Aufzeichnung des Staatssekretärs.
Wir haben in der armenischen Frage von Anfang an energische
Vorstellungen bei der Pforte erhoben. Wir werden vielleicht später
einmal nach dem Kriege, wenn unsere Position nicht mehr so delikat
ist wie heute, unsere ganzen Verhandlungen veröffentlichen. Ich kann
Ihnen vertraulich erzählen, daß unser Botschafter soweit gegangen ist,
sich direkt den Unwillen des Großwesirs und des Ministers des Innern
zuzuziehen. Nach den ersten drei Monaten seiner Tätigkeit haben die
betreffenden Minister gesagt, der Botschafter scheine wohl nichts
anderes zu tun zu haben, als sie immer in der Armeniersache anzuöden.
Die neuen Klagen, daß die armenischen Waisenhäuser aufgelöst, die
Armeniermädchen in die Harems und die Knaben in die türkischen
Waisenhäuser gebracht und gezwungen werden, Muhammedaner zu werden,
haben mir Anlaß gegeben, persönlich bei dem zurzeit hier anwesenden
türkischen Minister des Auswärtigen ernste Vorstellungen zu erheben.
Ich habe darauf hingewiesen, daß diese Vorgänge nicht nur für die
Türken, sondern auch für uns außerordentlich peinlich wären und wir
dringend bitten müßten, Mittel und Wege zu finden, daß hier Abhilfe
geschaffen werde.
Ich kann nur sagen, wir haben alles getan, was wir konnten. Das
äußerste, was uns übrig bliebe, wäre, das Bündnis mit der Türkei zu
brechen. Sie werden verstehen, daß wir uns dazu nicht entschließen
können. Höher als die Armenier, so sehr wir vom rein menschlichen
Standpunkt aus ihr Los beklagen, stehen uns unsere Söhne und Brüder,
die ihr teures Blut in den schwersten Kämpfen vergießen müssen und
die mit auf die Unterstützung der Türken angewiesen sind. Denn die
Türken leisten uns zur Deckung der Südostflanke wesentliche Dienste.
Sie werden mit mir übereinstimmen, daß wir so weit nicht gehen können,
den Türken, die wir tatsächlich durch unsere andauernden Vorstellungen
in der armenischen Frage stark verstimmt haben, noch das Bündnis zu
kündigen.
_Oktober._
301.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 2. Oktober 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Auf Befehl von Konstantinopel erfolgen in Marasch, wo von 25000
Armeniern noch etwa 4000 verblieben waren, wieder neue Ausweisungen.
120 Familien sind seit dem 18. September verschickt, weitere sollen
folgen.
Rößler.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Therapia, den 4. Oktober 1916.