Carlsson geht in Dienst
und wird für einen Schwätzer gehalten
Er kam wie ein Schneegestöber eines Aprilabends und hatte eine Kruke
aus schwedischem Ton an einem Hungerriemen um den Hals. Clara und
Lotte waren mit dem Netzboot nach dem Badeort Dalarö gefahren, um ihn
zu holen; aber es dauerte Ewigkeiten, bis sie ins Boot kamen. Sie
mußten zum Kaufmann, um eine Tonne Teer zu besorgen, und zur
»Aptheke«, um graue Salbe fürs Ferkel zu kaufen; und dann mußten sie
auf die Post, um eine Freimarke zu holen; und dann mußten sie zu Fia
Lövström, um den Hahn zu borgen, gegen ein Halbpfund dünnes Garn zum
Netzbau. Und zuletzt waren sie im Gasthaus gelandet, in das Carlsson
die Mädchen zu Kaffee mit Kuchen geladen hatte.
Endlich kamen sie doch ins Boot.
Carlsson wollte steuern, aber das konnte er nicht; er hatte noch nie
einen Rahsegler gesehen, daher schrie er, sie sollten die Fock hissen,
die gar nicht vorhanden war.
Auf der Zollbrücke standen Lotsen und Zöllner, die über das Manöver
grinsten, als das Boot über Stag ging und abgetrieben wurde.
-- Hör mal, du hast ein Loch im Boot! schrie ein junger Lotse durch den
Wind. Stopf zu! Stopf zu!
Während Carlsson nach dem Loch guckte, hatte Clara ihn fortgestoßen
und das Steuerruder genommen; und mit den Riemen gelang es Lotte, das
Boot wieder in den Wind zu bringen; mit gutem Gang segelte es dem
Sunde zu.
Carlsson war ein kleiner viereckiger Wärmländer mit blauen Augen und
einer Nase, die so krumm war wie ein Doppelhaken. Lebhaft,
spielerisch, neugierig war er, aber vom Seewesen verstand er nichts.
Er war auch nach der Insel Hemsö gerufen worden, um für Feld und Vieh
zu sorgen; damit wollte sich nämlich niemand mehr befassen, seit der
alte Flod aus dem Leben geschieden war und die Witwe allein auf dem
Hofe saß.
Als Carlsson die Mädchen mit Fragen nach den Verhältnissen auf dem
Hofe anzapfte, bekam er Antworten, wie sie die Bewohner des Inselmeers
zu geben pflegen.
-- Ja, das _weiß_ ich nicht! Ja, das kann ich _nicht_ sagen! Ja, das weiß
ich _wirklich_ nicht!
Daraus wurde er nicht klug!
Der Kahn plätscherte zwischen Holmen und Schären dahin, während die
Eisente zwischen den Kobben schnatterte und im Fichtenwald der
Birkhahn balzte. Über freie Wasserflächen, die »Fjärde«, und über
Strömungen fuhr das Boot, bis die Nacht kam und die Sterne
aufleuchteten.
Da gings auf das große Wasser hinaus, wo der Leuchtturm der
»Hauptschäre« blinkte. Bald kam man an einem Stangenzeichen mit Besen
vorbei, bald an einer weißen Bake, die wie ein Gespenst aussah; bald
leuchteten zurückgebliebene Schneewehen wie Leinen auf der Bleiche;
bald tauchten aus dem schwarzen Wasser »Netzwächter« auf, die am Kiel
schrapten, wenn man darüber fuhr. Eine schlaftrunkene Mantelmöwe ward
von ihrem Riff aufgescheucht und brachte Leben in Seeschwalben und
Möwen; ein höllischer Lärm brach los.
Weit draußen, wo die Sterne ins Meer tauchten, leuchteten das rote und
das grüne Auge eines großen Dampfers; der schleppte eine lange Reihe
runder Lichter, die durch die Ventile der Kajüten schimmerten.
Alles war Carlsson neu, und er fragte nach allem; und jetzt erhielt er
Antwort, und zwar so viele, daß er einsah, er war auf fremden Boden
gekommen. »Er war eine Landratte«, das heißt ungefähr dasselbe, was
für den Städter »Einer vom Lande« ist.
Jetzt segelte der Kahn in einen Sund und kam in Lee; man mußte das
Segel reffen und rudern.
Als sie bald darauf in einen neuen Sund kamen, sahen sie ein Licht von
einer Hütte leuchten, die zwischen Erlen und Kiefern lag.
-- Jetzt sind wir zu Hause, sagte Clara.
Das Boot schoß in eine schmale Bucht; eine Rinne war durchs Schilf
gehauen, das an den Seiten des Kahns raschelte; dieses Rascheln weckte
einen Laichhecht, der sich in den Anblick einer Angelrute vertieft
hatte.
Der Hund gab Laut, und eine Laterne kam oben in der Hütte in Bewegung.
Der Kahn wurde an der Landungsbrücke festgemacht, und die Ausladung
begann. Das Segel wurde um die Rahe gerollt, der Mast herausgenommen,
und die Stage mit den Tauen umwunden. Die Teertonne rollte man ans
Land, und Kübel, Kannen, Körbe, Bündel lagen bald auf der
Landungsbrücke.
Carlsson schaute sich im Halbdunkel um und erblickte lauter neue und
ungewöhnliche Dinge. Vor der Landungsbrücke lag der Fischkasten mit
seinem Hebespiel; an der langen Seite der Brücke lief ein Geländer,
das mit Netzbojen, Fangleinen, Dregghaken, Senkern, Schnüren,
Grundleinen, Angelhaken behängt war; auf den Brückenplanken standen
Strömlingstrommeln, Tröge, Wannen, Bottiche, Näpfe, Grundleinenkasten;
am Brückenkopf lag ein Seeschuppen, der mit Lockvögeln behängt war:
ausgestopfte Eidergänse, Sägetaucher, Langschnäbel, Trauerenten,
Quakenten; unter der Dachtraufe lagen auf Haltern Segel und Masten,
Riemen und Bootshaken, Schöpfkellen, Eispickel, Quappenkeulen. Und am
Lande standen Pfähle, an denen Strömlingsnetze trockneten, so groß wie
die größten Kirchenfenster; Flundernetze mit Maschen, durch die man
den Arm stecken konnte; Barschgarn, neu geknüpft und weiß wie die
feinsten Schlittennetze; doch von der Brücke geradeaus zogen sich zwei
Reihen Gabelstangen wie eine Gutsallee, und an denen hingen die großen
Zugnetze.
Vom höchsten Ende des Ganges kam jetzt die Laterne und warf ihren
Schein auf den Sandweg, auf dem Muschelschalen und getrocknete
Fischkiemen glitzerten, während in den Zugnetzen zurückgebliebene
Strömlingsschuppen wie Reif an Spinngewebe blinkten. Aber die Laterne
beleuchtete auch das Gesicht einer älteren Frau, das vom Wind gedörrt
zu sein schien, und ein Paar kleiner freundlicher Augen, die beim
Herdfeuer zusammengeschrumpft waren. Vor der Alten her sprang der
Hund, ein zottiger Köter, der ebenso gut auf See wie auf Land zu Hause
sein mochte.
-- Nun, seid ihr da, Mädchen, grüßte die Alte, und habt ihr den
Burschen bei euch?
-- Ja, da sind wir, und hier ist Carlsson, wie Ihr seht, Tante!
antwortete Clara.
Die Alte wischte ihre rechte Hand an der Schürze ab und reichte sie
dem Knecht.
-- Willkommen, Carlsson; mögt Ihr Euch bei uns heimisch fühlen!
Und zu den Mädchen:
-- Habt ihr Kaffee und Zucker mitgebracht, Mädchen? Sind die Segel im
Schuppen? Dann kommt hinauf, ich werde euch etwas zu essen geben.
Alle vier gingen die Höhe hinauf; Carlsson still, neugierig, voller
Erwartung, wie sein Leben sich in der neuen Stellung gestalten würde.
* * * * *
Drinnen in der Stube brannte Feuer im Ofen; auf dem weißen Klapptisch
lag eine reine Decke; auf der Decke stand eine Flasche Branntwein, in
der Mitte wie ein Stundenglas zusammengeschnürt; rings herum Tassen
aus schwedischem Porzellan, auf denen Rosen und Vergißmeinnicht
abgebildet waren; ein frischgebackenes Brot, gedörrter Zwieback, ein
Teller mit Butter, Zuckerdose und Sahnenkanne vervollständigten den
Tisch. Carlsson fand ihn reicher, als er von dieser gottverlassenen
Gegend erwartet hatte.
Aber auch die Stube selbst sah nicht übel aus, als er sie im
flammenden Schein des Herdfeuers musterte; das kreuzte sich mit dem
Talglicht des Messingleuchters, schien in der etwas unreinen Politur
des Mahagonisekretärs wider, spiegelte sich in dem lackierten Gehäuse
und dem Messingpendel der Wanduhr, funkelte auf den Silbereinlagen der
damascierten Läufe der Vogelflinten, hob die vergoldeten Buchstaben
auf den Rücken der Postillen, Gesangbücher, Kalender, Bauernregeln
hervor.
-- Tretet näher, Carlsson, lud ihn die Alte ein.
Carlsson war ein Kind der neuen Zeit und lief wirklich nicht in die
Scheune hinaus, sondern trat sofort näher und setzte sich auf ein
Banksofa, während die Mädchen seinen Kasten in die Küche schafften,
die auf der andern Seite des Flurs lag.
Die Alte hakte den Kaffeekessel ab und legte die Klärhaut hinein;
hakte ihn wieder an und ließ ihn noch etwas kochen. Dann erneuerte sie
die Einladung, dieses Mal mit dem Zusatz, Carlsson möge sich an den
Tisch setzen.
Der Knecht setzte sich und drehte die Mütze zwischen den Fingern. Er
paßte auf, wie der Wind wehte, um seine Segel danach zu richten. Er
hatte offenbar die feste Absicht, sich mit den Maßgebenden gut zu
stellen; da er aber noch nicht wußte, ob die Alte mit sich reden ließ,
wagte er es nicht, seinem Mundwerk freien Lauf zu lassen, ehe er nicht
wußte, wo das Land lag.
-- Das ist aber ein feiner Sekretär, begann er und befühlte die
Messingrosetten.
-- Hm! sagte die Alte, es ist aber nicht viel darin.
-- Oho, das weiß ich wohl, schmeichelte Carlsson und bohrte den kleinen
Finger in das Schlüsselloch der Klappe; darin ist genug!
-- Ja, einst war wohl ein Stück Geld darin, als wir ihn von der Auktion
nach Hause brachten; dann aber mußte der Flod in die Erde, und Gustav
mußte Soldat spielen, und seitdem ist keine rechte Ordnung auf dem Hof
gewesen. Und dann wurde das neue Haus gebaut, das keinen Nutzen
bringt. So kam eins zum andern. Aber nehmt Zucker, Carlsson, und
trinkt eine Tasse Kaffee.
-- Soll ich damit anfangen? sperrte sich der Knecht.
-- Ja, da noch niemand zu Hause ist, antwortete die Alte. Der
verwünschte Junge ist auf der See, mit der Flinte; und den Norman
nimmt er immer mit; so wird keine ordentliche Arbeit geleistet. Wenn
sie nur fort kommen und einen Vogel jagen können, lassen sie Viehzucht
und Fischerei zu Grunde gehen. Das ist die Ursache, weshalb ich Euch
herkommen ließ, Carlsson, damit Ihr nach dem Rechten schaut. Darum
sollt Ihr Euch gewissermaßen für etwas mehr halten und ein Auge auf
die Burschen haben. Wollt Ihr nicht einen Zwieback nehmen, Carlsson?
-- Ja, Tante, soll ich gewissermaßen etwas mehr sein, damit die Andern
auf mich hören, dann muß auch eine bestimmte Ordnung gelten. Dann muß
ich an Tante einen Rückhalt haben, denn ich weiß, wie es geht, wenn
man sich mit den Burschen duzt und gemein macht.
So gewann Carlsson das Land, als er wußte, wo es lag.
-- Was das Seegeschäft anlangt, fuhr er fort, da mische ich mich nicht
hinein; das kenne ich nicht, aber auf dem Lande, da weiß ich Bescheid,
und da will ich Herr sein.
-- Ja, das werden wir morgen regeln; dann haben wir Sonntag und können
bei Tageslicht alles besprechen. Nun noch eine halbe, Carlsson, dann
könnt Ihr Euch schlafen legen.
Die Alte goß zum zweiten Male Kaffee ein, und Carlsson nahm das
Stundenglas, um die Tasse mehr als dreiviertel zu füllen. Nachdem er
die Mischung hinuntergeschlürft hatte, fühlte er große Lust, das
fallen gelassene Gespräch, das ihn äußerst angenehm berührt hatte,
wieder aufzunehmen. Aber die Alte war aufgestanden, um sich am Herd zu
schaffen zu machen; die Mädchen liefen aus und ein; der Köter gab Laut
auf dem Hofe und lenkte die Aufmerksamkeit ab.
-- Da haben wir die Burschen, sagte die Alte.
Draußen erklangen Stimmen, Absatzeisen klirrten auf den Steinen, und
durch die Balsaminen im Fenster sah Carlsson draußen im Mondschein die
Gestalten zweier Männer, die eine Flinte auf der Schulter und eine
Tracht auf dem Rücken hatten.
Der Köter bellte im Flur, und gleich darauf ward die Tür geöffnet.
Herein trat der Sohn in Wasserstiefeln und Jagdjoppe. Mit dem sichern
Stolz des glücklichen Jägers schleuderte er Jagdtasche und ein Bündel
Eider auf den Tisch an der Tür.
-- Guten Abend, Mutter, da hast du Fleisch! grüßte er, ohne den
Kömmling zu bemerken.
-- Guten Abend, Gustav! Ihr seid lange fort gewesen, grüßte die Mutter
zurück, während sie unwillkürlich einen zufriedenen Blick auf die
prachtvollen Eider warf; mit dem kohlschwarzen und kreideweißen
Gefieder, der rosenroten Brust und dem seegrünen Nacken. Ihr habt gute
Beute gemacht, sehe ich. Hier haben wir Carlsson, den wir erwarteten!
Der Sohn warf einen forschenden Blick aus seinen kleinen, scharfen
Augen, die von hellroten Wimpern halb verborgen waren, und änderte
sofort sein Gesicht: offen war es gewesen, und schüchtern wurde es.
-- Guten Abend, Carlsson, sagte er kurz und scheu.
-- Guten Abend, antwortete der Knecht, indem er einen unbefangenen Ton
anschlug, bereit, den Überlegenen zu spielen, sobald er über den
jungen Mann im Klaren war.
Gustav nahm den Platz auf dem Hochsitz ein, stützte sich mit dem
Ellbogen aufs Fensterbrett und ließ sich von der Mutter eine Tasse
Kaffee einschenken, in die er sofort Branntwein goß. Während er trank,
betrachtete er Carlsson heimlich.
Der hatte die Vögel genommen und untersuchte sie.
-- Das sind prächtige Tiere, sagte er und kniff sie in die Brust, um zu
fühlen, ob sie fett seien. Er ist ein guter Schütze, sehe ich, der
Schuß sitzt an der rechten Stelle.
Gustav antwortete mit einem listigen Grinsen; er hörte sofort, daß
der Knecht nichts vom Weidwerk verstand, da er Schüsse lobte, die in
den Brustfedern saßen und die Eider zu Lockvögeln untauglich machten.
Carlsson aber schwatzte unverzagt weiter, lobte die Taschen aus
Seehundsfell, pries die Flinte, machte sich so klein wie möglich;
stellte sich in Seesachen noch unwissender, als er wirklich war.
-- Wo hast du Norman gelassen? fragte die Alte, die schläfrig wurde.
-- Er bringt nur die Sachen in den Schuppen, antwortete Gustav; er
kommt gleich.
-- Rundqvist hat sich schon niedergelegt. Es ist auch Zeit, und Ihr
müßt müde sein, Carlsson, da Ihr lange unterwegs gewesen seid. Ich
will Euch zeigen, wo Ihr liegen sollt, wenn Ihr mitkommt.
Carlsson wäre gern geblieben, um das Stundenglas auslaufen zu sehen;
aber der Wink war so deutlich, daß er die Geduld der Wirtin nicht
länger auf die Probe zu stellen wagte.
Die Alte ging mit ihm in die Küche hinaus.
Gleich kam sie aber zum Sohn zurück, der sofort seinen freimütigen
Ausdruck wieder annahm.
-- Nun, wie findest du ihn? fragte die Alte; er sieht ordentlich und
willig aus.
-- Nein, nein! antwortete Gustav gedehnt. Trau ihm nicht, Mutter; er
schwatzt nur Unsinn!
-- Was du sagst! Er kann doch wohl ordentlich sein, wenn er auch ein
Mundwerk hat.
-- Glaub mir, Mutter, das ist ein Schwätzer; mit dem werden wir uns zu
schleppen haben, bis wir ihn wieder los werden. Aber das macht nichts;
er soll schon arbeiten fürs Essen, und mir soll er nicht zu nahe
kommen. Du glaubst allerdings nie, was ich sage, aber du wirst schon
sehen! Wirst schon sehen. Nachher reut es dich, wenn's zu spät ist!
Wie wars mit dem alten Rundqvist? Der hatte auch ein tüchtiges
Mundwerk, aber sein Rücken war schwach; wir haben uns mit ihm
schleppen müssen, und jetzt werden wir ihn füttern, bis er stirbt.
Solche Schwätzer sind nur bei der Schüssel groß, das kannst du mir
glauben!
-- Du bist wie dein Vater, Gustav; traust den Leuten nichts Gutes zu
und verlangst dann unvernünftig viel! Der Rundqvist ist kein Seemann,
sondern auch vom Lande; aber er kann vieles, was andere nicht können.
Und Seeleute kriegen wir nicht mehr; die gehen zur Flotte, zum Zoll
oder werden Lotsen. Nur Leute vom Lande kriegt man. Siehst du, man
nimmt, was man bekommt.
-- Das weiß ich wohl, daß keiner mehr Knecht sein will! Alle suchen
Staatsdienst, und hier draußen auf den Inseln sammelt sich aller
Abfall vom Festland. Ordentliches Volk kommt nicht in die Schären
hinaus; es muß denn besondere Ursachen haben. Darum sage ich noch ein
Mal: Halt die Augen offen!
-- Du, Gustav, solltest die Augen offen halten, gab die Alte zurück, um
dein Hab und Gut in Ordnung zu bringen. Einst wird es ja deins! Du
solltest zu Hause bleiben und nicht immer auf der See herumliegen; zum
mindesten die Leute nicht von der Arbeit abhalten.
Gustav rupfte eine Eider und antwortete:
-- Ei, Mutter, du liebst es doch auch, wenn Braten auf den Tisch
kommt, nachdem es den ganzen Winter über eingesalzenes Schweinefleisch
und gedörrten Fisch gegeben hat; du mußt also nicht so sprechen.
Übrigens gehe ich nicht in den Krug, und etwas muß der Mensch doch zu
seinem Vergnügen haben. Essen haben wir ja genug, und etwas Geld auf
der Bank auch, und verfaulen tut der Hof nicht; will er brennen, so
mag er; er ist ja versichert.
-- Verfaulen wird der Hof nicht, das weiß ich wohl, aber alles Andere
geht entzwei. Die Feldzäune müssen ausgebessert werden, die Gräben
gereinigt werden. Das Stalldach ist so morsch, daß es aufs Vieh
regnet. Nicht eine Brücke ist heil, die Boote sind zerbrechlich wie
Zunder, die Netze müssen geflickt, der Milchkeller gedeckt werden. Und
so weiter. Da ist so vieles, das gemacht werden müßte, aber nie
gemacht wird. Jetzt aber wollen wir mal sehen, ob es nicht doch
gemacht werden kann, nachdem wir einen Knecht eigens dafür angenommen
haben. Es wird sich ja herausstellen, ob Carlsson nicht der rechte
Mann dafür ist.
-- Dann laß ihn nur machen! schnauzte Gustav, indem er mit der Hand
durch das kurzgeschorene Haar fuhr, daß es wie Stacheln in die Höhe
stand. Da ist Norman! Komm und trink eine Halbe, Norman!
Norman, klein, breit, hellblond, mit keimendem Schnurrbart und blauen
Augen, trat in die Stube und ließ sich bei seinem Jagdgenossen nieder,
nachdem er die Alte gegrüßt.
Die beiden Helden zogen ihre Tonpfeifen aus den Westentaschen und
stopften sie mit »Schwarzem Anker«. Dann gingen sie nach Jägerart, bei
einer Halben Kaffee mit Branntwein, alle ihre Heldentaten draußen am
offenen Meere durch; Schuß für Schuß. Die Vögel wurden untersucht, die
Finger in die Schußwunde gebohrt, die Hagelkörner gezählt,
unentschiedene Treffer erörtert. Schließlich entwarfen sie Pläne zu
neuen Ausflügen.
* * * * *
Inzwischen war Carlsson in die Küche hinausgekommen, um sein
Nachtlager aufzusuchen.
Die Küche war eine Firststube und sah wie eine mit dem Kiel nach oben
gekehrte Schute aus, die auf der Ladung schwamm. Die Ladung bestand aus
allen möglichen Gütern. Hoch oben unter dem berußten Dachfirst hingen
Garn und Fischgeräte an den Balken; darunter waren Bretter und
Bootsplanken zum Trocknen verstaut; Flachs und Hanfsträhne, Dregganker,
Schmiedeeisen, Zwiebelbündel, Talglichter, Mundvorratskasten; aus einem
Querbalken lag eine lange Reihe frisch ausgestopfter Lockvögel; über
einen andern waren Schaffelle geworfen; von einem dritten baumelten
Wasserstiefel, Unterjacken, Hemden, Strümpfe; und zwischen den Balken
liefen Spieße mit Lochbroten, Stöcke mit Aalhäuten, Stangen mit
Grundschnüren und Angelhaken.
Am Giebelfenster stand der Eßtisch aus rohem Holz; an den Wänden
standen drei Ausziehsofas, die mit reinen, aber groben Laken gebettet
waren.
In einem davon hatte die Alte Carlsson einen Platz angewiesen. Als sie
sich mit dem Licht entfernte, ließ sie den Kömmling im Halbdunkel, das
nur schwach von der Herdglut und einem kurzen Mondstreifen erleuchtet
wurde. Der Mond zeichnete Pfosten und Sprossen des Fensters auf den
Boden. Aus Gründen der Schamhaftigkeit wurde beim Schlafengehen kein
Licht angesteckt; denn die Mädchen hatten auch ihre Schlafplätze in
der Küche.
So entkleidete sich Carlsson im Halbdunkel. Er legte Rock und Stiefel
ab; dann holte er die Uhr aus der Westentasche, um sie beim Schein des
Herdfeuers aufzuziehen. Er hatte den Schlüssel ins Loch gesteckt und
begann ihn mit etwas ungewohnter Hand zu drehen; die Uhr ging nämlich
nur an Sonntagen und bei feierlichen Gelegenheiten; da erklang aus den
Bettdecken eine tiefe, brummende Stimme:
-- Nein, hat er auch eine Uhr!
Carlsson fuhr zusammen, sah hin und bemerkte im Glutschein einen
zottigen Kopf mit einem Paar blinzender Augen, der sich auf zwei Arme
stützte.
-- Gehts dich was an? erwiderte er, um die Antwort nicht schuldig zu
bleiben.
-- Gehts an, dann läutet man in der Kirche, obgleich ich nie
hineinkomme! antwortete der Kopf.
-- Obgleich? O gleich gieße ich dir einen Eimer Wasser über den Kopf,
gab Carlsson zurück.
-- Das ist nicht so dumm geantwortet, stammelte der Andere. Das ist
jedenfalls ein feiner Mann: er hat ja Saffian an den Stiefelschäften.
-- Das will ich meinen; und Galoschen hat er auch, wenn's darauf
ankommt!
-- Nein, hat er auch Galoschen; dann kann er sicher auch einen Schluck
spendieren!
-- Ja, das kann er auch, wenn's sein muß, antwortete Carlsson bestimmt
und holte seine Tonkruke. Bitte!
Er zog den Kork heraus, trank einen Schluck und reichte die Kruke
hinüber.
-- Gott segne ihn; ich glaube wirklich, das ist Branntwein. Dann:
Gutjahr und Willkommen! Jetzt sage ich du zu dir, Carlsson, und du
nennst mich den närrischen Rundqvist, denn so heiße ich meistens.
Und dann kroch er wieder unter die Decke.
Carlsson entkleidete sich und kroch ins Bett, nachdem er seine Uhr am
Salzfaß aufgehängt und die Stiefel mitten ins Zimmer gestellt hatte,
damit die roten Saffianzwickel recht zu sehen waren.
Es war still in der Küche und nur Rundqvist hörte man schnarchen am
Herd.
Carlsson lag wach und dachte an die Zukunft. Wie ein Nagel saß ihm
das Wort der Alten im Kopfe, daß er etwas mehr als die Andern sein
solle, um die Wirtschaft in die Höhe zu bringen. Um den Nagel
schmerzte und schwärte es; es war, als habe er ein Gewächs im Kopf. Er
dachte an den Mahagonisekretär, an die roten Haare und mißtrauischen
Augen des Sohnes. Er sah sich mit einem großen Schlüsselbund
herumlaufen, mit dem er in der Hosentasche klapperte; da kommt einer
und bittet um Geld; er hebt das Schurzfell, schüttelt das rechte Bein,
steckt die Hand in die Tasche und fühlt die Schlüssel gegen den
Schenkel; dann zupft er am Bund, wie man Werg auszieht, und als er den
kleinsten Schlüssel, der in die Klappe paßt, gefunden hat, steckt er
den ins Schlüsselloch, ganz wie er's heute Abend mit dem kleinen
Finger getan hatte; aber das Schlüsselloch, das wie ein Auge mit einem
Augapfel ausgesehen, wird rund, groß und schwarz wie eine
Flintenmündung, und über dem andern Ende des Laufes sieht er das rote
Fischauge des Sohnes scharf und tückisch zielen, als wolle der sein
Geld verteidigen.
Die Küchentür ging, und Carlsson wurde aus seinem Halbschlummer
gerissen. Mitten im Zimmer, wohin die Mondscheiben gerückt waren,
standen zwei weißgekleidete Gestalten, um gleich darauf in ein Bett
unterzutauchen; das gewaltig knarrte, wie wenn ein Boot gegen eine
schwankende Landungsbrücke stößt. Dann ward es in den Laken lebendig
und kicherte, bis es still wurde.
-- Gute Nacht, Mädchen, erklang Rundqvists erlöschende Stimme. Träumt
von mir!
-- Daran ist uns allerdings sehr gelegen, antwortete Lotte.
-- Still, antworte dem Scheusal nicht, warnte Clara.
-- Ihr seid ... so ... nett! Wenn ich nur auch so ... nett ... sein
könnte wie ihr! seufzte Rundqvist. Ja, Herr Gott, man wird alt; dann
kann man seinen Willen nicht mehr kriegen, und dann ist das Leben
nichts mehr wert. Gute Nacht, Kinder, und hütet euch vor Carlsson: der
hat Uhr und Saffianstiefel! ... Ja, Carlsson, der ist glücklich! Das
Glück das kommt, das Glück das fliegt, o glücklich, wer das Mädchen
kriegt! ... Was habt ihr dort in euerm Bett zu kichern, Mädchen! ...
Hör mal, Carlsson, kann ich nicht noch einen Schluck haben? Es ist so
furchtbar kalt hier hinten; es zieht vom Herd her.
-- Nein, jetzt kriegst du nichts mehr, denn nun will ich schlafen,
schnauzte Carlsson, in seinen Zukunftsträumen, in denen weder Wein
noch Mädchen vorkamen, gestört und bereits mit seiner Stellung als
Großknecht vertraut.
Es wurde wieder still. Nur dumpfe Laute von den Geschichten der Jäger
drangen durch die beiden Türen; und der Nachtwind rüttelte an der
Ofenklappe.
Carlsson schloß wieder die Augen. Im Schlummer hörte er Lottes
halblaute Stimme etwas auswendig hersagen, das er zuerst nicht
verstehen konnte, sondern wie ein einziger langer Salm klang;
schließlich unterschied er:
-- Undführeunsnicht -- inversuchung, sondernerlöseunsvondemübel,
denndeinistdasreich, unddiemachtunddieherrlichkeit inewigkeitamen.
Gute Nacht, Clara! Schlaf gut!
Und nach einem Weilchen schnarchte es im Bett der Mädchen. Rundqvist
aber sägte, daß die Fenster zitterten, ob nun aus Scherz oder Ernst.
Aber Carlsson lag halbwach und wußte selbst nicht, ob er wachte oder
schlief.
Da hob sich seine Decke und ein fleischiger, schweißiger Körper kroch
an seine Seite.
-- Es ist nur Norman! hörte er eine schöntuende Stimme neben sich. Da
wußte er, es war der Knecht, der sein Bettgenosse sein sollte.
-- Aha, der Schütze ist heimgekehrt, knarrte Rundqvists rostiger Baß.
Ich dachte, es sei der Teufel, der am Sonnabend draußen geschossen.
-- Du kannst ja gar nicht schießen, Rundqvist; du hast ja keine Flinte,
schnauzte Norman.
-- Kann ich nicht? gab der Alte zurück, um das letzte Wort zu haben.
Ich kann Schwarzstare mit der Büchse schießen, und zwar zwischen den
Laken ...
-- Habt ihr das Feuer gelöscht? unterbrach ihn die freundliche Stimme
der Alten, die aus dem Flur zur Tür hereinguckte.
-- Jawohl, antwortete man im Chor.
-- Dann gute Nacht!
-- Gute Nacht, Tante!
Einige lange Seufzer wurden ausgestoßen, dann wurde gepustet,
geschnaubt, gekeucht, bis das Schnarchen im Gang war.
Aber Carlsson lag noch eine Weile halb wach und zählte die
Fensterscheiben, um einen Wahrtraum zu haben.