3. ~Die Unruhen von Wan.~

Am 22. April wurde der Botschaft aus Erzerum gemeldet: „In Wan und

Umgebung Armenierunruhen (vermutlich infolge russischer Umtriebe)

ausgebrochen. Straßenkampf, Telegraphenlinien zerstört, Verbindung mit

Persien unterbrochen.“

Die alarmierende Nachricht wurde von der Pforte bestätigt.

Eine Aufklärung über die Ursachen und den Verlauf der Vorgänge in Wan

hat die Botschaft von der Pforte niemals erhalten. Erst Monate später

sind darüber von amerikanischen und deutschen Missionaren, die die

Dinge miterlebt haben, authentische Mitteilungen nach Europa gelangt

(Anhang Nr. 3).

Was war in Wan geschehen? -- Mitte Februar war Djevdet Bey, der

Wali von Wan, ein Schwager Enver Paschas, aus dem Gebiet von Salmas

und Urmia zurückgekehrt, wo er sich an dem nordpersischen Feldzuge

türkischer und kurdischer Truppenteile beteiligt hatte. In einer

Versammlung von türkischen Notabeln äußerte er sich: „Wir haben mit

den Armeniern und Syrern von Aserbeidschan reinen Tisch gemacht, wir

müssen mit den Armeniern von Wan das gleiche tun.“ Die Kaimakams

(Landräte) seiner Provinz wies er an, beim geringsten Anlaß gegen

die Armenier vorzugehen. Mit den Armeniern von Wan (20000 Seelen)

stellte er sich zunächst freundlich. Es wurden Kommissionen gebildet

und auf die Dörfer geschickt, um den Plünderungen der Kurden und den

Gewalttaten der Gendarmen Einhalt zu tun. Inzwischen zog Djevdet Bey

Verstärkungen aus Erzerum heran. Als in Schatakh, einem überwiegend

armenischen Dorf, Streitigkeiten mit Gendarmen ausbrachen (14. April)

bat er die drei Führer der Armenier, Wramian, Ischchan und Aram, mit

dem Müdir der Polizei von Wan nach Schatakh zu gehen, um den Streit

zu schlichten. Ischchan ging und nahm drei andere Armenier mit sich.

Der Müdir der Polizei begleitete sie mit tscherkessischen Saptiehs.

Halbwegs übernachtete man in Hirtsch. Als die Armenier schliefen, ließ

sie der Müdir der Polizei durch die Tscherkessen ermorden. In der Frühe

des nächsten Tages, ehe man noch in Wan etwas von dem Meuchelmorde

wußte, ließ der Wali Djevdet Bey die beiden zurückgebliebenen

armenischen Führer Wramian und Aram zu sich bitten. Aram war zufällig

abwesend. Wramian geht arglos zum Wali und wird, sobald er den Konak

betreten hat, verhaftet. Der Wali schickt ihn gefesselt über Bitlis

nach Diarbekr. Unterwegs wird er ermordet. Noch am selben Morgen

bereitet Djevdet Bey den Angriff auf die Armenierviertel der Stadt

vor. Gleichzeitig setzen die Massaker in Ardjesch und den Dörfern

von Hayozdzor ein. Um Weib und Kind vor dem drohenden Massaker zu

schützen, verschanzen sich die Armenier der Stadt in ihren Vierteln.

Sie hatten keinerlei Verbindung mit Rußland. Vier Wochen verteidigten

sie sich gegen die türkischen Truppen, die sie belagerten und

beschossen. Ihre Vorräte waren erschöpft. Am 15. Mai fand ein letztes

Bombardement statt. In der Nacht darauf verließ Djevdet Bey mit den

Belagerungstruppen zum größten Erstaunen der Armenier die Stadt. Sie

wußten noch nichts davon, daß die russische Armee auf der ganzen

kaukasischen Front im Vormarsch war. Am 19. Mai, 30 Tage nach dem

Beginn der Belagerung, zogen die Russen in Wan ein. Für den Vormarsch

der Russen war die Entsetzung von Wan eine unbedeutende Episode. Ihre

Hauptmacht stieß (wie Konsul Anders schon vor dem Kriege vorausgesehen

hatte) nördlich vom Wansee in der Richtung auf Musch und Bitlis vor.

Auch für die Armenier von Wan bedeutete die Entsetzung der Stadt nur,

daß sie sich selbst und ihre Familien durch ihr tapferes Ausharren

errettet hatten; denn schon am 31. Juli räumten die Russen Wan und

nötigten die ganze armenische Bevölkerung in den Kaukasus überzusiedeln.

Die Pforte mußte über den Charakter des Aufstandes von Wan, der ein

Akt der Selbstverteidigung war, unterrichtet sein. Sie wußte, daß

dieser „Aufstand“ von dem Wali Djevdet Bey provoziert war und mit den

russisch-türkischen Operationen in keinem Zusammenhang stand. Der

Bericht über Wan (Anhang Nr. 3.) liest sich, ebenso wie der von Suedije

(Anhang Nr. 1.), wie ein Kapitel aus einem Cooperschen Indianerroman,

nicht wie eine Episode des Weltkrieges.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Art, wie der „Aufstand“ von

Wan -- mit der Bitte um Geheimhaltung -- der Botschaft von der Pforte

dargestellt wurde[3].

Die Berichte lauteten:

24. April: Gebäude der Dette Publique und der Post in die Luft

gesprengt, Straßenkämpfe, 20 Tote.

27. April: Aufruhr in Wan unterdrückt. Kurden am Aufstand beteiligt.

400 Armenier getötet, die übrigen nach Rußland geflohen.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 12 / 134 题