Verehrungsvoll

Johannes Ehmann.

An Seine Exzellenz, Freiherr von Wangenheim,

Botschafter Seiner Majestät des Deutschen Kaisers.

43.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 6. Mai 1915.

Ankunft den 6. Mai 1915.

Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.

Laut Telegramm des Konsulats Erzerum vom 4. Mai haben in Wan dieser

Tage erneut Kämpfe mit Armeniern stattgefunden. Türkische Truppen

verloren dabei 600 Mann an Toten und Verwundeten. In Kaisarié und

Diarbekr wurden größere Bombenvorräte entdeckt.[56] Die Regierung hat

umfassende Vorsichtsmaßregeln gegen Umsichgreifen der armenischen

Bewegung im Innern angeordnet. In Erzerum ist Verhaftung von 200

Personen erfolgt, Deportation der Armenier aus den größeren Ortschaften

dauert fort. Sie werden durch muhammedanische Einwanderer ersetzt.

Wangenheim.

44.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 8. Mai 1915.

Trotz der Bemühungen der armenischen Kreise, die Bedeutung der in

den letzten Wochen an verschiedenen Stellen ausgebrochenen Unruhen

abzuschwächen oder die Schuld den Maßnahmen der türkischen Behörden

zuzuschieben, mehren sich doch die Anzeichen dafür, daß diese Bewegung

weiter verbreitet ist, als bisher angenommen wurde, und daß sie vom

Ausland mit Hilfe der armenischen Revolutionskomitees gefördert wird.

Die bereits gemeldeten Kämpfe in Wan, bei denen die Aufständischen

zeitweilig sogar die Oberhand gehabt zu haben scheinen, deuten

darauf hin, daß die dortige armenische Bevölkerung ausreichend mit

Waffen und Sprengstoffen versehen war; unter den Toten wurden nach

Mitteilung der türkischen Behörden vielfach Individuen in russischer

Kleidung gefunden, und es wird auch von den Armeniern nicht geleugnet,

daß einer ihrer Landsleute, ein gewisser Pasdirmadjian, dort in

russischem Interesse stark gewühlt hat. Dieser gefährliche Agitator war

seinerzeit durch das von ihm geleitete Attentat auf die hiesige Banque

Ottomane auch in weiteren Kreisen bekannt geworden, kehrte dann nach

Wiedereinführung der Konstitution hierher zurück, ward Abgeordneter und

ging später, weil er nicht wieder gewählt wurde, nach Rußland. Nach den

letzten Nachrichten (vom 8. d. M.) ist es armenischen Freischärlern

mehrfach gelungen, sich von Wan aus mit den Russen zu vereinigen.[56]

Über die in Kaisarié gefundenen Bomben gibt das armenische Patriarchat

an, daß ein aus Amerika zurückgekehrter Armenier, der sich in

Everek bei Kaisarié niedergelassen hatte, sich mit ihrer Herstellung

beschäftigte, und nachdem er drei verfertigt hatte, bei der vierten

verunglückte; die drei fertigen Bomben wurden von seinen Landsleuten

versteckt, aber von der Polizei, die durch Zufall von der Sache erfuhr,

entdeckt; bei weiteren Nachforschungen kamen 24 leere, noch nicht

geladene Hülsen, unter dem Ziegeldache der dortigen armenischen Kirche,

zutage. Dies trug sich Anfang Februar zu. Seitdem scheinen noch weitere

Funde von Bomben gemacht worden zu sein; der Minister des Innern

gab kürzlich die Zahl der in Kaisarié gefundenen Bomben auf 400 an,

außerdem seien solche auch in Diarbekr zutage gefördert und nach Wan

geschickt worden, um dort im Kampf mit den Aufständischen verwendet zu

werden[57].

Daß die armenische Bevölkerung in den östlichen Provinzen über Waffen

verfügt, wird von den Armeniern zugegeben; angeblich sollen diese

Waffen zur Abwehr gegen die räuberischen Überfälle durch Kurden

und anderes Gesindel dienen; es läßt sich vermuten, daß sie in der

Hauptsache von den armenischen Revolutionskomitees schon vor längerer

Zeit dort angesammelt worden sind[58].

Die Behörden nehmen bestimmt an, daß auch die Armenier von Zeitun

durch fremde Umtriebe zum bewaffneten Widerstande gegen die Regierung

aufgestachelt worden seien[59].

Es läßt sich nicht leugnen, daß die armenische Bewegung in den letzten

Wochen einen besorgniserregenden Charakter angenommen hat, der die

Regierung zu scharfen Repressivmaßregeln veranlaßt hat.

Die Massenverhaftungen hier und anderwärts, wie z. B. in Erzerum, wo

der Wali Beweise für eine armenische Verschwörung in Händen zu haben

glaubt, in Aintab usw. richten sich gegen die Komitees, die auf diese

Weise ihrer Führer beraubt werden, in erster Linie gegen die Partei

Daschnakzutiun.

Hier in der Hauptstadt ist vor einigen Tagen die gesamte Bevölkerung

aufgefordert worden, die in ihrem Besitz befindlichen Waffen aller Art

abzuliefern.

Bei der Erregung, die sich auch der muhammedanischen Bevölkerung

bemächtigt hat, werden Bedrückungen der ruhigen Elemente und

Ausschreitungen seitens der Unterbehörden nicht zu vermeiden sein. Aber

trotz der vielfach herrschenden Besorgnisse ist es bisher zu keinen

Massakers gekommen, weder in Zeitun, noch in Marasch, noch in Aintab,

noch in Erzerum, und es wird der Regierung auch wohl in Zukunft möglich

sein, solche zu verhindern.

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

45.

(Kaiserliches

Konsulat Erzerum.)

Telegramm.

Abgang aus Erzerum, den 9. Mai 1915.

Ankunft in Pera, den 10. Mai 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Unruhen in Wan andauern noch immer. Türken haben bis jetzt rund 1000,

Armenier 3000 Tote[60].

Hier kürzlich weitere verhaftet, einige 30 sollen verschickt werden. Es

ist nicht ausgeschlossen, daß sie unterwegs ermordet werden.

Scheubner.

46.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 10. Mai 1915.

Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.

Auf Grund der Mitteilung des Walis von Mossul vom 8. Mai telegraphiert

dortiges Konsulat:

Christliche Bevölkerung der Provinz Wan befindet sich seit mehreren

Tagen im Aufruhr. Armenier überfielen muhammedanische Dörfer bei

Wan, angriffen vergeblich Zitadelle Wan. Schwache türkische Garnison

verlor 300 Mann bei Abwehr Angriffe. Stadt selber, in der täglich

Straßenkämpfe, größtenteils in Händen der Aufrührer. Aufstand besonders

heftig im Bezirk Schatakh bei Wan. Nestorianer-Stamm der Tiari im

Bezirk Baschkalé erhob sich gleichzeitig, 2000 gut bewaffnete Tiari

überfielen muhammedanische Dörfer und verschanzten sich nördlich von

Djulamerk. Nach Wan und Baschkalé sollen Truppenverstärkungen unterwegs

sein.

Wegen Schicksals deutschen Waisenhauses Wan telegraphiert Botschaft

direkt an Prediger Spoerri.

Wangenheim.

47.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Aleppo, den 10. Mai 1915.

Seitdem ich von Marasch zurückgekehrt bin, haben neueren Nachrichten

zufolge die Verbannungen aus Zeitun und den umliegenden Dörfern

größeren Umfang angenommen. Ferner haben nach einem Telegramm des

Missionars Blank vom 9. d. M. die Verschickungen jetzt auch aus

Marasch begonnen. Die Liegenschaften der Verbannten werden von einer

dazu eingesetzten Kommission abgeschätzt und sollen ihnen vergütet

werden. Doch wird abzuwarten sein, ob diese Absicht der Regierung auch

ausgeführt werden wird. Die Wiederansiedlung soll im Wilajet Konia und

anscheinend in Zor erfolgen. Wird die Behandlung aber so fortgesetzt,

wie Blank sie schildert, so werden die Überwandernden, soweit sie

nicht ihr Leben einbüßen, elend und krank ankommen, und nicht mehr die

Fähigkeit haben, sich wirtschaftlich wieder aufzurichten. An Stelle der

Verbannten werden muhammedanische Flüchtlinge aus dem Balkan in Zeitun

und Umgegend angesiedelt.

Inzwischen habe ich weiter in Erfahrung zu bringen gesucht, worauf

sich die Ansicht der Regierung von einer weit verbreiteten armenischen

Verschwörung stützt. Nur ~eine~ Tatsache aber ist mir bekannt

geworden. Nämlich eine mit Armeniern in enger Fühlung stehende und

gut über sie unterrichtete neutrale Persönlichkeit hat mir erzählt,

es seien im Beginn von Einwohnern von Dörtjol Briefe nach Zeitun

abgeschickt worden, daß der Moment zu einer Empörung günstig sei.

Verbindung mit den englischen Kriegsschiffen sei hergestellt. Ob die

Briefe ihre Bestimmung erreicht haben, ist meinem Gewährsmann nicht

bekannt. Bewiesen wäre also damit, wenn überhaupt mein Gewährsmann

gut unterrichtet war, eine Aufforderung zur Empörung. Wie sich

die Adressaten zu dieser Aufforderung verhalten haben, ist nicht

bekannt. Sind von englischer Seite die Adressen von Mitgliedern der

Wohltätigkeitsgesellschaft, die ja in Ägypten zu haben waren, zu

englischen Zwecken gebraucht worden, so müßte von türkischer Seite

gerechterweise vor Bestrafung der Adressaten der Beweis illoyaler

Gesinnung oder illoyaler Handlungen derselben erbracht werden. Dieser

ist aber offenbar nicht für nötig erachtet worden. Auch im übrigen

scheint die Regierung die Verschwörung mit dem Vergrößerungsglase

betrachtet zu haben. Ich bin der Überzeugung, daß die ganz überwiegende

Mehrheit der Verbannten unschuldig leidet. -- Die Mitglieder der

Wohltätigkeitsgesellschaft haben stets offen gegenüber der Regierung

gehandelt. Dafür müssen sie jetzt büßen. Die Regierung scheint auch

auf dem mittelalterlichen Standpunkt zu verharren, daß für die Tat

eines einzelnen oder einiger weniger Solidarhaft eines ganzen Volkes

besteht. Denn ihre Maßregeln gehen auf Vernichtung der Armenier in

ganzen Bezirken hinaus. Alle Armenier von Besitz, Bildung oder Einfluß

sollen beseitigt werden, damit nur eine führerlose Herde zurückbleibt.

Sie läuft Gefahr, das Vertrauen zu untergraben, daß es für die Armenier

in Zukunft möglich sein wird, mit ihr auszukommen, und schafft dadurch

selbst den Boden für Verwicklungen.

Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

Herrn Freiherrn von Wangenheim.

48.

(Kaiserliches

Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 10. Mai 1915.

Ankunft in Pera, den 11. Mai 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Bisher waren nur Armenier aus Zeitun und umliegenden Dörfern verbannt

worden, jetzt werden auch Familien aus Marasch weggeführt.

Rößler.

49.

(Kaiserliches

Konsulat Mossul.)

Telegramm.

Abgang aus Mossul, den 14. Mai 1915.

Ankunft in Pera, den 14. Mai 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Wie Halil Bey gestern dem hiesigen Wali aus Urmia gedrahtet hat,

marschiert er mit einem Teil seiner Truppen über Ghever-Baschkalé nach

Wan.

Lage scheint sich dort verschlimmert zu haben.

Verbindung mit Wan von hier seit neun Tagen unterbrochen. Bitte daher

gehorsamst telegraphische Nachricht über die Lage in Wan.

Holstein.

50.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 15. Mai 1915.

An Deutsches Konsulat, Mossul.

Wie Minister des Innern heute bestätigte, dauert Kampf in Wan fort. Er

fügte hinzu, daß sich russische Streitkräfte Wan nähern. Telegraphische

Verbindung zwischen hier und Wan soll noch bestehen.

Wangenheim.

51.

(Kaiserliches

Konsulat Erzerum.) Erzerum, den 15. Mai 1915.

Eingetroffen: Konstantinopel, den 27. Mai 1915.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 63 / 134 题