D. Philipps, Berlin-Charlottenburg.

Stadtpfarrer Pfisterer, Weinsberg, Württemberg.

Professor D. Julius Richter, Berlin-Steglitz.

Pastor Röbbelen, Hermannsberg i. H., Vorsitzender des Vereins für

lutherische Mission in Persien.

Roedenbeck, Superintendent der Diözese Potsdam I, Direktor der

deutschen Orientmission, Klein-Glienicke bei Potsdam.

Lic. Dr. Paul Rohrbach, Berlin.

Pastor Johs. Spiecker, Direktor der Rheinischen

Missionsgesellschaft, Barmen.

Missionsinspektor Lic. Schlunk, Hamburg.

Schlicht, Superintendent, früher Pfarrer der deutschen

evangelischen Gemeinde in Jerusalem, Rudow b. Berlin.

A. W. Schreiber, Missionsdirektor, Berlin-Steglitz.

D. Dr. Hans von Schubert, Geh. Kirchenrat, ord. Professor der

Theologie, zurzeit Dekan der theologischen Fakultät zu Heidelberg.

Professor D. Dr. R. Seeberg, Berlin.

Direktor D. F. A. Spiecker in Berlin-Grunewald.

Pfarrer Ewald Stier, Alten bei Dessau, für die „Deutsche Armenische

Gesellschaft“ und den Verein „Notwendiges Liebeswerk“.

F. Schuchardt, Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im

Orient, E. V., Frankfurt a. M.

Martin Urban, Missionsinspektor, Vorsitzender der Mission für

Süd-Ost-Europa, E. V., Hausdorf, Kr. Neurode.

Professor Dr. Weckesser, Karlsruhe.

Geh. Kirchenrat H. H. Wendt, Professor der Theologie in Jena.

A. Winkler, Pfarrer, Berlin, Mitglied des Kuratoriums der Deutschen

Orientmission.

Adolf Zeller, Pastor, Zehlendorf, früher Marasch, Wilajet Aleppo.

Gerhard von Zezschwitz, Pfarrer und Senior in Burgbernheim, Bayern.

Professor D. Dr. Dalman aus Jerusalem.

Gustav Gerock, Stadtpfarrer in Stuttgart.

Johannes Lohmann, Pastor am Diakonissenhaus Friedenshort in

Miechowitz.

Lic. R. Mumm, Mitglied des Reichstags, Berlin NW. 87.

An den Kanzler des Deutschen Reiches

Herrn Dr. von Bethmann Hollweg, Exzellenz, Berlin W.

Anlage 2.

Berlin, den 29. Oktober 1915.

Der Missionsausschuß des Zentralkomitees für die Generalversammlungen

der Katholiken Deutschlands, versammelt zu Berlin am 29. Oktober 1915,

hält es für seine unabweisbare Pflicht, seine Stimme zu erheben, damit

den überaus harten Maßregeln, welche zurzeit von Seiten der türkischen

Regierung gegen die Armenier zur Anwendung gebracht werden, sofort ein

Ende gemacht werde. Was immer auch den Armeniern zur Last fällt, so

verlangt doch das Gebot der Menschlichkeit, welchem auch die türkische

Regierung ihr Ohr nicht versagen darf, daß der drohenden Ausrottung

des ganzen armenischen Volkes gesteuert werde.

Die Versammlung hat das Vertrauen zu der Leitung des Deutschen Reiches,

daß sie auch bisher schon zur Linderung des Loses der Armenier alles

getan hat, was in ihren Kräften stand. Sie bittet aber angesichts

der fortdauernden Schrecknisse in Armenien, daß sie unausgesetzt

auf diplomatischem Wege, durch Einwirkung auf die Regierung der

uns verbündeten Türkei, alles zur Linderung des Loses der Armenier

aufbiete, was ohne Gefährdung des militärischen Bündnisverhältnisses

geschehen kann.

Die türkische Regierung wird begreifen müssen, daß die christliche

Bevölkerung Deutschlands trotz ihrer politischen Bundesfreudigkeit zur

Türkei in Aufregung geraten muß, wenn ihre Glaubensgenossen in der

Türkei so schwer bedrückt werden. Dies um so mehr, als alle deutschen

Katholiken, wie es sich aus den Besprechungen des Missionsausschusses

als springender Punkt ergab, auf dem Standpunkt stehen, von allen

christlichen Völkern der Türkei volle Loyalität gegenüber dem

türkischen Staate zu verlangen, sie auch ihrerseits bereit sind, in

dieser Richtung auf die orientalischen Christen einzuwirken und bei

ihnen das Verständnis für staatsbürgerliche Gesinnung zu wecken.

Übrigens erfordert es das richtig verstandene Interesse der Türkei

selbst, daß diese sich nicht so wertvoller Mitarbeiter beraubt, wie

die Armenier bisher es auf dem Gebiete der Staatsverwaltung und des

wirtschaftlichen Fortschrittes für sie gewesen sind.

Vor allem aber bitten wir den Herrn Reichskanzler, darauf ein wachsames

Auge zu halten, daß unter keinen Umständen auch in anderen Teilen des

türkischen Reiches ähnliche Ereignisse gegenüber der christlichen

Bevölkerung Platz greifen.

Die im unterzeichneten Missionsausschuß vertretenen deutschen

Katholiken hegen volles Vertrauen zur Leitung des Deutschen Reiches

und zur befreundeten Regierung der Türkei, daß durch Beseitigung der

erwähnten Mißstände unser Bündnis mit der Türkei auch weiterhin beim

christlichen Volke Deutschlands freudige Stimmung und Teilnahme finden

kann.

Im Namen aller im Missionsausschuß vertretenen Organisationen der

deutschen Katholiken zeichnen:

Prälat Dr. Werthmann, Vorsitzender.

Justizrat Dr. jur. Carl Bachem.

Erzberger, M. d. R.

Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler

von Bethmann Hollweg.

198.

(Der Reichskanzler.) Berlin, den 12. November 1915.

Euer Hochwohlgeboren darf ich den Empfang der mir unterm 15. v. M.

übermittelten Eingabe mit ergebenstem Danke bestätigen.

Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets

als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin

geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen

verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß

ich von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht,

tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen

Rechnung zu tragen.

Die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel habe ich von dem Inhalt

Ihrer Eingabe unterrichtet.

von Bethmann Hollweg.

An den Direktor der Deutschen Evangelischen Missionshilfe,

Herrn A. W. Schreiber, Hochwohlgeboren.

199.

Der Reichskanzler. Berlin, den 12. November 1915.

Euer Hochwohlgeboren darf ich den Empfang der mir unterm 30. v. M.

übermittelten Entschließung der Missionskonferenz des Zentralkomitees

der Katholiken Deutschlands mit ergebenstem Danke bestätigen.

Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets

als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin

geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen

verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß

ich von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht,

tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen

Rechnung zu tragen.

Die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel habe ich von der

Entschließung der Missionskonferenz unterrichtet.

von Bethmann Hollweg.

Herrn M. Erzberger, M. d. R., Hochwohlgeboren, hier.

200.

Auswärtiges Amt.

Berlin, den 12. November 1915.

Euere Exzellenz bitte ich, den Bericht eines deutschen Lehrers[101]

zum Anlaß nehmen zu wollen, um bei der Pforte erneut gegen die

grausame Behandlung der Armenier Verwahrung einzulegen und sie auf die

verhängnisvollen Folgen aufmerksam zu machen, die dem türkischen Reiche

aus der Fortsetzung einer derartigen Ausrottungspolitik erwachsen

müssen.

Jagow.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.

201.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 12. November 1915.

Aus zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß die türkische Regierung

trotz aller gegenteiligen Versicherungen beschlossen hat, auch die in

Konstantinopel ansässigen Armenier in die Verbannung zu schicken. Die

Maßregel soll nicht sofort und nicht gegen alle armenischen Bewohner

der Hauptstadt auf einmal ergriffen werden, jedenfalls aber noch vor

Beendigung des Krieges zur Ausführung gelangen. Ich habe deshalb

Halil Bey am 8. d. M. wiederholt dringend auf die unabsehbaren Folgen

aufmerksam gemacht, die ein solches Vorgehen in politischer und

wirtschaftlicher Hinsicht nach sich ziehen werde. Euerer Exzellenz

Erwägung möchte ich anheimstellen, auch Hakki Pascha vor Ausführung des

unheilvollen Planes eindringlich zu warnen.

Neurath.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

202.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Aleppo, den 16. November 1915.

Die türkische Botschaft in Berlin hat über den Aufruhr in Urfa

die in der Anlage beigefügte Erklärung veröffentlicht, die in der

Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 28. Oktober, Nr. 299 (2.

Ausgabe), zum Abdruck gekommen ist und mir zu den folgenden Bemerkungen

Anlaß gibt. Sie besagt u. a.:

„Der Zweck, den die Banden mit dem Aufruhr verfolgten, war einerseits

der, Schaden anzurichten, fremde Niederlassungen zu zerstören und

Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten zu töten,

um die Folge dieser Morde auf die Türkei abzuwälzen. Andererseits

wollten sie einen Teil der Kaiserlichen Truppen an die befestigten

Schlupfwinkel fesseln und sie vom Kriegsschauplatz abziehen.“

Demgegenüber wird daran festzuhalten sein, daß der Zweck des Aufruhrs

nicht ohne seine Vorgeschichte verstanden werden kann. Urfa hat unter

den Armeniermetzeleien vor 20 Jahren schwer gelitten. Damals wurden u.

a. 1000 Menschen in der Kirche, in die sie unter dem Vorwande, ein Asyl

zu finden, hineingelockt waren, vorsätzlich verbrannt. Die Armenier

haben seitdem in steter Furcht vor einer Wiederholung der Metzeleien

gelebt und sich mit Waffen versehen, um nicht wehrlos zu sein.

Als im Frühsommer d. J. die Armenierverschickungen angeordnet wurden,

sagte mir der hiesige Wali Djelal Bey, der sich weigerte, sie

auszuführen und deswegen versetzt wurde, „es ist das natürlichste Recht

des Menschen, zu leben. Der Wurm, den man tritt, krümmt sich. Die

Armenier werden sich wehren.“

Welcher Art die Vorbeugungsmaßregeln sind, die von der türkischen

Regierung in der gegenwärtigen Weltkrisis gegen die Armenier ergriffen

wurden, hatten die Bewohner von Urfa bereits erfahren. Gegen Mitte

Juni sind 50 der angesehensten von ihnen verhaftet und einer von ihnen

mit 100 Stockschlägen fast zu Tode geprügelt worden. Kurz darauf

wurden sie nach Diarbekr in Marsch gesetzt, woselbst angeblich ihre

Aburteilung erfolgen sollte, sind aber unterwegs -- also ohne Urteil

-- umgebracht worden. Darunter befand sich der langjährige Apotheker

des deutschen Hospitals, der nach dem Zeugnis der deutschen Missionare,

wie übrigens viele unter den 50 Abgeführten, loyaler ottomanischer

Untertan gewesen ist. Auch das Schicksal der aus dem Norden und

Osten angekommenen Verschickten hatten die Urfaleute vor Augen. Sie

wußten, daß die Männer ermordet, Frauen und Mädchen geschändet,

günstigstenfalls in muslimische Harems aufgenommen, und daß der Rest,

nämlich Kinder und ältere Frauen dem Hungertode preisgegeben waren.

Daher ihr Entschluß, lieber mit der Waffe in der Hand zu sterben, und

ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, als sich und ihre Familie

wehrlos vernichten oder entehren zu lassen. Es ist richtig, daß die

allgemeine Verschickung der Armenier Urfas noch nicht beschlossen war,

als der Aufruhr losbrach. Die einzigen Städte der Türkei, welche bis

dahin dieses Geschick noch nicht erlitten hatten, waren, soweit hier

bekannt, Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und Urfa. Welche Gewähr aber

bestand, daß Urfa nicht auch an die Reihe kommen würde? 18 Familien

waren im Mai bereits verbannt, von der Vernichtung der 50 im Juni habe

ich soeben gesprochen.[102] Es lag nahe, daß, wie überall, auch die

Masse verschickt werden würde, nachdem die Führer beseitigt waren.

Haussuchungen nach Waffen erfolgten. Dabei wurde eine Patrouille

niedergeschossen. Eine zweite, nicht aufgeklärte Schießerei hat dann

die Krisis ausgelöst.

Die Armenier haben sich nicht, wie die Erklärung verallgemeinernd

behauptet, „der fremden Niederlassungen“ bemächtigt, woraus ein mit

den Verhältnissen vertrauter Deutscher schließen müßte, daß auch die

deutschen Missionshäuser in den Kampf hineingezogen worden sind,

sondern sie haben nur die für ihre Verteidigung günstig gelegene

amerikanische Mission benutzt[103].

Auch haben die Armenier den amerikanischen Missionar Leslie und

sieben französische Untertanen in ihrem Stadtviertel als Geiseln

zurückbehalten, aber nicht, um sie zu töten. Hätten sie dies gewollt,

so hätten sie reichlich dazu Gelegenheit gehabt, da sie tagelang diese

Fremden in ihrer Gewalt hatten. Verständlicher wäre es gewesen, wenn

die Erklärung gesagt hätte, „um sie durch türkische Kugeln töten zu

lassen“. Denn die Zurückbehaltung war allerdings ein verzweifelter

Versuch, das Schicksal der Fremden an das der Armenier zu ketten, um

auf diese Weise irgendwie ihre Lage zu verbessern.

Was schließlich die Behauptung betrifft, daß die Armenier sich der

Stadtteile der Muslimen bemächtigt und begonnen hätten, die Einwohner

niederzumetzeln, so ist sie erfunden. Sie erinnert mich an folgenden

Vorfall: Als ich Anfang April in Marasch war, und die wenigen Armenier,

die sich überhaupt aus den Häusern wagten, unter dem Druck des

verhängten Belagerungszustandes und der Furcht vor dem Kommenden sich

nur ängstlich an den Häusern entlang drückten, versuchten muslimische

Intriganten ein Telegramm nach Konstantinopel zu schicken, des Inhalts,

die Armenier hätten die Moscheen in Marasch besetzt und in Kirchen

verwandelt!

Die in der türkischen Erklärung gegebenen Daten sind diejenigen des

orientalischen Kalenders. Die Schießerei war also nach westlichem

Kalender am 29. September und der Aufstand war am 16. Oktober

unterdrückt. Die türkischen Verluste an Toten betrugen nicht 20,

sondern 50, außerdem 120 bis 150 an Verwundeten.

Ich beabsichtige mit meiner Darstellung nicht, der einen oder der

anderen Partei zu Liebe oder zu Leide zu schreiben, halte es aber für

meine Pflicht über Dinge, die sich in meinem Amtsbezirk ereignet haben,

Euerer Exzellenz vorzulegen, was ich für die Wahrheit halte.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel

zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

Anlage.

(Norddeutsche

Allgemeine Zeitung.) Berlin, den 27. Oktober 1915.

Die Kaiserlich Türkische Botschaft teilt mit: In der Nacht vom 16.

September haben armenische Banden einen Aufruhr veranstaltet. Sie

hatten sich in starken Gebäuden auf den beherrschenden Punkten

der Stadt Urfa verschanzt und eröffneten das Feuer gegen unsere

Gendarmeriepatrouillen, von denen zwei Mann getötet und acht verwundet

wurden. Unsere Gendarmerie wurde überall mit Feuer empfangen.

Nachdem die Armenier sich der fremden Niederlassungen bemächtigt

und deren Besitzer mit Gewalt zurückgehalten hatten, stellten sie

dort Schießscharten her. Da diese Tatsachen bewiesen, daß die

aufrührerischen Banden entschlossen waren, bewaffneten Widerstand zu

leisten und die Unzulänglichkeit der in geringer Zahl vorhandenen

Gendarmerie auzunützen, und da sie sich schließlich der Stadtteile

der Muselmanen bemächtigt hatten und die Einwohner niederzumetzeln

begannen, wurden einige für die Front bestimmte Truppen nach Urfa

abgeschickt. Die Schlupfwinkel der Banden wurden zerstört, und der

Aufruhr war am 3. Oktober unterdrückt. Die Zahl der bei diesem Vorfall

getöteten Soldaten und Gendarmen beträgt 20, die der Verwundeten 50.

Der Zweck, den die Banden mit ihrem Aufruhr verfolgten, war einerseits

der, Schaden anzurichten, fremde Niederlassungen zu zerstören und

Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten zu töten,

um die Folgen dieser Morde dann auf die Türken abzuwälzen, andererseits

wollten sie einen Teil der Kaiserlichen Truppen an ihre befestigten

Schlupfwinkel fesseln und sie so vom Kriegsschauplatz abziehen.

Dank den kräftigen und schnellen Maßnahmen der Kaiserlichen Behörden

hatte der Aufruhr nicht den erwünschten Erfolg. Er wurde unterdrückt,

ohne daß einem Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen

Länder oder einem Neutralen Schaden zugefügt worden ist.

203.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Aleppo, den 16. November 1915.

Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage den

Bericht eines Deutschen, den ich kürzlich aus dienstlichem, mit der

Armenierfrage in keinerlei Zusammenhang stehenden Anlaß nach Der-es-Zor

zu entsenden hatte, über das Geschick der auf dem Wege dorthin

wandernden oder am Ziel angelangten Armenier. Es sind Beobachtungen,

die sich unterwegs aufgedrängt haben.

Oberstabsarzt Dr. Schacht, der auf dem Wege von hier nach Bagdad den

Flußweg gewählt hat, schrieb mir am 3. November aus Der-es-Zor: „Ich

habe unterwegs viel Böses gesehen. Es ist schon wahr, was man erzählt

hat.“

Die zu Lande nach Bagdad führende Etappenstraße von Aleppo nach

Der-es-Zor ist durch Flecktyphus verseucht. Und das Gleiche muß wohl

auch vom Wasserweg gelten.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

Anlage.

Wanderung der Armenier nach Der-es-Zor.

Auf der Reise nach Der-es-Zor gelangt man notwendigerweise in Fährten

der ausgewiesenen Armenier. Schon Der Hafir zeigt die erste Spur:

Früher einen Krämerladen, besitzt es jetzt deren drei, die einzig

darauf ausgehen, die Zwangslage der Armenier durch hohe Preise

auszubeuten (Ziegenfleisch 1 Okka 5-6 Piaster, Brot 4-5, Eier 10 Para

usw.). Diesem Unfug begegnet man bis Der-es-Zor. Da Tausende von

Armeniern durch die Chans längs der Bagdadstraße wandern, sind die

spärlich eingerichteten Läden, die an Ware eigentlich fast gar nichts

besitzen, sämtlich leer und der Verkäufer findet für hohe Preise

hungrige Käufer. An den Lagerplätzen ist nur schlammreiches, durch

Leichen, Mist und Fetzen verunreinigtes Euphratwasser zu haben. Für

Zufuhr von Lebensmitteln ist bei den Transporten -- obwohl Möglichkeit

vorhanden wäre -- nicht gesorgt. Wasserstellen mit abgestandenem,

abgesetztem Wasser könnten ja ohne weiteres für den permanenten

Durchzug errichtet werden. Die Verschickten müssen somit außer ihren

Lasten, Kindern, Kranken und Leiden auch Lebensmittel und selbst Wasser

für lange Märsche mit sich schleppen. An manchen Stellen fehlt jedes

Brennmaterial. Weit und breit in der Runde suchen die spät abends

eintreffenden Ankömmlinge mit ihren erschöpften Kräften, die nur

mühsam auszureißenden Süßholzwurzeln als Feuerungsmaterial zusammen.

All die Rastplätze sind Monate hindurch durch Massen von menschlichen

Exkrementen, Abfällen, Fetzen und Mist in den abscheulichsten Zustand

versetzt, der sich nicht ändern wird, als bis der letzte Trupp dahin

sein dürfte. Die begangenen Wege längs des Flusses und der Bagdadstraße

weisen nacheinander die Merkmale der Wanderung auf: Zurückgelassene

Wagen, von denen das Vieh einging; zerbrochene Wagen, Kleiderreste

and Fetzen, die eben am Leibe nicht mehr zu haften vermögen.

Tierleichen und Menschenleichen in allen Stadien der Zersetzung. Nur

gut, die Natur mit ihren Aasfressern besorgt in sehr kurzer Zeit

die Beseitigung dieser Kadaver. In Meskene fanden wir einen kleinen

Trupp Zurückgebliebener, dabei ein sitzender Toter in Verwesung, eine

sterbende Frau und 2 Kranke. Militär und Lasttiere füllten den Chan

und dessen schmutzige Umgebung, und jedermann hatte andere Sorgen als

diesen Unglücksflecken zu reinigen.

Abu Hrere am Euphrat, vor kurzem noch mit einem Chandschi und einem

Händler versehen, derzeit ein riesiger menschlicher Düngerhaufen, 5

Tierleichen, Mist, Fetzen, Millionen Fliegen, eine richtige Stätte

des Todes, dann stundenweit nur Wüste. An dieser Unglücksstätte saß

verlassen ein abgehungertes Mütterlein. Die hellen blauen Augen,

das blendend weiße Haar, die Gesichtszüge, verrieten ein besseres

Einst. Alles zog weiter dahin. Sie jammerte irre nach den Kindern,

vielleicht ein Sonnenuntergang, dann ist sie ihrer Befreiung sicher.

Wir ließen sie in den Chan schaffen -- eine menschenleere Miststätte

mit 2 Soldaten, sonst nichts. Hinter Abu Hrere, wo der Weg durch die

wasserleere Wüste zieht, fanden wir außer zahlreichen Tierleichen und

Fetzen von Kleidern 3 Knabenleichen, 1 Männer- und 1 Frauenleiche am

Straßenrande.

Hamam besitzt zwei große Chans, verwüstet, 3 große Lager von Armeniern:

a) Schiffer mit 7 Holzbooten, b) Fahrer mit ihrem Wagenpark, c)

Fußgänger in erbärmlichem Zustande mit den Resten ihres Habs und

Gutes. Vor Morgengrauen brachen sie wieder auf. 8 bis 900 Personen

aus Antiochien, Zeitun, der Gegend von Marasch, Killis, Susli. Der

Weg zweigte nach 3 Stunden hinter Hamam von unserer Straße ab und

näherte sich wahrscheinlich dem Flußufer, während die Straße über die

Wüstenklippen hinweg führte.

Sabcha, die erste Ansiedlerstation. Früher einige hundert Einwohner

zählt derzeit 7000 Köpfe (Aussage des Nahié Mudir’s). Zwischen den

felsigen Abstürzen der Wüste und dem Flußlaufe liegt der Ort, am

Flußufer der alte Teil mit einigen Hausgärten, dem Bergrücken zu

vergrößert sich nun die Niederlassung, in schnurgeraden, rechtwinklig

angelegten Gassen; Tausende von Händen schaffen in regstem Eifer;

lange Zeilen von Bruchsteinen lagern dort, über 100 neue Häuser

stehen. In kurzer Zeit sollen noch 250 Häuser fertig sein. Im Juli

und August kamen die ersten Ansiedler von Zeitun an. Viele wohnen

noch in gemieteten Häusern (3-4 Medjidijeh Miete) die meisten noch in

Zeltlagern und in Höfen. Die Behörde gibt den Baugrund und gestattet

Steine zu brechen. Brot und Mehl wird in kaum genügendem Maße

verabreicht, worüber Klagen wahrgenommen werden. Von den Ansiedlern

ist eine Schmiede, ein Fleischverkauf, 1 Klempner und 2-3 Krämerläden

eingerichtet. Durch Krankheit gehen viele Armenier zugrunde. Die

Zeltlagerer, zum Selbstschutz getrieben, stoßen die Kranken -- meist

Frauen -- aus dem Lager und übergeben sie der Natur. Ohne Nahrung, ohne

Arzt, ohne Pflege, liegen sie wimmernd, Brot bittend, bis ein gütiges

Geschick sie sterben läßt (ca. 40 schrecklich entstellte Personen).

Gegenüber der Überfahrtsstelle zählte ich 12 angeschwemmte Leichen,

deren entsetzlicher Gestank keine einzige Seele zu einem Begräbnis

aufzurütteln vermag. Nach Aussage des Gemeindevorstehers kommen noch

viele Tausende von „Ansiedlern“, d. h. wie der Herr wörtlich sagte:

„Wir lassen sie kommen!“ „Um das Land zu kultivieren.“ Fluß auf- und

abwärts ist allerdings für die Überlebenden ein fruchtbares Terrain.

Ärztliche Hilfe ist dort unbedingt nötig.

Hauptsiedelungsplatz ist Der-es-Zor. Schon die Einfahrt zeigte

sofort die Hauptbeschäftigung der Ansiedler: Totenbegraben, stumpfes

Hinbrüten, mühevolles krankes halbtotes Dahinschreiten. Der-es-Zor

selbst ist eine nicht unschöne Stadt, mit schönen breiten Straßen.

Früher 14000 Einwohner, derzeit 25-30000. Für die riesige angestaute

Menschenmenge ist keine organisatorische Regelung vorhanden. Keine

genügende Menge von Nahrungsmitteln (stundenlang sind die Bäcker ohne

Brot), eine Dampfmühle klappert unzureichend Tag und Nacht, Mangel an

Brot und Gemüse wurde festgestellt. 3 Spitäler sind voll gepfropft mit

über tausend Kranken. 1 Gemeindearzt, 1 Regierungsarzt, Apotheke fast

leer. Der Gemeindearzt verließ eben die Stadt auf einige Tage für eine

Dienstreise, die Sterblichkeit beträgt täglich 150-200 Köpfe (Worte des

Gemeindearztes). Nur so ist es möglich, daß immer noch Tausende von

Ansiedlern zugeschafft werden können. Oberhalb und unterhalb der Stadt

großes Zeltlager. Am linken Flußufer neben der Schiffsbrücke lagert

in ortsüblichen Laubhütten eine Unmasse von Sterbenden. Sie sind die

Vergessenen, deren einziger Befreier der Tod ist.

Kein sprachlicher Gedankenaustausch vermag auch nur annähernd

die Wirklichkeit dieses menschlichen Elends zu schildern, so

unbeschreiblich sind dort die Vorkommnisse. Und immer wieder ergänzt

sich der Unglückshaufen. Nach Aussage von anderen Fußgängern liegen

dann weiter weg Hunderte von weggeschleppten unbeerdigten Leichen! Der

diensttuende Gendarm antwortet mir: „Was soll man machen? Sie sterben

alle von selbst.“

Die Behörden reinigen täglich sorgfältig alle Winkel und Straßen,

bauen neue Wohnviertel wie in Sabcha, verteilen Geld unter die Leute,

sowie Brote und Mehl und doch ist mit Ausnahmen der Tod dem Leben

vorzuziehen. Wie in Sabcha, so ist auch in Der-es-Zor jede andere

menschliche Niederlassung viele Stunden weit entfernt... Wüstenrand.

Von den Arabern werden die Armenier mit Steinen beworfen, geschlagen,

verspottet und ausgelacht, wie wir selbst Beispiele sahen.

Beispiel: In Maden am Euphrat trieben am Ufer drei Leichen, die Araber

warfen Steine danach, spuckten darauf und lachten dazu. (Eine Leiche

mit abgeschlagenem Kopfe.)

Während unseres Aufenthaltes verbot die Polizei mehreren Armeniern,

sich an uns zu wenden und mit uns zu sprechen (dazu ist die Regierung

da, nicht die Deutschen!).

Was für die Überlebenden an Arbeit vorhanden ist: Ackerbau und

Gartenbau längs des Flusses, wo allerdings fruchtbarer Boden vorhanden

ist, Handwerk und wenig Handel.

Aleppo, den 11. November 1915.

Unterschrift.

204.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 20. November 1915.

Über die Vorgänge in Urfa liegt seitens des Kaiserlichen Konsuls in

Aleppo bisher nur ein kurzes Telegramm vom 9. Oktober vor. Danach

hat die armenische Bevölkerung, als sie Ende September von ihrer

bevorstehenden Verschickung erfuhr, beschlossen, sich zur Wehr zu

setzen und sich in ihren Häusern verschanzt. Fahri Pascha, der

Militärkommandant von Aleppo, begab sich an Ort und Stelle, aber erst

nach hartnäckigen Straßenkämpfen, bei denen die Türken auch Artillerie

verwendeten, konnte der Aufruhr niedergeschlagen werden.

Leider ist es trotz der dringenden Verwendung der Kaiserlichen

Botschaft und des Konsuls Rößler nicht gelungen, das Verbleiben der

armenischen Angestellten und Pfleglinge der deutschen Anstalten in Urfa

zu erlangen. Der Minister des Auswärtigen, Halil Bey, hatte zunächst

die Berücksichtigung unserer diesbezüglichen Wünsche zugesagt, aber

Fahri Pascha erklärte, nur militärischen Rücksichten gehorchen zu

können, und wollte höchstens solche Armenier in deutschen Diensten

ausnehmen, die nicht mit Familien von Aufständischen verwandt sind und

keine soziale Stellung einnehmen.

Neurath.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

205.

Auswärtiges Amt. Berlin, den 29. November 1915.

Der Bericht des Herrn von Scheubner-Richter[104] vom 5. d. M. und

andere hier vorliegende Nachrichten erwecken leider den Eindruck, daß

die türkische Regierung allen unseren Vorstellungen und Warnungen

zum Trotz an ihrer verhängnisvollen Politik gegenüber den Armeniern

festhält. Abgesehen von Erwägungen allgemein humanitärer und

politischer Natur, können wir es als aufrichtige Freunde der Türkei in

deren eigenstem Interesse nur auf das tiefste beklagen, daß sie sich

durch ihr Vorgehen in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit eines für die

wirtschaftliche Entwicklung des Landes wichtigen Bevölkerungselementes

beraubt. Im feindlichen und neutralen Ausland hört man nicht auf, uns

für das Treiben der türkischen Behörden verantwortlich zu machen. Wie

der Bericht des Herrn von Scheubner von neuem bestätigt, ist sogar in

weiten Kreisen der türkischen Bevölkerung die Vorstellung verbreitet,

daß Deutschland die Türkei zu den Armenierverfolgungen angestiftet

habe. Wir glauben von der Loyalität der Pforte gegen ihren deutschen

Bundesgenossen erwarten zu dürfen, daß sie derartigen Gerüchten mit

Nachdruck entgegentritt.

Euer Exzellenz beehre ich mich zu bitten, im vorstehenden Sinn mit der

dortigen Regierung zu sprechen und bei dieser Gelegenheit erneut der

Erwartung Ausdruck zu geben, daß die Pforte unseren Ratschlägen in der

Behandlung der armenischen Frage Folge geben wird.

von Jagow.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

Herrn Graf Wolff-Metternich, Pera.

206.

Deutsch-Armenische Gesellschaft.

Potsdam, den 29. November 1915.

Gr. Weinmeisterstraße 45.

Euer Exzellenz.

Bezugnehmend auf den in der Eingabe zugunsten der Armenier in der

Türkei ausgesprochenen Wunsch, daß der Deportation der bisher

verschonten armenischen Bevölkerung von Konstantinopel ein Riegel

vorgeschoben werden möchte, beehre ich mich, die folgende mir von dem

armenischen Komitee in Sofia zugegangene Mitteilung zur Kenntnis zu

bringen:[105]

„Malgré les assurances faites aux représentants des Grandes Puissances

à Constantinople le Gouvernement Turc a commencé inexorablement

l’expulsion des Arméniens de Constantinople. Jusqu’à présent on a

expulsé déjà 10000 personnes, dont la majorité est assassinée dans les

montagnes d’Ismid. La liste de 70000 hommes est préparée.

Au nom du christianisme et de l’humanité sauvez les derniers débris

d’un peuple, qu’on extermine et par une intervention efficace arrêtez

le martyr des innocents.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 74 / 134 题