An
den Hochwürdigen Erzbischof ~Zaven~, armenischen Patriarchen
in Konstantinopel.
Mit meinem Schreiben vom 7./20. d. M. habe ich Ihnen über die Vorgänge
in Zeitun schon kurze Mitteilung gemacht und will hiermit ausführlich
darüber berichten mit der Gewißheit, daß dies Schreiben in Ihre Hände
gelangen wird.
Zu seiner Zeit habe ich Ihnen schon über die Grausamkeiten und die
unmenschlichen Taten des Mutessarrifs von Marasch berichtet. Es dürfte
Ihnen schon bekannt sein, wie er, anstatt die Schuldigen zu strafen,
die Unschuldigen, ja sogar die Frauen und Kinder mißhandelt und manche
davon Repressalien und Schändungen unterworfen hat. Manche Frauen haben
infolge der Mißhandlungen Fehlgeburten und einige Gefangene ganze
Körperteile verloren gehabt. Regierungsbeamte verhöhnen unseren Glauben
und beschimpfen unsere Ehre. Es soll auch Ihnen schon bekannt sein, wie
der Mutessarrif nicht nur die ausgelieferten 25 Deserteure, sondern
auch mehrere Unschuldige aus dem friedliebenden Volke nach Marasch
bringen ließ und alle Mißhandlungen unterwarf. Dies alles ertrug damals
das von der Regierung als aufständisch verrufene Volk, um seine Treue
gegen das Reich nicht aufzugeben.
Die unerhörten Greueltaten und Mißhandlungen des Kaimakams von
Zeitun, Hüssein Hüssni, des Feldwebels Suleiman Bey, des Müfti und
der Regierungsbeamten, die nur das Ansehen der Regierung in Mißkredit
brachten, hatten nur den Zweck, das friedliche Volk zum Äußersten zu
treiben, um der Regierung Anlaß zur Vernichtung zu bieten. Trotz
alledem erträgt das Volk alles und versucht hie und da Klagerufe
vernehmen zu lassen. Es bittet umsonst um die Entsendung von loyalen
unparteiischen Inspektoren. Niemand schenkt dem armen Volk Gehör, und
dieser Zustand dauert fort.
Die Frauen versuchten ihre herzzerreißende Lage durch ein Telegramm der
Walidé Sultan (der Kaiserin-Mutter) zu schildern, um Gnade zu erhalten.
Weil dies ihnen seitens der Regierung verweigert wurde, glaubten sie,
daß der Gemeindevorsteher die Schuld daran trüge und demonstrierten.
Einige Deserteure, die sich ins Gebirge geflüchtet hatten, versuchten
die Bevölkerung zum gemeinsamen Widerstände zu bewegen. Es wurde ihnen
aber von dem friedlichen Volke keine Folge geleistet.
Im Februar beabsichtigte die Regierung die in der Stadt Zeitun
lagernden Waffen und Munition nach Marasch zu transportieren. Die
Deserteure vernahmen dies Vorhaben und wollten alles in Besitz nehmen.
Aber durch das mißbilligende Auftreten der armenischen Notabeln gelang
es ihnen nicht, und ihr Vorhaben scheiterte. Am 15./28. Februar
wurde diese Absicht der Deserteure festgestellt und am nächsten Tag
nach einer einstimmigen Beschlußfassung der Regierung durch den
Gemeindevorsteher und den Bürgermeister amtlich mitgeteilt. Die
Regierung hatte schon durch die Geheimpolizei von allen Vorgängen
Kenntnis gewonnen.
Inzwischen flüchteten sich einige ins Weite, die den barbarischen
Greueltaten Haidar Beys ausgesetzt und Augenzeuge des gräßlichen
Todes des gefangen genommenen Nazareth Nor Aschkharian gewesen waren.
Sechzehn Gendarmen, die für die Festnahme der Deserteure geschickt
waren, kehrten zurück, die dann in den umliegenden Ortschaften ~neue
Greueltaten~ verübten. Die Gendarmen begegneten während der
Rückfahrt den Deserteuren. Nach dem Zusammenstoße flüchteten sich die
Gendarmen nach Verlust von 6-8 Mann nach Zeitun zurück.
Die Regierung und die Gendarmerie, erzürnt über den Mißerfolg,
verlangten von den Vorgesetzten der Gemeinde die Auslieferung der
Deserteure. Die Vorstehenden gaben zu verstehen, daß die Forderung
nicht durchführbar sei, nachdem die Bevölkerung ihre Waffen der
Regierung abgeliefert habe und machtlos sei gegen die bewaffneten
Deserteure.
Am 5./18. März versammelten sich die Notabeln, um die verheerenden
Folgen dieser Spannung zu vermeiden. Die Deserteure drangen in die
Stadt ein, um der Gendarmerie und der Regierung Herr zu werden.
Während dieses Zusammenstoßes, wo die Armenier der Regierung Beistand
leisteten, haben die Deserteure einen Verwundeten, aber die Bürger und
die Gendarmen 9 Tote gehabt.
Der Mutessarrif von Marasch und der Gendarmeriekommandant eilten
mit zwei Kompagnien nach Zeitun und forderten von der Stadt die
Auslieferung der von den getöteten Gendarmen eroberten Gewehre. Nach
einer Beratung begaben sich der katholische Gemeindevorsteher und
der Stadtarzt nach dem Kloster, wohin die Deserteure sich geflüchtet
hatten, um sie zur Ablieferung der Gewehre zu überreden, mit dem
Versprechen des Kaimakams, ihre Begnadigung zu erwirken.
Anstatt dieses Versprechen zu halten und Friede herbeizuführen, machte
der Kaimakam die folgende Deklaration: „Dies ist das 35. Mal, daß die
Bewohner von Zeitun sich empören. Die bisherigen Unruhen waren nicht so
gefährlich wie jetzt. Die früheren waren wie Familienstreitigkeiten.
Jetzt ist das Land von allen Seiten bedroht und jeder muß der Regierung
beistehen.“ Diese Forderung ist an und für sich gerecht, aber sie
gilt nicht für die Bewohner von Zeitun, weil diese sich ~niemals
empört~ haben. Möglich ist, daß sie sich gegen die Irregulären
gewehrt und die Überfälle derselben abgewiesen haben. Auch damals hat
die Regierung, unter dem Vorwand, den Aufstand niederzuringen, Truppen
entsandt. Auch diesmal hat die ungerechte Handlung der böswilligen
Regierungsbeamten die jetzige traurige Situation herbeigeführt.
Der Mutessarrif von Marasch und der Kaimakam von Zeitun haben nicht
einmal ihr Ehrenwort gehalten, welches sie für die Schonung des Volkes
gegeben hatten. In 8-10 Tagen hat man mit einer militärischen Kraft
von 4000 Mann und einem rücksichtslosen Kommandanten die Bewohner
einschüchtern wollen. An demselben Tage begaben sich auch einige
Notabeln aus Marasch nach Zeitun, um die Deserteure zur Ergebenheit zu
überreden. Nach einer gemeinsamen Beratung wandten sich die Armenier an
den Kommandanten mit dem Ersuchen, die Deserteure, weil sie sich nicht
ergeben wollten, durch Gewalt niederzuringen. Der Kommandant verlangte
wieder von dem Volke die bedingungslose Auslieferung und Übergabe der
Deserteure.
Die Notabeln aus Marasch kehrten heim. Die Regierung ließ dann die
Vorräte aus der Stadt in die Kaserne schaffen. Sobald die Nachricht
von der Wegschaffung von Regierungspapieren und Büchern in der Stadt
zirkulierte, schloß man die Schulen, und die Panik wurde größer.
Inzwischen flüchteten die Deserteure in das naheliegende Kloster,
wo sie vom Militär belagert wurden. Am 12./25. März beginnt das
Bombardement mittels 2 Kanonen. Trotz zahlreicher Schüsse hat man auf
diese Weise dem Kloster keinen Schaden zufügen können. Nachdem die
Regierung sich überzeugt hatte, daß das Volk sich ruhig verhalte,
verengte sie den Umzingelungsgürtel. Die Deserteure erwiderten dann
das Feuer und die Zahl der gefallenen Soldaten war beträchtlich. Der
Oberst (Bimbaschi) näherte sich dem Klostertor, und in dem Moment, wo
die Soldaten das Kloster niederbrennen wollten, fiel der Oberst nebst
einigen Soldaten. Bis Abend dauerte der Kampf.
An demselben Tage ersuchten die Stadtbewohner die Regierung, daß
sie, um den Deserteuren keine Möglichkeit zur Flucht zu geben, die
Umzingelung nicht aufgeben solle, sonst würden sie wieder den Bürgern
und dem Militär lästig werden. Trotz des gegebenen Versprechens hob die
Regierung die Belagerung des Klosters auf und gab den Deserteuren die
Gelegenheit, zu entfliehen. Es ist uns nicht begreiflich, wie es 15-20
Deserteuren gelang, den Belagerungsgürtel von 4000 zu durchbrechen. Wir
haben den Verdacht, daß die Regierung absichtlich einige Deserteure
frei laufen läßt, damit sie die friedliche Bevölkerung als Mitschuldige
der Deserteure angeben und die Verbannungsaktion (expatriation)
durchführen könne.
Nach der Flucht der Deserteure setzte man die Regierung davon in
Kenntnis mit dem Ersuchen, das Kloster zu schonen, welches Eigentum
des ganzen armenischen Volkes sei und wo viele Kostbarkeiten und
Heiligtümer aufbewahrt seien. Der Kaimakam, der Müfti und andere Beamte
versprachen es, aber das Militär beachtete es nicht und setzte das
Kloster in Brand. Trotz der Bitte des Gemeindevorstehers wurden sogar
die naheliegenden Wohnstätten der Bauern nicht geschont und wurden
niedergebrannt. Angesichts dieser Vernichtung weinte und klagte das
Volk um sein Schicksal, und sogar die Steine gaben dem Widerhall.
Am nächsten Tag kam ein Hauptmann aus der Kaserne in die Stadt und
begann die Untersuchung, um die verwundeten Deserteure und Waffen zu
finden. Er fand einige wertlose Waffen und beim Tschakrian Betros,
dessen Sohn ebenfalls desertiert war, ein blutiges Hemd. Er nahm Betros
und andere Personen als verdächtig fest und führte sie ins Gefängnis.
Am 25./28. März wurden etwa 30 Notable nach der Kaserne gerufen und
dort vom Kaimakam Churschid Pascha zurückbehalten. Ohne ihnen Zeit
zu geben, um die allernotwendigsten Reisevorbereitungen zu treffen,
schickte man sie samt Frauen und Kindern zunächst nach Marasch. Dort
wurden sie in einen Chan interniert, wo die herzzerreißenden Klagerufe
der Weiber und der Kinder zum Himmel stiegen.
Auf dem Weitertransport kamen die Armen nach dreitägiger Fahrt in
Osmaniyé an, von wo aus sie mit vielen anderen Gefangenen nach Adana
transportiert wurden. Man hat sie von hier sofort nach Tarsus geschickt.
Alle diese Verbannten sind treue Untertanen und haben der Regierung
in jeder Hinsicht Beistand geleistet. Die Regierung sollte eigentlich
diese treuen Untertanen auszeichnen, anstatt dessen gab sie ihnen die
härteste Strafe, die Verbannung. Wohin werden diese verschickt? Wovon
sollen sie leben? Was wird aus dem Hab und Gut der Verbannten? Was wird
aus den Daheimgebliebenen? Wird man auch diese so herdenweise in alle
Richtungen der Erde verschicken?
Auch ich habe als Katholikos den Bewohnern von Zeitun immer
den Rat gegeben, dem osmanischen Reich treu zu bleiben und den
staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen. Sie haben mir Gehorsam
gezeigt, und jetzt müssen sie mittellos und nackt herumirren! Das
ist der Lohn meiner aufrichtigen Bemühungen, und meine Strafe ist
noch schwerer. Ich bekomme immer neue Gewissensbisse. Gern möchte ich
sterben, weil ich nur im Tode so viele Schmerzen vergessen kann.
Ich kann mich teilweise nur dadurch trösten, daß Dschemal Pascha, an
welchen ich telegraphiert hatte, sein Wort gehalten hat und keine
Metzelei stattfand.
Nach dem Brand des Klosters ergaben sich ohne Widerstand 190
Deserteure. Diese wurden greulichen Mißhandlungen ausgesetzt, gebunden
wie Tiere und unter Knutenhieben nach Damaskus geschickt. Einer von
ihnen fand unterwegs den Tod. Was aus den anderen werden wird, weiß ich
nicht.
Soviel habe ich bis jetzt erfahren und Ihnen berichten können. Gott
soll uns vor den kommenden Übeln schützen! Ich bin jetzt moralisch und
physisch ganz machtlos.
Meine 12 jährige Dienstzeit ist mir eine ewige Zeit des Kummers und
der Trauer geworden. Wäre ich kein Christ, würde ich dem Tag fluchen,
wo ich zur Welt kam, oder vielmehr dem, da ich zu diesem schweren,
verantwortungsvollen Amt berufen wurde!
Sahak,
Katholikos von Cilicien.
35.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 27. April 1915.
An Auswärtiges Amt, Berlin.
Wie das Konsulat Erzerum unter dem 24. April telegraphiert, ist der
Aufruhr in Wan nach amtlicher Mitteilung unterdrückt[50]. Hierbei
seien ungefähr 400 Armenier getötet worden, die übrigen seien nach
Rußland entflohen.[51] Angeblich hätten sich auch Kurden am Aufstande
beteiligt, um sich für die Hinrichtung ihrer Scheiche in Bitlis 1914
und die Bedrückung durch die Regierung zu rächen.[52]
Wangenheim.
36.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 28. April 1915.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Eine Verwendung Ihrerseits für die Armenier wird darauf auszugehen
haben, Ausschreitungen des Pöbels wie Massakres und Plünderungen zu
verhindern und auf ein regelrechtes Verfahren gegen die politisch
verdächtigen Personen hinzuwirken. Hierbei wäre der Schein, ab ob wir
ein Schutzrecht über die Armenier ausüben und in die Tätigkeit der
Behörden eingreifen wollen, zu vermeiden und dies eventuell auch den
Behörden gegenüber zu betonen. Vertraulich: Die hiesigen Behörden
haben dieser Tage mehrere Hundert armenische Notabeln verhaftet und
nach Anatolien verschickt, angeblich weil sich Anzeichen für eine
revolutionäre Bewegung gezeigt haben.
Wangenheim.
37.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 30. April 1915.
Über die Vorgänge in Wan meldet der Kaiserliche Konsul in Erzerum
nachträglich auf Grund von Nachrichten aus Wan vom 19. April, daß
die dortigen Behörden vor Ausbruch der Unruhen eine Anzahl Armenier
verhaften ließen, von denen drei während des Transportes unter
polizeilicher Bedeckung ermordet wurden; unter diesen befand sich auch
ein gewisser Ischkhan, der sich früher ab Freischärler hervorgetan hat.
Während des Kampfes wurde das Armenierviertel umzingelt; 250 Häuser
wurden zerstört, darunter das Gebäude der Zweigniederlassung der Banque
Ottomane, das von den Armeniern in die Luft gesprengt worden sein
soll.[53]
Der Minister des Innern teilte am 28. d. M. dem ersten Dragoman
mit: „In Wan sei das Schlimmste überstanden; es sei dort zu einem
regelrechten Kampfe gekommen, und die Verluste auf beiden Seiten seien
beträchtlich gewesen; über 400 Armenier seien umgekommen, aber auch die
Truppen hätten mehrere Hundert Mann verloren. Die Disziplin sei jedoch
aufrecht erhalten worden, so daß man nicht von Massakres reden könne.
Daß zwischen den Armeniern und Russen enge Beziehungen bestanden, könne
als einwandfrei festgestellt gelten.[54] Gleichzeitig mit der Bewegung
dort hätte auch eine verstärkte militärische Aktion im Kaukasus
eingesetzt.“
Wan, mit einer armenischen Bevölkerung von etwa 20000 Seelen, war schon
seit Jahren ein Hauptzentrum der Partei Daschnakzutiun. In dem Bericht,
den sie im Jahre 1910 dem internationalen Sozialistenkongreß in
Kopenhagen erstattet hat, wird ihre Tätigkeit in den Provinzen Bitlis
und Wan geschildert. „In diesen“, heißt es in dem Bericht, „hatten wir
bis 1908 die ganze waffenfähige Landbevölkerung, welche in politische
Gruppen organisiert war, unter unserer Fahne... Diese Tätigkeit
war wesentlich eine politische und revolutionäre. Sie dauert heute
fort, aber schon in offener Weise. In allen Zentren des türkischen
Armeniens hat unsere Partei ihre Scharen von Fidais, deren Zweck ist,
darüber zu wachen, daß die Reaktion nicht wieder den Kopf erhebe.“ An
einer anderen Stelle wird erwähnt, daß im Jahre 1908 in Wan mehr als
1000 Gewehre, eine Million Patronen und Massen von Explosivstoffen
angesammelt waren, die damals von der Regierung beschlagnahmt wurden.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
38.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 30. April 1915.
In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag den 25. d. M. und von Sonntag
auf Montag den 26. d. M. haben hier zahlreiche Verhaftungen von
Armeniern stattgefunden. Im ganzen sollen an 500 Personen aus allen
Gesellschaftsklassen festgenommen sein, namentlich Ärzte, Journalisten,
Schriftsteller, Geistliche, auch einige Deputierte. Das Lokal der
Zeitung Azadamart, Organ der Partei Daschnakzutiun, der viele von den
Verhafteten angehörten, wurde behördlich gesperrt. Die meisten wurden
in den folgenden Tagen nach dem Innern von Klein-Asien verschickt.
Über die Ursachen dieser Maßregeln waren im Publikum allerlei
unkontrollierbare Gerüchte verbreitet. Unter anderem hieß es, daß
man in armenischen Häusern und Kirchen Explosivstoffe, Bomben
und Waffen entdeckt habe, und daß die Armenier für den Tag des
Thronbesteigungsfestes (27. d. M.) Anschläge auf die Pforte und andere
öffentliche Gebäude geplant hätten.
Als der Armenische Patriarch beim Großwesir und beim Minister des
Innern nach den Gründen dieser Massenverhaftungen fragte, wurde
ihm erwidert, daß die Organisation der armenischen Bevölkerung zu
politischen Parteien im gegenwärtigen Augenblick von einzelnen
einflußreichen Persönlichkeiten ausgenützt werden könnte, um die
öffentliche Ruhe zu stören, und daß es im Interesse des Staatswohls
geboten erscheine, solchen Eventualitäten durch Entfernung der
leitenden Persönlichkeiten aus der Hauptstadt vorzubeugen.
Der Minister des Innern äußerte gegenüber dem ersten Dragoman folgendes:
Die Regierung sei jetzt entschlossen, dem bisherigen Zustand ein
Ende zu bereiten, wonach jede Religionsgemeinschaft ihre besondere
„Politik“ mache und hierzu besondere politische Vereinigungen gründen
und unterhalten könne.[55] In der Türkei solle künftig nur „osmanische
Politik“ gemacht werden.
Unter den hiesigen Armeniern befänden sich eine Reihe von politisch
nicht ganz sicheren Persönlichkeiten; sie seien natürlich gerade
unter den tätigen Mitgliedern der Klubs und Redaktionen zu suchen.
Die Besorgnis sei nicht von der Hand zu weisen, daß im Falle einer
ungünstigen Wendung des Krieges diese Elemente die Gelegenheit zu
Unruhestiftungen ergreifen könnten. Der Augenblick schien günstig,
alle diese Verdächtigen aus der Hauptstadt zu entfernen. Unter den
Verschickten gebe es sicher viele, die in keiner Weise schuldig seien.
Dies leugne die Regierung nicht, und er -- Talaat -- werde aus eigenem
Antrieb und ohne daß es hierzu einer Intervention bedürfe, diesen die
Erlaubnis zur Rückkehr erteilen.
Die Behauptung, es lägen Beweise vor, daß für den Tag des
Thronbesteigungsfestes ein Putsch beabsichtigt gewesen sei, erklärte
Talaat Bey für unzutreffend.
Die Vorgänge in Wan und die in diesen Tagen erfolgten Angriffe der
Russen auf den Bosporus und der vereinigten Franzosen und Engländer auf
die Dardanellen dürften nicht ohne Einfluß auf die Entschließungen der
Regierung gewesen sein.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
39.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum den 30. April 1915.
Ankunft in Pera den 1. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wie aus Erzingian berichtet wird, verübten der dortige Mutessarrif und
die Gendarmerie Ausschreitungen und schwere Bedrückungen gegen die
armenischen Bewohner.
Hier herrscht Ruhe. Die vorgenommenen Verhaftungen erschweren es,
Nachrichten aus Wan zu erhalten.
Scheubner.
_Mai._
40.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 3. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 4. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die aus Zeitun und Umgegend verbannten Armenier werden auf wenigstens
tausend, vielleicht mehrere tausend geschätzt. Sie sollen durch
muhammedanische Flüchtlinge aus Mazedonien ersetzt werden.
Die Aktion geht weiter. In Aintab sind neuerdings Verhaftungen, in
Aleppo Haussuchungen vorgenommen worden.
Rößler.
41.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 4. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 6. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die Kämpfe in Wan zwischen den Truppen und Armeniern dauern an. Auf
türkischer Seite wurden in den letzten Tagen ungefähr 200 Tote und
doppelt so viel Verwundete gezählt. Hier wurden gegen 200 Verhaftungen
vorgenommen. Die Furcht vor einem Massaker dauert an. Der Wali glaubt
im Besitz von Beweisen für eine Konspiration eines Teiles der hiesigen
Armenier zu sein. Die Entscheidung dürfte in den nächsten Tagen fallen.
Ich glaube, daß es hier möglich sein wird, Massakres zu vermeiden.
Scheubner.
42.
(Deutsches Waisenhaus.)
Mamuret-ul-Aziz, den 5. Mai 1915.
Ew. Exzellenz!
Da in diesem Wilajet kein deutscher Konsul ist, ersuche ich Ew.
Exzellenz um Entschuldigung, wenn ich mir erlaube, über die hiesigen
innerpolitischen Verhältnisse kurz zu berichten.
Seit einigen Tagen werden in den christlichen Häusern der Stadt und
Umgegend strenge Haussuchungen gehalten, der Regierung verdächtig
erscheinende Personen verhaftet und die Leute zur Ablieferung ihrer
Waffen aufgefordert.
Diese Maßnahmen der Regierung scheinen im Zusammenhang mit Vorgängen
in Wan und Diarbekr zu stehen und auf Anweisung der Zentralregierung
angeordnet worden zu sein.
Die gesamte christliche Bevölkerung ist dadurch in große Unruhe
versetzt worden und befürchtet das schlimmste.
Durch meinen 18 jährigen Aufenthalt an diesem Ort die Verhältnisse
genau kennend, möchte ich die Aufmerksamkeit Ew. Exzellenz auf die
Tatsache lenken, daß, wenn auch die hiesige Bevölkerung zum Teil sich
in Privatgesprächen manchmal unzufrieden über die türkische Regierung
geäußert hat, und wenn auch die Sympathien mancher Christen in diesem
Krieg auf Seiten des Dreiverbands waren, trotz alledem weitaus die
große Masse der Bevölkerung dieses Wilajets der Regierung gehorsam ist
und die Christen hier im entferntesten nicht daran denken, sich gegen
die Regierung aufzulehnen.
Die christliche Mannschaft von 20-45 Jahren hat sich ohne
Schwierigkeiten zum Heeresdienst gestellt, und bei Requirierungen von
Lebensmitteln wie auch bei der Unterstützung des „Roten Halbmonds“ kam
die christliche Bevölkerung soweit als möglich der Regierung entgegen,
so daß ich es für meine Pflicht halte, für die Christen hier um
Schonung zu bitten.
Der wohlgesinnte Generalgouverneur, mit dem ich eben in
freundschaftlicher Weise über die Angelegenheit sprach, hofft, daß es
hier zu keinen ernsten Ereignissen kommen wird und versichert mich, daß
er alles tun wird, um die Angelegenheit in friedlicher Weise zu ordnen.
Er ist ebenfalls von dem friedliebenden und regierungstreuen Charakter
der hiesigen christlichen Bevölkerung überzeugt. Doch besteht die
Gefahr, daß starke armenierfeindliche Elemente die Oberhand bekommen
und zum schlimmsten schreiten, so daß ich Ew. Exzellenz im Interesse
der Menschlichkeit ersuche, die nötigen Schritte zur Aufklärung der
Türkischen Zentralregierung über die hiesigen Verhältnisse tun zu
wollen.