Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter, Herrn Grafen
Wolff-Metternich, Pera.
Zur gefälligen vertraulichen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.
Die Note bezieht sich auf die mit Telegramm vom 23. Februar
angekündigte Demarche.[126]
Zimmermann.
Embassy of the United States of America. Berlin, Germany.
Note Verbale.
Acting under instructions from its Government, the American Embassy
has the honor to transmit herewith to the Imperial Foreign Office, for
its information, a copy of a Note dated February 16, 1916, which the
Secretary of State has delivered to the Imperial German Ambassador at
Washington, relative to an instruction which the former had cabled
to the American Chargé d’Affaires at Constantinople, instructing him
to again urgently appeal to the sense of humanity and justice of the
Turkish Government and to urge it to take immediate steps towards the
amelioration of the conditions at present existing among the Armenians
and towards the redress of the injuries already inflicted upon them.
Berlin, March 11th, 1916.
To the Imperial Foreign Office,
Enclosure: Copy of a Note dated Feb. 16, 1916 from Washington.
Anlage.
Department of State, Washington, February 16, 1916.
Excellency:
Referring to your unofficial note of October 8, 1915, enclosing a copy
of a memorandum handed to the Imperial Ottoman Government by the acting
Imperial Ambassador at Constantinople on August 9, 1915, protesting
against the expulsion of the Armenians, I have the honor to inform you
that the United States Government has received and is still receiving
information giving detailed accounts of the continued sufferings
which have accompanied and resulted from the systematic expulsion of
the Armenians from their homes and from the other mistreatment which
they have suffered. The information has come largely from private but
reliable sources and from individuals of many different nationalities
and indicates that the promise, which you state in your note of
October 8th the Ottoman Government had made to the acting Imperial
German Ambassador at Constantinople, to the effect that it would take
the measures necessary to prevent the repetition of excesses against
the Armenians, has not been fulfilled. Being greatly in doubt as to
whether I am longer justified in keeping from the American people the
terrible facts in my possession, I have instructed the American Chargé
d’Affaires at Constantinople again earnestly to appeal to the sense
of justice and to the humanity of the Ottoman Government, and to urge
it to take prompt action to redress the injuries, which have been
inflicted upon the Armenians and to adopt measures to ameliorate the
condition of the surviving Armenians in the future. My decision as to
what if any statement, on the subject of the treatment of the Armenians
by the Turks, should be made to the American people, will depend very
largely upon the action which the Ottoman Government takes upon the
new appeal made in behalf of the Armenians by the American Chargé
d’Affaires.
As your note of October 8, 1915, to the Department and the note of the
acting Imperial German Ambassador at Constantinople, both indicate
that the German Government shares with the Government of the United
States its indignation at the conduct pursued by the Ottoman Government
against the Armenians and its desire to secure an amelioration of the
existing conditions, I have thought it proper to communicate to you at
this time the substance of the instruction which has been cabled to
the American Chargé d’Affaires at Constantinople, in the hope that the
German Government may see fit to exercise once more its influence with
the Ottoman Government in the effort now being made to put an end to
the Armenian tragedy.
Accept, Excellency, the renewed assurances of my highest consideration.
Robert Lansing.
His Excellency Count J. H. von Bernstorff, Imperial German Ambassador.
253.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 21. März 1916.
Infolge der letzthin in Aleppo, Marasch, Brussa, Adrianopel, Angora,
Konia und anderen Orten wieder einsetzenden Armenierverfolgungen waren
von verschiedenen Seiten, u. a. vom Pater Dr. Straubinger und Pater
Liebl, Gesuche um Intervention bei der türkischen Regierung an mich
gerichtet worden. Ich hatte daraufhin umgehend Schritte bei Halil
Bey in dieser Angelegenheit unternommen und ihn insbesondere darauf
aufmerksam gemacht, daß eine etwaige Austreibung der fast allein noch
übrigen christlichen Frauen und Kinder bei der überdies erregten
Stimmung in Deutschland den allerschlechtesten Eindruck machen würde.
Halil Bey hatte mir versprochen, sofort beim Minister des Innern
darauf hinzuwirken, daß etwaige geplante Schritte gegen die genannte
armenische Bevölkerung eingestellt werden würden.
Bei meinem gestrigen Besuche auf der Hohen Pforte sagte mir nun der
Minister des Auswärtigen, nach Rücksprache mit Talaat, die Regierung
habe kürzlich auf Berichte der türkischen Lokalbehörden hin angeordnet,
einige unruhige Elemente zu entfernen. Die Lokalbehörden aber hätten
in übertriebenem Eifer den Befehl mißgedeutet und Anstalten getroffen,
größere Abteilungen Armenier abzuschieben. Es sei nunmehr angeordnet
worden, daß in Konia, Angora, Aleppo, Aintab und Marasch überhaupt
keine Armenier mehr abgeschoben werden dürften.
Ich erwiderte dem Minister, daß ich mich über diese Mitteilung freue,
da in Deutschland auf Grund von dorthin gelangten Nachrichten in
weiten Kreisen die Beunruhigung über das Los der Armenier wieder stark
zugenommen habe.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler.
254.
(Kaiserlich
Deutsches Konsulat.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 23. März 1916.
Ankunft in Pera, den 25. März 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Armeniern ist von einigen Polizisten erklärt worden, einzige Rettung
vor Verschickung sei Übertritt zum Islam. Auf ähnlichen Druck hin haben
schon Ende Februar Anzahl Armenier in Arbeiterbataillonen Glauben
gewechselt. Gestern sind 30 Familien um Übertritt eingekommen.
Rößler.
255.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 27. März 1916.
Der zu telegraphischem Bericht aufgeforderte Kaiserliche Konsul zu
Aleppo bezeichnet die von schweizerischer Seite angebotene Hilfe
für die notleidenden Armenier sowie die Informationsreise des Dr.
Vischer, den er für besonders geeignet zu diesem Zwecke hält, als
sehr erwünscht. Allerdings glaubt er nicht, daß die Beteiligung des
Schweizerischen Vereins in einer festen Form wird erfolgen können,
vielmehr würde es sich um einen Versuch handeln, unter der Hand zu
helfen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
256.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 29. März 1916.
Im Anschluß an Bericht vom 27. März.
Auf Bitten des hiesigen American Bible House hatte ich den Kaiserlichen
Konsul in Damaskus aufgefordert, sich über die Aussichten einer
von dieser Anstalt geplanten größeren Hilfsunternehmung für die
notleidenden Armenier in Damaskus zu äußern. Der Gedanke war, in
Damaskus oder eventuell in Beirut eine Zentralstelle mit Depots
einzurichten; die erforderlichen Geldmittel und das Hilfspersonal
sollten von amerikanischer Seite zur Verfügung gestellt werden, dagegen
wurde dringend gewünscht, eine deutsche Persönlichkeit mit der Leitung
zu betrauen, und man hatte hierfür bereits den Pastor Kunze ins Auge
gefaßt.
Herr Loytved meldet daraufhin folgendes:
„Vor etwa 3 Wochen hatte ich die Absicht, unter Leitung des in Damaskus
wohnhaften deutschen Missionars Hanauer für die in Damaskus und
Umgebung befindlichen Armenier ein Waisenhaus, eine Garküche und ein
Bad einzurichten. Als ich Djemal Pascha hiervon in Kenntnis setze,
sagte er mir vertraulich, daß er persönlich das Los der Armenier
nach Möglichkeit erleichtern möchte, aber strenge Anweisung von
Konstantinopel habe, jede deutsche und amerikanische Beteiligung an
einer Hilfsunternehmung für Armenier zu verhindern, da der innere
Widerstand der Armenier gegen die türkische Regierung nur gebrochen
werden könne, wenn ihnen beigebracht würde, daß sie keinerlei
Unterstützung von irgend einer fremden Regierung zu erwarten hätten.
Auf meine Bitte, dann selbst etwas zu tun, gab er in meiner Gegenwart
dem Bürgermeister von Damaskus Befehl, ein Haus zu mieten und darin
Armenierwaisen aufzunehmen. Djemal Pascha erklärte sich bereit, Gelder
für die Armenier durch mich entgegenzunehmen und durch türkische Beamte
verteilen zu lassen, die auch mein Vertrauen genießen.“
Hierzu ist zu bemerken, daß die türkischen Behörden auch das armenische
Patriarchat daran zu hindern suchen, den notleidenden Verbannten zu
Hilfe zu kommen, so daß das Patriarchat genötigt ist, sich zu diesem
Zwecke fremder Vermittelung zu bedienen. Es gewinnt somit den Anschein,
als ob die Pforte jede Notstandshilfe, von welcher Seite sie auch
kommen möge, ablehnt.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
_April._
257.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 6. April 1916.
Ankunft in Pera, den 7. April 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
In Ras-ul-Ain ist dieser Tage das armenische Konzentrationslager von
den dicht dabei wohnenden Tscherkessen und anderen ähnlichen Leuten
überfallen worden, wobei von den unbewaffneten 14000 Insassen der
größte Teil niedergemacht wurde. Einzelheiten werden mir erst später
zugehen.
Nach anderer Quelle handelt es sich zunächst nur um 400 Familien, die
abgetrennt und niedergemacht worden sind.[127]
Rößler.
258.
Deutsch-Armenische Gesellschaft.
Potsdam, den 17. April 1916.
Gr. Weinmeisterstraße 45
Von dem armenischen Zentralkomitee in der Schweiz erhielten wir gestern
die telegraphische Mitteilung, daß die Führer der Daschnakzagan
und die armenischen Intellektuellen, die am 25. April v. J. ins
Innere transportiert wurden (nach Ajasch bei Angora, Tschangri,
Tschorum, Aleppo usw.), nach Konstantinopel gebracht wurden, um vom
Kriegsgericht verurteilt und gehängt zu werden. Es sollen im ganzen
190 sein. Unter ihnen Aknuni, Hajak, Malumian, Sartarian, Siamanto
und alle im Vordergrund stehenden Männer der armenischen Intelligenz.
Das Zentralkomitee der Daschnakzagan richtet durch uns im Namen der
armenischen Nation die dringende Bitte an die Reichsregierung, daß
die Ermordung ihrer Führer und Intellektuellen -- nach der allgemeinen
Deportation der schwerste Schlag, der die Nation treffen kann -- durch
den Kaiserlichen Botschafter in Konstantinopel verhindert werden möchte.
Wir nehmen darauf Bezug, daß auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes
im Juni v. J. die Kaiserliche Botschaft mit Erfolg für eben diese
Verbannten eingetreten ist, so daß sie zum größten Teil bis jetzt mit
dem Leben davongekommen sind.
Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft kann nicht dringend
genug anraten, daß alles geschehen möchte, um die Führer der
türkischen Armenier am Leben zu erhalten. Die gegen sie gerichteten
Beschuldigungen sind nachweislich unwahr und können nur durch gekaufte
Zeugen und unter Tortur erzwungene Aussagen bewiesen werden. Der Zweck
der vom Komitee für Einheit und Fortschritt geplanten Exekution ist,
abgesehen von der Befriedigung des Rachegefühls für die russischen
Erfolge in Hocharmenien, der, durch eine öffentliche Hinrichtung den
Schein zu erwecken, als sei eine allgemeine Verschwörung entdeckt
worden, und so die bisherige Ausrottungspolitik zu rechtfertigen und
die Notwendigkeit etwaiger weiterer Maßnahmen zu begründen.
Das deutsche Interesse wird, nächst den Forderungen der Humanität, nach
drei Seiten berührt.
1. Die Hinrichtung der Führer der türkischen Armenier wird die
russischen Armenier zur äußersten Wut reizen und sie antreiben, ihre
ganze nationale Kraft für die Ausdehnung der russischen Erfolge in
Armenien und den Vormarsch gegen Mesopotamien und Bagdad einzusetzen.
Die 1¾ Millionen Armenier im Kaukasus und in Südrußland, dazu ¼ Million
aus der Türkei geflüchteter Armenier im Araxestal, fallen für den
Erfolg der russischen Operationen ins Gewicht.
2. Von armenischer Seite ist bisher mit Rücksicht auf das Schicksal der
türkischen Armenier, deren Führer sich als Geiseln in den Händen der
türkischen Regierung befinden, von terroristischen Mitteln gegen die
verantwortlichen Leiter der türkischen Politik Abstand genommen worden.
Diese Rücksicht würde nach der Exekution fortfallen. Als Antwort auf
die systematische Vernichtung der armenischen Nation könnte eine Ära
der terroristischen Mittel einsetzen.
3. Die russischen Armenier waren vor dem Kriege der Einverleibung
der von Rußland okkupierten armenischen Gebiete in Rußland abgeneigt
und wünschten unter entsprechenden Sicherheiten für den Fortbestand
ihrer Nation die Erhaltung der Souveränität des Sultans. Durch die
Befreiung der armenischen Führer von der ihnen drohenden Exekution
kann Deutschland die verlorenen Sympathien der türkischen Armenier
zurückgewinnen und auch auf die russischen Armenier in der Richtung
einwirken, daß sie bei der Neugestaltung der von den Russen
okkupierten armenischen Gebiete das armenische Interesse vom russischen
trennen.
4. Es sollte verhindert werden, daß sich die Sympathien von 3 Millionen
Armeniern in Rußland, in der Türkei und im Auslande ausschließlich
der Entente und Amerika zuwenden, und daß im armenischen Bewußtsein
Deutschland für die verhängnisvolle innere Politik der Türkei
verantwortlich gemacht wird.
Vorausgesetzt, daß der deutsche Botschafter in Konstantinopel in
der Lage ist, die den armenischen Führern drohende Exekution zu
verhindern, möchten wir bitten, daß in vertraulicher Weise der Vorstand
der Deutsch-Armenischen Gesellschaft von dem Erfolg der Schritte
des Botschafters in Kenntnis gesetzt wird, damit unsererseits das
armenische Zentralkomitee in der Schweiz davon verständigt werden kann.
Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft.
Dr. Johannes Lepsius.
An Seine Exzellenz Herrn Unterstaatssekretär
Zimmermann, Berlin, Auswärtiges Amt.
259.
Notiz.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 17. April 1916.
Unterzeichneter hat am 13. d. M. dem stellvertretenden
Unterstaatssekretär des Auswärtigen Ministeriums Folgendes vorgetragen:
Bitte des Deutschen Vereins für christliches Liebeswerk im Orient in
Frankfurt a. M., den in Aleppo tätigen Schwestern des Vereins die
Fürsorge für 200 armenische Waisen zu übertragen.
Ich hob hervor, daß Dr. Schuchardt, der Leiter des Vereins, über die
Lage orientiert sei, die Behörden von Aleppo machten Anstalt, die
Waisen weiter zu verschicken (nach Konia und Eskischéhir in Kleinasien).
Mordtmann.
260.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat. Aleppo, den 27. April 1916.
Über die Verschickung der Armenier, ihre Folgen und
Begleiterscheinungen habe ich zuletzt unter dem 9. Februar d. J.
berichtet. Das Sterben des Volkes hält seitdem an. Manche der
nachfolgend berichteten Einzelzüge tun von neuem dar, daß es planvoll
auf seine Aufreibung abgesehen ist.
1. Um die Mitte Februar wurden alle Kinder aus Killis nach Bab
überführt, nachdem schon früher die Frauen weiterverschickt waren.
2. Am 16. April sind die in Maarra und den umliegenden Dörfern
„angesiedelten“ Armenier, die größtenteils durch Hunger und
Entbehrungen schon stark entkräftet waren, in Richtung Der-es-Zor
weiterverschickt worden.
3. Am 19. April wurde hier bekannt, daß Befehl ergangen war, die bis
dahin in Marasch verschont gebliebenen 9000 Armenier, den Rest von
ehemals 24000, gleichfalls zu verschicken. Diese Leute hatten bei den
ersten Verbannungen, in Ausführung des Befehls, sich zur Wanderung
bereit zu halten, ihr letztes Hab und Gut verkauft und sind seitdem
durch Entbehrungen sehr entkräftet. Mit der Ausführung des Befehls
ist begonnen worden. 120 Familien sind bis zum 25. April in Aintab
angekommen, von wo sie über Biredjik nach Der-es-Zor weiter sollen. Am
26. oder 27. wird ein zweiter größerer Schub in Aintab erwartet.
4. Wie ich am 20. April von einem aus Der-es-Zor kommenden türkischen
Offizier erfahren habe, hat der Mutessarrif von Der-es-Zor Befehl
erhalten, nur so viel Armenier dort zu lassen, als 10 Prozent
der ansässigen Bevölkerung entspricht, den Rest aber nach Mossul
weiter zu schicken. Die ansässige Bevölkerung von Der-es-Zor mag
vielleicht 20000 betragen. Die Zahl der dorthin verschickten
Armenier wird auf wenigstens 15000 zu schätzen sein, so daß also
mindestens 13000 fortzuschicken wären. Der Mutessarrif Suad Bey, ein
menschenfreundlicher Mann, der jahrelang in Ägypten gelebt hat, ist
einer der wenigen türkischen Beamten, welche die grausamen Befehle
der Regierung in ihrer Ausführung zu mildern suchen; trotzdem war der
Offizier der Ansicht, daß der größte Teil der Unglücklichen verschickt
werden müsse und die wenigsten davon in Mossul ankommen würden. Was
Beduinen, Yesiden und Kurden übrig lassen sollten, das wird Hunger,
Entbehrung und Krankheit dahinraffen.
Nachrichten vom 19. April besagen, daß in jeder der Stationen zwischen
Aleppo und Der-es-Zor, also in Meskene, Abu Hrere, Hamam, Sabkha,
täglich 50-100 Menschen sterben, davon der größte Teil an Hunger.
5. Am 6. April war hier bekannt geworden, daß bei Ras ul Ain wieder
Massakre vorgekommen seien[128]. Die eine Nachricht besagte, daß der
größte Teil des aus 14000 Personen bestehenden Konzentrationslagers
niedergemacht sei, während nach einer anderen Nachricht 400 Familien
aus dem Lager geführt und unterwegs umgebracht worden seien. --
Nach zuverlässigen Erkundigungen eines Deutschen, der mehrere Tage
in Ras ul Ain und Umgegend gewesen ist und mich bei seiner Rückkehr
von dort am 22. April besuchte, muß ich folgendes annehmen: Das
Lager besteht noch aus höchstens 2000 Verbannten[129]. -- Es sind
einen Monat lang täglich oder fast täglich 300-500 Verbannte aus dem
Lager geführt und in einer Entfernung von etwa 10 km von Ras ul Ain
niedergemacht worden. Die Leichen wurden in den Fluß geworfen, der auf
der großen Kiepertschen Karte von Klein-Asien, Blatt Nsebin (D VI),
als Djirdjib el Hamar eingezeichnet ist und der um diese Jahreszeit
viel Wasser führte. Ein türkischer Offizier, welcher wegen dieser
Vorgänge den Kaimakam von Ras ul Ain zur Rede stellte, habe die ruhige
Antwort erhalten, er handle auf Befehl. Durch jene Gegend führt die
Etappenstraße der VI. Armee von Ras ul Ain nach Mossul. Da sich dort
der Bau von zwei Brücken als notwendig herausgestellt hatte, die VI.
Armee aber nicht die nötigen Kräfte dafür bereit hatte, so wurde
von der IV. Armee etwa am 15. April ein syrisch-muhammedanisches
Pionierbataillon dafür abgegeben. Diese Leute, welche in zwei Tagen
von Damaskus nach Ras ul Ain befördert worden sind, von der Lage der
verschickten Armenier nichts wußten und unterwegs, wie anzunehmen,
nicht beeinflußt worden sind, waren bei Ankunft an Ort und Stelle
ganz entsetzt. Sie waren der Ansicht, daß die Armenier durch Soldaten
niedergemetzelt seien. Darin kehrt also die Auffassung wieder, daß das
Werk auf Befehl vollbracht worden sei. Jedenfalls war dies die in der
Gegend allgemein verbreitete Ansicht. Als Henker hat der bei Ras ul Ain
ansässige Tscherkessenstamm der Tschetschen gedient.
6. Ende Februar, Anfang März wurde den Armeniern im Arbeiterbataillon
Aleppo, teilweise mit Erfolg nahegelegt, zum Islam überzutreten. Im
Laufe des Monats März wurden polizeiliche Listen der Armenier Aleppos
als Vorbereitung für die Verschickung angefertigt und durch Polizisten
die Nachricht verbreitet, die einzige Rettung vor der Verschickung
sei der Übertritt zum Islam. Als darauf eine Reihe von Familien um
den Übertritt einkam, wurden sie so behandelt, als ob die Gewährung
der Bitte eine besondere Gnade sei. Man schreckte also eher wieder
ab, sei es, daß man unliebsames Aufsehen fürchtete, sei es, daß die
Aufforderung zum Übertritt auf andere als die verantwortlichen Stellen
zurückzuführen war, sei es endlich, daß man sich nur daran weiden
wollte, mit den Armeniern wie die Katze mit der Maus zu spielen.
7. In Aleppo ist im März und in der ersten Hälfte April nicht nur auf
die von außerhalb gekommenen hier versteckten Armenier die schärfste
Jagd gemacht, sondern auch mit der Verschickung der hierorts ansässigen
Armenier der Anfang gemacht worden. Auch einzelne Frauen und Mädchen
wurden auf der Straße aufgegriffen und dieser Zustand zu Willkürakten
von Regierungsorganen benutzt. Es wäre vielleicht nicht zu verwundern
gewesen, wenn die in ihrer Religion und der Ehre ihrer Frauen
angegriffenen Armenier zu Akten der Verzweiflung getrieben worden wären.
Seit dem 18. April ist in Aleppo etwas Ruhe eingetreten und zwar,
wie es scheint, auf Intervention der Kaiserlichen Botschaft, welche
den Minister des Innern zu dem Befehl an die Ortsbehörden veranlaßt
hat, die Ortsansässigen, sowie Katholiken und Protestanten nicht zu
verschicken. Die Form, unter welcher der Wali die Pause hat eintreten
lassen, war seine Zusage an die hiesige Geistlichkeit, während des
Osterfestes Schonung zu gewähren. Man wagt noch nicht zu hoffen, daß
die Schonzeit lange dauern oder gar die Gefahr vorüber sei. Auch sind
trotz der Zusage unter der Hand immer noch einzelne verschickt worden.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
261.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 28. April 1916.
Die von der Deutschen Orientmission geplante Hilfsexpedition[130] für
die notleidenden Armenier in Syrien und Mesopotamien ist diesseits
auf der Hohen Pforte zur Sprache gebracht worden. Ich habe dabei
hervorheben lassen, daß der genannte Verein hierbei lediglich
humanitäre Ziele im Auge habe, wie dies schon daraus sich ergebe,
daß es sich in der Hauptsache um Fürsorge für Frauen und Kinder
handle, ferner, daß der Verein unter seinen Mitgliedern zahlreiche
Persönlichkeiten von Einfluß und Ansehen habe, sowie endlich, daß Herr
Lepsius im vorigen Jahre persönlich hierhergekommen sei und sich u.
a. durch Rücksprache mit Enver Pascha über die armenische Frage zu
unterrichten Gelegenheit gehabt habe.
Die Antwort der Pforte lautete durchaus ablehnend, und zwar mit der
Begründung, daß die türkische Regierung keinerlei fremde Hilfsaktion
für die Armenier zulassen könnte, da hierdurch die Armenier in ihren
Hoffnungen auf das Ausland bestärkt würden. Diese Begründung stimmt
wörtlich überein mit der Antwort, die dem Konsul Loytved in Damaskus
von Djemal Pascha erteilt wurde, als er den letzteren über die von
amerikanischer Seite mit deutscher Beteiligung geplante Hilfsaktion
sondierte.
Über eine eventuelle Verteilung der den Armeniern zugedachten
Hilfsmittel durch Djemal Pascha hat sich Konsul Loytved auf
telegraphische Anfrage dahin geäußert, daß er diesen Modus zunächst
nur dort für zweckmäßig erachte, wo Konsulate die Unterorgane Djemal
Paschas beaufsichtigen können. Aber auch hierfür müsse die Genehmigung
der Zentralregierung eingeholt und dann dem Djemal Pascha Art und Weise
der Verteilung von den Geldgebern genau mitgeteilt werden, im übrigen
empfehle es sich, die Hilfsaktion wie bisher durch Vertrauenspersonen
im geheimen fortzusetzen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
262.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 28. April 1916.
Im Anschluß an Bericht vom 27. März.
Euerer Exzellenz beehre ich mich die von den Konsulaten zu Aleppo
und Adana eingegangenen Beantwortungen[131] des Fragebogens des
Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien, ferner ein Schreiben des
Konsuls Rößler an Dr. Vischer nebst Unterlage mit dem Anheimstellen
zu überreichen, diese Schriftstücke dem genannten Verein übermitteln
lassen zu wollen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage 1.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat. Aleppo, den 12. April 1916.
Sehr geehrter Herr Dr. Vischer!
Ihren durch die Kaiserliche Gesandtschaft in Bern eingegangenen
Brief vom 7. März habe ich zusammen mit dem weiteren Brief vom 18.
März vorgestern erhalten und seine Anlagen an Schwester Beatrice
Rohner gegeben, die auch die Beantwortung des Fragebogens übernommen
hat. Haben Sie vielen Dank für alle Ihre Bemühungen sowie für die
Übersendung zuerst von 10000 Frs., dann von 5000 Frs., welch letzterer
Betrag mir dieser Tage ausgezahlt worden ist.
Das erschütternde Bild, das Schwester Beatrice Rohner von dem
Unglück entworfen hat, wird Ihre Schweizer Freunde hoffentlich
nicht entmutigen, ebensowenig wie der Umstand, daß eine feste Form
der Notstandsarbeit nicht in Aussicht steht. Es gilt, wie sie
gesagt hat, so viel als möglich vor dem Hungertode zu retten. Bei
einer Organisation der Arbeit, wie Einrichtung von Suppenküchen,
regelrechten Waisenhäusern, Krankenhäusern usw. würde mit demselben
Geld voraussichtlich mehr zu erreichen sein. Die Spender müssen
aber die Entsagung üben, die Verhältnisse zu nehmen, wie sie sind,
und müssen die der Hilfe entgegenstehenden Schwierigkeiten in den
Kauf nehmen. Auch die Amerikaner überlassen alles dem Ermessen der
Schwestern Rohner und Schäfer.
Einen Teil des Schweizer Geldes habe ich der Schwester Paula Schäfer
überlassen und füge zur Begründung eine Schilderung von ihr vom 1. März
in der Anlage bei.
Rößler.
Herrn Dr. Andreas Vischer, Hochwohlgeboren,
Basel.
Anlage 2.
Maraschhospital, z. Z. Aleppo.
Aleppo, den 1. März 1916.
Das Krankenhaus Salem in Marasch hat schon seit Beginn der
Armenierausweisungen und damit in Hospital und Klinik eine
außerordentliche Tätigkeit gehabt -- und mehr als fast möglich --
geleistet an Verpflegung von Vertriebenen, wie Medikamentenausgabe an
eben solche in der Klinik.
Bei den außergewöhnlichen Umständen mußte das Krankenhaus, da es der
Not wegen das ganze Jahr hindurch offen bleiben mußte (da wir sonst
doch für 1-2 Monate schließen), mit all seinen Nahrungsmitteln, wie
Medikamenten und Verbandstoffen, ziemlich abwirtschaften, da das
monatliche Fixum nicht erhöht werden konnte.
Darum bitte ich, mir einen Zuschuß für diese Notstandsarbeit des
Marascher Hospitals freundlich zukommen zu lassen.
Die Not in Marasch wie Umgegend ist unbeschreiblich, besonders in der
Basardjikebene, wo Verschickte aus Erzerum angesiedelt wurden, die aber
Hungers sterben, wenn wir ihnen nicht auf irgend eine Weise helfen
würden.
Es handelt sich darum, für diese Vertriebenen Weizen in großen Mengen
anzukaufen.
Schwester Paula Schäfer.
263.
Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.
1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in
Ihrem Wirkungskreise?
2. Können Sie uns Mitteilung über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse
machen?
3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In
welcher Weise? Mit wessen Hilfe?