In der Scheune?
Nein, dort schlafen noch die Mädchen.
So ein Racker! murmelte Falkenberg, als wir uns entfernten.
Wir gingen quer durch einen kleinen Wald und schauten uns nach einer
Schlafstätte um.
Und wenn wir jetzt wieder zum Hof zurückgingen -- zu den Mädchen? Die
würden uns vielleicht nicht hinauswerfen?
Falkenberg überlegte.
Die Hunde würden bellen, antwortete er.
Wir kamen an eine Wiese, auf der zwei Pferde grasten. Das eine hatte
eine Glocke um.
Das ist mir ein feiner Bauer, der die Pferde noch nachts auf der Weide
und die Mädchen in der Scheune schlafen läßt, sagte Falkenberg. Wir
erweisen den Tieren geradezu eine Wohltat, wenn wir sie ein bißchen
bewegen.
Er fing sich das Pferd mit der Glocke ein, stopfte Moos und Gras in
die Schelle und stieg auf. Mein Pferd war scheuer, und ich bekam es
schwerer zu fassen.
Wir ritten über die Weide, fanden ein Gatter und kamen auf den Weg
hinaus. Jeder von uns hatte eine Decke zum Sitzen, Zaumzeug aber hatte
keiner.
Es ging gut, ungewöhnlich gut; wir ritten eine lange Meile und kamen in
eine andere Gemeinde. Plötzlich hörten wir Leute vor uns auf dem Weg.
Jetzt müssen wir Galopp reiten, rief Falkenberg zu mir zurück.
Aber der lange Falkenberg war kein Held im Reiten, er hielt sich am
Glockenriemen fest, später warf er sich vornüber und umklammerte den
Hals des Pferdes. Einmal sah ich sein eines Bein gegen den Himmel, das
war, als er herunterfiel.
Wir liefen glücklicherweise keine Gefahr, es waren nur zwei junge
Leute, die spazierengingen und schwärmten.
Nachdem wir eine halbe Stunde geritten und beide mürbe und zerschlagen
waren, stiegen wir ab und jagten die Pferde heim. So waren wir nun
wieder zu Fuß.
Gakgak, Gakgak! schreit etwas weit weg. Ich kannte den Ton, es war die
Wildgans. Als Kinder hatten wir gelernt, die Hände zu falten und still
zu stehen, damit wir die Wildgans nicht erschrecken sollten, wenn sie
vorbeizog -- ich habe nichts zu versäumen und mache es so wie in meiner
Kindheit. Eine weiche, mystische Stimmung durchflackert mich, ich halte
den Atem an und starre vor mich hin. Da kommen sie, der Himmel liegt
hinter ihnen wie ein Kielwasser. Gakgak! schreit es über unsern Köpfen.
Und der herrliche Flug gleitet unter den Sternen weiter .....
Schließlich fanden wir auf einem stillen Hof eine Scheune und schliefen
dort mehrere Stunden; am Morgen überraschten uns die Hofleute, so tief
schliefen wir.
Falkenberg wandte sich sofort an den Bauern und bot Bezahlung an. Wir
seien gestern abend so spät gekommen, daß wir niemand hätten wecken
wollen, erklärte er, aber wir seien keine Ausreißer. Der Mann wollte
keine Bezahlung annehmen, sondern ließ uns noch obendrein in der Küche
Kaffee geben. Arbeit aber hatte er nicht für uns, die Ernte war jetzt
vorbei, und er und sein Knecht hatten selbst nichts anderes zu tun, als
die Zäune in Ordnung zu bringen.
13.
Drei Tage lang wanderten wir und konnten keine Arbeit bekommen, wir
mußten im Gegenteil für Essen und Trinken bezahlen und wurden mit jedem
Mal ärmer.
Was ist jetzt dir und mir noch geblieben? Auf diese Weise kommen wir
nicht vorwärts, sagte Falkenberg und schlug vor, wir müßten anfangen
ein wenig zu stehlen.
Wir überlegten uns das eine Weile und beschlossen noch abzuwarten.
Um das Essen brauchte uns nicht Angst zu sein, ein oder zwei Hühner
konnten wir uns immer mausen; aber uns war nur mit Geld richtig
geholfen, und so mußten wir uns eben Geld verschaffen. Ging es nicht
auf die eine Art, dann mußte es eben auf eine andere gehen, wir waren
keine Engel.
Ich bin kein Engel des Himmels, sagte Falkenberg. Hier sitze ich nun
in meinen besten Kleidern, die ein anderer als Werktagskleider tragen
würde. Ich wasche sie im Bach und warte, bis sie trocken sind, und wenn
sie zerreißen, flicke ich sie zusammen, und verdiene ich einmal ein
wenig mehr als das Nötigste, dann kaufe ich mir neue. Anders ist es nun
einmal nicht.
Aber Jung-Erik sagte, du seist ein so übler Trinker?
Der grüne Spatz! Ja, gewiß trinke ich. Essen allein ist so langweilig
..... Jetzt wollen wir einmal einen Hof mit einem Klavier suchen.
Ich dachte mir: ein Klavier auf einem Hof setzt einen gewissen
allgemeinen Wohlstand voraus, dort werden wir also mit dem Stehlen
anfangen.
Am Nachmittag kamen wir zu einem solchen Hof. Schon vorher hatte
Falkenberg meine städtischen Kleider angezogen und mir sein Bündel
zu tragen gegeben, so daß er selbst frei und ledig dahinging. Ohne
weiteres stieg er sofort die Haupttreppe des Hauses hinan und blieb
eine Zeitlang fort. Als er wieder herauskam, sagte er: Ja, er solle das
Klavier stimmen.
*Was* solle er?
Schweig, sagte Falkenberg. Ich habe das früher schon getan, ich
schneide nicht auf.
Und als er aus seinem Bündel einen Stimmschlüssel hervorzog, wurde mir
klar, daß es ihm ernst war.
Mir befahl er, mich in der Nähe des Hofes aufzuhalten, während er
stimmte.
Ich schlenderte umher und vertrieb mir die Zeit, manchmal, wenn ich an
die Südseite des Hauses kam, hörte ich, wie Falkenberg an dem Klavier
beschäftigt war und es bearbeitete. Er konnte keinen ordentlichen
Ton anschlagen, aber er hatte ein gutes Gehör; wenn er an einer
Saite schraubte, paßte er gut auf, daß er sie wieder genau so weit
zurückschraubte, wie sie früher gewesen war. Das Instrument wurde auf
die Weise wenigstens nicht schlechter als vorher.
Ich kam mit einem der Knechte des Hofes, einem jungen Burschen, ins
Gespräch: Er habe zweihundert Kronen Lohn im Jahre -- ja, und dann die
Kost, sagte er. Um halb sieben Uhr morgens müsse er aufstehen, um die
Pferde zu füttern, während der Felderbestellung um halb sechs. Arbeit
den ganzen Tag über, Feierabend um acht Uhr. Aber er sei gesund und
zufrieden bei dem ruhigen Leben in dieser kleinen Welt. Ich erinnere
mich noch an seine schönen Zähne und an das hübsche Lächeln, mit dem
er von seinem Mädchen sprach. Er hatte ihr einen Silberring mit einem
goldenen Herzen darauf geschenkt.
Was sagte sie, als du ihr den Ring gabst?
Sie war sehr erstaunt, das kannst du dir denken.
Und was sagtest du?
Was ich sagte? Das weiß ich nicht. Ich sagte: Wohl bekomm’s. Eigentlich
wollte ich ihr auch einen Kleiderstoff geben, aber --
Ist sie jung?
Ja. Sie schwätzt genau wie eine kleine Mundharfe, so jung ist sie.
Wo wohnt sie denn?
Das sage ich nicht. Denn dann wird es in der Gemeinde bekannt.
Wie ein Alexander stand ich vor ihm und war der Welt so sicher und
verachtete sein armseliges Leben ein wenig. Als wir uns trennten,
schenkte ich ihm die eine meiner wollenen Decken, weil sie so schwer
zu tragen war; er erklärte sofort, daß sein Mädchen sie bekommen solle,
damit sie eine warme Decke habe.
Und Alexander sagte: Wäre ich nicht ich, wollte ich du sein .....
Als Falkenberg mit seiner Arbeit fertig war und wieder herauskam, hatte
er so feine Gesten und eine so dänische Aussprache, daß ich ihn beinahe
nicht verstand. Die Tochter des Hauses begleitete ihn. Wir sollten
jetzt auf dem Nachbarhof anfragen, sagte er, dort sei gewiß auch ein
Klavier, das nachgesehen werden müsse. Ja, leben Sie wohl, leben Sie
wohl, mein Fräulein!
Sechs Kronen, Junge! flüsterte er mir zu. Auf dem Nachbarhof sechs,
macht zwölf.
So gingen wir weiter, und ich trug unsere Bündel.
14.
Falkenberg hatte richtig gerechnet, man wollte auf dem Nachbarhof
nicht zurückstehen, das Klavier sollte gestimmt werden. Die Tochter
des Hauses war auf einem Ausflug, aber die Arbeit sollte in ihrer
Abwesenheit als eine kleine Überraschung für sie ausgeführt werden.
Sie hatte sowieso schon oft über das verstimmte Klavier geklagt, auf
dem es fast nicht mehr möglich war zu spielen. Ich wurde wieder mir
selbst überlassen, Falkenberg hielt sich im Zimmer auf. Als es dunkel
wurde, bekam er Licht und stimmte weiter. Sein Abendessen verzehrte er
drinnen, nach der Mahlzeit kam er heraus und verlangte seine Pfeife.
Welche Pfeife?
Dummkopf! Die Faust!
Ungern gab ich meine kunstvolle Pfeife her, sie war gerade fertig
geworden, war mit dem Nagel, dem goldenen Ring und einem langen Rohr
versehen.
Daß der Nagel nicht zu heiß wird! flüsterte ich, er könnte sich
vielleicht werfen.
Falkenberg zündete die Pfeife an, protzte damit und ging hinein. Aber
er sorgte auch für mich gut und verlangte Essen und Kaffee für mich in
der Küche.
Ich suchte mir einen Schlafplatz im Heu.
Nachts wachte ich auf, Falkenberg stand mitten in der Scheune vor mir
und rief mich an. Es war Vollmond und klares Wetter, deutlich sah ich
das Gesicht meines Kameraden.
Was ist los?
Da hast du deine Pfeife.
Die Pfeife?
Ja, nicht um alles in der Welt möchte ich sie länger behalten. Sieh
her, der Nagel löst sich ab.
Ich nahm die Pfeife und sah, daß der Nagel sich aufgebogen hatte.
Falkenberg sagte:
Sie grinste mich gleichsam im Mondschein an. Und da fiel mir ein, woher
der Nagel gekommen war.
Glücklicher Falkenberg .....
Als wir am nächsten Morgen weitergehen wollten, war die Tochter des
Hauses heimgekommen. Wir hörten sie einen Walzer auf dem Klavier
hämmern, kurz danach kam sie heraus und sagte: Ja, das ist jetzt ein
Unterschied! Vielen Dank.
Sind Sie zufrieden, mein Fräulein? fragte der Meister.
Ja. Das ist jetzt etwas ganz anderes.
Und wohin sollen wir jetzt gehen? Was würden Sie uns raten?
Nach Övrebö, zu Falkenbergs.
Zu wem?
Zu Falkenbergs. Sie folgen von hier aus der geraden Straße, und wenn
Sie anderthalb Viertelmeilen weit gekommen sind, steht rechts ein
Pfosten. Dort gehen Sie den Hang hinauf.
Da setzte sich Falkenberg einfach auf die Treppe hin und fragte das
Fräulein kreuz und quer über Falkenbergs auf Övrebö aus. Nein, daß er
hier auf seine Verwandten treffen und sozusagen heimkommen sollte!
Vielen, vielen Dank, Fräulein. Das war ein großer Dienst, den Sie mir
da geleistet haben.
Dann gingen wir wieder weiter, und ich trug die Bündel.
Als wir in den Wald gekommen waren, setzten wir uns hin und überlegten.
War es ratsam, daß ein Falkenberg als Klavierstimmer zum Kapitän auf
Övrebö kam und ein Verwandter von ihm war? Ich war am besorgtesten und
machte auch Falkenberg unsicher. Aber es konnte ja auch lustig werden.
Hatte er denn nicht Zeugnisse bei sich, in denen sein Name stand?
Doch, aber zum Teufel, dort steht ja nur, daß ich ein brauchbarer
Arbeiter bin.
Wir dachten nach, ob wir die Zeugnisse ein wenig fälschen könnten;
aber es war vielleicht besser, ein ganz neues zu schreiben. Es konnte
von einem Klavierstimmer von Gottes Gnaden handeln und auf den Namen
Leopold statt Lars lauten. Das stand uns frei.
Kannst du so ein Zeugnis schreiben? fragte er.
Ja, das kann ich.
Jetzt aber begann meine arme, unbändige Phantasie mit mir durchzugehen
und alles ins Scherzhafte zu treiben. Klavierstimmer, das war nichts,
ich wollte ihn zum Mechaniker machen, zu einem Genie, das schwere
Aufgaben gelöst hatte, er sollte eine Fabrik --
Ein Fabrikant braucht keine Zeugnisse, unterbrach mich Falkenberg und
wollte nicht mehr auf mich hören. Nein, es war wohl überhaupt nichts zu
machen.
Mißmutig und niedergeschlagen gingen wir weiter und kamen an den Pfahl.
Du gehst also nicht hinauf? sagte ich.
Geh du hinauf, antwortete Falkenberg hitzig. Da hast du deine
Kleiderfetzen wieder.
Als wir jedoch an dem Pfosten vorbeigekommen waren, verlangsamte
Falkenberg seine Schritte und murmelte:
Es wäre aber doch zu ärgerlich, wenn nichts daraus werden sollte. So
eine gute Gelegenheit.
Ich finde doch, du solltest hinaufgehen und die Leute begrüßen. Es ist
ja gar nicht unmöglich, daß du doch mit ihnen verwandt bist.
Schade, daß ich nicht erfahren konnte, ob er einen Neffen in Amerika
hat.
Hättest du in diesem Fall englisch sprechen können?
Schweig, sagte Falkenberg, halts Maul. Ich möchte wissen, warum du dich
so aufspielst.
Er war nervös und zornig und begann auszuschreiten. Plötzlich blieb er
stehen und sagte:
Ich tu es. Leih mir deine Pfeife wieder. Ich werde sie nicht anzünden.
Wir gingen die Anhöhe hinauf. Falkenberg tat groß, deutete mit der
Pfeife umher und sprach sich über die Lage des Hofes aus. Es ärgerte
mich ein wenig, daß er so hochmütig einherging und mich die Bündel
tragen ließ. Ich sagte:
Willst du hier wieder den Klavierstimmer machen?
Ich dächte, ich hätte bewiesen, daß ich ein Klavier stimmen kann,
erwiderte er kurz. Das also kann ich.
Aber wenn nun die Frau des Hauses sich ein wenig darauf versteht? Und
wenn sie das Klavier hinterher nachprüft?
Falkenberg verstummte, ich sah, wie er überlegte. Nach und nach sank
seine Brust zusammen, und er ging gebeugt weiter.
Es ist vielleicht doch nicht ratsam. Da, nimm deine Pfeife wieder,
sagte er. Wir gehen hinauf und fragen recht und schlecht nach Arbeit.
15.
Es traf sich, daß wir uns gleich bei unserem Kommen nützlich machen
konnten. Eine neue Flaggstange sollte aufgerichtet werden und es waren
nur wenige Leute da. Wir griffen zu und stellten die Stange mit Glanz
auf. In allen Fenstern erschienen Frauengesichter.
Ist der Herr Kapitän zu Hause?
Nein.
Die gnädige Frau?
Frau Falkenberg kam heraus. Sie war blond und groß, freundlich
wie ein junges Fohlen und beantwortete unseren Gruß mit sehr viel
Liebenswürdigkeit.
Ob sie irgendeine Arbeit für uns habe?
Ich weiß nicht. Nein, ich glaube nicht. Mein Mann ist leider nicht zu
Hause.
Ich hatte den Eindruck, daß es ihr schwer werde, Nein zu sagen, und
griff schon zur Mütze, um ihr nicht zur Last zu fallen. Falkenberg aber
mußte ihr fremdartig vorgekommen sein, weil er so ordentlich gekleidet
war und einen Träger bei sich hatte, neugierig sah sie ihn an und
fragte:
Was für eine Arbeit?
Jede Art Arbeit im Freien, entgegnete Falkenberg, wir können Zäune
machen und Gräben ziehen, auch mauern können wir --
Für solche Arbeit ist es heuer schon ein bißchen spät, sagte einer der
Männer bei der Flaggstange.
Ja, das ist es allerdings, bestätigte auch Frau Falkenberg. Ich weiß
nicht, -- es ist jetzt Zeit zum Mittagessen, wollen Sie vielleicht
hineingehen und etwas essen? Was wir eben haben.
Vergelt’s Gott! antwortete Falkenberg.
Da aber ärgerte ich mich über seine Antwort, weil sie so ungebildet
war, und weil er uns dadurch herabsetzte. Hier mußte ich eingreifen.
_Mille Grâces, Madame, vous êtes trop aimable!_ sagte ich in edler
Betonung und nahm meine Mütze ab. --
Sie wandte sich um und sah mich einen Augenblick an. Ihr Erstaunen war
komisch.
Wir wurden in die Küche gewiesen und bekamen eine ausgezeichnete
Mahlzeit. Die gnädige Frau verließ uns. Als wir gegessen hatten und
gehen wollten, erschien sie wieder; Falkenberg war jetzt wieder keck
geworden und wollte ihre Freundlichkeit ausnützen, er bat, ihr Klavier
stimmen zu dürfen.
Können Sie das auch? fragte sie und machte große Augen.
Ja, das kann ich. Ich habe auch auf den Nachbarhöfen gestimmt.