III.

Im Café Koch in der Rue de la Glacière fand das Gericht statt, in dieser

schmutzigen Spelunke, deren Spezialität es war, schmutzig zu sein, wo

man aber für fünf Sous etwas Warmes zu essen bekam. Wo käme ein armer

Student hin ohne solche Spelunken?

Die Versammlung war auf drei Uhr anberaumt. Kopf an Kopf saßen die

Kläger, sie erdrückten einander schier. Hier ballte sich eine Faust, dort

grinste hämisch eine Fratze, hier blitzte ein finsterer Blick auf, dort

erscholl Hohngelächter. Selbst der stumpfste Geselle hatte das Mordfieber

und war schon erhitzt und freudetrunken -- alle gegen einen!

Adler war wie verwandelt. Er sah blühend aus. Mit lauter Stimme gab

er Laurent über die fremden Gesichter Bescheid, in nachsichtsvoller,

anerkennender Laune -- o er ließ auf seine Feinde nichts kommen! »Wen

meinen Sie? Ja so! Aha!« und er erhob sich, sah in die Runde, starrte

ihnen wohlgefällig ins Gesicht, mit hochwogender Brust -- ihn erfaßte

das Glücksgefühl des Tollkopfs in Lebensgefahr. Das heiße Leben in jedem

Blutstropfen und mit dem einen Fuß im Jenseits -- so groß ist also die

Welt! Er war von Sinnen und hatte tausend Sinne und zu allem Kraft, nur

nicht für die Angst und für die Reue.

Schlag drei Uhr erschien Pokuroff in Begleitung eines Mitgliedes der

=Société secrète=. Alles erhob sich. Wie Schulknaben standen sie da.

An einem bereitgehaltenen Kaffeetisch nahm der Oberst Platz neben dem

mitgebrachten Herrn, einem ungemütlichen Glatzkopf. Als machte er eine

unliebsame Bekanntschaft, mit der er lieber verschont geblieben wäre,

verzog er sein abgelecktes Gesicht -- er machte kein Hehl aus seinen

Gefühlen und schien ein gar vorurteilsfroher, strenger Richter zu sein.

Ein dritter Richter hatte sich verspätet, ein blonder junger Mann, der

sehr geziert that, bald geniert, bald amüsiert und mit der Miene eines

wißbegierigen Kindes die beiden andern immer etwas zu fragen hatte.

Obenan saßen die Richter, rechts von ihnen Laurent, Klein und ein dritter

Zeuge des Angeklagten, ein aus Irkutsk hergereister junger Mann, den

dieser, Gott weiß wo, aufgetrieben hatte. Links saß Federscher mit seinen

Zeugen. Adler, der mit einem wacklichen Rohrstuhl als Anklagebank vorlieb

nehmen mußte, schloß den Kreis. Halbwüchsige Bursche und Familienväter,

die wie halbwüchsige Bursche aussahen, füllten den Saal. Hagere Rotbärte

und dicke Krausköpfe saßen rauchend da und spuckten wie aus Ekel vor

ihrem schlechten Tabak. Ein kleiner Kerl mit der Physiognomie eines zu

hohen Ehren gekommenen Gassenjungen machte die Honneurs. Auch einige

Studentinnen waren erschienen, sehr häßliche Mädchen, die man wieder

fortschickte, woher sie gekommen waren. Ein lichtes Jesusgesicht wandelte

im Gewühl. Ein korpulenter Bursche mit Tieraugen lauerte auf den Moment

des Überfalls. Ein flachnasiger Russe, in jedem Zug ein Charakter, stand

ungeduldig auf seinem Posten.

Pokuroff ergriff das Wort. Es klang wie ein Kommando. »Man muß wissen,

mit wem man lebt,« sagte er. »Drum wollen wir untersuchen, ob die

schweren Anklagen gegen Herrn Adler begründet, und wir berechtigt sind,

über ihn den Stab zu brechen.«

Hierauf erhob sich der Irkutsker, ein reiches Muttersöhnchen, dem man

ansah, daß er diesen Kreisen fern stand und fern stehen wollte, daß er

mit seiner Bürgschaft nur ein gegebenes Versprechen einlöste und daß er

überhaupt nur zu seinem Vergnügen nach Paris gekommen war.

Adler sei sein Schulkamerad gewesen, begann er, er habe ihn immer für

einen anständigen Menschen gehalten, seine Ehrenhaftigkeit genugsam

erprobt und könne den Beschuldigungen nie und nimmer Glauben schenken.

Mehr tot als lebendig stammelte Klein: »Adler ist nicht besser und nicht

schlechter als alle andern --« doch ließ man ihn nicht ausreden, Laurent

gar nicht zu Wort kommen, der Russe mit dem Charakterkopf trat vor die

Schranken.

Seine grobe Kleidung, sein bäuerisches Wesen, alles an ihm zeugte von

schadenfrohem Mut, und selbst seine starken Backenknochen schienen ein

Abzeichen des müde gehetzten Rebellen. Nach einer kurzen Erklärung an

Pokuroff wandte er sich zornglühend an Adler. Schmerz und Wut zersprengten

ihm schier die Brust. Sein Freund sei bei seiner Rückkehr in die Heimat

verhaftet worden infolge einer Denunziation Adlers. Der Name Sedlin --

so hieß dessen Gönner, der Botschaftskanzler -- kehrte immer in seinen

Klagen wieder. Er tobte nicht, er weinte und schrie, als müßte ihm das

Herz brechen: »Verräter!«

Adler sprang auf. Wie ihm das Herz aufzuckte in Verzweiflung und Bosheit!

Die ihn ausgehungert hatten und zum äußersten getrieben, um sich an

seiner Wut zu weiden, kamen auf ihre Kosten. Wie ein befreiter Riese stand

er da. Mit erhobener Faust schien er jenem das Wort buchstäblich ins

Gesicht zu schleudern, und gleich einem wilden Triumphgeschrei entrang es

sich seiner Brust: »Lüge! Lüge! Lüge!«

Erschrocken brachte Federscher seine Klage vor. Seine Katzenaugen blickten

scheu, sein Schnauzbart sträubte sich -- nun wußte Laurent, wem er

so sprechend ähnlich sah, einem Löwen, einem sanften, entarteten,

verächtlichen Löwen.

Ein schmieriges Individuum, das Adler um Stipendien sollte betrogen haben,

ergriff das Wort. Lichtblond, blauäugig, mit erfrorener Nase und krummen

Beinen -- seine Erscheinung war so jämmerlich als belustigend, zumal aber

seine Art, das Russische zu radebrechen, wobei er weder die Richter noch

den Angeklagten, sondern die anderen anblickte, sie als seine Zeugen und

Aufstachler anzurufen.

Adlers Antwort war ein Leugnen. Er selbst sprach ein vortreffliches

Russisch. Jedes Wort aus seinem Munde klang einleuchtend und verblüffend,

wie eben die Rede eines gescheiten Menschen. In diesem Moment war er Russe,

Russe mit Leib und Seele. Sein scharfgeschnittenes Gesicht schien zwar

mit der slavischen Mundart in Widerspruch zu stehen, woran er sich aber

blutwenig kehrte. Er wuchs mit jeder patriotischen Phrase, mit jeder

volkstümlichen Wendung und freute sich am Scheine dessen, wonach sein

Innerstes sehnsuchtsvoll drängte: Europäer zu sein, sei's Russe, was

immer, zur Gegenwart zu gehören, nur nicht zu einem toten Volke.

Als brauchte er nur ein Wort zu sagen, um sie alle zu vernichten, stand er

lächelnd da und hielt an sich. Von gekränkter Ehre war nicht die Spur

an ihm, sein Gewissen schien unantastbar wie ein gesalbter König. Seine

massive Schönheit, sein geschmeidiges Temperament, die spöttische Art,

wie er seine Lumpen trug, alles an ihm schien zu frohlocken: Ich bin der

Stärkere! Edle Wehmut im Antlitz gestand er, welch ein phänomenaler

Mensch er sei, brach jedoch ab, als spräche er eine unliebsame

Prophezeiung. Immer vertraulicher, immer vorwurfsvoller klangen seine

Worte, ganz in der Art, wie gute Kameraden einander herunterkanzeln, und

allen auf einmal ins Gesicht blickend, schloß er mit dem Fragezeichen:

»Seid ihr ein Volk -- was?«

Ein Schrei der Entrüstung gellte durch den Saal. Selbst die Richter fuhren

auf. Man war zu starr gewesen, um ihn nicht ausreden zu lassen, nun aber

hatte man bloß den einen Gedanken, den Frechling niederzustrecken. Man

sah nichts als Teufelsgesichter. Das Jesusgesicht wirkte geradezu

schaudererregend mit seinem Aufwand von Gift und Galle. Der mit den

Tieraugen that einen Satz auf Adler, als könnte er sich von dem tödlichen

Streich nicht enthalten. »Was wollen Sie?« herrschte ihn Pokuroff an,

und um der Sache ein Ende zu machen, hieß er ihn mit seiner Klage

hervorrücken.

Er schrie um Geld, um Verkürzung und Schaden mit einem Blick voll Haß,

voll Haß! Er hätte Adler zerfleischen mögen. Seine unglaublich dichten,

unglaublich schwarzen Haare sträubten sich. Wütend klagte er über

Hunger, und sein dicker Körper erbebte, sprach von Weib und Kindern, und

sein Zorn steigerte sich bis zur Raserei. »Brot oder Blut!« stand auf

seiner Stirne. Er machte einen widerlichen Eindruck, aber den Eindruck,

daß er recht habe, daß der Hunger recht habe.

Adler zahlte Schimpf mit Schimpf, Pokuroff mußte ihn zurechtweisen.

Mehrere Stimmen wurden zugleich laut, die Hälse reckten sich, die Augen

blitzten, man steckte die Köpfe zusammen oder schrie von einer Ecke in die

andere. Die Richter waren vergessen, man fühlte sich ganz unter sich. Die

Anklagen regneten, der Name Sedlin ertönte aus heiseren Kehlen. Der mit

den Tieraugen sprach in alles drein und kam, wovon auch die Rede war, mit

Ziffern und Zahlen. In einem Moment unwillkürlicher Stille stieß das

Jesusgesicht einen Fluch aus. »Spion! Dieb!« erscholl es von allen

Seiten, und wiederum der Name Sedlin. Es war kein Tribunal mehr, sondern

ein Zanken, Streiten, Sich-in-den-Haaren-liegen. Das Tiergesicht, Kleins

gramvolle Züge, das Mondgesicht Zedekoffs, Federschers unlöwenhaftes

Löwengesicht, Goltschmanns ideale Züge -- ihre Gesichter hatten eine

große Familienähnlichkeit. Wie leibliche Brüder erschienen diese

Bettler, indem sie, in glühendem Patriotismus nach Brot schreiend,

über einen Bettler herfielen, weil er mehr erbettelt hatte als sie. Der

jugendliche Richter lächelte verlegen, der Strenge triumphierend.

Der Rächer seines Freundes, der auf Spionage klagte, drängte auf

die Verurteilung. Pokuroff forderte neue Beweise. Der Kleine mit dem

Gassenbubengesicht hielt eine Ansprache. Adler schwankte, ob er ihm nicht

einen Sessel an den Kopf werfen sollte. Ein schmerzlicher Ausdruck legte

sich auf seine Züge, als Goltschmann sich erhob, um wider ihn zu zeugen.

Der mit der erfrorenen Nase bekam Mut und schrie immer unverschämter. Das

Jesusgesicht hatte eine Schar um sich und hetzte. Die Schwüle, der Dunst

im Saale wurde unerträglich. Der junge Richter fächelte sich mit dem

Taschentuch, der Strenge flüsterte Pokuroff etwas ins Ohr. Einige Hungrige

hatten sich fortgeschlichen. Soeben that Zedekoff den gähnenden Mund auf,

um auch als Kläger seine Pflicht zu thun, als Pokuroff sich erhob und

erklärte, daß es Essenszeit sei, und die Beratung nach Tisch wieder

aufgenommen werde.

Adler ging mit dem Irkutsker. Die Schreier zerstreuten sich nicht sobald.

Laurent, der sich Pokuroff und dessen Assistenz angeschlossen hatte, sah

wie betäubt um sich auf der tosenden Straße, sich fragend, ob Paris wohl

eine Ahnung hätte von den Völkerschaften, die es beherbergte, und von den

Revolutionen, die sich in seinen Spelunken abspielten.

Im russischen Gasthaus, wohin sie sich begeben hatten, lief Trebatsch wie

ein Wahnsinniger hin und her. Nun hatte er eine dicke, rosige und eine

blasse, magere Tochter, da ließ es sich auch besser kommandieren. Bei

der berühmten Gerstensuppe unterhielten sich Pokuroff und Laurent von

Dostojewski und dessen Stellung zum Nihilismus. Von dem Zwiespalt, in dem

der Dichter die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte, sprach dieser

in traurig vorwurfsfreiem Tone, wie man etwa von einer Gehirnentzündung

spricht, seinen Abfall bestritt er als Lüge. »Er konnte uns nicht aus

seinem Herzen reißen,« behauptete er, »wir haben ihn als den Unsrigen

begraben.«

Am Tisch nebenan dinierten die beiden andern Richter. Der Strenge mit

Würde und Appetit, der Jugendliche mit zimperlicher Neugierde, indem er

nicht müde wurde von einer russischen Fürstin zu sprechen. =La princesse=

her, =la princesse= hin, und das Wort wurde zum Begriff des Erhabensten,

wenn er es mit sehnsüchtigen Lippen aussprach, voll Feuer und Ehrfurcht.

»Sie giebt Lektionen?« fragte der andere. »Nicht doch,« war die

Antwort. »=Elle fait la lecture.=«

Um neun Uhr wurde das Gericht wieder aufgenommen. Nun herrschte eine

matte Stimmung. Einer verließ sich auf den andern und alles auf die

Verurteilung. Auch Adler war es satt, seine Unschuld zu beteuern. Der

Ausgang seines Prozesses, daran er nicht hatte denken können, ohne zu

fürchten, den Verstand zu verlieren, dünkte ihm plötzlich eine Lappalie.

Mit der Abspannung kehrte auch Kälte ein. Der Irkutsker ging ungeduldig

auf und ab. Auch andere verließen ihre Plätze und hauchten sich auf die

erstarrten Finger. Mitternacht rückte heran. Die Richter zogen sich in das

Wohnzimmer des Cafetiers zur Beratung zurück. Adler ging hinaus auf die

Straße. Man war schon halb eingenickt, als jene wieder erschienen, das

Urteil zu verkünden. Es fand ein gleichgültiges Auditorium.

»Haben wir positive Beweise für die Schuld des Angeklagten?« begann

Pokuroff. »Nein, nein und nein! Dennoch müssen wir Herrn Adler

tadeln,« und diese Worte waren ein Beweis für die mutige, gewandte

Selbstverteidigung Adlers, da ihn ja der Redner von früher her

nicht kannte, »daß ein so hochbegabter junger Mann, wie er, die

Unvorsichtigkeit beging, mit einem Sedlin Umgang zu pflegen, dessen Name

nicht nur im revolutionären Lager, sondern auch bei der Gegenpartei

verpönt und verachtet ist.«

Laurent lief zu Adler hinaus, der frierend an der Straßenecke stand und

die Kunde seiner Freisprechung mit gekränktem Lächeln hinnahm. Kaum

konnte er sich aufrecht halten. Laurent und den gleichfalls herbeigeeilten

Klein unter den Arm nehmend, führte er sie in ein nahes Caféhaus. Er war

bei Geld und bewirtete sie mit Grog. So saßen sie beim heißen Trunk guter

Dinge beisammen. Zärtlich blickte Adler bald den einen, bald den andern

an oder starrte träumerisch ins Blaue. In seiner Freude sah man erst, wie

vergrämt der Arme war. Entzückt über sein Abenteuer, das gottlob einen

Abschluß gefunden, machte Laurent Klein Komplimente, sich in der Affaire

tadellos benommen zu haben, als mitten in die herrliche Stimmung Adler wie

ein Donner hineinfuhr:

»Aber jetzt muß Federscher das Duell annehmen! Das bleibt ihm nicht

geschenkt! =Je vais le battre comme une canaille!= Sie sind mein Zeuge,

Herr Laurent!«

Katastrophen: Neue Novellen · 第 13 / 18 题