DIE PRAAM.

[Sidenote: III 35]

[Sidenote: III 36]

Das Bestreben, grössere und vollere Schiffe zu bauen, das sich schon

im 17. und im Anfang des 18. Jahrhunderts zeigt (~Van Yk~, S. 348),

tritt noch mehr im 19. Jahrhundert hervor. So wachsen die «Snijboonen»

und die «Sompen» und lassen die _Praam_ entstehen, deren Abmessungen

und Ladefähigkeit ähnlich denjenigen der Tjalk sind. Die «Praam»

hat jedoch ein schlankeres Vorder- und Hinterteil erhalten, ebenso

zeigen diese Schiffe den charakteristischen Verlauf der Berghölzer

(~Le Comte~, S. 23); sie haben alle den «Draai-over-Boord», oft mit

einem unterbrochenen Deck. Diese Pramen unterscheiden sich also völlig

von den Schiffen aus der Gruppe der Schmacken (Tjalken), wie man sie

in Friesland und Groningen findet. Sie haben nichts zu tun mit der

«Groninger Aardappelpraam» und der «Groninger Slijkpraam», auch nicht

mit der «Frieschen Praam», die zur Gruppe der Tjalken gehören. Der Name

«Praam» findet sich in Over-IJssel erst am Ende des 18. Jahrhunderts

oder gar erst am Anfang des 19. Der Name ist jedoch nicht rein

holländisch. So erzählt der Marquis ~de Tolin~ (S. 175), dass Napoleon

für seine Flotte von Boulogne einige «Prame» bauen liess, Schiffe mit

flachem Boden von 30 m Länge, 8 m Breite und etwa 2,50 m Tiefgang. Sie

hatten eine Takelung mit drei Masten und waren mit Kanonen ausgerüstet.

(~de Bonnefoux~ et ~Paris~: _Dictionnaire de Marine à Voiles 1847_,

S. 59.) Es scheint, dass man 20 dieser «Prame» gebaut hat. Sie haben

indessen nichts zu tun mit unsern Pramen, ausser dass es Schiffe

mit flachem Boden sind. Der Marquis ~de Tolin~ beschreibt in seinem

Werk die holländische Praam. (S. 144.) Der Beschreibung fehlt jedoch

Genauigkeit, denn die Over-IJsselsche und die Friesche Praam sind

zusammengestellt.

Die Friesche Praam (Praam von Friesland), ist nichts anderes als eine

kleine Tjalk von etwas graderen Linien, mit Statie; die andere dagegen

ist ein Schiff mit flachem Boden und Draai-over-boord (niemals mit

Statie).

~Le Comte~ (S. 29.) berichtet nur, dass man dies Schiff in der Provinz

Drenthe in Meppel und Hoogeveen baut, während auch er die Tjalk mit der

Frieschen Praam zusammen gruppiert. So schreibt er zum Beispiel (S.

14.), dass die Tjalken manchmal bewegliche Setzborde haben, während

sie über Bord laden, dass dies aber besonders die Frieschen Pramen

charakterisiert.

Zu jener Zeit spricht man oft in Holland von «Praam», obgleich man dort

kein Schiff findet, das diesen Namen trägt, oder dem Over-IJsselschen

Praam ähnelt. Dieser Name wird damals gebraucht, um ein Schiff im

allgemeinen zu bezeichnen.

Die grosse, eigentliche Over-IJsselsche Praam, wie wir sie jetzt

kennen, stammt also erst aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts,

und die Vergrösserung ihrer Abmessungen ist lediglich der Verbesserung

der vorhandenen Kanäle oder der Herstellung neuer Schiffahrtstrassen zu

danken, die fast alle aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen. Erst

damals verbindet man die Drentsche Hoofdvaart (Drenthensche Hauptfahrt)

in Groningen durch die Anlage der Noord Willemsvaart (1858-1862) (siehe

_Gedenkboek van het Koninklijk Instituut van Ingenieurs_ S. 31.). Die

Hoogeveensche Vaart, die 1623 als «Echtens nieuwe Grifte» (neuer Kanal

von Echten) gegraben wird, wird ostwärts verlängert und verbessert

zwischen 1850 und 1860, und das Meppeler Diep wird zwischen 1860 und

1882 reguliert.

Die Verbindung von Friesland mit Groningen ist neueren Datums; sie

erfolgte früher nur zur See, während die Binnenverbindung dieser

Provinzen noch bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts sehr primitiv war.

Erst von 1851 bis 1893 spricht man von einer Verbesserung, während 1864

die Schleuse von Gaarkeuken an der Grenze dieser beiden Provinzen neu

gebaut wird.

Man legt dort eine Schleuse von 6 m Breite und einer nutzbaren Länge

der Kammer von 26 m an. Der Stadskanaal, der 1766 oder 1767 in Angriff

genommen wurde, wird erst im Jahre 1858 vollendet.

Ebenfalls erst im 19. Jahrhundert beginnt man glücklicherweise die

Verbesserung der Verbindung zwischen Over-IJssel und Friesland,

die durch Beseitigung der Torfhochmoore verwirklicht wird, während

endlich die Verbindung der nördlichen Provinzen unserer Heimat mit den

südlichen Provinzen im Jahre 1820 durch Eröffnung der Willemsvaart

bei Zwolle hergestellt wird, einer Verbindung zwischen Yssel und

Zwartewater. Man hatte wohl im 14. Jahrhundert einen Zuführungskanal

von Zwolle nach der Yssel angelegt und man hatte auch 1480 die

Verbesserung dieses Kanals begonnen, sodass er schiffbar wurde, aber

die gegenseitige Eifersucht der Städte an der Yssel hielt diese

Arbeiten an. (Dr. H. ~Blink~, Bd. II, S. 282.) Bis zur ersten Hälfte

des 19. Jahrhunderts erfolgte die Verbindung zu Wasser zwischen den

Nordprovinzen durch die Zuiderzee, für die man zunächst ausschliesslich

Schiffe aus der Gruppe der Tjalken verwendete. Die «Potten» und die

«Pujen», ebenso die «Sompen» und «Peggen» konnten nicht auf die hohe

See gehen (~Witsen~, S. 170); erst die Pramen, die später erscheinen,

sind so gross und so gebaut, dass sie die hohe See besuchen können; sie

verbreiten sich daher bald in unserer ganzen Heimat.

Es ist jedoch interessant, sich zu fragen, wie man den Namen «Praam»

gewählt hat, in einer Gegend, wo man andere gute alte Namen zur

Verfügung hatte? Es ist ausser Zweifel, dass der Einfluss der Provinz

Groningen hierfür bestimmend gewesen ist. Durch den «Convenant van

1817» (Vertrag von 1817), also zu einer Zeit, wo man noch nicht die

grossen Pramen von Over-IJssel baut, bestimmt die Stadt Groningen,

dass die zum Markt kommenden Leute wie jedermann die gewöhnlichen

Zölle an den Brücken, Schleusen und Schranken der vorhandenen Kanäle

zahlen müssen. Für die zu bauenden Kanäle sollte man bei jeder

Schleuse 30 Cent für 1 «Schip» und 10 für 1 «Praam» bezahlen. Schon

in den alten Tarifen findet man dieselbe Unterscheidung zwischen

Schip und Praam. So setzt die «Stadsordonnantie» vom 28. Januar 1773

fest, dass an den Schleusen der Stadt ein «Schip» 5 und eine «Praam»

4 Sous bezahlen soll. Aus alledem geht hervor, dass man in Groningen

Schip und Praam unterscheidet; aus dem grossen Unterschied im Preise

ergibt sich klar, dass eine Praam ein kleines Schiff war. Man findet

dies so augenscheinlich, dass weitere Erklärungen über die Natur der

Praam fehlen. Es ist also klar, dass man darunter die in der Provinz

Groningen wohlbekannten «Slijkpramen» versteht; diese Slijkpramen

wurden nämlich sowohl im Dollard wie in den Torfgegenden verwendet.

Es sind kleine schmale, oben offene Schiffe, mit gradem Längsprofil

mit vollem Vorder- und Hinterteil (wie die Tjalken von Groningen). Man

findet sie noch mit einigen Abänderungen unter dem Namen «Flotpraam».

Als durch die Vollendung der Noord-Willemsvaart im Jahre 1862 die

direkte Verbindung zwischen Over-IJssel und Groningen hergestellt

ist, und als diese Provinz von den grossen Over-IJsselschen Schiffen

erreicht werden kann, die auch geraden Bord haben, findet man es

augenscheinlich vorteilhaft, diese Schiffe ganz einfach Praam zu

nennen. So zieht man aus dem niedrigeren Tarif Nutzen und hütet sich

wohl mit Rücksicht auf die dadurch entstehenden Vorteile, den Namen

«Praam» in «Schip» umzuändern. Erst 1903 wird durch Erkenntnis des

Friedensrichters von Groningen entschieden, dass diese «Pramen» wie

ein «Schip» zu rechnen sind und nicht als «Pramen», wie sie der oben

genannte Vertrag im Auge hat. (_Provinciale Groninger courant_,

Dinsdag, 24 Februari 1903, No. 46). Dieses Erkenntnis lässt also die

Vorteile aufhören, von denen oben die Rede war. Die Entscheidung ist

getroffen worden infolge eines Sachverständigenberichtes vom 24.

Dezember 1902.

In den Begründungen dieses Berichts wird die französische Übersetzung

eines Artikels des Zolltarifs angeführt, der dem Vertrag von 1817

angefügt war, worin amtlich das Wort «Praam» mit «Schiff genannt

Vlotpraam» übersetzt wird. Hiermit wird, und wohl mit Recht, die

kleine offene «Praam» von Groningen bezeichnet. Die Verfasser täuschen

sich jedoch, wenn sie sagen, dass die grossen «Pramen» der Neuzeit

aus der «Vlotpraam» von Groningen hervorgegangen wären. Sie gleichen

in baulicher Hinsicht völlig den Schiffen von Overijssel; nur ihre

Abmessungen sind grösser. Sie haben überdies niemals der Klasse der

Groninger Schiffe angehört. Das schlanke Vorderteil und Hinterteil

sind hierfür der schlagendste Beweis. Um den Typ der «Pramen»

festzustellen, hätte man nicht nur in Groningen suchen dürfen, wie

die Sachverständigen getan hatten, sondern man hätte einen Vergleich

zwischen den Typen von Groningen und denen von Overijssel anstellen

müssen.

Es ist ebensowenig beweisend, wenn man sich in dem Bericht auf einige

frühere Erkenntnisse beruft, in denen von einem «Praamschip» die Rede

ist, weil es nicht darauf ankommt, den Namen zu berücksichtigen,

sondern den Typ eines Schiffes. Die Schlussfolgerung ist noch

unwahrscheinlicher, weil sie sagt, dass die «Praam» ein Schiff sei,

weil sich der Besitzer «Schiffer» (Schipper, frz. batelier) nennt.

Der Vertrag bezieht sich nicht auf «Overijsselsche Pramen», weil es

diese noch nicht gab, als der Vertrag aufgesetzt wurde.

Das Vorhergehende zeigt uns klar, wie wichtig es ist, die Schiffe

richtig zu ordnen und zu bestimmen, welchem Lande die Typen angehören.

[Sidenote: III 37]

Es ist ganz klar, dass Overijssel unter dem Einflusse der anderen

Provinzen gestanden hat. So trifft man längs der Zuiderzee die «Tjalk»

und im 17. Jahrhundert das «IJzere Verken» (eiserne Ferkel), ein

Schiff das auch zu den «Tjalken» gerechnet werden muss. ~Witsen~

nennt es ein festes Schiff von Overijssel (S. 170). Ebenso kommt in

Overijssel die «Statie» von Friesland, die aus dieser Provinz stammte,

wieder in Gebrauch. Es dürfte unnütz sein zu bemerken, dass man auch

«Praamaken» und «Aaktjalken» findet, d. h. einige Schiffe, die die Form

der «Praam» und der «Tjalk» haben, aber ohne Vordersteven. Der Boden

endet in der Nase und die Beplankung trifft in dieser vorderen Fläche

zusammen.

Seit einigen Jahren baut man viel «Tjalken» und «Pramen» aus Eisen.

Obwohl sie auch jetzt noch die charakteristischen Unterschiede

zeigen, ist es zweifellos, dass schliesslich die Formen mit einander

verschmelzen werden, wenn die «Pramen» vollere Formen angenommen haben,

und wenn die Krümmung der «Tjalken» sich verringert hat.

Der Schiffbau seit seiner Entstehung, Band 1 · 第 63 / 142 题