»Ich will nichts mit Duellen zu schaffen haben!« wehrte sich Laurent. Er
hatte ein Buch geschrieben gegen den Zweikampf, ein gutes Buch sogar,
einen wahren Herzensschrei, mit frechem Mut die Feigheit begangen, einem
Beleidigten Genugthuung zu versagen, in seiner öffentlichen Rechtfertigung
die Frage aufwerfend: »Was ist tapferer, sich mit geladenem Revolver
zu verteidigen oder mit ungeladenem?« und Caillé, dem gefürchteten
Publizisten, den Freundschaftsdienst, sein Zeuge zu sein, rundweg
abgeschlagen. Dieser Duellhaß war sozusagen die einzige Empfindung seines
Lebens. »Was wollen Sie denn noch?« fuhr er Adler an. Wie verwünschte
er ihn mitsamt seiner ganzen Sippe! »Sind Sie nicht ein frischgewaschener
Ehrenmann? Haben Sie es nicht aus Pokuroffs Munde? Und verbietet dem Russen
sein junges Evangelium nicht aufs strengste den Zweikampf?«
Nie und nimmer! dachte er und rief schließlich, um die Sache ein für
allemal abzuthun: »Daß ich Ihr Zeuge bin mit dem größten Vergnügen,
versteht sich von selbst. Aber nicht hier! Die Polizei, drei Monate
Gefängnis -- ich danke! Es muß also in Belgien sein! Warum sollte es
nicht in Belgien sein? Zwar die Reise für Sie selbst, Ihre beiden
Zeugen und den Arzt, dann die Anschaffung der Pistolen -- eine verteufelt
kostspielige Sache solch ein Duell! Wenn ich wenigstens in der Lage wäre,
Ihnen auszuhelfen -- verfluchtes Geld!«
Ein neuer Tanz begann. In Lumpen gehüllt, keinen Sou in der Tasche, dachte
Adler Tag und Nacht an das Duell. Er aß nicht, er schlief nicht, er
wusch sich nicht, es war ihm zur fixen Idee geworden, er war tausendmal
unglücklicher wie vor seiner Freisprechung. Die Rachsucht verlieh seinen
Zügen einen edlen, leidenden Ausdruck. Wiederum lief er Laurent das
Haus ein, lehrte ihn Thee auf russische Manier zubereiten, nützte seinen
Parfümvorrat oder saß da, den Kopf auf beide Hände gestützt, und
knirschte in seinem improvisierten Französisch mit einem Gesichtsausdruck,
daß es einen Stein erbarmt hätte: »=Je veux le battre comme une
canaille!=«
Laurent wußte nicht, wo ihm der Kopf stand. Die »=Revue rose=« machte
Miene einzugehen.
Nachts heimkehrend hörte er einmal die Hausbesorgerin aus ihrer Loge
rufen:
»Der Herr Russe war wieder da,« sagte sie höhnisch -- Hunde und
Hausmeister können schlechtgekleidete Leute nun einmal nicht leiden --
»Sechsmal hat er nach Ihnen gefragt.«
»Sagen Sie ihm morgen, ich sei verreist,« beauftragte sie Laurent. »Und
wenn ein Herr Ponthier nach mir fragt: ich sei daheim und harre seiner.«
Er steckte in einer fürchterlichen Haut. Die »=Revue rose=« war
eingegangen. Herr Ponthier allein, der reiche Spekulant, konnte sie von den
Toten erwecken. Von Laurents Unterredung mit ihm, die morgen stattfinden
sollte, hing alles ab. Bis übermorgen konnte der vorsichtige Philister
sich die Sache überlegen. Wie sagte er? »Wenn ich mich zu dem Unternehmen
entschließe, was noch lange keine abgemachte Sache ist --« ach nein,
leider Gottes! -- »so geschieht es nur aus speziellem Vertrauen zu Ihnen.
Denn daß Sie z. B. von Thorheiten, wie Duellen, ein entschiedener Gegner
sind --« Diese gute Meinung sollte Laurent zugute kommen.
Gegen Morgen schlief er endlich ein, als ihn ein lautes Pochen an der Thür
erweckte. Adler stürzte mit dem Freudenruf ins Zimmer:
»Auf nach Erquelin! Um 7 Uhr fährt der Zug! Heute wird duelliert!«
Erscheint mir der Mensch sogar im Traum. Will mir's verbitten!
dachte Laurent und drehte sich auf die andere Seite. Zerschlagen und
übernächtig, wie er war, und ein Langschläfer, der er sein lebenlang
gewesen, wollte er schlafen.
»Auf! auf!« drängte jener. »Es ist höchste Zeit! Klein wartet unten.«
-- »Gleich!« rief er ihm hinunter, indem er das Fenster aufriß, daß ein
eisiger Luftstrom durchs Zimmer strich. »Hol' einen Wagen! Gleich macht
sich Herr Laurent fertig!«
Laurent erwachte. Welch ein Erwachen! Es war der schrecklichste Moment
seines Lebens. Doch eine letzte Hoffnung zuckte in ihm auf.
»Unsinn!« rief er. »Sie haben ja kein Geld!«
»Warum nicht gar!« rief Adler. Er und kein Geld! Der Irkutsker hatte
ihm Kredit eröffnet. Und im Ton eines Gentlemans von Metier rief er
ungeduldig, als wäre er dabei aufgewachsen:
»Sind Sie mein Zeuge, ja oder nein?«
»Schlafen will ich!«
»Sind wir Männer, ja oder nein?«
»Es ist zu kalt! Es ist zu früh!«
»Entweder thun Sie Ihre Pflicht als Zeuge oder -- bei Gott, wenn ich Sie
fordere, müssen Sie mir vor die Klinge!«
Immer besser!
»Ich will Ihr Zeuge sein!« stöhnte der Unglückliche. »Ihr Gegner,
alles, was Sie wollen, aber aufstehen -- nie und nimmer!«
Da riß Adler die Decke von ihm. Der Wütende hatte gut schreien:
»Mörder! Elender!« Jener half ihm in die Beinkleider.
»Daß Sie sich nur nicht erkälten!« rief er besorgt. »Schlüpfen Sie
schnell in die Pantoffel -- so! Diese Hundekälte! Bei Gott, das Wasser
im Waschbecken ist eingefroren! So verflucht kalt war's nicht seit
Menschengedenken!« Und er begoß ihn mit eiskaltem Wasser, rieb ihm das
Gesicht mit dem Handtuch wund und zwang ihn in Weste und Rock.
»Herrgott! -- und Ponthier! Meine Unterredung mit Ponthier!« rief Laurent
verzweiflungsvoll.
»Sie schreiben ihm einfach ab!«
»Meine Existenz steht auf dem Spiele! Tod und Leben der ›=Revue
rose=‹!«
Aber schon hing ihm Adler den Winterrock um, drückte ihm den Hut auf den
Kopf und zog ihn gegen die Thür.
»Wenn Sie glauben,« rief Laurent, »daß ich in Pantoffeln bis nach
Belgien reise, irren Sie sich gewaltig!«
Richtig, die Stiefel! sie mußten vor der Thüre stehen. Doch statt der
Stiefel stand Klein vor der Thür mit einer grünkarrierten Reisedecke und
drängte zum Aufbruch.
»Wo sind schnell ein paar andere Stiefel?« rief Adler. »Sie müssen ja
ein zweites Paar haben!«
»Aber ich hab' kein zweites Paar!« rief Laurent froh und ohne zu
übertreiben. Was thun? Flugs holte Adler ein paar funkelnagelneue
Lackschuhe aus dem Schrank. Laurent weinte vor Wut. Seine reizenden
Soiréeschuhe, die ein Heidengeld kosteten und ihn so furchtbar drückten!
Es half nichts, sie zogen sie ihm an und schleppten ihn die Treppe
hinunter. Unten stand der Wagen und vor ihrer Loge die Concierge in
unbeschreiblichem Morgenkleid, ein Bild des Ingrimms.
»Madame,« hauchte Laurent. »Sagen Sie Herrn Ponthier --«
»Nichts da! Sie telegraphieren ihm aus Erquelin!« rief Adler, hob ihn
in den Wagen und hielt ihn auf der ganzen Fahrt nach dem Nordbahnhof am
Rockschoß, damit er nicht Reißaus nähme. Laurent, der bemerkte, kein
Flanellleibchen anzuhaben, ballte die Fäuste. Ein letztesmal fragte er,
der Mensch hofft ja im Tode noch:
»Haben Sie auch wirklich Geld?«
»Und ob!« jauchzte Adler, als hätte ihm der Irkutsker alles Gold
Sibiriens geliehen.
Vor dem Bahnhof standen schon Federscher, Zedekoff und Goltschmann mit
roten Nasen, sie mit Rufen und Gesten zur Eile antreibend.
»Schnell! schnell! Erstes Läuten!«
Adler rannte an den Schalter, die Billette zu lösen, kam aber ohne
dieselben zurück, wankend, schreckensbleich.
»Das Geld -- reicht -- nicht,« stammelte er. Zugleich erscholl die Glocke
-- zweites Läuten!
Laurent und Zedekoff mußten in der Zugluft stehen, während die vier
Familienrat hielten. Wer hätte sie für Gegner und Zeugen gehalten?
Sie schienen ganz brüderliche Sorge für einander. Doch unwillkürlich
veränderte sich ihre Miene, als sie an jene herantraten, um ihnen für
ihre Freundlichkeit zu danken. Sie wollten mit je einem Zeugen vorlieb
nehmen. Damit sprengten sie an den Schalter und mit emporgehaltenen
Billetten zur Perronthür hinaus, Adler voran, Klein mit seiner
grünkarrierten Reisedecke als Hinterster. Soeben ertönte das dritte
Läuten. Laurent sah sie abdampfen. --
Tags darauf kam Adler zu ihm gerannt, um ihm brühheiß zu erzählen, wie
sie einen Tag und eine Nacht im Eisenbahnwagen gerüttelt worden, wie sie
unter dem Gejohle der Bauern, die ihnen mit Heugabeln gefolgt waren, unter
kniehohen Schnee nach dem Kampfplatz waten mußten, und wie die Schüsse
glücklich fehlgegangen, und die Gegner einander versöhnt in die Arme
gesunken waren, halbtot vor Hunger und Strapazen. Er lachte, war wieder der
Alte -- ein neues Leben konnte beginnen.
[Illustration: Decoration]
Der erste Hirsch.
[Illustration: Decoration]
Lieber Rudolf! Gratuliere zum Avancement! Also hat die Vermehrung der
Armee die Sache doch beschleunigt? Freut mich herzlich! Wir wollen eins
drauf trinken. Drum schau, daß du herkommst und deinen Urlaub
diesmal im Oktober nimmst. Aussichten auf das Geröhr sehr günstig.
Garantiere, dich zum Schuß zu bringen. Sollst auch endlich erfahren,
was Waidmannsfreuden sind. Opfere also Gasbeleuchtung, Tanzmusik und
schöne Weiber und komm zu mir in die Berge!