20. _Ignatiew_: Mitglied des Z.K. der Partei der Volkssozialisten.
War im „Verband zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution“.
Unterhielt Verbindung zu bürgerlichen Organisationen, übermittelte
Gelder, stand in Beziehung zu fremden Militärmissionen.
* * * * *
34 Männer und Frauen standen vor dem Obersten Revolutionstribunal, 34
Männer und Frauen verkörperten die leidenschaftlichen Anstrengungen, der
Novemberrevolution den Garaus zu machen, ihre Wurzeln wieder
auszureißen, vor keinem Mittel zurückzuschrecken, keine Verbindung zu
scheuen, rastlos zu arbeiten, das durch Kriegswirren an den Rand des
Abgrunds gebrachte Land nicht zur Ruhe kommen, vielmehr alle Künste
spielen zu lassen, die eine jahrzehntelange Erfahrung in konspirativer
Tätigkeit unter dem Zarismus gezüchtet, verfeinert hatte. Es gab kein
Verbrechen, dessen sie nicht fähig waren, sie kannten keine Skrupel,
dachten dabei nie an ihre eigene Person, sie setzten sich restlos ein
und waren Meister ihres Faches geworden, Terror, Expropriationen,
Sprengungen waren ihnen zur Kunst geworden, der Tod war ihr steter
Gefährte, wie unsichtbar war bleiches Totengebein ihr ständiger
Begleiter – es gab in dieser Partei längst eine Psychologie des
politischen Mörders, es gab Analysen seiner Seelenstimmung; ehedem –
nach der fünfer Revolution hatte Savinkow in seinen Büchern diese
Stimmungen geschildert, er hatte das zwiespältige Wesen dieser Menschen
geschildert, er hatte ihr Grauen, ihre seelische Nacht gemalt, ihre
Fragen gestellt, ihre Unruhe, ihre Unrast in Worten festgehalten. Sie
waren alle Romantiker, Abenteurer, längst losgerissen von jeden
Beziehungen zur bürgerlichen Welt; die revolutionäre konspirative
Tätigkeit war ihnen zum Selbstzweck geworden; die Konspiration war ihr
Beruf, die Negation ihre einzige Antwort, die Ratlosigkeit ihr ständiges
Grundgefühl. Die Sozialrevolutionäre waren die Erben der alten
Narodniki: jener Männer und Frauen, die Turgenjew zuerst geschildert
hat, deren Urtyp Bassarow war, den man heute ganz fälschlich immer zum
Urbild Lenins macht. In der „Neuen Generation“ findet man eine solche
echte Sozialrevolutionärin: konspirativ, längst verzichtend auf alle
Geschenke des Lebens und jedes Wohlleben, immer gehetzt und immer im
Zuge. Die Männer und Frauen, die Alexander II. hinrichteten, waren
solche Narodniki – sie waren die Vorkämpfer der Revolution in den
Jahren, als es in Rußland noch kein Industrieproletariat gab. Und es ist
typisch, daß alle diese Narodniki Intellektuelle waren, dem Bürgertum
entsprangen und in Fehde mit ihrer Klasse lebten. „Ins Volk gehen“ hieß
jener Terminus, den man auch bei Turgenjew so oft findet. Ins dumpfe,
unterdrückte Volk, das noch wie im Halbschlummer lag und wohl wußte, daß
es ihm nicht gut ging, aber nicht wußte, wie es sich befreien sollte.
[Illustration: Gesamtansicht des Saales im Vereinshaus]
Die Lehre vom „individuellen Terror“ war ein Fundament des Programms der
S.R. geworden; sie konnte nur mit einer solchen unwiderstehlichen Macht
in einer Partei um sich greifen, die früher nie mehr als eine Sekte sein
wollte und sein konnte. Erst aus dem Zusammenschluß zahlreicher „Sekten“
hat sich 1900 jenes Gebilde der S.R.P. ergeben, die gar keine straffe
Einheit darstellte, und deren eigentlichstes Rückgrat immer nur
„Kampforganisationen“ gewesen sind, die mit unerhörter Kühnheit und
seltenem Raffinement, mit grenzenloser Todesverachtung und fanatischem
Enthusiasmus beinahe ein volles Jahrzehnt Attentat auf Attentat gegen
die Vertreter des Zarismus verübten. Und fast alle diese Richter und
Rächer des Volkes sind in den Tod gegangen. Sie ließen sich festnehmen,
sie wurden zuweilen gefoltert, sie erlitten die grausamen Methoden einer
ruchlosen Justiz, sie erlitten Schmähungen, manche erfuhren noch – mit
dem Strick um den Hals – daß man nicht einmal unter diesem verrotteten
Regime zu hängen verstand. Kibaltschisch wurde viermal gehängt, Kalajew
zweimal ...
Ein seltsamer mystischer Zauber hat alle diese Menschen umfangen. Von
Kalajew, dem Attentäter des Großfürsten Sergius, werden die Worte
überliefert: „Ich will für meine Sache sterben“ – Worte, die schon ein
Sektierer, ein Märtyrer im Rausch gesprochen haben könnte. Andere
schritten unter dem Gesang ihrer Revolutionshymne zum Galgen, bevor sie
in die ewige Nacht hinüberschwebten. Sie haben ihr eigenstes Ich bis in
jene Sphären zu steigern vermocht, in denen längst die Stimme der
Erkenntnis schwieg.
Sie hatten es immer mit dem „Ich“ zu tun. Sie sahen immer nur die
Persönlichkeit, sie sind in Wahrheit Persönlichkeitsfanatiker gewesen,
die letzten fernen Nachgeborenen der Renaissance.
Personen waren ihre Feinde. Personen sahen sie auf Rußlands Thron, in
Rußlands Ämtern, auf Personen warfen sie die Bomben, Personen lauerten
sie wochen-, oft monatelang auf – ach Wilhelm Tell – dieser Urtyp eines
Sozialrevolutionärs, hatte es leicht hinter seinem Holunderstrauch.
Man kann hier schon fast von einer Systematik des politischen Mordes
sprechen. Savinkow hat eine ganze Schule ausgebildet. Junge Menschen
liefen zu Tschernow wie zu einem Heiligen, um sich von ihm theoretisch
über die Berechtigung des individuellen Terrors unterweisen zu lassen.
Und so fruchtlos im Grunde alle diese Attentate gewesen sind, auf die
große Masse hat diese Sekte von Frauen und Männern, die mit dem Tode
vertrauter schienen als gewöhnlich, eine faszinierende Wirkung ausgeübt.
Ein dunkel strahlender Schimmer von Romantik umgab diese Helden; er war
stärker als das Dämmerlicht der engen Gelehrtenstube Lenins.
Aber die Geschichte hat es weniger mit Personen als mit Verhältnissen zu
tun. Und auch der Tod ist nur eine individuelle Angelegenheit. Der
vornehmste Unterschied zwischen den S.R. und den Bolschewiki ruht gerade
in dieser verschiedenen Auffassung von Personen und Verhältnissen.
Als der Zar und die ganze alte Autokratie im Frühjahr 1917 gestürzt
wurde, war es natürlich, daß die Bauern und auch zahlreiche Arbeiter in
ungeheuren Scharen zur S.R. übergingen. Die S.R. wurden zur eigenen
Überraschung eine Massenpartei, ihnen vertraute die unterdrückte
Bauernschaft, für die nicht nur erst der Krieg grausame Folgen gehabt
hatte – sie wollten ihr Land haben, sie wollten der Lasten ledig sein,
mit denen sie der Grundbesitz beschwert hatte, sie wollten vor allem das
Ende des aussichtslosen Krieges, der ihnen ihre Söhne raubte. Die
„Provisorische Regierung“ Kerenskis setzte sich aus Vertretern der
Großindustrie, des Großgrundbesitzes und der Kleinbürger zusammen. Sie
war fest entschlossen, den Krieg an der Seite der Entente
weiterzuführen, sie unterstrich jetzt den Charakter des
Befreiungskrieges gegen den deutschen Imperialismus, aber sie gab
bereits viele Forderungen des Zarismus preis: die Kuppel der Hagia
Sophia entschwand in unsichtbare Fernen. Die Entente aber hat einen
eisernen Druck auf die „Provisorische Regierung“ ausgeübt, weil sie die
russische Hilfe gegen die Mittelmächte nicht zu entbehren glaubte, weil
ihr das Geld leid tat, das sie für die Ausrüstung des russischen Heeres
hergegeben hatte. Man brauchte Rußland. Und trieb es bis an den
äußersten Abgrund. Die fremden Botschafter und Militärmissionen ließen
alle ihre Künste spielen, die II. Internationale entsandte ihre
Vertreter, um Kerenski an der Stange zu halten. Dabei mußte der
russische Generalstabschef Gurko erklären, im Laufe des Jahres 1917
bedürfe das russische Heer unbedingt der Ruhe. Den fremden Botschaftern
blieb die Lage weder in den Städten noch auf dem Lande verborgen. Die
Bewegung gegen den Krieg wurde immer stärker. Die Julioffensive an der
deutschen Front brach nach Teilerfolgen zusammen, noch wurde ein
Aufstandsversuch der Bolschewiki mühsam abgewehrt, inzwischen wechselten
die Minister; die Front geriet in Zersetzung, die Deutschen machten
erfolgreiche Vorstöße, die Offensive der Alliierten im Westen kam trotz
ungeheurer Opfer nicht vom Fleck. In den Städten wuchs die Not. Die
Bauern sahen bald, daß der Sturz des Zarismus an ihrer Lage nichts
geändert hatte; die S.R. Minister gaben eitle Versprechungen und waren
völlig ohnmächtig, setzten nichts in ihren Ressorts durch; überall
herrschte Sabotage und offene Brüskierung. Tschernow ging. Und Kerenski
redete.
Eine Weile schien sogar eine Militärdiktatur zu drohen, der General
Kornilow marschierte gegen Petrograd, um „Ordnung“ zu schaffen –
Kerenski schien mit ihm zu verhandeln, ja sogar mit ihm im Einvernehmen
zu stehen – die Arbeiter von Petrograd haben Kornilow davongejagt. Und
dann brach plötzlich das ganze Gebäude kläglich zusammen, als die Partei
der Bolschewiki geschlossen und entschlossen vorstieß, den alten
Staatsapparat völlig zertrümmerte, den Bauern das Land gab, der Armee
den Frieden, den Arbeitern die ökonomische Freiheit und die Herrschaft.
Die Bolschewiki schufen die Einheit Rußlands. Arbeiter, Soldaten, Bauern
– die werktätigen Schichten wurden zusammengeschlossen. Die Bolschewiki
vermochten ihren sämtlichen Forderungen zu genügen.
Gegen sie standen die Fremden – die Fremden aller Art: die Klasse der
Großindustriellen und Großgrundbesitzer, die ohne Privilegien nicht mehr
zu leben vermochten, die fremden Botschafter und Militärmissionen, die
Parteiführer, die seit dem März 1917 Rußland regiert und Rußland nicht
verstanden hatten; nun war ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen,
sie verloren nicht nur alle materiellen Grundlagen, sie verloren vor
allem auch die Bindung mit der Gesamtheit der Nation, sie waren nicht
mehr Rußland. Sie waren Außenseiter einer Gesellschaft geworden, die
nach neuen ökonomischen Gesetzen ihr Dasein zu formen bestrebt war.
Mitten in das Chaos des Krieges verkündeten die Bolschewiki _ihre_
Kriegslosung gegen das Kapital. Sie verließen die Schützengräben der
Nation und warfen die Schützengräben zwischen den Klassen auf. Die S.R.
aber zögerten nicht einen Augenblick und harrten in den Schützengräben
der Nation aus, obschon einer der ihren – Tschernow – Teilnehmer der
Zimmerwalder Konferenz gewesen war.
* * * * *
In den Verhandlungen gaben die Angeklagten zu, den Kampf mit allen
Mitteln gegen die Bolschewiki geführt zu haben, und unumwunden rief
Timofejew aus: „Wir werden nie aufhören, euch zu bekämpfen, wir stehen
zu unseren Taten.“
So erweiterte sich das Tribunal über den Gerichtshof hinaus, so
vollendete sich in diesem Saale das Schicksal der russischen Revolution.
Der Prozeß war der dramatisch bewegte Schlußakt des Bürgerkrieges in
Rußland. Über zwei Monate zogen sich die Redeschlachten hin, die
Angeklagten genossen vollste Redefreiheit, manche ergingen sich in
stundenlangen Ausführungen, nie wurde einem Redner das Wort entzogen,
zuweilen kam es zu Beifallsäußerungen im Saale, die der Vorsitzende
ruhig aber bestimmt rügte. Die gewandtesten Sprecher Rußlands lieferten
sich Gefechte. Nie wurden Ankläger oder Vorsitzende im Ton kleinlich und
gehässig; nirgends hat man in einem bürgerlichen Staate erlebt, daß
Angeklagte so menschlich, so unpersönlich behandelt wurden. Die S.R.
haben diesen Prozeß selbst verlangt, sie fürchteten sich nicht vor dem
Ende an der Mauer; als die ausländischen Verteidiger ihnen im Gefängnis
eröffneten, daß man Garantien besitze, die Todesstrafe würde nicht
verhängt werden, lächelten sie – darauf komme es nicht an, viel mehr
liege ihnen daran, sprechen zu dürfen. Da ihre Partei zerschlagen, ihre
Presse verboten war, bot sich jetzt die einzige Möglichkeit, noch einmal
für die alten demokratischen Ideen, für das Ideal der Volksgemeinschaft
zu werben – in aller Öffentlichkeit.
Die Bolschewiki haben diesen Prozeß in aller Öffentlichkeit geführt vor
dem Angesicht Europas, um die S.R. in ihrer Stellung zur arbeitenden
Klasse zu entlarven. Sie luden den greisen Anatole France nach Moskau
ein, sie brauchten seine Skepsis nicht zu scheuen. Anatole France ist
nicht gekommen.
Damals begannen die Wellen der Revolution zu verebben, der Faszismus
blühte in Deutschland, die Möglichkeit der Weltrevolution rückte in die
Ferne, die Wirtschaftspolitik Rußlands mußte jene neue Richtung
erfahren, die unter dem Namen NEP bekannt geworden ist. Der Staat war
bemüht, unter allen Umständen den Wirtschaftsapparat fest in der Hand zu
behalten, der Privatwirtschaft und dem Auslandskapital nur die
notwendigsten Zugeständnisse zu machen. So kam es darauf an, diesen
Unterschied zwischen dem Staatssozialismus der Bolschewiki und dem
Wirtschaftsanarchismus der S.R. zu unterstreichen. Und jede Anklage
gegen die S.R. bedeutete zugleich eine Verteidigung des eigenen Systems.
Hatten die S.R. mit ihren Methoden die Arbeiter und Bauern zugunsten der
Besitzenden preisgegeben, so versuchten die Bolschewiki alle
Konzessionen nur im Interesse der Arbeiter und Bauern zu machen.
Zentralisation hier, und Dezentralisation dort. Den Arbeitern der Welt
sollte gezeigt werden, wie sich die S.R. so völlig im Gegensatz zu den
Bolschewiki den imperialistischen Mächten angeboten hatten. Die
unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Bourgeoisie und Proletariat sollten
aufgezeigt werden, und überall bemühte man sich, den Charakter der S.R.
zu enthüllen, die einen Volksstaat, aber keinen proletarischen Staat zu
errichten gedachten. Der Prozeß war eine in der Weltgeschichte unerhörte
Demonstration aggressiven Charakters gegen die Parteien der Erde, die
versuchten, Gegensätze zu überbrücken, statt zu verschärfen. Der Beweis
sollte erbracht werden, daß die S.R. Außenseiter der neuen
Gesellschaftsordnung waren. Und so läßt sich bei der Eröffnung
internationaler Perspektiven das Erscheinen deutscher und belgischer
Advokaten vor dem Tribunal erklären: Vandervelde, Liebknecht, Wauters,
Rosenfeld. Man empfing sie höhnisch beim Betreten des sowjetrussischen
Gebietes, Moskauer Arbeiter pfiffen sie bei ihrer Ankunft aus, und im
großen Demonstrationszug sah man die Karikaturen dieser Männer, die als
Politiker aus einer verlorenen Sache eine Sache der Märtyrer zu machen
gedachten und davonliefen, als man ihnen nicht zugestehen wollte, daß
ihre Stenogramme offiziellen Charakter trügen. Vandervelde offenbarte
sein völliges Mißverständnis für die proletarische Struktur des
russischen Staates, als er die belgische Justiz rühmte – höhnisch rief
man ihm, dem „Proletarierführer“, zu: Minister Seiner Majestät. War er
nicht noch im Kriege sogar als Beauftragter dieses Königs erschienen, um
dem Zaren seine Reverenz zu machen und auf russische Arbeiterführer im
Sinne des „Durchhaltens“ einzuwirken? Der Name „Liebknecht“ hatte unter
den russischen Arbeitern besonderen Klang, in jeder Stadt geht man heute
durch eine „Karl-Liebknecht-Straße“ – nun erschien der Bruder des
ermordeten Karl, um Männer zu verteidigen, die angeklagt waren, auf
Lenin, Trotzki, Sinowjew Attentate geplant, Wolodarski ermordet zu
haben! Die Masse des russischen Proletariats war in ihrem tiefsten
Innern aufgewühlt – sie fühlte sich selbst zum Richter über Männer
berufen, die ihre eigensten Interessen gefährdet hatten. So waren
Angeklagten- und Verteidigerbänke nicht mehr zu trennen, Verteidiger
wurden zu Angeklagten. Sie konnten nicht anders entrinnen als durch
Einsprüche gegen formale Verletzungen, endlich durch die Flucht.
* * * * *
Die erste Gruppe der Angeklagten hat in diesen Monaten kein eigentliches
Geständnis gemacht; ihre Taktik lief stets darauf hinaus, durch den
Angriff die Anklagen zu parieren, dabei verwickelten sie sich ständig in
Widersprüche; ihre Lage war um so gefährdeter, da die Werkzeuge der
Methoden ihrer Politik sich gegen sie wandten. Sie gaben zu, den
Junkeraufstand organisiert und Truppen in Marsch von Gatschina gegen
Petrograd gesetzt zu haben, sie konnten nicht leugnen, mit den
Militärmissionen in Verbindung gestanden zu haben, sie vermochten
natürlich nicht ihre Teilnahme an der Konstituante von Samara zu
bestreiten. Ihre ganze Haltung gegen die Sowjets versuchten sie ja
gerade durch ihr Festhalten an der Konstituante, an den
parlamentarischen Regierungsformen zu erklären; damit wurde das ganze
Problem „Demokratie“ und „Diktatur“ aufgeworfen; alle ihre Schritte
begründeten sie mit diesem Kampf für die Konstituante, jenes Parlament,
das nur einen einzigen Tag zusammentreten durfte, in dem die S.R. die
Mehrheit hatten, deren Präsident Tschernow gewesen war. Die Wahlen zur
Konstituante waren monatelang verzögert worden; die „Provisorische
Regierung“ ist eigentlich nur eine Art Direktorium gewesen; niemand
wünschte den Zusammentritt des Parlamentes, das die Schwierigkeiten nur
noch erhöhen konnte. Erst als die Sowjets die Macht an sich gerissen
hatten, versuchten die S.R. _ihre_ Konstituante auszuspielen, zu ihrem
Schutz bewaffnete Demonstrationen zu veranstalten. Aber Zeugen,
Mitglieder der S.R., bekundeten, daß sich niemand fand, der für die
Konstituante sein Leben eingesetzt hatte, die militärischen
Organisationen versagten völlig – und in der späten Abendstunde des 5.
Januar 1918 genügte die Aufforderung eines einzigen Mannes, eines
Matrosen: die Konstituante wurde aufgelöst – „Alle Macht den Räten“ –
den unmittelbar aus den Betrieben hervorgegangenen Deputierten.
Der II. Rätekongreß hatte bereits drei Tage nach der Machtergreifung
durch die bolschewistische Partei die neue Regierung bestätigt; man war
sich des rein proletarischen Charakters dieser Regierung bewußt, vor
allem aber ihrer radikalen Einstellung gegen die Bourgeoisie in allen
ihren Schattierungen. Die S.R.P. befand sich in völliger Auflösung und
Verwirrung; ihre Führer versuchten sich sofort einiger Regimenter zu
versichern; aber Gotz wurde ausgelacht, Tschernow hatte den Kopf
verloren, Kerenski zog sich um und verschwand bei Nacht und Nebel. In
dieser verzweifelten Lage knüpfte Gotz sofort Verbindungen mit
bürgerlichen Organisationen an, aber vergebens brachte man bewaffnete
Organisationen zusammen, – es existierten nur noch Stäbe ohne Soldaten.
In Petrograd schlugen sich die Junker tapfer zwei Tage lang – Gotz
leugnet nicht, als Mitglied eines Militärstabes gemeinsam mit
bürgerlichen Elementen diese Revolte der jungen Bourgeoisie organisiert
zu haben. Er muß zugeben, daß auf der Seite der Junker keine Arbeiter
gekämpft haben; für das Tribunal war diese Gemeinschaft der Führer der
S.R. mit Vertretern der Bourgeoisie von entscheidender Bedeutung. Und
mit derselben Genugtuung wurde festgestellt, daß sich an den Umzügen für
die Konstituante in der Mehrheit Damen und Herren, aber fast keine
Arbeiter beteiligt hatten.
Damals saßen noch in Rußland die Botschafter und Militärmissionen der
Entente, denen über Nacht die Aufgabe erwuchs, die Interessen jener
Kapitalisten wahrzunehmen, die große Kapitalien in der russischen
Industrie angelegt hatten. Der Sturz der Kerenskiregierung hatte die
Entente eines Bundesgenossen beraubt, der zwar nicht mehr imstande
schien, der deutschen Front einen entscheidenden Schlag zu versetzen,
aber mindestens zahlreiche Kräfte zu fesseln vermochte, die eine
Offensive der Deutschen im Westen unmöglich machten. Die Botschafter
hatten bereits längst den Zusammenbruch Rußlands vorausgesehen; die
Entente war ferner unzweifelhaft nicht imstande, Rußland mit
Kriegsmaterial so ausreichend zu versorgen, um weiter als ernstlicher
Gegner Deutschlands in Betracht zu kommen. Es mußte der Entente nach dem
Zusammenbruch der russischen Front vor allem daran gelegen sein, vor der
sozialen Revolution zu retten, was nur irgend möglich war. Paléologue
hat bereits seit dem Kriegsausbruch argwöhnisch die Arbeiterbewegung
beobachtet und verzweifelt die Mißerfolge der Kerenskiregierung
verfolgt. Ungeheure Kapitalien waren in der russischen Industrie
fundiert. Die Nationalisierung der Betriebe war vor allem ein Schlag
gegen das ausländische Kapital. Notwendig mußte sich bei solcher Lage
ein enges Bündnis zwischen allen besitzenden Schichten und den
Ententevertretern ergeben. Und die Demokratie, die das Eigentum
unbedingt anerkannte und die Freiheit des Individuums postulierte, mußte
die Staatsform sein, zu der sich diese Koalition bekannte. In den S.R.
sah man dank ihres moralischen Einflusses auf breite Massen die
geeigneten Männer, einer solchen Politik Dienste zu leisten.
* * * * *
Am achten Verhandlungstage erschien vor dem Obersten Tribunal ein
merkwürdiger, schwarzgekleideter Mann mit hagerem, hartem
Gesichtsausdruck, dunklen, unbeweglichen, unerbittlichen Augen; seine
Sprache verriet französischen Akzent, seine Aussagen erfolgten mit
großer Bestimmtheit und Energie. Der Mann erinnerte eher an einen
strengen Asketen einer mittelalterlichen Sekte, er hatte etwas
Mönchisches in seiner kalten Unnahbarkeit und Geschlossenheit.
Es war der ehemalige Offizier der französischen Republik – Pierre
Pascal, der vor dem Tribunal die Beziehungen zwischen den
Ententevertretern und der sozialrevolutionären Partei schilderte.
Pascal war an der Westfront verwundet worden, da er nicht mehr
felddiensttauglich war, wurde er der französischen Militärmission in
Rußland überwiesen. Beim Ausbruch der Oktoberrevolution sympathisierte
Pascal mit den Bolschewiki; als die Militärmission Rußland verlassen
mußte, blieb Pascal zurück und arbeitete für die russische
kommunistische Partei. Er war ein Kamerad jenes Hauptmanns Sadoul, der
im Frühjahr 1925 vom Kriegsgericht zu Orleans wegen Hochverrat
freigesprochen wurde.
In seinen Aussagen erklärte Pascal:
„Als Angestellter der französischen Mission hatte ich verschiedene
Arbeiten zu verrichten. Eine Zeit lang wurde ich mit der Dechiffrierung
und mit der Redaktion der für die Kommandanten der Mission, die Generäle
Lavergne und Niessel bestimmten Berichte betraut. _Die französische
militärische Mission unterhielt ständig enge Verbindung mit den S.R._
Das Ziel der Tätigkeit der französischen Mission in der Periode vom
Oktoberumsturz bis zum Brest-Litowsker Frieden war, Rußland zu _zerlegen
und zu schwächen_.
Zum Zwecke der politischen Schwächung teilten die Verbündeten Rußland in
Einflußsphären. Frankreich wurde der Süden zugeteilt, die Krim und ein
Teil des Kaukasus inbegriffen. Der andere Teil des Kaukasus kam in die
englische Einflußsphäre. Repräsentant des Einflusses in der südlichen,
Frankreich zugeteilten Sphäre war General Berthelot, der sich damals in
Rumänien befand. Zum Zwecke der wirtschaftlichen Schwächung Rußlands hat
Frankreich damals die Streiks unterstützt, besonders den Streik der
Staatsangestellten und Beamten. Außerordentliche Aufmerksamkeit hat es
dem Streik im Kommissariat für die Volksernährung gewidmet. „_Dieser
Streik_,“ erklärte der Chef der Mission, „_wird eine große Bedeutung_
haben.“ Die Streikenden vernichteten alle Vorräte. Moskau blieb ohne
Zufuhr von Nahrungsmitteln. Das Geld für die Streikenden gaben die
Banken, besonders die _Russisch-Asiatische Bank_, die ganz unter dem
Einfluß der französischen Mission stand.
Die politische Arbeit der französischen Mission leitete der französische
Gesandte Noulens. Er hielt sich damals in Wologda auf, wo er den _Stab
der Konterrevolution_ schuf. Dort wurde ein genauer Plan einer
bewaffneten Eroberung von Sowjetrußland ausgearbeitet. Es wurde
beschlossen, die Basis für den späteren Aufmarsch der Konterrevolution
an verschiedenen Punkten der Peripherie Sowjetrußlands zu schaffen.
Tschechoslowakische, elsässische, serbische, polnische Legionen wurden
organisiert. Im Interesse der konterrevolutionären Arbeit wurden in die
größeren Städte Rußlands legale französische Konsuln geschickt. Die
Aufstände der Tschechoslowaken und in Jaroslaw wurden unter der aktiven
und unmittelbaren Teilnahme der französischen militärischen Mission und
des gewesenen französischen Gesandten Noulens entfacht.
Nach dem Aufstand der Tschechoslowaken entfaltete die französische
Mission eine noch lebhaftere Tätigkeit. Es wurde ein Plan ausgearbeitet,
Moskau in einem engen Kreise zu umzingeln. Man beschloß, Jaroslaw,
Nishnij-Nowgorod, Tambow und andere im Kreise um Moskau liegende Städte
zu besetzen. Ziel dieser Umzingelung war, Moskau und Zentralrußland zu
isolieren, die Zufuhr der Nahrungsmittel zu verhindern und in der
Hauptstadt Hungersnot hervorzurufen. Aus diesem Grunde wurden die
Aufstände in Jaroslaw, Tambow und anderen Städten angezettelt.
Als die Aktion der Tschechoslowaken und der Aufstand in den Provinzen
nicht zum Erfolg führten, ging die französische Mission zu einer anderen
Art von Tätigkeit über. Ich _selbst habe ein chiffriertes Telegramm
gelesen, in dem über Terror gesprochen wurde. Ich kann bestimmt sagen,
die französische Mission hat sich mit Aufforderungen zum Terror befaßt.
Sie hat darauf spekuliert, der Terror werde blutige Repressalien_ der
Sowjetregierung hervorrufen. Die _Repressalien_ würden die Empörung
_wecken und so die Zahl_ der Gegner der Sowjetregierung vermehren. Als
ich am _zweiten_ Tag nach dem _Attentat auf Lenin_ in die Mission kam,
hat mich der Chef der Mission, Lavergne, mit der Frage empfangen: „Haben
Sie gelesen, was sie über uns schreiben? Als ob wir an dem Attentat an
Lenin beteiligt wären ...“ Als ich schwieg, sagte General Lavergne: „Ich
weiß nicht, wie weit Lockart (der ehemalige englische Gesandte in
Moskau) beteiligt ist; _ich_ bin nicht beteiligt.“ Dies sagte er so, daß
ich den Eindruck hatte, _General Lavergne müsse_ an dem _Attentat_
beteiligt sein.“
Auf die Frage des Verteidigers Murawjew, welche politischen Ziele die
französische Mission verfolgt habe, ob sie die Sowjets stürzen wollte
oder für den Kampf mit Deutschland zu gewinnen suchte, antwortete
Pascal: „Meiner Ansicht nach war das letzte, eigentliche Ziel der
französischen Regierung, die Regierung der Sowjets zu stürzen.“
„Was waren die Pläne der französischen Mission?“ fragte Krylenko den
Zeugen.
„Die Sowjetmacht zu stürzen. Zuerst scheinbar eine Koalitionsregierung
zu bilden, dann aber sich von den sozialistischen Elementen zu befreien,
und eine Kadettenregierung zu bilden.“
„Wie war das Verhältnis der französischen Mission zu den russischen
Arbeitermassen?“ ... „Das verächtlichste!“ erwiderte Pascal.
„Glauben Sie, daß die französische Mission eine Partei unterstützt
hätte, die den Sturz der Sowjetmacht nicht anstrebte?“
„Noulens hätte es nicht getan,“ erwiderte Pascal kurz und mit Nachdruck.
„Wie war das persönliche Verhältnis Noulens’ zu den Russen?“ „Ich wies
darauf schon hin, daß alle, angefangen vom Chef der Mission, bis zum
letzten französischen Offizier, von den Russen mit der größten
Verachtung sprachen ...“ – Eines Tages kehrte Pascal im Zuge mit Noulens
nach Moskau zurück. Der Zufall wollte es, daß er mit einem russischen
Soldaten in einem Wagen übernachten mußte. Als Noulens davon Kenntnis
erhielt, sprach er seine Mißbilligung darüber aus, daß Pascal mit einem
Bolschewiken zusammen war. Pascal bemerkte, es wäre kein „Bolschewik“,
sondern ein gewöhnlicher russischer Soldat. Darauf erwiderte Noulens:
„Ganz egal, ich will nicht, daß ein Russe in meinem Zuge übernachtet.“
Der Verteidiger Schubin interessiert sich für die Frage: Wie hätte sich
die französische Regierung zu einem Kriege der Sowjetmacht gegen
Deutschland verhalten.
Pascal erwidert:
„Der Haß der französischen Regierung gegen die Bolschewiki war so groß,
daß sie kaum die ruhige Existenz dieser Macht zugelassen haben würde.“
„Wurde die östliche Front letzten Endes doch geschaffen?“ fragten den
Zeugen die Verteidiger der zweiten Gruppe der Angeklagten.
„Ja, es wurde eine antisowjetistische, aber nicht eine antideutsche
Front gebildet,“ erwidert Pascal.
Krylenko kommt auf die Frage der Subventionen der verschiedenen
antisowjetistischen Organisationen durch die französische Mission zu
sprechen.
Pascal erklärte, daß alle diese Organisationen der Sowjetmacht feindlich
gesinnt waren und aus französischen Staatsmitteln unterstützt wurden.
Der Sekretär Petit habe Pascal selbst mitgeteilt, welche Gruppen von den
Franzosen Gelder empfingen.
Der Verteidiger Tager ersucht Pascal, auszusagen, welche terroristischen
Akte die S.R. mit moralischer Billigung der Entente zur Ausführung
gebracht hätten. Pascal weist auf die Verwundung Lenins, den Mord
Wolodarskis hin.
Die Aussagen Pascals machten einen sehr starken Eindruck, der noch durch
Aussagen anderer Franzosen verstärkt wurde.
_Frossard_, der Sekretär der Kommunistischen Partei Frankreichs wurde
drei Stunden lang über die Beziehungen der französischen Regierung zu
sowjetfeindlichen Organisationen vernommen. Seine Aussage ergab: Die
Politik der französischen Regierung baute sich von 1917 bis 1922 auf
ununterbrochenen Interventionen auf. Die französische Regierung dachte
nicht daran, die Macht in Rußland einer _sozialistischen Regierung zu
übergeben, denn sie betrachtete als feste Regierungsform für Rußland die
konstitutionelle Monarchie und unterstützte alle auf einen Sturz der
Bolschewisten zielenden Versuche, gleichviel, von wem sie ausgingen_.
Die Ententebotschafter hätten alle Mittel aufgeboten, den
konterrevolutionären Versuchen im Innern des Landes Vorschub geleistet
und Anschläge gegen einzelne Vertreter der Sowjetmacht angestiftet.
Diese Aktionen haben der französischen Republik monatlich 50 Millionen
Francs gekostet; die Gesamtkosten aller Interventionen kamen dem
französischen Volke auf etwa 1 Milliarde Francs zu stehen.
Der Angeklagte _Timofejew_ bemüht sich, den Beweis zu führen, die S.R.
wären Gegner jeder Intervention gewesen. Aber kann er bestreiten, daß
die Tschechoslowaken von französischen und englischen Offizieren geführt
wurden und als Elitetruppe der Regierung von Samara galten? daß die S.R.
im Wolgagebiet gemeinsam mit diesen Truppen gekämpft haben? Kann er
bestreiten, daß er selbst Verhandlungen mit der Entente geführt hat?
Krylenko legt ihm Dokumente vor, aus denen das engste Einvernehmen der
S.R. mit den Ententetruppen im Murmangebiet erhellt, die Entente hat
dort sogar ohne jeden russischen Einfluß völlig selbständig operiert; es
gab ein alliiertes Oberkommando, von dem die S.R. Vertreter Befehle
empfingen! Timofjejew versucht noch einmal einzuwenden, es habe sich nur
um die Wiederaufrichtung der Front gegen das imperialistische
Deutschland gehandelt – noch einmal greift Pascal ein und wiederholt
seine Aussagen über die Einstellung der Entente zur Sowjetregierung – es
kam in erster Linie darauf an, die Diktatur des Proletariats zu stürzen
und der kapitalistischen Ordnung zur Macht zu verhelfen. Das war der
ganze Sinn des Kampfes gegen die Sowjets.
Einige Tage später eröffnete _René Marchand_ dieselben Perspektiven; er
kann konkrete Angaben über die direkten Beziehungen der Ententemissionen
zu den S.R. machen. _In seiner Gegenwart erhielt das Mitglied der
Mission, Ehrlich, 50000 Rubel für die S.R. von der Mission. Über andere
Anweisungen der Mission habe er noch vom Kassierer der Mission erfahren.
Nach Abfahrt der französischen Mission wurden die Gelder für
Unterstützung der S.R. dem dänischen Konsulat übergeben, mit dem der
S.R. Elias Minor in Verbindung gestanden habe._
Der ehemalige Kriegsminister _Werchowski_ bestätigt die Gelderhergabe
der Entente an weißgardistische Organisationen, der Name eines Generals
_Suwarow_ taucht auf, der von der französischen Mission Gelder empfing
und an Organisationen weiterleitete. Dieser Suwarow war Mitglied eines
Militärstabes, dem Vertreter verschiedener bürgerlicher Parteien
angehörten; aber auch der S.R. _Gotz_ war Mitglied des Stabes; er
bestreitet es nicht.
Die Aussagen dieser Zeugen haben im Frühjahr 1925 in Orleans eine
Bestätigung durch den _Major Laurent_ erfahren, dessen Name bereits im
Moskauer Prozeß aufgetaucht war: René Marchand hatte ausgesagt, daß
dieser Laurent mit den S.R. verhandelt hätte, um militärische
Organisationen vorzubereiten, man hatte besonders lange darüber beraten,
wie man S.R. in die Rote Armee als Kommandeure einschmuggelte.
Laurent ist in Orleans persönlich erschienen und erklärte unter seinem
Eid vor dem bürgerlichen Gericht, daß man terroristische Akte gegen die
Führer der Sowjets nicht nur moralisch gebilligt, sondern selbst solche
Attentate gegen Trotzki und andere Führer der Sowjetrepublik geplant
hätte ...
Man hat immer versucht, die Beziehungen der S.R. zur Entente zu
verschleiern, Semjonow, der vor Gericht keineswegs im Mittelpunkt stand,
wurde als einziger Zeuge dargestellt; da er den S.R. den Rücken gewandt
und ihre Machenschaften preisgegeben hatte, war es ein leichtes, ihn als
Provokateur hinzustellen. Aber dabei verschwieg man, daß dieser Semjonow
immer eine große Rolle in den Kampforganisationen gespielt hatte und auf
dem Parteitag der S.R. zum führenden Mitglied des Stabes der
Kampforganisation der S.R. ernannt worden war; er hatte nie eine geringe
Rolle gespielt; ihm war die gesamte terroristische Tätigkeit in den
Reihen der Sowjettruppen anvertraut, als die Samararegierung auf allen
Fronten gegen Moskau vorrückte. Semjonow hatte sein Leben in die Schanze
geschlagen. Vor Gericht erblickte man einen mittelgroßen, etwas
schmächtigen Mann von einigen 30 Jahren, er erinnerte eher an einen
Menschen, der aus einem Bureau kam, als an einen Terroristen; hellblond,
bleich, immer etwas übernächtigt, offenbar schwer in innere Kämpfe
verstrickt, äußerst nervös, nur während seiner Aussagen stets
gleichmütig, ganz ohne jede Pose – war er in diesen Verhandlungen am
meisten exponiert – er – als Renegat – war leicht anzugreifen, dabei
trafen seine eigenen Angriffe immer die wundesten Stellen. Wenn
Schwierigkeiten entstanden, so infolge der Zwiespältigkeit und Halbheit
der S.R. überhaupt; ihr Schwanken und Schillern, ihre Halbheit und
Unschlüssigkeit erschwerte die einfache, klare Feststellung der
Vorgänge. Die S.R. Partei war nie ein festes Gefüge – sie war es erst
recht nicht im Bürgerkriege, in der Zeit der Illegalität. Es konnte sehr
leicht möglich sein, daß die Mitglieder der Zentralkomitees durchaus
nicht derselben Meinung waren, und daß jener billigte, was dieser
verwarf. Es gab eine Instanz, die für alles Geschehen verantwortlich
war: eben das Zentralkomitee – aber es gab im Grunde keine Personen, die
verantwortlich sein wollten – es gab Meinungen von Personen. Und jemand
konnte schon individuell seinem Standpunkt Ausdruck gegeben haben – war
es für die Partei als Ganzes unbequem, so leugnete man später ab. Es gab
keine Führung, kein Programm, niemand gab Direktiven, weil alle sich
berufen fühlten. Semjonow, ein altes Mitglied der Partei, holte sich für
alle seine Unternehmungen die Genehmigung des Z.K. Da er rührig,
umsichtig und verwegen war, schien er wertvoll – man ließ ihn deshalb
gewähren, gab ausweichende Antworten, wollte bestimmte Akte geschehen
lassen und zauderte wieder, sie zu genehmigen. Eine Weile ließ sich das
Spiel der halben Zusage, des Nein-Ja-Sagens schon an; aber als sehr
ernste Taten geschehen waren, und die Mitglieder der Partei verlangten,
die Partei solle zu diesen Taten stehen, wich das Z.K. scheu zurück; der
Mord auf Wolodarski hätte eine Steigerung verlangt – wenn nicht gerade
den offenen Aufstand – so doch die offene Erklärung gegen die
proletarische Regierung – aber da nun die S.R.P. eine Arbeiterpartei
sein wollte, bedeutete solche Erklärung eine Kampfansage ans Proletariat
– Lenin war längst ein den Arbeitern teurer Name, welche Partei, die
auch nur mit der Arbeiterschaft sympathisierte, hätte ein solches
Attentat gutheißen können! Also wich man aus und gab die Täter, die ihr
Leben eingesetzt hatten, preis. Wundert man sich, daß die Täter endlich
das Lager verließen, in dem man ihnen nie den Rücken deckte? Mußten sie
nicht allmählich gewiß sein, daß diese Partei gar nicht wußte, was sie
wollte, wohin ihr Weg führte. Semjonow schreckte zurück, von
bürgerlichen Organisationen Gelder zu empfangen – Donskoi, Mitglied des
Z.K., erklärte höhnisch: „Non olet.“ Eine Weile schien es noch, als
könnten die S.R. eine selbständige Politik treiben; dann aber ballte
sich eine mächtige Front zusammen, die Bürger vor allem erwachten aus
ihrer Betäubung, die Entente bot alle Kräfte auf, ließ alle Minen
springen – die weißen Generale drängten von allen Seiten ins Land, die
S.R. wurden in die zweite Linie gestoßen, den Bürgern, den Generalen,
den fremden Missionen war offenbar, daß die Parolen der S.R. nirgends
mehr verfingen; der Kampf ließ sich nur noch mit brutalsten Mitteln
führen, das Gerede von der Demokratie sollte ein Ende haben,
rücksichtslos schob man alle Kulissen beiseite: auf offener Bühne
erschien der weiße Schrecken; die S.R. verhandelten mit dem
französischen Botschafter Noulens über die Zusammensetzung einer neuen
Regierung im Falle des Sieges der Samarafront. Die S.R. designierten
Tschernow: „Genug von sozialistischen Experimenten. Ich will nichts von
Tschernow wissen,“ erklärte Noulens barsch, damals einer der wahren
Herrn des weißen Rußlands. Die S.R. standen plötzlich verlassen da. Man
mag zur Beleuchtung der Lage die Memoiren weißer Generale nachlesen: sie
strotzen von Verachtung für die S.R. Je heftiger der Bürgerkrieg tobte,
desto geringer wurde der Einfluß der S.R. Sie hätten die Reihen der
Konterrevolution verlassen können – aber nachdem sie sogar eine ganze
Front der „Konstituante“ formiert hatten, war es unmöglich, diesen
Bankrott einzugestehen, ohne – mit blutbefleckten Händen – dem Fluche
der Lächerlichkeit, der Verachtung preisgegeben zu sein. Die Partei als
Ganzes mußte schon weiter vegetieren; aber ihr nie festgefügter Bau
zitterte in allen Gründen – die Mitglieder sprangen ab – so erklärt sich
Semjonows Abfall, seiner Komplizin Konopleva Reue, der anderen Bußgang –
je heftiger der Bürgerkrieg tobte, desto schärfer erkannte der S.R., wer
auf der Barrikade neben ihm stand – nicht der Arbeitsmann aus dem
Betrieb, nicht der Bauer, sondern der weiße Offizier, der Beamte, der
Student. Zu wessen Gunsten sollte Lenin fallen?!
* * * * *
Sawinkow hat 1924 in jener aufregenden Nachtsitzung vor dem Tribunal die
grauenhaft erniedrigenden Gefühle geschildert, die er in den Vorzimmern
der Ententeminister empfand. Er schildert sein Entsetzen, als Churchill
auf eine Karte wies und ihm „unser“ Rußland zeigte – diesen Ekel
Sawinkows sollte Semjonow nicht empfunden haben? Oder jener andere
Ignatiew, der auch zur 2. Gruppe der Angeklagten gehörte und sich vor
allem im Gebiete von Archangelsk betätigte?! Ignatiew schilderte, wie
die Ententetruppen im Norden gehaust hatten, Sondergerichte einsetzten,
Stäbe ernannten, denen die Russen untergeordnet waren. Immer wieder
durchtönte dieselbe Melodie dieses Trauerepos: wir wurden verächtlich
behandelt, man benutzte uns, die Besetzung von Archangelsk erfolgte nur
im Interesse der großindustriellen Machthaber. Ignatiew schilderte die
Taten der Weißen – immer waren die Arbeiter nur die Opfer, immer
richtete sich alles gegen das Proletariat. Der Blick auf den Nebenmann
war für den argwöhnischen, schwankenden Beobachter erschütternde
Erkenntnis.
Da saß unter den Angeklagten der 2. Gruppe ein hellblondes, mittelgroßes
Geschöpf – Lydia Konoplewa; erinnerte an ein Bauernmädchen, das sich
„hochgearbeitet“ hatte, vielleicht Lehrerin geworden war (die
kleinbürgerliche Physiognomie war überhaupt ein auffallendes Merkmal
aller dieser Typen); sie war ein guter Soldat der S.R. geworden,
sicherlich ohne eigene Gedankenwelt, aber vom festen Willen erfüllt, für
die Unterdrückten zu kämpfen; verwegen, erfinderisch, losgerissen von
jeder Tradition und den Formen der alten Gesellschaft, bereit, ihr Leben
zu opfern. Für sie hatte die Haltlosigkeit der S.R. die größte
Enttäuschung bedeutet; von ihr existiert ein Brief an Tschernow, in dem
sie sich auf Unterredungen mit ihm beruft, in deren Verlauf er sich
entrüstet über die ausweichende Haltung ihrer Auftraggeber ausgesprochen
und den Terror gebilligt habe. Aus dem Briefe spricht das Gefühl der
tief enttäuschten, verlassenen Kreatur, die man noch obendrein verhöhnt,
weil sie den Rückweg in die Gesellschaft, diesmal in die Gemeinschaft
des Proletariats, zurückfinden wollte. Diese Angeklagten der II. Gruppe
wollten keine Außenseiter sein, sie sind nicht die Führer der Partei
gewesen, vielleicht wird man sagen, sie hätten deshalb nicht draußen
bleiben können; aber sie waren irregeleitete, ausgenützte Geschöpfe –
sollten sie, da sie Reue empfanden und bekannten, die neue proletarische
Gemeinschaft nicht aufnehmen, gegen die sie ehedem die Hand erhoben
hatten, die jäh herniederfiel, als plötzlich die Erkenntnis zuckte:
_für_ wen erhebe ich die Hand?!
Die wahren S.R., die Führer der Partei, die Offiziere und Auftraggeber
kämpften noch vor dem Tribunal um diese isolierte Partei als um ein
Ganzes. Ein tragischer Schatten huschte zuweilen über ihr Geschick. Ihre
Anhänger im Lande hatten sie längst verlassen. Die Ruinen von Jaroslaw
waren ein furchtbares Memento. Die S.R. hatten die Macht gehabt, und die
Probe nicht bestanden. Die Bolschewiki hatten in vielen Stücken ihr
Programm ausgeführt – das warf man ihnen vor – „ihr habt uns bestohlen“.
Aber die Bolschewiki hatten es ausgeführt.
Die Führer kämpften vor dem Angesicht Europas; sie wichen in die weiten
Wüsteneien ihrer Zersplitterung und Haltlosigkeit zurück, wenn man sie
festhalten wollte; im Grunde waren sie echte Russen, wahre
Kutosowrussen, aber 1812 hat diese Methode des Ausweichens Rußland
gerettet; die Leute, die sich jetzt ins Weite verloren, gaben ihre
Partei preis, ihren ganzen Kampf um die Demokratie. Sie verwickelten
sich in unlösbare Widersprüche: sie waren gegen Interventionen, aber sie
waren überall mit den intervenierenden Mächten verbunden, sie waren
gegen die Bourgeoisie, aber sie standen mit bürgerlichen Organisationen
in engster Verbindung und empfingen sogar Gelder von ihnen, sie wollten
die Front gegen Deutschland errichten, aber sie waren bereit, Boten ins
deutsche Hauptquartier zu senden, sie scheuten den Terror, aber sie
haben in ihren Zeitungen nach geschehener Tat gejubelt, sie wollten
verhindern, daß Geld an Deutschland abgeliefert würde, aber sie wollten
den Zug unbewacht stehen lassen, wenn die Sprengung geschehen war ...
Sie wollten eine Partei der Arbeiter sein, aber nach der
Oktoberrevolution organisierten sie zuerst eine Erhebung der
Offiziersschüler. Sie waren nicht gegen die Sowjets, aber für die
Konstituante, sie hatten den Zusammentritt der Konstituante nicht
beschleunigt, obschon sie es vermocht hätten; aber sie erhoben die
Konstituante zum unantastbaren Heiligtum, nachdem die Konstituante
längst nicht mehr dem Willen des Volkes entsprach. Man fand einen Brief
von Gotz, in dem es von dunklen Anspielungen wimmelte; u. a. kam auch
der bekannte Satz, der alte Wahrspruch der S.R.P., vor: „Im Kampf wirst
du dein Recht erwerben!“ Wundert man sich, wenn Gotz umwunden erklärte,
dieser Ausdruck beziehe sich nur auf den Kampf _um_ die Konstituante,
nicht aber um den Kampf _gegen_ die Sowjets?!
Die Führer versuchten sich durch solche Methoden des Ausweichens zu
retten, aber gerade diese Taktik wurde ihnen zum Verhängnis, um so
kräftiger stieß das Tribunal nach und plötzlich entlarvte sich eine
Partei, die gar kein festes Gefüge, keine straffe Organisation war,
sondern eher wirkte wie ein Schwarm zusammengelaufener ratloser,
verärgerter Menschen. Wie imposant richtete sich im Gegensatz dazu das
eherne Gebäude der bolschewistischen Partei auf!
* * * * *
Die Haltung der S.R. zu den terroristischen Akten offenbarte ihre ganze
Schwäche als Partei, die sich vor Gericht zugleich als ihre Stärke
erwies. Niemand hat gezweifelt, und niemand konnte Einspruch erheben,
daß die Attentate auf Lenin, Trotzki und Wolodarski von Mitgliedern der
Partei vorbereitet und ausgeführt waren. Fanny Kaplan, die Lenin schwer
verwundet hatte, war eine Sozialrevolutionärin; Semjonow und die
Mitglieder seiner Kampforganisationen gehörten zur Partei. Der Prozeß
rollte nicht die Frage der Täterschaft auf; sie war längst entschieden.
Dem Tribunal kam es vielmehr darauf an, in den Hintergrund einzudringen,
die Zusammenhänge zwischen den Offizieren und Soldaten festzustellen,
das Z.K. als eine Mordzentrale zu entlarven, die Partei zu überführen,
daß sie zu Attentaten auf Arbeiterführer angestiftet hätte. Bewiesen war
längst, daß die Ententemissionen Attentate auf bolschewistische Führer
moralisch billigten; bewiesen konnte aber nicht werden, daß zwischen den
Missionen und dem Z.K. Verabredungen für bestimmte Attentate bestanden
haben. Möglich ist es schon; gelegen war den Missionen an solchen
Attentaten. Die Führer des Z.K. konnten nicht bestreiten, daß sie um die
Absichten von Attentaten gewußt haben; Semjonow hat sowohl Gotz wie
Donskoi von seinen Plänen benachrichtigt; beide konnten dieser Aussage
nicht widersprechen, sie bestritten energisch, Semjonow ermuntert zu
haben, Gotz will ausdrücklich Semjonow geraten haben „_er möchte noch
mit der Ausführung warten_.“ Aber ein striktes Verbot des individuellen
Terrors seitens der Partei ist _nie_ ergangen, nach vollbrachter Tat
rückte das Z.K. öffentlich von den Tätern ab, aber in Gebieten, wo die
Bolschewiki nicht die Macht besaßen, jubelte die Presse der S.R. auf.
Eine moralische Verurteilung der Täter seitens der Partei ist _nie_
erfolgt, geschweige daß man die Täter etwa ausgeschlossen hätte. Als
Wolodarski ermordet wurde, spielte sich folgende merkwürdige Szene ab,
die Tschernow in einer Emigrantenzeitung geschildert hat:
„Das Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre S. M. Postnikow hat mir
über diesen Fall wörtlich folgendes mitgeteilt:
„Der Mord an Wolodarski erfolgte in der Hitze der Wahlkampagne zum
Petrograder Sowjet. Plötzlich kommt die unerwartete Nachricht:
Wolodarski durch einen Schuß getötet. Natürlich nutzten die
Bolschewisten dies sofort aus, um die Zeitung zu schließen und durch die
schärfsten Repressalien unsere ganzen Wahlerfolge zu annullieren. Ich
lief sofort zu Gotz und fragte ihn, was los sei. Er antwortete: ein
Arbeiter, seiner Überzeugung nach Sozialrevolutionär, der einen ernsten
Parteiauftrag hatte, war Zeuge, wie das Automobil Wolodarskis eine Panne
erlitt; er konnte sich nicht zurückhalten und schoß auf ihn, da er ihn
für den Urheber der in Petrograd unter dem Regime Sinowjews begangenen
Grausamkeiten hielt. „Wissen Sie, wenn wir in einer anderen Lage wären –
fügte Gotz hinzu, – wie wir dann nach unseren Traditionen verfahren
müßten? Wie man solches eigenmächtiges Handeln an einem Mitglied, das
auf einem ihm anvertrauten revolutionären Posten steht, bestrafen
müßte?“
Diese Erklärung Tschernows spielte vor Gericht eine große Rolle. Man
fragte Gotz vergebens, welchen „ernsthaften Parteiauftrag“ hatte dieser
S.R.? Merkwürdig, daß er sich gerade jetzt „nicht zurückhalten“ konnte,
merkwürdig, daß Gotz an der Handlung nur auszusetzen hatte, daß sie
„eigenmächtig“ erfolgte! Und wie seltsam kontrastierte zu diesem
Gespräch die Weisung Gotz’ an Semjonow, man sollte noch warten. Und was
wußte Tschernow zu Semjonows Angaben zu sagen? Sie sind eine ...
„verräterische Denunziation.“ Lydia Konoplewa hat in einem öffentlichen
Brief an Tschernow eine Frage gerichtet, ohne je eine Antwort erhalten
zu haben:
„Sie stützen sich auf die Erzählung S. P. Postnikows über seine
Unterhaltung mit Gotz nach der Ermordung Wolodarskis: „Ich lief sofort
zu A. R. Gotz und fragte ihn, was los sei. Er antwortete: ein Arbeiter,
Sozialrevolutionär seiner Überzeugung nach, der einen wichtigen
Parteiauftrag hatte, war Zeuge, wie das Automobil Wolodarskis eine Panne
erlitt –, er konnte sich nicht zurückhalten und schoß auf ihn ...“
Halten Sie es nicht für möglich, Viktor Michailowitsch, daß Gotz die
Wahrheit vor Postnikow verbarg, wie sie den meisten Mitgliedern der
Partei der Sozialrevolutionäre verborgen blieb? – Postnikow hatte, wie
Sie selbst wissen müssen, nicht die geringste Beziehung zur
militärischen Arbeit und der Kampfarbeit in der damaligen Zeit.
Doch selbst diese so zweifelhafte „Zeugenaussage“ brauchen Sie nicht
vorsichtig genug.
Was ist das für ein „ernster Parteiauftrag“, den Sergejew hatte? – Es
ist etwas seltsam, daß das mit „einem ernsten Parteiauftrag“ versehene
Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre sich gerade in diesem
günstigen Augenblick in der Nähe Wolodarskis befand und überdies noch
mit einem Revolver und einer Handgranate in der Hand.“
Im Prozeß wiederholte Semjonow sein Bekenntnis in der Broschüre: er habe
sich Mitte Mai 1918 an _Donskoi_ gewandt und ihm den Vorschlag gemacht,
zu terroristischen Aktionen überzugehen. _Donskoi freute sich über
diesen Vorschlag_ sehr. Bald darauf traf Semjonow auch mit Gotz
zusammen, mit dem er eine Unterredung über die Organisierung
terroristischer Aktionen hatte. _Gotz wies darauf hin_, daß in erster
Linie gegen _Sinowjew und Wolodarski Attentate verübt werden_ müßten.
_Nachdem er die Zustimmung des Zentralkomitees_ erhalten hatte, begann
Semjonow mit der Organisierung einer „Kampfabteilung“, die die geplanten
Attentate verüben sollte. Die Beobachtung Sinowjews und Wolodarskis
wurde der Iwanowa übertragen. Sie stellte fest, daß es am leichtesten
wäre, auf Wolodarski ein Attentat zu verüben, der häufig Meetings zu
besuchen pflegte. Als Tatort wurde der zu der Obuchowschen Fabrik
führende Weg, den Wolodarski mit dem Auto öfters passierte, ausersehen.
Als die Vorbereitungen zur Ermordung Wolodarskis getroffen waren,
erstattete Semjonow dann Gotz Bericht. Gotz gab jedoch Semjonow den Rat,
mit der Ausführung seines Vorhabens zu warten. Dies fand Semjonow sehr
merkwürdig, da sich das _Zentralkomitee der Partei der S.R. doch bereits
prinzipiell mit dem Attentat auf Wolodarski einverstanden erklärt
hatte_. Am nächsten Tage begab sich Sergejew an den Tatort, um sich zu
überzeugen, wie dieser von dem Auto Wolodarskis passiert werde. Von
seinem Wagen aus fragte Sergejew den Semjonow noch, wie er sich zu
verhalten habe, wenn die Gelegenheit günstig sei, um auf Wolodarski zu
schießen. _Semjonow antwortete_, daß in solchem Falle eben gehandelt
werden müsse. Zufällig blieb das Auto Wolodarskis nicht weit von dem als
Tatort ausersehenen Platze stehen. Wolodarski verließ sein Automobil und
ging Sergejew entgegen, der mehrere Schüsse auf Wolodarski abgab und ihn
tötete. Es gelang Sergejew zu entfliehen. Am Abend des gleichen Tages
begab er sich in die Wohnung Semjonows, wo er Unterkunft fand. 2 bis 3
Tage blieb Sergejew in Petersburg, dann wurde er von Semjonow nach
Moskau geschafft. Am Tage nach der Ermordung Wolodarskis erschien eine
Erklärung des Zentralkomitees der Partei der S.R., die Partei der S.R.
habe mit diesem Morde nichts zu schaffen. Semjonow betonte, daß diese
Erklärung für ihn und die anderen Mitglieder der Kampforganisation ein
furchtbarer Schlag gewesen wäre. Bald darauf erschien der
Bevollmächtigte des Zentralkomitees, Rabinowitsch, der Semjonow
erklärte, er habe kein Recht gehabt, das Attentat zu verüben, er hätte
vielmehr die Einwilligung Gotz’ abwarten müssen. Eine Weile später
machte Rabinowitsch Semjonow den Vorschlag, mit ihm ein Meeting zu
besuchen, und um alle Zweifel Semjonows zu zerstreuen, sagte er ihm, daß
die Sache der Terroraktionen gut stehe, und alle Spuren verwischt seien,
so daß Semjonow ruhig zu dem Meeting gehen könne.
Kurz nach der Ermordung Wolodarskis hatte Gotz eine Zusammenkunft mit
Semjonow, in deren Verlauf Gotz erklärt haben will, er sei zu seiner
großen Überraschung vor eine vollendete Tatsache gestellt worden.
Vielleicht entspricht diese Angabe von Gotz der Wahrheit; aber fest
steht, daß man Semjonow nicht in die Arme fiel, als er weitere Attentate
organisierte. Gotz gab offen zu, die Ermordung Wolodarskis habe das Z.K.
moralisch gebilligt; man habe nie in Erwägung gezogen, den Attentätern
ihre Parteirechte zu entziehen. So kann man ohne Zweifel resultieren,
daß das Z.K. durch Gotz ausweichende Bescheide gab, die Tat geschehen
wissen, aber sie nicht inspiriert haben wollte. Und als man sah, welche
tiefe Erregung in den breiten Massen der Tod Wolodarskis auslöste,
schreckte man erst recht zurück und veranlaßte die Übersiedlung der
Kampforganisation Semjonow von Petrograd nach Moskau.
In Moskau hat die Gruppe sofort wieder ihre Tätigkeit aufgenommen.
Diesmal wollte man Lenin selbst treffen. Semjonow hat der Fanny Kaplan
Munition und Gift verschafft, Donskoi wurde von Semjonow informiert; die
Angeklagte Stawskaja bekundet, Donskoi sei über die Vorbereitungen zu
dem Attentat auf Lenin genau unterrichtet gewesen, das Mitglied der Z.K.
Timofjejew machte als Einwand gegen terroristische Akte nur geltend, man
dürfe die Bolschewiki nicht zu Märtyrern machen. Aber hat nicht die
Angeklagte Eugenie Ratner bereits erklärt, die Partei lasse sehr wohl
Terrorakte gegen die Bolschewiki gelten? und stand Eugenie Ratner dem
Z.K. nicht sehr nahe? Und war nicht außer jenem Attentat der Fanny
Kaplan noch ein zweites Attentat auf Lenin geplant gewesen, in das Lydia
Konoplewa verwickelt war, die im Februar 1918 B. N. Rabinowitsch den
Vorschlag machte, W. I. Lenin zu töten. „Ich schlug vor, dies in Form
eines individuellen Aktes auszuführen, um die Partei keinen Repressalien
auszusetzen, hielt es jedoch für notwendig, die prinzipielle Stellung
des Zentralkomitees zu dieser Frage festzustellen. Aus diesem Anlaß
führte ich Unterhandlungen mit dem Mitglied des Zentralkomitees A. R.
Gotz. – Gotz pflichtete mir bei und holte die Meinung des Büros des
Zentralkomitees ein, das sich damals in Moskau befand. Speziell zu
diesem Zweck fuhr Rabinowitsch nach Moskau. Die Sanktion des Büros des
Zentralkomitees für den individuellen Akt wurde erteilt. Außerdem gab
uns das Büro als Führer der terroristischen Gruppe das Mitglied des
Zentralkomitees W. Richter bei.“
Aus dem Attentat wurde nichts; Gotz hat selbst später die Vorbereitungen
inhibiert.
* * * * *
Ein Attentatsversuch gegen Trotzki mißlang, weil Trotzkis Zug von einem
anderen Bahnhof abfuhr. Die Teilnehmer erzählen von einer merkwürdigen
Nachtwanderung am Eisenbahndamm, und während sämtliche Beteiligte ihr
Vorhaben eingestehen, behauptet die Angeklagte Iwanowa, sie habe die
Bombe in jener Nacht nur mit sich herumgeschleppt, um sie auf die
Wachtmannschaften, nicht aber auf Trotzki zu werfen ...
_„Die S.R. Partei hatte prinzipiell nichts gegen die Attentate
einzuwenden,“ gestand Timofejew._ Er erzählt, daß Semjonow, von
Gewissensbissen getrieben, bei ihm erschienen wäre und _das Anerbieten
stellte, Koltschak und Denikin zu töten. Und Timofjejew willigte in das
Attentat gegen Koltschak ein. Das Attentat gegen Denikin verbot er, da
Denikin die Konstituante nicht auseinandergejagt hätte und auf dem
Territorium seiner Herrschaft die S.R. Organisationen nicht auflösen
ließ_.
Im Saale herrschte eine tiefe furchtbare Stille, als Timofjejew diese
Aussage machte.
„Welche Gewissensbisse haben Semjonow zu diesem Entschluß veranlaßt?“
fragt Krylenko.
_„Semjonow hatte das Gefühl, daß er sich mit der Organisation von
Attentaten gegen die Revolution versündigt hat. Semenow fühlte damals
Reue über seine blutigen Taten, die er gegen die Revolution verbrochen
hat,“ antwortete Timofjejew._
„Welche Taten meinen Sie?“ fragt Krylenko.
„_Jene terroristischen Akte im Jahre 1918_,“ lautet die Antwort
Timofjejews.
„_Sie hatten also Kenntnis von diesen?_“ fragt Krylenko.
„_Ich hatte von ihnen Kenntnis_,“ antwortet Timofjejew.
Aber hat es im Z.K. der S.R. eine einheitliche Stellung zum
individuellen Terror gegeben? Die Frage ist nicht geklärt worden. Zwei
ehemalige S.R. sagten als Zeugen über eine Sitzung des Z.K. aus, in der
man sich über die Frage des individuellen Terrors schlüssig werden
wollte. Tschernow und ein großer Teil der Anwesenden habe für den Terror
gestimmt, ein ebenso großer Teil habe ihn verworfen – und zuletzt sei
man auseinandergegangen, ohne einen endgültigen Beschluß gefaßt zu
haben. In diesem ausweichenden, unentschiedenen Verhalten enthüllt sich
der ganze schwankende Charakter der S.R. Fühlten sie eine gewisse Scham,
die Hand gegen Arbeiterführer zu erheben? Wollten sie keine Märtyrer
machen? Mußten sie nicht noch vielmehr jetzt im Prozeß alle Rednerkünste
aufbieten, um die Hintergründe zu verschleiern und sich nicht vor einem
Arbeiterpublikum, im Arbeiterrußland als Arbeitermörder zu bekennen?! Es
spielte sich ein erbitterter Kampf um die Hintergründe, um die
Feststellung der wahren Antreiber zu Meuchelmorden ab. Die S.R. Partei
war empfindlich getroffen, wenn der klare Beweis geführt werden konnte,
daß es eine Mörderzentrale im Z.K. gab. Der klare Beweis ist nicht
erbracht worden. Festgestellt wurden nur die Uneinigkeit im
Zentralkomitee und seine Mitwisserschaft; festgestellt wurden die
moralische Billigung und der Versuch, die Terrorgruppen zu schützen. Und
durch die Aussagen Pascals konnte der Beweis geführt werden, daß die
Mordtaten der S.R. im Lager der Entente Gefühle hoher Befriedigung
auslösten. Man hat nie feststellen können, wie sich die Verhandlungen
zwischen den S.R. und der Ententemissionen in Details abspielten. Den
Unterredungen hat niemand beigewohnt, es existiert kein Stenogramm, kein
Dokument. Aber als Lenin schwer verwundet aufs Lager hingestreckt wurde,
jubelte die S.R. Presse, atmete man in den Missionen auf, und der
französische Offizier Laurent grübelte mit seinen Kumpanen nach: Wie
töten wir Trotzki? ... Draußen vor den Toren Moskaus stand an einer
Eisenbahnbrücke eine hohe weibliche Gestalt: Iwanowa. Das Umschlagtuch
barg eine Bombe. Und die brennenden Augen bohrten sich fiebernd in die
schwüle Nacht: blinkten noch immer nicht die Lichter von Trotzkis Zug?
* * * * *
Die Expropriationen und Sprengungen hat man zugegeben. Darüber wurde
nicht lange gestritten. Man gestand, Material von den Franzosen erhalten
zu haben, um Eisenbahnzüge zum Entgleisen zu bringen, Brücken zu
sprengen. Donskoi hat keine Ausflüchte gemacht. Das waren
„Kriegsoperationen“ der Front der Konstituante. Auch die
Expropriationen, die Bestechungen von Beamten, die Einbrüche ins Post-
und Telegraphenamt an der Ecke Twerskaja-Kammerherrengasse, in
staatliche Lebensmittellager gab man zu. Von dem Tode des reichen
Kaufmannes wußte das Z.K. nichts; diese Tat hat Semjonow nicht
berichtet. Es berührt schon merkwürdig, daß man sich nicht über diese
Einbrüche und Diebstähle erregte – es waren Bagatellen – nachdem man als
Mörder entlarvt war.
* * * * *
Die Aufstände in Archangelsk, im Murmangebiet, die Errichtung der
Wolgaregierung, der Aufruhr in der Ukraine und alle diese offenen
Kampfhandlungen der S.R. gegen die Sowjets haben nicht so sehr im
Mittelpunkt des Interesses gestanden, wie jene terroristischen
Handlungen. Die Bolschewiki haben den individuellen Terror nie gebilligt
und ihn schon zur Zarenzeit verurteilt. Sie waren dank ihrer
marxistischen Schulung überzeugt, daß der Erfolg der Revolution nur
einer Massenbewegung zu verdanken ist. Und immer hatte sich schon im
Gegensatz zwischen individuellem und Massenterror am auffälligsten der
Unterschied zwischen den beiden Parteien enthüllt. Der individuelle
Terror entsprang nicht nur einer völlig verzweifelten Stimmung und einer
ausgesprochenen persönlichen Einstellung; er konnte nur in Kreisen zum
Prinzip erhoben werden, in denen man davon überzeugt war, daß Menschen,
einzelne Personen die Geschichte machen. Die Bolschewiki wußten, daß
jeder revolutionäre Fortschritt einer Umwälzung der Verhältnisse, der
Produktionsmethoden entspringen muß. Nur Massenbewegungen konnten nach
Ansicht der Bolschewiken zur Eroberung der Macht führen. Die Geschichte
hat ihnen Recht gegeben. Die Oktoberrevolution 1917 ist eine solche
unwiderstehliche Massenbewegung gewesen, der die bolschewistische Partei
Richtung und Ziel gewiesen hat. Und die verzweifelten Aktionen der S.R.
nach der Oktoberrevolution beweisen, wie sehr ihnen die Leitung der
Massen entglitten war. Und wie ungeheuerlich erschienen dem russischen
Arbeiter die terroristischen Akte gegen seine Führer, die niemandem
frommten als dem Großgrundbesitz und dem Großkapital, hinter denen die
Entente als Antreiberin stand. Unzweifelhaft haben nationale Elemente
eine gewisse Rolle gespielt – die bolschewistische Revolution war eine
Umwälzung der ökonomischen Besitzverhältnisse, aber die proletarische
Revolutionsidee verschmolz zugleich mit einem starken nationalen
Selbstbewußtsein – der Arbeiter empfand zum ersten Male, daß er ein
Vaterland hatte – ein Begriff, der für die Vertreter des Kapitals
niemals mehr als eine Kulisse gewesen ist, die man je nach der
Konjunktur hin- und herschob. Die Tätigkeit der S.R. erschien deshalb in
einem noch schlimmeren Lichte, als gegen Ende des Prozesses sich auf den
Tischen des Tribunals Berge von Dokumenten häuften, durch die der Partei
nachgewiesen wurde, daß sie bis tief in die jüngste Zeit hinein sich mit
dem Ausland verbunden hatte, um die Sowjets zu stürzen. Man muß sich in
jene Tage zurückversetzen, in denen Sowjetrußland erst von wenigen
Staaten anerkannt war, von der gesamten Bourgeoisie geächtet war, und
Flutwellen der Verleumdung sich über das Gesicht Rußland ergossen. Auch
Rußland hatte gegen eine Welt von Feinden gekämpft und geblutet, an
allen Fronten des Reiches hatten die Heere der Arbeiter und Bauern die
von den Westmächten, Deutschland und Amerika ausgerüsteten weißen Armeen
aufgehalten; im Innern hatten die S.R. durch ihre terroristischen Akte
die Moral und Widerstandskraft zu schwächen gesucht, Hunger, Not,
Entbehrungen, Kälte, Epidemien suchten das ungeheure Reich heim, das der
imperialistische Krieg schon genug mitgenommen hatte. Die Heere der
Arbeiter und Bauern hatten den Feind nicht nur aufgehalten, sondern
besiegt; der Freiheitskampf dieses Volkes wird vielleicht in seiner
ganzen gewaltigen heroischen Größe erst späteren Geschlechtern offenbar
werden; vielleicht wird man ihm Genugtuung widerfahren lassen. Die Heere
der Fremden und Weißen wurden von expropriierten Kapitalisten vorwärts
gejagt, von den Bankherren der City und Wallstreet, die
keine Möglichkeit mehr sahen, ihre Kapitalien in russischen
Industrieunternehmungen anzulegen – und sehr günstig bei den niedrigen
Löhnen und der relativen Bedürfnislosigkeit der russischen Arbeiter, die
von den Kosaken des Zaren jahrzehntelang immer wieder trotz tapferer
Gegenwehr zur Arbeit getrieben waren. Die Herrschaft des Proletariats in
Rußland bedeutete für das ausländische Kapital die Versperrung von
Ausbeutungsmöglichkeiten, bedeutete den Ausfall Rußlands als Kolonie.
Und da sich dem Expansionsdrang des Kapitals bis zum heutigen Tage in
Rußland unüberwindbare Widerstände entgegensetzen, das Kapital aber auf
Rußland angewiesen ist, erscheint dieser Konflikt unlösbar, so lange der
proletarische Staat besteht. Aus solchem Gegensatz erwächst der
Weltkonflikt der nächsten Jahrzehnte.
An einem der letzten Prozeßtage wurde dem Angeklagten Timofjejew ein
Dokument mit der Frage: „Kennen Sie diese Unterschrift?“ überreicht.
„Sensinow?“ – „Ja.“ „Und erkennen Sie diese Unterschrift als echt an?“
Der Angeklagte zögerte eine Weile und sagte dann: „Ja!“ Und diesem
Dokument folgten unzählige andere Schriftstücke, aus denen hervorging,
daß die Partei der S.R. in engster Abhängigkeit von ausländischen
Regierungen stand. Sensinow, ein alter Sozialrevolutionär, hatte in der
Regierung der Konstituante von Samara gesessen, war nach dem
Zusammenbruch der Front ins Ausland geflohen und hatte in Frankreich ein
„_Administratives Zentrum_“ gebildet, dem die bekanntesten Führer der
S.R. beigetreten waren: Kerenski, Awxentijew, Bruschwit, Tschernow,
Machin und einige andere! Das Pariser Geheimarchiv dieser ausländischen
Geheimorganisation war in die Hände der Sowjetregierung gefallen, das
Material belastete die S.R. aufs Schwerste. Unter den Dokumenten
befanden sich Briefe, aus denen hervorging, daß die Partei im Jahre 1921
von der französischen und tschechoslowakischen Regierung, ferner von
Weißgardisten Gelder empfangen hatte, um Aufstände in Rußland zu
organisieren. In einem Briefe Sensinows an das Mitglied des
„Administrativen Zentrums“, Rogowski, heißt es:
„_Gestern hatte ich eine Unterredung mit Benesch, die 50 Minuten
dauerte. Er war wie immer liebenswürdig und entgegenkommend; ich denke,
er ist auch aufrichtig. Ich berührte im Gespräch unsere Möglichkeiten
und unsere tatsächliche Lage._ Ich schilderte ihm das Bild des Ganzen.
‚Wir halten eure Arbeit für nützlich und notwendig, sowohl für Rußland,
wie auch für uns. Wir werden es daher nicht dazu kommen lassen, daß eure
Arbeit aufgegeben wird; _vom Januar an werdet ihr wöchentlich 50000
Kronen bekommen, ich (Benesch) werde persönlich dafür Sorge tragen, daß
dieser Betrag auf 60000-65000 Kronen erhöht wird_‘.“ (_Benesch ist der
Premierminister der Tschechoslowakei_.) Am 21. Dezember berichtet
Sensinow an Rogowski: „_Vor vier Tagen erhielt ich 80000 Kronen; dieses
Geld wurde uns ohne jede Mahnung von unserer Seite ausgezahlt._“
Als nächster Geldgeber erscheint der ehemalige russische Botschafter
Bachmetjew, in dessen Händen sich auch heute noch bedeutende Summen aus
dem russischen Staatsschatz befinden. Am 12. April 1921 sendet Kerenski
an Bachmetjew über die tschechoslowakische Gesandtschaft in Paris
folgendes chiffrierte Telegramm: „Ich erhielt aus Rußland die Bitte um
eine äußerste Kräfteanstrengung. Das von Ihnen geschickte Geld gewährte
eine wirkliche Hilfe am Bestimmungsorte. Es ist notwendig, die Hilfe
ohne Verzug sofort fortzusetzen. Die unaufschiebbare Geldnot verlangt
meine schleunige Abreise nach Amerika.“ Im Brief vom 13. März teilt
Sensinow an Kerenski mit: „Gestern erhielten wir von Ihnen aus Paris
eine Anweisung auf 50000 Francs und von Bachmetjew telegraphisch 25000
Dollars.“