vernichten. Wäre es vom ersten Tage an auf die Seite unserer Gegner
getreten, vielleicht hätte es große Erfolge nach dieser Richtung hin
erreichen können. So aber versuchte es in seiner alten Heuchelei
den Anschein des Friedensvermittlers zu erwecken, verhandelte über
Belgiens Neutralität, die ihm innerlich ganz gleichgültig war, um dann
als das moralische Gewissen der Welt in die Arena zu treten. Herr
Ballin wußte, weshalb er die „Vaterland” von Neuyork nicht abfahren
ließ, weshalb der „Imperator” im Hafen von Hamburg liegen blieb.
Wir wissen nicht, wie groß die Verluste sind, die England unserer
Handelsflotte zugefügt hat, wohl aber wissen wir, wie groß der Inhalt
derjenigen Schiffe ist, welche die „Emden” aufgebracht hat, welche die
„Karlsruhe” zum Sinken brachte und welche durch andere Hilfskreuzer
Deutschlands vernichtet wurden. Auf 1,9 % der englischen Handelsflotte
hat man im englischen Parlament Ende 1914 die Verluste der englischen
Handelsflotte angegeben, sicherlich wird man dabei nicht zuviel
gerechnet haben. Legen wir aber selbst diese englische Berechnung
zugrunde, so wurde sich doch daraus allein ein Verlust von englischen
Schiffen in Höhe von etwa 250000 ~t~ ergeben. Im August 1914 sanken
sieben britische Dampfer mit 35742 ~t~, im September 15 Dampfer mit
61055 ~t~, im Oktober 22 Dampfer mit 89591 ~t~. ~Vivant sequentes!~
Seit dem 18. Februar 1915 ist Deutschland auf den Weg getreten, den
der Staatssekretär von Tirpitz in der Unterredung mit dem Vertreter
der ~United Press~ gewiesen und durch die Vernichtung des „Bulwark”
durchzuführen bereits begonnen hat, die feindlichen Handelsschiffe
durch seine Unterseeboote zu vernichten. Erfüllen sich die auf
diese Aktion gesetzten Hoffnungen, dann wird am Ende des Krieges
voraussichtlich auf Englands Seite der größere Verlust zu buchen sein.
Deutschlands Handelsflotte hat große Einbuße erlitten, aber daß sie
groß auch nach dem Kriege dastehen wird, und daß nach dem Kriege die
größten Schiffe der Welt nach wie vor unter deutscher Flagge fahren
werden, liegt nach dem ganzen Stand der Dinge klar zutage.
Das meiste aber haben sich die Engländer von einem rücksichtslosen
Vorgehen gegen die deutschen wirtschaftlichen Interessen versprochen.
In England war kurz nach dem Ausbruch des Krieges eine Verordnung in
Kraft getreten, wodurch der Handel mit dem Feinde verboten wurde. Keine
Geldsumme durfte an den Feind oder an feindliche Gesellschaften gezahlt
werden, keine Vergleiche geschlossen, keine Sicherheit für die Zahlung
einer Schuld gegeben, keine Handlung zu seinen Gunsten, wie Trassieren,
Akzeptieren usw. begangen werden. Lebens- oder andere Versicherungen
mit oder zu Gunsten des Feindes konnten nicht abgeschlossen werden,
die Zufuhr von Waren oder der Bezug von Waren war ausgeschlossen.
Bestimmungen über die völlige oder teilweise Beseitigung von Patenten
und Marken, die für Deutschland geschützt waren, wurden getroffen. Die
deutschen Unternehmungen in England wurden unter staatliche Aufsicht
gestellt und teilweise in gehässiger Weise liquidiert.
England hat weiter Maßnahmen getroffen, um nicht nur die deutschen
Unternehmungen in England lahmzulegen, sondern auch alle englischen
Betriebe, in denen Deutsche beschäftigt waren, zur Entlassung derselben
gezwungen. Es hat die englischen Firmen von den Vertragsverpflichtungen
gegen Deutschland entbunden, es hat die Hausbesitzer entbunden von der
Verpflichtung der Einhaltung der Mietsverträge, und es hat vom ersten
Augenblick an den wirtschaftlichen Krieg gegen Deutschland auf eigenem
Grund und Boden in unfairer Weise geführt.
Deutschland ist mit Gegenmaßregeln gegen England erst vorgegangen,
als die öffentliche Meinung dies gebieterisch verlangte. Inwieweit
die deutschen Interessen durch das Vorgehen Englands geschädigt
sind, läßt sich bis heute noch nicht übersehen, unzweifelhaft ist
eine Schädigung der deutschen Volkswirtschaft dadurch herbeigeführt
worden, daß Forderungen an England uneinbringlich sind, daß somit
deutsche Unternehmungen, die Geschäfte mit England treiben, heute über
Außenstände verfügen, deren Einbringung derzeit unmöglich ist. Ebenso
sind unzweifelhaft alle diejenigen Unternehmungen geschädigt, welche in
England domizilieren, und es dürfte keinem Zweifel unterliegen, daß die
Zahl der deutschen Gesellschaften in England ebenso wie die Zahl der in
England lebenden Deutschen weit größer ist als die der in Deutschland
lebenden Engländer oder der englischen Unternehmungen in Deutschland.
Schon heute zeigt sich aber, daß Deutschland die Folgen dieser
Maßnahmen überwunden hat, und zwar überwunden durch die
Kreditorganisationen, die es sich bei Beginn des Krieges schuf und die
unter anderen in den begründeten Kriegskreditbanken Unternehmungen
entstehen ließen, welche deutsche Forderungen gegen England als
Unterlage für einen zu gewährenden Kredit annehmen und damit die
englischen Maßnahmen zum Teil illusorisch machen. Bedauerlich ist es,
daß in manchen Fällen die Gegenmaßnahmen Deutschlands deshalb unwirksam
bleiben mußten, weil die deutscherseits bestellten Staatskommissare
sich mit einer allzugroßen Anpassungsfähigkeit nicht als Vertreter der
deutschen Interessen, sondern als Vertreter der ihnen unterstellten
Gesellschaften fühlten. Bedauerlich war ebenso die Bereitwilligkeit,
manche englische Gesellschaften in deutsche umzuwandeln, anstatt die
Engländer, um ein Wort Bismarcks anläßlich der Belagerung von Paris zu
gebrauchen, „in ihrem eigenen Fett schmoren zu lassen”. Wenn zeitweise
deutsche Staatskommissare auftraten, um die Forderungen englischer
Niederlassungen gegen deutsche Firmen einzutreiben, und wenn deutsche
Gerichte gar die von einer deutschen Firma erbetene Frist von drei
Monaten zur Bezahlung der Schuld nicht genehmigten, und wenn bis heute
nicht Vorsorge getroffen ist, daß man mindestens solche Forderungen
mit Forderungen an England zahlen kann, so zeigt das eine bedenkliche
Lücke in unseren Gegenmaßregeln, die ebenso unbedingt ausgefüllt
werden muß, wie für einen Ausgleich zwischen deutschen Gläubigern
und Schuldnern gegenüber England Sorge zu tragen ist. Englands
Ausfuhr nach Deutschland betrug im Jahre 1913 (nach der deutschen
Handelsstatistik) 876,1 Millionen Mark, die Einfuhr deutscher Waren
nach England 1438 Millionen Mark, die Ausfuhr Englands _und seiner
Kolonien_ nach Deutschland betrug jedoch im Jahre 1913 2090 Millionen
Mark, die Einfuhr deutscher Waren dahin 1849 Millionen Mark. Nimmt
man diese Zahlen als Grundlage, so wird man immerhin erkennen, daß
durch die gegenseitig getroffenen Maßnahmen doch auch die englischen
Gläubiger Deutschlands mitbetroffen sind, so daß sich auch hier
deutsche Forderungen zum Teil ausgleichen dürften.
Völlig versagt hat aber schließlich die Hoffnung Englands, sich während
der Zeit des Krieges gewissermaßen die Kundschaft Deutschlands --
nebenbei vielleicht, wie bekannt gewordene englische Offerten nach
Südamerika zeigen, auch die des mit ihm verbündeten Frankreich --
anzueignen und Deutschland vom Weltmarkt zu verdrängen. Wenn man die
Grundlagen der deutschen Beherrschung des Weltmarktes sich vor Augen
hält, so muß man sich von vornherein sagen, daß eine Vernichtung des
deutschen Handels gar nicht möglich ist. Die Eigenschaften, welche
dem Deutschen trotz mancher Ungunst seine Stellung im Welthandel
erobert hat, lassen sich nicht in wenigen Monaten adoptieren. Wenn
man in London unter Vorsitz Lord Haldanes das Problem studieren will,
wie man den Vorsprung Deutschlands auf dem Gebiete der chemischen
Industrie wettmachen könne, wenn man Ausstellungen von deutschen Waren
veranstaltet, um die englische Industrie zur Nachahmung zu veranlassen,
so vergißt man, daß man den Vorsprung deutscher Wissenschaft nicht
durch Konferenzen einholen kann, und daß man weiter gegen die ganze
konservative Natur des englischen Volkes ankämpfen müßte, wenn man
es mit den Eigenschaften ausstatten will, die dem deutschen Volk den
Vorsprung geschaffen haben. Für die mit so großem Lärm angekündigte
Gründung einer Anilinfarbenfabrik mit 60 Millionen Mark Kapital fehlen
die Aktienzeichner, weil, wie aus dem Gutachten der Handelskammer in
Leeds und des Economist sich ergab, man sich dessen bewußt ist, daß
mit Kapital allein ein auf deutscher Wissenschaftlichkeit beruhender
Vorsprung nicht einzuholen ist. Ebenso dürfte die in Aussicht genommene
Übertragung der Leipziger Messe nach London oder Birmingham ein frommer
Wunsch bleiben. Leipzigs Weltstellung als Handelsplatz ist durch
jahrhundertelange Tradition ebenso begründet wie durch Deutschlands
Stellung auf dem Weltmarkt, während Londons Markt beispielsweise in
bezug auf seine Stellung für die Weltnotierung vieler Metalle (Rohzink,
Blei) sich nur auf die Tradition berufen kann, während es in der
Produktion hinter den Vereinigten Staaten von Amerika und Deutschland
steht. Auch die angekündigte Entsendung von Handelssachverständigen
nach Deutschland und Österreich-Ungarn, sowie die Veranstaltung von
Ausstellungen deutscher Erzeugnisse zum Zwecke der Nachahmung durch
englische Firmen, wie es in Birmingham geschah, dürfte vergeblich sein.
Was den Engländern in bezug auf den Welthandel in Jahrzehnten nicht
gelungen ist, wird ihnen jetzt auch nicht gelingen. Zudem darf England
nicht vergessen, daß ein Weltkrieg wie der jetzige auch alle Völker der
Welt in Mitleidenschaft zieht, so daß nirgends eine starke Kaufkraft
vorhanden ist, Neuinvestierungen von Kapital, Vergrößerung von
Unternehmungen werden nicht vorgenommen werden, solange der Weltkrieg
tobt. So wie mit einem Schlag alle Börsen der Welt ihre Tätigkeit
einstellten, weil der Pulsschlag des Wirtschaftslebens stockte, so wird
dies auch während der ganzen Kriegsdauer bleiben. Es kann sein, daß
Deutschland nach Beendigung des Krieges vielleicht in den feindlichen
Ländern zu leiden hat unter einer gewissen Boykottstimmung, die aus
dem namentlich durch die Beherrschung des Nachrichtendienstes durch
England genährten Haß hervorgeht, daß sich aber in den neutralen
Ländern, namentlich nachdem sich die Wahrheit über den Krieg mehr
und mehr durchsetzt, die Nachfrage nach deutschen Waren in demselben
Maße geltend machen wird wie bisher. Aus Liebe für uns hat uns noch
niemand etwas abgekauft, die Völker haben uns das abgekauft, was sie
mit demselben Preis und in derselben Qualität woanders nicht erhalten
konnten. Das war bisher so, das wird auch in Zukunft so bleiben.
Andererseits leidet neben dem deutschen Außenhandel schon jetzt der
englische ganz gewaltig. In den ersten drei Monaten nach Ausbruch
des Krieges ist Englands Außenhandel um mehr als zwei Milliarden
zurückgegangen, bis zum 31. Dezember hat sich diese Verminderung bis
auf 3½ Milliarden Mark, davon 1816 Millionen Mark in der Ausfuhr
gesteigert! Neben dem Ausfall des 2-Milliarden-Konsums Deutschlands
aus England und seinen Kolonien und der geminderten Kaufkraft der
neutralen Länder tritt vor allen Dingen zutage, daß die Wirkungen
des Krieges sich in den mit England verbündeten Ländern weit mehr
zeigt als irgendwo in der Welt. Ein nicht unbeträchtlicher Teil von
Frankreich ist in deutschem Besitz, und ganz Belgien ist ebenfalls
von den Deutschen besetzt, die gesamte englische Ausfuhr nach Belgien
und Nordfrankreich sowie nach den übrigen besetzten Gebieten ist damit
erledigt. Aber auch das übrige Frankreich, dessen Rentner jetzt ihre
Zinszahlung auf russische Papiere aus französischen Taschen erhalten,
ist nicht mehr in der Lage, große Warenabschlüsse mit England zu
machen. Das gleiche gilt auch von Rußland. Die Ziffer der Verringerung
des englischen Welthandels zeigt bereits mit Sicherheit, daß England
sich auf abschüssiger Bahn befindet und daß seine Hoffnung auf
Erringung des Weltmarktes sich nach dieser Richtung nicht erfüllen
wird. Andererseits spürt England, das uns aushungern wollte, die
Preissteigerung aller Lebensmittel in seinem Innern, dazu steigen
die Frachtraten, namentlich seit der Unterseebootsblockade, ins
Ungemessene, und schon erwägt man auch in England die Festsetzung
von Höchstpreisen. Dazu tritt Rohstoffmangel in Zink, Indigo,
Chemikalien und anderen Stoffen. Daher jetzt die maßlose Brutalität,
mit der eine maßgebende englische Fachzeitschrift empfiehlt, daß die
verbündeten Heere, sobald sie nach dem Rheinland vorgedrungen sind,
alle industriellen Unternehmungen Deutschlands derartig zerstören
sollten, daß an einen Wiederaufbau derselben überhaupt nicht gedacht
werden könne. Ein Zeichen dafür, wie weit der wirtschaftliche Neid in
England die Triebfeder dieses Weltkrieges ist! -- und ein freundlicher
Wunsch, dem zur Erfüllung nur das eine fehlt, daß die verbündeten
Heere auf deutschem Boden ständen und nicht die Deutschen auf
französischem. Die weiteren Hoffnungen, Deutschland durch den Krieg
selbst volkswirtschaftlich zu schaden, sind völlig zuschanden geworden.
Jeder von uns, der das stark pulsierende Leben in Deutschland seit
Ausbruch des Krieges miterlebt hat, wird sich davon überzeugt haben.
Die Arbeitslosigkeit ist dauernd zurückgegangen. Manche große Bezirke,
und zwar nicht nur die Werkstätten von Krupp und die Werften in
Wilhelmshaven, sondern auch Industriebezirke wie Chemnitz, die zunächst
unter dem Krieg litten, arbeiten in angestrengtester Tätigkeit. Die
Milliardenaufträge der Militärlieferungen sind, wenn auch nicht immer
in die richtigen Hände, so doch in ihrer Gesamtheit der deutschen
Volkswirtschaft zugute gekommen.
Unsere gesamte Ausfuhr betrug 1913 etwas über 10 Milliarden Mark,
schon heute aber sind 10 Milliarden Mark für den Krieg bewilligt,
die in Aufträgen an die deutsche Industrie und die deutsche
Landwirtschaft wieder zum Ausdruck kommen, so daß die Ausfälle des
Außenhandels durch die Kriegslieferungen mehr als ausgeglichen sind.
Mögen die Staatsschulden des Reiches dadurch wachsen, die deutsche
Volkswirtschaft verliert nicht einen Pfennig von dieser gewaltigen
Summe, denn das Ausland ist an Militärlieferungen nur in ganz geringem
Maße beteiligt. Die vielen Millionen Mark an Gehältern und Löhnen, die
Summen, die von den deutschen Truppen in die Heimat zurückgeschickt
werden, haben zusammen mit den staatlichen Unterstützungen die
Kaufkraft der Bevölkerung fast ungeschwächt erhalten, und wer das Leben
und Treiben in den Weihnachtstagen in den deutschen Großstädten sah,
der konnte einen Unterschied zwischen den Dezembertagen 1914 und denen
von 1913 fast überhaupt nicht finden.
Wie stark die finanzielle Position Deutschlands ist, zeigt der
glänzende Erfolg der Kriegsanleihe, zeigt der fortgesetzt gesteigerte
Goldbestand der Reichsbank, der Ende Februar 1915 um 1 Milliarde
höher war als zu Beginn des Krieges, zeigt die Herabsetzung des
Reichsbankdiskonts um 1 % am Ende des Jahres. Wie sehr auf der
anderen Seite England gelitten hat, das geht aus den verschiedensten
Momenten hervor. Deutschland war Groß-Englands großer Abnehmer mit
2090 Millionen Mark. Frankreich, Rußland und Belgien haben insgesamt
1576,58 Millionen Mark sonst aus England allein bezogen, auch diese
Ausfuhr dürfte, wie vorher ausgeführt, zum großen Teil verloren sein.
Die ganze Textilindustrie leidet unter der Nichtzufuhr deutscher
Chemikalien ebenso wie unter dem Ausbleiben pharmazeutischer Mittel,
und von seinen Spindeln feiern etwa die Hälfte. Die äußerlich glänzende
finanzielle Position der Bank von England wird, wie Rießer ausführt,
auf den richtigen Stand zurückgeführt, wenn man bedenkt, daß die
Erhöhung des Goldbestandes nicht etwa zu Stande gekommen ist durch
den englischen Markt, sondern durch Überführung der Bestände der
Nationalbank in Brüssel sowie der Bank von Frankreich in Paris. Der
Umstand, daß England gezwungen war, ein Moratorium einzuführen, das
Deutschland vermeiden konnte, der Umstand weiter, daß am 2. August
der Diskont der Bank von England auf 10 % erhöht werden mußte, daß die
Golddeckung der Noten der Bank von England bis auf 15,8 % sank, zeigt am
besten, wie ungeheuerlich der Gedanke des Kriegs mit Deutschland den
englischen finanziellen Markt in Anspruch genommen hat. Die einzelnen
finanziellen Transaktionen Englands in bezug auf die Unterstützung
seiner Verbündeten durch Vorschüsse, in bezug auf Deckung der
englischen Anleihe durch Vorschüsse der Bank von England hat Rießer
in seinem Buch „England und wir” im einzelnen dargelegt, so daß sich
ein näheres Eingehen an dieser Stelle erübrigt. Schon heute aber sei
das eine gesagt, daß ebenso wie die ohne Grundlage festgehaltene
Tradition von Englands unüberwindlicher Flotte durch die Taten
deutscher Kreuzer zerstört worden ist, so auch die herrschende Stellung
der Bank von England zerstört worden ist und ebenso der Glaube an die
Unerschütterlichkeit des englischen Wirtschaftslebens. Schon steht
Neuyork bereit da, um die Erbschaft zu übernehmen; die „Times” selbst
muß neutrale Länder, welche Kapital suchen, auf den amerikanischen
Markt verweisen, und die amerikanische Zeitschrift „~The Commercial
and Financial Chronicle~” attestiert den englischen Freunden, „daß
_England_ wegen einer ganzen Reihe durch den Krieg hervorgerufener
Vorgänge _sein Ansehen und seine finanzielle Kraft verloren hat_”.
Wie die Verhältnisse in Deutschland selbst auf England wirken, zeigt
der Bericht, den die „Daily Mail” unter dem Titel „Deutschland von
innen gesehen” von einem nach Deutschland entsandten, wahrscheinlich
amerikanischen Berichterstatter schreiben läßt, und der als Ergebnis
seiner wochenlangen Beobachtungen die Stimmung in Deutschland wie
folgt niederschreibt: „Deutschland zeigt das Bild eines großen Landes,
geeint, wie es niemals früher in seiner Geschichte gewesen ist, voll
von Siegeszuversicht, weil es entschlossen ist zu siegen und dafür
organisiert ist, mit ungeheuren und, wie es glaubt, unerschöpflichen
Hilfsquellen von Menschen und Rüstungsvorräten, nicht erschüttert
durch schwere Verluste, nicht geschreckt und, abgesehen von wenigen
Fällen, auch fast nicht betroffen von dem wirtschaftlichen Druck der
britischen Seeherrschaft. Beherrscht von einem verzehrenden Haß gegen
England, alle seine geistige, körperliche und Willenskraft in den Kampf
hineinschleudernd, mit manchen Illusionen genährt, aber auch gestützt
von demselben Geist ausdauernder Opferwilligkeit, die Friedrich den
Großen triumphierend durch das glühende Gottesurteil des Siebenjährigen
Krieges brachte. Wir müssen Deutschland in diesen Eigenschaften der
Kühnheit und rücksichtslosen Ergebenheit, von denen es ein so weithin
leuchtendes Beispiel gibt, zunächst einmal gleichkommen und dann es
übertreffen.”
Wir sehen somit als Ergebnis, daß alle Versuche Englands, die vor
dem Kriege unternommen worden sind, um Deutschlands wirtschaftliche
Stellung auf dem Weltmarkte zu zerstören, abgeprallt sind an
der Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft. Nur das
Weltkolonialreich hält England überhaupt noch die Stellung an der
Spitze des Welthandels. Sein Gesetz „~Made in Germany~” vernichtete
nicht die deutsche Warenausfuhr, sondern wurde ein Ehrenzeichen, sein
Patentgesetz vermochte Unbequemlichkeiten zu verursachen, ohne die
erhoffte Wirkung auszuüben, seine Schiffahrtsubventionen brachten
ihm einen äußerlichen Erfolg, der durch die großen deutschen Schiffe
längst wettgemacht worden ist. Für den verschlossenen Handel mit
seinen Kolonien fanden wir andere Absatzgebiete in der Welt, seine
Maßnahmen gegen uns waren Nadelstiche, die uns hier und da trafen,
die aber nicht in der Lage waren, das mächtige Gebäude der deutschen
Volkswirtschaft zu schädigen. Es steht noch genau so festgefügt da und
wird so dastehen auch nach dem Kriege. Wir werden neue Wege finden,
wenn es England gelingen sollte, uns einen Teil unseres Exportes
abzunehmen; die Deutschen selbst werden in Zukunft hoffentlich auf
unnötige fremdländische Erzeugnisse gern verzichten, und die Affenliebe
des deutschen Volkes für das Ausländische um des Ausländischen wegen
wird einen starken Stoß erlitten haben. In der Möglichkeit einer
mitteleuropäischen Zollverständigung ist die Möglichkeit gegeben, ein
gewaltiges Wirtschaftsgebiet von 120-150 Millionen Einwohnern dem
~Greater Britain~ Chamberlains gegenüberzustellen und dadurch jeden
Schlag zu parieren, der etwa von England geplant sein sollte.
Auf politischem Gebiete aber muß dieser Krieg, der für Deutschland
nur siegreich enden kann, wenn es überhaupt noch eine Moral in der
Weltgeschichte gibt, das Ende der Monopolstellung Englands bringen.
England in Schach zu halten ist unsere politische Aufgabe, wenn wir der
Welt die Freiheit des Wirtschaftskampfes wiedergeben wollen, die unter
Englands Monopolherrschaft heute leidet. Wir erstreben für uns keine
Weltherrschaft, nicht die Unterdrückung anderer Völker, aber den freien
Weg in die Meere, deutsche Stützpunkte für die deutsche Flotte genau
so, wie englische für die englische Flotte bestehen, weitere Ausdehnung
des Kolonialbesitzes und im übrigen den freien Wettbewerb mit allen
Völkern der Erde ohne einseitige Vorzugsstellung für uns, aber auch
ohne Vorzugsstellung für andere Länder. Finden wir den Weg in diese
Freiheit, dann wird diese Freiheit, des sind wir sicher, in Zukunft im
Wirtschaftskampf zwischen England und Deutschland die erste Stelle im
Welthandel dem jungen deutschen Volke zuerkennen.
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| Anmerkungen zur Transkription |
| |
| Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
| gebräuchlich waren, wie: |
| |
| Bedarfes -- Bedarfs |
| inneren -- Innern |
| Krieges -- Kriegs |
| |
| Folgende Änderungen wurden vorgenommen: |
| |
| S. 16 „Kiautschau” in „Kiautschou” geändert. |
| S. 21 „Chikago” in „Chicago” geändert. |
| S. 21 „Rio Grande del Sul” in „Rio Grande do Sul” geändert. |
| S. 36 „Sowie” in „So wie” geändert. |
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