Birmingham und Soho

Wir reisten jetzt auf Birmingham [Fußnote: heute einer der größten

Industriestädte der Welt mit über 1 Million Einwohnern, hatte zur Zeit

Johannas etwa 75 000] zu. Die Gegend verschönte sich mit

jeder Meile, Berge wechselten mit lachenden Tälern. Wir mußten

zuweilen die Räder einhemmen, weil der Weg zu steil bergab führte.

Die Aussichten von der Höhe sind sehr reizend. In Birmingham selbst

erklommen wir noch einen steilen Berg, der uns lebhaft an den

Hradschin in Prag erinnerte, ehe wir zu dem großen eleganten Gasthofe

gelangten. Dieser heißt noch immer "Zur Henne mit den Küchlein",

obgleich der Wirt in unseren, immer vornehmer werdenden Zeiten sich

alle Mühe gibt, ihn zu Lloyd's Hotel umzustempeln.

Birmingham ist durch seine Fabriken weit und breit berühmt, ja man

könnte fast behaupten, es gäbe kein Dorf im kultivierten Europa,

vielleicht kein Haus, in welchem nicht irgendein Produkt der Industrie

dieser Stadt zu finden wäre, sei es auch nur ein Knopf, eine Nadel

oder ein Bleistift. Die Stadt selbst ist schon durch ihre bergige Lage

nicht schön; der Rauch der vielen Fabriken und Werkstätten, die hier

ihr Wesen treiben, gibt ihr ein düsteres, schmutziges Ansehen.

Überall hört man hämmern und pochen, alles läuft am Tage geschäftig

hin und wider, niemand hat Zeit, solange die Sonne leuchtet. Dafür

hallen des abends die Straßen vom Geschrei und von Gesängen derer wider,

die sich den Tag über unter der schweren Last des Lebens abarbeiteten.

In den wenigen Stunden, die sie dem alle Sinne lähmenden Schlafe

des ermüdeten Arbeiters abstehlen können, suchen sie in Tavernen

und Spielhäusern die Freude zu haschen, an die sie den Tag über

nicht denken konnten.

Den Tag nach unserer Ankunft eilten wir, den merkwürdigsten Punkt

dieser Gegend, Soho, das zwei Meilen von Birmingham gelegene

Etablissement des Herrn Boulton [Fußnote: Matthew (1728-1809)

gründete mit James Watt die erst Dampfmaschinenfabrik der Welt;

die Fabrikanlagen in Soho gründete er 1762], zu besuchen.

Wir finden in ganz England, vielleicht in ganz Europa keinen

glänzenderen Beweis von dem, was Industrie, Fleiß und anhaltendes

Streben nach einem Ziele vermögen, als diesen kleinen freundlichen

Fleck. Herzlich freuten wir uns, seinen Schöpfer, den achtzigjährigen

Boulton, noch in völliger Geisteslebendigkeit kennen zu lernen,

obgleich sein Körper der Krankheit, dem Alter und der unermüdeten

Arbeit längst unterlag. Wir fanden ihn durch Steinschmerzen völlig

gelähmt; im Hause ließ er sich durch zwei rüstige Bediente herumtragen;

im Freien fuhr er sich selbst in einem der kleinen bequemen Fuhrwerke,

die in England zum Troste der dort so häufigen Lahmen und Gebrechlichen

erfunden wurden. Alles dies hinderte ihn nicht, uns, die wir ihm

durch einen seiner Freunde empfohlen waren, überall selbst hinzubegleiten.

Sein dunkles Auge blitzte von Jugendfeuer, als er uns erzählte,

wie er alle die vielen sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten

mutig bekämpfte und glücklich überwand. Freundlich erklärte und

zeigte er uns alles. Und als wir in die dortigen Anlagen traten,

die er mit Hilfe einer Dampfmaschine dem unfruchtbaren Sumpfe abgewann,

sprangen uns seine blühenden Enkel entgegen, spannten sich vor sein

Wägelchen und fuhren den glücklichen Greis wie im Triumph davon.

Achthundert Menschen finden in Soho täglich Arbeit und Brot.

Hier werden englische Kupfermünzen und ausländische, für die

ostindische Compagnie, für Amerika und manche fremde Höfe geprägt.

In Deutschland sagt das Gerücht: Boulton lasse auch die vielen

falschen Münzen fabrizieren, die von England aus Deutschland überschwemmen.

Dem ist aber nicht so, er hat an dem gesetzlichen Wege mehr Arbeit,

als er bestreiten kann, und ist zu rechtlich, zu reich, um sich einem

so gefährlichen Handwerke zu unterziehen. Vor diesem war das Nachprägen

fremder Münzen, wenn nicht erlaubt, doch in England toleriert;

sie wurden wie Rechenpfennige angesehen und in großer Menge, meistens

auf Bestellung spekulativer Köpfe in Deutschland und anderen Ländern,

ziemlich öffentlich fabriziert. Seitdem aber der Galgen so gut auf

diesen Zweig der Industrie gesetzt ist wie auf das Nachmachen

englischer Banknoten und Münzen, wird dieses Geschäft nur ganz heimlich

betrieben. Es soll indessen in Birmingham an dergleichen Fabriken,

welchen oft eine Knopffabrik zum Aushängeschild dient, nicht fehlen.

Außer der Münze enthält Soho noch eine große Fabrik von plattierten

Waren aller Art, eine Glasfabrik und eine von Dampfmaschinen.

Die erstaunenswürdigste Erfindung der letzteren, bei dem Reichtum

an Steinkohlen für England von unermeßlichem Wert, hat Boulton erst

auf den Gipfel von Vollkommenheit gebracht, auf welchem sie jetzt steht.

Er verfertigt Dampfmaschinen für ganz Europa und Amerika, läßt aber

diese Fabrik niemanden sehen, weil sich oft Leute bei ihm einschlichen,

die seine Gastfreundschaft mißbrauchten und mühsam errungenen Vorteile

ihm abzusehen strebten, während er sie freundlich bei sich aufnahm.

Er sagte uns, wir würden es unartig gefunden haben, daß er in allen

Gasthöfen, viele Meilen um Birmingham her, ein Avertissement

anschlagen ließ, in welchem er bekanntmachte: daß ohne besondere Empfehlung

an ihn keinem Fremden sein Etablissement gezeigt werden. Durch den

ewigen Zulauf von Fremden, der ihm oder doch einem seiner Associés

alle Zeit raubte und unter seinen Arbeitern ewige Störungen veranlaßte,

wurde er zu diesem Schritte gezwungen, den er höchst ungern tat.

"Nichts ist unerträglicher", sagte er, "als ein Haus zu besitzen,

das eine Sehenswürdigkeit ist (a rare show) oder gar selbst eine zu sein;

beides war mein Fall, denn jeder, der Soho gesehen hatte, glaubte schon

aus Höflichkeit dessen Stifter in Augenschein nehmen zu müssen,

und so wußte ich mir am Ende nicht anders zu helfen, als auf diese

unfreundliche Weise."

Das Wohnhaus in Soho ist ein hübsches, bequemes und großes Gebäude,

überall Sauberkeit und Eleganz, nirgends Pracht, nirgends ein Streben,

mit den prächtigen Villen der Großen des Landes zu wetteifern. Es liegt

sehr angenehm: aus den vorderen Zimmern übersieht man eine sehr schöne,

reiche Gegend, im Vordergrunde die Stadt; fruchtbare angebaute Hügel

steigen über ihr empor. Dicht vor dem Hause liegt ein hübscher Garten

voll Blumen und fremder Pflanzen und hinter dem Hause eine reizende

Promenade, längs den Ufern eines kleinen Sees, welchen Boulton schuf,

indem er vermittelst der Dampfmaschine die alten Sümpfe austrocknete

und das Wasser hier sammelte. In einer Ecke desselben ergießt sich ein

Wasserfall von einem mit schönen Blumen und Bäumen gezierten Hügel.

Alles dieses war vor ungefähr zwanzig Jahren eine öde, sumpfige Heide.

Die Fabrik von plattierten Sachen erschien uns besonders interessant.

Es ist unmöglich, schönere Formen und bessere Politur zu sehen,

als dem Silber hier gegeben wird. Man kann das Plattierte von dem

ganz Silbernen durch's Auge allein nicht unterscheiden, und es gibt auch,

auf die Weise wie hier gearbeitet, dem Silber an Dauer wenig nach.

Auf ein Stück Kupfer, etwa eine halbe Elle lang und eine Achtelelle im

Durchmesser, werden Längen aus zwei Platten von ganz reinem Silber, etwa

den zehnten Teil so dick als Kupfer ist, oben und unten aufgeschmolzen.

Dann wird es durch Walzen, von einer Dampfmaschine getrieben, zu Blech

ausgedehnt, so dünne man es bedarf. Das Silber bleibt dabei immer mit

dem Kupfer im nämlichen Verhältnisse. Dieses Blech braucht man zur

Verfertigung der Leuchter, Kannen und allen Silbergerätes, welches eine

Fläche bietet; zu den Henkeln, Füßen und dergleichen nimmt man eine

runde, mit Silber belegte Stange Kupfer, die auf die nämliche Weise, wie

wir oben beschrieben, behandelt wird. Die äußeren Ecken werden den

Gefäßen von massivem Silber angesetzt; auch sind die meisten

Verzierungen daran ganz Silber.

Die Glasschleiferei ist ebenfalls merkwürdig. In einem sehr langen Zimmer

sieht man eine Menge Schleifsteine unaufhörlich schnell sich drehen.

Eine lange hölzerne, am Boden horizontal liegende Walze, welche durch

eine unter dem Zimmer sich befindende Dampfmaschine getrieben wird,

setzt sie alle in Bewegung. Mit der größten anscheinenden Leichtigkeit

schleifen die Arbeiter die schönsten Muster auf die Gläser mit einer

bewundernswürdigen Genauigkeit, ohne alle Vorzeichnung, indem sie

dieselben an die wie von Zauberei getriebenen Scheiben halten.

Von hier aus kommen größtenteils die schönen Girandolen, Lüster,

Trinkgläser und Prachtvasen, die glänzendste Zierde großer Tafeln,

welche wir oft in den, bei nächtlicher Beleuchtung einem Feenschloß

ähnlichen, flimmernden Glasläden Londons nicht genug bewundern konnten.

Die letzte Politur wird dem Glase vermittelst einer hölzernen Scheibe,

statt des Schleifsteins, gegeben.

Die Münze arbeitete gerade diesen Tag nicht. Herr Boulton ließ aber

einige kleine Geldstücke prägen, um uns den Mechanismus zu zeigen.

Acht Prägstöcke werden hier ebenfalls von einer Dampfmaschine getrieben;

jeder derselben prägt in einer Minute dreißig bis einhundertzwanzig

Stücke aus, je nachdem sie größer oder kleiner sind, und zwar auf

beiden Seiten zugleich. Bei jedem Stempel ist eine höchst sinnreich

erfundene Maschine angebracht, die mit Blitzesschnelle das eben

geprägte Stück fort und ein noch ungeprägtes an dessen Stelle einschiebt.

Alles dieses scheint wie von unsichtbaren Geistern getrieben.

Das Gepräge der Münzen ist durchgängig schön. Sie sind alle vollkommen

rund, von gleicher Größe und möglichst gleichem Werte.

In einem anderen Zimmer werden die Münzen geschnitten, ehe sie

geprägt werden; noch in einem anderen nach dem Prägen gereinigt,

indem sie in langen leinenen Säcken hin und her geschwungen werden.

Auch diese Operation wird durch die Dampfmaschine bewerkstelligt.

Zum Abschiede statteten wir noch der Dampfmaschine selbst einen Besuch

ab. Wir sahen in einem unterirdischen Gewölbe eine Pumpe durch den Dampf

des darunter in einem verschlossenen, eingemauerten Kessel kochenden

Wassers unaufhörlich in Bewegung gesetzt. Diese Pumpe trieb einige große

Räder, diese Räder kommunizierten mit den vielen, in den oberen Zimmern

befindlichen mannigfaltigen Maschinen und brachten alle die Wunder

hervor, die uns oben in Erstaunen gesetzt hatten. Das ist alles, was wir

durch's bloße Anschauen von dieser bewundernswerten Erfindung begriffen.

Das Wasser muß das ganze Jahr im Kochen erhalten werden, damit die

Maschine nie stocke. Herr Boulton versicherte uns, es gehöre weit

weniger Feuerung dazu, als man auf den ersten Augenblick glauben möchte.

Reise durch England und Schottland · 第 9 / 80 题