Der Oeräfajökull ist ein alter Vulkan, der wohl nicht viele Ausbrüche

gehabt hat, seit die Norweger sich zum erstenmal in Island ansiedelten,

der aber trotzdem vielen Schaden angerichtet hat. Bei einem Ausbruch

in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstörte er zwei Kirchspiele, und

in +Thorvaldur Thoroddsens+ „+Lysing Island+“ (von Professor +Amund

Helland+ übersetzt) heißt es, daß ganz Litlaherad durch Jökulhlaup[28]

zerstört wurde und an einem Morgen 40 Höfe mit allem, was darin war,

ins Meer gefegt wurden, so daß nur wenige Menschen entkamen. Es

stürzten so viele Steine, Kies und Sand herab, daß dort, wo früher

eine Tiefe von 30 Klaftern gewesen war, sich fortan eine Sandfläche

erstreckte. Der letzte Ausbruch des Oeräfajökulls fand im Jahre 1727

statt, es wurden viele Höfe zerstört und viel Vieh getödtet.

Westlich vom Oeräfajökull und weiter ins Land hinein im Varmàrdalur

liegt Lakis Kraterreihe, wo im Jahr 1783 ein Ausbruch stattfand,

der heftiger und entsetzlicher war als irgend ein anderer seit der

Ansiedlung Islands. +Thoroddsen+ sagt: Man weiß nicht, daß je auf der

ganzen Welt auf einmal so viel Hraun (Lava) zum Vorschein gekommen

ist, wie bei diesem Ausbruch. Es heißt, daß in dieser Lava ebensoviel

Steine enthalten sind, wie in dem ganzen Mont Blanc.[29]

Ueberhaupt sind die mittleren und südwestlichen Theile Islands stark

vulkanischer Natur. Man kann hier dieselben Kräfte in Wirksamkeit

verfolgen, die sowohl Island, wie die Faröer gebildet haben. Die

Lavaströme aus der historischen Zeit haben sich bis 900 ☐~km~ über

älteren Tuft, Basalt oder präglacialer Lava ausgebreitet. Während die

Faröer wie die todte Ruine eines ehemals mächtigen Gebäudes daliegen,

ist derselbe Baumeister auf Island noch immer in Thätigkeit.

Die Hauptzüge in der Konstruktion sind an beiden Orten dieselben.

Island ist gleichsam ein Stapel flacher Basaltschalen, die Faröer

gleichen den Ueberbleibseln eines solchen Stapels, der nach Osten zu in

schräger Richtung ins Meer verläuft.

Am nächsten Morgen -- den 17. Mai -- näherten wir uns den

+Vestmanna-Inseln+ (Vestmannaeyjar), die ungefähr in der Mitte von

Islands Südküste einige Meilen ins Meer hinein liegen.

In dem herrlichsten Sonnenschein bei spiegelblanker See glitten wir

zwischen diesen steilen, hohen Basaltinseln hindurch und warfen vor dem

Hafeneingang auf +Heimaey+ die Anker aus. Es ist dies die größte von

den Inseln und gleichzeitig die einzige von der ganzen Gruppe, welche

bewohnt ist. Hier blieben wir eine Zeit lang liegen, um ein Boot vom

Lande her abzuwarten; so hatten wir Zeit, die Insel zu betrachten und

sie, soweit die Brandung es zuließ, zu photographiren.

[Illustration: Die Vestmanna-Inseln und der Eyafjallajökull bei

Sonnenuntergang.

(Von Th. Holmboe nach einer vom Verfasser im Mai 1882 angefertigten

Skizze.)]

Auch auf den Vestmanna-Inseln frißt das Meer sich ein und untergräbt

die Lavaschichten zu lothrechten Abstürzen mit gewaltigen Thoren

und Grotten. Es lag ein gewisser südländischer Typus über dem

Ganzen, unwillkürlich schweiften die Gedanken zu den Küsten von

Capri hinab und verglichen, aber in Bezug auf die Form tragen die

Vestermannsinseln sicher den Preis davon. Wir steuerten gerade unter

diese hohen Basaltfelsen, wo die Brandung emporspritzte und wo

die Seevögel uns schreiend in großen Schwärmen umkreisten. Es ist

etwas wunderbar Ueberwältigendes in dieser Natur. Man denke sich

einen herrlichen frischen Morgen mit dem strahlendsten Wetter, ein

krystallklares, grünes Meer und gerade vor uns auf dem Festlande

Islands zweithöchsten Berg, den Vulkan +Eyafjallajökull+, der sich

in einem Kegel hart am Meeresstrande zu einer Höhe von 1706 ~m~

erhebt und mit seiner mächtigen, weißen Schneehaube im Sonnenschein

glitzernd daliegt. Weiterhin erblickt man andere Jökler (Eisgletscher),

am hervorragendsten ist der +Hekla+ mit seiner jetzt schneeweißen

Kuppelform.

[Illustration: Die Nordseite der Vestmanna-Inseln. (Nach einer

Momentphotographie.)]

Die Fahrt geht indessen weiter an der Küste entlang, und bald versinkt

auch all diese Pracht ins Meer, nur der Hekla, der Tinnfjallajökull und

der Eyafjallajökull sind noch lange am Horizont sichtbar.

Späterhin am Nachmittage passiren wir +Reykjanäs+ mit Islands einzigem

Leuchtthurm, der auf einer hohen, weit ins Meer hinausragenden Klippe

liegt. Der Leuchtthurm ist in den letzten Jahren mehrfach von Erdbeben

heimgesucht worden. Das letzte Mal barst der Thurm, während zugleich

ein großes Stück des Felsens ins Meer stürzte. Man ist jetzt darauf

gefaßt, daß das Ganze eines schönen Tages im Meere verschwinden wird.

Der Leuchtthurm liegt übrigens auf sehr vulkanischem Boden und in

den traurigsten Umgebungen, die man sich vorstellen kann. Fast das

ganze Reykjanäs ist eine einzige große Lavaebene, die sich ins Meer

erstreckt. Ich war hier vor sechs Jahren am Lande und kann wohl sagen,

daß ich mich nicht erinnere, jemals eine traurigere Strecke Landes

durchwandert zu haben; kaum ein Grashalm war zu erblicken, alles war

kahle, schwarze Lava, die sich bis an den Horizont erstreckte ohne

weitere Abwechselung, als daß sie hie und da eine mehr röthlichere oder

gelblichere Farbe annahm. Außer dem Häuschen des Leuchtthurmwächters

war keine menschliche Wohnung zu sehen, so weit das Auge reichte, kein

lebendes Wesen, außer ein paar mageren, verhungernden Brachvögeln, die

auf der Reise nach dem Norden auf einer Art Wiese vor dem Hause des

Leuchtthurmwächters Rast machten, wo ein paar Schafe sich an einigen

abgestorbenen Grasbüscheln delektirten.

[Illustration: Reykjanäs mit Islands einzigem Leuchtthurm.

(Von Th. Holmboe nach einer Skizze des Verfassers.)]

Die einzige Abwechselung in dieser Einförmigkeit bildeten

einige Dampfsäulen, die an mehreren Stellen aus den kochenden,

schwefelhaltigen Quellen aufsteigen, deren es mehrere auf dieser

Halbinsel giebt. In der Entfernung gesehen, sind sie rauchenden

Kalköfen nicht unähnlich.

[Illustration: Reykjavik mit Islands einziger Landstraße. (Nach einer

Photographie.)]

Vor Reykjanäs ragen mehrere Klippen und Felsen aus dem Meere empor.

Die auffallendste dieser Formationen ist der sogenannte „Mehlsack“,

der wahrscheinlich so genannt ist, weil er eine gewisse Aehnlichkeit

mit einem mächtigen Sack hat, der aufrecht im Meere steht. Diese

Klippen sind bekannt, weil dort einstmals viele Scharen des jetzt

ausgestorbenen Geiervogels (~Alca impennis~) hausten.

Nachdem wir uns durch Wind und starken Seegang hindurchgekämpft

hatten, welch letzterer „Thyras“ Fahrt auf ein fast negatives Resultat

reduzirte, gelangten wir endlich in der Nacht nach Islands Hauptstadt

+Reykjavik+.

Wir sollten uns hier nicht lange aufhalten, hatten aber doch am Morgen

des nächsten Tages Gelegenheit, an Land zu gehen und die Stadt während

einiger Stunden zu besehen.

+Reykjavik+ ist keine große Stadt, sie hat ungefähr 3-4000 Einwohner

und besteht aus kleinen hölzernen Häusern, die über eine Ebene

zerstreut liegen. Es sind dort nur zwei Steingebäude, -- das

Althingsgebäude, in welchem Islands Althing oder Reichstag tagt, und

die Domkirche, -- sie sind aus Lava gebaut, woran die Insel sehr

reich ist, da die Lava fast den Hauptbestandtheil derselben bildet;

man kann sich nur wundern, daß nicht mehr Häuser aus diesem Material

erbaut werden, um so mehr als die Insel nicht einen einzigen Baum

aufzuweisen hat und jedes Stückchen Holz von außen her, größtentheils

aus Norwegen, eingeführt werden muß. Vor dem Althing liegt ein großer,

grasbewachsener Platz, der Austarvöllur, auf dem eine Bildsäule aus

Bronze von +Thorwaldsen+ steht, dessen Eltern aus Island stammen sollen.

Reykjavik muß eine äußerst bureaukratische Stadt sein, denn, wie

man sagt, wohnen nicht weniger als vierzig Beamte dort, so daß also

mindestens ein Beamter auf je hundert Einwohner kommt. Die armen

Menschen! Man sollte fast glauben, es müsse ein reiches Land sein, das

so viele Standespersonen ernähren kann!

Späterhin am Tage verließen wir Reykjavik, nachdem wir die Offiziere an

Bord des dänischen Kriegsschiffes „Fylla“ begrüßt hatten, das in den

Hafen dampfte, als wir eben im Begriff waren, ihn zu verlassen.

Wir richten unsern Kurs auf Snefellsnäs, um dann zu unserm nördlich

gelegenen Bestimmungsort Isafjord zu gelangen. Am Abend, gerade bei

Sonnenuntergang passirten wir den Snefellsjökull, der ein alter, auf

der Spitze des Vorgebirges gelegener Vulkan ist. Gleich einem Kegel

steigt er steil auf zu einer Höhe von 1413 ~m~. Er ist als vorzügliches

Seezeichen wohl bekannt, und manches Schiff hat seine weiße Mütze

sicher in den Hafen geleitet. Jetzt im Schein der untergehenden Sonne,

wo die letzten Strahlen seinen weißen Gipfel mit röthlichem Schimmer

färben, gewährt er einen zauberhaften Anblick.

[Illustration: Die „Thyra“ vor Snefellsnäs. (Von Th. Holmboe nach einer

Skizze des Verfassers.)]

Als wir am Morgen, den 19. Mai, auf Deck kamen, wurden wir von einer

steifen nördlichen Brise mit Schnee und Regen begrüßt, die hohen

Basaltfelsen an der Küste waren bis zum Fuß mit Schnee bedeckt, hier

und da sah man einzelne Eisblöcke in der See schwimmen. Es waren

Vorläufer, die meldeten, daß das Eis nicht mehr fern sei. Wir befanden

uns nun in der Nähe des Oenundarfjords und da die Brise anfing sich zu

einem Sturm mit einem dichter werdenden Schneegestöber zu steigern,

suchten wir hier, in dem vorzüglichen Hafen eine Zufluchtstätte, um

das Unwetter abzuwarten. Der Sturm nahm nun mit rasender Schnelligkeit

zu, und wir bekamen einen kleinen Begriff davon, was ein Sturm in

diesem nördlichen Fahrwasser zu bedeuten hat. Man wagte sich nicht

unnöthig auf Deck; man konnte sich freilich auf den Beinen halten,

aber der Sturm war doch derartig, daß man die Nase, sobald man sie

herausgesteckt hatte, schleunigst wieder einzog. Wir lagen indessen

sicher und gut im Hafen. Es war der Abend vor Pfingsten, weshalb

sollten wir es uns da nicht innerhalb unserer vier Wände so gemüthlich

wie möglich machen? Von der Landschaft ringsumher sahen wir nur sehr

wenig, eigentlich nur den Fuß der wahrscheinlich sehr hohen Felsen,

und oft auch den nicht einmal. Aus allem, was wir erkennen konnten,

ging hervor, daß wir uns in einer ausgeprägten Basaltgegend befanden.

Allmählich bedeckte indessen eine dichte Schneeschicht alles, und das

einzige, was sich von der Landschaft sagen ließ, war, daß hier ein

vollständiger Winter herrschte, und daß man, wenn der Schnee ein wenig

trockener gewesen wäre, man sicher die vorzüglichste Skibahn gehabt

hätte.

Als wir am nächsten Morgen erwachten, befanden wir uns in Isafjord, wo

wir der Bestimmung nach an Land gehen sollten. War es in Oerundafjord

Winter gewesen, so war das hier nicht minder der Fall. Soweit das Auge

reichte, war alles mit Schnee bedeckt. Isafjord ist die zweitgrößte von

Islands drei Städten, sie liegt an einem kleinen Fjord, zwischen hohen

Felsen eingeklemmt.

In Isafjord sagte man mir, das Treibeis läge nicht weit nach Norden

hinauf, es läge südlich vom Kap Nord. Bei starken nördlichen Strömungen

könne es noch weiter südwärts treiben und den Eingang des Fjords

versperren. Dies geschieht freilich nur äußerst selten, aber es war

doch eine Möglichkeit vorhanden, daß der „+Jason+“ Schwierigkeiten

haben würde hereinzukommen und uns abzuholen. Um dies nicht zu

riskiren, beschloß ich, nach dem südlich gelegenen Dyrafjord zu gehen,

der nie durch Eis verschlossen wird, um dort den „+Jason+“ abzuwarten.

Dies stimmte mit der getroffenen Verabredung überein. Ich hinterließ

einen Brief in Isafjord, in welchen ich den Kapitän des „+Jason+“

benachrichtigte, daß wir in Dyrafjord zu finden seien, worauf wir,

nachdem wir uns überzeugt hatten, wie weit nach Süden hin das Eis lag,

eine südliche Richtung einschlugen.

[Illustration: Dyrafjord mit dem Glamujökull im Hintergrunde, von

Thingeyre aus gesehen.

(Nach einer Skizze des Verfassers.)]

Als wir am folgenden Morgen auf Deck kamen, segelten wir bei herrlichem

Wetter in den Eingang des schönen Dryafjord ein. Der Winter hatte

sich nun abermals zum Theil ins Gebirge zurückgezogen, und am Strande

entlang lächelte uns ein Stück Frühling entgegen. Bald warfen wir in

dem Hafen vor +Thingeyre+, dem Handelsplatz des Fjordes, unsere Anker

aus. Hier nahmen wir Abschied von „Thyras“ Führer, Kapitän +Sörensen+,

und der Mannschaft. Sie hatten vom ersten Augenblick an alles gethan,

um uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, -- beim

Abschiede sandten sie uns einen donnernden Salut nach.

Auf Thingeyre wurden wir von dem Kaufmann Konsul +Gram+, unter dessen

Dach wir die Wartezeit zubringen sollten, auf das herzlichste empfangen.

Der Handelsplatz, der seinen Namen dem Umstand verdankt, daß dort

früher das Thing abgehalten wurde, liegt auf einer angeschwemmten Bank

-- isländisch „~eyre~“ -- oder Landzunge, die sich ins Meer erstreckt.

Diese Landzunge ist eine Moräne, welche vor langen Zeiten, als Island

mit Eis und Schnee bedeckt war, von dem Gletscher vorgeschoben worden,

der den Fjord füllte und ihn -- wenigstens theilweise vertieft und

gebildet hat. Nach innen liegen mehrere solcher Moränen, eine vor der

anderen, und sie erstrecken sich gleich flachen Rücken theils über,

theils unter dem Wasser quer durch den Fjord; sie erschweren das

Vordringen der Schiffe und Böte oft sehr.

[Illustration: Der südliche Theil des Vestfirdir, vom Glamujökull aus

gesehen.

(Nach einer Skizze des Verfassers.)]

Diese Moränen sind unwiderlegliche Zeugen aus der Eiszeit, und in ihnen

sind unendliche Massen von Steinen und Sand fortgeschoben worden.

Dyrafjord ist zu beiden Seiten von steilen Basaltfelsen, ähnlich wie

wir sie auf den Faröern sahen, umgeben und im Hintergrunde wird es von

dem mächtigen +Glamujökull+ abgeschlossen. Dieser ist freilich nicht

sehr hoch -- er mißt ungefähr 910 ~m~ --, aber er ist doch der höchste

Berg des Westlandes, das im Grunde eine Insel für sich selbst bildet

und nur durch eine 10 ~km~ breite Landenge mit dem Hauptlande verbunden

ist.

Der Glamujökull besteht wie die ganze Landschaft hier rings umher aus

Basalt. Eines Tages bestiegen wir den Jökull. Wir nahmen Ski und Truger

mit, da es so aussah, als wäre dort oben tiefer, weicher Schnee. Darin

hatten wir uns jedoch geirrt, wir fanden sehr harten Schnee, auf dem

man sehr wohl gehen konnte, der aber auch eine vorzügliche Skibahn

darbot, ja eine allzugute, wie wir später zu unserem Kummer erfahren

sollten.

Wir hatten das schönste, klare Wetter und eine vorzügliche Aussicht vom

Gipfel herab. Es ist eine ganz eigenartige Landschaft, die man hier

vor sich hat, eine schneebedeckte, auffallend flache und ausgedehnte

Hochebene, die sich nach allen Seiten steil ins Meer stürzt. Im

Hintergrunde nach Süden zu sieht man den Snefellsjökull am Horizont

emporragen, leicht kenntlich an seiner kegelförmigen Gestalt.

Man erhält von hier oben gleichsam plötzlich einen deutlichen

Ueberblick über die Entstehung des ganzen Landes, wie die Basaltströme,

aus denen es gebildet ist, sich still und gleichmäßig nach allen Seiten

ergossen und eine große, zusammenhängende Fläche gebildet haben. Dann

ist das Meer und das Wetter mit Frost und Regen gekommen und während

der Eiszeit kamen die Gletschermassen und zehrten an der Fläche,

besonders an den Rändern, wo sich Fjorde und Thäler (Senkthäler)

bildeten. Späterhin hat die Verwitterung die Erweiterung derselben

fortgesetzt, sie haben jedoch nur am äußersten Rande einzudringen

vermocht, während die Hochebene in ihrem Innern noch ebenso flach und

unberührt daliegt, als da sie gebildet wurde.

[Illustration: Isländischer Bauerhof.

(Von A. Nielsen nach einer Photographie.)]

Auf dem Heimwege liefen wir auf Ski die steile Felswand hinab, wo wir

die schönsten langen Skihügel mit hartem Schnee fanden, auf denen

unsere stahlbeschlagenen Ski wie Glas dahinflogen. In sausender Fahrt

ging es über die Höhen dahin. Da ging +Balto+ unvorsichtig zu Werke

und wurde kopfüber einen kleinen Felsvorsprung hinabgeschleudert. Beim

Fallen verletzte er sich das eine Knie so ernstlich, daß wir unsere

liebe Noth hatten, ihn wieder nach Hause zu schaffen. Beim Aufsteigen

war +Balto+ sehr groß gewesen, er meinte: „Für uns Lappen ist es eine

Kleinigkeit, wir stecken den Stab zwischen die Beine und dahin geht’s.“

Als er aber diese Kunstfertigkeit bei dem ersten steilen Abhang zeigen

sollte, erging es ihm übel, und wir konnten uns ja trotz unseres

Mitleids des Lachens nicht enthalten. Längere Zeit hindurch war er nun

Invalide, und ich glaubte mich schon eines meiner Kameraden beraubt, ja

ich machte mich schon mit dem Gedanken vertraut, einen Ersatzmann für

ihn aus Island mitzunehmen, obwohl ich dort wohl schwerlich Jemanden

gefunden haben würde, der sich darauf eingelassen hätte, mitzugehen.

Bei täglicher Massage erholte er sich jedoch bald so weit, daß ich

Hoffnung hatte, ihn mitnehmen zu können, er selber war sehr muthlos

und fühlte sich äußerst unglücklich bei dem Gedanken, zurückbleiben

zu müssen. Ebenso +Ravna+, der glaubte, daß er entweder gezwungen

sein würde, allein mit uns zu gehen oder auch die Reise und damit den

Verdienst aufzugeben.

Die Zeit wurde uns übrigens auf Thingeyre keineswegs lang. Bald

bestiegen wir Berge, bald fuhren wir auf dem Fjord auf Jagd, bald

ritten wir, besuchten Bauerhöfe etc. etc. Besonders die Ritte auf den

kleinen, vorzüglichen isländischen Pferden waren äußerst amüsant.

Sitzt man quer über so einer kleinen Ratte und ist -- wie der Schreiber

dieses -- von Natur nicht gerade klein, so nimmt man sich kaum zu

seinem Vortheil aus, denn die Füße befinden sich in bedenklicher Nähe

des Erdbodens. Man erhält ein unheimliches Gefühl der Unsicherheit,

wie lange der Pferderücken wohl halten wird. Wenn es dann aber, was

das Zeug halten will, im wildesten Galopp dahingeht, über unwegbare

Stellen, wo die Steine unter den Pferdehufen rollen, durch Moore, wo

das Pferd fast versinkt, über Bäche und Klüfte, an steilen Hügeln

in die Höhe, an Felsabhängen und glatten Felsspalten entlang, kurz

durch ein solches Terrain, in dem ein gewöhnliches Pferd bei den

ersten Schritten die Beine brechen würde, und überall in derselben

rasenden Eile, ohne daß das Pferd auch nur einen einzigen Fehltritt

thut, -- ja da erhält man Respekt vor diesem gewiß in der ganzen

Welt unübertroffenen Gebirgspferd! Den höchsten Grad erreicht die

Verwunderung aber, wenn man an einen Gebirgsfluß kommt und sieht, wie

das Pferd entweder ohne weiteres durch den Strom watet, oder anfängt zu

schwimmen, während man selber zusehen kann, wie man trocken bleibt. Ist

der Fluß nicht sehr tief, so thut man am besten, die Beine auf den Hals

des Thieres zu legen, wenn man da nicht bei einer unerwarteten Bewegung

des Pferdes herunterrollt. Bekanntlich giebt es auf ganz Island weder

Wege noch Brücken, auf dem Pferderücken oder zu Fuß aber kommt man

überall durch.

Auf einem Bauerhof, in der Nähe von Dyrafjord, kaufte ich ein kleines

Pferd, das ich für die Expedition mitzunehmen gedachte. „Dies Pferd“

-- schrieb ich am 4. Juni in einem Brief nach Norwegen -- „nehme ich

mit, um es zum Ziehen des Bootes und der Bagage über die Eisschollen

an Grönlands Ostküste zu verwenden, und -- falls wir es so weit

mitbekommen, -- als Saumthier, um die Felsen an der Küste zu besteigen.

Es ist ja zweifelhaft, ob wir viel Nutzen davon haben werden, aber

jedenfalls bekommen wir, wenn wir es todtschießen, eine gute Mahlzeit

frischen Fleisches.“

Leider sollten wir nicht viel Nutzen davon haben! Es ist nicht so

leicht, im Frühling auf Island Futter aufzutreiben; so kam es denn, daß

ich mit Mühe und Noth Futter für nur einen Monat zusammenkaufen konnte.

Es war ein prächtiges, kleines Thier und hatte die seltene Eigenschaft,

daß es ans Ziehen gewöhnt war. Es war vor dem Pfluge gebraucht worden,

und das ist eine große Seltenheit auf Island, wo die Pferde ja

gewöhnlich nur mit Sattelzeug oder Saumsattel benutzt werden.

Eines Morgens während unseres Aufenthalts in Dyrafjord kam ein

Dreimaster in den Fjord gedampft und ankerte im Hafen, es war das

dänische Kriegsschiff „Fylla“. Dies war für uns natürlich eine Quelle

großer Freude. Mehrere Tage hindurch genossen wir den Umgang der

liebenswürdigen Offiziere und brachten manche gemüthliche Stunde an

Bord zu.

Indessen näherte sich unsere Wartezeit nun ihrem Ende. Wir konnten

jeden Tag gefaßt sein, den „Jason“ in den Fjord dampfen zu sehen, --

und fingen bereits an, ein wenig ungeduldig zu werden.

Da, an einem Sonntagvormittag -- es war am 3. Juni -- erblickten

wir weit draußen in der Fjordmündung einen kleinen Dampfer, welcher

sich keuchend näherte, -- Niemand wußte, was für ein Schiff das sein

könne, man kam aber bald zu dem Resultat, daß es eines von den kleinen

norwegischen Walfischfängern in Isafjord sein müsse. Er fährt um die

„Fylla“ herum, grüßt mit der norwegischen Flagge und geht im Hafen vor

Anker, ein Boot wird herabgelassen und kommt an Land. Unsere Freude

war groß, als wir in dem ersten Mann, der das Ufer betritt, Kapitän

+Jakobsen+, den braven Führer des „Jason“ erkannten. Es giebt natürlich

ein stürmisch bewegtes Wiedersehen, der Zusammenhang war mir bald

klar. Der „Jason“ war nach Isafjord gekommen, hatte uns dort nicht

gefunden und wollte deshalb nach Dyrafjord weiter gehen, aber der Wind

war entgegen, und es würde ihm mit seinem schweren Segelzeug schwer

geworden sein, gegen den Wind anzudampfen. Da war denn der Direktor

der norwegischen Walfischfanggesellschaft in Isafjord, Herr Grossierer

+Amli+ aus Kristiania, so unbeschreiblich liebenswürdig gewesen, uns

den „Isafold“, eins seiner Dampfböte, ohne Säumen nachzusenden, um

uns zu holen. Ein neuer, von einem Landsmann ausgehender Beweis, mit

welchem Wohlwollen die Expedition begleitet wurde.

[Illustration: Isländisches Bauermädchen in Nationalkostüm.

(Von A. Bloch nach einer Photographie.)]

Es entstand natürlich eine große Geschäftigkeit, alles in Ordnung

zu bringen; es fehlte auch nicht an helfenden Händen, die unsere

Bagage an Bord brachten. Allgemeines Interesse erregte es, daß das

kleine isländische Pferd über die Landungsbrücke sollte. Armes Thier,

es entschloß sich nur sehr widerwillig dazu, es mußte fast getragen

werden, hätte es aber eine Ahnung gehabt, welchem Schicksal es entgegen

ging, so glaube ich kaum, daß wir es aufs Schiff bekommen haben würden.

Als alles in Ordnung war und wir Abschied von Konsul +Gram+, von Faktor

+Wendel+ und den anderen in Dyrafjord gewonnenen Freunden genommen

hatten, dampften wir zum Fjord hinaus und stachen mit nördlichem Kurs

in See.

Die „Fylla“ sandte uns einen letzten Abschiedsgruß zu, indem die Musik

den norwegischen Nationalgesang (Mens Nordhavet bruser) anstimmte.

Lange noch hörten wir die Töne über das Meer hinschallen.

Schon am selben Abend warfen wir im Isafjordhafen unter kräftigen

Salutschüssen vom „Isafold“ wie vom „Jason“ unsere Anker aus. Der

„Jason“ war so reich mit Flaggen geschmückt, daß +Balto+ meinte,

„es sähe mit den vielen Flaggen aus wie ein Moor, das mit rothen

Multebeeren bedeckt sei“.

Als wir den „Jason“ betraten, wurden wir mit einem donnernden Hurrah

von der ganzen, aus nicht weniger als 63 Mann bestehenden Besatzung

begrüßt.

Der „Jason“ hatte bis zu jenem Tage einen ziemlich guten Fang gehabt,

er war in jenem Sommer eins der bevorzugtesten Schiffe von der ganzen

Seehundsfängerflottille. Er hatte 500 junge und ungefähr 1100 alte

Seehunde gefangen.

Fußnoten:

[28] Wenn ein Eisgletscher über einem Vulkan lagert, entströmt diesem

in der Regel keine Lava, sondern die Lava verwandelt sich in Asche.

Dagegen schmilzt etwas von dem Jökuleis, während anderes zerbricht

und mit gewaltiger Kraft den Berg hinabstürzt. Dies nennt man

„Jökulhlaup“. Da werden auf das Flachland Eis, große Steine, Kies und

Schlamm hinabgeführt, und nichts, was diesem Strom in den Weg kommt,

kann widerstehen. Es ist leicht zu verstehen, daß solche „Jökulhlaup“

weit gefährlicher sind als Lavaströme, weil sie mit einer so rasenden

Schnelligkeit kommen, während die Lava nur langsam fortschreitet.

[29] Siehe +A. Helland+: ~Lakis kratere. Univ. program, Kra. 1886.~

Kapitel V.

Reise von Island zum Klappmützenfang.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band · 第 9 / 25 段