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ENGLANDS WIRTSCHAFTSKRIEG GEGEN DEUTSCHLAND
Von
DR. GUSTAV STRESEMANN
Mitglied des Reichstages
[Illustration]
Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart und Berlin 1915
Alle Rechte vorbehalten
Druck der
Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart
Papier von der Papierfabrik Salach
in Salach, Württemberg
Auf deiner Insel,
neidisches England,
du bist der Urfeind.
Schmidtbonn
Seit den Zeiten, in denen französische Eroberungslust unter Ludwig XIV.
die deutsche Pfalz verwüstete, den Zeiten, von denen die Ruinen des
Heidelberger Schlosses zeugen, gilt über Napoleon I. und seinen kleinen
Namensträger Napoleon III. hinweg bis in die Zeiten der französischen
Revanchepolitiker, der Augenblickserscheinung eines Boulanger und der
Politik eines Delcassé, Frankreich schlechthin als der Erbfeind der
deutschen Nation. Allen Deutschen war der Gedanke gegenwärtig, daß
um das Deutsche Reich, welches auf den Schlachtfeldern errungen war,
noch einmal auf den Schlachtfeldern gestritten werden müßte, um seine
Existenz zu bewahren. Westwärts war der deutsche Blick in diesem Sinn
gerichtet, und wenn in Stunden der Erinnerung an deutsche militärische
Großtaten die Herzen sich weiteten und der Deutsche zum Ausdruck
bringen wollte, daß er sein Vaterland schützen werde gegen jeden
Angriff, der von außen käme, dann sprach er von der Wacht am Rhein und
davon, daß Deutschlands schönster Strom mit dem Herzblut des deutschen
Volkes verteidigt werden würde.
50 Jahre des Friedens hat uns Moltke als das Höchstmaß dessen genannt,
was uns beschieden sein würde, bis wir wieder zum Schwerte zu greifen
hätten. Ehe noch dieses halbe Jahrhundert verflossen war, ist der
Weltkrieg ausgebrochen, der gegenwärtig in allen Erdteilen Kämpfer
aufruft. Von dem ersten Augenblicke an, in dem es klar war, daß wir
diesen Kampf zu bestehen hätten, da scholl wie in alter Zeit die Wacht
am Rhein aus den Kehlen der Deutschen. Aber die Augen und der Sinn
richteten sich nicht so sehr gegen Westen hin, wo Frankreich seine
Heere aufgestellt hatte, um Revanche zu nehmen für Sedan und Metz
und den Einzug in Paris, auch nicht so sehr nach dem Osten hin, wo
Millionenheere bereit standen, um über deutsche Gaue herzufallen, wie
nach der Nordsee, nach England.
Fast jeder der am Weltkrieg beteiligten Staaten hat in der Zwischenzeit
Dokumente erscheinen lassen über den Ursprung des Krieges. Jeder sucht
durch Zusammen Stellung von allerlei Beweisstücken die Verantwortung
für den Ursprung des Krieges dem Gegner zuzuschieben. Für den
Historiker späterer Zeiten werden diese Weißbücher und Gelbbücher,
und wie sie alle genannt seien, ihren wenn auch bedingten Wert haben.
Helfferich hat auf Grund einer Vergleichung dieser Dokumente das
Wort von Rußland als dem Brandstifter dieses Krieges geprägt. Aber
der Volksinstinkt, jene unwägbare Seelen Stimmung des Volkes, von
der Bismarck einst sprach, hat längst erkannt, daß es sich in diesem
Weltkrieg nicht handelt um die Mordtat in Serajewo und deren Sühnung,
nicht handelt in erster Linie um russischen Expansionsdrang oder
französische Revanchelust, sondern daß es den Kampf gilt zwischen
England und Deutschland, einen Kampf um Leben und Tod, einen Kampf
um Größe oder um Untergang, nicht herausgeboren aus völkischen und
politischen Gegensätzen der Nationen, nicht herausgeboren aus dem
Gefühl, empfangene Niederlage auf dem Schlachtfeld zu sühnen, sondern
um einen Kampf, herausgeboren aus wirtschaftlichen Beweggründen, der
als der gigantischste Wirtschaftskampf aller Zeiten dastehen wird und
der im deutschen Volk lodernden Zorn mit vollem Recht deshalb ausgelöst
hat, weil seine Motive letzten Endes in der aus dem Hochmutsgefühl
der Weltherrschaftsbestimmung entspringenden Erregung gegen einen
unbequemen Wettbewerber und in einem schrankenlosen Erwerbsdrang
liegen. Das deutsche Gefühl, das seit Scharnhorsts Zeiten in dem
Grundsatz der allgemeinen Wehrpflicht seine höchste Ehre sieht,
wendet sich mit Verachtung hinweg von einem Land, das mit Söldnern
seine Kriege führt, die alte Traumjörgnatur des Deutschen fühlt sich
abgestoßen von der kühlen, rechnerischen Natur eines englischen
Ministers, der davon spricht, daß dieser Kampf geführt werden muß bis
zur letzten silbernen Kugel. Der Gegensatz Rom-Karthago steigt im 20.
Jahrhundert erneut auf, und die Welt hält den Atem an, um zu sehen, wer
in diesem Ringen Sieger bleiben wird.
Mit dieser Stimmung des deutschen Volkes gegen England sind vor
allem die weitesten Kreise der Industrie und des Handels einig.
Als die Nachricht von der Niederlage Englands bei St. Quentin an
der Börse zu Hamburg bekannt wurde, da spielten sich dort Szenen
eines Freudenausbruches ab, die man dem korrekt steifen Hamburger
Kaufmannsstand kaum zugetraut hätte. Um die Jahreswende 1914 hat die
„Korporation eines ehrbaren Kaufmannes” zu Hamburg in einer Kundgebung
an den deutschen Reichskanzler als Empfindung der Hamburger Kaufleute
zum Ausdruck gebracht, „sie (die Hamburger Kaufleute) achteten nicht
der Verluste an Geld und Gut zu einer Zeit, da alle Söhne und Brüder
voller Begeisterung in einen Kampf ziehen, der für die Erhaltung des
Vaterlandes geführt wird und der nach so schweren Opfern nicht eher
beendet werden darf, als bis _die Zerstörer des Weltfriedens, vor allem
das in seiner Kriegführung nicht nur dem Völkerrecht, sondern jeder
Gesittung und Ritterlichkeit hohnsprechenden England_ gezwungen worden
ist, Deutschland volle Freiheit in der friedlichen Weiterentwicklung
seiner internationalen und wirtschaftlichen Kräfte zu gewährleisten”.
In gleichem Sinne hat der Vorsitzende der Bremer Handelskammer,
Lohmann, an demselben Tage als Vertreter dieser Handelsstadt mit
ihren vielseitigen Verbindungen zu England und dessen Kolonien der
staunenden Frage Ausdruck gegeben, wie blinder Geschäftsneid gegen
die erfolgreiche Weiterentwicklung seines deutschen Wettbewerbers
England zur Kriegserklärung gegen Deutschland veranlassen konnte. Zur
Erklärung verwies er auf die Worte des englischen Admirals Monk bei der
Zerstörung von Neu-Amsterdam, jetzt Neuyork: „Was wollen wir uns erst
mit Gründen abgeben? Was wir brauchen, ist mehr von dem Handel, den
jetzt die Holländer haben.”
Beim 250jährigen Jubiläum der Hamburger Handelskammer klang es aus den
Ansprachen Hamburger Kaufleute erneut heraus, daß Deutschland sich
seinen Platz in der Welt von niemand nehmen lassen wolle, „von niemand,
zum wenigsten von diesen Engländern, die diesen Krieg heraufbeschworen
haben, von diesen Engländern, von denen Houston Stewart Chamberlain
sagt, daß sie in ihrer Moral und als Staat morsch seien bis auf die
Knochen. Neid und Niedertracht haben diesen Krieg hervorgerufen, weil
wir es in der Welt, in Handel, Schiffahrt und Industrie vorwärts
gebracht haben, weil wir fleißig gewesen sind und etwas gelernt haben.”
Aus den Kreisen der deutschen Flotte klingt es noch stärker heraus:
„Mit allen Fasern unseres Herzens müssen wir danach trachten, England
zu vernichten. Wenn je ein Haß berechtigt war, so ist es der gegen
England. _England niederzuwerfen ist geradezu eine Kulturtat_,” so
sprach Vizeadmiral v. Kirchhoff in Gegenwart des Königs von Sachsen
unter allgemeiner Zustimmung in Dresden.
Daß in diesem Ringen nach allen Seiten hin sich alter deutscher
Waffenruhm bewähren würde auf dem Gebiet der Heereskämpfe, das hat
niemand anders erwartet, daß er sich so herrlich bewähren würde auf
dem freien Meere, das ist vielen in der Welt überraschend gekommen,
während allerdings demjenigen, der die zielbewußte Arbeit der
deutschen Flotte seit Jahren beobachtet hatte, von vornherein vor
Augen stand, daß sie in glänzender Weise ihre Pflicht erfüllen würde.
Mit liebevoller Anteilnahme ist der Deutsche den Waffentaten unserer
jungen Flotte gefolgt, kann sich doch trotz allem, was an Poesie
vergangen ist, seitdem die hohen Masten und Segel ersetzt worden sind
durch die nüchternen Schornsteine, die Phantasie vielmehr knüpfen
an den schlanken Rumpf eines Schiffes, das einen Namen trägt, der
gewissermaßen Persönlichkeit verleiht, als wenn im Kampf der Millionen
gegen die Millionen die Bedeutung der Einzelpersönlichkeit und der
Ruhm einzelner Regimenter sich verliert und nur wie leuchtende Sterne
Namen einzelner Heerführer hervorleuchten. Die kühnen Fahrten deutscher
Unterseeboote, der Sieg des deutschen Geschwaders an der chilenischen
Küste und sein heldenhafter Untergang an den Falklandsinseln, der
prächtige Durchbruch der „Goeben” und der „Breslau” aus der Bucht von
Messina, die Fahrten deutscher Schiffe an Englands Küste, die von
Romantik umwobenen Taten der „Emden” und der „Karlsruhe”, davon wird
man noch singen und sagen in späten Zeiten. Noch ist in dem Augenblick,
in dem diese Zeilen niedergeschrieben werden, keine Entscheidung des
Krieges gefallen, aber eines steht schon heute fest, daß etwas zugrunde
gegangen ist, worauf Englands Weltherrschaft in der Welt zum größten
Teil beruhte, daß zugrunde gegangen ist die Tradition von Englands
Unüberwindlichkeit zur See, zugrunde gegangen die Tradition von
Englands unüberwindlicher Flotte. Mit nüchternen Worten hat der Leiter
der größten Dampfschiffreederei der Welt, hat Herr Ballin derjenigen
englischen Zeitung, die ihm Kleinmut sowie den Ausspruch andichtete,
daß die Möglichkeit eines erfolgreichen Ausganges des Kampfes gegen
England ausgeschlossen sei, gesagt: „Meines Erachtens ist England
heute schon besiegt, denn ein England, das in einem solchen Kriege
seine Flotte versteckt und sich nicht mehr aufs Meer hinaus traut, hat
aufgehört, das alte England zu sein. Es hat vor allen Dingen sich damit
ein für allemal des Rechts begeben, mitzusprechen, wenn es sich um
eine Frage des europäischen Gleichgewichts handelt.”
Besser als alle Lügen der Gegner hat der Kanonendonner an der
chilenischen Küste die Möglichkeit dieses Sieges gezeigt. Dem
endgültigen Sieg in großer, entscheidungsvoller Stunde sehen die
deutschen Herzen sehnsuchtsvoll erwartend entgegen.
Aber der Kampf zwischen England und Deutschland wird auch auf anderem
Gebiet entschieden, auf dem Gebiete des Wirtschaftskampfes beider
Völker, und von diesem Wirtschaftskampf, von seinen Ursachen, seinen
Mitteln und seinem voraussichtlichen Ausgange soll die Rede sein in
diesen Blättern.
* * * * *
Die Entwicklung des Wirtschaftskampfes zwischen England und Deutschland
fällt erst in die Zeit nach Errichtung des Deutschen Reiches und nach
seinem gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung, der zusammenfassend
niedergelegt worden ist einmal in der seinerzeitigen Denkschrift über
die Entwicklung der deutschen Seeinteressen, die das Reichsmarineamt um
die Wende des 20. Jahrhunderts herausgab, und erneut zutage trat in den
Veröffentlichungen, die anläßlich des Regierungsjubiläums erschienen
sind. Ich denke an die Schrift von Helfferich über den Volkswohlstand
Deutschlands, ferner an die hervorragende Zusammenstellung, welche
Dr. Hjalmar Schacht, der Direktor der Dresdener Bank, über die
wirtschaftlichen Kräfte Deutschlands verfaßt hat, an Steinmann-Buchers
verdienstvolle, aufklärende Schriften und die wertvollen Arbeiten in
den vielen politischen und wirtschaftlichen Rückblicken jener Tage. Die
Ziffern, die in genannten volkswirtschaftlichen Schriften niedergelegt
sind, stellen das Endergebnis einer Entwicklung von Jahrzehnten dar,
einer Entwicklung, die unmöglich gewesen wäre ohne die politische
Einheit, zu welcher das Deutsche Reich sich 1870 emporgerungen hatte,
als der deutsche Idealismus der Frankfurter Paulskirche sich mit der
Realpolitik Bismarcks vermählte.
Es ist ein weiter Weg, der von den Tagen, in denen in der
schwarzrotgoldenen Begeisterung der deutschen Jugend zum erstenmal
der Gedanke der deutschen Freiheit und Einheit aufflammte, bis zum
18. Januar 1871, wo durch eine Politik von Blut und Eisen das junge
Reich geschmiedet wurde, auf deren Notwendigkeit vor dem Realpolitiker
Bismarck bereits selbst einer der achtundvierziger Sturmgesellen,
Gottfried Kinkel, in seiner Verteidigungsrede vor den Geschworenen
hingewiesen hatte. Wir haben in den letzten Jahren die Gedenkfeiern
begangen an die deutschen Freiheitskämpfe. Wir haben das gigantische
Denkmal auf Leipzigs Fluren, das in markiger Weise zum Ausdruck bringt,
was damals namentlich das preußische Volk geleistet hat, errichtet. Es
ist selbstverständlich, daß preußisch-deutsche Auffassung diese Zeiten
und Kämpfe ansieht als die Erlösungskämpfe vom Joche Napoleons I., daß
sie deshalb in dem Zusammenbruch der militärischen Macht des großen
Eroberers auch den Sieg begrüßte, durch den die französische Herrschaft
auf deutschem Boden zerstört wurde. Die deutsche Schulerziehung
stellt Napoleon I. als einen gewalttätigen Eroberer hin, der sich nur
wohlfühlte in einem Meer von Blut, der von Krieg zu Krieg schritt, bis
seine Kräfte im russischen Eise erstarrten, bis das niedergedrückte
preußische Volk sich mit Einsetzung aller Kräfte gegen den Eroberer
erhob. Wir wissen heute aus den Schriften von Lenz und von anderen,
daß dieses Bild, wenn es so gezeichnet ist, gewaltige Verzerrungen
aufweist. Wir wissen, daß der Mann, der den Code Napoleon schrieb, der
ein gewaltiger Verwaltungskünstler war, der Mann, in dessen Kopf zuerst
der Gedanke der Wertzuwachssteuer entstand, der auch den König von
Preußen 1806 noch warnte, den Kampf gegen ihn aufzunehmen, trotzdem er
seines Sieges gewiß war, nicht den Krieg um des Krieges willen führte,
und wir wissen auch, daß das ihm vorschwebende gewaltige Ziel nicht die
dauernde Unterdrückung Deutschlands-Preußens, sondern die Aufrichtung
der Hegemonie Frankreichs über England war.
„Zwo gewaltige Nationen ringen
um der Welt alleinigen Besitz,
aller Länder Freiheit zu verschlingen,
schwingen sie den Dreizack und den Blitz.
Seine Handelsflotten streckt der Brite
gierig wie Polypenarme aus,
und das Reich der freien Amphitrite
will er schließen wie sein eignes Haus.”
Mit diesen Worten hat Schiller das anbrechende 19. Jahrhundert
geschildert. Gerade in der Gegenwart hat die Erinnerung an diesen
Weltkampf erneuten Reiz gewonnen. Welche Bilder steigen vor unserem
Geiste auf! Das Bild Napoleons, der in Ägypten angesichts der
tausendjährigen Pyramiden Englands Weltherrschaft hier an ihrer
empfindlichsten Stelle treffen wollte, und der Napoleon, der im Lager
von Boulogne sur Mer seine Transportschiffe liegen hat, um sein Heer
nach England überzusetzen, und der seitdem von England in einen Krieg
um den anderen gehetzt wird: „Soldaten,” so ruft er aus in den Tagen
von Boulogne sur Mer, „wir können nicht nach England gehen, denn das
Gold der Engländer hat den Kaiser von Österreich bewogen, uns den
Krieg zu erklären.” Und wiederum der Napoleon, der auf St. Helena zu
dem getreuen Las Cases sagte, daß England ihm niemals den Besitz von
Belgien verziehen habe, der _Antwerpen_ -- allerdings das Antwerpen
mit der freien Scheldemündung -- _die auf die Brust Englands gesetzte
Pistole_ nennt, und der Napoleon der Kontinentalsperre, der England da
treffen will, wo es am empfindlichsten ist, in seiner wirtschaftlichen
Existenz. England führte damals genau so wie heute den Kampf mit seinen
Söldnertruppen, vor allem aber mit den Truppen anderer Nationen,
überall waren seine Subsidien zu haben, wo es gegen Frankreich galt.
Es bekämpfte in Frankreich die damals zweitstärkste Kontinentalmacht,
es hatte, wie Bülow in seinen Ausführungen über die auswärtige Politik
sagt, schon dem Gesandten Ludwigs XIV. gegenüber ein Bündnis mit
Frankreich verweigert, weil diesem Bündnis eine bedenkliche Tatsache
gegenüberstände, nämlich die Tatsache, daß Frankreich sich eine eigene
Flotte bauen wolle. Die Subventionen an Friedrich den Großen im
Siebenjährigen Kriege galten nicht dem emporstrebenden Preußen, sondern
dem gegen Frankreich kämpfenden König, den es übrigens, sobald es
seine Interessen erforderten, in der rücksichtslosesten und brutalsten
Weise im Stiche ließ. Als Napoleons Macht zusammengebrochen war, als
er selbst in seinem Brief an den König von England Themistokles gleich
den Küsten seines mächtigsten Gegners sich nähert, da war zwar die
englische Staatsschuld auf 16 Milliarden Mark gewachsen, aber Englands
Weg zur unbedingten Weltherrschaft im 19. Jahrhundert gesichert.
Was haben die Gegner Napoleons nach den Siegen von 1813/15 erreicht?
Preußen erhielt wohl seinen alten Gebietsumfang, aber nicht seine alten
wirtschaftlichen Kräfte. Die Phrase, daß man den Kampf gegen Napoleon
und nicht gegen das französische Volk führte, hat sogar im ersten
Pariser Frieden noch dazu geführt, daß man eine Kriegsentschädigung
von Frankreich nicht gefordert hat. Erst als der Gefürchtete von Elba
zurückkam, als sein „Adlerflug” ihn von der französischen Küste bis
nach Paris trug, als die Monarchen sich erneut an ihr Volk wenden
mußten und als daraufhin der alte Blücher und der große Staatsmann, der
Freiherr vom Stein, Bewegungsfreiheit erhielten, da wurde nach langem
Feilschen auch eine Kriegsentschädigung erreicht, die aber bei weitem
nicht Preußen für das zu entschädigen vermochte, was es in der Zeit von
1806 bis 1813 hatte leiden müssen. Hat doch Napoleon I. nach seinen
eigenen Mitteilungen fast 1 Milliarde Mark aus Preußen herausgepreßt;
noch beinahe bis in die Gegenwart haben preußische Städte abzahlen
müssen von den Anleihen, die sie gemacht hatten, um die Forderungen
Napoleons erfüllen zu können. Preußen war nach den Freiheitskriegen
ein armes Land. Als das Rheinland wieder zu Preußen kam, da sagte
der alte Schaaffhausen in Köln: „O je, da heiraten wir in eine arme
Familie hinein.” Elsaß-Lothringen blieb französisch, vergeblich hat
Freiherr vom Stein versucht, dieses deutsche Land Deutschland wieder
zuzuführen, vergeblich war der Versuch, die einstige Westmark des
Reiches, das belgische Gebiet, dem Deutschen Reiche wiederzugewinnen.
Deutschland, Österreich und Rußland erhielten nichts anderes als ihre
alten Grenzen, England aber erhielt durch die Niederlage Napoleons die
Schlüssel der Weltherrschaft. Verständlich ist deshalb der Jubel, mit
dem Blücher empfangen wurde, verständlich, daß im Londoner Parlament
das Bild hängt, das Blücher zeigt, wie er mit seinen Truppen auf dem
Schlachtfeld von Belle-Alliance eintrifft, um den Sieg an die Fahnen
der schon halb niedergebrochenen englischen Regimenter zu knüpfen.
Denn wer wollte England die Weltherrschaft streitig machen? Frankreich
war nach den napoleonischen Kriegen zusammengebrochen und mußte jedem
imperialistischen Gedanken entsagen. An eine große französische
Flotte war nach der Schlacht von Trafalgar gar nicht zu denken.
Rußland besaß keinen Weltbeherrschungsdrang, in Deutschland sorgte
der Dualismus zwischen Österreich/Süddeutschland auf der einen und
Preußen/Norddeutschland auf der anderen Seite dafür, daß sie sich
gegenseitig die Wage hielten, und daß Zersplitterung und Kleinstaaterei
jeden Drang nach deutscher Größe und jede Anknüpfung an die alte
Hansezeit verhinderte. Dänemark, dessen Flotte England in räuberischer
Weise im Jahre 1800 hinweggeschleppt hatte, als es die unbefestigte
Stadt Kopenhagen mitten im Frieden beschoß, Holland, Spanien oder
Portugal waren Staaten zweiten oder dritten Ranges. Der Weg zur
Weltherrschaft stand England frei, und es verstand ihn auszunutzen.
Wie England dies tat, zeigt zunächst die gewaltige Entwicklung, die
sein Kolonialbesitz seit seinen Kämpfen mit Frankreich genommen
hat. Dr. Hennig hat in seinem Buche „Unser Vetter Tartuffe, oder
wie England seine Kolonien erwarb”, diese Entwicklung englischer
Kolonialherrschaft geschildert. 1763 war Kanada englisch geworden, im
Pariser Frieden fielen ihm außer Kanada noch Grenada, St. Vincent,
Dominica, Tobago und das ganze ehemalige französische Senegalgebiet zu.
Als die Franzosen unter Napoleon Holland eroberten, rächte sich England
dafür, indem es die Kapkolonie, Malakka und das westliche Sumatra den
Holländern raubte. 1796 kam Ceylon hinzu. Den Spaniern, als Frankreichs
Verbündeten, nahm es Puerto Rico und Trinidad. Wenn auch einige der
geraubten Inseln und Besitztümer zurückgegeben werden mußten, so
konnte England 1802 doch die für die Beherrschung des Weltmeeres
äußerst wichtige Insel Malta behalten. 1809 wurde Martinique, das
vorher zurückgegeben worden war, von neuem besetzt, Guadeloupe, Ile de
France, die Seychellen folgten. Helgoland, das Kaiser Wilhelms weise
Voraussicht uns wieder zuführte, wurde 1808 den Dänen entrissen.
Als Frankreich durch Napoleons Niederlage aus der Rivalität mit
England ausschied, begannen die Unternehmungen in Ostindien, 1826
war ein zusammenhängendes Gebiet von 3 Millionen Quadratkilometern
in Ostindien in englischem Besitz. Bald darauf ging es in seinen
Eroberungszügen gegen Hinterindien vor. Australien wurde gegen 1830
England einverleibt. Es folgten der Kampf um Englands Einfluß in
Persien und Afghanistan, der Opiumkrieg mit China, der unmoralischste
Krieg, den die Welt je gesehen hat, in dem an England im Frieden
von Nanking die Insel Hongkong und im Frieden 1860 weitere Gebiete
fielen. -- In Afrika wurde Aden 1839 genommen. Der Suezkanal, den Lord
Palmerston zunächst als das größte Schwindelunternehmen des ganzen
Jahrhunderts kennzeichnete, wurde unter englischen Einfluß gestellt,
in Südafrika die Buren von einem Treck zum anderen getrieben, bis sie
zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Transvaal und der Oranjerepublik
sich unabhängige Gebiete sichern konnten, aber nur so lange, bis die
Gold- und Diamantenfunde die englische Raubsucht erweckten und zur
Niederringung der Freiheit auch dieser Staaten und zu südafrikanischen
Kolonien unter des Spaniers Botha unterwürfiger Herrschaft führten.
Von Süden und Norden drang englische Eroberungssucht vor. Frankreich
mußte in Faschoda erkennen, was es heißt, England auf diesem Wege
entgegenzutreten. Zypern wurde als Belohnung für die Neutralität im
Russisch-Türkischen Krieg 1878 eingesteckt, 1882 wurde das englische
Protektorat über Ägypten mit einer Scheinfreiheit des Khediven und
einer Scheinoberhoheit des Sultans errichtet. Im Sudan drang man
weiter vor. Wituland und Sansibar ließ man sich von Deutschland im
Sansibarvertrag abtreten. Durch Uganda wurde 1899 der Zusammenhang
des britischen Reiches in Nordafrika sichergestellt, der große
imperialistische Traum von Cecil Rhodes einer Bahn von Kapstadt nach
Kairo nur durch englisches Gebiet näherte sich seiner Verwirklichung,
nur Deutsch-Ostafrika lag dazwischen. In Asien wurde schließlich die
wichtige Bucht von Wei-hai-wei erworben, mit Rußland verständigte
man sich über die Interessensphäre in Persien, der unter deutschem
Einfluß stehenden Bagdadbahn suchte man das wichtigste Schlußstück
englischerseits zu versperren, und so sah die Welt, als das 19.
Jahrhundert seinem Ende sich zuneigte, ein ungemessenes englisches
Kolonialreich in allen Erdteilen; Kanada und Indien, Australien,
Kapland, Ägypten und die wertvollsten Inseln der Erde waren in den
Händen von England, seine Flotte die größte der Welt, die Meeresstraßen
unter seiner Kontrolle, seine Handelsflotte unerreicht, sein Welthandel
an der Spitze aller Völker, sein Wort das wichtigste auf allen
Konferenzen, die über politische Geltung entschieden. So stand es im
wesentlichen schon da, als das junge Deutsche Reich erst in seine
Erscheinung trat.
Was aus diesem jungen Deutschen Reiche geworden ist in den 44 Jahren
seit seiner Begründung, das ist es, was Englands Haß und Eifersucht
erweckte, was es veranlaßte, seinen ganzen Einfluß gegen Deutschland
zu wenden, und was es auch veranlaßte, den wirtschaftlichen Kampf
gegen Deutschland schon früher als in diesem Kriege zu beginnen. Drei
Faktoren waren es, die Englands Argwohn erregten: die Entwicklung einer
deutschen Kolonialpolitik, die Entwicklung einer deutschen Flotte,
drittens aber und vor allem die Entwicklung der deutschen Industrie und
des deutschen Welthandels.
Unser deutscher Kolonialbesitz sollte an sich, wie man wohl annehmen
könnte, keine Veranlassung zur Eifersucht geben. Wir sind erst spät
eingetreten in die Kolonialentwicklung der Völker. Alte Tradition
wies uns zwar darauf hin; der große Ahnherr Kaiser Wilhelms II.,
der unserem jetzigen Herrscher innerlich wohl auch am meisten vor
Augen schwebt, der Große Kurfürst, hatte versucht, Kolonialpolitik
zu treiben, Emden zu einem großen Handelshafen zu machen und die
brandenburgisch-preußische Handelsflagge auch in fernen Ozeanen
aufzupflanzen. Nur wenig geschichtliche Erinnerung ist uns davon
geblieben, die Meeresgeltung hatte man wohl gesehen zu den Zeiten
der Hansa und des Stahlhofes in London, in den Niederlassungen der
deutschen Handelshäuser in Genua und Venedig. Das alles war später
zugrunde gegangen, als mit dem brudermörderischen Dreißigjährigen Krieg
Deutschlands Wohlstand dahinsank. Seitdem war bis in die Mitte des 19.
Jahrhunderts der deutsche Handel vor allen Dingen auf die Befriedigung
des eigenen Bedarfes im inneren Wirtschaftsgebiet angewiesen.
Noch 1850 hatte der ganze auswärtige Handel Deutschlands nur eine
Milliarde Mark betragen. Zwar bedeutete der Deutsche Zollverein eine
Tat, und die Tage, an denen zuerst die Zollgrenzen in Deutschland
fielen, haben der Entwicklung des deutschen Wirtschaftslebens neue
Bahnen gewiesen, aber vermessen wäre es wohl erschienen, an eine
weltwirtschaftliche Stellung Preußen-Deutschlands damals zu denken.
Die Gedanken eines Friedrich _List_, der mit geradezu prophetischem
Seherblick Deutschlands Bestimmung zur Welthandelsmacht erkannte und
bis zum Ende seines Lebens den geistigen Wirtschaftskampf Deutschlands
gegen England führen wollte, eilten den Taten seiner Zeit voraus.
Wohl weisen die Werke Rheinland-Westfalens den Weg für eine gewisse
Emanzipation des inneren Marktes von der englischen Werkstatt der
Welt, aber auch wirtschaftlich gilt zunächst Dingelstedts entsagendes
Wort: „Uneins zu Haus, nach außen klein.” Das alles wird anders
mit der Gründung des Reiches und den dadurch geweckten Kräften.
Auch Bismarck sah Deutschlands Bestimmung vor allem in seiner
kontinentalen Macht und sprach sich noch 1871 scharf gegen den Erwerb
von Kolonien aus. Trotzdem zeigt die Schwenkung, welche die deutsche
Wirtschaftspolitik im Jahre 1879 machte, schon die Anfänge einer
Politik, welche bewußt darauf hinarbeitete, der deutschen Industrie
die Unabhängigkeit vom Ausland, namentlich aber von England zu
schaffen und zugleich den Wettbewerb nach außen aufzunehmen, ohne sich
dabei aber einseitig auf exportindustrielle Entwicklung zu stützen,
vielmehr unter bewußtem und folgerichtig durchgeführtem Schutz der
landwirtschaftlichen Entwicklung. Als deutscher Unternehmungsgeist in
Südwestafrika vordringt, hält Bismarck seine schützende starke Hand
über Lüderitz und Dr. Carl Peters, trotz Gladstones sauertöpfender
freundnachbarlicher Abmahnung, und schafft uns damit Deutsch-Ostafrika
und Deutsch-Südwestafrika.
Die weitere Entwicklung unserer kolonialen Unternehmungen ist bekannt.
Zusammenhanglos war unser afrikanischer Besitz, vier Gebiete, nicht
verbunden, jedes eine andere Eigenart, dazu der wenig wertvolle
Besitz im Südseearchipel, lediglich in den Samoainseln die Gewähr
einer gewissen Entwicklung in sich bergend, und hierzu noch der Platz
an der ostasiatischen Sonne, Kiautschou, das uns Fürst Bülow erwarb.
Über 20 Jahre hindurch ist die Entwicklung der deutschen Kolonien auch
wirtschaftlich eine ziemlich sterile gewesen. Erst die Dernburgsche
Ära hat dem deutschen Volke den Kolonialgedanken nähergebracht und
vor allen Dingen auf die wichtige wirtschaftliche Bedeutung der
deutschen Kolonien, vor allem hinsichtlich der mangelhaften deutschen
Rohstoffversorgung, hingewiesen. Ein frischer Zug ging seitdem durch
unsere koloniale Entwicklung, namentlich auch in ihrer Erschließung
durch Eisenbahnen, und die zielbewußte Arbeit unserer Kolonialpolitik
kommt in den 682 Millionen des Gesamthandels unserer Kolonien im
Jahre 1913 zum Ausdruck. Nur ein kleiner Prozentsatz des deutschen
Welthandels war es, was der Handel der Kolonien mit Deutschland
ausmachte, nur wenig Stützpunkte für die Fundierung der deutschen
Ausfuhr, für die Versorgung mit den unentbehrlichen Rohstoffen, nur
geringe Absatzgebiete für die deutsche Industrie, von der immer größere
Arbeitermassen abhängig wurden. Dabei ohne Schutz einer starken
deutschen Flotte, nur mit einem allerdings jährlich sich verringernden
Zuschuß aus dem deutschen Staatssäckel zu erhalten, alles in allem
kein großer Wert gegenüber dem englischen Kolonialbesitz, mehr
Zukunftshoffnungen, deren Erfüllung allen, die fest und mit Freudigkeit
an die deutsche Kolonialpolitik glaubten, zwar sicher erschien, die
aber keinen Gegenstand des Neides für ein Volk bieten konnten, das
in einem Kolonialbesitz von über 30 Millionen Quadratkilometer mit
einer Bevölkerung von etwa 400 Millionen Menschen über den größten
Kolonialbesitz der Welt gebot.
Trotzdem sahen wir die Geschichte der neuesten Zeit erfüllt von
dem heftigsten Widerstreben Englands gegen diesen Besitz und seine
Entwicklung. Wenn irgendwo ein Gerücht auftauchte, daß Deutschland
eine Kohlenstation oder einen Flottenstützpunkt erwerben oder seinen
Kolonialbesitz vergrößern wolle, wurde die öffentliche Meinung in
England aufgepeitscht. Wie fanden sich alle die Verbündeten von 1914
schon früher zusammen, wenn Deutschland versuchte, in Marokko festen
Fuß zu fassen, oder davon gesprochen wurde, daß bei der Liquidierung
des portugiesischen Kolonialbesitzes auch Deutschland entscheidend
mitbeteiligt sein müsse, wenn irgendwo von der Erwerbung belgischen
Kongogebietes durch Deutschland die Rede war oder der deutsche
Botschafter in Konstantinopel darauf hinwies, daß in Kleinasien auch
Lebensinteressen des deutschen Volkes zur Frage ständen. Die Konferenz
von Algeciras zeigte ebenso wie die letzte Marokkokrisis, daß England
gewillt war, jede Weiterentwicklung Deutschlands auf diesem Gebiete als
Kriegsfall zu betrachten. Das hörte man heraus aus den Reden englischer
Minister, die mit dem Munde die deutsche Flotte in 48 Stunden
vernichten wollten; dies trat schon früher in den Tischreden englischer
Minister zutage, die man sich im Deutschen Reichstag mit Recht verbat.
Nur nach einer Richtung hin konnte man Englands Unwillen verstehen: in
bezug auf Ostafrika, das wie ein Keil zwischen dem Nord- und Südafrika
Englands lag, das es unmöglich machte, die Bahn Kapstadt-Kairo nur
durch englisches Gebiet zu führen. Trotzdem ist der Widerstand
Englands seit den ersten Worten Gladstones gegen die deutsche
Kolonialpolitik bis in die Gegenwart der deutschen kolonialen Tätigkeit
nur zu verstehen unter der Voraussetzung, daß England ein Monopol
der Beherrschung der Welt für sich in Anspruch nimmt, daß es diese
Beherrschung als von Gott gewollt ansieht und das Herrscherrecht zu
haben glaubt.
Die Entwicklung der deutschen Flotte war der zweite Faktor, der England
den künftigen Kampf gegen Deutschland als Lebensaufgabe Englands
ansehen ließ. Mit dem Auge auf die englische Flotte ist, wie Bülow
in seinen Ausführungen zum Kaiser-Jubiläum darlegte, die deutsche
Flotte gebaut worden, ebenso aber mit dem Auge auf die deutsche, die
englische Flotte. Der Zweimächte-Standard Englands ist unter diesem
Gesichtspunkte zu verstehen, die Notwendigkeit, den deutschen Handel
durch eine deutsche Flotte stark zu schützen, wurde von England nicht
anerkannt, die deutsche Flotte als Luxus hingestellt gegenüber der
englischen, die für England eine Lebensnotwendigkeit sei. Und so wurde
mit allen Dreadnoughts, die in Deutschland vom Stapel liefen, Englands
Mißwollen verstärkt.
Wie Englands Neid auf jede neben ihm emporkommende Seemacht schon
früher eingeschätzt wurde, das läßt sich an Beispielen aus der
Geschichte vielfältig beweisen. Wie schon erwähnt, weist Fürst Bülow
in seinen Ausführungen über auswärtige Politik darauf hin, daß schon
zu Ludwigs XIV. Zeiten von der englischen Regierung ein von Frankreich
angebotenes Bündnis, im Hinblick auf die Absicht Frankreichs, sich eine
Flotte zu bauen, abgelehnt wurde. Als Friedrich Wilhelm III. nach den
Freiheitskriegen in England weilte und ihm der König von England eine
kleine Schaluppe zum Geschenk machte, erwiderte König Friedrich Wilhelm
III.: „Hoffentlich wird England nicht neidisch werden auf meine
Flotte.” Eine Anekdote nur, jedoch kennzeichnend für die Auffassung,
die man auch zu jener Zeit von Englands Empfindungen hatte. Bedeutsam
mit dieser Bezeichnung sind jedoch vor allem die Ausführungen, welche
der bekannte Leipziger Nationalökonom Dr. Roscher zu einer Zeit machte,
als das Deutsche Reich im Jahre 1881 erst 39 Millionen Mark für seine
Flotte (431 Millionen Mark im Jahre 1913) ausgab. In der ersten
Auflage seiner „Nationalökonomie des Handels und Gewerbefleißes” sagt
er im § 12 über den Handelsstand: „Es ist immer ein verhängnisvoller
Wendepunkt, wo die tonangebende Landmacht anfängt, dem ersten
Handelsstaate auch zur See gleichzukommen.” In einer Anmerkung gibt er
in seiner inhaltsvollen Kürze drei weltgeschichtliche Belege für diesen
Satz: „Sparta im Peloponnesischen Kriege, Zeit 424, Rom, Zeit Duilius,
Frankreich, Zeit Colbert.” Wir könnten heute hinzufügen: „Deutschland,
Zeit Kaiser Wilhelm II.”
Diese Frage des Flottengegensatzes, auf die hier nicht näher
eingegangen werden soll, liegt auf politischem Gebiete. Der
hauptsächlichste Beweggrund zu Englands Handeln aber war die
Entwicklung der deutschen Industrie und des deutschen Welthandels.
Statt einer langatmigen Darstellung der Entwicklung des beiderseitigen
Anteils am Welthandel seien einzelne Ziffern genannt, die erkennen
lassen, wie grundlegend sich auf diesem Gebiete die Verhältnisse seit
der Reichsgründung verschoben haben. Die Bevölkerung Englands stieg
seit der Reichsgründung von 31,5 auf 45,6 Millionen, die des Deutschen
Reiches von 40,9 auf 66 Millionen. Nicht nur die absolute, auch die
relative Zunahme der Bevölkerung hat im Deutschen Reiche England weit
übertroffen. Im Gegensatz zu England ist es dabei einer verständigen
Wirtschaftspolitik in Deutschland gelungen, neben einer mächtig sich
entwickelnden Industrie und einem gewaltig anwachsenden Welthandel,
sich auch eine starke Landwirtschaft zu erhalten, die, wenn auch ihr
relativer Anteil an der gesamten Bevölkerung zurückgegangen ist, es
doch verstand, auf den im wesentlichen sich gleichbleibenden Boden
eine gewaltige Steigerung der Erzeugung von Körnerfrüchten, allein
in den letzten 25 Jahren um über 80 % herbeizuführen und gleichzeitig
die Viehhaltung quantitativ und qualitativ in ungewöhnlicher Weise zu
verstärken. Die Kaufkraft der deutschen Landwirtschaft, die namentlich
durch die letzten Zollverträge gestärkt wurde, war die sichere
Unterlage, auf der die deutsche Industrie sich aufbauen konnte. Die
Entwicklung war nicht nur auf den Export eingestellt, sondern in
denjenigen Jahren, in denen stürmische Schwankungen die Weltkonjunktur
niederhielten und manches Land aus dem Gleichgewicht brachten, wurde
bei uns dieses Gleichgewicht erhalten. Schon darin lag eine Stärke
Deutschlands gegenüber England, die sich beispielsweise auch bei den
gewaltigen Konjunkturrückschlägen des Jahres 1907 darin zeigte, daß
nach den gleichzeitigen Ermittlungen der englischen und deutschen
Gewerkschaften in England die Zahl der Arbeitslosen eine bedeutend
größere war als in Deutschland.
Nicht weniger aber ist vor allen Dingen die deutsche Industrie als
solche in die Höhe gekommen, seitdem einmal eine verständige, maßvolle
Schutzzollbewegung ihr die Möglichkeit technischen Fortschrittes
in ausgiebigstem Maße gab (Bergbau, Eisenerzeugung), und seitdem
andererseits das innige Bündnis zwischen Wissenschaft, Technik und
kaufmännischen Fähigkeiten und einer steigenden Arbeitsintensität
auf dem Gebiete der Chemie und der Elektrotechnik geradezu Monopole
für Deutschland schuf, während bei vielen anderen Warengattungen
die Überlegenheit des deutschen Fabrikanten in bezug auf dessen
Anpassungsfähigkeit an fremde Bedürfnisse, seine Sprachenkenntnisse,
seine Reisetätigkeit, die Schaffung stets neuer Muster, seine
sorgfältige Ausführung auch kleiner und kleinster Aufträge und sein
Grundsatz, den Kunden an sich heranzuziehen, statt auf ihn zu warten,
zu jenem gewaltigen Aufschwunge verhalf, der Deutschland auf diesem
Gebiete das in konservativen Geschäftsgrundsätzen wandelnde England
überholen ließ. Um das Siebenfache ist seit Gründung des Reiches
die Erzeugung der Stein- und Braunkohle gewachsen. In Roheisen und
Eisenerzen stieg vom Jahre 1885 auf 1912 die Erzeugung um 384,5 %
gegenüber einer Steigerung in England um 28,5 %. Noch im Jahre 1900 war
die Differenz zwischen der deutschen Stahlerzeugung und der englischen
nur etwa 1½ Millionen Tonnen, im Jahre 1912 war diese Differenz auf
etwa 11 Millionen Tonnen gestiegen. In absoluten Ziffern gemessen,
betrug 1913 die Produktion von Roheisen in Deutschland 19309172 ~t~
gegen 10646838 ~t~ in England, die Produktion von Stahl 18935000 ~t~
gegen 7700000 ~t~ in England. Der Kupferverbrauch, ein Grundpfeiler
namentlich auch für die elektrotechnische Industrie, stieg in den
letzten zehn Jahren um 359 % in Deutschland und 87 % in England. Die
elektrotechnische Industrie überragt in ihrer gesamten Erzeugung die
englische beinahe um das Dreifache. In der deutschen chemischen
Industrie, die in den letzten 25 Jahren die Zahl der Arbeiter mehr
als verdoppelt hat, zeigt sich die weltbeherrschende Stellung gerade
in diesem Kriege, wo England selbst unter der Nichtzufuhr deutscher
chemischer Produkte auf das empfindlichste leidet und mit gewaltigen
Arbeiterentlassungen die Tatsache der Nichtversorgung des heimischen
Marktes quittieren muß, und die amerikanische Baumwollausfuhr nach
Deutschland durchgesetzt wurde, weil Amerika ohne die deutschen
chemischen Erzeugnisse seine eigenen Textilwerke nicht aufrechtzuhalten
vermochte.
In den Ziffern des deutschen Gesamtaußenhandels kommt diese Steigerung
deutlich zum Ausdruck. Noch im Jahre 1887 war England in seinem
Export Deutschland um etwa 50 % überlegen (4533 Millionen gegenüber
2937 Millionen Mark). Im Jahre 1912 war diese Differenz auf etwa 10 %
gesunken (9943 Millionen Mark auf englischer gegenüber 8956 Millionen
Mark auf deutscher Seite). Nehmen wir den gesamten Welthandel, so sehen
wir im Spezialhandel der Völker, daß seit 1887 Englands Anteil um 113 %,
derjenige der Vereinigten Staaten von Nordamerika um 173 %, der deutsche
um 225 % gestiegen ist. Allein in den Jahren 1901-1911 ist die deutsche
Ausfuhr von Fabrikaten um 93,2 % gegenüber 62,3 % bei Großbritannien
gestiegen. Noch führt England im Welthandel der Völker mit einer
Gesamtziffer des Gesamthandels von 24,2 Milliarden Mark, ihm folgt dann
an zweiter Stelle mit einem Gesamtaußenhandel von etwa 22,5 Milliarden
Mark Deutschland, an dritter Stelle folgen die Vereinigten Staaten mit
etwa 17,9, an vierter Stelle Frankreich mit 12,46 Milliarden Mark. Von
Einzelheiten sei hier erwähnt die deutsche Maschinenausfuhr, die 1913
678 Millionen Mark wertete gegen 674 Millionen Mark in England, während
dieselben Ziffern im Jahre 1900 noch 183 Millionen für Deutschland
gegenüber 401 Millionen Mark in England betrugen. In 14 Jahren also
für Deutschland eine Steigerung um mehr als das 3½fache, in England
nur um mehr als die Hälfte! Denkt man an die Zeit, in welcher Englands
Welthandel denjenigen Deutschlands um das Doppelte überragte, und nimmt
man an, daß es Deutschland gelungen wäre, diesen relativen Aufschwung
aufrechtzuerhalten, den es bisher aufweisen konnte, so konnte man
allerdings erwarten, daß eine Zeit kommen würde, welche überhaupt nicht
mehr England, sondern Deutschland an der Spitze des Welthandels aller
Völker sehen würde.
Die gewaltige Entwicklung, die sich in diesen Ziffern zeigt, tritt auch
zutage in der Entwicklung der Handelsmarine. Zwar ist hier Englands
Vorsprung ein ganz anderer wie auf dem Gebiet des Welthandels an sich.
Noch ist es der große Weltverfrachter, und wenn auch allein in den
letzten zehn Jahren der Raumgehalt der deutschen Seeschiffe um 111,4 %
stieg gegenüber 39 % bei England, so ist dieses doch in der absoluten
Ziffer der deutschen weit überlegen. Von 1416300 Registertonnen
stieg in den letzten 20 Jahren der Nettoraumgehalt der deutschen
Seeschiffe auf 2994200 Registertonnen, während in der gleichen Zeit
der Nettoraumgehalt der englischen Seeschiffe von 8933500 auf 12415800
Registertonnen stieg. Allerdings muß man dem gegenüberhalten, daß der
Anteil Englands an der Welthandelsmarine in dem gleichen Zeitraum von
46,8 % auf 42,6 % gesunken ist, während gleichzeitig Deutschlands Anteil
von 7,4 auf 10,3 % gestiegen ist. In der amtlichen Denkschrift zur
Begründung der deutschen Flottenvorlage ist zuerst, vielleicht damals
mit allzu großer Deutlichkeit, auf diese Entwicklung der deutschen
Seeinteressen hingewiesen worden. Auch hier sah England Deutschland
als Rivalen neben sich, sah, wie Hamburg mit London und Liverpool
wetteiferte, mußte vor allem erleben, daß die beiden führenden großen
deutschen Schiffahrtsgesellschaften es verstanden hatten, sich eine
Führung ohnegleichen auf dem Gebiete des Personen- und Frachtenverkehrs
nach den Vereinigten Staaten zu sichern, mußte erleben, wie der
„Imperator” und das „Vaterland” vom Stapel liefen und die größten
Schiffe der Welt unter deutscher Flagge ihren Weg sich durch die Fluten
bahnten.
Vervollständigen wir das Bild, das diese Ziffern geben, noch durch zwei
Betrachtungen. Deutschland war einstmals das Land der Auswanderung;
politische Unzufriedenheit um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat
die einen, wirtschaftliche Not auch noch nach Gründung des Reiches die
anderen über die Meere getrieben; bis auf jährlich 275000 Menschen
stieg die Zahl derjenigen, die Deutschland verließen, um sich eine
neue Heimat jenseits des großen Wassers zu begründen. In Neuyork,
in Chicago, in Milwaukee, in Cincinnati ebenso wie in Rio Grande
do Sul zeigen sich noch heute die Folgen dieser Auswanderung. Wie
anders ist das geworden! Im letzten Jahre haben noch 25000 Deutsche
ihr Heimatland verlassen, aber mehr als 12000 sind zurückgekehrt, so
daß Deutschland zu den wenigen europäischen Ländern gehört, die fast
keine internationalen Auswanderungsverluste zu verzeichnen haben,
denen es möglich ist, das, was hineinwächst in ihre Bevölkerung, auch
im eigenen Vaterlande zu ernähren; ja die große Zahl ausländischer
Wanderarbeiter zeigt, daß selbst diese wachsende Bevölkerung
Deutschlands nicht mehr in der Lage war, Deutschlands Bedarf an
Arbeitskräften zu decken, welche das Neudeutschland der Gegenwart
verlangte.
England muß demgegenüber den großen Bevölkerungsverlust decken, wozu
namentlich die Stimmung in Irland beiträgt, das unter englischer
Herrschaft zu einem entvölkerten Lande wurde. Dem Wachstum
Deutschlands, das seinen Geburtenüberschuß in den letzten Jahren als
wirtschaftlichen, militärischen und politischen Machtzuwachs buchen
konnte, stehen die 240000 Engländer gegenüber, die in den letzten
Jahren durchschnittlich England und Irland verlassen haben.
Im Volkswohlstand beider Länder kommt letzten Endes das Ergebnis zum
Ausdruck. Auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet, ist England auch
heute noch reicher als Deutschland. Seine Steuerpolitik hat bis in die
letzten Jahre hinein erlaubt, in viel größerem Maße als in Deutschland
die niedrigen Einkommen von der Steuer freizulassen. Nach dem
„Economist” wird das Gesamtvermögen Englands auf 285 Milliarden Mark,
nach Ballot dasjenige Deutschlands auf 270 Milliarden Mark geschätzt.
Wir können heute nach dem Ergebnis des Wehrbeitrages die Überzeugung
aussprechen, daß diese Schätzung Ballots zu niedrig gegriffen ist,
daß wir weit mehr Steinmann-Bucher glauben können, der Deutschlands
Volksvermögen auf 350 Milliarden Mark berechnet. Einen Vergleich geben
auch die Sparkasseneinlagen. Im Jahre 1875 kamen auf den Kopf der
Bevölkerung gemessen in Deutschland 44 Mark, auf den Kopf in England 42
Mark, im Jahre 1911 in England 103, in Deutschland 272 Mark.
Keine Sprache ist für die Engländer verständlicher als die Sprache der
kühlen, nüchternen Ziffern, und auf den Ziffern, die hier genannt sind,
beruht Englands Eifersucht und Neid.
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