7. Der christliche Gottesdienst darf nicht verhindert werden.

Wir deutschen Missionare hier im Innern können nicht viel mehr tun,

als das unsagbare Leid der orientalischen Christenheit, mehr oder

weniger passiv, mitzutragen. Aktivität aber ist Sache der deutschen

evangelischen Christenheit und bei den deutschen evangelischen

Missionskreisen.

Ich bin überzeugt, wenn man die Wahrheit wüßte, würde ein einziger

Schrei der Entrüstung durch unser Volk gehen. Es ist kein Zweifel, das,

was dem armenischen Volke angetan wurde und noch angetan wird, ist das

größte Verbrechen der Weltgeschichte. Wird das Volk der Reformation die

gänzliche Vernichtung einer christlichen Nation als gegebene Tatsache

hinnehmen? Wird die deutsch-evangelische Kirche, die in diesem Jahr

ihre Reformationsjahrhundertfeier begehen will, kein Wort des Protestes

dafür haben, daß hier eine Schwesterkirche von sadistischen Fanatikern

zerstört wurde? Das wäre nicht deutsch, nicht christlich.

Bitte machen Sie von meinem Brief Gebrauch, wo Sie können. Womöglich

lassen Sie auch Exzellenz Dryander Einsicht nehmen.

Gott aber, der Herr der Kirche, wolle Sie in allem leiten!

Und dann noch eins: Wir brauchen materielle Hilfe, und wieder Hilfe und

nochmals Hilfe. Es stehen missionarische Güter von höchstem Wert auf

dem Spiel.

Ernst J. Christoffel.

357.

(Kaiserlich

Deutsche Gesandtschaft.)

Telegramm.

Bern, den 24. Juli 1917.

An Auswärtiges Amt.

M. Léopold Favre (Genf) hat mir einhunderttausend Franks ausgehändigt

für Hilfswerk im Innern.

Er bittet, diese Summe Mr. Fowle in Konstantinopel zur Verfügung zu

stellen.

Romberg.

358.

(Kaiserliches

Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 31. Juli 1917.

Ankunft in Berlin, den 2. August 1917.

Der Kaiserliche Konsul an Auswärtiges Amt.

Für Dr. Andreas Vischer, Basel:

Ich habe zweitausend Franks erhalten. Geber sollten diesen Betrag

lieber für Waisenkinder in Aleppo bestimmen, anstatt für Tokatleute.

800 Kinder sollen morgen mangels Brot aus armenischer Kirche auf die

Straße gesetzt werden.

Große Summen wären zu wirksamer Hilfe erforderlich. Letzte Zuwendungen

für Kinderheim waren ganz unzureichend. Drahtantwort.

Rößler.

_August._

359.

Auswärtiges Amt. Berlin, den 7. August 1917.

An Deutsche Gesandtschaft, Bern.

Unter dem 4. d. M. ist der Kaiserliche Geschäftsträger in

Konstantinopel angewiesen worden, Herrn Fowle den Gegenwert von 100000

Franks gleich 6987,5 türkische Pfand auszuzahlen. Bitte, Herrn Favre

hiervon zu verständigen.

Frhr. v. d. Bussche.

360.

Niederschrift über den Gang der Besprechung zwischen dem

Generalissimus der türkischen Armee in Syrien, Djemal Pascha, und

Missionsdirektor D. Axenfeld, Direktor A. W. Schreiber und Oberlehrer

Sommer, zu Berlin.

Hotel Adlon, den 28. August 1917.

Nach freundlicher Begrüßung durch Exzellenz Djemal Pascha eröffnete die

in französischer Sprache geführte Besprechung

D. Axenfeld. Er dankte für die Gewährung der Unterredung und gab der

Sympathie aller Deutschen für die tapferen türkischen Bundesgenossen

Ausdruck. Namens der Sr. Exzellenz bekannten deutschen evangelischen,

Liebesarbeiten im Orient dankte er auch für den Schutz und die

mannigfache Förderung dieser dem Wohle der notleidenden türkischen

Bevölkerung dienenden Unternehmungen, so der Arbeit der Kaiserswerther

Schwestern in Jerusalem, Beirut und Aleppo und des deutschen

Hilfsbundes in Aleppo und Marasch (Schwester Beatrice Rohner, Schwester

Paula Schäfer, Herr Blank). Die Not, namentlich bei den Armeniern,

übersteige aber unsere Hilfskräfte und wecke unser tiefstes Mitleid.

Wir seien Deutsche, und darum sei es selbstverständlich, daß wir

loyale Freunde der Türkei seien. Aber wir seien auch Christen. Wie es

ein muslimisches Gemeingefühl gäbe, so hätten auch wir Christen ein

herzliches Mitgefühl mit allen unseren Mitchristen, zumal wenn sie sich

in Not und Anfechtung befänden. Es gehe ein tiefer Schmerz durch die

Kreise der deutschen Christen wegen des Geschickes der Armenier. Er

erlaube sich daher die sehr herzliche Bitte um Hilfe für die Notstände,

an deren Linderung die deutschen Liebeswerke arbeiten, namentlich um

Gewährung von Nahrungsmitteln für die Frauen und Kinder.

Djemal Pascha dankt für den Besuch, sowie den Ausdruck der Sympathie

für die Türkei und spricht seine „Anerkennung der geäußerten edlen

religiösen Gefühle und seine volle Übereinstimmung mit den bekundeten

menschenfreundlichen Gesinnungen“ aus. Diese Übereinstimmung werde

aber nicht widerlegt durch die Stellung, die die Türkei gegen die

Armenier eingenommen habe. Ihnen gegenüber habe es sich nicht um eine

religiöse, sondern um eine politische Frage gehandelt. Die Türkei

habe einem Manne geglichen, der von allen Seiten überfallen wird

und in der höchsten Lebensnot zu den äußersten Mitteln greifen muß.

In jedem Lande ginge ferner die Bevölkerung, zumal in Zeiten der

Erregung, leicht über strenge Maßnahmen der Regierung noch hinaus

und ließe sich zu Ausschreitungen hinreißen, die nicht zu billigen

seien, so in der Türkei besonders die Kurden. Gegen die Armenier sei

die türkische Regierung nicht vorgegangen, weil sie Christen, sondern

weil sie Armenier waren, und der Bestand des Staates gefährdet war.

Gegen Araber würde im gleichen Fall ebenso verfahren. Im übrigen

wären in seinem Bezirke, dank seines starken persönlichen Einflusses,

keine Ausschreitungen gegen Armenier erfolgt. Aber nicht jeder

Oberbefehlshaber könne einen so starken Einfluß ausüben.

Auf die Frage, ob seine Ausführungen deutlich gewesen und verstanden

worden seien, erwiderte

D. Axenfeld: Ich habe die Ausführungen Euerer Exzellenz wohl

verstanden. Mir liegt aber Ihnen gegenüber sehr daran, festzustellen,

daß wir nicht gekommen sind, um zu tadeln oder anzuklagen, sondern

nur, um in loyaler Gesinnung Hilfe zu erbitten für Notleidende. Diese

hungernden Frauen und Kinder können der Türkei nicht gefährlich sein.

Es handelt sich um ein Werk der rein menschlichen Barmherzigkeit.

Djemal Pascha: Dem kann ich nur beistimmen. Ich bin gern bereit,

in jeder Beziehung Ihre Arbeiten zu unterstützen und unentgeltlich

Lebensmittel zu gewähren. Schreiben Sie Ihren Freunden in Aleppo und

Marasch, in Jerusalem und Beirut und anderen Orten, daß sie ihre Bitten

mir vorlegen. Ich werde reichlich helfen und auch in anderen Bezirken

meinen Einfluß geltend zu machen suchen.

Oberlehrer Sommer dankt in türkischer Sprache für die bisherige Hilfe

und die freundliche Zusage der freien Gewährung von Lebensmitteln.

Da die Hungersnot sehr empfindlich und Getreide auf dem offenen

Markt nicht zu haben sei, bittet er besonders um Gewährung von

Getreide aus den staatlichen Vorräten. Es sei dieses eine reine

Menschlichkeitsfrage; auch in unseren Anstalten, besonders den

Krankenhäusern, werde Christen und Muhammedanern die gleiche Hilfe

zuteil.

Djemal Pascha, ebenfalls in türkischer Sprache: Das ist auch meine

persönliche Stellung. Ich mache keinen Unterschied zwischen Christen

und Muhammedanern. Das Wohl aller Osmanen liegt mir am Herzen. Der

Grundsatz der Toleranz ist mir sehr sympathisch. Ihre Bitten will ich

gerne gewähren.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 110 / 134 题