansehnlichen Rohrmooser Viehstandes umgeben, sind durch diese warmen
Dämpfe, die die großen Schneehauben auf ihnen tauen ließen, mit
fußdicken bräunlichen Eiskrusten überzogen, die in sonderbaren Zapfen
herunterhängen. Aus der großen Futterscheune duftet es nach gut
eingebrachtem Heu und der Geruch kräftiger Sommertage strömt in den
starren Wintermorgen hinaus. Die Mägde und Knechte laufen über den Hof,
blasen in die Hände und strömen auch warmen Dunst und Dampf aus, der
sich ihnen als weißer Reif an Haar und Mütze festsetzt.
Alles was lebt, dampft auf Rohrmoos; die Pferde, die ein Knecht
anschirrt, blasen ganze Wolken aus ihren Nüstern, hüllen sich damit
gegenseitig ein, so daß ihnen Mähnen, Köpfe und Leiber wie in wogendem
Nebel stecken.
An den großen, verdeckten Milchgefäßen, die aus den Ställen in die
Molkerei geschafft werden, dampft das feuchtwarme Holz; jeder feuchte
Strohhalm, der von den Knechten und Mägden aus den Ställen hinaus in
den Schnee verschleppt wird, läßt ein Weilchen eine zierlich sich
ringelnde Dunstsäule wie ein kleines Opfer emporsteigen.
Alles lebt der großen meilenweiten Schneewucht zum Trotz doppelt
mächtig.
In der einfachen Stube des Wohnhauses sitzen vier Personen bei der
Lampe, deren Schein jetzt schon von der Tagesdämmerung geschwächt
wird, die weißbläulich zu den breiten Fenstern des Zimmers eindringt.
Schinken, Eier, frische Butter, Schwarzbrot und eine summende,
brodelnde Kaffeemaschine stehen auf dem weißgedeckten Frühstückstisch
und vier Personen sitzen daran. Ludwig Gastelmeier, einst Pächter,
jetzt Besitzer von Rohrmoos, schaut nachdenklich vor sich hin, während
er mit einem Fidibus die Pfeife anzündet.
Er ist ein gedrungener Mann, der in einer mächtigen braungehäckelten
Weste steckt. Man denkt unwillkürlich bei seinem Anblick an allerlei
Strapazen und Hantierungen, wie sie zu landwirtschaftlichem Betriebe
gehören.
Sein Sohn Friedrich, der neben der Mutter und einem jungen, blonden
Frauenzimmer sitzt, gleicht ihm. Er ist einen guten Kopf kleiner als
der Vater, doch auch breit, gedrungen gebaut. Die Augen sind die Augen
des Alten, nur hat sich eine fleischigere Nase zwischen dieselben
geschoben, so daß sie nicht so nah zu einander haben rücken können, wie
die des Vaters.
Der Mund hat dieselbe feuchte Frische, die auf den Lippen des Alten
liegt, und die dem Gesicht ein merkwürdig lebensvolles Ansehen giebt.
Niemand spricht etwas Zusammenhängendes. Ein Räuspern, eine kurze
Frage, eine kurze Antwort, das Einschenken des Kaffees in die großen,
weiten Tassen unterbricht die Stille.
Der Sohn ist offenbar im Reiseanzug.
Sein Pelz hängt an der Wand zwischen einer Auswahl stark angerauchter
Pfeifen, zwischen Bastbündeln, Hirschgeweihen, Leinwandsäckchen mit
Sämereien, was alles im behaglichen Durcheinander sich darstellt.
»Da wären wir denn so weit,« brummt der Alte, die Pfeife zwischen den
Zähnen -- »werden auch gleich die Sonne haben. Allons! mit der Lampe
fort!«
»Siehst du,« fährt er nach einer Pause fort und bläst aus der Pfeife
ein hellblaues, besonders kräftiges Gewölk, »siehst du, -- da ist sie!«
Der Sohn steht jetzt neben ihm.
Die weißen, eisigen Nebel wogen mächtig an der langen Herrgottswand
hin; ein goldpurpurner Funken glüht zwischen der Wand und dem
leuchtenden weißen Himmel, der Schnee verliert das tote Weiß und
schimmert rosig golden. Da war sie hervorgesprungen, die Sonne. Mit ihr
zugleich hüpfen tiefblaue Riesenschatten ins Land hinein.
Die große beschneite Tanne, die ihre Zweige von dem Schnee beschwert
an sich gedrückt hatte, wie ein Soldat die Arme, wenn der Vorgesetzte
an ihm vorübergeht, wirft einen hellblauen spitzen Schatten dem Hause
zu, und dieser Schatten sieht aus wie der Geist der weißeingehüllten
und beschwerten Tanne, der von ihr abgesprungen ist und sich aus irgend
einem Grunde in den Schnee gelegt hat.
»So, da ist sie schon wieder in den Nebel gekrochen,« sagt der alte
Gastelmeier, »der gefällt's auf Rohrmoos nicht -- kann's ihr nicht
verdenken. Da hat sie gesehen, wie das bißchen Altstall da drüben stand
und eine Käserei, daß Gott erbarm! -- da machten wir's eine zeitlang
damit, es blieb beim alten -- dann wurde gebaut. Sie bekam einen
Viehstand zu sehen im Lauf von zwanzig Jahren, wie hier herum keinen
zweiten.«
Sie kennt den alten Gastelmeier, hat ihn hier dreißig Jahre jeden
Morgen gesehen, hat gesehen, wie er es sich sauer werden ließ, hat dann
später die Frau gesehen, wie sie sich plagen mußte.
Sie hat auch gesehen, daß die beiden Leute einen Sohn hatten, und wird
gedacht haben: »Der kann lachen, die beiden Alten arbeiten für ihn wie
die Pferde, der sitzt einmal warm hier. Aber prost Mahlzeit! Der läßt
den Alten jetzt wieder einmal im Stich.«
Der Sohn hatte den Vater ruhig zu Ende sprechen lassen. Das war die
Rede, die kam so oder so in allerlei Form jedesmal vor dem Abschied,
gerade als wenn der Vater sie sich ausgedacht und einstudiert hätte.
Immer fing er an, daß man meinen konnte, diesmal kommt er auf etwas
anderes; -- aber zuletzt da kam das »Prost Mahlzeit« -- das Ende -- die
Unzufriedenheit, der Stachel, der im Herzen saß.
Auf des Sohnes treuherzigem Gesicht lag ein Ausdruck der
Niedergeschlagenheit.
»'s ist auch so gut, Onkel,« sagte das junge, blonde Frauenzimmer. »Er
thut halt, was er mag -- und daß er's thun kann, das habt doch Ihr
gemacht!« Dabei legte sie die Hand auf die Schulter der Mutter, die,
über ihren Strickstrumpf gebeugt, während der Rede des Vaters Thränen
vergossen hatte.
»Du thust dir jetzt leicht, Onkel, wenn du glaubst, der Friedel könnte
ebensogut hier bleiben wie dort, als wenn ein Mensch thun könnte, was
er nicht will. -- Dich hätten's seiner Zeit in München in die Akademie
stecken sollen -- Jesus!«
»O, du!« sagte der stramme Alte, -- »Nickel, was weißt denn du!«
»Daß man seine Leut' in Ruh lassen soll -- was kannst denn du jetzt
machen? -- Schimpfen? -- Das wär net übel und die Frau zum Weinen
bringen. -- Und alles ist so weit gut. -- Er macht sein' Sach' brav und
was er wollte, hat er erreicht -- gerad' wie du.«
»So?« -- der Alte schwieg und erwiderte nichts; er war aber nicht mehr
schlecht gelaunt. Sie verstand es mit ihm. Er schaute auch mit einem
Blick auf sie, als wollte er sagen: Laß nur, wann du so red'st laßt man
sich's schon gefallen. -- »Du Almkuh,« sagte er.
»Die Weibsleut' in der Stadt, die könnten mir passen,« fuhr er fort.
»O du grundgütiger Esel!« Mit diesen Worten faßte er seinen Sohn an
beiden Schultern und schaute ihn mit den scharfen kristallhellen
Augen an. »Ein junges Weib, das im Juni und Juli beim Kuß nicht nach
Erdbeeren und Erdgeruch duftet, nach frischem Laub und Heu -- und
Winters nicht nach Schnee und Luft und Kälte -- -- pfui Teufel -- so
ein, so ein muffiges, ungelüftetes Weib, das bring du mir einmal nicht!
-- Das wenigstens nicht! -- Da, schau sie dir an -- du Narr -- so auf
die Art!«
Er zeigte auf das Mädchen. Sie stand jetzt aufgerichtet vor dem
Kaffeetisch, groß und kräftig, rosig, blond und ruhig.
»Keinen Stadtschmutzfink -- keinen Stubenrauch, keinen solchen
parfümierten Scharwenzel, wenn ich bitten darf.«
»Du bist ein schöner Bursch und die Mädel laufen dir nach, Junge -- das
thun sie einmal nicht anders. Denk daran: ein Kuß der nach Erdbeeren
schmeckt, nach Erdgeruch und Sonne und frischer Luft -- das ist was der
Alte von Liebessachen versteht.« --
Der Sohn schaute lächelnd auf das Mädchen, das so gleichmütig dastand
und die Hand der Frau gefaßt hielt.
»Ja, sieh sie dir nur an,« meinte der Alte.
Da lachte das Mädchen. »Friedel, nu schau, der möcht' mich dir
anpreisen! -- Ja, du,« wendete sie sich zu ihrem Onkel, »so eine
Almkuh, wie du sagst, die ist nicht jedermanns Geschmack. Laß ihn nur
-- der geht seinen Weg auch ohne dich und ohne uns.«
Die Mutter war, während ihr Mann mit dem Jungen sprach, den eigenen
Gedanken gefolgt. Sie hatte gedacht, daß er in diesem Zimmer geboren
war, an die Jahre, während denen sein Bett neben dem ihren gestanden
hatte. Sie empfand in der Erinnerung den weichen frischen Körper und
wie er zu ihr jeden Morgen ins Bett gekrochen war, wie sie ganz eins
sich mit ihm gefühlt hatte, wie er sie geliebt hatte, wie sie sein
alles gewesen, -- wie alles dahingeht.
Sie dachte daran, wie so nach und nach und doch fast mit einemmal seine
Schultern mager, seine Beine lang und dünn wurden, nur das Hälschen
blieb weich wie ein Maulwurfsfellchen, noch lange Zeit. Wie er ihr
fremd wurde, auch nach und nach, und doch in der Erinnerung wie mit
einemmal; wie sie den geliebkosten Körper gar nicht mehr kannte, gar
keinen Teil mehr an ihm hatte, wie seine Augen ihr fremd wurden und
auch sein Herz.
Und wie er ganz aus dem Hause kam, nur hin und wieder heimkehrte, immer
ein andrer mit neuen Erlebnissen -- immer derselbe, ihr Friedel, ihr
lieber kleiner Friedel, den sie zaghaft an das Herz drückte. Sie wußte
nicht mehr, was an ihm ihr eigen war und wußte nur das eine: sie liebte
ihn und hätte ihn mit Freuden überschütten mögen. Sie war stolz auf
ihn; aber was ihn so recht freute, so recht glücklich machte, das wußte
sie nicht und konnte es sich nicht vorstellen.
»Friedel,« sagte die Frau mit einer eigentümlich befangenen, fast
schüchternen Stimme, die mit ihrer kräftigen starken Erscheinung nicht
in Einklang stand, »du gehst deine eigenen Wege, Gott giebt ja manchen
Menschen eine Gabe, von der man nicht weiß, woher sie gekommen ist und
wohin sie geht. Die schönen Arbeiten, die du mir in München gemacht,
und all die Blättchen, die du früher zusammengekritzelt hast, hab' ich
immer gut aufgehoben und meine Freud' dran g'habt; aber wenn es auch
seine Richtigkeit hat«, fuhr sie bewegt fort, »wie weit so einem Talent
zu trauen ist, weiß man doch nicht.
Siehst du, wenn du einmal fühlen solltest, daß du dich trotz allem
getäuscht hast, komm zurück -- ohne Scham. Erinnerst du dich, wie du
als kleiner Bub' dich auf der Tanne vor unsrem Hause verstiegen hattest
und nicht weiter konntest und wie du nicht um Hilfe rufen wolltest und
uns nach dir suchen ließest, bis der Vater dich endlich entdeckte und
dich ganz armselig wie du warst, herunterholte?« --
So etwas Ähnliches sagte auch sie jedesmal beim Abschied.
»Mutter, bis jetzt, so Gott will, hab' ich mich nicht verstiegen,«
sagte er, und er gab ihr die kräftige Hand und küßte sie auf den Mund,
und die Frau schlang die Arme ihm um die Schultern.
Der Vater trat an ihn heran und klopfte ihn auf den Rücken. »Laß ihn
nun, Alte, 's ist Zeit. Wir müssen jetzt wieder allein miteinander
auskommen.«
Anna war in ihren Pelz gekrochen und hatte den Kopf knapp mit einem
weißen Tuch umhüllt. In ihrem Gesicht allein war keine Unruhe und
Erregung zu bemerken. »Nun, Friedel, wären wir so weit, der Schlitten
ist vor der Thür und dein Koffer ist auch schon aufgebunden,« sagte sie.
»Dann geh. -- Mach's gut,« sagte der Alte. Anna öffnete die Thüre und
ging voraus. Es lag in dem Wesen des Mädchens etwas Beruhigendes und
Wohlthuendes.
Sie trug ein altes Pelzchen mit dunkelviolettem Wollstoff überzogen. Es
sah aus wie ein Erbstück, das man ihr gegeben hatte, als sie groß genug
gewesen war, und in das sie unbedenklich Winter für Winter schlüpfte,
ohne irgendwelche andere Anforderungen an das Pelzchen zu stellen, als
daß es seine Pflicht, sie warm zu halten, erfüllte. Sie stieg in den
Schlitten, während Friedel noch den letzten Händedruck mit den Eltern
tauschte.
Der alte Gastelmeier hielt seine Pfeife fest zwischen den Zähnen,
schüttelte den Kopf kaum merklich und schaute dem Sohn scheinbar
teilnahmlos nach.
Die Leute vom Hof standen ebenfalls ruhig und schweigend.
Abschied ist immer eine böse Sache.
In einem großen Bogen fuhr der Schlitten jetzt um die Dungstatt und an
dem mit mächtigen Eiszapfen behangenen strohumbundenen Brunnen vorüber,
auf dessen Knauf mitten im Schnee ein Tannenbäumchen mit bunten Netzen,
Rosen und Bändern behangen, gesteckt war, der einzige bunte Fleck
rundum.
»Sieh, der Weihnachtsbaum,« sagte das Mädchen und berührte die Schulter
des Gefährten. Er sollte noch einen Blick darauf werfen.
Der alte Sepp vorn auf einem Heubund machte jetzt einen gewaltigen
Buckel, schnalzte mit der Zunge, und wie ein Vogel fuhr der Schlitten
die im Sonnenlicht leuchtende Schneebahn hinaus über die Hochebene hin.
In Rohrmoos ging ein jedes wieder an sein Tagewerk.
Der Schlitten aber fuhr jetzt thalab unter einzelnstehenden
schneegebeugten Edeltannen hin, zwischen den hohen weißen Dämmen, die
der mächtige Schneebrecher von Rohrmoos aufgeschichtet hatte.
Die knorrigen Latschkiefern, das Unterholz, das Eichengestrüppe, die
niedern Nadelbäumchen, waren so vergraben unter der schimmernden
Last, daß man nicht ahnen konnte, was unter dem Schnee für sonderbare
Gestalten steckten. Es war, als hockten überschneite Bärenfamilien in
den tollsten Sprüngen erfroren unter dem Schnee, oder närrische Kerle,
die miteinander schwatzten, zu einander gebeugt, oder tanzende Hexen,
springende Schweine, zusammengekauerte Gestalten aller Art. Eine ganze
Rätselwelt, von den weißen leuchtenden Massen überdeckt.
Die Luft war still, kein Windchen regte sich. Wenn der alte Sepp durch
die heilige Stille die Peitsche schwang, rieselte der Kristallstaub von
den Bäumen.
Der junge Mann saß schweigend und ruhig um sich schauend in den
Schlitten zurückgelehnt. Der Druck des Abschiednehmens war von ihm
gewichen und er ließ es sich wohl sein.
Das Stück Heimat, das da neben ihm saß, schien weder hindernd noch
quälend auf sein Gemüt zu wirken.
Des Mädchens Blicke waren hin und wieder auf ihn gerichtet, aber nicht
dringlich, nicht mit der Aufforderung, irgend etwas zu thun oder zu
lassen.
»Sieh, daß du deine Strümpf' ein bisserl in Ordnung hältst,« sagte sie
nach langem Schweigen.
»Wie denn in Ordnung?«
»Wirst schon wissen, was ich meine.« Sie lächelte gut und heiter. »Das
stellt sich so ein Mensch nicht vor, was für Not man mit ihm hat.«
»Große Not!« sagte er behaglich lachend. »Was du Not nennst!«
Sie lächelte ein wenig traurig -- wie in Gedanken.
Dann waren sie wieder still miteinander und der Schlitten flog immer
weiter, weiter wie ein Vogel.
Sie war eine gute Begleiterin, sie störte ihn wirklich nicht, und er
hatte nicht das Gefühl, sie unterhalten zu müssen.
Es giebt Leute, die das Leben ihres Nebenmenschen als den Hauptstrom
betrachten und sich selbst nur als Bächlein, das dem Strome nichts
entzieht, sondern ihm seine eigenen Wellen leise, unmerklich zuträgt.
Und so ein Strom bemerkt es kaum, verfolgt seinen Lauf gedankenlos
weiter. Möglich, daß er, wenn die stillen Wellen, die ihn stärken,
einmal ausbleiben, den Verlust bemerken wird.
»Sag' einmal, Anne, du könntest doch bald einmal wieder in die Stadt
kommen?«
»Ja, wie soll ich denn abkommen?« Und nach einer Pause fragte sie
weiter: »Aber du, mit deiner Wohnung, wie ist denn das -- gehst du denn
doch wieder in die alte?«
»Ich denk' schon.«
»Nein, du mußt dir eine andere nehmen, sei nicht so faul, Friedel. In
der Salzstraße stecken zu bleiben -- wie kannst du nur! Wie wir bei dir
waren, verging mir Hören und Sehen!«
»Da solltest du einmal nachts dasein. Das ist, wenn man nicht wie ein
Bär schläft, zum aus der Haut fahren. Mir, gottlob, macht's nichts --
nur ein paarmal -- da wurde ich aber wütend. -- Wie du gelacht haben
würdest, wenn du mich hättest sehen können! Stell dir vor, ich konnte
nicht einschlafen und hörte die ganze Geschichte, alles, was sie da
treiben -- was man sonst so verschläft. -- Ein solcher Bahnhof in der
Nacht ist die Hölle! -- Stockdunkel -- und aus der Dunkelheit Töne und
ein Würgen und Arbeiten, ein Rasseln und Wüten, Schreien und Pfeifen.
Und in einem fort -- in einem fort. Nie fängt's an und nie hört's auf.
Sie werden nie fertig. Es hat so etwas Verzweifeltes -- und immer wie
in höchster Not -- die Rufe klingen wie Unglücksschreie, das Rasseln,
als wenn etwas Entsetzliches geschehen wäre. Das Puffen und Stoßen,
als wenn etwas Lebendiges zerquetscht würde. -- Man stellt sich die
gräßlichsten Dinge vor und alles klingt wie ewige Aufregung, ewiges
Überangestrengtsein -- erbarmungslos und sinnlos. Als wenn Wahnsinnige
toben und schieben und poltern und puffen und heulen und schreien und
brausen und pfeifen. -- Man kommt in eine Spannung, in eine Wut! Es
ist, als wenn man das fürchterlichste Fieber hätte -- und die draußen
wüten fort -- wüten fort ohne Ende. Jetzt hat's geklappt, gerollt,
gepufft, sich eingehängt, gerade als wenn's fertig und zufrieden wär
-- Gott bewahre -- es geht von neuem los! -- Da kommt wieder etwas
Neues angewütet, angebraust, angeheult. Große Geschichte, dachte ich
das erste Mal -- das werden wir gleich haben -- verstopfte mir die
Ohren. Prost Mahlzeit! Und dann wie ein Narr wickelte ich mir die Hosen
um den Kopf, so fest und so dick wie's ging. Wie ein Warenballen! Und
heiß! Aber durch jede Ritze drang das Gewüte -- scheußlich! Das war die
erste Nacht -- damals wollte ich natürlich gleich ausziehen; aber da
lachte meine Hauswirtin und ihre Tochter, und beide sagten: ›Ja, die
erste Nacht! Das hat aber gar nichts auf sich. Wir haben uns ganz daran
gewöhnt. Es ist noch besser als manches andre. -- Und schließlich hört
man's gar nicht mehr, da kömmt's einem vor wie die größte Stille‹.«
»Das war das lange Mädel, die das gesagt hat -- die wir bei dir sahen?«
fragte Anna.
»Jawohl, die Fanny.«
»Und du bist geblieben?«
»Du weißt's ja.«
»Und hast dann geschlafen?«
»Für gewöhnlich, ja. Manchmal nicht, dann hab' ich gehörig geflucht.«
»Aber bist geblieben?«
»Weshalb fragst du denn?«
»Ja, weil ich nicht begreife, wie man in einem solchen Höllenlärm
bleiben kann, ohne Grund.«
»Der Grund war, daß ich faul bin. Außerdem thaten die Leute mir leid.
-- So fortgehen! -- Und sie versorgten mich auch gut.«
»So! Du, sei nicht bös auf mich,« sagte das Mädchen langsam und
bedächtig und sah ihm gerade in die Augen. »Ist das lange Mädel dein
Schatz?«
»Du bist einzig!«
»Weshalb nicht,« sagte sie einfach. »Gefallen thät' sie mir nicht; aber
Geheimnisse haben wir doch nie vor einander gehabt.«
»Übrigens ist sie nicht mein Schatz. Sie möchte wohl. -- Weißt du, die
Frauenzimmer. -- Wenn ich dich und die Mutter nicht kennen würde ...
was man so von Frauenzimmern zu sehen bekommt -- Gott weiß -- wie soll
ich sagen ...« Er schwieg und sie blickte mit Aufmerksamkeit auf ihn.
»Weißt du, man sagt doch so: das Weib soll rein sein.«
»Ja, sie sollen alle gut sein, die Weiber und die Männer -- sie sollten
-- sie sind aber beide gute oder böse Menschen, oder reine oder
schmutzige Menschen -- so.«
»Ja -- na. -- Was sagst du dazu, wenn ein junges Frauenzimmer einen
anredet, wie soll ich sagen ... als wenn sie verliebt wäre -- so --
weißt du?«
»Wie denn, da wispert sie dich auf der Straße an -- oder wie?«
»Jawohl. Nennst du das rein?«
»Wenn du so irgend etwas herausgreifst -- wie soll ich's da wissen. Da
müßt' ich erst das Mädel kennen und genau erfahren, wie es gekommen
ist, daß sie dich so anspricht. Sie thut es doch nicht so aus heiler
Haut, wenn es auch so aussieht, da ist eine lange Geschichte --
vielleicht eine traurige Geschichte. Aber zieh weg aus der Salzstraße.
Gar, wenn du weißt, daß das lange Mädel dein Schatz sein möchte. Da
blieb' ich doch nicht, wenn ich wüßte, ein Mann will mein Schatz sein,
und ich mag nicht. Schau, Ihr thut Euch leicht.«
Sie sprach ruhig und gerade heraus.
»Ja, ja, 's ist schon recht, ich zieh' aus,« antwortete er und lachte
gutmütig. »Wenn ich aber wirklich einmal einen Schatz habe, muß ich's
dir doch sagen.«
»Abgemacht.«
Er reichte ihr die breite feste Hand hin.
»Und umgekehrt?« fragte er.
Da schüttelte sie den Kopf. »Beicht' du nur, von mir erfährst du doch
nichts.«
So fuhren sie hin durch die schneeglitzernde Pracht.
»Höre, Anna, fühlst du dich nicht verdammt einsam da oben?«
»Einsam kann man sich überall fühlen. Weißt du, wenn man zufrieden ist,
fühlt man sich nicht einsam.«
»Stimmt,« sagte er.
»Das aber könntest du thun, schreiben, wenn es dir gerade paßt -- alles
-- auch das Kleinste. Wir leben immer mit dir fort da oben, und die
langen Abende -- weißt du -- die Mutter sagt dann: Wo er wohl jetzt
ist, was er wohl thut? So etwas. Du mußt halt so ein bissel deutlicher
schreiben und dabei an uns oben denken und an die stillen Abende auf
Rohrmoos.«
Er versprach es.
»Du,« sagte sie nach einer Weile. »Damals, wie wir bei dir in München
waren, hat mir's nicht besonders gefallen, wie die Männer mit den
Frauen und Mädchen sprechen.«
»Wieso denn?«
»Unnatürlich.«
»So.«
»Jawohl.«
»Es ist so etwas dabei, als wenn sie einen nicht für voll ansähen.«
»Thun sie auch nicht.«
»Und das sagst du so --«
»Kann ich was dafür?«
»Und dann wieder diese Höflichkeit und das Gethu -- man kommt sich ganz
albern dabei vor. Ich hätt' ihnen ins Gesicht lachen können und ich
hätte es ihnen auch sagen mögen.«
»Hättest du's doch gethan.«
»Ja wie denn? Ich dachte immer, daß sich die Mädchen nicht dagegen
wehren! aber wie sollten sie denn? Eine allein? die hätten sie doch
nur ausgelacht. -- Du, lern's nur nicht etwa so.«
»Sie wollen's ja aber.«
»Ah, geh. Die dummsten Gäns' vielleicht. Wegen denen müssen wir andern
doch net ...«
»Das ist nun einmal so,« antwortete er wieder ruhig und behaglich.
»Du läßt dir auch ein bisserl viel gefallen, dünkt mich,« begann sie
nach einer Weile wieder.
»Oho,« sagte er.
»Ja, du bist eben bequem.«
»Du meinst, ich hab' gern meine Ruh'? Stimmt -- aber mit dem
›Gefallenlassen‹, -- nein, da irrst du dich!«
»Mit deinem Namen das Gethu, das läßt du dir doch ruhig gefallen ...
›Bastelmeier‹, weshalb nennen sie dich denn so? und dann ›Wastelmeier‹
und ›Büchselmeier‹ und was alles hängen sie dir an -- und ›~Comme il
faut~-Meier‹ -- ›Speckmeier‹!«
»So -- na, große Geschichte -- das hat alles seine Bedeutung -- was ist
da weiter -- man muß Spaß verstehen. Büchselmeier, das kommt davon, du
weißt ja -- ich lieb' mein' Sach' bei einander. Das Herumfahrenlassen,
das kann ich nicht leiden. Ordnung muß sein. Ich geb' zu, es giebt
reichlich Büchsen und Büchsel bei mir und allerlei Dinge, die meines
Dafürhaltens ein ordentlicher Mensch besitzen muß. Auch die übrigen
Namen haben alle ihre Geschichte; aber weshalb denn nicht? --
Speckmeier, zum Beispiel. Der Schlankeste bin ich nicht -- und wenn
sie's aussprechen, was 'mal ist, da kann ich nicht Lärm schlagen.«
»Du bist aber nicht fett,« sagte sie.
»Weißt du, die Rasse ist gut, die beiden Alten machen mir nicht gerade
Furcht, einmal auseinander zu fließen; aber man merkt mir's schon an,
daß ich net stürmisch bin.«
»Das bist du nicht,« bestätigte sie.
»Na, vielleicht 'mal in der Liebe -- Herrgott noch einmal, bis jetzt
bin ich soweit verschont geblieben. Unberufen! Greulich, daß ein jeder
es ausprobieren muß -- also -- abwarten.«
Sie lächelte.
»Du kommst mir oft jünger vor, als ich bin,« sagte sie.
»Das ist viel gesagt. Dümmer meinst du wohl -- danke.«
»Du weißt's schon, wie ich's meine.«
So fuhren die beiden jungen Leute plaudernd miteinander hin, dem Ziele
zu.
»Gottlob,« sagte er, »daß es außer meiner Mutter für mich noch ein Weib
giebt und dazu ein junges Weib, mit dem man reden kann, ohne Furcht
vor den verdammten Liebesgeschichten. Daß das euch Weibern so in den
Gliedern steckt! Es ist wirklich greulich.«
Sie errötete bis unter die Haarwurzeln.
»Also abgemacht,« sagte er, als er nach kurzem Auf- und Niedergehen
auf dem Perron der kleinen Station in ein leeres Coupé zweiter Klasse
stieg. »Wenn ich einen Schatz hab', bist du die erste, die's erfährt,
und gefällt er dir nicht, verabschieden wir ihn.«
»Die Abmachung möcht' ihr nicht gefallen, wenn sie's wüßte,« sagte das
junge Mädchen.
»I was? Übrigens sei ruhig, du sagtest vorhin mit den Strümpfen -- ich
paß schon auf.«
»Du hast diesmal zwei einzelne mitgebracht.«
»Teufel auch. Da sind die Waschweiber schuld daran. Ich werd' ihnen
schon auf die Finger sehen. Verlaß dich drauf.«
Da lachte sie über ihn. Der Zug kam in Bewegung; es keuchte, dampfte,
brauste, pfiff, dröhnte, läutete.
Die Beschreibung vom Rangierbahnhof kam ihr in den Sinn und sie rief:
»Du, mit der Salzstraßen, daß du mir das nicht versäumst!«
»Gleich wird's gemacht!« rief er ihr noch von weitem zu -- und dann
»Grüße, Grüße an die Alten oben« -- und fort war er.
Das junge Mädchen sah dem Zuge nach, die Augen wurden ihr trüb. -- Zwei
Thränen rollten die frischen, von der Kälte geröteten Wangen herab.
»Der thut sich leicht,« seufzte sie erregt. »Das hätt' er jetzt sehen
sollen! Herr du mein Gott!«
Sie wischte sich die Thränen weg und ging festen Schrittes zum
Schlitten.
»Sepp,« sagte sie. »Besorg, was du zu besorgen hast und komm mir nach.«
Der Alte nickte und das Mädchen ging vorwärts, leichtfüßig, als wög'
das Herz ihr nach dem Abschied kein Quentchen, und sie trug doch
schwer daran -- Abschiedsschmerz ist keine leichte Sache. Das hätte ihr
aber einer jetzt ansehen sollen!
»Mit dir, du dummer Bub, werd' ich wohl fertig werden!« sagte sie im
schnellen Gehen vor sich hin. »Wär' nicht übel.« Und da klang ein
Jodler durch die frische Kälte in die Einsamkeit hinaus -- so ein
Jodler, der alles, was das eingeengte Menschenherz beschwert, wie auf
großen Flügeln über die stillen Berge und Thäler trägt.