Im Café Koch in der Rue de la Glacière fand das Gericht statt, in dieser
schmutzigen Spelunke, deren Spezialität es war, schmutzig zu sein, wo
man aber für fünf Sous etwas Warmes zu essen bekam. Wo käme ein armer
Student hin ohne solche Spelunken?
Die Versammlung war auf drei Uhr anberaumt. Kopf an Kopf saßen die
Kläger, sie erdrückten einander schier. Hier ballte sich eine Faust, dort
grinste hämisch eine Fratze, hier blitzte ein finsterer Blick auf, dort
erscholl Hohngelächter. Selbst der stumpfste Geselle hatte das Mordfieber
und war schon erhitzt und freudetrunken -- alle gegen einen!
Adler war wie verwandelt. Er sah blühend aus. Mit lauter Stimme gab
er Laurent über die fremden Gesichter Bescheid, in nachsichtsvoller,
anerkennender Laune -- o er ließ auf seine Feinde nichts kommen! »Wen
meinen Sie? Ja so! Aha!« und er erhob sich, sah in die Runde, starrte
ihnen wohlgefällig ins Gesicht, mit hochwogender Brust -- ihn erfaßte
das Glücksgefühl des Tollkopfs in Lebensgefahr. Das heiße Leben in jedem
Blutstropfen und mit dem einen Fuß im Jenseits -- so groß ist also die
Welt! Er war von Sinnen und hatte tausend Sinne und zu allem Kraft, nur
nicht für die Angst und für die Reue.
Schlag drei Uhr erschien Pokuroff in Begleitung eines Mitgliedes der
=Société secrète=. Alles erhob sich. Wie Schulknaben standen sie da.
An einem bereitgehaltenen Kaffeetisch nahm der Oberst Platz neben dem
mitgebrachten Herrn, einem ungemütlichen Glatzkopf. Als machte er eine
unliebsame Bekanntschaft, mit der er lieber verschont geblieben wäre,
verzog er sein abgelecktes Gesicht -- er machte kein Hehl aus seinen
Gefühlen und schien ein gar vorurteilsfroher, strenger Richter zu sein.
Ein dritter Richter hatte sich verspätet, ein blonder junger Mann, der
sehr geziert that, bald geniert, bald amüsiert und mit der Miene eines
wißbegierigen Kindes die beiden andern immer etwas zu fragen hatte.
Obenan saßen die Richter, rechts von ihnen Laurent, Klein und ein dritter
Zeuge des Angeklagten, ein aus Irkutsk hergereister junger Mann, den
dieser, Gott weiß wo, aufgetrieben hatte. Links saß Federscher mit seinen
Zeugen. Adler, der mit einem wacklichen Rohrstuhl als Anklagebank vorlieb
nehmen mußte, schloß den Kreis. Halbwüchsige Bursche und Familienväter,
die wie halbwüchsige Bursche aussahen, füllten den Saal. Hagere Rotbärte
und dicke Krausköpfe saßen rauchend da und spuckten wie aus Ekel vor
ihrem schlechten Tabak. Ein kleiner Kerl mit der Physiognomie eines zu
hohen Ehren gekommenen Gassenjungen machte die Honneurs. Auch einige
Studentinnen waren erschienen, sehr häßliche Mädchen, die man wieder
fortschickte, woher sie gekommen waren. Ein lichtes Jesusgesicht wandelte
im Gewühl. Ein korpulenter Bursche mit Tieraugen lauerte auf den Moment
des Überfalls. Ein flachnasiger Russe, in jedem Zug ein Charakter, stand
ungeduldig auf seinem Posten.
Pokuroff ergriff das Wort. Es klang wie ein Kommando. »Man muß wissen,
mit wem man lebt,« sagte er. »Drum wollen wir untersuchen, ob die
schweren Anklagen gegen Herrn Adler begründet, und wir berechtigt sind,
über ihn den Stab zu brechen.«
Hierauf erhob sich der Irkutsker, ein reiches Muttersöhnchen, dem man
ansah, daß er diesen Kreisen fern stand und fern stehen wollte, daß er
mit seiner Bürgschaft nur ein gegebenes Versprechen einlöste und daß er
überhaupt nur zu seinem Vergnügen nach Paris gekommen war.
Adler sei sein Schulkamerad gewesen, begann er, er habe ihn immer für
einen anständigen Menschen gehalten, seine Ehrenhaftigkeit genugsam
erprobt und könne den Beschuldigungen nie und nimmer Glauben schenken.
Mehr tot als lebendig stammelte Klein: »Adler ist nicht besser und nicht
schlechter als alle andern --« doch ließ man ihn nicht ausreden, Laurent
gar nicht zu Wort kommen, der Russe mit dem Charakterkopf trat vor die
Schranken.
Seine grobe Kleidung, sein bäuerisches Wesen, alles an ihm zeugte von
schadenfrohem Mut, und selbst seine starken Backenknochen schienen ein
Abzeichen des müde gehetzten Rebellen. Nach einer kurzen Erklärung an
Pokuroff wandte er sich zornglühend an Adler. Schmerz und Wut zersprengten
ihm schier die Brust. Sein Freund sei bei seiner Rückkehr in die Heimat
verhaftet worden infolge einer Denunziation Adlers. Der Name Sedlin --
so hieß dessen Gönner, der Botschaftskanzler -- kehrte immer in seinen
Klagen wieder. Er tobte nicht, er weinte und schrie, als müßte ihm das
Herz brechen: »Verräter!«
Adler sprang auf. Wie ihm das Herz aufzuckte in Verzweiflung und Bosheit!
Die ihn ausgehungert hatten und zum äußersten getrieben, um sich an
seiner Wut zu weiden, kamen auf ihre Kosten. Wie ein befreiter Riese stand
er da. Mit erhobener Faust schien er jenem das Wort buchstäblich ins
Gesicht zu schleudern, und gleich einem wilden Triumphgeschrei entrang es
sich seiner Brust: »Lüge! Lüge! Lüge!«
Erschrocken brachte Federscher seine Klage vor. Seine Katzenaugen blickten
scheu, sein Schnauzbart sträubte sich -- nun wußte Laurent, wem er
so sprechend ähnlich sah, einem Löwen, einem sanften, entarteten,
verächtlichen Löwen.
Ein schmieriges Individuum, das Adler um Stipendien sollte betrogen haben,
ergriff das Wort. Lichtblond, blauäugig, mit erfrorener Nase und krummen
Beinen -- seine Erscheinung war so jämmerlich als belustigend, zumal aber
seine Art, das Russische zu radebrechen, wobei er weder die Richter noch
den Angeklagten, sondern die anderen anblickte, sie als seine Zeugen und
Aufstachler anzurufen.
Adlers Antwort war ein Leugnen. Er selbst sprach ein vortreffliches
Russisch. Jedes Wort aus seinem Munde klang einleuchtend und verblüffend,
wie eben die Rede eines gescheiten Menschen. In diesem Moment war er Russe,
Russe mit Leib und Seele. Sein scharfgeschnittenes Gesicht schien zwar
mit der slavischen Mundart in Widerspruch zu stehen, woran er sich aber
blutwenig kehrte. Er wuchs mit jeder patriotischen Phrase, mit jeder
volkstümlichen Wendung und freute sich am Scheine dessen, wonach sein
Innerstes sehnsuchtsvoll drängte: Europäer zu sein, sei's Russe, was
immer, zur Gegenwart zu gehören, nur nicht zu einem toten Volke.
Als brauchte er nur ein Wort zu sagen, um sie alle zu vernichten, stand er
lächelnd da und hielt an sich. Von gekränkter Ehre war nicht die Spur
an ihm, sein Gewissen schien unantastbar wie ein gesalbter König. Seine
massive Schönheit, sein geschmeidiges Temperament, die spöttische Art,
wie er seine Lumpen trug, alles an ihm schien zu frohlocken: Ich bin der
Stärkere! Edle Wehmut im Antlitz gestand er, welch ein phänomenaler
Mensch er sei, brach jedoch ab, als spräche er eine unliebsame
Prophezeiung. Immer vertraulicher, immer vorwurfsvoller klangen seine
Worte, ganz in der Art, wie gute Kameraden einander herunterkanzeln, und
allen auf einmal ins Gesicht blickend, schloß er mit dem Fragezeichen:
»Seid ihr ein Volk -- was?«
Ein Schrei der Entrüstung gellte durch den Saal. Selbst die Richter fuhren
auf. Man war zu starr gewesen, um ihn nicht ausreden zu lassen, nun aber
hatte man bloß den einen Gedanken, den Frechling niederzustrecken. Man
sah nichts als Teufelsgesichter. Das Jesusgesicht wirkte geradezu
schaudererregend mit seinem Aufwand von Gift und Galle. Der mit den
Tieraugen that einen Satz auf Adler, als könnte er sich von dem tödlichen
Streich nicht enthalten. »Was wollen Sie?« herrschte ihn Pokuroff an,
und um der Sache ein Ende zu machen, hieß er ihn mit seiner Klage
hervorrücken.
Er schrie um Geld, um Verkürzung und Schaden mit einem Blick voll Haß,
voll Haß! Er hätte Adler zerfleischen mögen. Seine unglaublich dichten,
unglaublich schwarzen Haare sträubten sich. Wütend klagte er über
Hunger, und sein dicker Körper erbebte, sprach von Weib und Kindern, und
sein Zorn steigerte sich bis zur Raserei. »Brot oder Blut!« stand auf
seiner Stirne. Er machte einen widerlichen Eindruck, aber den Eindruck,
daß er recht habe, daß der Hunger recht habe.
Adler zahlte Schimpf mit Schimpf, Pokuroff mußte ihn zurechtweisen.
Mehrere Stimmen wurden zugleich laut, die Hälse reckten sich, die Augen
blitzten, man steckte die Köpfe zusammen oder schrie von einer Ecke in die
andere. Die Richter waren vergessen, man fühlte sich ganz unter sich. Die
Anklagen regneten, der Name Sedlin ertönte aus heiseren Kehlen. Der mit
den Tieraugen sprach in alles drein und kam, wovon auch die Rede war, mit
Ziffern und Zahlen. In einem Moment unwillkürlicher Stille stieß das
Jesusgesicht einen Fluch aus. »Spion! Dieb!« erscholl es von allen
Seiten, und wiederum der Name Sedlin. Es war kein Tribunal mehr, sondern
ein Zanken, Streiten, Sich-in-den-Haaren-liegen. Das Tiergesicht, Kleins
gramvolle Züge, das Mondgesicht Zedekoffs, Federschers unlöwenhaftes
Löwengesicht, Goltschmanns ideale Züge -- ihre Gesichter hatten eine
große Familienähnlichkeit. Wie leibliche Brüder erschienen diese
Bettler, indem sie, in glühendem Patriotismus nach Brot schreiend,
über einen Bettler herfielen, weil er mehr erbettelt hatte als sie. Der
jugendliche Richter lächelte verlegen, der Strenge triumphierend.
Der Rächer seines Freundes, der auf Spionage klagte, drängte auf
die Verurteilung. Pokuroff forderte neue Beweise. Der Kleine mit dem
Gassenbubengesicht hielt eine Ansprache. Adler schwankte, ob er ihm nicht
einen Sessel an den Kopf werfen sollte. Ein schmerzlicher Ausdruck legte
sich auf seine Züge, als Goltschmann sich erhob, um wider ihn zu zeugen.
Der mit der erfrorenen Nase bekam Mut und schrie immer unverschämter. Das
Jesusgesicht hatte eine Schar um sich und hetzte. Die Schwüle, der Dunst
im Saale wurde unerträglich. Der junge Richter fächelte sich mit dem
Taschentuch, der Strenge flüsterte Pokuroff etwas ins Ohr. Einige Hungrige
hatten sich fortgeschlichen. Soeben that Zedekoff den gähnenden Mund auf,
um auch als Kläger seine Pflicht zu thun, als Pokuroff sich erhob und
erklärte, daß es Essenszeit sei, und die Beratung nach Tisch wieder
aufgenommen werde.
Adler ging mit dem Irkutsker. Die Schreier zerstreuten sich nicht sobald.
Laurent, der sich Pokuroff und dessen Assistenz angeschlossen hatte, sah
wie betäubt um sich auf der tosenden Straße, sich fragend, ob Paris wohl
eine Ahnung hätte von den Völkerschaften, die es beherbergte, und von den
Revolutionen, die sich in seinen Spelunken abspielten.
Im russischen Gasthaus, wohin sie sich begeben hatten, lief Trebatsch wie
ein Wahnsinniger hin und her. Nun hatte er eine dicke, rosige und eine
blasse, magere Tochter, da ließ es sich auch besser kommandieren. Bei
der berühmten Gerstensuppe unterhielten sich Pokuroff und Laurent von
Dostojewski und dessen Stellung zum Nihilismus. Von dem Zwiespalt, in dem
der Dichter die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte, sprach dieser
in traurig vorwurfsfreiem Tone, wie man etwa von einer Gehirnentzündung
spricht, seinen Abfall bestritt er als Lüge. »Er konnte uns nicht aus
seinem Herzen reißen,« behauptete er, »wir haben ihn als den Unsrigen
begraben.«
Am Tisch nebenan dinierten die beiden andern Richter. Der Strenge mit
Würde und Appetit, der Jugendliche mit zimperlicher Neugierde, indem er
nicht müde wurde von einer russischen Fürstin zu sprechen. =La princesse=
her, =la princesse= hin, und das Wort wurde zum Begriff des Erhabensten,
wenn er es mit sehnsüchtigen Lippen aussprach, voll Feuer und Ehrfurcht.
»Sie giebt Lektionen?« fragte der andere. »Nicht doch,« war die
Antwort. »=Elle fait la lecture.=«
Um neun Uhr wurde das Gericht wieder aufgenommen. Nun herrschte eine
matte Stimmung. Einer verließ sich auf den andern und alles auf die
Verurteilung. Auch Adler war es satt, seine Unschuld zu beteuern. Der
Ausgang seines Prozesses, daran er nicht hatte denken können, ohne zu
fürchten, den Verstand zu verlieren, dünkte ihm plötzlich eine Lappalie.
Mit der Abspannung kehrte auch Kälte ein. Der Irkutsker ging ungeduldig
auf und ab. Auch andere verließen ihre Plätze und hauchten sich auf die
erstarrten Finger. Mitternacht rückte heran. Die Richter zogen sich in das
Wohnzimmer des Cafetiers zur Beratung zurück. Adler ging hinaus auf die
Straße. Man war schon halb eingenickt, als jene wieder erschienen, das
Urteil zu verkünden. Es fand ein gleichgültiges Auditorium.
»Haben wir positive Beweise für die Schuld des Angeklagten?« begann
Pokuroff. »Nein, nein und nein! Dennoch müssen wir Herrn Adler
tadeln,« und diese Worte waren ein Beweis für die mutige, gewandte
Selbstverteidigung Adlers, da ihn ja der Redner von früher her
nicht kannte, »daß ein so hochbegabter junger Mann, wie er, die
Unvorsichtigkeit beging, mit einem Sedlin Umgang zu pflegen, dessen Name
nicht nur im revolutionären Lager, sondern auch bei der Gegenpartei
verpönt und verachtet ist.«
Laurent lief zu Adler hinaus, der frierend an der Straßenecke stand und
die Kunde seiner Freisprechung mit gekränktem Lächeln hinnahm. Kaum
konnte er sich aufrecht halten. Laurent und den gleichfalls herbeigeeilten
Klein unter den Arm nehmend, führte er sie in ein nahes Caféhaus. Er war
bei Geld und bewirtete sie mit Grog. So saßen sie beim heißen Trunk guter
Dinge beisammen. Zärtlich blickte Adler bald den einen, bald den andern
an oder starrte träumerisch ins Blaue. In seiner Freude sah man erst, wie
vergrämt der Arme war. Entzückt über sein Abenteuer, das gottlob einen
Abschluß gefunden, machte Laurent Klein Komplimente, sich in der Affaire
tadellos benommen zu haben, als mitten in die herrliche Stimmung Adler wie
ein Donner hineinfuhr:
»Aber jetzt muß Federscher das Duell annehmen! Das bleibt ihm nicht
geschenkt! =Je vais le battre comme une canaille!= Sie sind mein Zeuge,
Herr Laurent!«