Abschriftlich

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg

gehorsamst überreicht.

Metternich.

Kaiserliches Konsulat. Damaskus, den 30. Mai 1916.

Wie ich im März d. J. telegraphisch zu melden die Ehre hatte, hat

Djemal Pascha ein Hilfswerk für die hierher ausgewiesenen Armenier

organisiert, das seit etwa sechs Wochen an der Arbeit ist. An der

Spitze dieser Organisation steht der ehemalige Wali von Salonik und

Aleppo, Hussein Kasim Bey, der allgemein als gediegener Charakter und

rührig geschätzt wird. Ihm zur Seite stehen zwei höhere außer Dienst

befindliche Beamte und der stellvertretende Wali von Damaskus. Auch

diese drei Kommissionsmitglieder genießen einen guten Ruf.

Hussein Kasim Bey bereiste seit vorigem Monat die im Hauran und südlich

davon gelegenen Gebiete, in denen sich Armenier befinden. In Deraa hat

er zunächst Brot an die Armenier verteilen lassen und eine Entlausungs-

und Badeanstalt mit Krankenhaus errichtet. Von dort aus wurden nach

erfolgter Reinigung viele Armenier nach verschiedenen Orten verschickt,

in denen sie Arbeit finden konnten. Gegen 700 Witwen und Waisen kamen

nach Hama, wo sie in einer Wirkfabrik arbeiten.

Vorgestern traf ich gelegentlich eines Essens, das Djemal Pascha gab,

den Hussein Kasim Bey. Als er mich sah, sagte er mir, daß er mich

dringend sprechen möchte. Er erklärte mir in sehr erregtem Tone, daß er

sein Amt als Vorsitzender der Armenierkommission niederlegen wolle, da

er nicht mehr arbeiten könne. Seine Maßregeln werden nicht nur nicht

ausgeführt, sondern die Behörden handeln ihnen entgegen. Die Armenier,

die er programmäßig von Deraa nach Damaskus schicke, werden von den

hiesigen Stadtbehörden wieder zurückgeschickt. Die Regierung stelle

ihm viel zu wenig Geldmittel zur Verfügung, um wirksam der großen Not

der Armenier entgegentreten zu können. Er sei ganz verzagt und glaube

überhaupt nicht mehr an den ernsten Willen der türkischen Regierung,

den ausgewiesenen Armeniern helfen zu wollen. Er fürchte sogar, daß

man sie systematisch ausrotten wolle. Er höre, daß die nach Aleppo

geleiteten Armenier wieder nach dem Osten in der Richtung nach Mossul

und Der-es-Zor gebracht würden, wahrscheinlich um den Beduinen zum

Opfer zu fallen. Diese grausame Vernichtungspolitik sei eine Schmach

für die Türkei und würde nach dem Frieden der Türkei sehr schaden

und auch Deutschland in Verlegenheit bringen, weil es von der Welt

beschuldigt würde, nicht wirkungsvoller für die Armenier eingetreten zu

sein. Er finde keinen anderen Ausweg, als daß Deutschland dahin wirke,

daß alle Armenier nach irgend einem Land -- er meinte Südamerika --

baldigst verschickt würden. Auf diese Weise würde man der Türkei und

den Armeniern am besten helfen.

Ich wies ihn auf die armenierfeindliche Stimmung bei den maßgebenden

Komiteemitgliedern in Konstantinopel hin, gegen die selbst Djemal

Pascha scheinbar nicht aufkommen könne. Ich machte ihn darauf

aufmerksam, daß Deutschland, soweit die gegenwärtige Lage es erlaube,

den Armeniern nach Möglichkeit helfe, und bat ihn, im Interesse

der Sache sein gedachtes Amt nicht niederzulegen und trotz aller

Gegenströmungen weiter zu arbeiten. Er wird, sobald Djemal Pascha in

einigen Tagen von Aleppo zurückkommt, mit ihm weiter verhandeln und,

wenn ihm nicht mehr Machtvollkommenheit und Geldmittel zur Verfügung

gestellt werden, auf sein Ehrenamt verzichten. Nach seiner Schätzung

befinden sich zwischen Aleppo und dem Hedjas 60000 Armenier. Falls

das Schweizerische Hilfswerk Geldmittel für die hiesigen Armenier zur

Verfügung stellen will, würde ich empfehlen, durch das Konsulat unter

der Hand dem Hussein Kasim Bey, zu dem ich volles Vertrauen habe, Geld

für den gedachten Zweck zu geben. Es scheint Eile dringend geboten,

weil die Not groß ist.

Loytved Hardegg.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Herrn Botschafter

Grafen von Wolff-Metternich, Konstantinopel.

276.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Therapia, den 19. Juni 1916.

An das Auswärtige Amt.

Für Herrn von Gwinner und Geh. Rat Riese, Berlin:

Aus Airan drahten Winkler und Morf vom 18. Juni, daß infolge

Austreibung armenischer und dadurch veranlaßter Flucht türkischer

Arbeiter im Amanus nur 2900 Arbeiter von zusammen 5300 verblieben.

Weitere Abnahme der Arbeiterzahl wird infolge andauernder Austreibung

mit Sicherheit eintreten. Infolge Fehlens aller gelernten Arbeiter ist

mit den Verbliebenen der Fortschritt der Bauarbeiten und der Betrieb

des Bahnhofs unmöglich. Vor einigen Tagen auf unsere Vorstellungen

vom türkischen Kriegsministerium gegebener Gegenbefehl erfolglos

geblieben. Anwerbung neuer Arbeiter ist heute unmöglich. Entsprechende

Zahl Arbeitersoldaten zu stellen, würde längere Zeit erfordern, und

wegen Ungeübtheit neuer Arbeiter weitere Verlängerung der Bauzeit um

mindestens drei Monate verursachen. Im großen Amanustunnel besteht

Gefahr Einbruchs ausgezimmerter unsicherer Abschnitte und damit lange

dauernde Unterbrechung des Betriebes. Polizei verweigert unseren

Ingenieuren und Arbeitern Eintritt in den großen Tunnel zur Ausführung

unbedingt notwendiger Sicherungen. Da auch zwei armenische Ärzte und

43 Apotheker und Pfleger vertrieben sind, liegen Kranke unversorgt

in Hospitälern Bagtsche, Yarbaschi und Entilli, was bei vorhandener

Seuche größte Gefahr bedeutet. Bitte dringende Vorstellung bei

deutschem Großen Hauptquartier, Kriegsministerium, Auswärtigem Amt und

außerdem bei Generalmajor von Lossow zu erheben, der im Hauptquartier

oder in Berlin. -- Anatolische Bahngesellschaft.

Grages.

277.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Therapia, den 21. Juni 1916.

An Auswärtiges Amt.

Für Deutsche Bank und für Riese:

Der Kriegsminister hat heute dem Kommandanten der IV. Armee und dem

Wali von Adana telegraphisch befohlen, daß die ausgetriebenen Armenier

nach ihren Arbeitsstellen zurückgeführt werden.

Grages.

278.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 22. Juni 1916.

An Auswärtiges Amt.

Anatolische Bahngesellschaft an von Gwinner und Riese.

Winkler drahtet heute wie folgt:

Der Wali erklärt, keinen Befehl zur Rückkehr der Vertriebenen erhalten

zu haben, sondern nur einen Befehl, durch den die Zahl der noch zu

Vertreibenden beschränkt wird[133]. Der Wali erklärte obendrein, daß

er einen derartigen Befehl, auch wenn er ihn erhalten würde, nicht

befolgen würde; er fügte hinzu, das könne ein anderer Wali besorgen.

Neurath.

279.

Kaiserliches

Deutsches Generalkonsulat. Jerusalem, den 26. Juni 1916.

Der armenische Patriarch hat mich heute besucht, um mir mitzuteilen,

daß die im Ost-Jordanland angesiedelten Armenier gewaltsam zum Islam

bekehrt würden. Der frühere Ansiedlungskommissar Kiazim sei ziemlich

milde gewesen; sein kürzlich aus Konstantinopel gekommener Nachfolger

Kanal wende indes brutale Mittel an. Unter seinem Druck hätten sich in

Deraa kürzlich 3500 Personen zum Übertritt zum Islam bereit erklärt.

Die Zahl der im Ostjordanland angesiedelten Armenier bezifferte der

Patriarch auf 15000 im Hauran, und 3-4000 in Kerak.

Dr. Brode.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

Herrn Grafen Wolff-Metternich in Konstantinopel.

280.

(Kaiserliches

Konsulat Siwas.)

Telegramm.

Abgang aus Siwas, den 27. Juni 1916.

Ankunft in Therapia, den 28. Juni 1916.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Gestern Abend sind alle noch hier verbliebenen, zu Wegbauten und zum

Pionierregiment gehörenden Armenier, ferner die der Gewerbeschule und

auch alle Griechen in der armenischen Kirche eingesperrt worden. Die

Griechen und zum Islam übergetretenen Armenier sind nach einer heftigen

Bastonnade heute wieder freigelassen worden, den anderen Armeniern ist

durch die Behörden angeraten worden, zum Islam überzutreten. Weigern

sie sich, so werden sie verschickt.

Werth.

281.

(Kaiserliches

Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 27. Juni 1916.

Ankunft in Therapia, den 28. Juni 1916.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Im Anschluß an Telegramm vom 17. Mai.

Unter dem Vorwand, es handele sich um sanitäre Maßregeln oder politisch

Verdächtige, hat seit dem 19. Juni wieder rücksichtslose Verschickung

aus Aleppo begonnen, auch von solchen, die seit langer Zeit hier

ansässig.

Rößler.

282.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Therapia, den 30. Juni 1916.

Ich habe die Vertreibung der armenischen Arbeiter von der

Amanusstrecke, wodurch die Kriegführung geschädigt wird, mit Talaat

Bey und Halil Bey besprochen. Diese Maßregel, so sagte ich u. a. den

Ministern, mache den Eindruck, als ob die türkische Regierung selbst

darauf bedacht sei, den Krieg zu verlieren.

Der Vorgang ist lehrreich nach verschiedenen Richtungen hin. Leute wie

Talaat und Enver wissen wohl, daß dem Kriegszweck durch die Gefährdung

des Eisenbahnbetriebes und -baues am Amanus geschadet wird. Es hat

aber niemand hier mehr die Macht, die vielköpfige Hydra des Komitees,

den Chauvinismus und Fanatismus, zu bändigen. Das Komitee verlangt

die Vertilgung der letzten Reste der Armenier, und die Regierung

muß nachgeben. Das Komitee bedeutet aber nicht nur die Organisation

der Regierungspartei in der Hauptstadt. Das Komitee ist über alle

Wilajets verbreitet. Jedem Wali bis zum Kaimakam (Landrat) herab

steht ein Komiteemitglied zur Unterstützung oder zur Überwachung zur

Seite. Die Armeniervertreibungen haben überall wieder begonnen. Von

diesen Unglücklichen haben die hungrigen Wölfe des Komitees außer

der Befriedigung ihrer fanatischen Verfolgungswut aber nicht mehr

viel zu erwarten. Ihre Güter sind längst eingezogen, und ihr Vermögen

ist durch eine sogenannte Kommission liquidiert worden, d. h. wenn

beispielsweise ein Armenier ein Haus im Werte von 100 Ltq. besaß, so

ist es einem Türken, Freund oder Mitglied des Komitees, für etwa 2 Ltq.

zugeschlagen worden. Von den Armeniern ist also nicht mehr viel zu

holen. Die Meute bereitet sich daher auch schon mit Ungeduld auf den

Augenblick vor, wo Griechenland, von der Entente gezwungen, sich gegen

die Türkei oder deren Verbündete richten wird. Es werden dann Massakres

in weit größerem Umfange eintreten, als bei den Armeniern. Die Opfer

sind zahlreicher und die Beute ist verlockender. Das Griechentum bildet

das Kulturelement der Türkei. Es wird dann vernichtet werden, ebenso

wie das armenische, wenn äußere Einflüsse nicht Einhalt gebieten.

Türkisieren heißt, alles nicht Türkische vertreiben oder töten,

vernichten und sich gewaltsam anderer Leute Besitz aneignen. Hierin und

im Nachplärren freiheitlicher französischer Phrasen besteht vorläufig

die berühmte Wiedergeburt der Türkei. Leute wie Talaat, die den

ehrlichen Willen haben, die Türkei vorwärts zu bringen, obgleich auch

er nur Machtpolitik kennt, müssen sich der vielköpfigen Hydra fügen.

Metternich.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

283.

(Kaiserliches

Konsulat Damaskus.)

Telegramm.

Abgang aus Damaskus, den 30. Juni 1916.

Ankunft in Therapia, den 1. Juli 1916.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Armenier werden sämtlich mehr oder weniger gezwungen, Muhammedaner

zu werden. In Deraa haben 149 Familien den Islam angenommen; nur

eine einzige blieb dem christlichen Glauben treu. Da Djemal Pascha

in Jerusalem ist, habe ich einen hiesigen muhammedanischen Notabeln,

der gegen diese zwangsweisen Religionsänderungen ist, veranlaßt, den

Gereanten des Wilajets aufmerksam zu machen, daß diese Maßnahme in

Deutschland eine starke Strömung gegen die jungtürkische Regierung

hervorrufen würde. Politische Vorteile, die durch solche Versuche, die

Armenier zu entnationalisieren und ihre Beziehungen zu den christlichen

Mächten abzuschneiden, vielleicht hier erreicht würden, ständen

nicht im Verhältnis zu den Nachteilen, die durch die Gegenstimmung

in Europa und Amerika gegen die Türkei entstehen würden. Der Gereant

des Wilajets, der diese Besprechung an Djemal Pascha gedrahtet haben

dürfte, bestritt die Islamisierungsversuche.

Loytved.

_Juli._

284.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 8. Juli 1916.

An Deutsches Konsulat, Damaskus.

Antwort auf Telegramm vom 30. Juni.

Auch anderwärts wird trotz der offiziellen Dementis und trotz

angeblicher Gegenbefehle die Islamisierung der Armenier durchgeführt.

Unsere Gegenvorstellungen sind nutzlos; doch bin ich mit Ihrer Demarche

einverstanden.

Metternich.

285.

Telegramm.

Großes Hauptquartier, den 1. Juli 1916.

Ankunft, den 1. Juli 1916.

Der Kaiserliche Gesandte an Auswärtiges Amt.

General von Falkenhayn hat am 29. 6. an Enver Pascha gedrahtet:

„Wie ich erfahre, ist durch die Ausweisung von Arbeitern, die im

Amanus- und Taurusgebiet beschäftigt waren, eine vollständige

Betriebseinstellung verursacht worden, deren Ende sich nicht absehen

läßt. Ich würde es in hohem Maße für die Gesamtlage bedauern, wenn

dadurch auch nur ein Aufschub der geplanten Operationen notwendig

würde, und würde Euerer Exzellenz für eine Orientierung über die

Folgen des bedauerlichen Vorfalls dankbar sein. Wegen der Behinderung

des Nachschubs für die deutschen Formationen in Kleinasien liegt ein

unmittelbares deutsches Interesse vor.“

Treutler.

286.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Abgang aus Therapia, den 1. Juli 1916.

Ankunft in Berlin, den 1. Juli 1916.

An Auswärtiges Amt.

Ich habe schon vorgestern ernste Vorstellung bei Halil und Talaat Bey

erhoben unter Betonung der Kriegszwecke. Talaat Bey wollte nochmals

mit Enver die Ausweisungsfrage erörtern. Über inzwischen erfolgte

Gegenbefehle und deren Ausführung noch keine Klarheit. Ausweisung

auf Komiteebeschluß zurückzuführen, da überall Armenierverfolgungen

wieder einzusetzen scheinen. Auch Enver und Talaat Bey sind solchen

fanatischen Beschlüssen gegenüber machtlos.

Mit stellvertretendem Militärbevollmächtigten habe ich von vornherein

vereinbart, daß ich seine Schritte bei Enver meinerseits bei der

türkischen Regierung unterstütze.

Metternich.

287.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Therapia, den 10. Juli 1916.

Die Armenierverfolgungen in den östlichen Provinzen sind in ihr letztes

Stadium getreten.

Die türkische Regierung hat sich in der Durchführung ihres Programms:

Erledigung der armenischen Frage durch die Vernichtung der armenischen

Rasse, weder durch unsere Vorstellungen noch durch die Vorstellungen

der amerikanischen Botschaft und des päpstlichen Delegaten, noch auch

durch Drohungen der Ententemächte, am allerwenigsten aber durch die

Rücksicht auf die öffentliche Meinung des Abendlandes beirren lassen;

sie steht jetzt im Begriff, die letzten Ansammlungen von Armeniern,

welche die erste Deportation überstanden haben, aufzulösen und zu

zerstreuen.

Es handelt sich hierbei um Armenier, die in Nordsyrien (Marasch,

Aleppo, Ras-ul-Ain) sowie in einigen größeren Ortschaften Kleinasiens

(Angora, Konia) zurückgeblieben sind, namentlich solche, die durch

Verschickung dorthin gelangt oder schon früher dort eingewandert

waren. Aber auch unter der alteingesessenen Bevölkerung und unter den

katholischen und protestantischen Armeniern wird jetzt aufgeräumt,

obwohl die Pforte wiederholt die Schonung dieser letzteren zugesagt

hatte.

Diese Überreste werden teils nach Mesopotamien weiter verschickt, teils

islamisiert.

Das Konzentrationslager in Ras ul Ain, das Ende April noch 2000

Insassen zählte, ist vollständig geräumt; ein erster Transport ist auf

dem Marsch nach Der-es-Zor überfallen und zusammengehauen worden; es

wird vermutet, daß es den übrigen nicht besser ergangen ist[134].

In Marasch und Aleppo ist die Verschickung in vollem Gange; in Marasch

wurden nicht einmal die Familien geschont, die früher vom Minister

des Innern spezielle Aufenthaltsermächtigungen hatten. In Angora

ist der durch seine Tätigkeit in Diarbekr bekannte Wali Reschid

Bey beschäftigt, die letzten Armenier (ausschließlich Katholiken)

ausfindig zu machen und auszutreiben. In gleicher Weise wird mit

den in Eskischehir und in der Umgegend von Ismid noch befindlichen

protestantischen und katholischen Armeniern verfahren.

Trotz aller offiziellen Ableugnungen spielt in dieser letzten Phase der

Armenierverfolgungen die Islamisierung eine große Rolle.

Bereits Ende April berichtete der Pfarrer Christoffel aus Siwas, daß er

in Eregli die letzten christlichen Armenier angetroffen habe; von dort

bis Siwas war gründlich aufgeräumt. Entweder verschickt, oder bekehrt

oder umgebracht. Man hörte nirgends mehr einen armenischen Laut. In

Karahissar-Scharki waren anscheinend noch einige Gruppen christlicher

Armenier übrig geblieben. Letzthin sollten sie in Gemeinschaft mit den

dortigen Griechen ein Komitee gebildet haben, um unter den Soldaten

einen Aufstand zu erregen. Daraufhin wurden alle Armenier festgenommen,

um verschickt zu werden; sie haben es dann vorgezogen, zum Islam

überzutreten. Aus Damaskus zeigt Konsul Loytved unter dem 30. Juni an:

„Armenier werden sämtlich mehr oder weniger gezwungen, Muhammedaner

zu werden; in Deraa haben 149 Familien den Islam angenommen, nur eine

einzige blieb dem christlichen Glauben treu.“

Endlich muß hier das Vorgehen der Pforte gegen die Anstalten erwähnt

werden, die von deutschen und amerikanischen Vereinen zum Wohl der

armenischen Bevölkerung in jenen Gegenden bisher unterhalten wurden,

wie Waisenhäuser, Spitäler, Schulen u. dgl. Die wenigen Anstalten,

die noch nicht geschlossen sind, werden durch die Behörden tagtäglich

bedroht mit Verschickung des armenischen Personals, der Schul- und

Waisenkinder und mit anderen Maßregeln. Einzelne Vergünstigungen,

die die Regierung noch im vorigen Jahre zugestanden hatte, sind

zurückgezogen worden, und es ist nur geringe Hoffnung vorhanden, daß

diese Anstalten nach dem Kriege ihre Tätigkeit in dem früheren Umfange

werden aufnehmen können. Die türkische Regierung hat richtig erkannt,

daß die von den Ausländern geleiteten Schulen und Waisenhäuser

einen großen Einfluß auf die Weckung und Entwicklung des armenischen

Nationalgefühls gehabt haben; es ist von ihrem Standpunkt aus nur

konsequent, wenn sie sie einer straffen Kontrolle unterstellt, oder

ganz eingehen läßt.

Ebenso darf man in der zwangsweisen Islamisierung der Armenier zunächst

keine von religiösem Fanatismus eingegebene Maßregel erblicken. Den

jungtürkischen Gewalthabern dürften solche Gefühle fremd sein. Dagegen

bleibt es wahr, daß, um auch im Herzen ein guter osmanischer Patriot

zu sein, man vor allem sich zum Islam bekennen muß. Die Geschichte

des türkischen Reiches von seinem Beginn bis in die letzten Zeiten

ist da, um die Richtigkeit des Satzes zu beweisen, daß im Orient

Glaubensbekenntnis und Nationalität identisch sind, und jeder Osmane

ist in seinem Innern hiervon überzeugt. Die gegenteiligen amtlichen und

nichtamtlichen Versicherungen gehören samt dem begleitenden Apparat

von Belegstellen aus Koran und Tradition zu den konventionellen

Phrasen, deren man sich seit der Ära der Reformfermane den Europäern

gegenüber bedient, um die Toleranz des Islams und der Osmanen zu

beweisen. So entsprechen auch die Dementis, welche die Minister den

Mitteilungen über die Glaubensverfolgungen entgegensetzen, zunächst

den Anforderungen des guten Tons; sie treffen aber insofern zu, als

das leitende Motiv nicht religiöser Fanatismus ist, sondern die

Absicht, die Armenier mit den muhammedanischen Bewohnern des Reiches zu

amalgamieren.

So sehr es auch zu beklagen ist, daß es uns nicht gelungen ist, die

Armenierpolitik der Pforte in andere Bahnen zu lenken, so haben

andererseits weder unsere Feinde noch die Neutralen ein Recht, uns

daraus einen Vorwurf zu machen. Wir haben nach besten Kräften das

Los des unglücklichen armenischen Volksstammes in der Türkei zu

mildern gesucht, sowohl durch Einwirkung auf die Regierung wie durch

Hilfsleistungen.

Metternich.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

288.

Kaiserliches

Deutsches Generalkonsulat. Genf, den 12. Juli 1916.

Die hiesigen Vertreter des Schweizerischen Hilfswerks für die

Armenier, der Schweizer Herr Leopold Favre und der ehemalige Pastor

der deutsch-evangelischen Gemeinde von Genf, Herr Adolf Hoffmann

(Reichsangehöriger), haben mir mitgeteilt, daß ihr Komitee die Absicht

habe, den auf türkischem Gebiet lebenden notleidenden Armeniern aufs

neue Geldunterstützungen zukommen zu lassen. Das Hilfskomitee würde es

mit Dank begrüßen, wenn es für dieses Unternehmen bei den Kaiserlichen

Konsularbehörden in Kleinasien Unterstützung finden würde und wenn es

sich ermöglichen ließe, die von dem Komitee für den angegebenen Zweck

gesammelte Geldsumme durch die Vermittlung unserer Konsuln unter die

hilfsbedürftigen Armenier zu verteilen.

Geißler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg in Berlin.

289.

(Kaiserliches

Konsulat Siwas.)

Telegramm.

Siwas, den 23. Juli 1916.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Heute am Tage des Nationalfestes sind alle armenischen Militärärzte

jeden Grades unter Drohung gezwungen worden, zum Islam überzutreten.

Alle mußten sich bekehren. Ein armenischer Sanitätshauptmann weigerte

sich und ist deshalb vorläufig eingesperrt worden.

Werth.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Therapia, den 24. Juli 1916.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 91 / 134 题