3. Ein Teil der Kaufleute und Notabeln hatte die Möglichkeit, ihre
Waren, Sachen und Kostbarkeiten der Ottomanbank zur Aufbewahrung in der
armenischen Kirche zu geben.
4. Die Regierung stellte vielen mittellosen Familien Ochsenkarren
unentgeltlich zur Verfügung.
5. Diejenigen Männer, deren Familien ohne weiteren männlichen Schutz
waren, wurden aus den Arbeiterbataillonen entlassen und durften ihre
Familie begleiten.
Eine weitere humane Anordnung der Zivilverwaltung, daß Kranke,
alleinstehende Frauen und Kinder in Erzerum bleiben sollten, wurde
durch Befehl der Militärbehörde bzw. auf Betreiben des Komitees
aufgehoben.
Es ist tief bedauerlich, daß infolge der von der Militärbehörde
geduldeten Haltung des Komitees und seiner dunklen Hintermänner die
Maßnahme der Aussiedelung der Armenier aus den Grenzgebieten in einen
Rache-, Vernichtungs- und Raubfeldzug gegen sie umgewandelt wurde.
Von vernünftig denkenden weiten Kreisen der türkischen Bevölkerung,
besonders von den Grundbesitzern, wird diese Ausrottungspolitik auch
nicht gebilligt.
Meine Berichte und meine Tätigkeit in der Armenier-Frage
zusammenfassend bemerke ich folgendes:
Es würde hier zu weit führen, auf die Ursachen der Armenierunruhen
einzugehen und zu untersuchen, ob dieselben durch zweckmäßige Maßregeln
und Verhandlungen der Regierung hätten vermieden werden können. Soviel
mir bekannt, ist in dieser Hinsicht rechtzeitig nichts geschehen. Es
ist ferner selbstverständlich, daß dort, wo auf Betreiben armenischer
Revolutionäre und russischer Emissäre Aufstände stattgefunden haben,
mit aller Strenge gegen die Schuldigen vorgegangen wird. Ich hätte
sogar viel schärfere Vorbeugungsmaßregeln der Regierung und der
Militärbehörden an bedrohten Punkten erwartet und gewünscht, nicht
aber, wie das meist geschehen, nachträgliche Vergeltungsmaßregeln. Für
einen allgemein beabsichtigten und vorbereiteten Aufstand der Armenier
fehlen jedoch meines Erachtens jegliche Beweise.
Daß sich eine von ihrer eigenen Regierung unterdrückte und schlecht
behandelte, folglich also unzufriedene Grenzbevölkerung anderer
Nationalität und anderen Glaubens einem siegreich vordringenden Feinde
desselben Glaubens, der sich zudem als Befreier ausgibt und sie mit
Versprechungen lockt, anschließt, erscheint mir, wenn auch bedauerlich,
so doch natürlich und ist auch auf anderen Kriegsschauplätzen
vorgekommen. Ebenso natürlich sind dagegen politische und scharfe
militärische Abwehrmaßnahmen. Es erscheint mir aber unnatürlich und
einer auf Zivilisation Anspruch erhebenden Regierung unwürdig, wenn
dieselbe zuerst keinerlei Maßregeln trifft, um einer vorauszusehenden
Erhebung einiger Teile eines mit Recht unzufriedenen Volkes, sei es
durch geeignete militärische Vorkehrungen, sei es durch politische
Verhandlungen vorzubeugen, sondern eine solche durch ihre Untätigkeit
und durch das provokatorische Verhalten ihrer Polizeiorgane und
„Tschättäh“ (berittenen Freiwilligen) geradezu herausfordert.
Auf Grund dieser Erwägungen und in Anbetracht der ganzen Sachlage hielt
ich es als Vertreter der deutschen Regierung für meine Pflicht, dem
Vorgehen der Regierung gegen die Armenier und den gegen sie getroffenen
Maßnahmen nicht stillschweigend zuzusehen, sondern da wir diese
Maßnahmen nicht hindern können, wenigstens auf eine möglichst milde
Form der Ausführung hinzuarbeiten. Ich habe die Unbequemlichkeiten
ja Gefahren, die mit meiner Haltung bisweilen für mich verknüpft
waren, auch deshalb gern auf mich genommen, weil ich annahm, daß es
meiner Regierung nur angenehm sein dürfte, zu wissen, daß ihr hiesiger
Vertreter mit allen ihm zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln für
eine humane und rechtmäßige Behandlung unschuldig Leidender eingetreten
ist.
Bei diesen meinen Bestrebungen bin ich von vernünftig denkenden
Türken aus Regierungs- und Militärkreisen unterstützt worden, soweit
dieselben davon nicht durch die Furcht vor dem Komitee zurückgehalten
wurden. In dem Ortskomitee wiederum war es eine kleine Gruppe ziemlich
minderwertiger, aber die anderen terrorisierenden Individuen,
die, durch persönliches Interesse und Habgier veranlaßt, einen
Vernichtungsfeldzug gegen die Armenier predigte. Dies waren übrigens
dieselben Leute, die durch ihr beispiellos brutales Vorgehen in den von
den Türken vorübergehend eroberten Gebieten, wie Ardanuß, Ardahan, Olti
usw. die türkische Sache bei den muselmanischen Bewohnern Rußlands auf
lange hinaus, wenn nicht auf immer, schädigten.
Leider ist der Einfluß dieser dunklen Komitee-Hintermänner, die
außerdem durchaus deutschfeindlich sind, stärker als man im allgemeinen
anzunehmen geneigt ist. Diesen Einfluß erhalten sie sich schon durch
ihr Terrorisierungssystem und kann derselbe meines Erachtens nur
durch sehr energisches Auftreten gegen sie gebrochen werden. Ein
Überhandnehmen des Einflusses und der „Regierungsmethoden“ dieser Leute
bedeutet eine Gefahr nicht nur für die Türken, sondern auch für uns,
ihre Bundesgenossen. Denn die Art der Behandlung der Armenierfrage hat
deutlich gezeigt, welches gefährliche Instrument die Regierungsgewalt
in der Hand keine Verantwortung tragender und nur persönliches
Interesse kennender Leute ist.
Ich erlaube mir beizufügen:
Bericht über das vom Kriegsfreiwilligen Karl Schlimme auf seinem Ritt
nach Trapezunt Gesehene.
von Scheubner-Richter.
An Seine Durchlaucht den Kaiserlichen Botschafter
Fürst zu Hohenlohe-Langenburg, Konstantinopel.
130.
Erzerum, den 5. August 1915.
Bericht über meine Reise nach Trapezunt.
Am 18. Juni ritt ich von hier im Auftrage von Herrn Vizekonsul von
Scheubner nach Trapezunt. Bis Baiburt ritt ich zusammen mit den
Mitgliedern der österreichischen Ski-Mission. Die Herren waren vom
hiesigen Wali gebeten worden, eine armenische Familie, u. a. die
Schwester des hiesigen armenischen Bischofs mitzunehmen, welche
einen Passierschein nach Angora erhalten hatten. In Baiburt wurde
von uns verlangt, daß wir die Familie herausgeben sollten. Als wir
uns weigerten, wurden die Kutscher fortgenommen, so daß wir die
Wagen selbst weiter fahren mußten. Dr. Pietschmann bat mich, ihn
weiter bis Ersindjan zu begleiten, auch wurden in Baiburt keine
Telegramme von uns für das deutsche Konsulat angenommen. Während wir
noch verhandelten, bemerkten wir, daß man uns die Armenier gewaltsam
entreißen wollte. Wir machten die Gewehre zum Schuß fertig und
konnten nur dadurch unbelästigt aus Baiburt hinauskommen. Unterwegs
bemerkten wir regelrechte Posten von Komitatschis. Die uns begleitenden
Gendarmen weigerten sich, weiter mitzukommen, und machten uns mehrfach
den Vorschlag, die Armenier niederzumetzeln. So gelangten wir unter
ständiger Erwartung eines Überfalles nach Ersindjan.
Hier wurde uns die armenische Familie durch die Polizei abgenommen und
interniert.
Carl Schlimme, Kriegsfreiwilliger.
131.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. 6. August 1915.
Aufzeichnung.
Gespräch des Korvettenkapitäns Humann mit Enver Pascha.
Anknüpfend an die Anwesenheit des Dr. Lepsius vom deutsch-armenischen
Komitee erwähnt Enver einen ihm bekannt gewordenen Bericht eines
amerikanischen Konsuls an den hiesigen Botschafter der Vereinigten
Staaten. Der Konsul kommt darin zum Resultat, daß die amerikanische
Regierung gut tun würde, ihre Armenierpolitik ein für allemal
aufzugeben, da die Türken durch ihr Vorgehen gegen die Armenier jede
weitere politische Aktion mit diesen unmöglich gemacht hätten. Man
habe die Armenier nicht ausgerottet, was vom politischen Gesichtspunkt
aus noch nicht das Schlimmste gewesen wäre, denn bei solchen Massakres
bliebe immer noch ein kleiner Stamm übrig, auf den man alle späteren
Hoffnungen aufbauen könnte. Man habe sie statt dessen -- was vom
politischen Gesichtspunkte aus viel schlimmer ist! -- über das ganze
Land zerstreut, so daß sie wohl oder übel in das türkische Element des
Landes aufgehen müssen. Damit sei die Grundlage für eine aussichtsvolle
Armenierpolitik ohne weiteres aus der Welt geschafft worden.
Enver erzählt weiter von den vielfachen Warnungen, die er dem
armenischen Patriarchen zu Beginn des Krieges hat zukommen lassen und
weist gleichzeitig auf das Lob hin, das kürzlich Sassonow in der Duma
den „treuen“ Armeniern in der Türkei gespendet hat.
Die Armenier, verleitet und aufgestachelt durch russische Agenten,
haben so gründlich gegen die ottomanische Bevölkerung gewütet, daß von
den 150000 Türken, die früher das Wilajet Wan aufzuweisen hatte, nur
noch 30000 Muhammedaner am Leben sind[80].
Enver ist ferner eine Verschwörung bekannt, nach welcher die etwa 30000
Armenier in der Gegend von Adabazar Ismid eine russische Landung bei
Sakaria unterstützen wollten[81].
Er selbst hat im Ministerrat den Standpunkt vertreten, daß man gerade
mit Rücksicht auf den Krieg den Versuch machen müsse, mit den Armeniern
gut und friedlich auszukommen. Er hat auch dieses dem Patriarchen
gesagt, jedoch zugleich mit dem Hinweis, daß er beim geringsten
Vorkommnis in den östlichen Armenierzentren mit drakonischen Maßnahmen
einschreiten würde. Das Heer, das im Kaukasus gegen einen mächtigen
Feind kämpft, müsse unbedingt die Gewißheit haben, daß in seinem Rücken
kein Feind steht. Dafür werde er, der militärische Oberbefehlshaber,
mit allen Mitteln sorgen.
Enver Pascha ist übrigens bereit, Dr. Lepsius zu empfangen und mit ihm
die Armenierfrage zu erörtern[82].
132.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Erzerum, den 10. August 1915.
An das Auswärtige Amt.
Die armenische Frage, welche seit Jahrzehnten die Diplomatie Europas
beschäftigt hat, soll nun im gegenwärtigen Krieg gelöst werden. Die
türkische Regierung hat den Kriegszustand und die sich ihr durch die
Armenieraufstände in Wan, Musch[83], Karahissar[84] und anderen Orten
bietende Gelegenheit benutzt, um die Armenier Anatoliens zwangsweise
nach Mesopotamien auszusiedeln. Durch Unterdrückung der armenischen
Schulen, Verbot der Korrespondenz in armenischer Sprache und ähnliche
Maßregeln hofft sie, die politischen und kulturellen Bestrebungen der
Armenier endgültig zu unterdrücken. Sie hofft vielleicht weiter dabei,
die Armenier wirtschaftlich so zu schädigen, daß es ihnen in Zukunft
nicht mehr möglich sein wird, ein selbständiges kulturelles Leben zu
führen. Ich will hier davon absehen, daß diese Regierungsmaßnahmen
in einer Form ausgeführt wurden, die einer absoluten Ausrottung der
Armenier gleichkam. Ich glaube auch nicht, daß es auf andere Weise
gelingen könnte, eine Kultur zu vernichten, die älter und viel höher
ist, als die der Türken. Auch sonst scheinen mir die Armenier gleich
den Juden als Rasse von großer Widerstandskraft. Durch ihre Bildung,
ihre kommerziellen Fähigkeiten, ihr Anpassungsvermögen dürfte es ihnen
gelingen, auch unter ungünstigsten Verhältnissen wirtschaftlich wieder
zu erstarken. Nur eine gewaltsame Ausrottungspolitik, ein gewaltsames
Vernichten des ganzen Volkes könnte die türkische Regierung auf diesem
Wege zum ersehnten Ziel, zur „Lösung“ der Armenierfrage führen. Ob
eine solche Lösung dieser Frage für die Türken zweckmäßig, möchte ich
bezweifeln. Zur Begründung führe ich folgendes an:
Die Bewohner Anatoliens setzen sich in der Hauptsache aus Türken,
Armeniern und Kurden zusammen. Die Kurden stehen kulturell am
tiefsten, die Armenier am höchsten. Die Liebe zu ihrer Heimat, zu
der von ihnen seit Jahrhunderten bewohnten armenischen Hochebene,
bildet einen Grundzug ihres Charakters, und mit den sympathischsten.
Hätten sie diese Liebe nicht, so wäre ihnen als Volk viel Leid
erspart geblieben. In den Städten dominieren sie in wirtschaftlicher
Hinsicht, fast der gesamte Handel liegt in ihren Händen. Durch ihren
rege ausgeprägten Erwerbssinn und ihre Gewinnsucht machen sie oft
keinen angenehmen Eindruck. Der türkische Händler gibt ihnen in
letzter Hinsicht allerdings wenig nach, ist ihnen aber in Bezug auf
kaufmännische Fähigkeiten weit unterlegen. Denn wer von den Türken nur
einigermaßen über Bildung verfügt, eventuell eine europäische Sprache
spricht, wählt die Beamtenlaufbahn und hat, in der Provinz wenigstens,
die Anwartschaft auf den Posten eines Wali. Der überraschend hohe
Bildungsgrad der Armenier sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, den
sie dem Wirken ihrer Geistlichkeit und ihren vorzüglichen Schulen zu
verdanken haben, befähigt sie, sich mit europäischer Kultur und Technik
bekannt zu machen und die Einführung derselben in ihrem Wohnsitz zu
fördern. Hierbei sei bemerkt, daß der Einfluß französischer Kultur auf
die Armenier ein sehr starker ist und ihre Sympathien wohl auch auf
französischer Seite sind. Die vielen unter Leitung von französischen
Geistlichen stehenden Schulen haben in dieser Hinsicht einen starken
Einfluß ausgeübt.
Auch politisch ist in Ostanatolien unter den Armeniern von
französischer und englischer, besonders aber von russischer Seite
eine starke Propagandatätigkeit ausgeübt worden. England und Rußland
hatten ein politisches Interesse daran, daß die der Türkei aus der
Armenierfrage erwachsenden Schwierigkeiten nicht aus der Welt
geschafft würden. Sie spielten sich als Beschützer der Armenier auf
und veranlaßten sie, nicht nur durch die Sachlage gerechtfertigte
Forderungen zu stellen, um ihr Los zu erleichtern, sondern auch solche
utopistisch politischer Natur. Insbesondere möchte ich dabei auf die
unheilvolle Tätigkeit der russischen Konsuln hier und in Wan hinweisen.
von Scheubner-Richter.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
133.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konsulat Trapezunt. Pera, den 11. August 1915.
„ Erzerum.
„ Adana.
„ Aleppo.
„ Mossul.
In den letzten Wochen haben die Armeniergreuel trotz unserer
wiederholten Vorstellungen einen Umfang angenommen, der es uns zur
Pflicht macht, wo erforderlich, unsere entschiedene Mißbilligung
dieser Vorgänge zum Ausdruck zu bringen. Verschiedentlich haben
türkische Offiziere, Geistliche und andere Personen im Innern offen
ausgesprochen, wir seien die Urheber dieser Greuel; einer solchen uns
kompromittierenden Auffassung muß energisch entgegengetreten werden.
Hohenlohe.
134.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 12. August 1915.
Ankunft in Pera, den 12. August 1915.
Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
1. Hiesige Armenier schätzen jetzt die Zahl der im Osten umgekommenen
Armenier auf wenigstens zwei, wahrscheinlich mehrere hunderttausend
Seelen. In den weitaus überwiegenden Fällen sei die Tötung der Männer
nicht durch Kurden, sondern durch Gendarmen erfolgt.
Es sind ernste Anzeichen dafür vorhanden, daß die Methode, die
Verbannten auf der Wanderung umzubringen, auch in den Bezirken Aleppo
und Marasch befolgt werden soll. Djemal Paschas Befehle stehen dem
entgegen, das Komitee arbeitet jedoch dafür.
2. Die protestantischen Armenier haben den Kriegsminister und den
Minister des Innern erneut telegraphisch um die gleiche Vergünstigung
wie die katholischen Armenier gebeten.
Rößler.
Notiz: Werde Talaat Bey bei erster Gelegenheit wegen der
protestantischen Armenier interpellieren.
Mordtmann.
135.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 14. August 1915.
Deutsches Konsulat, Damaskus.
Wie das Konsulat in Aleppo meldet, steht die Umsiedelung der Armenier
aus dem Wilajet Aleppo und Marasch bevor und man befürchtet Massakre
der Auszutreibenden. Bekanntlich hat Djemal Pascha wiederholt Befehle
gegen solche Ausschreitungen gegeben, diese Befehle werden aber von
anderer unverantwortlicher Seite nicht immer beachtet. Bitte daher
Djemal Pascha veranlassen, seine diesbezüglichen Befehle für den
vorliegenden Fall zu erneuern.
Hohenlohe.
136.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 12. August 1915.
Die systematische Niedermetzelung der aus ihren Wohnsitzen deportierten
armenischen Bevölkerung hatte in den letzten Wochen einen derartigen
Umfang angenommen, daß eine erneute eindringliche Vorstellung
unsererseits gegen dieses wüste Treiben, das die Regierung nicht
nur duldete, sondern offensichtlich förderte, geboten schien, zumal
da an verschiedenen Orten auch die Christen anderer Rassen und
Konfessionen nicht mehr verschont wurden. Dazu kam, daß in diesen Tagen
die Behörden damit begonnen hatten, die armenischen Einwohner von
verschiedenen Ortschaften in der Umgegend von Ismid (Nikomedien), also
in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt, umzusiedeln, weil sie angeblich
eine russische Landung an der Mündung des Sakaria unterstützen wollten.
Diese Maßregel rief unter der hiesigen armenischen Bevölkerung
eine schwere Beunruhigung hervor, und man wollte wissen, daß nach
Ablauf der heute beginnenden Bairamfesttage die hiesigen Armenier
ebenfalls ausgetrieben werden würden. Bei der großen Anzahl der hier
ansässigen Armenier (nach niedrigster Schätzung 80000 Seelen) hätte
die Ausführung eines solchen Vorhabens nicht nur tiefgehende Störungen
von Handel und Wandel zur Folge gehabt, sondern auch Leben and
Eigentum der nichtmohammedanischen Einwohnerschaft, die Fremden nicht
ausgeschlossen, ernstlich gefährdet.
Ich habe daher am 11. d. M. das in Abschrift beigefügte Memorandum
auf der Hohen Pforte übergeben. Talaat Bey, der es in Abwesenheit
des Großwesirs in Empfang nahm, versprach, soweit möglich Abhilfe
zu schaffen und versicherte auf meine Anfrage, daß die Armenier von
Konstantinopel nicht verschickt werden sollten.
Der auf der Pforte anwesende Kammerpräsident Halil Bey, der
anscheinend das Vorgehen der Regierung gegen die Armenier nicht
billigt, behauptete, daß die Massakres und anderen Greuel nicht von
der Regierung gebilligt würden, aber die Regierung sei nicht immer
in der Lage gewesen, die Ausschreitungen der Volksmassen zu hindern,
auch hätten die untergeordneten Behörden bei der Ausführung der
Deportationsmaßregel Mißgriffe getan.
Im Anschluß an vorstehendes muß erwähnt werden, daß unter der
türkischen Bevölkerung im Innern vielfach die Auffassung besteht, daß
die deutsche Regierung mit der Ausrottung der Armenier einverstanden
sei und sie sogar geradezu veranlaßt habe. Ich habe daher die
Kaiserlichen Konsulate in Anatolien angewiesen, solchen, für uns
kompromittierenden Anschauungen, die sogar von Offizieren, Geistlichen
und andern Persönlichkeiten der besseren Klassen offen geäußert werden,
entschieden entgegenzutreten. Euerer Exzellenz Ermessen darf ich
ergebenst anheimstellen, ob es sich nicht empfiehlt, zu geeignetem
Zeitpunkt auch in der deutschen Presse darauf hinzuweisen, daß wir den
Zwangsmaßregeln der türkischen Regierung gegen die Armenier durchaus
fernstehen und daher auch nicht verantwortlich sind für die dabei
vorgekommenen Ausschreitungen, die wir nur mißbilligen und bedauern
können.
Endlich scheint es zur Unterstützung der hier unternommenen Schritte
erwünscht, den neuen ottomanischen Botschafter dort auf die etwaigen
Folgen der Armenierpolitik seiner Regierung und unsern Standpunkt in
dieser Frage aufmerksam zu machen.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Kaiserliche Deutsche Botschaft
in Konstantinopel.
Pera, le 9 août 1915.
Memorandum.
Par son memorandum du 4 Juillet l’Ambassade d’Allemagne a eu
l’honneur de faire connaître à la Sublime Porte la manière de voir du
Gouvernement Impérial Allemand au sujet de l’expatriation des habitants
arméniens des provinces Anatoliennes, et d’attirer son attention sur le
fait que cette mesure avait été accompagnée en plusieurs endroits par
des actes de violence, tels que massacres et pillages qui ne pouvaient
pas être justifiés par le but que le Gouvernement Impérial Ottoman
poursuivait.
L’Ambassade d’Allemagne regrette de devoir constater que, d’après les
renseignements qu’elle a reçus depuis lors de sources impartiales
et dignes de foi les incidents de ce genre, au lieu d’être empêchés
par les autorités locales, ont régulièrement suivi l’expulsion des
Arméniens de sorte que la plupart d’eux ont péri avant même d’arriver
au lieu de leur destination. Ce sont surtout les provinces de
Trébizonde, de Diarbékir et d’Erzéroum d’où ces faits sont signalés; en
certains endroits, comme à Mardine, tous les Chrétiens sans distinction
de race ou de confession ont subi le même sort.
En même temps le Gouvernement Impérial Ottoman a cru devoir étendre la
mesure d’expatriation aux autres provinces de l’Asie Mineure et tout
dernièrement les villages arméniens des districts d’Ismid à proximité
de la capitale ont été évacués de leurs habitants dans des conditions
pareilles.
En présence de ces événements l’Ambassade d’Allemagne par ordre de son
Gouvernement, est obligée de remontrer encore une fois contre ces actes
d’horreur et de décliner toute responsabilité des conséquences qui
en pourraient résulter. Elle se voit forcée à attirer l’attention du
Gouvernement Ottoman sur ce point d’autant plus que l’opinion publique
est déjà portée à croire que l’Allemagne en sa qualité de puissance
amie et alliée de la Turquie aurait approuvé ou même inspiré ces
actions de violence.
137.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat. Aleppo, den 13. August 1915.
Der Diakon Künzler aus Urfa hatte seinen mit Bericht vom 11 d. M.
eingereichten Brief mit den Worten geschlossen: „Über die Furchtbarkeit
der Frauen- und Kindertransporte wird Ihnen ein Augenzeuge mündlich
berichten.“ Dieser Zeuge, ein Österreicher, der mir seit zwei Jahren
genau bekannt ist und für dessen Wahrheit in der Darstellung ich
persönlich einstehe, hat zur Erholung einige Wochen in einem Weinberge
bei Urfa mit seiner Frau zugebracht, ist aber vorzeitig zurückgekehrt,
weil er die Greuel nicht länger mit ansehen mochte. Auf meinen Wunsch
hat er einige seiner Beobachtungen in der in anliegender Abschrift
gehorsamst eingereichten Aufzeichnung niedergelegt. Übrigens ist er
auf dem Wege von Urfa nach Arab Punar einem sehr ernsten Raubanfall
ausgesetzt gewesen, den er hat zurückschlagen können, weil die Räuber
nicht darauf vorbereitet waren, daß er Feuerwaffen bei sich hatte und
weil ihm einige von den Angreifern nicht bemerkte Kutscher zu Hilfe
eilten. Offenbar haben die Räuber einem Zuge Armenier aufgelauert. Die
Frau des Österreichers liegt an den Folgen des Schrecks noch jetzt
krank.
Der Vertreter der deutschen Orient-Handels- und Industriegesellschaft,
Teppichmanufaktur Urfa, Herr Franz Eckart, hat den in anliegender
Abschrift gehorsamst beigefügten Brief vom 5. August an mich gerichtet.
Dieser Brief, sowie die allgemeine Lage in Urfa hat mich veranlaßt, ein
Schreiben an den Mutessarrif in Urfa zu richten, in dem ich ihm den
Schutz der dortigen Deutschen für ihre Person, für ihr Personal und für
die Ausübung ihrer Tätigkeit besonders empfohlen habe.
Über einen weiteren aus Adiaman abgegangenen Trupp sind mir, wie in
früheren ähnlichen Fällen, genaue Mitteilungen gemacht worden. Von 696,
die Adiaman verließen, sind 321 in Aleppo angekommen; 206 Männer und 57
Frauen sind getötet worden, 70 Frauen und Mädchen und 19 Knaben sind
entführt worden. Über den Rest fehlen die Angaben.
Ein aus Siwas am 12. d. M. hier angekommener Trupp war 3 Monate lang
unterwegs und völlig erschöpft. Gleich nach der Ankunft sind einige
gestorben. Vielfach hatte man ihm unterwegs das Wasser verweigert. Am
Muradsu sind sie 14 Tage lang an einer Stelle im Kreise herumgeführt
worden, in der Weise, daß sie tagsüber kein Wasser hatten. Die Zahl der
Verluste bei diesem Trupp ist mir nicht bekannt geworden.
Wie mir der hiesige Wali, Beschir Sami Bey, heute mitteilt, ist die
den katholischen Armeniern gewährte Vergünstigung wieder aufgehoben
worden. Alle ohne Ausnahme werden verschickt. Auf der anderen Seite hat
er erklärt, daß er Ungesetzlichkeiten oder Einflüsse unverantwortlicher
Stellen in seinem Wilajet nicht dulden und gegen etwaige Missetäter
auf das schärfste vorgehen werde. Leider verhindert dieser gute Wille
nicht solches Unglück, das aus mangelnder Organisation und Vorbereitung
erwächst. Es ist kein Zweifel, daß auch im Wilajet Aleppo, z. B.
auf dem Weg von Bab nach Membidj, zahlreiche Frauen und Kinder an
Erschöpfung zugrunde gegangen sind.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
Anlage I.
Aufzeichnungen eines Österreichers.
Dem Deutschen Konsulat Aleppo am 11. August 1915 übergeben.
Beobachtungen bei den Armeniertransporten in der Gegend von Urfa.
Die Transporte bestanden nur aus Frauen, Greisen und Kindern. Rüstige,
kräftige Männer fehlten. Diejenigen Trupps, die bereits eine Woche
oder noch länger auf dem Marsche waren, machten einen erbärmlichen
Eindruck. Viele von den Strapazen Übermüdete und Erkrankte hinkten mit
und zogen Kinder mit sich (viele Säuglinge und schwangere Frauen).
Bei Kindern, alten oder sonst schwachen Personen sah man meist wunde,
dickgeschwollene in Fetzen gewickelte Füße. Die meisten Transporte
hatten ihre Habseligkeiten vor Urfa verkauft, um Transportesel in
den Dörfern zu mieten (3 Medjidie pro Tag, d. i. der dreifache
des gewöhnlichen Preises). Andere Haufen brachten noch einige
Reisegegenstände und Hausgeräte mit nach Urfa, deren sie hier auf
schreckliche Weise beraubt wurden, fast ohne Geld. In der Tscharschi
verkauften selbst Soldaten Sachen dieser Transportierten. Die meisten
Angekommenen wurden im Waisenhause untergebracht, wo sie für Nahrung
selbst zu sorgen hatten. Militärposten hielten ringsum Wache. Ich
bemerkte, wie ein gieriger Händler mit gekauften Kleidern über die
Gartenmauer sprang und dem Posten das Bestechungsgeld offen in die Hand
zählte.
Durch Trinkgeld, Kauf oder Freundschaft konnte man von den wandernden
Massen Frauen, Mädchen und Kinder an sich nehmen. Später verbot die
Behörde diesen Handel; dennoch kommen die Aneignungen vor. Ich sah
selbst zwei Frauen von 16 und 30 Jahren, die von der Straße weg von
Türken zu sich genommen wurden und die mir dann -- als ich zu den
Türken noch am selben Tage als Gast kam, erzählten, sie seien aus
Adiaman und bereits 10 Tage auf dem Wege. Die Gendarmen waren gut
mit ihnen gewesen, schlugen eine räuberische Kurdenbande, die auf
Weiberraub lauerten, zurück -- in den Dörfern bekamen sie immer wieder
Brot und Käse. Tagesmärsche dauerten 6-7 Stunden, Rast hatten sie oft.
Auf dem Wege von Adiaman trafen sie nackte ermordete Frauen, auch
verstümmelte mit abgeschnittenen Brüsten, zwei noch Lebende erzählten,
sie seien vom Zuge zurückgeblieben, teils aus Krankheit, teils aus
Fluchtabsicht, wobei sie dann von den Kurden geschändet und beraubt
wurden.
Auf dem Transporte gehen viele Personen zugrunde. In Urfa stürzte vor
mir eine Frau nieder. Da der Polizist nicht zurückbleiben durfte,
forderte er einige Umstehende auf, zur Polizei zu gehen, um dies zu
melden, damit man die Kranke wegtrage. Am andern Tag fand ich dieselbe
Frau (30 Jahre alt) in einer anderen Straße vor dem Waisenhause in dem
größten Sonnenlicht auf der Straße tot liegen. Ich trat hinzu, und sie
zeigte bereits blaues Gesicht. Soldaten standen nebenan auf Posten,
Polizei und Zivil belebten den Platz. Die Frau lag meiner Schätzung
nach schon mehrere Stunden tot da. Erst meine Intervention beim
Mutessarrif veranlaßte innerhalb einer halben Stunde die Abfuhr des
Leichnams, jedoch mit einem Mistwagen.
Außerhalb Urfas (gegen Tell Abiad zu), knapp vor den Urfagärten, lag
am Straßenrande der Leichnam eines 20-24 jährigen Mannes. Niemand
beerdigte ihn, sondern Raubvögel fraßen daran.
Auf der Straße Urfa-Arab Punar sah ich wohl im Dunkeln keine Leichen,
doch mein Kutscher, der diesen Weg beständig fährt, zeigte mir längs
der Straße hin und wieder Brandstellen -- die menschlichen Kadaver
werden nämlich an Ort und Stelle verbrannt.
Manche Züge humpeln schreiend vor Schmerz dahin. Sobald sie eines
Menschen ansichtig werden, fallen viele dieser Unglücklichen auf die
Knie und erbitten Hilfe und Rettung oder legen ihre Kinder zur Annahme
vor. Auf diesen Märschen bei 56 Grad Celsius und bei Wassermangel
erliegen viele vor Erschöpfung. Wer zurückblieb, ist dem Tode sicher.
Anlage II.
Deutsche Orient-Handels- und
Industriegesellschaft m. b. H.
Teppichmanufaktur Urfa. Urfa, den 5. August 1915.
Vor einigen Tagen haben zwei junge Türken eine junge Frau aus den auf
der nahen Diarbekrstraße vorüberziehenden armenischen Emigranten nach
dem untern Teil meines Grundstückes in eine Versenkung geschleppt und
sie entkleidet, um sie zu vergewaltigen. Auf das Schreien der Frau
sind meine Kinder hinzugeeilt und haben drei in der Nähe befindliche
Arbeiter von mir zu Hilfe gerufen. Diese befreiten die Frau, welche in
mein Haus flüchtete. Nach kurzer Zeit kamen die zwei Türken mit vier
andern Begleitern vor mein Haus und forderten in meiner Abwesenheit von
meiner Frau die Herausgabe der Frau. Auf wiederholte Antwort meiner
Frau: „Hier wohnen Deutsche“ zogen sie drohend ab.
Trotz meiner Vorstellungen bei dem Gouverneur bin weder ich noch meine
Familie, noch meine Arbeiter vor weiteren Belästigungen jener Türken
sicher. Sie haben erst heute morgen wieder die drei Arbeiter von ihrer
Arbeit in meinem Garten vertrieben. Ich bin daher gezwungen, den Schutz
meiner eigenen Regierung anzurufen.
Fr. Eckart.
An das
Kaiserlich Deutsche Konsulat, Aleppo.
138.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 13. August 1915.
Das Kriegsgericht in Konstantinopel erläßt in den hiesigen Blättern
die öffentliche Ladung des bekannten armenischen Politikers und
ägyptischen Staatsmannes Boghos Nubar Pascha, der verschiedener
landesverräterischer Handlungen beschuldigt wird.
Das vom Kriegsgericht eröffnete Verfahren ist nicht ernsthaft zu nehmen.
Richtig dürfte sein, daß Nubar Pascha sich an den Verhandlungen des
Katholikos von Etschmiadsin mit den Dreiverbandmächten über die
Schaffung eines autonomen oder unabhängigen armenischen Staates aus den
ostanatolischen Provinzen beteiligt hat, bzw. noch beteiligt. Dagegen
wird -- mit Recht -- bezweifelt, daß er in einer direkten Verbindung
mit den in der Ladung genannten Blättern steht, welche Organe der
Hintschakistenpartei sind, da er sich bisher von dem bekannten
armenischen Vereine ferngehalten hat.
In der weiteren Anschuldigung, die sich auf Boghos Nubar Pascha’s
Tätigkeit in der armenischen Reformfrage[85] während der Jahre 1913
und 1914 bezieht, wird hier von manchen Seiten ein versteckter Vorwurf
gegen unsere damalige Politik erblickt, die das Zustandekommen des
Reformprojektes unterstützt habe.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
139.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 14. August 1915.
Ankunft in Pera, den 15. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Ich habe in verschiedenen deutschen Zeitungen türkische amtliche
Dementis der Christengreuel gelesen und bin über die Naivität der
Pforte erstaunt, welche die Tatsachen der Verbrechen türkischer Beamten
durch krasse Lügen aus der Welt schaffen zu können glaubt.
Holstein.
140.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 15. August 1915.
Ankunft in Pera, den 16. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Immer weiter eintreffenden Informationen zufolge sind die Armenier im
Osten schon heute so gut wie völlig vernichtet.
Regierung will die Armenier des Westens entweder auch vernichten, oder
sie weiß nicht, was sie tut. Es herrscht völlige Desorganisation, so
daß die mit der Ausführung beauftragten Beamten nicht wissen, was die
Regierung will. Die Armenier aus Cilicien, die sich in Aleppo befinden,
erhalten, wenn auch unregelmäßig, etwas Lebensunterhalt von der
Regierung. Die aus dem Osten, von denen etwa 6000 hier sind, während
täglich etwa 300 ankommen, erhalten nichts. Die von der armenischen
Gemeinde Aleppo aufgebrachten Mittel sind bald erschöpft. Früher konnte
jeder Flüchtling 4 kleine Brote täglich, jetzt nur 2 erhalten und keine
andere Nahrung. Für Tausende und aber Tausende an anderen Orten als
Aleppo sorgt niemand.
Rößler.
141.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 16. August 1915.
Ankunft in Pera, den 16. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der Abtransport der Armenier von Marasch hat begonnen. Es liegen
keine Nachrichten von der dortigen deutschen Mission vor. Ich stelle
gehorsamst anheim, eine Ausnahme für das Personal des Hospitals und
für den Lehrkörper, die Schüler und Schülerinnen der Schulen des
Hilfsbundes zu erwirken, da es sich um deutsche Anstalten handelt.
Rößler.
142.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 17. August 1915.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Vom Minister des Innern wurde mir der Schutz der deutschen Anstalten,
des Hospitals nebst Apotheke und der Schulen in Marasch, auch
das Verbleiben des Hilfspersonals und der Schulkinder zugesagt.
Gleichzeitig wurde versprochen, daß die Ortsbehörden entsprechende
telegraphische Anweisung erhalten werden.
Hohenlohe.
143.
(Bericht von Deutschen
in Konia.) Konia, den 16. August 1915.
Die unterzeichneten, zurzeit in Konia ansässigen deutschen
Staatsangehörigen gestatten sich, der Kaiserlich Deutschen Botschaft
folgenden Bericht zu unterbreiten:
Seit einer Woche sind wir Zeugen der ergreifendsten Szenen, über die
sich ein Fernstehender kaum ein Bild machen kann. Täglich kommen lange
Züge mit Armeniern an, die nach ihren Aussagen aus Ismid, Adabazar und
Umgebung ausgewiesen worden sind.
Von Durchreisenden haben wir erfahren, daß diese Ausweisungsmaßregeln
schon seit Monaten in Cilicien und Nordmesopotamien zur Anwendung
kommen, und wie wir hören, soll auch in anderen Orten Anatoliens mit
den Armeniern aufgeräumt werden. Heute erhielten auch die hiesigen
Armenier den Befehl, die Stadt innerhalb acht Tagen zu verlassen.
Was wir mit unserem Bericht bezwecken, ist, gegen die jeder
Menschlichkeit zuwiderlaufende Art der Behandlung dieser Vertriebenen
Einspruch zu erheben.
Weiber und Kinder werden mit Faust- und Stockschlägen angetrieben. Auf
offenen Karren und Tatarwagen werden sie in die Nacht gejagt, und die
Unbemittelten müssen zu Fuß mit dem Rest ihrer Habe die beschwerliche
lange Reise fortsetzen.
Die des Nötigsten entbehren, müssen ihre geringen Habseligkeiten
verschleudern, ja, sie werden ihnen oftmals mit Gewalt entrissen und
gestohlen.
Wie groß die Verzweiflung ist, geht daraus hervor, daß Mütter ihre
Kinder verschenken, um sie vor dem elendesten Los zu bewahren.
Kinder, die von mitleidigen christlichen Familien angenommen wurden,
sind diesen später von den Behörden abgefordert und Türken gegeben
worden.
Hilfeleistungen von unserer Seite wurden nicht gern gesehen. Dies
erinnert uns an einen Vorfall im April d. J., wo die Unterstützung
der hiesigen amerikanischen Mission an die ca. 3000 von Zeitun
ausgewiesenen Armenier verboten wurde; dagegen wurde von keiner Seite
Einspruch erhoben, als bei den Balkanwirren von der gleichen Mission
für mehr als 500 Ltq. Betten und Wäsche von Eskischehir bis Eregli
unter den muhammedanischen Auswanderern verteilt wurden.
Der ganze Weg von hier bis hinter Aleppo gleicht einer Karawane
des Jammers und des Elends. In Ortschaften wie Karaman, Eregli und
Bozanti, wo die Bewohner selbst an Brotmangel leiden, ist das Los
der Vertriebenen unausdenkbar; sie sind einem langsamen qualvollen
Hungertode preisgegeben. Zur Kenntnisnahme erwähnen wir, daß in Bozanti
trotz einem Brotpreise von Piaster 8 per Oka solches nicht zu bekommen
ist.
In den Gebirgsgegenden diesseits und in der Ebene jenseits des
Taurus sind diese Ärmsten den schändlichen Gelüsten der halbwilden
muhammedanischen Bevölkerung ausgesetzt.
Die ganze Maßregel läuft also allem Anschein nach auf eine völlige
Ausrottung der Armenier hinaus.
Diese unmenschliche Behandlung bildet nicht nur für die Türken einen
unauslöschlichen Schandfleck in der Weltgeschichte, sondern auch für
uns Deutsche, falls wir der Sache untätig zusehen und die Vernichtung
dieses Volkes zulassen. Abgesehen davon ist dieses Vorgehen höchst
beklagenswert im Interesse der wirtschaftlichen Lage des Landes und
auch deutsche Unternehmungen werden dabei in Mitleidenschaft gezogen,
wenn dieses arbeitsame Volk zugrunde geht.
Wenn sich Unterzeichnete erlauben, der Kaiserlichen Botschaft einen
Bericht über diese Zustände zu übersenden, so tun sie dies in der
Annahme, daß diese der Kaiserlich Deutschen Botschaft nicht in vollem
Umfange bekannt sind.
Wir Deutsche, die wir hier jetzt täglich gezwungen sind, einem
unmenschlichen Treiben zusehen zu müssen, fühlen uns als Mitglieder
eines Kulturstaates inmitten eines halb zivilisierten Volkes
verpflichtet, dagegen zu protestieren.
In Erwartung, daß unsere Bitte dahin berücksichtigt wird, daß
wenigstens das Los der tausende und abertausende unschuldiger Frauen
und Kinder gemildert wird, zeichnen wir