1. ~Cilicien.~

Die cilicischen Ereignisse nahmen ihren Ausgang von ~Zeitun~,

einem Bergnest in den Hochtälern des Taurus, das in der Luftlinie 120

Kilometer von der Küste entfernt liegt. Die Armenier von Zeitun und den

umliegenden Dörfern erfreuten sich noch bis in die 70er Jahre einer

Unabhängigkeit gleich der der tributpflichtigen seßhaften Kurden. Zur

Zeit der Abdul Hamidschen Armeniermassakers 1895/96, denen 80-100000

Armenier zum Opfer fielen, hatte sich Zeitun in Verteidigungszustand

gesetzt und durch die Intervention der Mächte Amnestie erlangt.

Wer fremde Intervention anrief, galt als Reichsfeind. Die erste

Gelegenheit, die sich nach Ausbruch des Krieges bot, wurde benützt,

um gegen das mißliebige Zeitun vorzugehen. Schon vor dem Kriege,

im Jahre 1913, hatte sich in der Nachbarschaft von Zeitun auf dem

Bergkegel Ala Kaia eine Räuberbande eingenistet, die sich nach der

allgemeinen Aushebung durch christliche und muhammedanische einem

harten Dienst entflohene Deserteure verstärkte. Die Bürgerschaft von

Zeitun war unschuldig an ihrem Treiben und wünschte nichts mehr, als

daß sie eingefangen würden, weil ihre Widersetzlichkeit den Behörden

einen Vorwand zum Einschreiten gegen die Stadt geben konnte. Ein

Zusammenstoß von Gendarmen mit Deserteuren gab das Signal zu dem

gefürchteten Vorgehen. Eine ansehnliche Truppenmacht von 4000 Mann

rückte vor Zeitun, angeblich um dem Räuberwesen ein Ende zu machen.

Die 150 Deserteure verschanzten sich in einem Kloster abseits von der

Stadt. Das Kloster wird beschossen. Bei dem Angriff hatten die Türken

7 bis 8, die Deserteure 26 bis 30 Tote. Die übrigen ließ man in der

Nacht entkommen, um die Stadt haftbar machen zu können. Dies geschah

am 25. März 1915 im fünften Monat des Krieges. Am nächsten Tage begann

man nach Verhaftung von 30 Notabeln mit dem Abtransport sämtlicher

armenischer Bewohner von Zeitun und Umgegend, Männern, Frauen und

Kindern, 10 bis 20000 Seelen. Ein Teil wurde in die Sumpfdistrikte des

Wilajets Konia, ein Teil in die arabische Wüste nach Der es Zor am

Euphrat verschickt. Ohne Verhör und Urteilsspruch. Es war eine Maßnahme

der inneren Politik, die mit Kriegsnotwendigkeiten nichts zu tun hatte.

Ein zweiter, der Regierung mißliebiger Platz war das Dorf

~Dörtjol~ an der cilicischen Küste, unweit dem alten Issus.

Die Einwohner von Dörtjol hatten sich während des cilicischen

Massakers von 1909, dem 20000 Armenier zum Opfer fielen, mit Erfolg

verteidigt. Auch den Bewohnern des weiter südlich gelegenen Dorfes

~Suedije~ am Djebel Musa war es damals gelungen, dem Massaker

zu entrinnen. Unaufgeklärte, unbedeutende Spionageaffären gaben

den Anlaß, gegen Dörtjol vorzugehen. Die Männer von Dörtjol wurden

nach Aleppo abtransportiert und zum Straßenbau gepreßt. Suedije

und seine Nachbardörfer sollten am 30. Juli in die arabische Wüste

deportiert werden. Seine Bewohner flüchteten auf den Djebel Musa.

Nach mehrwöchentlicher Belagerung durch türkische Truppen gelang

es ihnen, von den steil ins Meer abfallenden Bergabhängen sich mit

einem französischen Kreuzer in Verbindung zu setzen, der mit dem

herbeigerufenen Flaggschiff „Jeanne d’Arc“ und anderen Kriegsschiffen

die Flüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder in Zahl von 4058 Seelen,

nach Alexandrien verschiffte (Anhang Nr. 1).

Andere Vorfälle, die Grund zu einer allgemeinen Deportation der

armenischen Bevölkerung von Cilicien (ca. 80000 Seelen) hätten geben

können, haben sich im Küstengebiet nicht ereignet.

Die Vorgänge von Zeitun, Dörtjol und Suedije wurden der Botschaft

von den Konsulaten zu ihrer Zeit gemeldet. Die Pforte hatte sich

wegen ihres Vorgehens in Cilicien mit der Botschaft nicht in

Verbindung gesetzt. Als die Botschaft aus Anlaß der immer weiter

greifenden Verschickung ganzer Distrikte mehrfach intervenierte,

machte die Pforte geltend, daß es sich um militärische Interessen und

innere Angelegenheiten der Türkei handle, die die Botschaft nichts

angingen. Massaker waren auf cilicischem Boden nicht vorgekommen, nur

Aussiedelungen. Als die Armenier der Stadt Marasch (gegen 60000 Seelen,

wovon 24000 Christen), durch die Zeituner Vorgänge und die Erregung

der Muhammedaner beunruhigt, ein Massaker befürchteten, begab sich

Konsul Rößler aus Aleppo dorthin. Der Schutz deutscher Anstalten in

Marasch (Hospital und Waisenhaus) berechtigte ihn dazu. Sein Besuch

wirkte beruhigend. Auch die amerikanische Mission, die in Marasch ein

Kollege hatte, war dafür dankbar. Die gegen Konsul Rößler ausgestreuten

Verleumdungen der englischen Presse, Konsul Rößler habe bei seinem

Besuch (in Aintab?) persönlich Massaker dirigiert und zu Greueltaten

aufgemuntert -- Verleumdungen, die auch im englischen Oberhaus zur

Sprache kamen --, sind durch die Zeugnisse amerikanischer Missionare

widerlegt[2]. Die zahlreichen Konsularberichte von Herrn Rößler

erbringen den Beweis, mit welch unermüdlicher Hingabe und Zähigkeit er

während der ganzen Kriegszeit für die Armenier seines Konsularbezirks

und die durchflutenden Massen der Deportierten eingetreten ist. Solange

Djelal Bey in Aleppo war, erfreute sich Konsul Rößler der Zustimmung

dieses gerechten und menschenfreundlichen Walis, der in seinem Wilajet

weder Deportationen noch Massaker duldete. Doch schon am 21. Juni 1915

wurde Djelal Bey seines Amtes enthoben, weil er sich den Befehlen

von Konstantinopel nicht fügen wollte. Auch der Oberkommandierende

der 4. Armee, Djemal Pascha, zu dessen Befehlsbereich Cilicien und

Aleppo gehörten, mißbilligte die armenische Politik der Regierung.

Durch wiederholte Erlasse hat er wenigstens erreicht, daß in

seinem Befehlsbereich Massaker nicht vorgekommen sind. Den von der

Zentralregierung befohlenen Deportationen und der Islamisierung der

Reste des armenischen Volkes hat auch er sich nicht widersetzt.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 10 / 134 题