Zahl

Getötet 152

Den Entbehrungen und Strapazen

auf dem Wege erlegen 85

Im Adanamassaker umgekommen 32

Zum Militär eingezogen 107

In der Verbannung 52

Im Gefängnis 11

Noch lebend 80

In Amerika 10

Vor der Ausweisung gestorben 129

Verschollen 62

---

720

Mütter der Kinder.

In der Verbannung gestorben 282

Noch in der Verbannung 91

Zum Islam übergetreten 4

Lebend 97

Vor der Ausweisung gestorben 53

Kinder, die keine Auskunft über

ihre Mutter geben konnten 193

---

720

Konfession der Kinder.

Gregorianisch 554

Protestantisch 106

Katholiken 20

Sabbatisten 1

Konfession nicht zu ermitteln 39

---

720

Durchschnittsalter der Kinder 9 17/36 Jahre.

Kinder, die früher in Waisenhäusern waren: 40.

Zahl der Väter, die eines unnatürlichen Todes starben 321

„ „ „ „ „ natürlichen „ „ 129

„ „ „ deren Leben gefährdet ist 170

„ „ „ die durch den Kriegsdienst von den Kindern

entfernt sind 107

„ „ „ infolge der Ausweisung den Kindern verloren

gingen 394

Mütter, die eines unnatürlichen Todes starben 379

„ „ „ natürlichen „ „ 53

„ deren Leben gefährdet ist 91

„ „ durch Deportation den Kindern verloren gingen 474

„ „ deportiert wurden, während der Mann im Heere

diente 246

Angehörige der Kinder, die während der Deportation

umkamen 2616

Es blieben von 3336 Deportierten übrig: 720; also

betrug Verlust: 78,5%

Kinder von 1-6 Jahren, die keine Auskunft geben konnten 126

Vollwaisen 258

Von der ganzen Familie nur zu zweit übrig geblieben 144

„ „ „ „ allein „ „ 239

Beatrice Rohner.

303.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 9. Oktober 1916.

In einem Leitartikel bespricht die hiesige türkische Zeitung „Taswiri

Efkiar“ im Anschluß an das Euerer Exzellenz bekannte Exposé des

Komitees „Einheit und Fortschritt“ die armenische Frage und gelangt zu

dem Schluß, daß die anfänglich vom Komitee eingeschlagene Politik der

Vereinigung und Verschmelzung der verschiedenen Bevölkerungselemente

„Bankrott gemacht“ habe, und statt dessen die „Säuberung“ des Reiches

von allen nichtmuhammedanischen, d. h. von den christlichen Elementen

ins Auge gefaßt werden müsse. Der Artikel dürfte die Überzeugung der

ultranationalistischen Kreise ziemlich getreu wiedergeben, zum Teil

sind diese Gedanken bereits in die Tat umgesetzt worden durch die

Austreibung der in den östlichen Grenzprovinzen ansässigen syrischen

Christen und der Griechen in einzelnen Distrikten von Kleinasien und

Rumelien. Ferner verlangt wohl der Verfasser auch noch die Aussiedlung

der bisher von der Aussiedlung verschonten Armenier von Konstantinopel

und Smyrna.

Radowitz.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

304.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 20. Oktober 1916.

Der türkische Reichsanzeiger (Takvimi-Vakaji) veröffentlicht in seiner

Ausgabe vom 1./14. d. M. ein provisorisches Gesetz, durch das den

ausgesiedelten Personen in den ihnen angewiesenen Ortschaften zum

Zweck ihrer Unterkunft und Niederlassung und um ihnen die Mittel zum

Unterhalt zu gewähren, Wohnplätze und Ländereien aus der Kategorie der

vakanten Evkaf-und Miriländereien unentgeltlich zur Verfügung gestellt

werden. Die Ministerien des Innern und der frommen Stiftungen sowie das

Justiz- und Finanzministerium sind mit der Ausführung dieses Gesetzes

betraut, das vom 22 Elul 1332 (5. Oktober d. J.) datiert und mit dem

Tage der Veröffentlichung in Kraft tritt.

Das Gesetz steht in auffälligem Widerspruch mit den hier vorliegenden

Berichten über die Behandlung, der die nach Mesopotamien geschafften

Armenier in letzter Zeit ausgesetzt sind.

I. V.:

Göppert.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

_November._

305.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Aleppo, den 11. November 1916.

Am 25. September d. J. hatte mir Djemal Pascha erzählt, daß er

beabsichtige, die Herren Dr. Niepage und Dr. Graeter, welche beide bis

zum Juni d. J. als Lehrer an der deutschen Realschule in Aleppo tätig

gewesen waren, wegen Veröffentlichungen in der Armenierangelegenheit

kriegsgerichtlich verurteilen zu lassen. Dieser Tage sind nun

Polizisten mehrfach in der Schule erschienen, um nach ihnen zu

forschen. Offenbar wird also das Verfahren ernstlich durchgeführt[137].

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

306.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 13. November 1916.

Wie der Kaiserliche Konsul zu Smyrna meldet, haben die dortigen

Behörden mit der Verschickung der armenischen Bevölkerung begonnen. Den

Anlaß dazu bot der Umstand, daß angeblich vor einigen Wochen auf dem

katholischen Friedhofe alte Bomben u. dgl. Material aufgefunden wurden,

die von Armeniern dort versteckt sein sollen. Daraufhin forderte der

Wali den armenischen Bischof bzw. die Gemeinde auf, die verdächtigen

Personen zu benennen und noch vorhandene Waffen abzuliefern, der

Bischof erklärte jedoch, daß ihm keine solche Personen bekannt und

keine Waffen mehr versteckt seien.

Infolgedessen wurden am 8. d. M. eine Anzahl Verhaftungen vorgenommen

und den folgenden Tag 300 Armenier ohne Unterschied des Alters und

Geschlechts mit der Eisenbahn abgeschoben; weitere Transporte sollen

folgen. Die Verschickung wird vom Polizeichef von Smyrna geleitet, dem

der Wali freie Hand gelassen hat.

Der zurzeit in Smyrna anwesende Marschall Liman von Sanders hat den

Wali darauf aufmerksam gemacht, daß diese Massenverschickung die

militärischen Interessen schädige und er daher weitere Verhaftungen und

Abschiebungen nicht dulden würde.

Der Marschall schreibt folgendes: „Da derartige Massendeportationen

in das militärische Gebiet hinübergreifen -- Wehrpflichtige, Gebrauch

der Eisenbahnen, Gesundheitsmaßnahmen, Unruhe der Bevölkerung in

einer Stadt nahe vor dem Feinde etc. --, so hatte ich den Wali

benachrichtigt, daß ohne meine Genehmigung derartige Massenverhaftungen

und -deportationen nicht mehr stattfinden dürften. Ich verständigte den

Wali, daß ich sie im Wiederholungsfalle mit Waffengewalt verhindern

lassen würde.

Daraufhin hat der Wali nachgegeben und mir zugesagt, daß sie

unterbleiben würden.

Da er aber angibt, von Konstantinopel aus (Talaat Bey) dazu veranlaßt

zu sein, so bin ich nicht sicher, daß nur vielleicht andere Wege

gewählt werden.

Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, beläuft sich die Zahl der in

Smyrna lebenden Armenier auf 6-7000, darunter die reichsten Leute der

Stadt, aber auch einzelne üble Persönlichkeiten.“

Aus der Aufzeichnung des Grafen Spee füge ich folgendes hinzu:

„Die ganze Angelegenheit ist, abgesehen von der rechtlichen

Vergewaltigung und den unabsehbaren Folgen für die Opfer, für die

deutschen Interessen bzw. das deutsche Ansehen von größter Tragweite.

Die Maßnahmen der Regierung erfolgen in einer Zeit, zu welcher außer

dem deutschen Korpskommandeur auch der Oberbefehlshaber, Marschall

Liman von Sanders, in Smyrna anwesend war. Das Gerücht geht in der

Stadt, daß das planmäßige Vorgehen von den Deutschen vorbereitet sei,

damit sie sich der ihrem Handel unbequemen armenischen Konkurrenten auf

diese Weise entledigen könnten.

Materiell wird ein direkter Schaden entstehen, da tatsächlich die

armenischen Kaufleute deutsche Waren in großem Umfange abgenommen

haben, die zum großen Teil noch nicht bezahlt sind. Die von den

Armeniern noch zurückgehaltene Ware wird unter Anwendung des neuen

Gesetzes über zurückgelassene Habe den üblen türkischen Elementen

die Handhabe bieten, sich ohne weiteres in den Besitz dieser Waren

gleichzeitig mit den sehr beträchtlichen Vermögen der Armenier zu

setzen. Und dies alles unter dem billigen Vorwande, daß die Deutschen

es gemacht haben.

Radowitz.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

307.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 17. November 1916.

Euerer Exzellenz beehre ich mich in der Anlage Abschrift

einer Aufzeichnung des Marschalls Liman von Sanders über die

Armenierverschickungen in Smyrna vorzulegen. Wie daraus und auch aus

dem nebenbezeichneten Bericht hervorgeht, sind die gegen die Armenier

gerichteten Maßnahmen auf Anordnung aus Konstantinopel getroffen

worden. Der Vorwand für die Verschickungen -- das angebliche Auffinden

von Bomben und Waffen auf einem armenischen Friedhof -- gehört zu dem

schon bekannten Inventar der türkischen Behörden an solchen Vorwänden.

Das Eingreifen des Marschalls ist auch deshalb zu begrüßen, weil

sich in Smyrna, wie dies auch an anderen Orten vorgekommen ist, das

Gerücht verbreitet hatte, die deutschen militärischen Stellen hätten

die Austreibung der Armenier verlangt. Ich werde nicht verfehlen,

die türkische Regierung auf den Vorfall anzureden und ihr größte

Zurückhaltung in der Behandlung der Armenierfrage zu empfehlen.

Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

Anlage.

Militärmission.

Konstantinopel, den 17. November 1916.

Aufzeichnung für die Kaiserliche Botschaft.

Vom 4. bis 11. November war ich zur Besichtigung der neu formierten

56. Division und der nach dem europäischen Kriegsschauplatz

abzutransportierenden 16. Division in Smyrna.

Am Donnerstag, den 9. November, gegen Abend, als ich von der

Besichtigung der österreichischen Batterie bei Phokia zurückkehrte,

wurde mir von Konsul Graf v. Spee mitgeteilt, daß am 8. und in

der vergangenen Nacht zahlreiche Armenierverhaftungen in Smyrna

stattgefunden hätten und daß diese Armenier mit der Eisenbahn in das

Innere des Landes abtransportiert seien.

Ich zog an verschiedenen Stellen nähere Erkundigungen ein. Es wurde mir

bestätigt, daß durch die Polizei -- zum Teil in rohester Weise, indem

alte Frauen und kranke Kinder in der Nacht aus den Betten geholt wurden

-- mehrere hundert Armenier verhaftet und direkt auf die Bahn gebracht

worden seien. Zwei Eisenbahnzüge voll Armenier waren abtransportiert

worden. -- In der Stadt herrschte große Aufregung über diese Vorgänge.

Ich schickte am 10. November morgens den Chef des Stabes der V. Armee,

Oberst Kiasim Bey, zum Wali und ließ ihm sagen, daß ich derartige

Massenverhaftungen und Transporte, welche in einer vom Feinde bedrohten

Stadt nach verschiedenen Richtungen in das militärische Gebiet

eingriffen, nicht weiter dulden würde. Sollte die Polizei trotzdem mit

diesen Maßnahmen fortfahren, so würde ich sie mit Waffengewalt durch

die mir unterstehenden Truppen verhindern. Ich gab dem Wali bis zum

Mittag dieses Tages Zeit, sich zu entscheiden.

Den Kommandierenden General in Smyrna, Königlich Preußischen Oberst

Trommer, der die Vorgänge bereits kannte, verständigte ich durch Major

Prigge von obiger Mitteilung und den eventuell zu treffenden Maßnahmen.

Gegen 1,30 Uhr nachmittags kam Major Kiasim Bey vom Wali, der in

Burnabad war, zurück und meldete mir, daß die Verhaftungen und

Transporte eingestellt worden seien und unterbleiben würden.

Am Nachmittag des Tages kam der erste Departementschef des Wali -- Kara

Biber Bey -- zu mir, und hatte ich ausführliche Rücksprache über die

Angelegenheit mit ihm.

Am selben Abend kamen 3 Griechen aus Urla bei Smyrna (ca. 25000

griechische Einwohner) zu mir und zeigten mir mit Bitte um Hilfe an,

daß die 10 angesehensten und reichsten Notabeln in Urla durch 30

dorthin entsandte Gendarmen ohne Verhör verhaftet und in das Smyrnaer

Gefängnis verbracht worden seien.

Am 11. November vormittags war ich zu Besichtigungen in Urla, fand die

Tatsache bestätigt und erhielt vom Abschnittskommandeur nähere Meldung.

Am 11. November nachmittags suchte mich der Wali persönlich auf.

In einer langen Rücksprache setzte mir der Wali die Gründe für die

Massenverhaftungen der Armenier auseinander. Ich konnte diese Gründe,

die auf ganz unzureichenden Grundlagen beruhten, nicht billigen und

betonte, daß die militärische Lage die größte Ruhe in der zum größten

Teil von Griechen bewohnten Stadt Smyrna unbedingt erfordere.

Ich erklärte dem Wali, daß ich hier als Oberbefehlshaber in meinem

Bezirk Verschickungen nicht dulden dürfe, ohne die Ruhe zu gefährden.

Er könne sich auf mich berufen. Er sagte dies zu und versprach mir,

schriftlich Nachricht zu geben.

Ebenso veranlaßte ich sofortige Untersuchung über die scheinbar

unschuldig verhafteten Einwohner von Urla.

Am Abend reiste ich ab. Der Wali war an der Bahn.

Kurz nach meiner Rückkehr nach Panderma erhielt das Oberkommando

Schreiben des Wali, worin mitgeteilt wurde, nach welchem Ort die

Armenier verbracht worden seien, und in dem erklärt wurde, daß die

unschuldig Befundenen nach Smyrna zurücktransportiert werden würden.

Liman von Sanders,

Königl. Preuß. General der Kavallerie.

308.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 25. November 1916.

An das Auswärtige Amt.

In Smyrna sind die Armenierverschickungen inzwischen sistiert.

Angelegenheit ist damit erledigt.

Kühlmann.

_Dezember._

309.

von Scheubner-Richter. z. Zt. München, den 4. Dezember 1916.

Unter ergebenster Bezugnahme auf meinen Bericht vom 5. August 1915

aus Erzerum und den daraufhin erfolgten, meine Stellungnahme zur

Armenierfrage anerkennenden Erlaß Euerer Exzellenz, dessen Inhalt

mir unter dem 28. Oktober 1915 durch die Kaiserliche Botschaft in

Konstantinopel nach Mossul übermittelt wurde, erlaube ich mir ganz

gehorsamst folgendes zu unterbreiten:

Bei meinem Bestreben, noch in letzter Stunde zu versuchen, die

Anbahnung eines Modus vivendi zwischen den sich mit dieser Frage

befassenden Vertretern des türkischen Komitees und den Armeniern

herbeizuführen, ging ich von der Voraussetzung aus, daß ich in dem mit

mir nach Aserbeidschan und dem Ostkaukasus gehenden Generalinspektor

des türkischen Komitees für Einheit und Fortschritt, Omer Nadji, den

ich persönlich gut kannte, Unterstützung finden würde, da ich wußte,

daß er die rigorosen Maßnahmen der übrigen Komiteemitglieder nicht

billigte. Mit Recht befürchtete er, daß dieses Vorgehen eine ungünstige

Wirkung auch auf die Führer der kaukasischen Partei Fidai ausüben würde.

Ich hoffte ihn bei unserer gemeinschaftlichen Reise von der

Unsinnigkeit der Maßnahmen gegen die Armenier noch weiter zu

überzeugen. Außerdem rechnete ich darauf, daß meine Anwesenheit zum

mindesten verhüten werde, daß die Omer Nadji zur Verfügung gestellten

Truppen, unter dem Einfluß einiger anderer mit uns reisender

Komiteemitglieder, unter denen mir einer als einer der Anstifter der

Armeniermassakers im Wilajet Trapezunt bekannt war, dazu mißbraucht

werden würden, ähnlich wie die Truppen Halils, in Nordpersien

Christenmassakers zu inszenieren.

Diese meine Voraussetzungen haben mich, wie ich mit Befriedigung

feststellen kann, nicht getäuscht.

Omer Nadji selbst war froh, in mir, als deutschem Offizier, eine Stütze

für seine maßvolle Haltung gegenüber den anderen Komiteemitgliedern zu

finden.

Der grauenvolle Anblick der erschlagenen Armenier in den verwüsteten

Dörfern der von uns durchzogenen Gebiete bis Bitlis verfehlte auch

auf die anderen Herren seine Wirkung nicht. Es war ihnen sichtbar

unangenehm, daß ich und meine deutschen Begleiter Zeugen dieses Wirkens

ihrer Gesinnungsgenossen wurden, und versuchten sie wiederholt

durch Erklärungen, die alle Schuld den Kurden beimaßen, den von uns

empfangenen üblen Eindruck abzuschwächen.

Ich konnte in einzelnen Fällen, so z. B. in Bitlis, den noch dort

zurückgebliebenen armenischen Frauen und Kindern, deren sich

amerikanische Missionarinnen angenommen hatten, Erleichterungen

verschaffen und auch den letzteren Hilfe gewähren.

Nicht unerwähnt möchte ich folgenden charakteristischen Vorfall lassen:

Auf dem Wege nach Mossul, der uns in den neugeschaffenen Befehlsbereich

der 6. Armee führte, erhielten Omer Nadjis und meine Abteilungen den

Befehl, ein Armenierdorf bei Hesak, in dem sich angeblich aufständische

Armenier verschanzt hatten, zu stürmen und zu bestrafen. Ich erfuhr

rechtzeitig, daß die angeblich „Aufständischen“ Leute waren, die sich

aus Furcht vor einem Massaker verschanzt hatten und gern bereit wären,

ihre Waffen auszuliefern, wenn ihnen nur ihr Leben zugesichert würde.

Ich entzog mich dem mir drohenden Konflikt dadurch, daß ich die mir

unterstellten Deutschen, Offiziere und Mannschaften, nach Mossul

berief und den Befehl über die türkischen Mannschaften einem meiner

türkischen Offiziere übergab, mit der Motivierung, daß es sich

um eine „innertürkische“ Angelegenheit handele und ich es daher

nicht für angebracht halte, daß Deutsche hierbei den Befehl über

„Gendarmeriedienst“ tuende türkische Truppen führten. Mein Verhalten

fand die Billigung des Generalfeldmarschalls v. d. Goltz.

Auch von türkischer Seite wurde dasselbe anerkannt. Die dabei zutage

tretende Enttäuschung legt die Vermutung nahe, daß es sich bei diesem

mir erteilten Befehl um einen Versuch Halil Beys handelte, mich und die

mich begleitenden Deutschen, in uns kompromittierender Weise in die

Armenierangelegenheit hineinzuziehen[138].

Die später erfolgte Zuteilung meiner Abteilung zur neugeschaffenen

Gruppe Mossul und meine dadurch bedingte militärische Unterstellung

unter das Kommando des Wali von Mossul, Haidar Bey, legte mir

naturgemäß größere Zurückhaltung in bezug auf das Eingreifen in

armenische Fragen auf.

Trotz der Schwierigkeit meiner Stellung konnte ich aber auch hier

bewirken, daß während der ganzen Zeit meiner Anwesenheit bei den in

Nordpersien operierenden türkischen Truppen Fälle von Massakern oder

außergewöhnlichen Bedrückungen der dortigen orientalischen Christen

nicht vorgekommen sind.

Besonders möchte ich hervorheben, daß es mir im Verein mit Omer

Nadji gelungen ist, bei der Eroberung von Sautschbulag, die dortige

nicht muhammedanische Bevölkerung, einschließlich der Parteigänger

Rußlands, vor Niedermetzelung und Vergewaltigungen zu schützen, wie

sie bei früheren Besetzungen der Stadt durch türkische Truppen bzw.

Freischärler stattgefunden hatten.

Dieses ist auch von dem in Sautschbulag lebenden amerikanischen

Missionar Fossum und der deutschen Missionarin Meta v. d. Schulenburg

anerkannt worden.

Aus Gefangenenaussagen und anderen an mich gelangten Nachrichten

konnte ich aber feststellen, daß das diesmalige maßvolle Verhalten der

türkischen Truppen auf gegnerischer Seite Erstaunen hervorgerufen und

somit geeignet gewesen ist, den schlechten Eindruck früherer türkischer

Offensiven in Nordpersien und Ostkaukasus wenigstens zum Teil zu

verwischen.

Das Vordringen der russischen Truppen im Mai dieses Jahres, wodurch

die schwachen türkischen Kräfte zurückgehen mußten, sowie meine

anderweitige militärische Verwendung, setzten meinen diesbezüglichen

Bestrebungen ein vorläufiges Ende.

Ich bitte gehorsamst, im Anschluß hieran noch auf folgendes hinweisen

zu dürfen:

Die in meinem Bericht aus Erzerum ausgesprochene Befürchtung, daß die

Aussiedelung der Armenier ihrer Vernichtung gleichkommen werde bzw.

dieselbe bezwecken sollte, hat sich leider bewahrheitet. Was von den

Ausgesiedelten dieses Volksstammes noch in Mesopotamien lebt, befindet

sich in einem trostlosen Zustande. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn

man ausspricht, daß die türkischen Armenier mit Ausnahme einiger

Hunderttausender in Konstantinopel und anderen größeren Städten

Lebender so gut wie ausgerottet sind.

Es würde zu weit führen, wollte ich auf die Ursachen der Ausrottung

der Armenier und die politischen und wirtschaftlichen Folgen dieser

Maßnahme für die Türkei eingehen.

Dieses Kapitel ist fürs erste leider abgeschlossen, und kann sich

unsere Fürsorge und unser Interesse nur noch auf die Erleichterung der

Lage der sich in Mesopotamien befindenden Überlebenden erstrecken.

Ich halte mich aber andererseits für verpflichtet, die Aufmerksamkeit

Euerer Exzellenz noch auf nachstehendes zu lenken: Eine Reihe von

Gesprächen mit maßgebenden türkischen Persönlichkeiten hinterließ bei

mir folgende Eindrücke:

Ein großer Teil des jungtürkischen Komitees steht auf dem Standpunkt,

daß das türkische Reich nur auf rein muhammedanischer, pantürkistischer

Grundlage aufgebaut werden muß. Die nichtmuhammedanischen und

nichttürkischen Bewohner desselben müssen gewaltsam muhammedanisiert

und türkisiert, wo das nicht angängig, vernichtet werden.

Zur Verwirklichung dieses Planes scheint diesen Herren die jetzige Zeit

die geeignetste.

Als erster Punkt ihres Programms kam die Erledigung der Armenier.

Für die mit der Türkei im Bündnis stehenden Mächte wurde eine angeblich

vorbereitete Revolution der Partei der Daschnakzagan vorgeschützt.

Lokale Unruhen und Selbstschutzbestrebungen der Armenier wurden

außerdem aufgebauscht und zum Vorwand genommen, die Aussiedelung der

Armenier aus bedrohten Grenzgebieten zu motivieren. Unterwegs wurden

die Armenier auf Anstiftung des Komitees von kurdischen und türkischen

Banden, stellenweise auch von Gendarmen, ermordet.

2. Etwa zu gleicher Zeit wurden die Nestorianer im östlichen Kurdistan

durch türkische Truppen von Mossul nach tapferer Gegenwehr aus ihren

Wohnsitzen vertrieben und zum Teil vernichtet. Ihre Felder und

Wohnstätten wurden verwüstet. Die Überlebenden flüchteten zu den Russen

und kämpfen jetzt in deren Reihen gegen die Türkei.

3. Der Feldzug Halil Beys nach Nordpersien hatte Massakrierung seiner

armenischen und syrischen Bataillone und Vertreibung der armenischen,

syrischen und persischen Bevölkerung aus Nordpersien zur Folge und

hinterließ eine große Erbitterung gegen die Türken.

4. An eine Abrechnung mit den Arabern wird ebenfalls gedacht, doch

die im Augenblick ungünstige militärische Lage ließ den Zeitpunkt

dafür noch nicht für gekommen erscheinen. Inzwischen versuchte man

durch starke Rekrutierung der Araber und Entsendung arabischer Truppen

in mangelhaftester Ausrüstung in klimatisch ungünstige Gegenden

(Winterfeldzug 1914 Erzerum, 1915 Nordpersien) einen geeigneten Ersatz

zu finden.

5. In lächerlicher Überschätzung der Kraft und der Fernwirkung

pantürkischer Ideen, und in Unterschätzung des Einflusses der

kaukasischen Armenier, glaubt man die Muhammedaner des Kaukasus für

einen Anschluß an die Türkei und zu einem Aufstand gegen Rußland

gewinnen zu können, und nur langsam dämmert die Erkenntnis, daß durch

das Vorgehen gegen die Armenier und das Verhalten türkisch-kurdischer

Freischärler in den kaukasischen Grenzgebieten dieser Plan stark an

Wahrscheinlichkeit eingebüßt hat. Die deutsche Verständigung mit den

Kaukasiern wird ungern gesehen und vielfach gehindert.

Meine Eindrücke in bezug auf die Frage des Verhältnisses der Türken zu

den anderen dort lebenden Nationen zusammenfassend (die ich bis Ende

August 1916 gewonnen habe), möchte ich, im Hinblick auf die Zukunft,

folgendes ausführen:

Es erscheint mir nicht ausgeschlossen, daß im Bereich der 6. Armee

der Versuch gemacht werden wird, zur Hebung der Stimmung der auf

türkischer Seite kämpfenden Kurden, ihren Fanatismus erneut anzufachen

und ihnen freie Hand gegen die dortige christliche Bevölkerung zu geben.

Ein ähnliches Ausspielen der sunnitischen Kurden gegen die schiitischen

Perser könnte unter Umständen in Nord- und Mittelpersien stattfinden

und dadurch, abgesehen von den wirtschaftlichen Folgen, einen dauernden

Gegensatz zwischen den Beteiligten hervorrufen.

Ich habe schließlich den Eindruck gewonnen, daß ein schärferes

Auftreten gegen die rigorosen Bestrebungen des jungtürkischen Komitees,

wo wir die Macht dazu haben, unserem Ansehen dienen dürfte und uns die

Sympathien, nicht nur der Nichtmuhammedaner und Araber, sondern auch

der Alttürken und der derzeitigen Minderheit der Jungtürken eintragen

würde.

Bei der Unsicherheit der türkischen politischen Verhältnisse erscheint

es mir nicht unangebracht, die Stimmung dieser in der Provinz Einfluß

habenden Kreise in Rechnung zu ziehen.

Wenn wir, die Türken, in diesem Kampf um die Existenz des osmanischen

Reiches verbluten, so soll es auch keine anderen Nationen in demselben

mehr geben: dieser Ausspruch eines jungtürkischen Politikers

kennzeichnet am besten den Standpunkt der jungtürkischen Komiteekreise.

Die, meist aus Mangel an Organisation und Voraussicht immer mehr

auftretende Schwächung des reinen Türkentums (der Anatolier) zieht in

logischer Konsequenz auch die gewaltsame Vernichtung der anderen in der

Türkei lebenden Nationen nach sich.

Diesem Vernichtungsprozeß unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden und

ihm auch entgegenzuwirken, scheint mir in unserem politischen und

wirtschaftlichen Interesse geboten.

v. Scheubner-Richter.

An Seine Exzellenz den Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg, Berlin.

310.

Auswärtiges Amt. Berlin, den 25. Dezember 1916.

In einem Bericht des Verwesers des Kaiserlichen Generalkonsulats in

Jerusalem ist u. a. davon die Rede, daß nach zuverlässigen Nachrichten

und entgegen allen türkischen Ableugnungsversuchen die gewaltsamen

Islambekehrungen unter den verschickten Armeniern fortgesetzt werden.

Die gleiche Nachricht ist auch auf anderen Wegen hierher gedrungen

und hat in weiten Kreisen der deutschen Christen berechtigte Empörung

hervorgerufen.

Euer Hochwohlgeboren bitte ich, die Angelegenheit erneut mit

gebührendem Ernste bei der Pforte zur Sprache zu bringen und ihr zu

bedeuten, daß sie durch Duldung zwangsweiser Bekehrungen zum Islam

nicht nur ihre Stellung bei den Friedensverhandlungen erschwere,

sondern den Mächten auch für die Zukunft eine neue Handhabe zur

Einmischung in innere türkische Verhältnisse bieten würde. Als

christliche Macht und als Bundesgenosse, dem die innere Kraft und

Unabhängigkeit der Türkei am Herzen liegt, können wir unseren

türkischen Freunden nur dringend raten, für schnelle und gründliche

Abhilfe zu sorgen.

Zimmermann.

Seiner Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Geschäftsträger

Herrn Göppert, Pera.

1917

_Januar._

311.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft.

Notiz.

Pera, den 4.1.17.

Inhalt der Anlage mit Halil Bey besprochen.

Er versprach, bei Enver Pascha und Talaat Bey dahin zu wirken, daß die

Zwangsbekehrungen sofort aufzuhören hätten. Den Übergetretenen die

Rückkehr zum christlichen Glauben schon jetzt zu ermöglichen, sei nicht

wohl angängig und nicht praktisch, da dies neue Verschickungen zur

Folge haben könnte. Nach dem Kriege werde das ebenso möglich sein, wie

nach den Armenierverfolgungen zu Abdul Hamids Zeiten.

Göppert.

Anlage.

Péra, le 4 janvier 1917.

Le Gouvernement Allemand apprend de sources dignes de foi que,

contrairement aux démentis officiels, on continue de forcer les

Arméniens dans les provinces à renier la foi chrétienne et à embrasser

l’islamisme. Les nouvelles de ces faits s’étant répandues en Allemagne

les milieux chrétiens s’en sont émus à juste titre et ce n’est qu’à

grande peine que le Gouvernement Allemand a réussi à empêcher, jusqu’à

présent, la discussion publique de cette question; cependant, il ne

peut ne pas tenir compte des nombreuses démarches faites auprès de

Mr. le chancelier de l’Empire et auprès du Département des Affaires

Etrangères à l’effet de faire cesser ces persécutions et de donner

aux personnes converties de force la faculté de rentrer dans la foi

chrétienne après le rétablissement de la paix.

Le Gouvernement Allemand, en sa qualité de puissance chrétienne, ne

peut que regretter et désapprouver des actes de violence qui sont

contraires aux principes de la liberté de conscience, principes qui ont

été toujours observés en Turquie et qui, d’ailleurs, ont été consacrés

dans un article spécial de la constitution Ottomane. De même, il est

d’avis que les persécutions des Arméniens Chrétiens sont de nature

à créer au Gouvernement Ottoman de sérieuses difficultés lors de la

discussion des conditions de paix, et il prévoit que les puissances de

l’entente en profiteront à l’avenir pour s’ingérer dans les affaires

intérieures de l’Empire.

Le Gouvernement Allemand guidé par le sincère désir de contribuer à

l’affermissement de l’indépendance nationale de l’Empire Ottoman, a

cru de son devoir de communiquer au Gouvernement Ottoman sa manière de

voir au sujet d’une question qui, dans ce sens, intéresse également

les deux Gouvernements alliés. En même temps, il aime à espérer que le

Gouvernement voudra bien prendre les mesures nécessaires pour mettre

fin à des incidents qui ne peuvent être justifiés ni par les intérêts

militaires ni par des motifs d’ordre public.

312.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Konstantinopel, den 5. Januar 1917.

An Auswärtiges Amt.

Antwort auf Erlaß vom 25. Februar.

Halil Bey versprach dahin zu wirken, daß Zwangsbekehrungen sofort

ein Ende gemacht werde. Sofortige Rückkehr der zwangsweise Bekehrten

zum Christentum sei nicht opportun, doch werde sich diese Frage nach

Friedensschluß voraussichtlich befriedigend lösen lassen.

Göppert.

313.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 26. Januar 1917.

In einem längeren Auszuge, den die in New York erscheinende griechische

Zeitung „Atlantis“ aus einer Veröffentlichung des Lord Bryce gebracht

hat (Ausgabe vom 7. November v. J.), wird u. a. behauptet, daß bei der

Niedermetzelung der armenischen Bevölkerung von Musch im Juli 1915 ein

nicht näher bezeichneter deutscher Offizier eine aktive Rolle gespielt

habe.

Hierüber wird folgendes gesagt:

„Die Türken hatten unter allerlei Vorwänden einige 5000 Armenier aus

den umliegenden Dörfern beim Kloster Surb Karabet in Musch gesammelt,

die sie dann vor den Mauern des Klosters niedermachten. Bevor das

Gemetzel begann, stieg ein deutscher Offizier auf die Mauer und warf

den Armeniern vor, daß die türkische Regierung den Armeniern stets

viel Gutes erwiesen und große Vorrechte verliehen habe, daß aber die

Armenier, hiermit nicht zufrieden, nach Autonomie gestrebt hätten.

Darauf feuerte er seinen Revolver ab und gab damit das Zeichen zum

allgemeinen Gemetzel usw.“

Über die Vorgänge in Musch lagen hier die Angaben der Schwester Alma

Johansson vom Deutschen Hilfsbunde für christliches Liebeswerk im

Orient vor, welche sich in den kritischen Tagen an Ort und Stelle

befunden hat[139]; sie hat in ihrer Erzählung dieser Ereignisse

mit keiner Silbe die Anwesenheit eines deutschen Offiziers bei den

türkischen Truppen erwähnt, und es ist nicht anzunehmen, daß sie

keine Kenntnis davon erhalten, oder, wenn sie davon gehört, es

hier verschwiegen hätte. Durch weitere Nachfrage bei der hiesigen

Militärmission ist dann noch festgestellt worden, daß Deutsche im Juli

1915 bei den Ereignissen in und bei Musch nicht zugegen waren.

Die Angaben des Lord Bryce über die Beteiligung eines deutschen

Offiziers an den fraglichen Ereignissen beruhen also auf Erfindung.

von Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.

_Februar._

314.

Deutscher Hilfsbund für christliches

Liebeswerk im Orient, E. V.

Abschrift

eines Briefes von Frau Prediger Joh. Ehmann.

Mamuret-ul-Asis, den 10. Februar 1917.

Da ich hoffe, eine Gelegenheit zu haben, einen Brief zu senden, der

nicht die türkische Zensur passieren muß, so will ich heute abend noch

sehen, was ich schreiben kann.

Wir sind in diesen Tagen sehr niedergedrückt und beschwert durch die

drohende Kriegsgefahr mit Amerika. Wie wird es auslaufen?... Über

wie viel Tausende wird neues Elend kommen! Wir denken zunächst an

die Amerikaner in Kharput -- die Türken sollen sich teilweise schon

auf die reiche Beute freuen, die ihnen dann zuteil würde. Und sanft

würde gewiß mit den Amerikanern nicht verfahren werden, obwohl im

vergangenen Jahre die Stimmung ihnen gegenüber recht günstig war im

Gegensatz zu 1915, wo man sehr kurz mit ihnen war. In letzter Zeit

waren wir die weniger Wohlgelittenen; in den letzten Monaten hat sich

eine ziemlich stark antideutsche Stimmung herausgebildet, unter der

wir auch schon leiden mußten. Vor 14 Tagen mußten wir, der Gewalt

gehorchend, ein weiteres Waisenhaus abtreten, nachdem schon 4 Häuser

in Händen des Militärs sind. Als man zuerst mit der Forderung an

meinen Mann herantrat, wies er die Forderung ab mit der Begründung,

dies ginge über seine Befugnisse hinaus, er sei unserer Gesellschaft

und den Freunden unserer Arbeit verantwortlich, er wolle sich bei der

Botschaft Rat holen; sobald von dieser der Befehl käme, die Häuser

auszuliefern, so sei er bereit. Man forderte nämlich, das vergaß ich zu

sagen, alle unsere Häuser unter der Behauptung, es sei ein Telegramm

von Enver Pascha gekommen, daß sowohl unsere Häuser als die der

Amerikaner für die Soldaten ausgeräumt werden sollten. Als besondere

Gnade wollten sie uns das Knabenwaisenhaus Ebenezer lassen! -- Da wir

am nächsten Tage erfuhren, daß man sich an die Amerikaner gar nicht

gewandt hatte, zweifelte mein Mann die Echtheit dieses Enverschen

Telegramms sehr an. Er sandte nun einige Telegramme an die Botschaft

ab, aber offenbar hat man keines davon durchgelassen, denn bis heute

ist keine Antwort eingelaufen. 8 Tage nach der ersten Forderung kam

man wieder mit neuem Drängen, mein Mann konnte nur antworten, er müsse

auf die Antwort der Botschaft warten. Am Dienstag darauf kamen zwei

Abgesandte mit der Nachricht, man habe jetzt lange genug gewartet, wenn

am nächsten Tage die Häuser nicht gegeben würden, so würden sie mit

Gewalt genommen. Mein Mann ging darauf zum Kommandanten, zu demselben,

der noch an unserer Weihnachtsfeier teilnahm, um in Freundschaft mit

ihm zu verhandeln, fand ihn aber so aufgeregt und so grob, daß nichts

bei der Sache herauskam und der Kommandant schließlich, ohne sich

zu verabschieden, aus dem Zimmer hinauslief und meinen Mann stehen

ließ. Die Botschaft habe sich gar nicht mehr hineinzumischen seit der

Aufhebung der Kapitulationen etc. Mein Mann tat dann noch Schritte bei

dem obersten Schulbeamten, der versprach, gleich am nächsten Morgen

mit dem Kommandanten zu verhandeln und ihn dahin zu bestimmen, daß man

sich mit der Abtretung eines Hauses begnüge. Aber siehe da, am nächsten

Morgen, ungefähr um 9 Uhr, rückte Militär und Polizei an und umstellte

unsere beiden Mädchenwaisenhäuser! Sie hatten Werkzeuge mitgebracht, um

eventuell die Türen mit Gewalt einzuschlagen. Schwester Kathrine, die

am Tor stand, wurde vor die Brust gestoßen, niemand durfte hinaus; und

als Schwester Marie schnell herausschlüpfte, um meinem Mann Nachricht

zu bringen, schlug man nach ihr, zum Glück, ohne sie zu treffen. Die

Soldaten drangen nun in die Häuser ein, d. h. nur einige, in jedem

Stockwerk stand einer mit geladenem Gewehr, und Schwester Kathrine

durfte in ihrem eigenen Hause nicht mehr die Treppe hinauf, sie mußte

bleiben, wo sie war. Schwester Jenny im anderen Hause war mutiger, sie

sagte zu dem Soldaten, der sie auch bedrohte: „Was fällt dir ein? Ich

bin eine Deutsche (sie ist Dänin), ich fürchte mich nicht!“ und konnte

daraufhin im Hause frei umhergehen. Inzwischen hatte nun mein Mann

Nachricht und war eilends gekommen. Er verhandelte mit dem Offizier,

der mit den Soldaten vorm Hause stand, dann mußte unser Dragoman hin

und herlaufen zwischen dem Kommandanten und meinem Mann, bis nach

vielem Hin und Her sich der Kommandant bereit erklärte, zufrieden zu

sein, wenn an diesem Tage Emmaus, das gemietete dänische Waisenhaus,

geräumt würde und am nächsten Tage Elim, unser eines Mädchenwaisenhaus.

Die Räumung von Emmaus zerschlug sich dann in der letzten Minute, da

ein Offizier, der das Haus besichtigte, behauptete, es sei zu klein,

sie hätten gedacht, es sei größer. So wurde denn Elim ausgeräumt. Mein

Mann hatte einige Häuser in der Nachbarschaft verlangt für die Waisen,

die uns nach einigen Schwierigkeiten schließlich gegeben wurden. Aber

trotz der Eile, die man damals hatte, und trotz des Drängens, bis ihnen

die Schlüssel abgeliefert waren -- es war am 24. Januar --, steht Elim

bis heute, am 11. Februar, leer. Wir wissen wohl, daß es nicht das

Haus war, das man brauchte, denn in Mamuret-ul-Asis sind noch Häuser

genug, sondern es war ein Schlag gegen die deutsche Arbeit. Nun, wir

sind auch über dies hinübergekommen, und Gott wird weiterhelfen. Aber

wir sehen nicht zu rosig in die Zukunft. Wenn es wirklich zum Krieg

mit Amerika kommt, wäre es auch für die Armenier sehr schwer. Man weiß

kaum, was werden sollte. Es kommen riesige Unterstützungsgelder von

dort. Die vielen Armen hier und in Kharput leben hauptsächlich von

diesen Unterstützungen.

Wir haben wieder ziemlich viel Armenier hier in der Stadt oben, d.

h. Frauen und Kinder; sie ziehen sich aus der ganzen Umgegend hier

zusammen, die meisten waren bei Türken gewesen für die Feldarbeit oder

auch als Frauen und wurden dann einfach hinausgetan, wenn man sie nicht

mehr wollte. Sie leben hier zum Teil in den erbärmlichsten Hütten,

in halb zerstörten Häusern, denn ein großer Teil der Armenierhäuser

wurde nach der Ausweisung einfach von der Bevölkerung niedergerissen,

zuerst Fenster, Türen, Treppen usw. weggeschleppt, später die

Wände eingerissen und alles Holz, was drin war, herausgerissen, zu

Brennzwecken. Bis heute wird solch Holz aus den Dörfern zum Verkauf

gebracht.

315.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Aleppo, den 14. Februar 1917.

Der Beauftragte des amerikanischen Konsulats, welcher im Einverständnis

mit der türkischen Regierung vor kurzem zur Verteilung von

Notstandsgeldern an die verschickten Armenier ausgesandt wurde,

ist zurückgekehrt und berichtet folgendes: Er hat in Rakka 20000

Kilo Getreide angekauft, die durch den Vertreter der amerikanischen

Süßholzgesellschaft gemeinsam mit 2 türkischen Beamten zu verteilen

sein werden, und hat 4500 Ltq. verteilt, indem er persönlich jedem

einzelnen der 600 Verschickten wenigstens eine Viertelpfundnote, zum

Teil mehr, ausgehändigt hat. Trotzdem ist er der Ansicht, daß ein

sehr großer Teil davon dem Hunger und der Entbehrung erliegen muß.

Denn es herrscht jetzt nicht nur unter den Armeniern, sondern auch

unter der Bevölkerung von Rakka selbst Hunger, so daß die Verteilung

von Nahrungsmitteln durch die Regierung an die Vertriebenen fast ganz

aufgehört hat. 160-175 Kilo Weizen kosten 500 Piaster Hartgeld oder

nicht ganz das Dreifache in Papiergeld, so daß also ein Kilo Weizen auf

ungefähr 2 Mk. zu stehen kommt. Die Vertriebenen wohnen dicht gedrängt.

Ihre Kleidung ist zerlumpt, Typhus ist unter ihnen ausgebrochen, so daß

die Zahl der täglichen Todesfälle gegenwärtig 20 beträgt.

An manchen Stellen des Weges werden die Reste der Armenier zu Straßen-,

Brücken- und Häuserbauten verwendet, so:

in Nahr Dahab (35 km vor Aleppo) 172

in Der Hafir (50 km „ „ ) 180

Meskene 600

außer denen in der Nähe noch 300 Unbeschäftigte im elendesten

Zustande vorhanden sind,

Sabkha (zum Teil beschäftigt) 2000

Dazu kommen, wie schon aufgeführt (unbeschäftigt),

in Rakka 6000

in Siaret bei Rakka (unbeschäftigt) 400

und in Urfa infolge Zuzuges aus Rakka 2500

In Urfa sind sie jetzt verhältnismäßig gut und sicher aufgehoben. Man

hat sie dorthin geholt, um die notwendigsten Handwerker zu haben.

Der Beauftragte des amerikanischen Konsulats war der in früherer

Berichterstattung bereits genannte Deutsche Bernau, der jetzt bei

Rückkehr von seiner Reise die Nachricht vom Abbruch der Beziehungen

zwischen Amerika und Deutschland vorfand und infolgedessen seine

Stellung am amerikanischen Konsulat niederlegt. -- Über Sabkha hinaus

nach Süden ist er diesmal nicht gekommen.

In Aleppo hat die Regierung am 13. d. M. auf Befehl Djemal Paschas

aus den von der Schwester Beatrice Rohner geleiteten Waisenhäusern

70 Knaben genommen, um sie in ein Regierungswaisenhaus auf dem

Libanon zu verbringen, wo sie mit Kindern muhammedanischer

Flüchtlinge aus Ostanatolien zusammen erzogen werden sollen. Weitere

derartige Verteilungen auf Regierungswaisenhäuser sind in Aussicht

genommen. Die Armenier sollen auf diese Weise zu vaterlandsliebenden

Osmanen und, wie die offene oder stillschweigende Voraussetzung

ist, zu Muhammedanern gemacht werden. Es ist schwer, hierbei die

Erinnerung an die Rekrutierung der Yanitscharen zu unterdrücken. Dem

gegenwärtigen Versuch muß man wohl skeptisch gegenüberstehen. Die

meisten armenischen Knaben werden weglaufen, diejenigen, welche in

die Regierungswaisenhäuser kommen, werden dort vor die Frage gestellt

werden, ob sie den Islam annehmen wollen. Lehnen sie ab, und versagen

Zwangsmittel, so werden sie auf die Straße gejagt werden und verkommen.

Nur die wenigsten werden dort heranwachsen. Der mit der Verteilung auf

die Regierungswaisenhäuser beabsichtigte positive Zweck wird also nicht

erreicht werden, nur wird die Zahl heranwachsender junger Armenier

erneut erheblich vermindert sein.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.

316.

Auswärtiges Amt. Berlin, den 16. Februar 1917.

Der Vorsitzende der Orient- und Islamkommission des Deutschen

Evangelischen Missionsausschusses, Missionsdirektor D. Karl Axenfeld,

hat im Interesse wirksamerer Fürsorge für die deportierten Armenier

gebeten, den anliegenden Fragebogen[140] von den zuständigen deutschen

konsularischen Vertretern ausfüllen zu lassen.

Euere Exzellenz wollen die Fragebogen den in Betracht kommenden

Kaiserlichen Konsulaten mit entsprechender Weisung zugehen lassen und

für tunlichst beschleunigte Erledigung Sorge tragen.

Zimmermann.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

i. a. M. Herrn von Kühlmann, Pera.

317.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 16. Februar 1917.

Das Kabinett Talaat Pascha hat sich gestern offiziell der Kammer

vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit hat der neue Großwesir

programmatische Erklärungen abgegeben, die mir von prinzipieller

Wichtigkeit scheinen und in der inneren Geschichte der Türkei einen

neuen Wendepunkt bilden.

Wie ich bereits vor einiger Zeit Euerer Exzellenz zu berichten

die Ehre hatte, gewann innerhalb der einflußreichen Kreise eine

gemäßigte Richtung an Boden, die im Gegensatz zu dem rücksichtslosen,

vor blutiger Gewaltsamkeit nicht zurückschreckenden Nationalismus

gewisser Komiteemitglieder eine verständige und tolerante innere

Politik für die Türkei verlangte. Die Türkei ist durch die vielen

fremden Elemente in ihrer Mitte ein von jedem anderen europäischen

Staate wesentlich unterschiedenes Gebilde. Die Versuche, durch

versöhnliches Entgegenkommen die fremden Bestandteile im ottomanischen

Staatskörper zu einem wirklichen ottomanischen Patriotismus und damit

zur freiwilligen überzeugten Mitarbeit am türkischen Staatsleben zu

erziehen, haben immer wieder abgewechselt mit Perioden, in denen durch

Druck und Ausrottungsbestrebungen die dem Staate so nötige Einheit der

Zusammensetzung erzwungen werden sollte.

Sultan Abdul Hamid war in der letzten Zeit seiner Regierung durch die

berüchtigten Armeniermassakers in der Richtung einer schonungslosen

Ausrottungspolitik soweit gegangen, daß selbst in dem an Blutvergießen

gewöhnten Orient ein Schauder durch alle Gemüter ging. Das Komitee,

in allen Stücken trachtend, eine der Sultanpolitik entgegengesetzte

Haltung einzunehmen, schrieb im Anfang seiner Wirksamkeit

Zusammenfassung aller in der Türkei lebenden Körperschaften zu freier

und freiwilliger Mitarbeit im Staate auf seine Fahnen und konnte

im Anfange seiner Tätigkeit fast alle dissentierenden Elemente --

Araber, Armenier und Griechen --, wenn auch nur für kurze Zeit, unter

einen Hut bringen. Das Fortbestehen der separistischen Treibereien

unter den Armeniern und die während des Balkankrieges, als die Türkei

dem Zusammenbruche nahe schien, aufs neue klar hervortretende,

vaterlandsverräterische Gesinnung weiter nichttürkischer Kreise aber

führte zu einem Umschwunge und zu einem vollständigen Siege der

türkisch-nationalistischen Richtung im Komitee.

Die in großem Umfange durchgeführte Armeniervernichtung und die in

einzelnen kleineren Unternehmungen zutage tretenden Neigungen, auch

dem griechischen Elemente gegenüber schonungslos vorzugehen, sind das

Resultat dieser politischen Richtung gewesen.

Als Gesamtergebnis hat die Ausrottungspolitik dem türkischen Reiche

schwer geschadet. Die Greuel des Armenierfeldzuges werden noch lange

auf dem türkischen Namen lasten und noch lange denjenigen Waffen

liefern, die der Türkei die Eigenschaft als Kulturstaat absprechen und

die Austreibung der Türken aus Europa verlangen. Auch innerlich ist das

Land durch den Untergang und die Verbannung einer körperlich kräftigen,

arbeitsamen und sparsamen Bevölkerung ansehnlich geschwächt worden,

besonders da Armut an Menschen eines der größten Hindernisse bei der

rascheren Entwicklung der türkischen Bodenschätze bildet.

Im vertrauten Gespräche habe ich Talaat Pascha gegenüber seit Beginn

meiner hiesigen amtlichen Tätigkeit mit meiner Meinung über diese Frage

nicht zurückgehalten. Daß er jetzt, zur Macht gelangt, in seiner ersten

programmatischen Erklärung die Gleichberechtigung der ottomanischen

Nationalitäten zum wichtigen Punkte des Regierungsprogrammes macht,

ist mit Genugtuung zu begrüßen. Wie ich vertraulich höre, ist mit

Einstellung der Armeniervertreibungen und mit Aufhören der an einzelnen

Stellen hervorgetretenen Verfolgung gegen die Griechen zu rechnen. Den

Armeniern soll (damit will man aber erst in einiger Zeit hervortreten)

die Rückkehr in ihre alten Wohnplätze, soweit diese nicht als

Kriegsgebiet zu betrachten sind, gestattet werden.

Die wilde nationalistische Richtung ist natürlich noch nicht tot.

Die fähigen und rücksichtslosen Köpfe, die sie vertreten haben,

werden sich bei ihrer zeitweiligen Niederlage nicht beruhigen.

Auch darauf, daß nun, wie mit einem Zauberschlage, die Klagen aus

verschiedenen Provinzen über Bedrückungen und Verfolgungen einzelner

Verwaltungsbeamten völlig verstummen, ist nicht zu rechnen. Aber die

Erfahrung lehrt doch, daß die in Konstantinopel ausgegebene Parole im

großen ganzen in der Provinz befolgt wird; um so mehr, wenn die Parole

nicht das Ergebnis fremden Drucks auf die Zentralregierung ist, sondern

der freien Entschließung der türkischen Machthaber entspricht. Dies ist

zum Glück dieses Mal der Fall.

Zweifellos wird die Stellungnahme Talaat Paschas in seiner gestrigen

Rede für geraume Zeit hinaus richtunggebend bleiben. Dies ist, meiner

Ansicht nach, für uns und die Sache des deutsch-türkischen Bündnisses

ein großer Gewinn. Denn auf Seiten all unserer Feinde bestand das

Bestreben, uns für die blutigen Ausschreitungen des türkischen

Nationalismus verantwortlich zu machen. Andererseits bildeten die

häufigen Einmischungsversuche, zu denen uns humanitäre Erwägungen

gegenüber diesen Maßnahmen veranlaßten, eine Quelle ständiger Reibung

mit der türkischen Regierung. Auch unserer Öffentlichkeit gegenüber

ist das Bündnis mit einer gemäßigten, auch im Innern nach modernen

Grundsätzen arbeitenden Türkei leichter zu verteidigen und aufrecht zu

erhalten, als mit einem ausgesprochen ottomanisch-nationalistischen

Gebilde.

von Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.

318.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 24. Februar 1917.

Talaat Pascha bestätigte mir persönlich, daß er in allen Fragen der

Nationalitätenpolitik einen neuen Kurs zu steuern beabsichtige.

Er habe sowohl den katholischen, als den ökumenisch armenischen

Patriarchen zu sich kommen lassen und ihnen gesagt, die armenische

Bevölkerung könne sicher sein, daß ihre verfassungsmäßigen Rechte

nicht angetastet werden. Was die vorige Regierung unter dem Zwange

militärischer Notwendigkeit habe veranlassen müssen, solle nach

Möglichkeit wieder gut gemacht werden. Entsprechende Befehle seien an

alle Provinzialbehörden ergangen.

von Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

319.

Deutscher Hilfsbund für christliches

Liebeswerk im Orient, E. V.

Frankfurt a. M., den 28. Februar 1917.

Fürstenbergerstraße 151.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 101 / 134 题