_November._
1. November: Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Rußland
und der Türkei.
12.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat. Trapezunt, den 18. November 1914.
Gestern morgen erschien die russische Schwarze Meer-Flotte, bestehend
aus zwei Panzerschiffen, fünf Kreuzern und einem Transportschiff, denen
sich einige Torpedoboote zugesellten, auf der Reede von Trapezunt. Um
8 Uhr begann die Beschießung der Stadt, welche mit Unterbrechung etwa
eine Stunde dauerte. Es wurden einige Schüsse aus schweren Geschützen
(nach den gefundenen Geschoßteilen zu urteilen, etwa Kal. 20 cm)
abgegeben, welche dem Kaiserlichen Konsulat, dem alten und dem neuen
Telegraphenamt zugedacht waren. Der Rest der Schüsse wurde aus kleinem
Kaliber abgegeben und galt in erster Linie der alten Feste Güsel Hissar
und dem Hafen. Der von ihnen angerichtete Schaden ist unerheblich.
Der Zweck der Beschießung ist nicht recht klar. Ich möchte annehmen,
daß die Russen auf einen Aufstand der armenischen und griechischen
Bevölkerung gehofft und für diesen Fall eine Landung beabsichtigt
hatten. Die Türken hatten sofort die Muhammedaner bewaffnet und das
Ufer besetzt, auch zeigten sich sehr viel Patrouillen unter Führung von
Polizisten in der Stadt. Die Muhammedaner haben die beste Disziplin
gezeigt.
Gleich zu Beginn des Bombardements hatten einige Armenierinnen und
Türkinnen mit ihren Kindern das Asylrecht des Kaiserlichen Konsulats
in Anspruch genommen. Sie hatten völlig den Kopf verloren, weinten und
drohten eine Panik heraufzubeschwören. Ich habe sie daher nebst meiner
Familie und den in meinem Hause befindlichen deutschen Dienstboten
in die Berge geschickt und ihnen dort Nachtquartier besorgen lassen,
während ich selber auf dem Kaiserlichen Konsulat blieb.
Die von den Russen dem Kaiserlichen Konsulat gewidmete Aufmerksamkeit
war wohl unfreundlich und das Gefühl, der Zielpunkt ihrer Geschosse zu
sein, deren Sausen deutlich zu vernehmen war, nicht gerade angenehm,
immerhin muß man dem Feind die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er
nicht ziellos und aus reiner Zerstörungswut die Stadt beschossen hat.
Dr. Bergfeld.
S. E. dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
_Dezember._
13.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, am 29. Dezember 1914.
Aus Anlaß eines Berichtes des Kaiserlichen Konsuls in Adana über
die der deutschen Sache ungünstige Stimmung unter der armenischen
Bevölkerung jener Landesteile habe ich den hiesigen Patriarchen der
gregorianischen Armenier über seine Auffassung der einschlägigen
Verhältnisse sondieren lassen.
Wie aus den Mitteilungen des Herrn Dr. Büge hervorgeht, herrscht unter
den Armeniern seines Amtsbezirkes allgemein die Befürchtung, daß im
Falle eines deutschen Sieges die Existenz des armenischen Volkes auf
türkischem Boden vernichtet sei; wenn aber die Türkei in die Hände
der Engländer und Franzosen fiele, dann würden endlich die so schwer
heimgesuchten Armenier Ruhe finden. Ich habe daher dem Patriarchen
versichern lassen, daß die vor Beginn des Krieges eingeleitete
Reformaktion für die ostanatolischen Landesteile zwar aufgeschoben,
aber nicht aufgehoben sei, und daß ich nach Wiederherstellung des
Friedens für die Wiederaufnahme des Reformwerkes eintreten würde, so
wie seinerzeit die dahin zielenden Schritte der russischen Regierung
von uns unterstützt worden seien.
Der Patriarch fand es selbstverständlich, daß infolge des herrschenden
Kriegszustandes diese Angelegenheit zurückgestellt sei und vor
Beendigung des Krieges nicht wieder in Fluß gebracht werden könne.
Für den Augenblick beklagte er das Mißtrauen der türkischen Behörden
gegenüber den Armeniern und speziell das Los der armenischen Distrikte
in der Nähe des Kriegsschauplatzes, namentlich in der Umgegend von
Erzerum. Die waffenfähigen Männer im Alter von 20-45 Jahren seien
eingezogen, die übrigen würden zu Transporten und dergleichen Diensten
verwendet, so daß die Dörfer den Übergriffen und Ausschreitungen
marodierender Soldaten schutzlos preisgegeben seien. In den übrigen
Provinzen mit armenischer Bevölkerung scheine Ruhe zu herrschen, doch
lägen infolge der Unterbrechung der Korrespondenzen keine sicheren
Nachrichten vor.
Im allgemeinen bemerkte der Patriarch, daß jeder einsichtige Armenier
das Verbleiben der Armenier unter türkischer Herrschaft wünsche und
den Gedanken eines Anschlusses der betreffenden Landesteile an einen
fremden Staat zurückweise; allerdings sei es unbedingt notwendig,
daß im Sinne der geplanten Reformen den Armeniern in Ostanatolien
die Gleichheit vor dem Gesetze und Schutz von Leben und Eigentum
gewährleistet werde.
Auf die Sympathien der Armenier für die eine oder die andere der mit
uns im Kriege befindlichen Mächte übergehend, meinte der Patriarch,
es sei begreiflich, daß im Grenzverkehr mit dem russischen Gebiete
vielfach russische Sympathien eingeschleppt würden. Alljährlich
im Frühling zögen Tausende von Armeniern nach Rußland, um dort zu
arbeiten, und kehrten im Herbste mit ihren Ersparnissen in ihre
türkische Heimat zurück; da würden dann wohl Vergleiche zwischen der
Behandlung, die sie in der Fremde erfahren haben, und ihrer Lage in der
Türkei gezogen; wie aber ihr Los sich gestalten würde, wenn sie unter
russische Herrschaft geraten sollten, davon hätten sie keine richtige
Vorstellung. Während der Armeniermassakres in Erzerum (im Jahre 1898)
habe der russische Konsul Maximow nicht nur diejenigen Armenier, die im
Konsulate Zuflucht suchten, abgewiesen, sondern auch den fanatischen
Pöbel durch laute Zurufe zur Fortsetzung der Ausschreitungen
angetrieben. Der Patriarch führte noch andere Einzelheiten an und fügte
hinzu, daß das Eintreten Rußlands für Reformen in Türkisch-Armenien
durch die Rücksichtnahme auf die armenische Bevölkerung im Kaukasus
begründet gewesen sei.
Wenn Sympathien für Frankreich vorhanden seien, so sei das die
Folge davon, daß in den armenischen Schulen von fremden Sprachen
hauptsächlich Französisch gelehrt werde; die Kenntnis dieser Sprache
bilde das Medium zur Einführung französischer Ideen und französischer
Sympathien. Das Deutsche sei aus Mangel an geeigneten Lehrkräften
bisher nur an wenigen Schulen in den Unterricht aufgenommen. Für
Amerika seien ausgesprochene Sympathien vorhanden, obwohl die
Proselytenmacherei der amerikanischen Missionare vielfach Anstoß
errege. -- Die ausgebreitete und segensreiche Tätigkeit der
Kaiserswerther Diakonissen und anderer deutscher Vereine für die
Armenier in der Türkei werden vom Patriarchen richtig gewürdigt.
Die vorstehenden Ausführungen des Patriarchen dürften im allgemeinen
als zutreffend und auch als aufrichtig gemeint zu erachten sein. Soweit
mir bekannt, gehört er selber, ebenso wie die Majorität des derzeitigen
„Großen Conseils“ der armenischen Gemeinde, der gemäßigten Partei
(„Ramgavar“) an.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
14.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 30. Dezember 1914.
Der beifolgende Bericht über türkische Ausschreitungen gegen die
armenische Bevölkerung in der Umgegend von Erzerum bestätigt die
Mitteilungen, die mir hierüber vom Armenischen Patriarchen zugegangen
waren, und hat mich veranlaßt, die Zustände auf der Hohen Pforte zur
Sprache zu bringen und dringend zu raten, für die Abstellung solcher
Vorkommnisse Sorge zu tragen. Allerdings meinte der Großwesir, daß
diese Vorfälle nicht ganz ohne armenische Provokation entstanden seien;
als Beleg hierfür führte er an, daß die Armenier in dem Kriege offen
gegen die türkische Sache Partei nehmen, und erwähnte u. a., daß die
bulgarischen Armenier Rußland eine Freiwilligentruppe zur Verfügung
gestellt hätten[33].
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat. Erzerum, den 5. Dezember 1914.
Die armenische Bevölkerung des Wilajets Erzerum, insbesondere die
Landbevölkerung, ist durch einige Vorgänge sehr beunruhigt, die von ihr
als Vorboten neuer Massakres aufgefaßt werden.
In dem Dorfe Osni der Erzerumer Hochebene haben am 1. d. Mts. drei
türkische Freischärler (Irreguläre) einen bei den Armeniern sehr
angesehenen Priester besucht, bei demselben gegessen und geschlafen und
ihn am nächsten Morgen gezwungen, sie bis an das Ende des Dorfes zu
begleiten, wo sie ihn durch Flintenschüsse töteten.
In dem Dorfe Tewnik, ebenfalls in der Erzerumer Hochebene, hat
eine Gruppe von 12 Freischärlern sämtliche Männer des Dorfes
herausgetrieben, gefesselt und ein Lösegeld von 100 türkischen Pfund
gefordert. Diese Summe konnte von dem Dorfe nicht aufgetrieben werden.
Die Männer blieben gefangen. Einige Frauen dieses Dorfes sind weinend
zum armenischen Bischof nach Erzerum gekommen und haben um Hilfe
gebeten.
Auch von anderen Dörfern kommen ähnliche Berichte.
Der armenische Bischof von Erzerum hat sich an den Wali gewendet, der
die Säuberung der Erzerumer Ebene von den Freischärlern versprach.
Diese Mitteilungen stammen von angesehener armenischer Seite.
Die armenische Bevölkerung behauptet, daß es sich um eine von der
türkischen Partei „Ittihad“[34] angezettelte Bewegung handle.
Tatsache ist, daß die türkischen Offiziere auf die Armenier nicht
gut zu sprechen sind und ihnen vorwerfen, sie wären russenfreundlich
und hätten das Eindringen russischer Truppen in türkisches Gebiet
erleichtert. Auch bei der türkischen Bevölkerung scheint, wie aus
mancherlei Symptomen zu ersehen, der alte Haß gegen die Armenier neu
aufzulodern.
Schwarz.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Dr. von Bethmann Hollweg, Berlin.
1915
_Februar._
15.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 2. Februar 1915.
Laut Artikel 5 des mit dem Generalinspektor Hoff Bey geschlossenen
Vertrages hat die Türkische Regierung das Recht, den Vertrag vor seinem
Ablauf zu kündigen. Eine entsprechende Klausel enthält der Vertrag mit
dem Sekretär Blehr.
Die in Kristiania akkredierte türkische Gesandtschaft ist angewiesen
worden, die Verträge mit den genannten Herren in aller Form zu kündigen.
Entsprechend ist gegenüber dem holländischen Reformer Westenenk
verfahren worden[35].
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Maßnahme der türkischen
Regierung in der armenischen Bevölkerung starke Erregung hervorrufen
wird; denn sie wird als ein Zeichen dafür ausgelegt werden müssen,
daß die Pforte nicht gewillt ist, den Weg der armenischen Reformen
fortzusetzen. Zwar wird dies auf der Pforte nicht offen zugegeben,
sondern in vagen Wendungen auf die Möglichkeit hingewiesen, die beiden
Reformer nach Beendigung des Krieges wieder anzustellen; doch ist dies
nicht mehr als eine façon de parler, die nicht ernst genommen werden
darf.
Als ich zu Talaat Bey Bedenken äußerte, ob ein derartiger Entschluß
günstig sei, erwiderte er: „C’est le seul moment propice!“ Ich bin
bei den Türken durchweg der Auffassung begegnet, daß im Falle des
Unterliegens der Türkei die armenische Bevölkerung sich unbedingt auf
die Seite des Siegers schlagen würde, und daß alle Zugeständnisse in
der Reformfrage daran nichts zu ändern vermögen. Die Pforte sei es
daher überdrüssig, dem armenischen Elemente eine Vorzugsbehandlung vor
den übrigen Volksteilen der Türkei zuteil werden zu lassen.
Die erwähnte Maßregel kennzeichnet sich somit als ein neues Glied in
jener Kette von Regierungsakten, durch welche die Türkei neuerdings
ihr unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht auf allen Gebieten ihres
Staatslebens selbstbewußt zum Ausdruck bringt.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler,
Herrn von Bethmann Hollweg.
16.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 22. Februar 1915.
Unter dem Eindruck, den mein Besuch beim griechischen Patriarchen am 2.
d. Mts. auch in weiteren Kreisen hier gemacht hat, hatte der armenische
Patriarch den Wunsch geäußert, seinerseits eine Zusammenkunft mit mir
zu haben.
Bei dem Besuche, den er mir infolgedessen am 20. d. Mts. abstattete,
sprach er zunächst seinen Dank für unsere wohlwollende Politik in
der armenischen Reformenfrage aus; auch bat er mich, speziell die
armenische Bevölkerung in den vom Kriege heimgesuchten Grenzprovinzen
dem Schutze der dort befindlichen deutschen Militärs und Konsuln zu
empfehlen. Im übrigen bezeichnete er die Lage der Armenier in jenen
Gegenden als „verhältnismäßig befriedigend“.
Ich konnte dem Patriarchen nur wiederholen, daß wir uns nach wie vor
um die Verbesserung der Lage der türkischen Armenier bemühten, und
daß die längere Friedensperiode, die nach Beendigung des Krieges zu
erwarten stünde, uns Gelegenheit bieten würde, unsren moralischen
und politischen Einfluß weiter in diesem Sinne geltend zu machen;
daß der Krieg allen Teilen der Bevölkerung große Opfer auferlege,
und gelegentliche Härten nicht zu vermeiden seien, namentlich im
eigentlichen Kriegsgebiete, daß aber die deutschen Beamten, soweit
angängig, sich der Armenier annehmen würden und ich mir selber
vorbehielte, den einen oder den anderen Punkt auf der Hohen Pforte zur
Sprache zu bringen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
_März._
17.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 3. März 1915.
Ankunft in Pera, den 3. März 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Aus dem Wilajet Bitlis[36] wird von Aufstandsbewegungen der Armenier
und bewaffnetem Vorgehen derselben gegen Militär und Gendarmen
berichtet. In Kaisarié sollen bei Haussuchung Bomben und Chiffrebücher
gefunden worden sein. Man führt diese Bewegungen auf aufreizende
Agitation feindlicher Mächte zurück. Militärbehörden haben scharfe
Maßregeln angeordnet, auch dürfen Armenier nicht zum Dienst mit der
Waffe zugelassen werden.
Scheubner.
18.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat. Alexandrette, den 7. März 1915.
In den letzten Tagen haben bei sämtlichen hiesigen Rajahs -- Armeniern,
Syrern, Griechen -- auf höheren Befehl (dem Vernehmen nach aus
Konstantinopel) Haussuchungen stattgefunden. In einer Anzahl von
Häusern wurden Papiere beschlagnahmt, anscheinend nur deswegen, weil
sie fremdsprachlich waren. Dasselbe Schicksal hatten Bücher, besonders
englische. Eine Verhaftung ist auf Grund des Ergebnisses bisher nicht
erfolgt. Soweit ich den Charakter und die Tätigkeit der hiesigen
kleinen Bevölkerung bisher kennen gelernt habe, glaube ich auch
nicht, daß diese sich landesverräterisch betätigt. Aus diesem Grunde
erregte die Maßregel auch bei den nicht betroffenen hiesigen fremden
Staatsangehörigen Kopfschütteln. Durchgeführt wurde sie übrigens in
verbindlichen Formen.
Die Maßnahme hängt, wie ich von militärischer Seite höre, mit dem
Mißtrauen zusammen, das in Regierungskreisen neuerdings gegen die
christlichen, besonders die armenischen Bevölkerungsbestandteile
Syriens und Ciliciens -- wohl auch anderwärts -- wieder stärker
geworden ist und das hier und in der benachbarten Gegend durch kleine
Vorkommnisse genährt worden ist. So haben sich z. B. unter den
Gendarmen, die, wie gemeldet, bei zwei Landungen des Kreuzers „Doris“
in englische Gefangenschaft gerieten, Armenier befunden. Das eine Mal
soll der armenische Unteroffizier der sieben Mann starken (mit nicht
funktionierenden Martinis ausgerüsteten) Besatzung eines kleinen (ohne
rückwärtigen Ausgang angelegten) Schützengrabens das Zeichen der
Ergebung mit dem Taschentuch gegeben haben. So naheliegend es ist,
dieses Verhalten aus dem Mangel soldatischer Eigenschaften zu erklären,
sahen die hiesigen Militärbehörden darin Verrat. Der gemeine Mann
wird diesen Eindruck erst recht gehabt haben. Die Folge dieser beiden
Vorfälle war denn auch eine panikartige Stimmung unter den hiesigen
Armeniern.
Diese hat sich verschärft durch das Vorgehen der Militärbehörden in dem
30 km von hier gelegenen, zum Wilajet Adana gehörigen Flecken Dörtjol.
Was dort eigentlich geschehen ist, habe ich des näheren noch nicht
feststellen können[37]. Nach Angabe der hiesigen Militärbehörde handelt
es sich um eine Razzia, die vor einer Woche dort als einem bekannten
Zufluchtsort für Deserteure, Räuber und Unruhestifter vorgenommen
wurde. Nach anderen Angaben sollen sämtliche arbeitsfähigen Leute
zwangsweise zum Wegebau nach Osmanije abgeführt worden sein. Tatsache
ist, daß der Ort militärisch eingeschlossen und der Eintritt sowie das
Verlassen nur gegen militärischen Passierschein erlaubt ist.
Hoffmann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
19.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat Adana, den 13. März 1915.
Euerer Exzellenz beehre ich mich, in der Anlage eine von meinem
Gewährsmann verfaßte Darstellung der Umtriebe in Dörtjol gehorsamst zu
überreichen.
Irgend welche Haftung für die Zuverlässigkeit des Berichtes vermag ich
nicht zu übernehmen, glaube aber, daß die Sache im ganzen zutreffend
geschildert ist.
Büge.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
Anlage.
~Die Unruhen in Dörtjol.~
Die Gegend von Dörtjol ist mit wenigen Ausnahmen von Armeniern bewohnt
und ist von türkischen Wohnstätten umgeben. Die Bevölkerung lebt
ausschließlich von Orangenkultur und hat in diesem Jahre wegen des
allgemeinen Krieges das einzige Produkt ihrer Arbeit nicht an den
Markt bringen können. Während der Mobilmachung hatten die Bewohner
von Dörtjol entweder dienen oder „Bedel“[38] zahlen müssen. Wegen
des allgemeinen Geldmangels haben sich die Leute nicht helfen können
und haben viele von ihnen, anstatt der militärischen Einladung Folge
zu leisten, desertiert. Manche von den Deserteuren haben das Weite
gesucht, aber auch viele sind an ihrem Wohnort geblieben.
Dieser Umstand und das Mißtrauen der in der Umgebung wohnenden Türken
den Armeniern gegenüber haben die Aufmerksamkeit der Regierung auf
dieselben gelenkt, um so mehr, weil die Bewohner von Dörtjol sich
während der letzten Massaker[39] gegen die Türken verteidigt haben.
Nach der Beschießung der türkischen Häfen seitens der englischen
Kriegsschiffe sind öfters Engländer ungestört auf das Land gekommen,
haben sich nach Dörtjol zu den Armeniern begeben und haben dort
Einkäufe gemacht. Aus Gewinnsucht haben manche Armenier mit den
Engländern Geschäftsverkehr gehabt, zur Unzufriedenheit Anderer,
welche merkten, daß die Regierung alles beobachtete und einmal für das
Vorgehen einzelner Personen alle verantwortlich machen werde.
Vor einigen Wochen begibt sich ein früherer Deserteur namens
Saldschian, der seine Erziehung bei den hiesigen Jesuiten genossen
hat und an der armenischen Schule als Lehrer der französischen
Sprache angestellt war, nach Dörtjol. Seit zwei Jahren befindet er
sich in Cypern und ist jetzt wahrscheinlich in den englischen Dienst
eingetreten. Er geht in Begleitung eines Armeniers aus Alexandrette
nach Dörtjol und bleibt dort 6-7 Tage. Man kann fast bestimmt sagen,
daß er die Bewohner für den fremden Dienst zu gewinnen versucht hat. In
welchem Maße es gelungen ist, kann man nicht feststellen, und einige
Kaufleute behaupten, daß die Mission Saldschians privater Natur sei und
mit der Allgemeinheit nichts zu tun habe. Die Notabeln der Ortschaft
haben von dem ganzen Vorgang keine Kenntnis gehabt, und manche sind
nicht einmal dort gewesen.
Saldschian hat sich Ausweispapiere angeschafft und sich als Kaufmann
vorgestellt. Sogar die Polizei hat von seiner Anwesenheit Kenntnis
gehabt. Nach der Rückkehr Saldschians auf das englische Kriegsschiff
wird die Polizei durch reinen Zufall auf den falschen Kaufmann
aufmerksam und hat nur den Begleiter festnehmen können.
Wenige Tage nachher begibt sich wieder ein Armenier namens Köschkerian
aus der Ortschaft Odschakli vom Kriegsschiff auf das Land. Dieser
befand sich, nachdem seine Frau während der Massaker seitens der Türken
ermordet war, im Ausland. Dieser soll auch einen Betrag von 40 Ltq. mit
sich geführt haben.
Aus allen Vorgängen und Erscheinungen kann man nicht den Schluß ziehen,
daß die Armenier irgendeine Organisation zwecks Verschwörung oder
Revolution gehabt haben. Aber sicher ist es schon, daß das Erscheinen
der Kriegsschiffe und das aggressive Vorgehen derselben seitens der
Mehrzahl der gesamten christlichen Bevölkerung im allgemeinen und
speziell von den Armeniern mit Freude begrüßt wurden, und wenn es
einmal den Engländern oder Franzosen gelingt, auf das Land zu kommen,
dann werden sie von allen Christen mit Jubel empfangen werden.
Auf das dringende Verlangen der türkischen Bevölkerung der benachbarten
Wohnstätten um die Wegschaffung der Armenier aus Dörtjol zwecks
Vermeidung irgendeiner Eventualität, sowie wegen Festnahme der
Deserteure hat die Regierung alle Bewohner männlichen Geschlechts in
einer Nacht festgenommen und aus der Gegend entfernt. Man hat sie
unter strenger Aufsicht nach Aleppo geschickt und verwendet sie für
Straßenbau. Während der Festnahme haben die Armenier volle Ergebenheit
gezeigt und haben sich gegen die Regierung gar nicht gewehrt. Nur drei
Leute sind bei der Flucht erschossen worden. Auch diese sollen von
Waffen keinen Gebrauch gemacht haben.
Adana, den 12. März 1915.
20.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 26. März 1915.
Unter dem 12. d. Mts. hatte der Kaiserliche Konsul in Aleppo
gemeldet, daß in Zeitun, dem aus früherer Zeit bekannten armenischen
Wetterwinkel, eine Revolte ausgebrochen wäre, deren Umfang noch
unbekannt sei. Trotz Warnung des Wali hätte der Militärkommandant
dort keine Truppen gelassen. Der darüber befragte Konsul in Adana
berichtete, daß von einem vorbereiteten Aufstand der Armenier keine
Rede sei und es sich wahrscheinlich nur um einzelne Ausschreitungen
aus Anlaß der Rekrutierung handele. Der hiesige armenische Patriarch
bestätigt diese Darstellung und fügt namentlich hinzu, daß die
Regierung vor einiger Zeit den Einwohnern von Zeitun sämtliche Waffen
abgenommen habe.
Nunmehr telegraphiert Konsul Rößler von gestern:
„In Zeitun hatten armenische Deserteure, die verhaftet werden
sollten, einige türkische Gendarmen erschossen; daraufhin hat die
muhammedanische Bevölkerung von Marasch offenbar geplant, Metzeleien
zu veranstalten, ist aber auf die Ankündigung der Einsetzung eines
Kriegsgerichtes ruhig geblieben. Ein deutscher Missionsbruder
aus Marasch ist als Unterhändler nach Zeitun gesandt. Wenn die
Einwohner die Rädelsführer nicht herausgeben, so soll militärisch
vorgegangen werden. In diesem Falle mag es schwer sein, die niedrige
muhammedanische Bevölkerung von Marasch im Zaume zu halten. Bitte
strengste Befehle zur Verhütung von Ausschreitungen erwirken. Die
armenische Bevölkerung von Marasch ist völlig friedlich. Die Mission,
in der acht Schwestern sind, hat eine Schwester an mich abgeschickt,
mich zu bitten, zum Schutz der Deutschen nach Marasch zu kommen. Ich
erbitte Erlaubnis zur Abreise.“
Ich habe hier die nötigen Schritte getan und den Kaiserlichen Konsul
zur Reise nach Marasch ermächtigt.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
21.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 29. März 1915.
Die letzten Nachrichten, die der Pforte in diesen Tagen aus Zeitun
zugegangen sind, bestätigen die Auffassung des Kaiserlichen Konsuls zu
Aleppo vom Ernst der dortigen Lage.
Über die einzelnen Vorfälle, die die Regierung nunmehr zum
militärischen Einschreiten veranlaßt haben, machte der Minister des
Innern folgende Angaben:
Armenische Deserteure, die sich durch die Flucht der Dienstpflicht
entzogen hatten, unternahmen kürzlich einen Angriff auf das Gefängnis
in Zeitun, um einige armenische Gefangene zu befreien; es kam zu
einem blutigen Zusammenstoß, bei dem mehrere Gendarmen von der
Wachmannschaft und auch einige Armenier, die sich den Angreifern
entgegenstellten, verwundet und getötet wurden. Gendarmen, die in den
Häusern nach Fahnenflüchtigen suchten, wurden mit scharfen Schüssen
und Steinwürfen empfangen; hierbei sollen ein oder mehrere Gendarmen
den Tod gefunden haben. Das Gros der Deserteure sammelte sich alsdann
in einem Kloster bei Zeitun, wo sie von den türkischen Gendarmen
angegriffen wurden: letztere verloren 7-8 Tote, unter denen sich auch
der Gendarmeriekommandant von Marasch, Suleiman Bey, befand, und 20
Verwundete. Den Armeniern gelang es unter Zurücklassung von einigen
20-30 Toten, denen sie zum Teil die Köpfe abschnitten, zu entfliehen.
Es ergibt sich daraus, daß die renitenten Armenier, trotz der vor
einiger Zeit angeordneten Entwaffnung der Bevölkerung von Zeitun, über
Waffen verfügen und die Ursache dieser Kämpfe im Widerstande gegen die
Konskription zu suchen ist. Der Minister glaubt, daß außerdem fremde
Agitatoren ihre Hand im Spiele haben[40]; im übrigen versichert er,
daß Besorgnisse wegen Ausschreitungen in den an Zeitun angrenzenden
Distrikten unbegründet seien.
Der armenische Patriarch versucht, die Tragweite der Vorgänge in Zeitun
und anderwärts abzuschwächen und stellt namentlich das Vorhandensein
einer organisierten Aufstandsbewegung in Abrede; er sowohl, wie die ihm
nahestehenden armenischen Kreise betonen, daß die türkischen Armenier
ernstlich bestrebt seien, sich korrekt und loyal zu verhalten.
Die letzteren Behauptungen scheinen zuzutreffen; es ist indes nicht
zu verkennen, daß das gegenseitige Mißtrauen zwischen Armeniern und
Türken in den letzten Zeiten zugenommen hat. Als charakteristisches
Symptom hierfür wird angeführt, daß seit einigen Wochen die armenischen
Dienstpflichtigen, sowohl gediente Mannschaften wie Rekruten, nicht
mehr zum Dienste mit der Waffe, sondern zu Wegebauten und dergleichen
Diensten verwendet werden.
Wangenheim.
Seine Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
22.
(Kaiserliches Konsulat
Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Marasch, den 31. März 1915.
Ankunft in Pera, den 31. März 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Kampf bei Zeitun ging um ein isoliert liegendes, von Deserteuren zum
Aufenthalt genommenes Kloster. Es wurde umstellt, Deserteure brachen
aber durch und flüchteten ins Gebirge. Gesamtzahl etwa 150 Mann.
Einige gefallen, einige verwundet und gefangen. Kloster mit Artillerie
zusammengeschossen. Kämpfe gegen Stadt Zeitun nicht mehr bevorstehend.
Regierung hat alle aufgefordert, sich zu stellen, die ihrer
Dienstpflicht nicht genügt haben. 125 aus Zeitun, 450 aus Marasch
haben sich gestellt. Belagerungszustand Marasch verhängt, auch Sitz
des Kriegsgerichts hier. Verlassen Häuser nach 6 Uhr abends verboten.
Haussuchung nach Waffen streng bei Christen, weniger bei Muselmanen.
Aufregung läßt seit Sonnabend etwas nach.
Rößler.
_April._
23.
(Kaiserliches Konsulat
Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Marasch, den 1. April 1915.
Ankunft in Pera, den 1. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Djemal Pascha hat Mittwoch Befehl bekannt geben lassen, niemand solle
sich in Regierungsangelegenheiten mischen. Ein Muhammedaner, der einen
Armenier angreife, werde vor das Kriegsgericht gestellt.
Rößler.
24.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 3. April 1915.
Über die Kämpfe bei Zeitun meldet Konsul Rößler unter dem 31. v. Mts.,
daß es sich dabei um ein isoliertes Kloster handelte, in dem armenische
Fahnenflüchtige sich aufhielten. Das Kloster wurde umzingelt, die
Armenier aber brachen durch und flüchteten, etwa 150 Mann stark, in die
Berge. Einige von ihnen fielen, andere wurden verwundet oder gefangen
genommen. Das Kloster wurde mit Artillerie zusammengeschossen.
Kämpfe gegen die Stadt Zeitun selber scheinen nicht bevorzustehen.
Auf die von den Behörden erlassene Aufforderung haben sich in Zeitun
125 und in Marasch 450 Dienstpflichtige gestellt, die sich bisher der
Dienstpflicht entzogen hatten.
In Marasch selber ist ein Kriegsgericht eingesetzt und der
Belagerungszustand verhängt worden. Es haben Haussuchungen nach Waffen
stattgefunden, namentlich bei den Christen, und das Verlassen der
Häuser nach Sonnenuntergang ist verboten. Doch hat sich die Aufregung
gelegt.
In einem weiteren Telegramm vom 1. d. Mts. fügt Konsul Rößler hinzu,
daß Djemal Pascha habe bekannt machen lassen: jeder Muhammedaner, der
einen Armenier angreife, werde vor das Kriegsgericht gestellt werden;
niemand habe sich in die Regierungsangelegenheiten zu mischen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
25.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat. Aleppo, den 12. April 1915.
Die Unruhen, welche in Zeitun ausgebrochen sind, haben die Frage
nahegelegt, ob sie von auswärts angezettelt seien. Keinerlei derartige
Spuren aber habe ich während meiner Dienstreise nach Marasch vom 28.
März bis 10. April entdecken können. Der Vorsitzende des Kriegsgerichts
hat allerdings behauptet, fremder Einfluß sei vorhanden, hat mir aber
keine Angaben darüber gemacht. Die an Ort und Stelle vorhandenen,
aus den inneren Leiden der Türkei stammenden Keime genügen vielmehr
vollkommen, die Unruhen zu erklären.
In der Nähe von Zeitun hatte sich ein Räuberunwesen unter den Armeniern
unter einem gewissen Nazareth Tschausch entwickelt[41]. Im Oktober v.
Js. ist der Mutessarrif Haidar Pascha von Marasch dagegen vorgegangen.
Er versprach den Bewohnern von Zeitun auf sein Wort, daß er denen,
die ihm die Räuber auslieferten, nichts tun würde und erreichte damit
tatsächlich die Auslieferung. Anstatt aber ein Gerichtsverfahren zu
eröffnen und die Schuldigen hinzurichten, ließ er Nazareth Tschausch
im Gefängnis zu Tode prügeln (vgl. Bericht vom 16. Oktober v. Js). 30
der mit ihm Gefangenen ließ er nach Osmaniyé ins Gefängnis bringen,
wo sie noch heute ohne Urteil sitzen, andere hat er laufen lassen, um
nicht gleichzeitig gefangene muhammedanische Räuber strafen zu müssen.
Dagegen hat er entgegen seiner feierlichen Zusage diejenigen Leute
verhaften lassen, die ihm zur Ergreifung der Räuber führende Angaben
gemacht hatten.
Mit Kriegsausbruch wurde von General Fakhri Pascha entgegen dem Rat des
Wali Djelal Bey von Aleppo die in Zeitun liegende Kompagnie Soldaten
fortgenommen und durch Gendarmen ersetzt und zwar durch muhammedanische
Gendarmen aus Marasch, die zum Teil die persönlichen Feinde der
Bewohner von Zeitun waren. Ihnen waren die letzteren ausgeliefert.
Zeitun ist eine ausschließlich christliche Stadt. Mehrfach wurden die
Männer mißhandelt und die Frauen belästigt unter stillschweigender
Duldung und Begünstigung durch den Gendarmeriehauptmann und den
Kaimakam. Die gedrückte Bevölkerung von Zeitun wandte sich an den
Mutessarrif von Marasch mit der Bitte, die beiden Beamten abzurufen.
Haidar Pascha war im November auf Vorschlag des Wali durch den
Mutessarrif Mumtaz Bey ersetzt worden, der als unparteiisch und
besonnen gilt und bestrebt war, sich ein richtiges Bild von der Lage zu
machen. Er verlangte Beweise für die Schuld der beiden Beamten. Beweise
aber können die Bewohner nicht wagen gegen einen Beamten vorzubringen.
Jeder Zeuge müßte früher oder später unnachsichtlich dafür büßen. So
haben denn die Gendarmen weiter gehaust und eine erbitterte Stimmung
geschaffen.
Noch aus einer anderen Quelle wurde die Unruhe gespeist. Von den
armenischen Soldaten in Marasch, die schlecht genährt und, soweit
sie Zeitunlis waren, gequält und schlecht behandelt wurden, war ein
Teil desertiert. Aus Gründen, die mit dem hiesigen Bezirk nichts
zu tun haben, nahm die Regierung etwa Anfang März den christlichen
Soldaten Uniform und Waffen. Da dies von den unwissenden Mannschaften
als Vorspiel zu weiteren, schwereren Maßnahmen gegen die Christen
betrachtet wurde, so desertierten weitere christliche Soldaten und
vereinigten sich mit den in der Nähe von Zeitun hausenden Räubern. Als
Gendarmen ausgesandt wurden, sie zu fangen, setzten sie sich zur Wehr
und erschossen 6 von ihnen etwa am 9. März. Auch einen muhammedanischen
Maultiertreiber, der nach Zeitun ging, haben sie ermordet. Die
Bevölkerung von Zeitun, fürchtend, daß die Räuber auch Überfälle auf
die Stadt ausführen könnten, baten um Schutz, der auch gewährt wurde.
Als in den verschiedenen Stadtvierteln Gendarmeriepatrouillen gingen,
wurde in dem Stadtviertel Yeni Dunya, in welchem Nazareth Tschausch
seinerzeit seine Wohnung gehabt hatte, aus einem Hause heraus auf
eine Patrouille geschossen. Anstatt aber dieses Haus zu umstellen und
die Schuldigen zu fassen, zog es der Gendarmeriehauptmann, der vorher
die Bevölkerung bedrückt hatte, vor, sich nicht mehr in die Stadt zu
begeben, sondern in der Kaserne oberhalb der Stadt zu bleiben. Hierauf
breitete sich die Bewegung aus. Die Räuber und Deserteure verschanzten
sich in einem außerhalb der Stadt gelegenen als Wallfahrtsort dienenden
ehemaligen Kloster (Tekke). Versuche, ihre Auslieferung durch die
Stadtbewohner zu verlangen, scheiterten, weil die Leute kein Vertrauen
mehr zu Regierungsversprechungen hatten. Hier rächte sich, daß Haidar
Pascha im Oktober sein Wort gebrochen und die Ausliefernden bestraft
hatte. Das Anerbieten des Missionars Blank vom Deutschen Hülfsbund in
Marasch, sich nach Zeitun zu begeben und einen Versuch zur gütlichen
Übergabe zu machen, wurde vom Mutessarrif Mumtaz Bey verständigerweise
angenommen. Blank ging am 23. März nach Zeitun, doch scheiterten
seine Bemühungen daran, daß die Verschanzten niemanden mehr an das
Kloster heranließen, sondern den von Blank abgeschickten Eingeborenen
mit der Waffe bedrohten, sobald von Auslieferung die Rede war. Sie
erklärten, sterben müßten sie doch. Sie wollten es lieber mit der Waffe
in der Hand, als sich der Regierung ausliefern. Daraufhin ließ der
Platzkommandant von Zeitun das Kloster umstellen, aber mit ungenügender
Truppenzahl. Wäre er militärisch richtig vorgegangen, so hätte er die
ganze Räubergesellschaft gehabt. Er hätte nur Ankunft von Artillerie
abzuwarten oder die Räuber auszuhungern brauchen. Statt dessen aber
ließ er einen Angriff machen, wobei der Gendarmeriemajor aus Marasch
auf das Haupttor des Klosters losritt und nebst einigen Soldaten
erschossen wurde. Die Räuber, deren Zahl vielleicht 150 gewesen sein
mag, brachen unter Verlust einer Anzahl Toter und Verwundeter, die
den Truppen in die Hände fielen, durch, gewannen die Stadt und von
dort aus die Berge. Erwähnenswert ist, daß sie zweien ihrer Toten die
Köpfe abgeschnitten haben, offenbar um ihre Identifizierung durch
die Türken unmöglich zu machen. Das Kloster wurde nachträglich mit
Artillerie zusammengeschossen. Die Ergreifung der Räuber in den Bergen
wird schwierig sein. Mumtaz Bey, der inzwischen nach Zeitun geeilt war,
setzte nunmehr den Gendarmeriehauptmann ab, weil er nach Beschießung
der Patrouille nicht die richtigen Maßregeln ergriffen hatte und den
Kaimakam, weil er sich noch nach Ankunft des Mutessarrif weigerte, von
der Kaserne herab zur Erfüllung seiner Pflichten in die Stadt zu gehen.
Die Ereignisse von Zeitun gewinnen stets dadurch eine größere
Bedeutung, daß sie eine Rückwirkung auf Marasch als die nächstgelegene
größere Stadt ausüben. Diese zählt schätzungsweise 50-60000
Einwohner, von denen 36000 Moslims und 24000 Christen sein mögen.
Sie leben zum Teil von Industrie und Handel, zum großen Teil aber
von landwirtschaftlicher Tätigkeit, Weinbau (Gewinnung von Rosinen
und Bereitung von Traubenhonig), Reisbau, Baumwolle, Seidenzucht u.
a. Obwohl der Boden fruchtbar ist und reichlich Wasser vorhanden,
so daß vielfach auch das Getreide bewässert werden kann, ist die
Bevölkerung doch arm und gegenwärtig großenteils dem äußersten Elend
nahe, teils infolge der dauernden politischen Unruhen, teils infolge
der überaus mangelhaften Verkehrsverhältnisse. Die Bevölkerung ist
friedlich und denkt nicht an Auflehnung gegen die Regierung. Die
Wirkung der Mobilmachung, weitgehende Requisitionen haben stark
auf sie gedrückt und u. a. die Beförderungsmittel äußerst knapp
gemacht. Der Wagen, mit dem ich aus Aleppo ankam, war der einzige
in der ganzen Stadt. Im ganzen sind bis Ende März 2000 Pferde und
Maultiere requiriert worden. Am 5. April wurden 500 Esel verlangt.
Christliche Maultiertreiber sind gezwungen worden, 4 Wochen lang
hintereinander für militärische Zwecke unentgeltlich zu arbeiten,
ohne Lohn und ohne Requisitionsschein (während man muhammedanische
nach ein paar Tagen laufen ließ). Waren sie dann mit einem Schein
entlassen, daß sie ihrer Pflicht genügt hätten, so wurden sie in
manchen Fällen trotzdem an anderer Stelle wieder aufgegriffen. -- Die
Lage war bereits sehr gedrückt, als die Zeitunereignisse kamen. Jetzt
wurden auch der armenischen Zivilbevölkerung die Waffen weggenommen,
und zwar mit Vorliebe durch nächtliche Haussuchungen. Soldaten
schlugen die Christen, Frauen wurden unter dem Vorwande, daß sie
nach Waffen durchsucht werden müßten, belästigt, Kinder wurden mit
Steinen geworfen. Das Gerücht wurde ausgestreut, die christlichen
Soldaten hätten ihren muhammedanischen Kameraden das Brot vergiftet;
muhammedanische Frauen drohten offen, es würden wieder Metzeleien
vorkommen: ein Muhammedaner bot einem christlichen Freunde sein Haus
zum Schutz an. Einflußreiche Muslims beschlossen, ein Telegramm an die
Zentralregierung zu schicken, daß die Armenier die Moscheen besetzt
hätten. So töricht diese aufreizende Beschuldigung ist, so entspricht
sie doch dem niedrigen Bildungsstande der dortigen Muhammedaner. Das
Telegramm wurde erst dem Mutessarrif nach Zeitun mitgeteilt, der die
Absendung verhinderte und dem Kriegsgericht Anzeige erstattete, das
aber gegen die Urheber nichts getan hat. -- Während den Armeniern
die Waffen abgenommen wurden, hatten die Muslims Gelegenheit, sich
Pulver und Schrot zu kaufen. Die Bewohner des Dorfes Tekerek in der
Nähe von Marasch schickten Nachricht dorthin, entweder sie müßten
zum Islam übertreten, oder sie würden ihr Leben verlieren. Kurzum
die ganze Sachlage erschien der deutschen Mission in Marasch derart,
daß bei einer weiteren Zuspitzung der Verhältnisse, insbesondere
wenn die Kämpfe in Zeitun angedauert hätten und noch weiteres Blut
muhammedanischer Soldaten geflossen wäre, zweifelhaft war, ob es der
Regierung gelingen würde, das Volk in Marasch im Zaum zu halten, auch
zweifelhaft, welche Strömung bei den Ortsbehörden die Oberhand behalten
würde, die besonnene des Mutessarrifs oder eine schärfere, der einige
Notable zugehören. Da brieflicher Verkehr starker Zensur unterworfen
war, nicht nur auf der Post, sondern auch der durch Boten vermittelte,
und ein vor 4-5 Wochen an mich abgeschickter Brief der Mission nicht
angekommen war, so entschloß sich der Hülfsbund, eine der Schwestern
von Marasch nach Aleppo abzusenden, um mich um einen Besuch zu bitten.
Diese überbrachte auch einen Brief der Schulleiterin Helene Stockmann,
aus dem hervorgehoben zu werden verdient, in welcher unmenschlichen
Weise die Prügelstrafe gehandhabt wird. Die amerikanische Mission
sprach ihrem Konsul in Aleppo gleichfalls die Bitte um einen Besuch
aus. Einen Brief des Dr. Shepard in Aintab darüber beehre ich mich in
Abschrift beizufügen. -- Allgemein wurde von dem Besuch eines Konsuls
sehr viel erwartet, von der Bevölkerung wie von der Mission. In den
abgelegenen Gegenden des Innern, zu denen auch Marasch gezählt werden
muß, macht ein solcher noch besonderen Eindruck, auch auf die Behörden.
Bereits seine Ankündigung, die ich in einem alsbald bekannt gewordenen
türkischen Telegramm vom 27. März an den Mutessarrif vorgenommen hatte,
hatte beruhigend und mäßigend gewirkt. Offenbar hat er auch weiter zur
Beruhigung der Bevölkerung beigetragen und wohl auch Eindruck auf das
Militär gemacht. Seit meiner Ankunft sind nicht mehr Leute auf der
Straße geschlagen worden. Ich beehre mich, über die Wirkung einen Brief
der amerikanischen Mission vom 31. v. Mts. beizulegen. Die gesamte
armenische Bevölkerung von Marasch ist für den Besuch sehr dankbar
gewesen und hat ihn allgemein als Erleichterung der Lage empfunden.
-- Erst am 31. März wurde der in der Anlage gehorsamst beigefügte
Befehl von Djemal Pascha, der die Bevölkerung zur Ruhe ermahnt, bekannt
gegeben. Er hat übrigens nicht zu verhindern vermocht, daß noch am 3.
April ein vereinzelt in einem muhammedanischen Stadtviertel lebender
Armenier zwangsweise zum Islam bekehrt worden ist, nachdem ihm eine
Patrouille mit dem Kolben die Tür eingeschlagen hatte.
Inzwischen nimmt die Entwicklung der Zeitunangelegenheit ihren
weiteren Verlauf, ohne bisher beendet zu sein. -- Die Regierung hat
verlangt, daß sich alle Deserteure stellen. -- 450 aus Marasch und
125 aus Zeitun hatten sich bis Ende März gestellt und werden zum
Teil in Strafkompagnien zu Arbeiten verwendet, zum Teil sehen sie
noch ihrer Aburteilung durch das Kriegsgericht entgegen. -- Übrigens
richtet sich die Untersuchung durch das Kriegsgericht gegen alle
angesehenen und wohlhabenden Armenier von Marasch, von denen viele
ganz offenbar mit der Zeitunangelegenheit nicht das geringste zu
tun gehabt haben, und obwohl diese nichts sehnlicher wünschen, als
daß mit den Räubern ein Ende gemacht werde, damit Marasch endlich
einmal Ruhe habe. Man hat den Sohn des armenischen Abgeordneten für
Marasch, Hosep Effendi Kirlakian in Haft genommen, erst unter der
Beschuldigung, er habe Waffen geschmuggelt, dann, als dafür keinerlei
Beweise vorhanden waren, unter der Beschuldigung, er habe einen Mann
bestochen, eine Waffe auf der Straße abzufeuern, um auf diese Weise
Unruhen hervorzurufen. Schließlich hat man ihn freilassen müssen. --
Man hat Haussuchungen vorgenommen bei den armenisch-protestantischen
Pfarrern, den katholisch-armenischen Geistlichen, dem armenischen
Direktor der deutschen Knabenschule, dem armenischen Arzt des
deutschen Krankenhauses. Alles dies angeblich auf die Tatsache hin,
daß die bezeichneten Mitglieder des armenischen Wohltätigkeitsvereins
(türkisch: ermeni djemiyet kheriye umumiyesi, armenisch: parekorzagan)
seien, deren Liste man in Zeitun gefunden habe. Der Verein, der in
Ägypten seinen Sitz hat, besteht und ist von der Regierung anerkannt,
erst von Abdulhamid, 1910 auch von der konstitutionellen Regierung.
Er beschäftigt sich mit der Unterstützung armenischer Schulen und
Einrichtung von landwirtschaftlichen Musteranstalten. Um seine
Mitglieder festzustellen, hätte man nicht erst eine Liste in Zeitun
zu finden brauchen, sondern hätte sich den Vorsitzenden aus Marasch
kommen lassen können. Wird die Tatsache als verdächtig angesehen,
daß der Verein seinen Sitz in Ägypten hat, und wird geargwöhnt, daß
seine Organisation jetzt im Kriege vom Auslande her zu politischem
Zweck mißbraucht wird, so wäre das ein Grund, der sich hören ließe.
Gegen eine unparteiische Untersuchung auf dieser Grundlage wäre
nichts einzuwenden. Die Aussicht aber, daß die Untersuchung durch
das Kriegsgericht unparteiisch geführt wird, halte ich für gering.
Sein ganzes Vorgehen erweckt den Eindruck, als ob es mangels einer
zweckmäßigen Tätigkeit nur eine Scheintätigkeit ausübt und als ob
es, weil es die wirklich Schuldigen nicht erreichen kann, die ganze
armenische Bevölkerung als verdächtig ansieht und sich aus ihr zu
Bereicherungszwecken die führenden aussucht.
Die Gefahr von Metzeleien ist vorläufig vorübergegangen, wenn auch
die muslimischen Anstifter ihre Hand noch nicht vom Werke lassen. Sie
haben am 31. März ein Telegramm an die Zentralregierung aufgesetzt,
die Bewohner Zeituns (etwa 10000 Seelen) sollten verpflanzt und
die Stadt dem Erdboden gleich gemacht werden. Es ist klar, daß die
Ausführung eines solchen Planes auf lange Zeit hinaus Unruhe schaffen
würde. Die Urheber haben auf die wohlhabenden Armenier in Marasch
einen Druck ausgeübt, um sie zur Unterzeichnung dieses Schriftstückes
zu veranlassen. Diese haben es damit abgewehrt, daß sie verlangten,
es solle zunächst dem Mutessarrif vorgelegt werden. Letzterer hat es
mißbilligt, wie übrigens auch der Mufti von Marasch. Bei den gleichen
Armeniern wurden dann am 3. April die Haussuchungen vorgenommen.
Seit dem 5. April scheint eine Spaltung unter den leitenden
muhammedanischen Kreisen in Marasch eingetreten zu sein. Die einen
raten zum Frieden, die anderen wollen weiter hetzen.
Da eine unmittelbare Gefahr für die Deutschen in Marasch nicht
bestand, und da ich die weitere Entwicklung nicht mehr an Ort und
Stelle abwarten konnte, habe ich nach einem Aufenthalt von neun Tagen
Marasch wieder verlassen. Es ist mir gelungen, mit den Behörden in
freundschaftlicher Weise auszukommen. Der Mutessarrif befindet sich
noch in Zeitun.
Ich habe von Anfang an nicht die Absicht gehabt, nach Zeitun zu
gehen, weil dort keine deutschen Interessen zu schützen sind, die
Militärbehörden haben aber offenbar vermutet, daß ich zu gehen wünschte
und haben alles mögliche in Bewegung gesetzt, um es zu verhindern. Nach
Ansicht des Missionars Blank würden sich die in die Berge geflüchteten
Räuber und Deserteure noch heute ergeben, wenn eine Amtsperson zu
ihnen käme, zu der sie das Zutrauen hätten, daß die Bedingungen der
Übergabe auch gehalten würden. Die Behörden wünschen aber nicht, daß
einem Fremden gelinge, was ihnen nicht gelingt, abgesehen von der
verständlichen allgemeinen Abneigung gegen fremde Einmischung in innere
türkische Verhältnisse.
Die Unschädlichmachung der Räuber ist bisher nicht geglückt. Anfang
April war der etwa halbwegs zwischen Marasch und Zeitun gelegene
Bergkegel Ala Kaia, der wie überhaupt die ganze Gegend wild zerrissen
und schwer zugänglich ist, die Zufluchtsstätte der Räuber geworden.
Hier sollte wieder gegen sie vorgegangen werden. In Marasch verlautete,
daß die Bewohner eines Dorfes beim Anrücken der Truppen aus Furcht
vor ihnen ihr Dorf verlassen und zu den Räubern übergegangen wären.
Sollte diese Nachricht wahr sein, so würde sie ein bedenkliches Zeichen
dafür sein, daß die Bewegung auf diese Weise sich doch noch ausbreiten
könnte.
Nach meiner Rückkehr hat mir Djelal Bey, Wali von Aleppo, mitgeteilt,
daß an der russischen Grenze auf türkischem Gebiet einige von den
Russen besetzte armenische Ortschaften russische Sympathien bekundet
hätten, daß die Einwohner einiger armenischer Dörfer auf türkischem
Gebiet von Muhammedanern niedergemacht worden seien und daß bei der
türkischen Regierung eine Strömung die Oberhand gewonnen zu haben
scheine, welche die Armenier im ganzen als verdächtig oder gar als
feindlich anzusehen geneigt sei. Er betrachtet diese Wendung als ein
Unglück für sein Vaterland und hat mich gebeten, Seiner Exzellenz
dem Kaiserlichen Botschafter anheimzustellen, dieser Richtung
entgegenzuarbeiten.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
Gelesen.
Pera, 24. April 1915.
Wangenheim.
Anlage 1.
Aintab, March 24. 1915.
Dear Mr. Jackson,
I was in Marash for 48 hours from noon of Tuesday till noon of Thursday
18. March last week.
There had no doubt been a plan to stir up a massacre at Marash over the
Zeitoon disturbances. It had gone so far as to send out messengers to
call in the Koords from the mountains; but the Government had frowned
upon it and it seemed to me to be definitely defeated, especially as
I understood that the attitude of the leaders and a large majority
of the people in Zeitoon was correct. Now Miss Rohner comes with the
statement, that hostilities are imminent as between that place and the
Govt. In which case it will be somewhat difficult to control the Moslim
mob at Marash. I sincerely wish that a representative from the German
or American Consulate or better still from each might be sent to Marash
(not to meddle in the least with the Zeitoon matters, but to look after
the large German and American interests in Marash).
Miss Rohner will be able to tell about the state of feeling among the
Germans and Americans of that place.
Everything is very quiet here in Aintab.
Dr. Shepard.
Jesse B. Jackson, American Consul, Aleppo.
Anlage 2.
March, 31st 1915.
Let me congratulate your Consul through you on the success thus far
since coming to Marash. There is a distinct improvement in the general
condition which we are very ready to attribute to his influence. We
hope he will be able to remain here long enough to secure that any
pledges given to him will be faithfully carried out. Kindly express our
gratitude to him.