Diese sah auf die Kleine hinunter: »Was willst du, Kind?«

»Patin, _darf_ ich zu den Brüdern, oder _muß_ ich hin?«

»Du darfst, du _mußt_ nicht.«

»Patin, dann will ich lieber bei dir bleiben, darf ich?«

»Ob du darfst?« sagte die Patin; ihr Buch fiel auf den Boden, denn das

Kind war auf einmal auf ihrem Schoß, das Kind, das doch schon bald

Schulkind werden sollte; und es schlang beide Arme um ihren Hals und

Fräulein Stahlhammer drückte es an sich und besaß nun, was sie so lange

gewünscht hatte: ein Kinderherz, das sie lieb hatte! Wie sie es gewonnen

hatte, wußte sie selbst nicht zu sagen; seitdem sie nicht mehr danach

gestrebt hatte, war es ihr zugefallen. Und es wurde ihr fester,

unbestrittener Besitz. Klärchen bestand die Probe: Mit Bangen ließ die

Patin das Kind für einige Tage zu den Brüdern zu Besuch, um zu sehen,

ob es sich nicht getäuscht habe; aber aus dem lauten Getümmel des

knabenreichen Hauses in der Großstadt verlangte es bald zurück in das

stille, ländliche Häuschen, zu der Patin und zu der kleinen Freundin.

Onkel und Tante freuten sich darüber, auch die Brüder fanden sich nun

leicht darein, sahen sie doch ihr Schwesterchen glücklich.

Und der Vormund? Er kam, als er von dem veränderten Entschluß hörte,

nach langer Zeit wieder einmal eines Morgens heraus nach Waldeck. Er

sagte zu Katharine, die ihm die Türe öffnete: »Wenn Sie mich künftig

nicht eine Viertelstunde warten lassen, ist es mir lieber;« die

Schwester fragte er: »Hältst du es mit all deinen Beschlüssen so, daß du

sie dreimal umstößt?« Er empfahl Klärchen: »Sei nur recht dankbar!« und

dann kehrte er mit der Überzeugung, ein gewissenhafter Vormund zu sein,

möglichst bald aus dem »elenden Nest« zurück, zur feinen Mittagstafel in

der Stadt.

Regine Lenz.

Regine Lenz kam aus der Konfirmandenstunde heim. Wer es nicht wußte,

hätte nicht gedacht, daß sie schon zu den Konfirmanden gehörte; sie war

wohl die kleinste von allen, dabei schmal und schmächtig; ein

Persönchen, das wenig Platz einnahm in der Welt und leicht zu übersehen

war. Es achtete auch niemand viel auf sie, als sie nun in die kleine

Wohnung eintrat, in der die Familie wohnte. Der Vater war um diese

Nachmittagsstunde meist nicht zu Hause, sondern irgendwo als Wegmacher

an der Arbeit; auch die zwei größeren Geschwister pflegten um diese Zeit

nicht daheim zu sein. Deshalb wunderte sich Regine, ihren Vater, die

älteste Schwester Marie und ihren Bruder Thomas zu treffen, hingegen von

der Mutter und dem jüngsten Brüderchen nichts zu sehen. Alle schienen

mit ihren Gedanken beschäftigt, und zwar mit unerfreulichen, nach ihren

düsteren Mienen zu schließen.

Regine scheute sich zu fragen, was vorgefallen sei; denn sie galt im

Haus noch als ein Kind, das sich in die Angelegenheiten der Großen nicht

einzumischen habe. Ihr Bruder Thomas griff jetzt nach seiner Mütze und

ging ohne Gruß davon, worauf Marie nach einem hoch aufgeputzten Hut

langte, ihn sich vor einem kleinen, zersprungenen Spiegel zurechtsetzte

und sich an Regine wandte: »Ich muß jetzt fort; sorg du für den

Kleinen. Ich weiß nicht, wo der hingelaufen ist, du mußt ihn suchen.«

Sie ging und ließ Regine allein zurück mit dem Vater, der in Gedanken

versunken am Tisch saß. Es war alles so ganz anders als sonst. »Wo ist

denn die Mutter?« fragte nun doch Regine in dem unheimlichen Gefühl, daß

irgend etwas vorgefallen war. Der Vater blickte auf. »Weißt du's nicht?

Du brauchst es auch nicht zu wissen. Sie kommt aber nicht so schnell

wieder, die Mutter. Daß du mir ordentlich aufs Feuer achtest und daheim

bleibst!«

Er erhob sich schwerfällig, nahm seine Mütze und ging langsam mit

gesenktem Kopf davon.

Wo war die Mutter hingegangen? Regine konnte es nicht begreifen; es

wurde ihr bang und immer bänger zumute in der verlassenen Stube. Es

wunderte sie, daß sie nach dem Kleinen sehen sollte; er war also nicht

bei der Mutter, während er sonst immer an ihrem Rocke hing und der

Mutter Liebling war. Wo mochte er jetzt sein?

Sie ging in den Hof und dann hinaus auf die Straße, wo ein kalter Wind

blies und die Dämmerung sich schon herniedersenkte. Sie suchte nach dem

Kleinen und fand ihn endlich ganz erfroren an der nächsten Straßenecke

stehen. Ein schmächtiges Bübchen war der kleine Hansel, aber ein feines

Gesichtchen hatte er, und seine blonden Locken waren der Mutter Stolz.

Er stand an der Ecke und sah die Straße hinauf.

»Hansel,« rief ihn die Schwester an, »komm heim. Hast ja ganz kalte

Hände; was tust du denn da?« -- »Ich wart auf die Mutter, schon so lang,«

sagte er kläglich. Ob der Kleine etwa wußte, wo die Mutter war? Regine

fragte das Kind.

»Dorthin ist sie,« sagte er, die Straße hinauf deutend. »Der Mann hat

sie geholt, der, mit den großen goldenen Knöpfen. Sie hat doch gar

nicht mit ihm gewollt und hat geweint. Warum hat sie denn gestohlen? Was

heißt das 'gestohlen'? Wohin führt sie jetzt der Mann?«

Regine konnte die Fragen nicht beantworten; sie war zu sehr bestürzt

über die Schuld der Mutter, die das unschuldige Kind ihr verriet. Jetzt

begriff sie alles; die Mutter war in das Gefängnis geführt worden! Mit

Mühe konnte sie das Kind überreden, mit ihr heimzugehen.

Unter der Haustüre stand die Hausfrau mit einer Nachbarin und Regine

hörte sie sagen: »Pelzwerk hat sie gestohlen und beim Trödler verkauft.«

Nun schwiegen die Frauen; sie sahen die zwei Geschwister kommen und

hörten den Kleinen rufen: »Ich will aber auf die Mutter warten!«

»Hansel, da kannst du lang warten,« sagte die Hausfrau und sah das

kleine Bübchen mitleidig an. Regine, die beschämt und mit gesenkten

Augen an den beiden Frauen vorbei das Brüderchen in das Haus zog, hörte

sie noch sagen: »Die ganze Familie ist nichts nutz; die große Tochter

treibt es auch schon wie die Mutter.«

Nun ging Regine in das Zimmer und zog die Türe hinter sich zu; sie

mochte nichts weiter hören.

Was war das für ein langer und trauriger Abend! Der Kleine ließ sich

endlich zu Bett bringen und weinte sich in Schlaf. Regine saß allein an

dem großen Tisch, dachte an die Mutter; wo sie wohl wäre, und ob sie

Heimweh hätte nach ihrem Liebling. Sie hätte gerne gewußt, wie man den

Diebstahl entdeckt hatte. Schon manchmal hatte die Mutter, wenn sie da

und dort in die Häuser ging, etwas mitgenommen, und Regine hatte den

Vater warnen hören: »Man wird dich schon einmal erwischen.« Aber er nahm

doch auch gerne an, was die Mutter »gefunden« hatte, wie sie das nannte.

Marie, die große Tochter, hatte auf diese Weise manches Schmuckstück

bekommen, die Mutter putzte so gerne ihre schöne Tochter. Sie versorgte

auch Thomas mit seiner Wäsche, und dem kleinen Hans steckte sie oft gute

Sachen zu. Nur sie selbst, Regine, wurde selten bedacht. Die Mutter

hatte an ihr nicht das Wohlgefallen, wie an den Großen, und nicht den

Spaß, wie an dem Kleinen. Regine wußte das und es kam ihr natürlich vor.

War sie doch nicht schön wie Marie, nicht gescheit wie Thomas, nicht

lustig wie der Kleine; nein, sie war auch in ihren eigenen Augen unter

allen die geringste. Aber das hatte sie nie bedrückt; sie war in der

Schule immer so leidlich mitgekommen, ohne Lob und Tadel, ohne

Freundschaft und Feindschaft, und war guten Mutes ihren Weg gegangen.

Aber nach dem, was jetzt vorgefallen, war ihre Seelenruhe dahin. Als sie

sich am nächsten Morgen auf den Schulweg machte, war es ihr, als müßten

alle Kinder ihr die Schande des Hauses ansehen. Die Worte der Nachbarin:

»Die ganze Familie ist nichts nutz,« klangen ihr noch im Ohr; sie

gehörte doch auch zur Familie, sie war also »nichts nutz«. Die

Mitschülerinnen sahen sie aber doch nicht mit anderen Augen an als

sonst, und die Schulstunden gingen vorüber wie jeden Tag. Nach der

Schule kam aber der Konfirmanden-Unterricht. Wenn hier nun die Schande

des Hauses bekannt würde, wenn gar der Pfarrer selbst davon gehört

hätte? Wie schrecklich mußte ihm dies vorkommen!

Es saßen wohl siebzig Mädchen im Konfirmanden-Unterricht beisammen. Dem

Pfarrer waren nicht all diese Kinder und ihre Familien persönlich

bekannt; auch von der Familie Lenz kannte er nur Regine und diese nicht

näher. Sie steckte so mitten unter den Vielen, und ihre kleine Gestalt

verschwand hinter den vor ihr Sitzenden. Heute war ihr das lieb; sie

hätte sich gerne noch dünner gemacht, so dünn, daß alle Menschen sie

übersehen hätten.

Aber sie hatte sich unnötig geängstigt; die Stunde verlief wie alle

vorhergehenden, und als ihr auch die nächsten Tage kein Zeichen

brachten, daß jemand von dem Vorgefallenen wisse, beruhigte sie sich

allmählich.

Auch daheim war nicht oft davon die Rede, bis eines Tages der Vater

mitteilte: »Heute war die Verhandlung vor Gericht. Am nächsten Montag

kommt die Mutter fort in die Strafanstalt nach S. Vier Monate muß sie

sitzen.«

»So lang!« rief Marie, die Älteste, betroffen, und darauf fing der

Kleine laut an zu schluchzen. Reginens erster Gedanke war, daß die

Mutter dann nicht bis zu ihrer Konfirmation zurück sein würde. Man

brauchte so manches für diesen Tag, wer würde ihr das Nötige

verschaffen? »Vater,« sagte sie bekümmert, »das geht doch gar nicht; die

Mutter wäre ja dann nicht hier, wenn ich eingesegnet werde.«

»Wenn sonst nichts wäre,« entgegnete der Vater; »so wichtig wird das

nicht sein.«

Aber Regine erschien das sehr wichtig. Sorgenvoll ging sie heute in den

Unterricht; saß stiller als sonst an ihrem Platz und hob nur selten die

Hand auf als Zeichen, daß sie gerne eine Frage des Geistlichen

beantwortet hätte; und als nun gar diese Fragen von der Unehrlichkeit

handelten, von dem dunklen Punkt in der Familie Lenz, da rührte sie sich

nicht mehr und rückte hinter den breiten Rücken der vor ihr Sitzenden,

um dem Pfarrer ganz aus dem Gesicht zu kommen. Es war aber, als ob

dieser es bemerkte; denn plötzlich rief er sie bei Namen und richtete

eine Frage an sie. Regine erhob sich; sie wußte die Antwort und öffnete

schon den Mund, um zu sprechen. -- Da stockte sie plötzlich und kehrte

sich um nach dem Mädchen, das hinter ihr saß.

»Nun, Regine,« mahnte der Pfarrer. Da wandte sie ihm wieder ihr Gesicht

zu, aber das war wie verwandelt, von Röte ganz übergossen. Sie machte

doch noch einen Versuch zu antworten, aber Tränen erstickten ihre

Stimme. In großer Not bedeckte sie das Gesicht mit ihrem Arm und

schwieg.

Hinter ihr flüsterten und kicherten die Mädchen, bis der Pfarrer dicht

an die Bank herantrat und fragte, was es gäbe. Regine antwortete nicht;

aber die neben ihr Sitzende sprach: »Ich hörte Emilie Forbes sagen:

Regine Lenz muß ja wissen, was unehrlich heißt.«

Sogleich erhob sich Emilie Forbes und sagte lebhaft: »Nun ja, es ist

gestern in der Zeitung gestanden, daß ihre Mutter wegen Diebstahls zu

vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde.«

»Still!« rief der Pfarrer so laut und streng, daß all seine Schülerinnen

an dem ungewohnten Ton erschraken und lautlos nach Regine sahen, die

sich gesetzt hatte und das Gesicht mit den Händen bedeckte, da sie aller

Augen auf sich gerichtet fühlte, als ob sie selbst die Diebin wäre. Aber

nicht gegen sie wandte sich nun der Pfarrer; an Emilie Forbes richtete

er verweisende Worte: »Ob deine Anschuldigung wahr ist, weiß ich nicht,«

sagte er; »aber das weiß ich, daß es lieblos und ganz unverzeihlich von

dir ist, solche Worte zu sagen. Fühlst du nicht, daß du Regine damit

wehe tust? Und kann sie etwas dafür, wenn ihre Mutter ein Unrecht

begangen hat? Nein, sie selbst kann so ehrlich sein wie jede von euch

und dabei nicht so herzlos wie du!«

Tiefe Stille herrschte in dem Saal, und als der Pfarrer wieder den

unterbrochenen Unterricht fortsetzte, war ihm wohl anzumerken, daß ihn

das Vorgefallene noch bewegte. Er fühlte, daß in dieser Stunde seine

kleine Konfirmandin etwas erlebt hatte, was sie nie im Leben wieder

vergessen würde, ja, was ihr auch schaden mußte. Man hatte ihre Ehre

angetastet; das hätte er gerne wieder gut gemacht, gleich in derselben

Stunde.

Regine Lenz hielt die Blicke gesenkt und sah nicht mehr um sich während

des Unterrichts.

Dieser ging zu Ende; die Bücher waren geschlossen, ein Liedervers sollte

noch gesungen werden. Die Kinder sahen gespannt auf den Geistlichen.

Warum stimmte er nicht an? Sie ahnten, daß er noch etwas sprechen würde

über das Vorgefallene.

»Regine Lenz,« rief er nun, »komm zu mir.«

Gesenkten Hauptes folgte das Mädchen dem Ruf, und wiewohl sie nicht um

sich sah, spürte sie doch, daß alle Blicke auf sie gerichtet waren. Der

Pfarrer näherte sich ihr, und in freundlichem Ton, aber doch laut, daß

alle Kinder ihn hören mußten, sprach er: »Sieh, weil ich weiß, daß du

ehrlich bist, und damit alle deine Mitschülerinnen sehen, daß ich dir

ganz und gar vertraue, deshalb gebe ich dir hier meine Geldbörse; die

sollst du in das Pfarrhaus tragen und meiner Frau bringen. Es ist viel

Geld darin, aber wieviel, weiß ich nicht; ich zähle es auch nicht, weil

du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Nun geh du voraus,

wir andern wollen noch singen.«

Regine ging wie im Traum durch das stille Schulgebäude und trat durch

das weite Tor hinaus in die belebte Straße. Krampfhaft fest hielt sie

die Börse in der Tasche ihres Kleides, und während sie ihres Weges ging,

wiederholte sie sich immer wieder die Worte des Pfarrers: »Weil ich

weiß, daß du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue.« Zweimal

hatte er es ausgesprochen, alle hatten das gehört und wußten nun, daß

sie ehrlich war. Und sie wußte es jetzt auch, erst jetzt; denn bisher

hatte ihr doch niemand etwas anvertraut; sie trauten sich alle einander

nicht daheim in der Familie. Jedes nahm, was es erwischen konnte, und

jedes versteckte, was es behalten wollte. Und sie, die sich bisher nicht

besser gedünkt hatte als die andern, sie hatte nun eine fremde, volle

Börse in der Tasche; ungezähltes Geld, von dem sie nehmen konnte ohne

Gefahr der Entdeckung. Aber sie kam gar nicht in Versuchung, natürlich

nicht; der Pfarrer hatte ja erklärt, sie sei ehrlich, und wenn sie es

vorher vielleicht nicht war, -- in dieser Stunde hatte das Vertrauen des

Pfarrers sie dazu gemacht.

Immer die Hand fest in der Tasche und die Börse darin haltend, ging

Regine den Weg nach dem Pfarrhaus, bis sie plötzlich aus ihren Gedanken

geschreckt wurde durch den Ruf: »Na, wohin läufst denn du und siehst

einen nicht, wenn man dicht neben dir ist?« Sie blickte auf. Ihr Bruder

Thomas schlenderte die Straße herab. Er kam aus der Druckerei, in der er

für eine der schlechtesten Zeitungen der Stadt als Setzer arbeitete.

Thomas war siebzehn Jahre alt, einen guten Kopf größer als Regine, ein

aufgeweckter Bursche.

»Wo gehst du hin,« fragte er noch einmal, »und was hältst du in der

Tasche?« Regine erschrak, denn im Augenblick wußte sie: gegen den Bruder

konnte sie nicht aufkommen; nie, er war immer der Stärkere, immer der

Klügere. Wohl zog sie die Hand leer aus der Tasche; aber er hatte doch

schon bemerkt, daß sie einen Schatz darin hatte. Ach, sie hätte diesen

so gerne vor ihm verborgen!

Er sah ihre Verlegenheit und lachte: »Mach lieber keine Umstände,« rief

er, »es hilft dir doch nichts. Treibst du's auch schon wie die Mutter?

Was versteckst du in der Tasche?« -- Da blickte sie auf zu ihm und sagte

leise: »Ich will dir's erzählen, Thomas, aber es darf es niemand hören;

komm, wir gehen weiter.« Und nun erzählte sie mit gedämpfter Stimme:

»Vorhin hat in der Konfirmandenstunde eine, Emilie Forbes heißt sie, dem

Pfarrer erzählt, daß die Mutter sitzt wegen Diebstahls. Ich bin schier

vergangen vor Scham. Aber der Herr Pfarrer hat gar nichts gegen die

Mutter gesagt, bloß gegen die Forbes. Und zuletzt hat er mich

vorgerufen, und vor allen hat er laut gesagt, daß ich ehrlich sei und

daß er mir ganz und gar vertraue. Und damit das alle sähen, gäbe er mir

seine volle Geldbörse, ungezählt, die solle ich seiner Frau bringen. Und

dann habe ich vor dem Singen gehen dürfen, und jetzt muß ich die Börse

ins Pfarrhaus bringen.«

Diese Handlung des Pfarrers kam dem jungen Burschen fast unglaublich

vor. »Es wird nichts als Kupfergeld in der Börse sein,« sagte er, »oder

sie hat einen Verschluß, den du nicht aufbringst; zeig sie her! Mach

keine Umstände!«

Regine gehorchte; sie wußte gar nicht anders, als daß sie tun mußte, was

die Großen wollten. So zog sie die Börse aus der Tasche und sah mit

Angst und Zittern, wie der Bruder sie begierig ergriff, öffnete und mit

den Fingern hineinfuhr. Zunächst war nur Kleingeld zu sehen, aber die

Börse hatte ein Seitenfach und aus diesem blinkten den Geschwistern

mehrere Goldstücke entgegen. »Respekt!« rief der Bruder bei diesem

Anblick. Dann sah er der Schwester, die jeder seiner Bewegungen gespannt

folgte, scharf in das aufgeregte Gesicht. »Und du nimmst nichts heraus?«

fragte er sie. Sie schüttelte nur den Kopf. Da betrachtete er

nachdenklich einige Augenblicke seine Schwester.

»Respekt!« wiederholte er noch einmal; aber diesmal galt der Ausruf

nicht dem Geld, sondern Regine. Die kleine Schwester flößte dem großen

Bruder Achtung ein. Noch einen Moment zauderte er; dann schloß er

sorgfältig wieder die Börse und gab sie der Schwester zurück. Diese,

erlöst von einer großen Angst, sah voll Glück und Dank zu dem Bruder

auf und sprach ganz im Ton des Pfarrers, wie ihr die Worte im Ohr

klangen: »Du bist ehrlich; dir vertraue ich ganz und gar.«

Ein paar Vorübergehende hörten diese feierlich gesprochenen Worte und

sahen dem Paar erstaunt lächelnd nach. Aber Regine sah und hörte nichts

von den Menschen um sie herum; sie war ganz und gar von Freude und von

mancherlei neuen Empfindungen bewegt. »Begleite mich noch bis zum

Pfarrhaus,« sagte sie zu dem Bruder, und dieser folgte zum erstenmal der

Schwester. Sie sah wieder vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: »Jetzt

kann die Hausfrau nicht mehr sagen, die ganze Familie sei nichts nutz;

wenn ich doch ehrlich bin und du auch. Wir zwei halten jetzt immer

zusammen, gelt, Thomas?«

Der Bruder sah verwundert auf sein schmächtiges Schwesterlein. »Wir

zwei,« sagte sie, wie wenn sie seinesgleichen wäre. Eigentlich war es

zum Lachen, daß die Kleine ihn zum Bundesgenossen aufforderte, ihn, den

kräftigen jungen Mann. Aber er fühlte, hier war doch auch eine Kraft,

wenn auch keine körperliche. Der Wille zum Guten war es, der heute in

dieser jungen Seele lebendig geworden war und nun auch in ihm das Beste

wachrief.

Sie waren bis an das Pfarrhaus gekommen. »So,« sagte Thomas, »mach deine

Sache geschickt; gib das Geld niemand anderem als der Frau Pfarrer

selbst.«

Regine fragte nach der Pfarrfrau, und das Dienstmädchen, das es im

Zimmer meldete, fügte hinzu: »Es wird ein Bettelmädchen sein.« Daher war

auch die Pfarrfrau, als sie herauskam, doppelt erstaunt, daß dieses Kind

ihr die volle Börse ihres Mannes überreichte. Sie fragte wohl, woher und

wieso, allein die Sache blieb ihr doch rätselhaft; denn Regine war

verlegen, gab nicht viel Antwort, sondern schlüpfte baldmöglichst

wieder zur Türe hinaus. Erst mittags konnte der Pfarrer erklären, was es

für eine Bewandtnis mit dem Gelde hatte. »Vielleicht hat aber das

Mädchen doch etwas genommen,« meinte seine Frau.

»Ich glaube es nicht,« entgegnete der Pfarrer bestimmt, »und wenn auch,

-- durfte ich nicht ein Goldstück daran wagen, um einem jungen

Menschenkind einen ehrlichen Namen zu geben?«

In der nächsten Stunde suchte des Pfarrers Blick sofort diejenige, um

die er sich inzwischen gesorgt hatte, denn hatte er sie nicht selbst in

Versuchung geführt? Da begegnete sein Blick dem ihrigen, der voll Liebe

und Vertrauen auf ihn gerichtet war, und verscheuchte seinen letzten

Zweifel. Er nickte ihr freundlich in stillem Einverständnis zu. Nicht

ein einziges Mal verschwand in dieser Unterrichtsstunde Reginens Gestalt

hinter den Mitschülerinnen; immer war sie zwischendurch zu sehen, als ob

sie gewachsen wäre, die Kleine.

Daheim hatte sie nichts erzählt von dem Erlebten; aber am nächsten

Sonntag sollte es doch zur Sprache kommen. Denn als sie zusammen zu

Mittag gegessen hatten, redete Thomas plötzlich seine Schwester Marie

an: »Wenn die Mutter nicht da ist, dann mußt _du_ eben sorgen, daß die

Regine zur Konfirmation ihre Kleider bekommt.«

Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise · 第 16 / 17 题