3. ~Die Deportation.~

Es stellte sich nur zu bald heraus, daß die Konsuln die Folgen der

Deportation zutreffender beurteilten, als die Botschaft.

Am 3. Juni prophezeite der Vicekonsul von Scheubner-Richter in Erzerum

die zu erwartenden Wirkungen der Deportationsmaßregel:

„Die armenischen Bewohner aller Ebenen, wahrscheinlich auch Erzerums,

sollen bis Der es Zor (in die arabische Wüste) geschickt werden. Diese

Aussiedelung großen Maßstabes ist gleichbedeutend mit Massakers, da

mangels jeglicher Transportmittel kaum die Hälfte ihren Bestimmungsort

lebend erreichen wird, und dürfte nicht nur den Ruin der Armenier,

sondern den des ganzen Landes nach sich ziehen.“

Eine Woche später trafen böse Nachrichten aus Diarbekr ein. Konsul

Holstein drahtet am 10. Juni:

„614 aus Diarbekr hierher verbannte armenische Männer, Frauen und

Kinder sind auf der Floßreise sämtlich abgeschlachtet worden; die

Kelleks sind gestern hier leer angekommen; seit einigen Tagen treiben

Leichen und menschliche Glieder im Fluß vorbei. Weitere Transporte

armenischer ‚Ansiedler‘ sind hierher unterwegs, ihnen dürfte dasselbe

Los bevorstehen. Ich habe der hiesigen Regierung meinen tiefsten

Abscheu über diese Verbrechen zum Ausdruck gebracht; der Wali sprach

sein Bedauern darüber aus mit dem Bemerken, daß allein der Wali von

Diarbekr dafür verantwortlich sei.“

Am 12. Juni berichtet Konsul Rößler aus Aleppo:

„Von dem hier weilenden Katholikos von Sis wird die Seelenzahl der

bisher verbannten Armenier auf über 30000 angegeben. Zeitun und

Umgegend, ferner Alabasch, Albistan, Dörtjol, Hassan-Beyli sind

vollständig geräumt. Es sind nicht nur die Familien, die „nicht ganz

einwandfrei“ schienen, verbannt worden, sondern die ganze Bevölkerung,

sogar die Familien der im Heeresdienst stehenden Soldaten... Damit geht

die Regierung weit über den Zweck notwendiger Vorbeugungsmaßregeln

hinaus.“

Am 18. Juni meldet von Scheubner-Richter aus Erzerum das erste Massaker:

„Vernichtung der ausgewiesenen Armenier auf dem Wege über Ersindjan

nach Kharput.“ Es handelte sich, wie erst später bekannt wurde, um

die von Kurden und Regierungstruppen der 86. Kavalleriebrigade unter

Führung ihrer Offiziere vom 10. bis 14. Juni verübte Abschlachtung

von 20 bis 25000 Deportierten, fast nur Frauen und Kinder, in der

Kemachschlucht, 12 Stunden von der Garnisonstadt Ersindjan, dem Sitz

des Kommandos des 3. Armeekorps.

Der Botschafter drahtet an den Konsul (21. Juni):

„Ich bitte dem Wali eindringlich vorzustellen, daß solche schmachvollen

Vorfälle das Ansehen der Regierung im neutralen Auslande und bei den

Freunden der Türkei schädigen und die Autorität der Behörden im Inland

untergraben... Pflicht der Ortsbehörden ist es, solche Vorkommnisse mit

allen Mitteln zu verhindern, wenn sie nicht eine schwere Verantwortung

auf sich laden wollen.“

In gleichem Sinne erhebt der Botschafter Vorstellungen bei der Pforte.

Auch die Massenausweisungen in Cilicien hatte der Botschafter bei dem

Minister des Innern zur Sprache gebracht. Die ungewollte Folge dieses

Schrittes war die Enthebung des Walis Djelal Bey von Aleppo, des

einzigen Walis, der in seinem Wilajet sich den Maßregeln der Regierung

mit Erfolg widersetzt hatte. Auch die Vorstellungen der Konsuln blieben

wirkungslos oder hatten das entgegengesetzte Resultat.

Bis gegen Ende Juni konnte es immer noch den Anschein haben, als ob die

Maßregel sich auf die strategisch bedrohten Grenzgebiete (Cilicien,

Erzerum) beschränken würde. Ende Juni läßt die Regierung den Schleier

fallen. A tempo setzen in allen ostanatolischen Wilajets, auch in den

mittleren Provinzen (die Hunderte von Kilometern vom Kriegsschauplatz

abliegen), Massendeportationen ein, die ausnahmslos mit Konfiskation

aller Habe, Abschlachtungen der männlichen Bevölkerung und Raub von

jungen Frauen und Töchtern verbunden sind. Jetzt bestand kein Zweifel

mehr, daß es sich nicht um militärische Maßnahmen zur Sicherung des

Reiches, sondern um eine planmäßige Vernichtung des armenischen Volkes

handelte. Es folgen Schlag auf Schlag:

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 19 / 134 题