[Fußnote: größtes Nationalmuseum Großbritanniens (Geschichte, Archäologie,
Kunst und Völkerkunde) und Nationalbibliothek; die naturgeschichtlichen
Sammlungen sind heute in Kensington untergebracht. 1753 kam die Sammlung
des irischen Arztes Hans Sloane an das Museum, das im Montagu House
untergebracht wurde. Als die Erweiterung der Sammlungen den Raum
beschränkt werden ließ, erbauten die Brüder Smirke in den Jahren
1823-55 das neue Museum.]
Diese reiche, in einem schönen Lokal aufgestellte Sammlung verdient,
der großen Nation anzugehören, deren Namen sie führt. Der unermüdliche
Sammler, Sir Hans Sloane, legte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
den Grund dazu, indem er sein eigenes, sehr bedeutendes Museum
der Nation vermachte. Mehrere große Sammlungen wurden damit vereinigt,
und so erreichte das Ganze den Grad von Vollständigkeit, auf welchem
es sich heute befindet.
Die prächtige Vasensammlung des Sir William Hamilton ist die schönste
Zierde desselben; [Fußnote: Altertumsforscher (1730-1803);
nahm als Gesandter in Neapel an der Entdeckung von Herculanum und Pompeji
teil; Gatte der durch Lord Nelson bekannt gewordenen Lady Hamilton.
Die Vasensammlung, die er dem Britischen Museum verkaufte, ist durch
die 240 Umrisse Tischbeins bekanntgeworden. Hamilton schrieb
ein grundlegendes Werk der Vasenkunde: "Antiquités étrusques,
grécques et romaines", 4 Bde., Neapel 1966-67.] froh verweilten wir
im Anschauen dieser schönen Formen, welche, von den englischen Fabrikanten
glücklich benützt, durch ganz Europa die bis dahin Mode gewesenen
häßlichen, verkrüppelten Formen verbannten und nach und nach
unserem Hausgeräte die jetzt übliche schöne, geschmackvolle Gestalt
gaben.
Alles, was uns an die goldene Zeit, an die schönen Jahrhunderte der Römer
und Griechen erinnern konnte, fanden wir hier vereint. Mannigfaltiger
Schmuck, Siegelringe, Lampen, Hausgötter, unendliches kleines Gerät,
aus den Gräbern von Pompeji und Herkulaneum auf's Neue zum
freundlichen Tageslicht gefördert, vergegenwärtigte uns das heitere,
gefällige Dasein der Alten; wir lebten mit ihnen, solange wir
in diesen Zimmern verweilten.
Schnell streiften wir hernach durch die Säle, welche das
Naturalienkabinett, die ausgestopften Tiere und Mineralien enthalten, so
auch durch das sehr beträchtliche Münzkabinett. Wenn man in seiner Zeit
so beschränkt ist, wie wir es hier waren, so muß man entbehrend zu
genießen wissen und lieber vieles aufopfern und nur etwas mit Muße
betrachten, um davon eine bestimmte interessante Erinnerung mit sich zu
nehmen. Momentanes Verweilen bei vielen Gegenständen verwirrt und
ermüdet ohne allen Nutzen.
Auch die von Kapitän Cook [Fußnote: James (1728-79), Forscher und
Weltumsegler. Seine Reisebeschreibungen, in Deutschland durch
G. Forster bearbeitet, haben ihn sehr bekannt gemacht.] aus dem
fünften Weltteile mitgebrachten Merkwürdigkeiten, die hier ein
ganzes Zimmer anfüllen, betrachten wir nur im Vorübergehen.
Mehrere Zimmer enthalten in Schränken, mit Drahtgittern versehen,
die große, reichhaltige Bibliothek. Außer eine großen Zahl älterer,
zum Teil sehr seltener Bücher, faßt sie beinahe alles, was bis auf
den heuten Tag in England herauskommt; denn von jedem mit Privilegium
gedruckten Buche muß ein Exemplar hier abgeliefert werden. Wir verweilten
nur einige Zeit in dem Zimmer, in welchem sich die Manuskripte befinden.
Nicht nur alte Handschriften aller Art, von den beschriebenen
Palmblättern und in Stein gehauenen ägyptischen Hieroglyphen an bis auf
die krausen, bunten Schriftzüge der Mönche des Mittelalters, werden hier
aufbewahrt, sondern auch zahllose Briefe und Manuskripte der
interessantesten und berühmtesten Menschen späterer Zeiten; eine
unendliche Fundgrube für den Geschichtsforscher, dem ein freundliches
Geschick erlaubt, sie mit Muße und Auswahl zu benutzen. Und welch ein
Feld würde sich hier dem Anekdotenjäger und Zeitblättler eröffnen, der
nach Willkür fouragieren könnte! Wie viele Bände interessanter Briefe
könnten da ausgewählt werden, zum Nutz und Frommen unseres lese- und
schreibsüchtigen Zeitalters, vor welchem kein Schreibtisch, kein
Portefeuille mehr sicher ist! Briefe vieler englischer Könige und
Königinnen, vieler Männer, die auf ihr Zeitalter wirkten, füllen,
wohlgeordnet in Mappen, eine Menge Schränke.
Man war so gefällig, uns manches zu zeigen; unter anderem
einen ganzen Band eigenhändiger, mitunter ziemlich zweideutiger Briefe
der Königin Elisabeth an ihren unglücklichen Liebling, Grafen Essex.
Ihre Handschrift ist merkwürdig. Diesen nicht schönen, aber mit Schnörkeln
überladenen, sehr großen Buchstaben sieht man es an, daß sie langsam
und vorsichtig geformt wurden, und trotz aller Schmeichelworte,
die sie ihrem Geliebten hinzirkelte, möchte man in etwas verändertem
Sinne mit Schillers Maria Stuart ausrufen: "Aus diesen Zügen spricht
kein Herz!" Auch von dieser unglücklichen Nebenbuhlerin Elisabeths
werden hier viel Briefe aufbewahrt, größtenteils in französischer Sprache.
Besonders rührend war uns der, welchen sie an Elisabeth liebend
und vertrauend schrieb, sowie sie die englische Grenze betreten hatte,
ohne die traurige Zukunft zu ahnen, die sie sich mit diesem Schritt
bereitete.
Man zeigte uns auch den Entwurf einer ziemlich langen Rede, welche
Wilhelm der Eroberer [Fußnote: I. (1066-87); geb. 1027 oder 1028
als Sohn Herzog Roberts II., des Teufels, von der Normandie.
1051-52 weilte er als Gast König Eduards des Bekenners in England,
der ihm die Krone versprochen haben soll. Sein Anspruch auf England--
er ließ sich 1066 in Westminster krönen--stieß das Land
in langwierige kriegerische Unruhen und Aufstände; dennoch gelang es
ihm, ein autokratisches Königtum in England zu errichten und ein
streng durchgeführtes feudales Lehenssystem zu begründen.]
an das englische Volk halten wollte. Sie ist durchaus von seiner Hand
in französischer Sprache geschrieben, ziemlich unorthographisch
und voll Korrekturen und ausgestrichener Stellen. Nach ihrem Inhalte
war er bloß aus Liebe zu dem Volke herübergekommen, um dieses
glücklich zu machen.
Unter den neuen Manuskripten bemerkten wir Popes "Essay on Man",
so wie er ihn zuerst niederschrieb, ebenfalls voll Verbesserungen
und Änderungen. Nicht ohne Grund nennt ihn einer seiner Zeitgenossen
den Papier sparenden Pope, paper sparing Pope. Das ganze Gedicht
ist auf kleinen Papierstücken sehr schlecht und unleserlich
niedergeschrieben, auf Briefkuverte, Visitenkarten, Einladungsbillette,
ja sogar auf den Rändern alter Zeitungsblätter, und dann mit Stecknadeln
und seidenen Fäden bestmöglichst zusammengeflickt.
Auf einem Pulte mitten in diesem Zimmer thront triumphierend
das Heiligtum der Engländer, die ursprüngliche Magna Charta,
[Fußnote: liberatum, The Great Charter; Privileg für die englischen Stände,
am 15. VI1215 von Johann ohne Land unter Druck von Klerus,
Adel und Städten erlassen; sie sichert Freiheit der Kirche, Feudalordnung,
Widerstandsrecht gegen willkürliche Bestrafung, persönliche Freiheit
und persönlichen Besitz.], unter Glas und Rahmen. Lange war sie
verloren und ward glücklicherweise in dem Moment entdeckt, in welchem
ein Schneider seine entheiligende Schere schon ansetzte, um Riemchen
zum Maßnehmen daraus zu schneiden. Jetzt wird sie hier, wenn auch
etwas verblichen, etwas zernagt vom Zahn der Zeit, dennoch sicher,
kommenden Jahrhunderten aufbewahrt und von jedem echten Briten
mit Ehrfurcht betrachtet.
Gern wären wir an einem anderen Tage ins Museum zurückgekehrt,
aber die bestehende Einrichtung erschwerte uns diesen zweiten Besuch.
Zuviel Fremde wünschten das Museum zu sehen, als daß die nämlichen
öfter als einmal dazu kommen könnten. Nur wenige Personen dürfen
zugleich zugelassen werden, und man muß sich lange zuvor um die Erlaubnis
dazu anmelden. Donnerstag morgens wird es zwar öffentlich gezeigt,
aber es ist weder Freude noch Nutzen dabei, von ziemlich unwissenden
Aufsehern mit einer Menge von Leuten durch die Zimmer gedrängt
zu werden. Wer zu wissenschaftlichem Zwecke diese Sammlungen benutzen will,
kann auf gewisse Bedingungen die Erlaubnis dazu von den Vorstehern
erhalten. Ein mit Schreibmaterialien und allem Erforderlichen
wohlversehenes ruhiges Zimmer steht einige Stunden des Tages
den Arbeitenden offen.