Das Inselmeer von Stockholm, die »Schären«, aus welcher Gegend ich
Scenerien und Motive für dieses Buch geholt habe, hat immer eine
besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Vielleicht weil meine
engere Heimat, Stockholm und Umgebung, selbst einen Teil dieser
Schären bildet. Der Mälar war ja ursprünglich ein Meeresarm, der durch
die Wasserläufe bei Södra Telje und Stocksund bei Stockholm in
Verbindung mit dem Meere stand; die Kettenschäre, der jetzige
Ritterholm, erinnerte ja durch ihren Namen an ihre älteste Natur, die
einer Schäre; wie man noch bei einer Fahrt durch den Mälar mit seinen
Tausenden von Inseln und Holmen an die Landschaft erinnert wird, die,
eine Mischung von Land und Wasser, östlich von der schwedischen
Hauptstadt sich etwa sieben Meilen ins Meer hinaus erstreckt.
Dieser ganze zerrissene Küstenstrich ruht zum allergrößten Teil auf
der Urformation: Gneis, Granit und Eisenerzen; von den letzten hat man
nur die von Utö reich genug gefunden, um sie zu bearbeiten. Die
Granitvarietät Pegmatit tritt zuweilen in so großen Mengen aus, daß
sie des Feldspats wegen gewonnen wird, den die Porzellanfabriken
benutzen.
Die Abwesenheit der jüngeren Formationen, mit ihren horizontalen
Lagerungen in hellen, leichten Farbentönen, verleiht der
Schärenlandschaft diesen Zug von Wildheit und Düsterkeit, der die
Urformation begleitet. Die Landschaftskontur wird durch die
losgerissenen, rohen, unregelmäßigen Blöcke kamm- und wogenförmig auf
den Höhen; flach, höckerig, holperig, wo das Meer seine Schleifarbeit
ausgeführt hat. Die partielle Schieferhaltigkeit des Gneises setzt
auch die Strandklippen so der Sprengarbeit des Eises aus, daß Grotten,
Höhlungen und tiefe Spalten das Wilde des Landschaftscharakters
steigern; der wird dadurch niemals einförmig wie die Kalk- oder
Sandsteinfalaises der französischen Nordküste.
Diese Wildheit wird jedoch jäh unterbrochen durch die reiche Erde von
der Quartärperiode mit Moränenschutt und Glaciallehm, Schneckensand,
Mooshumus und Tangverwandlungen; deren Fruchtbarkeit wird oft durch
Abfall von den Großfischzügen der Jahrtausende, die reichen Schlamm
auf den Versandungen bilden, und draußen auf den Kobben durch den
Guano der Seevögel vermehrt. Auf dieser Erdschicht wachsen Kiefer und
Fichte, obwohl die Gotik der Fichte der Natur den inneren Schären
ihren mehr hervortretenden Charakter verleiht, während die Kiefer
abgehärteter ist und ganz weit hinaus bis an den Meeresrand geht, sich
auf den letzten Klippen nach dem am meisten herrschenden Wind drehend.
In den Niederungen wird der Wiesenboden besonders prachtvoll durch
Anschlämmungen und Salzwasser, und die natürliche Wiese bietet eine
reiche Blumenflora mit allen wilden Prachtpflanzen des mittleren
Schwedens, von denen vielleicht die Orchideen und die Mehlprimel die
vornehmsten sind. An den Ufern leuchten Lythrum und Lysimachia, in den
Wäldern wächst die Blaubeere, auf den offenen Felsenplatten die
Preiselbeere, und in den Mooren ist die Multbeere nicht selten.
Tiefliegende Inseln mit besserem Boden nehmen durch den Reichtum an
Laubbäumen und Büschen einen besonders lächelnden Charakter an. Die
Eiche belebt hier mit ihren weichen Linien und ihrem sehr hellen Laub
die Nadelholzlandschaft. Und der Hag, diese Eigentümlichkeit des
Nordens, eine Kreuzung von Wald, Unterholz und Wiese, ist vielleicht
das Lieblichste, das man sehen kann, wenn unter einer Mischung von
Birke und Nadelbaum die Haselbüsche eine Laube über dem Fahrweg
bilden; er trägt hier den Namen »Drog«. Es sind Stücke eines
englischen Parks, durch die man spaziert, bis man auf die Strandklippe
mit ihren Fichten und Kiefern stößt, auf Torfmoos und die
Sandniederlage der Meeresbucht mit ihrem Tanggürtel. Schiebt sich eine
Bucht weiter ins Land hinein, ist sie immer von Erlen und reichen
Schilfbänken schön eingefaßt.
Diese Abwechslung von Düsterm und Lächelndem, von Ärmlichem und
Reichem, von Lieblichem und Wildem, vom Binnenland und Meeresküste
macht Schwedens östliches Inselmeer so fesselnd. Dazu kommt, daß die
meist steinigen Ufer das Wasser rein und durchsichtig halten; auch wo
der Sand ins Meer hinausgeht, ist er so schwer und so rein, daß ein
Badender sich nicht zu ekeln braucht, wie an der französischen
Nordküste, wo ein Meerbad ein Schlammbad ist. Man entgeht hier den
meisten Nachteilen des offenen Meeres und genießt die meisten Vorteile
des Binnenlandes; ein Vorzug, den das östliche Inselmeer vor der
zerklüfteten öden Westküste hat.
Die wilde Tierwelt weist keine Raubtiere beunruhigender Natur auf.
Fuchs, Luchs, Hermelin sind die grimmigsten. Glänzende Jagdgelegenheiten
bietet der Elch, der hierher geflüchtet ist und in den Sümpfen und
Wäldern der größern Inseln sein Standquartier aufgeschlagen hat. Dachs,
Hase, Otter, Seehund lassen auch ihr Fell, und die Hasenjagd auf der
Bischofsinsel ist berühmt.
Von den Vögeln des Waldes sind Birkhuhn und Auerhuhn sehr zahlreich,
können aber von den Eingeborenen nicht gejagt werden; die haben keine
Hunde der rechten Art und widmen sich ausschließlich dem Schießen von
Seevögeln, am liebsten mit dem Balban; dabei wird die streichende
Eider nicht geschont, die brütende dagegen sorgsam gepflegt, wenn auch
das eine oder das andere Ei bei einer längeren Jagdtour Proviant
liefern muß. Aus dem Holk nimmt man meist der Sägegans Eier fort, die
sich geduldig als Leghenne benutzen läßt.
Das Fleisch der Eider wird gut, wenn man die fette Haut abzieht und
den Vogel eine Nacht in Milch legt. Es schmeckt dann wie
Renntierbraten und hat allen Trangeschmack verloren. Ebenso werden
auch Sägegans, Kolbentaucher und Samtente behandelt, die recht
schmackhaft sind, besonders wenn sie gleich der Ente mit Petersilie
gespickt werden.
Der schlimmste Raubvogel ist der Fischadler, der unter den Hechten in
dem seichten Wasser der Schilfbucht Verheerungen anrichtet. Der
Seeadler ist seltener zu sehen und jagt am liebsten am offenen Meere.
Unangenehm und zuweilen gefährlich ist die häufig vorkommende
Kreuzotter, die man sowohl im Blaubeerbusch wie am Strand trifft,
beinahe überall, kann man sagen; und ihre Kühnheit draußen auf den
äußeren Schären ist so groß, daß sie sich auf dem Schwanz erhebt und
durch Hiebe Fischer hindern will, aus dem Boot zu steigen. Das Volk
schont sie nicht, obgleich es glaubt, sie sauge Gift aus der Erde, und
eine Ehrfurcht vor der anderswo angebeteten Natter zeigt der
Schärenmann nicht.
* * * * *
In dieser Provinz von umflossenen Inseln lebt nun eine Bevölkerung,
die man nach den Vermögensverhältnissen in drei Klassen einteilen
könnte: die Landwirtschaft treiben, meist auf den großen Inseln
wohnend; die den Boden bebauen und fischen, oder die Mittelklasse; und
schließlich die eigentlichen Schärenmänner, die meist vom Fischen und
Jagen leben, daneben aber eine Kuh, ein Schaf, einige Hühner füttern.
Die Landwirtschaft ist dort, wo sie betrieben werden kann, durchaus
nicht schlecht. Prächtiger Lehmboden gibt einen guten Weizen, und auch
der kleine Bauer hat doch immer etwas Spelt zum Hausbedarf übrig. Die
Salzseeweide ist berühmt, und die Butter wird ausgezeichnet von den
kali- und natronhaltigen Strandgewächsen, außer denen die Kühe ja
immer die grenzenlose Salzlake zur Verfügung haben. Das Fleisch des
Hammels wird von dem kurzen Gras der hohen Weideufer fest und lecker,
wie das französische +pré-salé+ auf ähnlichem Boden.
Dazu kommt ein verhältnismäßig mildes Klima, das bedeutend von dem des
Binnenlandes auf gleichem Breitengrad abweicht. Der Frühling kommt
später, oft vierzehn Tage später als in Stockholm, so daß der
Sommergast im selben Jahre zwei Male das Ausschlagen der Bäume erleben
kann; und der Herbst tritt später ein, weil das Meer dann erwärmt ist
und als Heizapparat dient. Einen Nachteil beim Klima der Schären hat
man bemerkt; das ist der trockene Vorsommer und der regnerische
Nachsommer; dadurch leidet die Säe- und Wachszeit unter Trockenheit,
die Mäh- und Erntezeit unter Regen. Besonders mildes Klima hat die
Gegend von Nynäs, wo der Efeu wild überwintert und der Wein oft am
Spalier reift.
Für den Fischer oder den eigentlichen Schärenmann sind natürlich die
Früchte des Meeres von größerer Bedeutung, und den Großfischfang
bildet der Strömling, der Hering der Ostsee; in ungeheuern Netzen wird
er gefangen, die auf tiefliegendem Grund im Frühling und Herbst
verankert werden. Sonst wird Hecht und Barsch im Schleppgarn gefangen,
der Hecht auch mit Legangel und der Barsch im Netz. Die Flundern, die
von geringerm Wert sind, werden im Netz gefangen, der Aal wird
gestochen oder in die Reuse gelockt. Die Quappe wird mit einer Keule
geschlagen bei durchsichtigem Eis, durch das man das schleimige
häßliche Ding bemerken kann, wie es auf dem Boden liegt.
Gegenstand eines ganz besonderen Sports, der Badfischen heißt, ist der
Kühling. Wenn das Wasser im Nachsommer in den Buchten erwärmt ist,
kommt nämlich der Kühling in die Höhe, um zu baden, wie man es nennt.
Zu dieser Zeit wird auf den Landzungen von Baumwipfeln Ausguck
gehalten; wenn der Beobachter merkt, daß das Wasser sich belebt, gibt
er den Kameraden ein Zeichen; die kommen nun mit ihren flachen Kähnen
von beiden Landzungen, die Ruderschäfte mit wollenen Strümpfen gut
umwunden, damit der Fisch nicht verscheucht wird; dann spannt man das
Netz über die Mündung der Bucht, mit der Wirkung, die es haben kann.
* * * * *
Die Bevölkerung dieser isolierten, gut versteckten kleinen Welt, die
keine regelmäßigen Verkehrsverbindungen hat, scheint in mehr als einer
Hinsicht sehr gemischt zu sein. Eine beständige Auslese hat sich nämlich
immer von selbst vollzogen, dergestalt, daß der intelligenteste Teil der
Jugend zur Flotte, zum Lotsenamt, zum Zoll gegangen ist. Die
zurückbleibenden, seßhafteren, ruhigeren Geister haben das Gewerbe der
Väter fortgesetzt oder sind nach Stockholm gegangen oder haben im Innern
des Landes einen Dienst gesucht; die Schären sind kein sicherer Ort
gewesen, wo man Familien und Grundbesitz begründen konnte, da das Land
dem Feinde offen liegt und Besitzrecht wie Leben nicht gerade den Schutz
des entfernt wohnenden Rechtspflegers genießen. Es fehlt darum jede Spur
von Lokalpatriotismus, wenn auch der Einwanderer die gewöhnlichen
Schwierigkeiten zu bekämpfen hat.
Nach Ortsnamen, Typen, Gewohnheiten zu urteilen, scheint dieses
Inselmeer eine Art Zufluchtsort für allerlei Leute aus dem Innern des
Landes gewesen zu sein, die aus der einen oder der andern Ursache die
Einsamkeit aufsuchten. Eine eigentliche Mundart ist nicht zu spüren,
aber eine Mischung von vielen, und viele einfache Sitten und
Rechtsbegriffe aus dem Naturstadium deuten darauf, daß sich hier
draußen, weit entfernt von der Gesellschaft, ungesellige, für
geordnetes Zusammenleben schwer zugängliche Freiluftliebhaber oder
ganz einfach praktische Gegner des geordneten Kriegsdienstes und
Zollwesens zusammengefunden haben. Die Geschichten, wie gewisse Inseln
erworben wurden, scheinen sich auch um Kapern, merkwürdige Seetaten,
auch Privatdienste für königliche Personen zu drehen; und die
Grundbücher sollen an gewissen Stellen nicht recht sicher sein, ob der
Boden der Krone gehört oder zinspflichtig ist.
Andere Zeichen finden sich auch, die auf Einwanderungen oder
vielleicht nur Landungen von Finnen, Esthen, Russen und dergleichen
Morgenländer deuten. Besonders hegt man noch heute einen entschiedenen
Widerwillen gegen die Esthen, diese Schattenfiguren, die, an sich
grau, in grauen Fahrzeugen, die wie aus alten zerfallenen Planken
zusammengeschlagen sind und ein Takelwerk aus geflickten Kohlensäcken
haben, ausgespukt kommen. Wenn ein solcher fliegender Holländer aus
einer Kobbe an Land geht, rudert der Fischer gern hinaus und sieht
nach, ob das Feuer auch gut gelöscht ist; und er appelliert lieber an
die Branntweinflasche als an die Flinte solchen Vagabunden des Meeres
gegenüber, von denen man, mit oder ohne Grund, annimmt, daß sie Salz
nach Rußland schmuggeln.
Vermögende Schärenleute gibt es, aber viele sind der Armut nahe, und
einige äußerst arm, des Winters von Salzlake, Heringsköpfen und
Kartoffeln lebend. Das Gewerbe des Fischers, das dem des Spielers
gleicht, erzieht nicht zur Sparsamkeit. Ein Fang macht ihn heute
vermögend, und der Glaube ans Glück entsteht sofort mit seinen
gefährlichen Folgen.
Vom Pfleger der Gerechtigkeit weit entfernt, hat der Schärenmann in
der Notwehr sein eigenes Lynchgesetz, und aus wirtschaftlichen Gründen
spricht er lieber frei, als daß er verurteilt; auch in der Hoffnung,
selbst freigesprochen zu werden, wenn sein Unglück kommt. Diese
Nachsicht mit den Verbrechen anderer habe ich nie schöner ausdrücken
hören als damals, wie die Nachbarn erzählten, ein Mörder habe einst,
als er seine Frau ertränkte, einen »Fehltritt« begangen.
Der Schärenmann ist ein Einsiedler; hat weit zum Gericht, weit zur
Kirche, weit zur Schule; weit zu den Nachbarn und weit zur Stadt. Der
Badeort ist sein nächster Kulturmittelpunkt; dort aber lernt er nur den
Luxus kennen und beneidet Menschen, die er drei Monate Feste feiern
sieht; denn die arbeitenden Mitglieder, die in der Stadt sind, sieht er
nicht. In der Einsamkeit würde er Denker werden, wenn er Anleitung
hätte; statt dessen wird er Phantast, und wie geschickt er in seinem
Gewerbe sein kann, wie klarsehend im Alltagsleben, wird er leicht ein
Raub subjektiver Wahrnehmungen, wird »fernsichtig«, ein Sonderling, wie
der Küster auf Ronö; macht fehlerhafte Schlußfolgerungen, sehr oft
Ursache und Wirkung verwechselnd; z. B. wenn es sich gut fischt, nachdem
das Geldstück unter den Stein gelegt worden, ist das Geldstück die
mächtige Ursache. Er ist abergläubisch, und das Heidentum sitzt so tief
in ihm, daß die Symbole der christlichen Kirche für ihn noch
gleichbedeutend mit Beschwörungen, Besprechungen, Zauberei sind.
Die Familie baut sich selbst nach alter Sitte und den einfachen
Forderungen der Natur auf, wo nicht wirtschaftliche Berechnung als
Faktor mitspricht. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist
ungezwungen; die Ehe wird gewöhnlich mit dem Kind geschlossen, wenn
das Mädchen Wort hält und zur Gründung einer Familie geneigt ist. Ist
das aber nicht der Fall, entstehen zuweilen schwere Verwicklungen, die
mit dem vollständigen Verschwinden des Kindes und andern Geschichten
enden können; die kommen der ganzen Welt zu Ohren, nur nicht dem
Amtmann, der übrigens nichts machen kann, da er keine Zeugen findet.
Beginnen, weit entfernt von Nachbarn, die Familienbande zu zerreißen
und werden starke Leidenschaften lange unterdrückt, erfolgen zuweilen
unheimliche Ausbrüche der Naturkräfte; da nimmt es der an Tod und
Verderben gewöhnte Schärenmann mit den Mitteln nicht so genau. Dann
werden dort draußen stille Trauerspiele aufgeführt, von denen man nur
Andeutungen zu hören bekommt; in einigen meiner Erzählungen habe ich
davon gemunkelt. Da reißen Blutsbande entzwei, verbotene Schranken
werden übersprungen; die Natur ergreift mit harter Hand, was sie
kriegen kann; und für Hunger und Liebe existieren nicht mehr Rücksicht
noch Gesetze.
Das Lichte, Lächelnde im Leben der Schärenleute, _wenn_ es sich licht
gestaltet, habe ich in diesem Roman »Die Inselbauern« geschildert; in
den Novellen »Das Inselmeer« habe ich die Halbschatten gegeben;
vielleicht kann ich später, wenn die Verhältnisse für die Literatur
günstiger werden, auch die Schlagschatten geben (»Am offenen Meere«),
die nicht fehlen dürfen, soll das Bild vollständig sein.