[Fußnote: eines der bedeutendsten Industriezentren Englands. Die
industrielle Umwälzung, die Johanna voll miterlebte, brachte der Stadt
einen ungeheuren Aufschwung. Die Bevölkerung stieg von 20 000 um
1750 auf 100 000 Einwohner im Jahre 1803]
Frühmorgens verließen wir Buxton und erreichten gegen Mittag diese
berühmte, große Fabrikstadt. Dunkel und vom Kohlendampfe eingeräuchert,
sieht sie einer ungeheuren Schmiede oder sonst einer Werkstatt ähnlich.
Arbeit, Erwerb, Geldbegier scheinen hier die einzige Idee zu sein,
überall hört man das Geklapper der Baumwollspinnereien und der
Webstühle, auf allen Gesichtern stehen Zahlen, nichts als Zahlen.
An Freude und Vergnügen zu denken, hat das arbeitsame Völkchen hier eben
nicht viel zeit, doch sind einige Anstalten dazu getroffen. Es gibt hier
ein Theater, einen Konzert- und einen Assembleesaal, in welchem sich
winters die Subskribenten zum Spiel, mitunter zum Tanze versammeln;
und damit der liebe Gott doch auch sein Teil bekomme, hat man ihm
ganz kürzlich eine neumodische tempelartige Kirche erbaut, die aber
ziemlich schwerfällig geraten ist.
Im Ganzen blieb der feine Geist der Geselligkeit Manchester, wie anderen
bloß von Fabriken lebenden Städten, ziemlich fremd. Die Männer erholen
sich in Tavernen bei der Bouteille von der ermüdenden Arbeit, die Frauen
haben ihre Zirkel unter sich. Wie amüsant aber solch eine Gesellschaft
von lauter Engländerinnen sein mag, wünschten wir lieber zu erraten,
als zu erfahren.
Die Gegend rings um Manchester hat wenig Einladendes. Die öffentliche
Promenade in der Stadt, eine Art von botanischem Garten, wäre nicht
übel, führte sie nur nicht immer dicht am Kranken- und Irrenhause auf
und ab; so aber hört man unaufhörlich das Geschrei und Geplapper der
armen Verrückten, sieht sie auch mitunter, wie sie gewaltsam in dem am
Irrenhause dahinfließenden Wasser zu ihrer Heilung gebadet werden. Dies
ist, wie man wohl denken kann, eben nicht ergötzlich; doch die Einwohner
von Manchester scheinen sich daran gewöhnt zu haben und lassen sich
durch solche Kleinigkeiten nicht in ihrer Promenade stören.
Wir besuchten eine der größten Baumwollspinnereien. Eine im Souterrain
angebrachte Dampfmaschine setzte alle die fast unzähligen, in vielen
übereinander getürmten Stockwerken angebrachten Räder und Spindeln
in Bewegung. Uns schwindelte in diesen großen Sälen bei dem Anblicke des
mechanischen Lebens ohne Ende. In jedem derselben sahen wir einige Weiber
beschäftigt, die nur selten reißenden Fäden der unaufhörlich sich drehenden
Spindeln wieder anzuknüpfen; Kinder wickelten und haspelten das
gesponnene Garn. In einem großen Saale reinigte man die noch ungesponnene
Baumwolle; in großen viereckigen, watteähnlichen Stücken lag sie
ausgebreitet auf großen Tischen; eine Menge Weiber und Mädchen,
in jeder Hand mit einem dünnen Stecken bewaffnet, prügelten lustig
darauf los; in einem anderen Saale ward sie durch eine einem ungeheuren
Kamme ähnliche Maschine getrieben und glich nun einem äußerst dünnen,
aber doch zusammenhängenden Gewebe; noch in einem anderen ward sie
zu einem lockeren, fast zwei Finger dicken Faden gesponnen, und so
durch viele Säle hindurch, immer feiner, bis zu der Feinheit eines Haares.
Alles wird hier auf die leichteste Weise durch Maschinen bewirkt, deren
jede uns ein Wunder der Industrie erschien. So sahen wir zum
Zusammendrehen und Einpacken der fertigen Stücke Garn ganz eigene
Vorrichtungen. Eine andere, einer Schnellwaage ähnliche Maschine zeigte
vermittelst eines Zeigers die Nummer und zugleich den Grad der Feinheit
der daran gehängten Garnspule. Alles in der Fabrik, auch das Geringste,
geschieht mit bewundernswerter Genauigkeit und Zierlichkeit, dabei mit
Blitzesschnelle. Am Ende schien es uns, als wären alle diese Räder hier
das eigentlich Lebendige und die darum beschäftigten Menschen die
Maschinen.
Betäubt von den gesehenen Wundern verließen wir das Haus und bestiegen
den Wagen, der uns zu einem anderen Wunder, dem vom Herzog von
Bridgewater angelegten Aquädukt [Fußnote: Bridgewater Kanal, verbindet
Manchester mit Liverpool und wurde 1758-71 von Brindley erbaut; nicht zu
verwechseln mit dem 1894 eröffneten Manchester Schiffskanal, der die
Stadt direkt mit dem Meer verbindet], bringen sollte. Dieser Herzog hat
sich um sein Vaterland, besonders um Manchester, unsterblichen Verdienst
erworben, sowohl durch Anlegung der Kanäle, die hier den Warentransport
so sehr erleichtern, als durch die Verbesserung und Bearbeitung der
benachbarten Kohlenminen, die denn doch die Seele des hier waltenden
mechanischen Lebens sind. Der Aquädukt, zu welchem wir jetzt fuhren, ist
des Herzogs höchster Triumph und erschien uns ein Werk, würdig der
Zeiten der alten Römer.
Der Anblick war in der Tat feenhaft. Wie in der Luft sahen wir ein
Kohleschiff mit vollen Segeln hinschweben, während ein anderes in
entgegengesetzter Richtung darunter hinfuhr. Dies seltene Schauspiel
traf durch den glücklichsten Zufall von der Welt grade mit dem Moment
unserer Ankunft bei dem Kanale zusammen. Nachdem die Wirkung des ersten
Erstaunens vorüber war, besahen wir uns die Sache näher. Ein schiffbarer
Fluß strömt zwischen hohen Ufern dahin; ein Kanal führt auf dem höheren
Lande in einer ihn gerade durchkreuzenden Richtung. Über den Fluß ist
eine auf drei ungeheuren Bogen ruhende schnurgerade Brücke (anders
wissen wir es nicht zu nennen) gebaut. Diese, Gott weiß wie? wasserdicht
gemacht, empfängt den Kanal in einem Bette, welches tief genug ist, um
nicht bloß Kähne, sondern auch Schiffe von ziemlicher Größe zu tragen.
Zu beiden Seiten des Kanals ist noch ein breiter Fußsteig gelassen. Wenn
man oben wandelt und nicht gerade hinunter blickt, so ahnt man nicht das
Dasein der Brücke, sondern glaubt noch immer auf festem Lande zu sein.
Jetzt ging es zu den nicht gar weit entfernten, sehr beträchtlichen
Kohlenminen. Die wilden, in den Bergwerken sich ansammelnden Wasser, die
sonst dem Bergmann soviel Not machen, wurden auf Angabe des Herzogs in
einem, Meilen weit in das Innere der Erde sich erstreckenden, für
ziemlich große Kähne schiffbaren Kanal gesammelt. Tief und weit unter
der Oberfläche führt er in verschiedenen Richtungen hin, an einigen
Stellen breit genug für zwei einander begegnende Kanäle. Über ihm wölbt
sich die nicht gar hohe, teils gemauerte, teils in den Felsen gehauene
Decke. So wie er an's Licht des Tags kommt, ist er mit anderen das Land
durchkreuzenden Kanälen in Verbindung.
Der Eingang zu diesem Reiche der Unterwelt ist imposant: ein großes Tor,
in einen senkrecht steilen, majestätisch hohen Felsen eingehauen.
Wir bestiegen einen langen schmalen Kahn, der sonst zum Kohlentransporte
dient; mit Brettern und Kissen waren ziemlich bequeme Sitze für uns
darin bereitet, am Rande und im Boote selbst kleine Leuchter mit
brennenden Lichtern angebracht; so schifften wir hinab auf der schwarzen,
stillen Flut. Unser Führer war über die Maßen redselig und wir merkten bald,
daß er sich ein wenig zu sehr gegen die kalte unterirdische Luft
versehen hatte; doch war hier an keine Gefahr zu denken. Immerfort
perorierend bugsierte er uns langsam weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit
gegen die Wände des Gewölbes stemmte. Nach einer Viertelstunde verschwand
jeder Schein des goldenen Tageslichts, kalt, düster, unheimlich war es
um uns her.
An der ersten Mine kletterten wir aus dem Kahne. Eine Menge gewölbter
Gänge in verschiedenen Richtungen durchkreuzten sich hier, alle so
niedrig, daß man nur mit Mühe ganz gebückt durchkriechen kann. Die
Kohlen liegen ganz frei da und wurden von halbnackten, bald knienden,
bald auf dem Rücken liegenden Männern mit einer Bergmannshaue
losgebrochen. Die Arbeit schien uns höchst mühsam und beschwerlich, auch
ist sie nicht ohne Gefahr, und viele Menschen verlieren hier ihr Leben.
Giftige Dämpfe entstehen plötzlich und ersticken den Arbeiter, oder
entzünden sich an seinem Grubenlichte und verbrennen ihn, wenn er sich
nicht mit dem Gesichte platt auf die Erde wirft, sobald er gewahr wird,
daß die Flamme seines Lichts blau brennt. Der nächste Augenblick ist
gewöhnlich schon zu spät.
Nachdem jedes von uns ein Stück Kohle heruntergeschlagen hatte,
was wir zum Wahrzeichen mitnehmen mußten, waren wir nicht ferner begierig,
tiefer ins Innere der Erde zu dringen. Wir eilten zurück in unser
illuminiertes Boot, zu unserem noch besser illuminierten Führer
und erblickten bald darauf wieder das schöne Licht der Sonne.
Auf dem Rückwege nach Manchester hielten wir uns noch in einer
ganz allein liegenden Bleistiftfabrik auf. Den Eignern schien unser Besuch
nicht viel Freude zu machen; doch ließ man uns, auf die Fürsprache
unseres Begleiters von Manchester, die ganze Verfahrensweise dabei
sehen. Ein Mann hobelte die kleinen, etwa eine halbe Elle langen
und breiten Brettchen von Zedernholz ganz glatt; ein anderer schnitt
sie in Streifen zu viereckigen Bleistiften und machte mit einem Instrument
die Spalte, welche das Blei aufnehmen sollte; ein dritter setzte
das Blei hinein. Es waren etwa vier Zoll lange und halb so breite Stücke,
gerade so dick, daß sie in die Spalte paßten. Vorher wurden sie
in eine schwärzliche Flüssigkeit getaucht und, wenn sie in die Spalte
gefügt waren, mit einem sehr scharfen Messer dicht am Holze glatt
abgeschnitten. Ein vierter Arbeiter leimte kleine, dazu abgepaßte Späne
hinein, die das Blei bedeckten. Zuletzt ward der bis jetzt viereckige
Bleistift auf einer Maschine rund gemacht. Das Ganze ging blitzschnell
und war gar leicht und artig anzusehen.