Urschriftlich

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg

gehorsamst vorgelegt.

Wangenheim.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Zeltlager am Wan-See, den 25. Juli 1914.

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, mit dem hier zur Feier des

Nationalfestes anwesenden türkischen Konsulatsverweser in Urmia und

dem mir vom Jahre 1906 her befreundeten Mutessarrif von Hakkiari,

Djevdet Bey, einem Schwager Enver Paschas, über die Verhältnisse im

persischen Grenzgebiete zu sprechen. Beide stimmten darin überein, daß

in der Provinz Azerbeidjan und besonders im Distrikt von Urmia völlige

Anarchie herrsche. Die persischen Beamten seien vollkommen machtlos und

bäten oft selbst die starke russische Okkupationsarmee um Hilfe. In

Urmia befinden sich allein 1000 russische Soldaten. Der in russischem

Solde stehende berüchtigte Simko Bey[30], ein Gefolgsmann des Scheichs

von Maku, sei auf russischen Einfluß hin persischer Grenzkommandant

geworden. Was den Scheich von Maku betrifft, so soll derselbe nach

Djevdets Aussage seit einiger Zeit seinen bisherigen Freunden, den

Russen, Schwierigkeiten zu machen beginnen, da er einsieht, daß bald

das Ende seiner Unabhängigkeit und seiner Macht gekommen sei. Djevdet

Bey sagte mir, es sei unmöglich, das unbefugte Passieren der Grenze

durch Räuber zu verhindern oder zu kontrollieren, da auf beiden Seiten

keine ausreichend starke Gendarmerie vorhanden sei. Um jedoch den

häufigen Diebstählen seitens persischer Banden auf dem Gebiet seines

Sandjaks einen Riegel vorzuschieben, habe er aus eigener Initiative,

ohne dazu gesetzlich befugt zu sein, die Kurdenchefs, in deren Gebiet

Übergriffe vorkommen, für den entstandenen Schaden haftbar gemacht.

Seit dieser Maßnahme seien die nächtlichen Viehdiebstähle seltener

geworden, woraus evident hervorginge, daß bei den früheren Diebstählen

die türkischen Kurden mit den Räubern unter einer Decke steckten.

In den letzten Monaten herrsche verhältnismäßig Ruhe, nur Mitte d.

M. hätten Leute des Simko ein Dorf, dessen männliche Bewohner auf

der Feldarbeit waren, angegriffen, fünf Frauen getötet und das Vieh

weggetrieben. Im Interesse der bei solchen Anlässen Geschädigten

bedürfe das Gesetz einer Vereinfachung. Bei Anzeigen von Diebstählen

ist die Regierung zunächst nur gehalten, die Täter zu strafen. Will der

Geschädigte aber von der Regierung Zurückerstattung des geraubten Guts

oder Schadensersatz, so muß er eine neue zeitraubende Eingabe machen.

Inzwischen sind meist schon die Spuren des geraubten Viehs verwischt.

Was die Propaganda des jetzt in Täbris weilenden Abdul Rezak Bey[31]

unter den türkischen Kurden betrifft, so meint Djevdet, daß vorläufig

die Hinrichtung von 14 kurdischen Notabeln in Bitlis noch abschreckend

wirke. Er habe jedoch geheime Agenten an verschiedenen Plätzen seines

Amtsbezirks etabliert, die ihn jederzeit von dem Eintreffen und der

Tätigkeit russischer Emissäre in Kenntnis setzten. Das Verhältnis des

russischen Konsuls in Wan, Akimowitsch, zu dem Wali ist ein gutes, im

Gegensatz zu den ziemlich gespannten russisch-türkischen Beziehungen im

Wilajet Erzerum.

Sehr interessant waren Djevdet Beys Ausführungen über die Tendenzen

der russischen Politik im Gebiet westlich des Urmia-Sees. Als im

Jahre 1907 der Sultan Abdul Hamid die strategisch wichtigen Punkte im

Lahidjan-Gebiet bei Peswe und Wesne militärisch besetzen ließ, habe

Rußland energisch protestiert. Die gemischte Grenzkommission, der

seinerzeit Djevdets Vater Tahir Pascha angehörte, habe kürzlich das

bisher persische Gebiet von Kasr-i-Schirin mit seinen Ölquellen der

Türkei zugesprochen, dafür aber werde man gewiß das Gebiet westlich des

Urmia-Sees bei Saudj-Bulak und Lahidjan den Persern d. h. den Russen

überantworten. Sehr bald würden dann die Russen eine Bahn von Täbris an

das Nordostufer des Urmia-Sees bauen, einen regelmäßigen Dampferdienst

auf dem Urmia-See einrichten und damit sich eine neue Einfallpforte auf

Mesopotamien schaffen. Bisher stand ihnen nur der Weg von Igdir-Bayezid

nach Musch und damit auf Diarbekr und Mardin offen. Die Hauptstadt Wan

würden die Russen bei einer Invasion auf Musch links liegen lassen,

und am Nordrand des Wan-Sees entlang marschieren, so daß infolge der

Unpassierbarkeit der Gebirge am Südrand des Sees Wan sehr bald von

jeglicher Zufuhr abgeschnitten sein würde. Dies sei wohl auch der

Grund, weswegen im Frühjahr d. J. das Kommando der 11. Armeekorps von

Wan nach Kharput verlegt worden sei.

Anders.

_Oktober._

11.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Aleppo, den 16. Oktober 1914.

Wie mir deutsche Missionarinnen aus Marasch erzählen, ist der bisher

noch immer durchgesetzte aktive und passive Widerstand der Bewohner von

Zeitun gegen die Einstellung der Dienstpflichtigen dieser armenischen

Stadt in die Armee von türkischer Seite nunmehr gebrochen worden[32].

Ihr Anführer Nazar Tschausch, das Haupt der schon seit Monaten in den

Bergen umherstreifenden Deserteure, der sich mit der Zeit zu einem

Räuberhauptmann entwickelt hatte und wegen seiner Willkür von den

Armeniern selbst als Plage empfunden wurde, ist etwa Anfang Oktober von

den türkischen Truppen durch List und Wortbruch gefangen und in der

grausamsten Weise zu Tode gemartert worden.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

Herrn Freiherrn v. Wangenheim.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 56 / 134 题