With kind regards

Yours cordially

E. C. Woodley.

Anlage 4.

Marash, April. 2nd 1915.

Mr. Rößler, Consul of the Imperial German Government at Aleppo,

Marash.

Sir,

We desire to express our sense of the value of your present visit to

Marash and that its results may be permanently secured, venture to

approach you with the hereafter mentioned request.

It is unnecessary for us to set forth here the critical state of

affairs in Marash, in recent weeks, inasmuch as you are fully

acquainted with it. We rejoice that your influence has already made

itself felt for good. Our fear, however, is that, when the restraint of

your official presence is removed, the former conditions will return.

We feel very strongly that there should be some official representative

or representatives of Foreign Powers in Marash, at least until a more

normal state obtains.

No one knows the situation here better than Mr. Karl Blank, and in view

of this fact, we desire to prefer the following request.

As members of the American Mission we would unitedly request you to use

your influence to secure the appointment of Mr. Blank as an official

representative in Marash[95], of the Imperial German Government,

promising to support him in every way possible in any action he

may take for the safeguarding of all the interests of the various

communities here.

Trusting that this request may meet with your approval, and expressing

again our gratitude for what you have already done to secure better

conditions here, we remain

Yours respectfully

The American Mission in Marash

E. C. Woodley, Chairman

James K. Lyman, Vice-Chairman

Kate E. Ainslie, Secretary.

Anlage 5.

Central Turkey College

Aintab, Turkey-in-Asia.

Aleppo, December 9, 1915.

Hon. Walter Rößler, Imperial German Consul, Aleppo.

Sir,

Replying to your note of the 4th inst, I have the honour to state that

no disturbances have occurred in Aintab[96].

Respectfully

J. E. Merrill.

_November._

189.

(Hauptquartier.)

Telegramm.

Abgang aus Pleß, den 3. November 1915.

Ankunft in Berlin, den 4. November 1915.

Der Kaiserliche Gesandte an Auswärtiges Amt.

General von Falkenhayn hat folgendes Telegramm an Enver Pascha

gerichtet:

„Die Entwickelung der Kriegslage läßt es möglich erscheinen, daß

Leistung auf den nach Syrien und Mesopotamien führenden Bahnen bis aufs

äußerste gesteigert werden muß. Erbitte Ihre Unterstützung, daß den

Bahngesellschaften die Erhaltung ihres geschulten Personals erleichtert

wird, die durch Deportierung der armenischen Angestellten während des

Krieges schwer gefährdet werden würde.“

Treutler.

190.

(Kaiserliches

Konsulat Mossul.)

Telegramm.

Abgang aus Mossul, den 4. November 1915.

Ankunft in Pera, den 5. November 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Gestern ist Halil Bey mit seinem Stab hier angekommen. Er selbst muß

infolge Erkrankung einige Tage das Bett hüten. Ein Oberst seines

Stabes erklärte mir soeben, man müsse auch in Mossul die Armenier

niedermachen, was zu tun er die Absicht habe; er werde sich auch durch

mich davon nicht abhalten lassen; die Deutschen verleugneten ihre

Freundschaft für die Türken, da sie diese an der Exekution gegen die

Armenier verhindern wollten.

Es sind dringend sofortige ganz energische Befehle an Halil Bey

geboten, auf jeden Fall weitere Massakres zu verhindern.

Morgen oder übermorgen werden die Truppen Halils, die im Norden

massakriert haben, hier erwartet.

Holstein.

191.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 5. November 1915.

An Deutsches Konsulat, Mossul.

Antwort auf Telegramm vom 4. November.

Kriegsminister ist sofort vom Minister des Auswärtigen ersucht worden,

die dortige Militärbehörde telegraphisch anzuweisen, sie solle nichts

gegen die Armenier unternehmen.

Neurath.

192.

Auswärtiges Amt. Berlin, den 6. November 1915.

Der abschriftlich anliegende Bericht des der Roten-Kreuz-Expedition

angehörenden deutschen Arztes Dr. Neukirch aus Erzindjan über die

Armenierfrage wird zur gefälligen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.

(Stempel.)

Auswärtiges Amt.

An den Kaiserlichen Geschäftsträger

Herrn Freiherrn von Neurath, Konstantinopel.

Anlage.

Rote Kreuz-Expedition. Erzindjan, den 5. August 1915.

Die armenische Frage ist für Erzindjan zunächst erledigt. Außer wenigen

von der Regierung zurückbehaltenen Handwerkern ist kein einheimischer

Armenier mehr hier. Schaue ich auf meine bisherigen Mitteilungen

zurück, so glaube ich genau genug das Gehörte von dem selbst Gesehenen

unterschieden zu haben. Will man sich allerdings nur auf Gesehenes

beschränken, so bleibt wenig übrig, da bei den eventuellen Massakres

Fremde auf alle Fälle ferngehalten werden. Wie solche Dinge hier

vorgehen, wissen die Kenner der Armenierunruhen genügend. Andererseits

ist schwer festzustellen, was an den Erzählungen, die man täglich

hört, wahr ist. Immerhin schien es, mangels anderer Quellen nötig, die

Dinge so zu notieren, wie ich es getan habe. Nach dem, was in letzter

Zeit hier zu sehen war, sind Schritte, die die Ausweisung der Armenier

humaner gestalten sollten, und über die wir naturgemäß nichts Näheres

wissen, von Erfolg gewesen.

Während früher elende Horden von armen Weibern und Kindern ohne Habe

vorbeigetrieben wurden, nur von wenigen Bewaffneten geleitet, hatten

später die Leute, die vorbeikamen, auch Lasttiere und Vieh mit sich.

Zuletzt kamen die Einwohner von Erzerum in riesigen wohlausgerüsteten

Ochsenwagenkarawanen vorbei. Die Leute (offenbar auch die Männer

vollzählig) sahen sehr gut aus, reisten in kleinen Märschen und waren

durch äußerst zahlreiche Gendarmen unter Führung von Offizieren

geschützt.

Den größten der Züge begleitete ein hoher Beamter, der Mutessarrif

von Bajasid, persönlich. Die Leute bezogen in der Ebene von Erzindjan

ein Zeltlager und zogen nach etwa einer Woche weiter. Das Verdienst

für diese sachgemäße Beförderung der Erzerumer Armenier hat offenbar

der dortige Wali, Tahsin Bey. Es ist zu bedauern, daß die hiesige

Lokalbehörde anders verfahren ist. -- Auch die Vorgänge in Trapezunt

sollen nach guter Quelle bedauerlich gewesen sein. Die Leute aus der

dortigen Gegend kamen zu Fuß und mit wenig oder keiner Habe hier durch.

Die Beziehungen der Expedition zu Behörden und Bevölkerung sind

gut. Dagegen werden die Armenier uns mit der Verantwortung für das

Geschehene belasten wollen.

Zusammenfassung.

Es hat eine vollkommene Entfernung aller Armenier aus diesem Lande

stattgefunden, offenbar als Antwort auf die Verrätereien in Wan. In den

ersten Wochen sind fraglos schwerste Mißgriffe vorgekommen, späterhin

ist die Sache für orientalische Verhältnisse ziemlich geordnet

verlaufen. Massakres haben hier offenbar seit Mitte Juni nicht mehr

stattgefunden.

Die wirtschaftlichen Folgen sind unübersehbar.

Dr. Neukirch.

193.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Aleppo, den 8. November 1915.

Die Verschickung der Armenier ist um die Mitte Oktober zu einem

gewissen Höhepunkt gelangt, so daß ihre Ausdehnung zu überblicken und

der Moment geeignet war, einen zusammenfassenden Überblick zu geben.

Ich fahre hier in der Schilderung einiger Ereignisse fort und darf

eine allgemeine Bemerkung vorausschicken. Ranke sagt in seiner

Weltgeschichte bei Besprechung der Politik Karls des Großen gegen die

Sachsen:

„Man dürfte nicht leugnen, daß die Strenge der Gesetze einen Widerstand

gegen dieselben hervorrufen mußte. In Verwickelungen dieser Art tritt

das immer ein. Die Maßregeln, die man ergreift, um den Ausbruch der

Opposition zu verhüten, sind geeignet, denselben zu erwecken.“

Dieser Satz dürfte zutreffen auf die Politik der türkischen Regierung,

die seit den Massakres des Jahres 1895 von Schwankungen abgesehen,

im großen und ganzen gegenüber den Armeniern verfolgt worden ist.

Er dürfte insbesondere auch auf die letzten Ereignisse zutreffen.

Die Regierung hat Vorbeugungsmaßregeln von einer in der Geschichte

selten vorkommenden Härte gegen die Armenier ergriffen und hat dadurch

Widerstand an zwei verschiedenen Stellen hervorgerufen, in Suedije

und in Urfa[97]. Die Kämpfe in Suedije (von 6 Dörfern aus der Nähe

Antiochiens) haben damit geendet, daß die Aufständischen sich in

einer versteckten Bucht, gedeckt durch das Feuer eines feindlichen

Kriegsschiffes mit Frauen und Kindern in einer Seelenzahl, die von

armenischer Seite auf 5000 angegeben wird[98], an Bord eingeschifft

haben. Rechnet man bei dieser ländlichen Bevölkerung den sehr hohen

Prozentsatz von 10 Prozent als waffenfähig, so käme man auf 500 Mann.

Trotz dieser Tatsache und trotz der schließlich bewerkstelligten

Verbindung mit einem feindlichen Kreuzer, liegt kein Beweis dafür vor,

daß der Bezirk von vornherein an Aufstand gedacht hat. Er ist vielmehr

durch die drohende Verschickung zum Widerstand getrieben worden.

Auch für den Armenieraufstand in Urfa ist es nicht erforderlich,

Einwirkung von außen anzunehmen. Von Wan und Diarbekr zugewanderte

mögen geschürt und sich an die Spitze gestellt haben, es genügte

aber, daß die Urfaleute die Vorbeugungsmaßregeln der Regierung, die

Verschickung und den damit verbundenen Untergang ihres Volkes und

jedes Einzelnen vor Augen hatten, um den Entschluß des Widerstandes

hervorzurufen. Der Ausbruch des Kampfes ist dann durch die Schuld der

Armenier selbst herbeigeführt worden. Im einzelnen haben sich die

Ereignisse etwa folgendermaßen abgespielt.

Nach der am 19. August erfolgten Niederschießung einer Patrouille und

dem sich daran anschließenden Massaker ist nichts weiter erfolgt,

nicht einmal eine Untersuchung gegen die Mörder der Patrouille. Ende

September ereignete sich wieder eine Schießerei im Armenierviertel,

von welcher nichts weiter bekannt geworden ist, auch nicht, gegen

wen sie gerichtet war. Als am nächsten Tage die Regierung eine

Gendarmeriepatrouille aussandte, um den Vorfall zu untersuchen, wurde

diese zum Teil niedergeschossen. Die Armenier verbarrikadierten

darauf ihren Stadtteil. Er wurde zunächst von den in Urfa vorhandenen

etwa 60 oder 80 Gendarmen umstellt. In den ersten Oktobertagen

traf ein Bataillon ein, am 4. Oktober Fakhri Pascha, am 5. Oktober

ein zweites Bataillon mit 2 Feldgeschützen. Eine Aufforderung zur

Übergabe lehnten die Armenier, unter denen die Zahl der Verteidiger

auf etwa 2000 geschätzt wird, ab. Am 6. Oktober begann der Kampf,

der sich vornehmlich auf drei Verteidigungsstellungen richtete. Die

enge und winklige Bauart der Stadt Urfa, deren Häuser aus Stein sind

und vielfach über alten Höhlenwohnungen stehen, von den Armeniern

auch mit Geschick zur Verteidigung eingerichtet waren, erschwerte

die Eroberung. Die Armenier waren mit Gewehren bewaffnet und mit

Handgranaten versehen, zu deren Herstellung wohl beim Bau der

Bagdadbahn gestohlenes Dynamit gedient haben wird. Dagegen waren sie

nicht, wie fälschlich behauptet worden ist, im Besitz russischer oder

anderer Maschinengewehre. Am 12. Oktober wurde noch ein 3. Bataillon

mit zwei 12 cm Haubitzen hinzugezogen. Am 14. Oktober wurde die Kirche

gestürmt, am 15. die amerikanische Mission, welche gegen den Willen

des amerikanischen Missionars Leslie von den Armeniern besetzt und

als ein starkes Gebäude zu einem Hauptstützpunkt eingerichtet war.

Leslie war von den Armeniern als Geisel zurückbehalten worden, in der

Hoffnung, daß auf ein Gebäude, in dem er sich befände, nicht geschossen

werden würde. Die türkische Aufforderung, ihn gehen zu lassen, lehnten

sie ab. Er wurde erst von den erobernden Truppen befreit. Mit der

Erstürmung der Kirche und der Mission war der Widerstand gebrochen.

Die türkischen Verluste betrugen 50 Tote und 120 bis 130 Verwundete.

Die Absuchung der Höhlen und Brunnen kostete dann noch einer Anzahl

Soldaten durch vereinzelte Schüsse versteckter Verteidiger das Leben.

Kriegsgerichtliche Untersuchung ist eröffnet. Eine Kommission wird über

weitere Maßregeln gegen die Armenier Urfas beschließen.

Die Verschickungen gehen im übrigen in der durchgreifendsten Weise und

mit dem schrecklichsten Ergebnis weiter. Hunger und Seuche treiben dem

Tode reiche Beute zu. Die Sterblichkeit unter den Vertriebenen ist in

der Stadt Aleppo außerordentlich groß. Dabei fehlten bis zum Eintreffen

Djemal Paschas, von dem weiter unten zu berichten sein wird, die

notwendigsten sanitären Anordnungen. Etwa Mitte Oktober wurde ein neuer

Begräbnisplatz außerhalb der Stadt bestimmt. Ehe aber alles so weit

war, daß dort mit der Beerdigung begonnen werden konnte, wurden die

Leichen bereits haufenweis abgeladen und lagen einige Tage unter freiem

Himmel. Unter diesen Umständen kann man sich nicht wundern, daß der

Flecktyphus auf die Stadtbewohner übergegriffen hat und eine allgemeine

heftige Epidemie ausgebrochen ist. Die Zahl der täglichen Todesfälle

wird auf 150 bis 200 angegeben.

Zufällig habe ich kürzlich selbst von einer Straße, die die

Vertriebenen ziehen, einen Eindruck erhalten. Zwischen dem Afrin und

Aleppo, also auf einer Länge von etwa 60 km sah ich am 21. Oktober

unmittelbar an der Straße 4 Leichen liegen, zwei davon bereits von

Tieren halb gefressen. Als ich nach dem Anblick der ersten dieser

Leichen an den ersten Chan kam und den Besitzer aufforderte, Leute

gegen Bezahlung zur Beerdigung auszuschicken, lächelte er, tat aber,

was ich wünschte. Als ich ihn fragte, warum er gelächelt, sagte er:

„Wenn Du wünschest, lasse ich diese Leiche beerdigen. Warum legst Du

aber gerade auf diese eine so viel Wert? Wenn Du wüßtest, wieviel hier

in jeder Bodenfalte liegen, so würdest Du darauf verzichten, gerade

die eine begraben zu lassen, die vom Wege aus sichtbar ist.“ Wenn dies

an der vielbegangenen Alexandretter Chaussee sich ereignet, ohne daß

die vorübergehenden Soldaten und Gendarmen Meldung erstatten, so liegt

der Schluß nahe, daß es auf den weniger begangenen Straßen des Innern

nicht besser aussehen wird. Die zahlreichen, die Luft verpestenden

Tierkadaver habe ich noch nicht erwähnt. Das Konzentrationslager bei

Katma bot einen unbeschreiblichen Anblick mangelnder hygienischer

Fürsorge. Die Wandernden waren in allen Stadien der Ernährung und

Rüstigkeit, von Barfußlaufenden dem Hungertode nahen, sich mühsam

Hinschleppenden oder verzweifelt und stumpf am Wege Sitzenden, bis

zu solchen, die noch unversehrtes Schuhwerk besaßen oder mit einigem

Hausrat auf Karren fuhren. Dabei erklären sich die Unterschiede aus der

Länge der bis dahin zurückgelegten Strecken.

Die Zustände sind derart geworden, daß die Etappenstraße von Bozanti

nach Aleppo verseucht ist, und daß es erst dem Oberst Freiherrn von

Kreß gelungen ist, durch den Hinweis auf die militärische Wichtigkeit

hygienischer Maßregeln für die Etappen, den Oberkommandierenden der

4. Armee, Djemal Pascha, zu einem Besuch Aleppos zu veranlassen.

Ehe er kam, hatte Djemal Pascha auf telegraphische Anfrage über den

Gesundheitszustand vom Chef der Etappeninspektion, Weli Pascha, die

Antwort erhalten, es gäbe einige Fälle von Dysenterie, aber keine

ansteckende Krankheit. Erst als bei Djemal Pascha die Meldung aus Rajak

eintraf, daß in einem Zuge aus Aleppo drei Leichen gefunden seien, hat

er sich zur Reise entschlossen.

Hier hat er jetzt energische Maßregeln angeordnet. Die Anzeigepflicht

ist eingeführt. Hospitäler werden eingerichtet. Transportwagen für die

Überführung der Kranken sollen bereitgestellt werden. Die Stadt ist in

Bezirke geteilt, für welche je ein Arzt die Aufsicht übernimmt, mit dem

Recht, Häuser zu besuchen. Der Reinigungsdienst für die Stadt wird neu

organisiert.

Die Befehle sind gegeben und es handelt sich jetzt um die Ausführung.

Ein deutscher Hygieniker, Militärarzt, ist erbeten worden.

Bei der Wichtigkeit der hiesigen Gegenden, aus denen Armeen je nach

dem Irak oder nach Ägypten zu entsenden sind, muß der Bekämpfung der

Seuche auch weiterhin die ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die

Persönlichkeit des Freiherrn von Kreß bürgt dafür, daß das Mögliche

geschehen wird.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel

zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

194.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.) 8. November 1915.

Akten-Notiz.

Auf Grund von Nachrichten, daß die türkische Regierung neuerdings

beabsichtige, auch die Armenier in Konstantinopel zu vertreiben, bin

ich heute bei Halil Bey vorstellig geworden und habe ihn erneut auf

die Gefahr eines solchen Vorgehens und die schweren Schädigungen

wirtschaftlicher Art hingewiesen. Halil Bey erklärte, der Ministerrat

habe bereits beschlossen, von allen weiteren Armenierverschickungen,

insbesondere auch von Verschickung der Armenier Konstantinopels

abzusehen.

von Neurath.

195.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 9. November 1915.

Herr v. Scheubner-Richter berichtet aus Mossul unter dem 5. d. M.

folgendes:

„Auf dem Wege von Erzerum über Khinis, Musch, Bitlis, Soert nach

Mossul habe ich alle früher von Armeniern bewohnten Dörfer bzw.

Häuser vollständig leer und zerstört angetroffen. Lebende männliche

Armenier habe ich nicht gesehen. Es sollen etliche sich in die Berge

geflüchtet haben. Ca. 500 armenische Frauen und Kinder befinden sich

in beklagenswertem Zustande in der armenischen Kirche in Bitlis; auch

sollen armenische Frauen in türkischen Häusern gefangen gehalten

werden. Auf dem ganzen Wege habe ich und die mich begleitenden

deutschen Herrn noch Leichen von armenischen Männern, Frauen und

Kindern liegen sehen, vielfach mit Zeichen von Bajonettstichen,

trotzdem die Wege vor uns auf Veranlassung der Regierung durch

Gendarmerie von Leichen gesäubert worden waren. Nach Aussage von

Kurden sind alle Armenier der dortigen Gegend umgebracht worden. Eine

von den Armeniern vorbereitete Revolution bzw. Erhebung hat es nach

meinen Informationen nur in Wan gegeben[99], an anderen Orten war es

Selbstverteidigung. Die Türken u. a. auch türkische Offiziere, haben

überall verbreitet und vielfach auch selbst geglaubt, daß die deutsche

Regierung die Vernichtung der Armenier veranlaßt habe.“

Über die Ausrottung der Armenier von Musch und die Zerstörung des

Armenierviertels in Musch sowie der armenischen Dörfer in der Umgegend

hat die kürzlich hier eingetroffene Schwester Alma Johansson (Schwedin)

von dem dortigen Waisenhause des deutschen Hilfsbundes für christliches

Liebeswerk im Orient eingehende Angaben gemacht. Danach dürfte von

der armenischen Bevölkerung außer wenigen Flüchtlingen und einigen

geraubten Frauen fast nichts übrig geblieben sein; die armenischen

Häuser wurden in Brand gesteckt und dann dem Erdboden gleich gemacht.

Diese Ereignisse, die in der ersten Hälfte Juli sich zutrugen, waren,

wie aus den Schilderungen der Genannten zu schließen ist, anscheinend

mit durch das Herannahen der russischen Truppen, die nach der Besetzung

von Achlat, Bulanik, Gop und Liz bis ein, zwei Tagemärsche von Musch

streiften, veranlaßt.

Fräulein Johansson, die im August Musch verließ und, nachdem sie sich

in Kharput (Mesereh, Mamuret ul Aziz) einige Monate aufgehalten, über

Siwas hierher gekommen ist, bemerkte zum Schluß ihrer Schilderungen,

daß die offiziellen Kreise sowohl in Musch wie in Mesereh und auch in

Siwas übereinstimmend behaupteten, die Deutschen hätten die türkische

Regierung zu den Armenierverfolgungen gedrängt.

Neurath.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

196.

Kaiserlich Deutsche Botschaft. 6. November 1915.

Aufzeichnung.

Angaben der Schwester Alma Johansson (Schwedin) von den Anstalten

des „Deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient“

in Musch über die Armenierverfolgungen in Musch.[100]

(NB. In Musch besteht ein deutsches Waisenhaus für Knaben und ein

zweites für Mädchen, und eine Poliklinik, die sogenannte ärztliche

Station.)

Die Stadt Musch zählt 50000 Einwohner, von denen die eine Hälfte

Armenier die andere Muhammedaner (Kurden, Türken); im Bezirk Musch etwa

300 Dörfer, meist armenisch.

Während des Winters wurde die männliche armenische Bevölkerung bei den

Proviant- und Munitionskolonnen für den östlichen Kriegsschauplatz

verwendet; von diesen Leuten kehrten nur die wenigsten zurück, von

2-300 im Durchschnitt kaum 50.

Im Frühling wurden die armenischen Dörfer zerstört, nachdem sie schon

vorher durch Einquartierung und Requisitionen schwer heimgesucht waren.

Im Mai-Juni wurde Bitlis von Armeniern ausgeräumt.

Um Mitte Juni wurde der Alma Johansson und der Bodil Björn vom

Mutesarrif eröffnet, daß die deutsche und türkische Regierung

beschlossen hätten, alle Europäer nach Kharput zu senden.

Die Russen hatten nämlich auf ihrem Vormarsch von Wan aus Ahlat,

Bulanik, Gop und Liz besetzt und ihre Patrouillen streiften in einer

Entfernung von 1-2 Tagesmärschen von Musch.

Die beiden Schwestern weigerten sich aber, Musch zu verlassen.

Die Stadt war von Truppen umzingelt und Artillerie ringsum aufgefahren.

Am 11. Juli, Sonntag Nacht, wurde das Massaker der armenischen

Bevölkerung mit Gewehrschüssen eingeleitet, die Türken behaupteten,

daß einige Armenier den Versuch gemacht hätten, sich nach Sassun

durchzuschlagen.

Einigen wohlhabenden Armeniern wurde auf dem Konak eröffnet, daß sie in

drei Tagen mit der gesamten Bevölkerung die Stadt zu verlassen hätten,

aber all ihre Habe, die nunmehr der Regierung gehöre, zurücklassen

müßten.

Ohne den Ablauf dieser Frist abzuwarten, begannen die Türken schon nach

zwei Stunden in die armenischen Häuser einzudringen und zu plündern.

Montag, den 12., hielt das Geschütz- und Gewehrfeuer den ganzen Tag an;

die türkische Bevölkerung nahm daran teil.

Am Abend drangen Soldaten in das Mädchenwaisenhaus ein, um nach

versteckten Armeniern zu suchen.

In der Nacht und am folgenden Tage wurde noch viel geschossen. Beim

Versuch, das Hoftor zu schließen, wurde eine Frau und ein Waisenmädchen

neben der Schwester Johansson durch Kugeln getötet.

Mittwoch früh begab sich die Genannte zum Mutessarrif Servet Bey, um

Schutz und Schonung für die Anstalt und ihre Insassen zu erlangen.

Der Mutessarrif, ein intimer Freund von Enver Pascha, gebärdete sich

wie ein Rasender und lehnte die Bitte schroff ab trotz des Zuredens aus

seiner Umgebung; es wurde den beiden Schwestern nur gestattet, drei

Mädchen und einen Diener zu behalten.

Die männliche armenische Bevölkerung ist gleich vor der Stadt

umgebracht worden; die Frauen, Mädchen und Kinder hat man noch eine

Tagereise weiter geschleppt und dann beseitigt. Nur drei armenische

Lehrerinnen vom Waisenhause sind später freigelassen worden.

Nach Räumung der Stadt wurde das armenische Viertel in Brand gesteckt

und dem Erdboden gleich gemacht; ebenso die armenischen Dörfer.

Bei diesen Vorfällen hat sich der Militärarzt, ein Albanese, durch

Roheit ausgezeichnet und auch die beiden Schwestern bedroht.

Am 10. August reisten diese nach Mesereh Kharput ab, wo sie am 20.

August eintrafen. Zusammen mit dem erkrankten Mutessarrif, der 2 Tage

später starb.

Über die Ausrottung der Armenier in Kharput hat die Schwester Alma

ebenfalls eingehende Angaben gemacht. Die Verfolgungen begannen dort

schon im Mai, die Massenausrottung der Männer fand in den ersten

Julitagen statt.

Von Einzelheiten erwähne ich:

Die offiziellen Kreise in Musch, Mesereh-Kharput und Siwas behaupten

einstimmig, daß die Deutschen die türkische Regierung zur Vertreibung

und Ausrottung der Armenier gedrängt hätten.

Mordtmann.

197.

Der Reichskanzler. Berlin, den 10. November 1915.

In der abschriftlich anliegenden Eingabe haben namhafte Vertreter

protestantischer Kreise Deutschlands die Armenierfrage bei mir zur

Sprache gebracht. Mit dem gleichen Gegenstande beschäftigt sich die

in Abschrift beigefügte Entschließung der Missionskonferenz des

Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Beide Kundgebungen zeigen die

steigende Sorge und Erregung, mit der auch in Deutschland das Vorgehen

der Türken gegen die Armenier verfolgt wird.

Euer Hochwohlgeboren bitte ich, unter Berücksichtigung der in den

Anlagen dargelegten Gesichtspunkte und Wünsche weiter bei jeder sich

bietenden Gelegenheit und mit allem Nachdruck Ihren Einfluß bei der

Pforte zugunsten der Armenier geltend zu machen und insbesondere Ihr

Augenmerk darauf zu richten, daß die Maßregeln der Pforte nicht etwa

noch auf andere Teile der christlichen Bevölkerung in der Türkei

ausgedehnt werden.

Über die Entwickelung der Angelegenheit wollen Euer Hochwohlgeboren

mich fortlaufend unterrichten.

von Bethmann Hollweg.

Seiner Hochwohlgeboren

dem Kaiserlichen Geschäftsträger Herrn

Freiherrn von Neurath, Konstantinopel.

Anlage 1.

Berlin, den 15. Oktober 1915.

Euer Exzellenz!

Die Unterzeichneten fühlen sich in ihrem Gewissen gedrängt, der Unruhe

Ausdruck zu geben, in die sie und wachsende Kreise deutscher Christen

durch das jammervolle Geschick des armenischen Volkes in der Türkei

versetzt sind, dem nach glaubhaften Nachrichten die Ausrottung droht,

wenn den unmenschlichen Maßregeln, denen es unterworfen ist, nicht

schleunigst Einhalt geboten wird.

Diese Nachrichten zeichnen uns folgendes Bild:

Nachdem bereits seit Ausbruch des russisch-türkischen Krieges Hunderte

von armenischen Dörfern durch Kurden und irreguläre Milizen in den

östlichen Wilajets geplündert und Tausende von wehrlosen Armeniern

ermordet worden, ist seit Ende Mai die Deportation der gesamten

armenischen Bevölkerung aus allen anatolischen Wilajets und Cilizien

in die arabischen Steppen südlich der Bagdadbahn angeordnet worden.

Diese Maßregel ist mit unmenschlicher Härte in den vergangenen Monaten

durchgeführt worden. Während die wehrhaften Männer des armenischen

Volkes zur Armee eingezogen und unbewaffnet auf den Etappenstraßen

des Innern als Lastträger und Chausseearbeiter verwendet wurden, hat

man die des männlichen Schutzes beraubten Frauen, Kinder, Kranke und

Greise aus ihren Wohnsitzen ausgetrieben, ihrer Habe beraubt und

ohne Ausrüstung und Proviant, barfüßig, hungernd, verschmachtend und

fortgesetzten Mißhandlungen und Schändungen ausgesetzt, in Haufen von

Hunderten und Tausenden gleich Viehherden durch rohe Saptiehs mehr als

hundert Meilen weit in die Verbannung treiben lassen. Die Maßregel

wurde dadurch eingeleitet, daß in der Hauptstadt und in den Zentren des

Innern die Führer des Volkes, Intellektuelle, Notable und kirchliche

Würdenträger, über Nacht ins Gefängnis geworfen und ohne Verhör und

Gerichtsverfahren erschossen oder deportiert wurden. Zum Arbeitsdienst

einberufene Militärpflichtige sind auf den Straßen überfallen und

erschossen worden. Von den deportierten Frauen, Kindern und Greisen

sollen weniger als die Hälfte an ihren Bestimmungsorten angekommen

sein. Mädchen und junge Frauen wurden in türkische Harems und kurdische

Dörfer verschleppt, wo ihnen keine andere Wahl bleibt, als den Islam

anzunehmen. Ebenso sind zahllose Kinder ihren christlichen Eltern

abgenommen worden und werden nun als Muslims auferzogen. Von der

Deportation verschont wurden nur viele Hunderte von christlichen

Familien, die sich entschlossen, den Islam anzunehmen. Die Maßregel

der Verschickung hatte in Wahrheit den Charakter eines Massakres von

allergrößtem Maßstabe. Durch Schlächtereien an bestimmten Stellen des

Weges, durch Verhungern und Verschmachten sind die Deportierten, wie es

scheint, auf die Hälfte ihrer Zahl vermindert worden.

Es ist naturgemäß vor der Hand nicht möglich, genaue Angaben über die

Zahl der Deportierten und Massakrierten zu machen. Nach der Statistik

des armenischen Patriarchates waren die von der Deportation betroffenen

Wilajets von 1200000 Armeniern bewohnt. Will man auch annehmen, daß ein

Teil der Bevölkerung in die Berge flüchten konnte und entlegene Bezirke

verschont blieben, so bleibt doch etwa 1 Million armenischer Christen,

die von den Deportationen und Schlächtereien betroffen wurden, und zwar

ohne Unterschied der Konfession, Gregorianer, römische Katholiken und

Protestanten. Ob die Hälfte oder wieviel immer davon umgebracht wurde,

ob die Zahl der zum Islam konvertierten Familien nach Tausenden oder

Zehntausenden rechnet, kann zurzeit niemand angeben. Darüber aber kann

kein Zweifel sein, daß der Schlag, der das arbeitsamste und strebsamste

christliche Volk des Orients betroffen hat, in wirtschaftlicher,

kultureller und politischer Beziehung die verhängnisvollsten Folgen für

die Zukunft der Türkei haben und schon bei den Friedensverhandlungen

die Interessen und die Ehre der mit der Türkei verbündeten Mächte aufs

empfindlichste berühren wird.

Der Handel und das Handwerk im Innern, die fast ausschließlich

in den Händen der Armenier lagen, sind vernichtet worden. Die in

Vorbereitung befindliche Deportation der armenischen Handels- und

Handwerkerbevölkerung von Konstantinopel (ca. 180000), Smyrna (28000),

Adana und einigen anderen, an der Peripherie der armenischen Gebiete

liegenden Städte, die bisher verschont waren, würde die wirtschaftliche

Entwicklung der Türkei verhängnisvoll treffen, an der Deutschland in

höchstem Maße interessiert ist. Nach dem Urteil von Kennern des Landes

ist nicht darauf zu rechnen, daß selbst in Jahrzehnten das türkische

und jüdische Element in der Lage wären, für den Ausfall des armenischen

einzutreten. Mögen zu diesen Fragen Autoritäten des wirtschaftlichen

Lebens sich äußern.

Was aber die Unterzeichneten in erster Linie beunruhigt und sie

veranlaßt, sich vertrauensvoll an Euer Exzellenz zu wenden, ist nicht

die Sorge um die Zukunft deutscher Wirtschafts- und Kulturarbeit, die

durch die Ausschreitungen des türkischen Nationalismus und islamischen

Fanatismus ernstlich in Frage gestellt wird, was unser Gewissen

beunruhigt, ist die Verantwortung, die dem deutschen Volke als einem

christlichen aus dem Bundesverhältnis mit der Türkei für die zur

Sprache gebrachten Vorgänge erwächst.

Nicht nur die Ententepresse, auch die öffentliche Meinung in den

neutralen Ländern sieht Deutschland als mitverantwortlich für die

inneren Vorgänge in der Türkei an. Gewiß wird hierbei der Einfluß der

deutschen Diplomaten auf die Pforte überschätzt. Aber bestehen bleibt

der Eindruck, daß Deutschland nach Ausschaltung der Ententemächte

die einzige Macht am Bosporus war, die für die Verhinderung von

Christenschlächtereien in Frage kam. Die Maßregeln, welche das

armenische Volk mit dem Untergang bedrohen, werden von der Hohen

Pforte mit revolutionären Umtrieben in der armenischen Bevölkerung und

strategischen Maßnahmen in den Grenzbezirken begründet. Mögen irgendwo

Armenier von diesem Vorwurf zu Recht getroffen werden -- nach den

uns vorliegenden Informationen liegen für ein vaterlandsfeindliches

Verhalten der maßgebenden armenischen politischen und kirchlichen

Organisationen keine Beweisgründe vor --, er rechtfertigt nicht die

getroffenen unerhörten Maßregeln. Wir enthalten uns des Urteils über

die Ziele, die die türkische Regierung mit ihnen letztlich verfolgt.

In der Ausführung aber haben sie jedenfalls dem islamischen Fanatismus

und dem Christenhaß den schlimmsten Anreiz gegeben, der auch für die

übrigen, nicht muslimischen Volkselemente der Türkei gefahrdrohend

bleibt. Es kursieren Worte wie dies: „Das Land soll rein muslimisch

sein und nichts anderes“. Dem entspricht, daß auch Missionsinstitute

ausgeräumt worden sind. Es gewinnt den Anschein, als solle jede Art von

christlichem Liebeswerk und jeder ausländische Kultureinfluß im Innern

ausgetilgt werden.

Diese Vorgänge sind für die übrige Christenheit schlechthin

unerträglich und müssen auch der Türkei in ihrem berechtigten Streben,

ihre inneren Verhältnisse gegen Eingriffe von außen sicherzustellen,

kaum überwindliche Schwierigkeiten bereiten. Die Erregung im

neutralen und feindlichen Auslande hierüber ist im Wachsen und muß zu

leidenschaftlichem Ausdruck kommen, sobald die Tatsachen in vollem

Umfange bekannt werden. Wird sich nicht diese Entrüstung mit ganzer

Schärfe gegen Deutschland wenden, dem allein die Welt zutraut, daß es

durch sein Verhältnis zur Türkei diese furchtbaren Dinge verhüten und

etwa notwendige Maßnahmen auf das strategisch Gebotene einschränken

konnte? Wie man Deutschland für den Eintritt der Türkei in den Krieg

und für die Erklärung des „heiligen Krieges“ verantwortlich gemacht

hat, so wird man ihm die ganze Schuld an der Vernichtung eines

christlichen Volkes beimessen. Die Wirkung wird, wie wir fürchten, noch

tiefer gehen, als bei der Agitation wegen der angeblichen belgischen

Greuel.

Während aber bisher alle Anschuldigungen des Auslandes an dem

einmütigen guten Gewissen unseres Volkes wirkungslos abprallten,

werden diese Nachrichten, deren Bekanntwerden niemand verhindern

kann, auf die deutschen Christen die unheilvollste Wirkung haben.

Schon bei der Erklärung des heiligen Krieges regten sich in manchen

Kreisen Gewissensbedenken; wir vermochten sie durch den Hinweis zu

beschwichtigen, daß dieser heilige Krieg nicht gegen die Christen als

solche, sondern in Gemeinschaft mit christlichen Völkern gegen die

Feinde der Türkei geführt werde. Niemand vermag aber die lähmende

Wirkung auf die Freudigkeit der deutschen Christen zu verhindern,

wenn sie es mit ansehen müssen, wie von ihren Bundesgenossen ein

ganzes Christenvolk vernichtet wird. In dem guten Gewissen, mit dem

wir alle Gott um den Sieg für unsere Waffen anrufen, wurzelt die

Widerstandskraft unseres Volkes. Diese Einmütigkeit und Freudigkeit

droht erschüttert zu werden, wenn bekannt wird, daß von unseren

andersgläubigen Bundesgenossen Hunderttausende unserer Glaubensgenossen

grundlos und sinnlos zu Tode gehetzt werden, ohne daß unsererseits das

Mögliche zu ihrer Rettung geschah.

Es ist uns bekannt, daß seitens der deutschen Regierung wiederholt

Schritte getan sind, um, auch im eigenen Interesse der Türkei, der

Vernichtung der Armenier zu steuern.

Die Tatsachen zeigen leider, daß diese Schritte das Verhängnis

nicht haben aufhalten können. Die türkische Regierung hat, soweit

wir unterrichtet sind, bisher nicht das Erforderliche getan, um die

Deportierten vor dem Hungertode zu bewahren, ja sogar Versuche, den

notleidenden Frauen und Kindern Hilfe zu bringen, abgelehnt. Es ist

zu befürchten, daß auch die noch überlebenden Deportierten, in der

Hauptsache Frauen und Kinder, dem Untergange geweiht werden.

Das können wir, das kann unser christliches Volk nicht schweigend mit

ansehen. Die türkische Regierung, die selbst planvoll das islamische

Gemeingefühl aller Länder für ihre nationalen Ziele wachruft und

verwertet, darf ihren christlichen Bundesgenossen nicht zumuten, daß

sie ihr christliches Gemeingefühl zum Stillschweigen verurteilen.

Sie muß es erkennen, in welchem Grade sie für die Zukunft ihren

eigenen Weg erschwert, wenn sie unter ihrer Verantwortung eine

ungeheure Tat geschehen läßt, die die gesamte Christenheit als einen

Schlag in ihr Angesicht empfinden muß. Es muß verhütet werden, daß

die Ehre des deutschen Namens auch nur mit dem Schein der Mitschuld

an den gekennzeichneten Schandtaten befleckt wird. Der Gedanke ist

unerträglich, daß, während wir Deutsche gefangenen Muhammedanern

Moscheen bauen, Hunderte von christlichen Kirchen zerstört oder

in Moscheen verwandelt werden. Es bedrückt unser Gewissen, daß,

während die deutsche Presse den Edelmut und die Toleranz unserer

muhammedanischen Bundesgenossen preist, von Muhammedanern unschuldiges

Christenblut in Strömen vergossen wird und Zehntausende von Christen

zwangsweise zum Islam konvertiert werden.

Wir verkennen nicht die Pflichten, die uns deutschen Christen aus dem

Bundesverhältnis unseres Reiches mit der Türkei erwachsen. Wir teilen

aufrichtig den Wunsch, daß ihr aus ihrem heldenmütigen Kampf an unserer

Seite die verdienten Früchte zufallen, und wir wünschen durchaus

nicht, ihr in irgend einer Weise unnötige Schwierigkeiten zu machen.

Aber wir können auch die Pflichten gegen unsere Glaubensgenossen nicht

verleugnen. Wir handelten sonst gegen Ehre und Gewissen, und es fiele

ein Schatten auf den Sieg unseres Volkes.

Wir bitten daher Euer Exzellenz, der Hohen Pforte die Unerträglichkeit

der geschaffenen Lage und die äußerste Dringlichkeit von

Abhilfemaßregeln mit allem Nachdruck vorzustellen, und dabei

vornehmlich drei Ziele ins Auge zu fassen, die auf keine Weise dem

Wohle der Türkei oder der Erreichung unserer Kriegsziele widerstreiten,

dagegen aufs engste mit den Forderungen der Menschlichkeit und mit dem

wirtschaftlichen Interesse verknüpft sind:

1. daß der Deportation der bisher verschonten armenischen Bevölkerung

von Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und anderen, noch nicht betroffenen

Städten und Distrikten ein Riegel vorgeschoben wird,

2. daß nicht nur angebliche und scheinbare, sondern wirkliche und

wirksame Maßregeln getroffen werden, um die Hunderttausende von

deportierten Frauen und Kindern in den mesopotamischen Steppen am Leben

zu erhalten und weitere Grausamkeiten an den noch übrigen Armeniern zu

verhindern,

3. daß Christen anderer Länder es ermöglicht werde, vielleicht

unter der Mitwirkung deutscher und neutraler Vertrauensleute, den

notleidenden Deportierten Hilfsdienste zu erweisen und Unterstützungen

zukommen zu lassen.

Beim Friedensschluß bitten wir darauf Bedacht zu nehmen, daß

den jetzt zwangsweise islamisierten Christen die Rückkehr zum

Christentum ermöglicht und für eine künftige friedliche und loyale

Weiterentwicklung der christlichen Minderheiten in der Türkei und für

die ungehinderte Fortführung der christlichen Liebes- und Kulturarbeit

im Orient die nötige Bürgschaft gegeben werde.

Wir bitten Euer Exzellenz in Ehrerbietung, uns möglichst bald in

die Lage zu versetzen, daß wir der Beunruhigung unter den deutschen

Christen entgegentreten und die Anklagen des Auslandes wirksam

entkräften können.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 71 / 134 题