Adana, den 8./21. April 1915.[49]

An

den Hochwürdigen Erzbischof ~Zaven~, armenischen Patriarchen

in Konstantinopel.

Mit meinem Schreiben vom 7./20. d. M. habe ich Ihnen über die Vorgänge

in Zeitun schon kurze Mitteilung gemacht und will hiermit ausführlich

darüber berichten mit der Gewißheit, daß dies Schreiben in Ihre Hände

gelangen wird.

Zu seiner Zeit habe ich Ihnen schon über die Grausamkeiten und die

unmenschlichen Taten des Mutessarrifs von Marasch berichtet. Es dürfte

Ihnen schon bekannt sein, wie er, anstatt die Schuldigen zu strafen,

die Unschuldigen, ja sogar die Frauen und Kinder mißhandelt und manche

davon Repressalien und Schändungen unterworfen hat. Manche Frauen haben

infolge der Mißhandlungen Fehlgeburten und einige Gefangene ganze

Körperteile verloren gehabt. Regierungsbeamte verhöhnen unseren Glauben

und beschimpfen unsere Ehre. Es soll auch Ihnen schon bekannt sein, wie

der Mutessarrif nicht nur die ausgelieferten 25 Deserteure, sondern

auch mehrere Unschuldige aus dem friedliebenden Volke nach Marasch

bringen ließ und alle Mißhandlungen unterwarf. Dies alles ertrug damals

das von der Regierung als aufständisch verrufene Volk, um seine Treue

gegen das Reich nicht aufzugeben.

Die unerhörten Greueltaten und Mißhandlungen des Kaimakams von

Zeitun, Hüssein Hüssni, des Feldwebels Suleiman Bey, des Müfti und

der Regierungsbeamten, die nur das Ansehen der Regierung in Mißkredit

brachten, hatten nur den Zweck, das friedliche Volk zum Äußersten zu

treiben, um der Regierung Anlaß zur Vernichtung zu bieten. Trotz

alledem erträgt das Volk alles und versucht hie und da Klagerufe

vernehmen zu lassen. Es bittet umsonst um die Entsendung von loyalen

unparteiischen Inspektoren. Niemand schenkt dem armen Volk Gehör, und

dieser Zustand dauert fort.

Die Frauen versuchten ihre herzzerreißende Lage durch ein Telegramm der

Walidé Sultan (der Kaiserin-Mutter) zu schildern, um Gnade zu erhalten.

Weil dies ihnen seitens der Regierung verweigert wurde, glaubten sie,

daß der Gemeindevorsteher die Schuld daran trüge und demonstrierten.

Einige Deserteure, die sich ins Gebirge geflüchtet hatten, versuchten

die Bevölkerung zum gemeinsamen Widerstände zu bewegen. Es wurde ihnen

aber von dem friedlichen Volke keine Folge geleistet.

Im Februar beabsichtigte die Regierung die in der Stadt Zeitun

lagernden Waffen und Munition nach Marasch zu transportieren. Die

Deserteure vernahmen dies Vorhaben und wollten alles in Besitz nehmen.

Aber durch das mißbilligende Auftreten der armenischen Notabeln gelang

es ihnen nicht, und ihr Vorhaben scheiterte. Am 15./28. Februar

wurde diese Absicht der Deserteure festgestellt und am nächsten Tag

nach einer einstimmigen Beschlußfassung der Regierung durch den

Gemeindevorsteher und den Bürgermeister amtlich mitgeteilt. Die

Regierung hatte schon durch die Geheimpolizei von allen Vorgängen

Kenntnis gewonnen.

Inzwischen flüchteten sich einige ins Weite, die den barbarischen

Greueltaten Haidar Beys ausgesetzt und Augenzeuge des gräßlichen

Todes des gefangen genommenen Nazareth Nor Aschkharian gewesen waren.

Sechzehn Gendarmen, die für die Festnahme der Deserteure geschickt

waren, kehrten zurück, die dann in den umliegenden Ortschaften ~neue

Greueltaten~ verübten. Die Gendarmen begegneten während der

Rückfahrt den Deserteuren. Nach dem Zusammenstoße flüchteten sich die

Gendarmen nach Verlust von 6-8 Mann nach Zeitun zurück.

Die Regierung und die Gendarmerie, erzürnt über den Mißerfolg,

verlangten von den Vorgesetzten der Gemeinde die Auslieferung der

Deserteure. Die Vorstehenden gaben zu verstehen, daß die Forderung

nicht durchführbar sei, nachdem die Bevölkerung ihre Waffen der

Regierung abgeliefert habe und machtlos sei gegen die bewaffneten

Deserteure.

Am 5./18. März versammelten sich die Notabeln, um die verheerenden

Folgen dieser Spannung zu vermeiden. Die Deserteure drangen in die

Stadt ein, um der Gendarmerie und der Regierung Herr zu werden.

Während dieses Zusammenstoßes, wo die Armenier der Regierung Beistand

leisteten, haben die Deserteure einen Verwundeten, aber die Bürger und

die Gendarmen 9 Tote gehabt.

Der Mutessarrif von Marasch und der Gendarmeriekommandant eilten

mit zwei Kompagnien nach Zeitun und forderten von der Stadt die

Auslieferung der von den getöteten Gendarmen eroberten Gewehre. Nach

einer Beratung begaben sich der katholische Gemeindevorsteher und

der Stadtarzt nach dem Kloster, wohin die Deserteure sich geflüchtet

hatten, um sie zur Ablieferung der Gewehre zu überreden, mit dem

Versprechen des Kaimakams, ihre Begnadigung zu erwirken.

Anstatt dieses Versprechen zu halten und Friede herbeizuführen, machte

der Kaimakam die folgende Deklaration: „Dies ist das 35. Mal, daß die

Bewohner von Zeitun sich empören. Die bisherigen Unruhen waren nicht so

gefährlich wie jetzt. Die früheren waren wie Familienstreitigkeiten.

Jetzt ist das Land von allen Seiten bedroht und jeder muß der Regierung

beistehen.“ Diese Forderung ist an und für sich gerecht, aber sie

gilt nicht für die Bewohner von Zeitun, weil diese sich ~niemals

empört~ haben. Möglich ist, daß sie sich gegen die Irregulären

gewehrt und die Überfälle derselben abgewiesen haben. Auch damals hat

die Regierung, unter dem Vorwand, den Aufstand niederzuringen, Truppen

entsandt. Auch diesmal hat die ungerechte Handlung der böswilligen

Regierungsbeamten die jetzige traurige Situation herbeigeführt.

Der Mutessarrif von Marasch und der Kaimakam von Zeitun haben nicht

einmal ihr Ehrenwort gehalten, welches sie für die Schonung des Volkes

gegeben hatten. In 8-10 Tagen hat man mit einer militärischen Kraft

von 4000 Mann und einem rücksichtslosen Kommandanten die Bewohner

einschüchtern wollen. An demselben Tage begaben sich auch einige

Notabeln aus Marasch nach Zeitun, um die Deserteure zur Ergebenheit zu

überreden. Nach einer gemeinsamen Beratung wandten sich die Armenier an

den Kommandanten mit dem Ersuchen, die Deserteure, weil sie sich nicht

ergeben wollten, durch Gewalt niederzuringen. Der Kommandant verlangte

wieder von dem Volke die bedingungslose Auslieferung und Übergabe der

Deserteure.

Die Notabeln aus Marasch kehrten heim. Die Regierung ließ dann die

Vorräte aus der Stadt in die Kaserne schaffen. Sobald die Nachricht

von der Wegschaffung von Regierungspapieren und Büchern in der Stadt

zirkulierte, schloß man die Schulen, und die Panik wurde größer.

Inzwischen flüchteten die Deserteure in das naheliegende Kloster,

wo sie vom Militär belagert wurden. Am 12./25. März beginnt das

Bombardement mittels 2 Kanonen. Trotz zahlreicher Schüsse hat man auf

diese Weise dem Kloster keinen Schaden zufügen können. Nachdem die

Regierung sich überzeugt hatte, daß das Volk sich ruhig verhalte,

verengte sie den Umzingelungsgürtel. Die Deserteure erwiderten dann

das Feuer und die Zahl der gefallenen Soldaten war beträchtlich. Der

Oberst (Bimbaschi) näherte sich dem Klostertor, und in dem Moment, wo

die Soldaten das Kloster niederbrennen wollten, fiel der Oberst nebst

einigen Soldaten. Bis Abend dauerte der Kampf.

An demselben Tage ersuchten die Stadtbewohner die Regierung, daß

sie, um den Deserteuren keine Möglichkeit zur Flucht zu geben, die

Umzingelung nicht aufgeben solle, sonst würden sie wieder den Bürgern

und dem Militär lästig werden. Trotz des gegebenen Versprechens hob die

Regierung die Belagerung des Klosters auf und gab den Deserteuren die

Gelegenheit, zu entfliehen. Es ist uns nicht begreiflich, wie es 15-20

Deserteuren gelang, den Belagerungsgürtel von 4000 zu durchbrechen. Wir

haben den Verdacht, daß die Regierung absichtlich einige Deserteure

frei laufen läßt, damit sie die friedliche Bevölkerung als Mitschuldige

der Deserteure angeben und die Verbannungsaktion (expatriation)

durchführen könne.

Nach der Flucht der Deserteure setzte man die Regierung davon in

Kenntnis mit dem Ersuchen, das Kloster zu schonen, welches Eigentum

des ganzen armenischen Volkes sei und wo viele Kostbarkeiten und

Heiligtümer aufbewahrt seien. Der Kaimakam, der Müfti und andere Beamte

versprachen es, aber das Militär beachtete es nicht und setzte das

Kloster in Brand. Trotz der Bitte des Gemeindevorstehers wurden sogar

die naheliegenden Wohnstätten der Bauern nicht geschont und wurden

niedergebrannt. Angesichts dieser Vernichtung weinte und klagte das

Volk um sein Schicksal, und sogar die Steine gaben dem Widerhall.

Am nächsten Tag kam ein Hauptmann aus der Kaserne in die Stadt und

begann die Untersuchung, um die verwundeten Deserteure und Waffen zu

finden. Er fand einige wertlose Waffen und beim Tschakrian Betros,

dessen Sohn ebenfalls desertiert war, ein blutiges Hemd. Er nahm Betros

und andere Personen als verdächtig fest und führte sie ins Gefängnis.

Am 25./28. März wurden etwa 30 Notable nach der Kaserne gerufen und

dort vom Kaimakam Churschid Pascha zurückbehalten. Ohne ihnen Zeit

zu geben, um die allernotwendigsten Reisevorbereitungen zu treffen,

schickte man sie samt Frauen und Kindern zunächst nach Marasch. Dort

wurden sie in einen Chan interniert, wo die herzzerreißenden Klagerufe

der Weiber und der Kinder zum Himmel stiegen.

Auf dem Weitertransport kamen die Armen nach dreitägiger Fahrt in

Osmaniyé an, von wo aus sie mit vielen anderen Gefangenen nach Adana

transportiert wurden. Man hat sie von hier sofort nach Tarsus geschickt.

Alle diese Verbannten sind treue Untertanen und haben der Regierung

in jeder Hinsicht Beistand geleistet. Die Regierung sollte eigentlich

diese treuen Untertanen auszeichnen, anstatt dessen gab sie ihnen die

härteste Strafe, die Verbannung. Wohin werden diese verschickt? Wovon

sollen sie leben? Was wird aus dem Hab und Gut der Verbannten? Was wird

aus den Daheimgebliebenen? Wird man auch diese so herdenweise in alle

Richtungen der Erde verschicken?

Auch ich habe als Katholikos den Bewohnern von Zeitun immer

den Rat gegeben, dem osmanischen Reich treu zu bleiben und den

staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen. Sie haben mir Gehorsam

gezeigt, und jetzt müssen sie mittellos und nackt herumirren! Das

ist der Lohn meiner aufrichtigen Bemühungen, und meine Strafe ist

noch schwerer. Ich bekomme immer neue Gewissensbisse. Gern möchte ich

sterben, weil ich nur im Tode so viele Schmerzen vergessen kann.

Ich kann mich teilweise nur dadurch trösten, daß Dschemal Pascha, an

welchen ich telegraphiert hatte, sein Wort gehalten hat und keine

Metzelei stattfand.

Nach dem Brand des Klosters ergaben sich ohne Widerstand 190

Deserteure. Diese wurden greulichen Mißhandlungen ausgesetzt, gebunden

wie Tiere und unter Knutenhieben nach Damaskus geschickt. Einer von

ihnen fand unterwegs den Tod. Was aus den anderen werden wird, weiß ich

nicht.

Soviel habe ich bis jetzt erfahren und Ihnen berichten können. Gott

soll uns vor den kommenden Übeln schützen! Ich bin jetzt moralisch und

physisch ganz machtlos.

Meine 12 jährige Dienstzeit ist mir eine ewige Zeit des Kummers und

der Trauer geworden. Wäre ich kein Christ, würde ich dem Tag fluchen,

wo ich zur Welt kam, oder vielmehr dem, da ich zu diesem schweren,

verantwortungsvollen Amt berufen wurde!

Sahak,

Katholikos von Cilicien.

35.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 27. April 1915.

An Auswärtiges Amt, Berlin.

Wie das Konsulat Erzerum unter dem 24. April telegraphiert, ist der

Aufruhr in Wan nach amtlicher Mitteilung unterdrückt[50]. Hierbei

seien ungefähr 400 Armenier getötet worden, die übrigen seien nach

Rußland entflohen.[51] Angeblich hätten sich auch Kurden am Aufstande

beteiligt, um sich für die Hinrichtung ihrer Scheiche in Bitlis 1914

und die Bedrückung durch die Regierung zu rächen.[52]

Wangenheim.

36.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 28. April 1915.

An Deutsches Konsulat, Erzerum.

Eine Verwendung Ihrerseits für die Armenier wird darauf auszugehen

haben, Ausschreitungen des Pöbels wie Massakres und Plünderungen zu

verhindern und auf ein regelrechtes Verfahren gegen die politisch

verdächtigen Personen hinzuwirken. Hierbei wäre der Schein, ab ob wir

ein Schutzrecht über die Armenier ausüben und in die Tätigkeit der

Behörden eingreifen wollen, zu vermeiden und dies eventuell auch den

Behörden gegenüber zu betonen. Vertraulich: Die hiesigen Behörden

haben dieser Tage mehrere Hundert armenische Notabeln verhaftet und

nach Anatolien verschickt, angeblich weil sich Anzeichen für eine

revolutionäre Bewegung gezeigt haben.

Wangenheim.

37.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 30. April 1915.

Über die Vorgänge in Wan meldet der Kaiserliche Konsul in Erzerum

nachträglich auf Grund von Nachrichten aus Wan vom 19. April, daß

die dortigen Behörden vor Ausbruch der Unruhen eine Anzahl Armenier

verhaften ließen, von denen drei während des Transportes unter

polizeilicher Bedeckung ermordet wurden; unter diesen befand sich auch

ein gewisser Ischkhan, der sich früher ab Freischärler hervorgetan hat.

Während des Kampfes wurde das Armenierviertel umzingelt; 250 Häuser

wurden zerstört, darunter das Gebäude der Zweigniederlassung der Banque

Ottomane, das von den Armeniern in die Luft gesprengt worden sein

soll.[53]

Der Minister des Innern teilte am 28. d. M. dem ersten Dragoman

mit: „In Wan sei das Schlimmste überstanden; es sei dort zu einem

regelrechten Kampfe gekommen, und die Verluste auf beiden Seiten seien

beträchtlich gewesen; über 400 Armenier seien umgekommen, aber auch die

Truppen hätten mehrere Hundert Mann verloren. Die Disziplin sei jedoch

aufrecht erhalten worden, so daß man nicht von Massakres reden könne.

Daß zwischen den Armeniern und Russen enge Beziehungen bestanden, könne

als einwandfrei festgestellt gelten.[54] Gleichzeitig mit der Bewegung

dort hätte auch eine verstärkte militärische Aktion im Kaukasus

eingesetzt.“

Wan, mit einer armenischen Bevölkerung von etwa 20000 Seelen, war schon

seit Jahren ein Hauptzentrum der Partei Daschnakzutiun. In dem Bericht,

den sie im Jahre 1910 dem internationalen Sozialistenkongreß in

Kopenhagen erstattet hat, wird ihre Tätigkeit in den Provinzen Bitlis

und Wan geschildert. „In diesen“, heißt es in dem Bericht, „hatten wir

bis 1908 die ganze waffenfähige Landbevölkerung, welche in politische

Gruppen organisiert war, unter unserer Fahne... Diese Tätigkeit

war wesentlich eine politische und revolutionäre. Sie dauert heute

fort, aber schon in offener Weise. In allen Zentren des türkischen

Armeniens hat unsere Partei ihre Scharen von Fidais, deren Zweck ist,

darüber zu wachen, daß die Reaktion nicht wieder den Kopf erhebe.“ An

einer anderen Stelle wird erwähnt, daß im Jahre 1908 in Wan mehr als

1000 Gewehre, eine Million Patronen und Massen von Explosivstoffen

angesammelt waren, die damals von der Regierung beschlagnahmt wurden.

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

38.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 30. April 1915.

In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag den 25. d. M. und von Sonntag

auf Montag den 26. d. M. haben hier zahlreiche Verhaftungen von

Armeniern stattgefunden. Im ganzen sollen an 500 Personen aus allen

Gesellschaftsklassen festgenommen sein, namentlich Ärzte, Journalisten,

Schriftsteller, Geistliche, auch einige Deputierte. Das Lokal der

Zeitung Azadamart, Organ der Partei Daschnakzutiun, der viele von den

Verhafteten angehörten, wurde behördlich gesperrt. Die meisten wurden

in den folgenden Tagen nach dem Innern von Klein-Asien verschickt.

Über die Ursachen dieser Maßregeln waren im Publikum allerlei

unkontrollierbare Gerüchte verbreitet. Unter anderem hieß es, daß

man in armenischen Häusern und Kirchen Explosivstoffe, Bomben

und Waffen entdeckt habe, und daß die Armenier für den Tag des

Thronbesteigungsfestes (27. d. M.) Anschläge auf die Pforte und andere

öffentliche Gebäude geplant hätten.

Als der Armenische Patriarch beim Großwesir und beim Minister des

Innern nach den Gründen dieser Massenverhaftungen fragte, wurde

ihm erwidert, daß die Organisation der armenischen Bevölkerung zu

politischen Parteien im gegenwärtigen Augenblick von einzelnen

einflußreichen Persönlichkeiten ausgenützt werden könnte, um die

öffentliche Ruhe zu stören, und daß es im Interesse des Staatswohls

geboten erscheine, solchen Eventualitäten durch Entfernung der

leitenden Persönlichkeiten aus der Hauptstadt vorzubeugen.

Der Minister des Innern äußerte gegenüber dem ersten Dragoman folgendes:

Die Regierung sei jetzt entschlossen, dem bisherigen Zustand ein

Ende zu bereiten, wonach jede Religionsgemeinschaft ihre besondere

„Politik“ mache und hierzu besondere politische Vereinigungen gründen

und unterhalten könne.[55] In der Türkei solle künftig nur „osmanische

Politik“ gemacht werden.

Unter den hiesigen Armeniern befänden sich eine Reihe von politisch

nicht ganz sicheren Persönlichkeiten; sie seien natürlich gerade

unter den tätigen Mitgliedern der Klubs und Redaktionen zu suchen.

Die Besorgnis sei nicht von der Hand zu weisen, daß im Falle einer

ungünstigen Wendung des Krieges diese Elemente die Gelegenheit zu

Unruhestiftungen ergreifen könnten. Der Augenblick schien günstig,

alle diese Verdächtigen aus der Hauptstadt zu entfernen. Unter den

Verschickten gebe es sicher viele, die in keiner Weise schuldig seien.

Dies leugne die Regierung nicht, und er -- Talaat -- werde aus eigenem

Antrieb und ohne daß es hierzu einer Intervention bedürfe, diesen die

Erlaubnis zur Rückkehr erteilen.

Die Behauptung, es lägen Beweise vor, daß für den Tag des

Thronbesteigungsfestes ein Putsch beabsichtigt gewesen sei, erklärte

Talaat Bey für unzutreffend.

Die Vorgänge in Wan und die in diesen Tagen erfolgten Angriffe der

Russen auf den Bosporus und der vereinigten Franzosen und Engländer auf

die Dardanellen dürften nicht ohne Einfluß auf die Entschließungen der

Regierung gewesen sein.

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

39.

(Kaiserliches

Konsulat Erzerum.)

Telegramm.

Abgang aus Erzerum den 30. April 1915.

Ankunft in Pera den 1. Mai 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Wie aus Erzingian berichtet wird, verübten der dortige Mutessarrif und

die Gendarmerie Ausschreitungen und schwere Bedrückungen gegen die

armenischen Bewohner.

Hier herrscht Ruhe. Die vorgenommenen Verhaftungen erschweren es,

Nachrichten aus Wan zu erhalten.

Scheubner.

_Mai._

40.

(Kaiserliches

Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 3. Mai 1915.

Ankunft in Pera, den 4. Mai 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Die aus Zeitun und Umgegend verbannten Armenier werden auf wenigstens

tausend, vielleicht mehrere tausend geschätzt. Sie sollen durch

muhammedanische Flüchtlinge aus Mazedonien ersetzt werden.

Die Aktion geht weiter. In Aintab sind neuerdings Verhaftungen, in

Aleppo Haussuchungen vorgenommen worden.

Rößler.

41.

(Kaiserliches

Konsulat Erzerum.)

Telegramm.

Abgang aus Erzerum, den 4. Mai 1915.

Ankunft in Pera, den 6. Mai 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Die Kämpfe in Wan zwischen den Truppen und Armeniern dauern an. Auf

türkischer Seite wurden in den letzten Tagen ungefähr 200 Tote und

doppelt so viel Verwundete gezählt. Hier wurden gegen 200 Verhaftungen

vorgenommen. Die Furcht vor einem Massaker dauert an. Der Wali glaubt

im Besitz von Beweisen für eine Konspiration eines Teiles der hiesigen

Armenier zu sein. Die Entscheidung dürfte in den nächsten Tagen fallen.

Ich glaube, daß es hier möglich sein wird, Massakres zu vermeiden.

Scheubner.

42.

(Deutsches Waisenhaus.)

Mamuret-ul-Aziz, den 5. Mai 1915.

Ew. Exzellenz!

Da in diesem Wilajet kein deutscher Konsul ist, ersuche ich Ew.

Exzellenz um Entschuldigung, wenn ich mir erlaube, über die hiesigen

innerpolitischen Verhältnisse kurz zu berichten.

Seit einigen Tagen werden in den christlichen Häusern der Stadt und

Umgegend strenge Haussuchungen gehalten, der Regierung verdächtig

erscheinende Personen verhaftet und die Leute zur Ablieferung ihrer

Waffen aufgefordert.

Diese Maßnahmen der Regierung scheinen im Zusammenhang mit Vorgängen

in Wan und Diarbekr zu stehen und auf Anweisung der Zentralregierung

angeordnet worden zu sein.

Die gesamte christliche Bevölkerung ist dadurch in große Unruhe

versetzt worden und befürchtet das schlimmste.

Durch meinen 18 jährigen Aufenthalt an diesem Ort die Verhältnisse

genau kennend, möchte ich die Aufmerksamkeit Ew. Exzellenz auf die

Tatsache lenken, daß, wenn auch die hiesige Bevölkerung zum Teil sich

in Privatgesprächen manchmal unzufrieden über die türkische Regierung

geäußert hat, und wenn auch die Sympathien mancher Christen in diesem

Krieg auf Seiten des Dreiverbands waren, trotz alledem weitaus die

große Masse der Bevölkerung dieses Wilajets der Regierung gehorsam ist

und die Christen hier im entferntesten nicht daran denken, sich gegen

die Regierung aufzulehnen.

Die christliche Mannschaft von 20-45 Jahren hat sich ohne

Schwierigkeiten zum Heeresdienst gestellt, und bei Requirierungen von

Lebensmitteln wie auch bei der Unterstützung des „Roten Halbmonds“ kam

die christliche Bevölkerung soweit als möglich der Regierung entgegen,

so daß ich es für meine Pflicht halte, für die Christen hier um

Schonung zu bitten.

Der wohlgesinnte Generalgouverneur, mit dem ich eben in

freundschaftlicher Weise über die Angelegenheit sprach, hofft, daß es

hier zu keinen ernsten Ereignissen kommen wird und versichert mich, daß

er alles tun wird, um die Angelegenheit in friedlicher Weise zu ordnen.

Er ist ebenfalls von dem friedliebenden und regierungstreuen Charakter

der hiesigen christlichen Bevölkerung überzeugt. Doch besteht die

Gefahr, daß starke armenierfeindliche Elemente die Oberhand bekommen

und zum schlimmsten schreiten, so daß ich Ew. Exzellenz im Interesse

der Menschlichkeit ersuche, die nötigen Schritte zur Aufklärung der

Türkischen Zentralregierung über die hiesigen Verhältnisse tun zu

wollen.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 62 / 134 题